Meinung

Bitte schenkt mir keine Bücher!

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Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.

20 Kommentare zu “Bitte schenkt mir keine Bücher!

  1. Frau schließt sich an – vorbehaltslos! Nur das Kochbuch, selbst mit Schürze, käme auch nicht gut an. Dann lieber und zur Not:ein Buchhandelsgutschein. Oder besser: Zusammen in die allerbeste aller Buchhandlungen pilgern und gemeinsam stöbern, aussuchen, hereinlesen und zwischendurch bei einem Kaffee die Beute anschauen. – Deinen Text werde ich nun auf Wunschzettelgröße an meine Lieben weiterverteilen, damit sie Weihnachten – und zu Geburtstagen und anderen Gelegenheiten – nicht so enttäuscht sind, wenn ich nicht gar so fröhlich auf das unfassbare Buch schaue :-).
    Viele Grüße, Claudia

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  2. Würde dir gern widersprechen, weil ich Büchergeschenke gut und wichtig finde. Und weil ich noch zu denen gehöre, die sich über Bücher ganz echt freuen können. Oft inspiriert gerade eine unerwartete Überraschung mich sehr zum Lesen 😉

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    • Kann dir nur zustimmen 🙂
      Zwei meiner ganz engen Freundinnen haben mir einfach mal 10 Bücher meiner Leseliste geschenkt und ich war so begeistert und habe mich so gefreut 🙂
      Klar hätte ich das ein oder andere Buch in ner anderen Ausgabe lieber gehabt, aber das sind nur Kleinigkeiten. Wenn ich die andere Ausgabe wirklich noch haben will, dann besorge ich mir dir hald noch 🙂

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  3. So isses. Kann man aber Nicht-Lesenden kaum vermitteln. Ich habe es schon mit Wunschlisten – hinterlegt beim bösen A.- probiert, das hat ganz gut funktioniert, weil dann die Schenkenden – so wie es sich gehört – in die örtliche Buchhandlung marschiert sind und den Titel dort bestellt haben. Hat aber auch bei einigen für Missstimmung gesorgt, weil sie glaubten, mindestens ebenso gut wie ich zu wissen, was denn ein Buch für mich sein könne…

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  4. Ich finde, es kommt darauf an, wie gut man einander kennt – und ob man offen für Neues ist. Buchwunschlisten abarbeiten ist ja im Prinzip kaum besser als ein Gutschein. Manchmal lese ich aber ein Buch und denke dabei ständig daran, wie sehr es Person XY gefallen oder gar bereichern würde. Und manchmal stimmt das sogar auch. Mindestens genauso häufig verstaubt das Buch leider im Regal, sei es, weil XY nicht über den Tellerrand blicken mag – oder, weil ich meine Menschenkenntnis mal wieder mit missionarischem Eifer verwechselt habe. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Exemplare von „Unendlicher Spaß“ oder „Die Korrekturen“ bei Freunden von mir als Briefbeschwerer, Türstopper oder Spinnenzerstampfer missbraucht wurden… 😉

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      • Mein erster Murakami – „Naokos Lächeln“ – war auch ein Geschenk, das ich ansonsten womöglich nicht gelesen hätte. Andererseits: Auf ein passendes Buchgeschenk kommen vermutlich drei fürs unterste Eck im Bücherregal (das hinter der Pflanze)…

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    • Sehe ich genauso. Es kommt immer darauf an wie sehr man lesetechnisch auf einer Wellenlänge ist. Mir schenken meist nur Freunde Bücher, mit denen ich mich auch sonst über Bücher austausche weil wir den gleichen Buchgeschmack haben. Und ich bin bei deren Auswahl schon mehrmals positiv überrascht worden.

      P.S. Die Korrekturen ist ein hervorragendes, vielschichtiges Werk, ein psychologisches Meisterwerk. Aber wahrscheinlich nix für Mainstream-Leser oder Menschen die sonst nicht so viel lesen.

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  5. Ich widerspreche, zumindest teilweise!!! Gehöre nämlich selbst zu denjenigen, die Bücher verschenken und auch geschenkt bekommen. Und ja, auch ich bekomme Bücher, die ungelesen in der Flohmarktkiste landen, dies aber meist von Leute, die mich nicht gut kennen (aber auch dort gibt es manchmal Ausnahmen und die unerwartete Erweiterung des Lesehorizonts)…
    Aber diejenigen, die mich und vor allen Dingen meinen Lesegeschmack gut kennen (sei es, weil sie mich und meinen Lesegeschmack schon lange kennen oder sogar eine Zeitlang ein Bücherregal mit mir geteilt haben), schenken mir Bücher, die mir gefallen, über die ich mich freue, weil sie mir neue Autoren näher bringen oder solche, die ich mir sowieso selbst kaufen wollte. Und: Vielleser haben ja meist einen Stapel ungelesener Bücher (SuB), den erhöht das geschenkte Buch und wird dann gelesen, wenn seine Lese-Zeit gekommen ist (auch bei selbst gekauften Büchern muss ich manchmal mehrere Anläufe nehmen, weil sie grade nicht zur Stimmung passen und sie sich dann wieder auf dem SuB einfinden).
    Meine Verwandtschaft verschenkt eher selten Bücher und zumindest meine Mutter gibt zu: „Ich kenne Deinen Lesegeschmack ja nicht so.“ und lässt es dann von sich aus bleiben.
    Bislang hat über meine verschenkten Bücher niemand gemeckert, meist bekomme ich eine positive Rückmeldung, auch gerne Monate später und zumindest bei einer Person bin ich mir sehr sicher, dass ich dort die Wahrheit zu hören bekomme…
    Was Taschenbuch vs. gebundenes Buch angeht: ja, gebundene Bücher sind in Haptik und meist auch in der Optik besser (bin aus diesem Grund großer Büchergilde-Fan!), aber bei manchen Büchern reicht mir das TB bzw. ich kaufe es dann bewusst. Weil es bei denen egal ist, ob sie tagsüber durch die Gegend geschleppt und i Zug / Straßen- bzw. S-Bahn gelesen und dabei eher unansehnlich werden. Gebundene Bücher kommen mir nicht aus dem Haus, auch verleihen ist bei denen schwierig, aber das ist ein ganz anderes Thema und einen eigenen Blogeintrag wert, hm?!

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  6. Pingback: Blogbummel Dezember 2014 | buchpost

  7. Ich wage es heuer mal wieder: Ich wünsche mir ganz explizit NUR Bücher. Sieben an der Zahl. Ich hab alle genau aufgeschrieben. Und in meiner Verschwandtschaft traut sich NIEMAND, mir was anderes zu schenken als das, was in meinem Brief ans Christkind steht.

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  8. Das kommt immer auf die Wunschliste an. Mit Amazon URL auf die exakte Ausgabe und dem Hinweis hat bei mir bisher immer gut funktioniert. Aber ich kann dir nur zustimmen: Wenn dann muss es genau eine bestimmte Ausgabe sein und auf eine andere hab ich dann auch keine Lust.

    Liebe Grüße
    Tobi

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  9. Also ich bekomme gerne Bücher geschenkt, allerdings ist mir bei meinen Geburtstagsfesten und auch sonst schon öfter passiert, daß ich ein Buch, meistens eine Neuerscheinung oder ein Buch auf der dBp-Liste bekam, das ich schon hatte, meistens hatte ich mir das schon von meinem Mann gewünscht, also sage ich jetzt wenn mich jemand fragt, was ich genau will, ansonsten hört man doch immer, daß die Buchhändler so gut beraten, daß es passen sollte, aber natürlich ist es schwer bücheraffinen Menschen Bücher zu schenken, aber bei Socken und Krawatten ist das wahrscheinlich genauso schwierig, wenn man den Geschmack nicht trifft, also wäre ein Gutschein vielleicht die Lösung

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  10. Im großen Ganzen unterschreibe ich das. Aber … es gibt gute Freunde und Bekannte, die kennen mich und meinen Lesegeschmack, meine Lesevorlieben soooo gut, dass sie mir jederzeit mit einem Buch kommen dürfen, auch ohne vorherige Wunschliste. Habe da bislang noch keinen Ausfall erleben müssen. Manchmal überrascht mich meine Frau sogar mit Büchern und Autoren, von denen ich zuvor nie etwas gehört habe; Danach zählen sie häufig zu den neuen Lieblingen. Geht also auch anders, das mit Büchern beschenkt werden. lg_jochen

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  11. Das Problem sind dabei, daß man die Bücher, gerade wenn sie erst erschienen sind, möglicherweise schon hat.
    Das hat mich früher sehr geärgert. Inzwischen lege ich diese Bücher viel leichter in den „Bücherschrank“, denn ich habe mir da ja schon so viel anderes Tolles herausgeholt oder gebe sie an meine Tochter weiter.
    Umtauschen läßt es sich auch und der Büchergutschein ist auch eine tolle Alternative.
    Ansonsten lasse ich mir eigentlich gerne Bücher schenken und bekomme sie auch.
    Man kann ja auch fragen, was gewünscht wird und da ich einen breiten Geschmack habe, müßte es ja klappen.
    Bei rein philosophischen Büchern oder beispielsweise einer Shakespearre Ausgabe tut es das nicht sehr, aber ich habe schon durchaus Brauchbares geschenkt bekommen. Zuletzt eine Bob Dylan Ausgabe zum Geburtstag!

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  12. Ich habe ja sehr viele Freunde, die auch lesen, aber nicht so viel wie ich … und deshalb kriege ich seit Jahren überhaupt keine Bücher mehr geschenkt, ist auch nicht sooo schön. Aber logisch. Die wissen einfach nicht mehr, was ich alles schon habe … aber wenn ich mir explizit etwas wünsche, dann bekomme ich das auch. Auch in der Ausgabe, die ich möchte oder ich bekomme mitgeteilt, dass es das nicht mehr gibtr. Dann gibts Alternativen. Da hab ich Glück.

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  13. Ich finde es ganz schlimm, ein „Frauenbuch“ geschenkt zu bekommen! Etwas gut gemeintes, leichtes, mit Pep! und total lustig. Jaaaa, das hat man in der „Frauenliteratur“-Abteilung gefunden. Wie vielleicht die Biographie einer Frau, die entweder falsch verliebt an einem Schwangerschaftsabbruch stirbt oder die mit 29 Vice President eines Internet-Giganten ist, viel Yoga macht und Wasser trinkt und dabei großen Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legt – der Kinder wegen. Ich will keine Bücher mit dem Hinweis: „Das ist von einer Frau geschrieben!“. Ich will keine Kochbücher, keine Breviers mit Lebensweisheiten, keine Bildbände mit Babys in Blumentöpfen oder Hasenkostümen. Und bitte, bitte, keinen Pseudo-Porno-Mist, bei dem das einzig Obszöne der Kontostand des Protagonisten ist.
    Wie sieht das aus männlicher Perspektive aus? Comics, Bücher übers Grillen, „Mein Auto und ich“ und „Einhandsegeln für Anfänger“?

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