Leserbrief #14

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Lieber Takis,

keine Sorge, das hier wird keine Anklage. Ich habe nicht die Absicht, dir irgendetwas vorzuwerfen. Weder Oberflächlichkeit, fehlende Sensibilität, Holocaust-Kitsch oder sonst noch was. Ich muss zugeben, ich habe die einschlägigen Artikel zu Stella nur überflogen. Was wurde denn sonst noch so gesagt? Wie ich gesehen habe, hast du für Feedback ja sogar deine Mail-Adresse im Buch angegeben. Ich kann mir vorstellen, darüber kam noch jede Menge krudes Zeug. Dinge, über die du lieber nicht reden möchtest. Kann ich verstehen. Musst du auch nicht. 

Um eines möchte ich dich aber bitten. Nimm dir das alles nicht so zu Herzen. Menschen sind nunmal so. Sie sagen Sachen, die sie später oftmals bereuen. Selbst Intellektuelle und alle, die so tun als ob, sind da keine Ausnahme. Auch sie lassen sich beeinflussen und mitreißen. Es braucht nur ein, zwei Leute, die den Anfang machen. Die draufhauen, mit ein paar präzisen Schlägen, die sitzen und Wirkung zeigen. Und dann wird geschaut was passiert. Wie reagiert das Opfer? Wie reagieren die anderen? Kommt Applaus oder Widerstand? Ein schmaler Grat, nur ein paar Sekunden, in denen sich entscheidet, wie es weitergeht.

Ja, du hast richtig gelesen. Ich habe Opfer gesagt. Ein blöder Begriff, ich weiß. Keiner will das sein, aber in der Rolle befindest du dich nunmal. Denn es passiert gerade etwas mit dir, oder besser gesagt: Es wird etwas mit dir gemacht, was du aktiv kaum noch beeinflussen kannst. Alles was dir bleibt, ist, es geschehen zu lassen, kopfschüttelnd und mit offenem Mund zuzuschauen, wie es sich entwickelt und in rasendem Tempo immer krasser wird. Du hast gemerkt, jetzt trauen sich auch die Mitläufer aus der Deckung; der Ton wird schärfer, die Anschuldigungen härter, verletzender. Hier und da ergreift mal einer Partei für dich, stellt sich gegen den Strom. Aber dann stellst du fest, dass er gar nicht auf deiner Seite ist, sondern nur die Aufmerksamkeit ausnutzt, um sich selbst in Szene zu setzen, Anschuldigungen entkräftet, um neue, eigene Vorwürfe in die Debatte einzubringen.

Für den Abverkauf des Titels ist so eine Skandal-Debatte natürlich optimal. Ich nehme an, Stella ist bereits Top-Seller in den Läden. Aber das wird dich nicht sonderlich trösten. Hast das Buch ja sicherlich nicht geschrieben, um damit Geld zu verdienen. Hauptsächlich geht es beim Schreiben ja um andere Dinge. Was genau dein Antrieb ist, weiß ich nicht. Vielleicht ja, ein berühmter Bestseller-Autor zu sein, dessen Stimme Gewicht hat, der geehrt und geachtet wird. Und nun? Jetzt kennt man dich als den Autor, der seicht, oberflächlich und seinem Thema intellektuell nicht gewachsen ist und infolgedessen ein laut Expertenmeinung schlechtes Buch geschrieben hat.

Aber hast du das wirklich? Ich habe Stella gelesen und bin nicht der Meinung, dass das Buch  schlecht ist. Ich würde vielmehr sagen, es ist zeitgemäß. Vergessen wir mal das Feuilleton und seine Online-Ableger mit all den akademischen Ansprüchen. Mir und den meisten Lesern ist es vollkommen egal, ob deine Protagonistin in allen Punkten der historischen Figur entspricht. Geschenkt auch, dass es irgendwo im ‚Antiquariat der Ladenhüter‘ einen längst vergessenen Roman gibt, der das Leben und Wirken der Stella Goldschlag wesentlich umfassender und facettenreicher dargestellt. Was mich interessiert ist, ob ich dir die Figur abkaufe, mir das Denken und Tun der Protagonisten plausibel erscheint, ich die Tragik dahinter erkenne und anfange, darüber nachzudenken, was jemanden zu solchen Taten veranlasst. Und ganz wichtig auch die Fragen: ob so eine Figur liebenswert dargestellt werden darf, wie man selbst reagiert hätte, damals und wie man wohl heute reagieren würde.

Das alles hast du geschafft. Auf das Wesentliche reduziert, auch sprachlich. Und trotzdem kommt alles rüber. Das Setting ist stimmig, man kann sich ohne Probleme hineinversetzen, kann mitfühlen, wird gut unterhalten. Was will man mehr? Ich verstehe den ganzen Aufstand nicht. Wer sagt eigentlich, dass Romane, die sich mit der Judenverfolgung im Dritten Reich befassen, immer schwer, epochal und ausufernd sein müssen? Solange nichts verharmlost oder in falschem Licht dargestellt wird, liegt es im freien künstlerischen Ermessen eines Autors, Dinge zusammenzufassen, Abläufe zu straffen und Nebensächliches entweder wegzulassen oder hervorzuheben. So funktioniert Literatur nunmal.

Und das ist auch damit gemeint, wenn ich sage, dein Roman ist zeitgemäß. In einer Zeit, in der sich immer weniger Menschen für Literatur und die Geschichten dahinter interessieren, ist es wichtig, zu unterhalten, die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne der noch verbliebenen Leserschaft möglichst effektiv zu nutzen und so viel Information, Stimmung und Gefühl rüberzubringen, wie es nur geht. Das hast du meiner Meinung nach perfekt gemacht. Stella ist jetzt nicht mein absolutes Lesehighlight gewesen, kein literarisches Meisterwerk, aber vollkommen ok, sprachlich gelungen, anregend und unterhaltend. Und solch einen Rant hat es echt nicht verdient. 

Also gräm dich nicht weiter und lass dir von jemandem sagen, der weiß wovon er spricht, wenn er sagt: ist der Ruf erst ruiniert, schreibt es sich völlig ungeniert.

Herzlich grüßt das Buchrevier.

3 Antworten auf „Leserbrief #14

  1. Ich habe Stella auch gelesen, auch gerne gelesen, hab schon mit Leuten über das Buch und die Kritik daran gesprochen und du bringst meine Gedanken jetzt absolut auf den Punkt. Klar, der Verlag hat massig vorgelgt mit seiner schillernden geheimnisumwitterten Kampagne und ich glaube, ein großer Teil der Kritik ist weniger Literaturkritik als literaturpolitisches Rumprollen mit Hintergründen, die wir gar nicht kennen.
    Ich fand die Ambivalenz dieser schrägen gnadenlosen, mädchenhaften, boshaften, liebesbedürftigen Frauenfigur spannend, sie funktioniert durch die Augen eines verliebten Naivlings. Ich fand es vollkommen ok, diese Geschichte zu erzählen, ohne alles schlüssig erscheinen zu lassen, ohne die Weiterentwicklung der realen Stella vorzugreifen. Manchmal muss man aushalten können, dass nicht alles einen Sinn ergibt. Und sich jetzt ernsthaft an dem käseessenden, Jazz hörenden Hedonismus-Nazi aufzuhängen, ey…

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  2. Manchmal möchte ich dich aus der Entfernung umarmen! 🙂 Danke für diesen klaren und sauber formulierten Artikel in Sachen kontroverse Buchkritik. Ich habe ein Interview auf NDR Kultur verfolgt und im Anschluss folgendes Zitat von Thomas Bauer als Lesermeinung zitiert: „Von manchen Menschen mag man angezogen und zugleich abgestoßen sein. Wer es aushält, endet nicht in Zerrissenheit und Neurose. Es geht darum, Widersprüche nicht zu applanieren, sie nicht zu „vereindeutigen“. Aber die Tendenz dazu ist offenkundig, sogar in der Kunst, die für sich reklamiert, die Polyvalenzen gepachtet zu haben.“ Klingt ziemlich hochgestochen, aber egal. Das Reclamheft über die “ Vereindeutigung der Welt und über den Verlust der Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ von Thomas Bauer, hab ich mit Genuss gelesen! Klitzekleine Buchempfehlung: “ Der Tisch“ von Ananjin Kokurin ( Pseudonym) 😉 Liebe Grüße

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  3. Ich hab das Buch nicht gelesen, aber vor kurzem Nikolas Remins „Sophies Tagebuch“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2019/01/13/sophies-tagebuch/, wo mir aufgefallen ist, daß der versteckte Jude auch am liebsten mit Uniform herumgelaufen ist, sich darum grämte, daß er nicht einrücken durfte und Hitler und sonst alles um ihn herum eigentlich für toll gehalten hat.
    Da habe ich mir gedacht, was soll das? Ist vielleicht Zufall, passt aber vielleicht auch zur Zeit, wo die Rechten Artikel schreiben, in denen sie die Nazis verharmosen, die ja auch „Guten Morgen, Danke und bitte!“ sagten und sich über die, die das anders sehen, mokieren oder sie beschimpfen!

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