Rolf Lappert – Leben ist ein unregelmäßiges Verb

Die meisten Blogger mögen keine dicken Bücher. Und zwar nicht, weil sie nicht gerne viel lesen, sondern weil es so lange dauert, bis sie endlich etwas darüber schreiben können. Und je nachdem wie fordernd, kurz- oder langweilig die Lektüre ist, können das schon mal zwei Wochen oder mehr sein. Solange passiert dann nichts auf dem Blog, und schon ist man im Buchblogger-Ranking wieder ein paar Stellen nach hinten gerutscht. Und weil das keiner riskieren will, bevorzugen Bloggerinnen und Blogger eher Romane zwischen zweihundert und dreihundert Seiten.  

Vor drei Jahren habe ich für Lovelybooks mal fünf empfehlenswerte literarische Eintausender herausgesucht und in dem Beitrag mit dem Titel „Ach du dickes Buch“ geschrieben: 

„Dicke Bücher spalten ja die Gemüter. Für einige fängt das Lesevergnügen erst ab 500 Seiten an, andere empfinden derart ausufernde Lektüre als Zumutung. Ich persönlich kann beide Standpunkte nachvollziehen. Nicht jede Geschichte wird besser, wenn man sie zu einem dicken Schinken auswalzt. Manchmal hat man sogar das Gefühl, dass Marketing-Kalkül dahinter steckt. Denn wer als Autor einen Tausendseiter veröffentlicht, macht allein deswegen schon auf sich aufmerksam. Dünne Literatur können viele, dicke Literatur nur wenige. Hinzu kommt: Wenn ein Buch dick ist, ist es oftmals nicht literarisch, sondern eher unterhaltend. Also gilt die Gleichung: dick + literarisch = wertvoll.“

Wenn man mich jetzt fragen würde, ob ich Rolf Lapperts neuen, mehr als 970 Seiten dicken Roman auch zu der Liste der wertvollen Tausendseiter packen würde, müsste ich das klar verneinen. Nein, das war jetzt keine Meisterleistung, sondern eher eine Fleißarbeit. Dabei habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut, denn Lapperts letzten Roman „Über den Winter“ habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Und auch „Nach Hause schwimmen“ war ein echtes Lesehighlight. Ich mag eigentlich seine unaufgeregte Art zu schreiben, die melancholische Grundstimmung all seiner Geschichten, seine introvertierten Protagonisten.

Alles Dinge, die man auch in diesem Werk findet. Nur diesmal funktioniert es leider nicht, und das hat ganz viel mit der Länge des Romans zu tun. Der Plot ist einfach zu schwach für den Umfang, die Protagonisten zu unspannend, ihre Lethargie zunächst verständlich, dann mehr und mehr nervig und am Ende nahezu unerträglich. Vierhundert Seiten weniger und alles wäre ok gewesen. Aber so stimmt einfach das Verhältnis nicht. Lesezeit zu Lesevergnügen, Kernbotschaft zu Erkenntnisgewinn und Erzählung zu Erzählgegenstand.   

Geschildert wird die Geschichte von Ringo, Leander, Linus und Frida, die als Kinder in einer Art Hippie/Öko-Kommune auf einem abgelegenen Bauernhof im Kampstedter Bruch  aufgewachsen sind. Harte Feldarbeit bestimmt ihren Alltag, sie haben keinerlei Kontakt zur Außenwelt, kein TV, Radio oder Zeitung, keine Geburtsurkunde und natürlich auch keine Schule. Die vier Kinder hatten nur sich und die Erwachsenen auf dem Hof, von denen sie nur ahnen konnten, wer davon ihre Eltern waren. Irgendwann fliegt die Aussteiger-Idylle auf, die Behörden lösen die Kommune auf, die Alten werden verhaftet, die Kinder auseinandergerissen und bei Pflegefamilien untergebracht. Ein Trauma, das die vier Protagonisten ihr Leben lang nicht verwinden. Sie schleppen sich antriebslos durchs Leben, und wir Leser können auf 970 Seiten mitverfolgen, wie sie in ihren neuen Leben nicht klar kommen, nirgendwo Fuß fassen, Chancen nicht ergreifen, keine Liebe finden und immer wieder von der Vergangenheit eingeholt werden. 

Natürlich ist das prinzipiell ein guter Stoff für einen Roman. Und bis ungefähr zur Hälfte war ich auch voll und ganz davon überzeugt, ein wirklich grandioses Buch zu lesen. Aber als ich dann auf den letzten fünfhundert Seiten nur noch das wiederholt und bestätigt fand, was schon in der ersten Hälfte sehr ausführlich beschrieben und dargestellt wurde, stellte sich doch rasch Ernüchterung ein. Was dann folgte, war nur noch Ärger darüber, dass ich so viel Lesezeit investiert habe, gefolgt von Wut, dass ich es nicht über mich brachte, eine zur Gänze auserzählte Geschichte nach 700 gelesenen Seiten einfach abzubrechen. Als ich dann die letzte Seite mit bleischweren Augenlidern endlich hinter mich gebracht hatte, war die Wut längst verflogen und ich hatte nur noch ein mitleidiges Schulterzucken für einen Autor übrig, der kein Ende findet und von dem ich vorerst kein Buch mehr lesen werde. 

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
974 Seiten, 32,00 €

2 Kommentare

  1. Puh, das klingt wirklich nach einer gespaltenen Leseerfahrung! Ich persönlich habe nichts gegen dicke Bücher, wobei ich tatsächlich bei den fast 90 ungelesenen Büchern auf meiner Kommode gegenrechne wie viele Bücher ich in der Zeit eines dicken Wälzers weglesen könnte. Aber dann muss ein dickes Buch auch dicke gut sein. Nur weiß mans vorher ja nicht. Der Plot deines vorgestellten Buchs macht tatsächlich Lust darauf die Geschichte zu verfolgen, aber Wiederholungen braucht ja nun wirklich niemand…

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  2. Dicke Schmöker sind wirklich ein zweischneidiges Schwert. Zum einen hat man natürlich mehr Lesespaß und meist ist die Buchwelt auch deutlich weiter ausgearbeitet als bei kürzeren Romanen. Zum anderen läuft man natürlich in Gefahr, dass sich die Story am Ende wie Kaugummi zieht. Das scheint ja leider bei diesem Buch der Fall gewesen zu sein. Schade, denn die Story an sich klingt echt gut. Aber da wäre wohl weniger mehr gewesen.

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