Meinung

Ich habe einen Traum

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Man wird doch wohl noch träumen dürfen. Ein wenig herumspinnen, tollkühn und mutig sein –zumindest in Gedanken. Einmal ausrufen: Ich habe einen Traum! Einmal, nur ein einziges Mal im Leben. Sich hinstellen und so beginnen. Kein Blabla, sondern mit und von Bedeutung, ein emotionaler Appell, ein Meilenstein, ein Benchmark. Ja, warum nicht einfach mal träumen?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages Blogger und das Feuilleton Hand in Hand, Seite an Seite und gemeinsam für die gleiche Sache einstehen. Für gute Literatur und gegen den Schund, für weniger aber dafür bessere Bücher. Für Geschichten, in denen man sich verlieren kann, für Bücher, die Spaß machen und Gedanken, die inspirieren. Kein Dünkel, keine Pfründe, keine Missgunst.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, irgendwann einmal alle Bücher in meinem Buchregal gelesen zu haben. Den Ulysses genauso wie den de Sade und die gesammelten Werke von Dostojevski. Einfach alles, auch das, was Woche für Woche neu dazu kommt. Einmal quer Beet, sich an der Auswahl berauschen, den guten Geschmack des Sammlers goutieren, mich noch einmal neu vermessen. Mein Damals, Gestern, Heute und Morgen. Das alles steht da aufgereiht. Das alles bin ich ich. Es ist einfach viel zu viel.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass ich eines Tages selber einen Roman schreibe. Einen, der auch mir gefällt, eine echte Top-Empfehlung auf Buchrevier. Eine Geschichte, die nicht nur Geschichte ist, mit Figuren, die nicht ich und trotzdem authentisch sind. Mit Seiten voll geschliffener Sätze, die von Bloggern mit bunten Klebezetteln markiert werden. Ein Buch, das mit einem Heißgetränk auf einer gemusterten Bettdecke fotografiert und auf Instagram gepostet wird. Mein ganzes Herzblut im Herbstprogramm. Im Frühjahr dann ‚gut erhalten‘ bei Medimops.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, wunderschön sprechen zu können. Frisch von der Leber und aufs Geratewohl. Nicht lange nachdenken, nicht zaudern, einfach sprechen. Schlaue Sätze ohne Äähs und Ööhs. Mein Gegenüber hört andächtig zu und nickt zustimmend. Mikrofone sind auf mich gerichtet. Es muss nichts geschnitten werden, kann gleich so On Air gehen. Mein Timbre macht alle Frauen verrückt. Männer können das nicht nachvollziehen.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, jung zu sein. Anfang zwanzig mit nochmal sechzig Jahren Lesezeit. Jedes Jahr noch einmal ca. 50 Bücher, macht zusammen 3000. Mehr würde ich auch im zweiten Anlauf nicht schaffen. Aber mit dem Wissen von heute, was würde ich lesen? Noch mal die selben Klassiker? Noch einmal Hesse und Kerouac? Würde ich mir noch einmal den ganzen Walser geben? Wäre ich dann schlauer oder nur auf andere Weise dumm?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages all meine Träume in Erfüllung gehen. Wäre ich dann glücklich und zufrieden? Am ultimativen Ziel endlich angelangt? Oder stünde ich nur da und hätte einfach keine Träume mehr?

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Foto: Gabriele Luger

7 Kommentare zu “Ich habe einen Traum

  1. Wir dürfen träumen und sollen es sogar. Nur der Traum von weniger, aber besseren Büchern, der gefällt mir nicht. Denn wer soll die besseren von den weniger guten und den schlechten Büchern unterscheiden? Es hat doch jede(r) seine besten Bücher und die Wahl wird von vielen Leserinnen und Lesern nicht geteilt. Besser in der Bücherflut selbst nach den Kostbarkeiten tauchen, als sich eine Auswahl bester Bücher vorsetzen lassen.

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  2. schöner Traum, schöner Prosa-Text. Du kannst das, schreiben und denken und träumen. Alle Voraussetzungen für einen Roman sind dir gegeben 🙂 Eben fand ich diesen Satz: «Ich erschaffe mir ein Morgen, ein ‹Ich›, das noch viele Morgen überstehen wird, aus den vielen Ichs, die auseinanderstieben, sich vermehren, wie Glas zerspringen, langsam in mir sterben, einfach nicht geboren werden.“ Liebe Grüße und einen traumhaften schönen Tag.

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  3. Ja, man kann und soll träumen, auch vom Nobelpreis und natürlich schreiben, lesen, Sport betreiben etcetera.
    Das mit den weniger aber besseren Bücher ist so eine Sache, denn wer soll die nicht schreiben und warum eigentlich nicht?
    Klar man kann nicht alle lesen, auch ich muß jetzt schon auswählen, was mir sehr leid tut und dann liest man halt die hundert oder auch hundertfünfzig jährlichen Bücher und läßt die anderen, die anderen lesen und mein Traum ist es auch von dem Bloggen, Lesen, Schreiben ohne Mißgunst und dazu kommt vielleicht auch noch der Wunsch, daß auch von den Bloggern das Selbstgemachte mehr gelesen, angeschaut, besprochen, markiert wird.
    Vielleicht kommt es noch dazu, weil ja jeden etwas anderes berührt und ja eigentlich wirklich jeder schreiben kann und das auch soll und darf, wenn er es will….

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