Tausend letzte Bücher

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Ich kann das Ende schon sehen. Ein paar Seiten noch, ein letztes Umblättern, die finalen Sätze, das Schlusswort, der letzte Punkt. Und dann ist er da: der magischste Moment im Leben eines Viellesers. Aufstehen, das ausgelesene Buch ins Regal stellen und sich ein neues aussuchen. Für Außenstehende eine ganze einfache Handlung, zumal wenn genügend Auswahl an neuer Lektüre vorhanden ist. Doch jeder Bücherfreund weiß, welch komplexe Prozesse gerade im Kopf des vor dem Regal Stehenden ablaufen. Und nicht erst jetzt, sondern schon seit Stunden. Ganz besonders, wenn das gerade Ausgelesene nicht so recht überzeugen konnte. Dann fiebert man diesem Moment regelrecht entgegen. Kann es kaum erwarten, den Deckel über der ungeliebten Lektüre endlich und für immer zuzuklappen, um fünf Minuten später einen anderen aufzuklappen.

Aber noch ist es nicht soweit; noch ist die Entscheidung nicht getroffen. Denn man greift ja nicht irgendetwas aus dem Stapel, sondern folgt einem inneren Plan. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um den ganz persönlichen Kanon, um die nicht ganz unwichtige Frage, welcher Titel zu den maximal 3.000 Büchern, die ein Mensch im Leben zu lesen imstande ist, noch dazu kommt. Und je älter man wird, desto wichtiger und gleichzeitig schwieriger wird diese Entscheidung. Wenn es gut läuft, sind es bei mir vielleicht 1.000 Bücher, die ich in meinem Leben noch lesen werde. Eintausend Optionen auf die ultimative Lektüre, eine, die mein Leben von Grund auf verändern könnte, mir alle noch offenen Fragen beantwortet und all die Lesemühen, durchwachten Nächte, brennenden Augen, die Umzüge mit schweren Bücherkisten, die vielen investierten D-Mark, Euro und Stunden wieder aufwiegt. Das eine Buch, das mir das alles auf einen Schlag zurückzahlen würde. Mit Zins und Zinseszins, so dass ich am Ende sagen kann: Es hat sich gelohnt, die ganze Leserei.

Und so stehe ich hier und blicke auf Stapel voller Optionen. Da sind die in den letzten Wochen eingetrudelten Herbstnovitäten, der neue heiße Scheiß für fünf Tage Frankfurt und maximal acht Wochen danach. Da ist aber auch noch der Frühjahrsstapel mit mindestens fünf Titeln, die ich noch nicht geschafft habe. Werde ich jemals noch dazu kommen? Um Miami Punk wärs schade, aber das ist so ein dicker Brocken; der kostet mich mindestens drei Wochen, wenn nicht noch mehr. Und zu der darin beschriebenen Gamer-Szene habe ich weder einen Zugang noch ansatzweise Sympathie. Daher ist es fraglich, ob sich der ganze Aufwand für mich überhaupt lohnt. Was ist sonst noch vom Frühjahr übrig geblieben? Julia Rothenburg, ja vielleicht, Story klingt eigentlich ganz interessant, aber nee, kein Bock. Und da liegt auch noch Jachym Topol, so ein verschwurbelter Tscheche, den Suhrkamp als Beitrag zum diesjährigen Partnerland von Leipzig rausgebracht hat. „Ein empfindsamer Mensch“ habe ich sogar angefangen, voll motiviert, nachdem mich Martin Becker mit „Warten auf Kafka“ auf tschechische Literatur heiß gemacht hat. Aber nach zehn Seiten war ich wieder draußen. Warum? Keine Ahnung. Nicht meins.

Ach komm, vergiss das Frühjahr. Wir haben Herbst. Dieser Stapel ist noch frisch und verführerisch. Die Titel stehen im Fokus und bringen Reichweite. Köhler und Kühmel habe ich schon durch – beide Buchpreis-Longlist, beide nicht schlecht. Köhler deutlich besser, aber Kühmel kommt auf die Shortlist. Normal. Beinahe normal ist auch der mittlerweile zweite Feuilleton-Rant des Jahres auf einen Hanser-Top-Titel. Interessant zu sehen, was für eine diebische Freude die Herren Drees und Schröder am Verriss von in ihren Augen minderwertiger Ware haben. Was war noch? Ach ja, Jan-Peter Bremers junger Doktorand, ebenfalls Longlist-Titel, nett, lesenswert und ganz amüsant. Emma Braslavsky neues Werk dagegen zäh und enttäuschend. Positiv überrascht hat mich aber Tobias Wilhelm, der bei Hanser blau ein bemerkenswertes Debüt veröffentlicht hat. Da muss ich eigentlich auch noch was drüber schreiben. Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Jetzt geht es darum, das erste meiner Tausend letzten Bücher auszuwählen. Eine falsche Entscheidung und schon sind es nur noch 999 Optionen auf das ultimative Lebenslieblingsbuch.

Angesichts der schwindenden Lebens- und Lesezeit denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich die ganzen Neuerscheinungen nicht einfach beiseite lassen und die noch verbleibende Lesezeit lieber mit Backlist-Titeln und Klassikern verbringen sollte. Da ist noch so viel literarisch Bedeutendes, das ich gar nicht kenne. Ich habe Dantes „Göttliche Komödie“ noch nicht gelesen und auch noch nichts von Musil, Zweig oder Feuchtwanger. Bei mir im Regal stehen mittlerweile 90 Bände der SZ-Bibliothek, ein wunderbar ausgewählter Kanon der Gegenwartsliteratur, und davon habe ich gerade mal vier Titel gelesen. Ich kenne nichts von Botho Strauß oder Hans Magnus Enzensberger, dafür aber alles, was ihre Kinder geschrieben haben. Ist es ok, wenn man noch kein Buch von Umberto Eco, aber dafür sechs Romane von Elena Ferrante gelesen hat? Nichts von Bachmann oder Jelinek, aber zwei von Fallwickl?

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich vor dem Regal stehe, nach dem nächsten Kick Ausschau halte und voller Vorfreude zum siebten Roman von Elena Ferrante greife.

 

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Foto: Gabriele Luger

9 Antworten auf „Tausend letzte Bücher

  1. Sechs Romane von Ferrante? Das wäre für mich die Höchststrafe. (ich habe dafür Jelinek und Eco gelesen. Frau Bachmann soll einen depressiv machen. Deswegen lasse ich da die Finger weg) Ansonsten kann ich mich mit deinem Text sehr gut identifizieren. Mein Bücherhaufen nicht gelesener Bücher ist mittlerweile zu einer Bücherwand geworden. Übrigens finde ich deinen Text sehr gut geschrieben.

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  2. Ich verpasse oft bei einem wunderbaren Buch den Anschluss, was schnaufe ich da vor den Regalen, robbe von einem Stapel zum nächsten, um das eine Buch kurz anzulesen und wieder wegzulegen, um schließlich einem zweiten, dritten, vierten ebenfalls eine Chance zu geben. Also, den Topol fand ich schräg und gut. Dem Ferrante-Virus war ich auch erlegen. Und Backlist-Lesen ist sowieso der größte Hype. Achso, schau doch mal bei den Norwegern rein! Viele Grüße

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  3. Moin!
    Ja, so oder so ähnlich geht es uns wohl allen hin und wieder. Mitunter ist das Ziel ganz klar vor Augen, da weiß ich, was ich als nächstes lesen will, und manchmal treibt man von einem Regal zum nächsten, wiegt ab, denkt drüber nach, verwirft. Da kommt dann mein altbewährtes SuB-Glas zu Wort, das darf dann entscheiden. Das wählt unparteiisch, da lass ich mich dann darauf ein.

    Alles Liebe!
    Gabriela

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  4. Hallo,

    vor etwa zwei Jahren ist mir das erste Mal bewusst geworden, dass die Zeit einfach zu knapp und zu schade ist für Bücher oder ganze Genres, die mir nichts bringen als mehr oder weniger unterhaltsam totgeschlagene Zeit. Ich möchte nicht sagen, dass diese Genres generell schlecht sind, niemandem verbieten, sie zu lesen, und schaue auch auf niemanden hinunter, der es tut, aber für mich persönlich bringen sie keinen Mehrwert.

    Was ich mir noch angewöhnen muss, ist, ein Buch auch mal abzubrechen, wenn ich merke: das wird nichts mehr mit uns…

    Mikka

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  5. Ich nehme mir immer wieder Leseprojekte vor: Mal den ganzen Balzac, mal alles zu einem bestimmten Thema, usw. Und dann stehe ich vor dem Buchregal, bin unentschlossen, kippe alle Projekte um und greife zu dem, was mich am meisten anmacht. Die Qual der Wahl! Ja, die Rechnung mit den Büchern pro Lesezeit stammt von Arno Schmidt. Das hat mich irgendwie eine Zeitlang unter Druck gesetzt., Jetzt denke ich: Was soll`s, ich lese ungeplant und nur nach dem, was mir Spaß macht.

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  6. Ich sage auch, „Gut geschriebener Text!“, und wenn man eine Bücherliste hat, erspart man sich das Auswahlkribbeln und den Streß.
    Stefan Zweig „Die Welt von Gestern“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/05/06/die-welt-von-gestern/ beispielsweise, aber auch das andere, vielleicht nicht gerade die Biografien, würde ich sehr empfehlen. Da gibt es auch einen Einstiegsfilm https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/06/20/vor-der-morgenroete/ und die Bachmann natürlich und jetzt den Peter Handke, was sagen Sie übrigens zu seiner Nominierung?

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  7. Hey, versuchs mal mit Max und Mischa und die Tet-Offensive 😉 Das hat 1200 Seiten und man weiß was man hat! Da braucht’s keine anderen vielen Stapelbücher mehr 🙂

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