David Wagner – Leben

Wer viel liest und sich für Literatur interessiert, hat bestimmt schon mal davon geträumt, selber ein Buch zu schreiben. Keinen belanglosen Unterhaltungsschinken, sondern ein richtiges literarisches Meisterwerk. Ein Buch, das nicht nach einem Jahr auf dem Grabbeltisch landet und nach zwei Jahren schon ausgemustert ist. Etwas für kommende Generationen, was noch da ist, wenn man selbst schon nicht mehr ist. So ein Buch wie David Wagners „Leben“.

Ja, genau so muss es sein. Ein wahrer Literaturgenuss. Bei dem jedes Wort, jeder Satz perfekt sitzt. Mit einem wunderbaren Spannungsbogen, der von der ersten bis zur letzten Seite nicht abreißt. Obwohl eigentlich gar nicht viel passiert. Krankenhausalltag: „Morgens, mittags, abends, nachts. Tagschwester, Nachschwester. Visite, Bereitschaftsarzt. Frühstück, Mittagessen, Abendessen, sonnabends Eintopf, sonntags keine Visite.“

Dazwischen tausend Gedanken. Das, was Menschen durch den Kopf geht, wenn ihnen langweilig ist. Wenn sie an einem trostlosen Ort gefesselt sind. Wenn sie stundenlang auf eine bestimmte Stelle Krankenhaus-Linoleum starren. Wenn der Körper Probleme macht, das eigene Leben seine Selbstverständlichkeit verliert. Ich kenne nur wenige Autoren, die den berühmten „stream of consciousness“ so gekonnt, spannend und zugleich so poetisch zu einem Handlungsstrang formen können. Und dabei auch noch uneitel und authentisch rüberkommen. Und trotz der Thematik nicht mitleidsheischend ins dramatisch Kitschige abdriften. Und alle Fakten gut recherchiert haben. Und sich bei allem eine gewisse Coolness bewahren. Und überhaupt…

Ich bin einfach begeistert. Fünf Sterne für dieses Meisterwerk.

Gelesen: Mai 2013

Bodo Kirchhoff – Liebe in groben Zügen

Es hat etwas gedauert, bis mich dieses Werk gepackt hat. Knapp hundert Seiten hab ich gehadert, gefremdelt mit der Lesestimmung, der Sprache, den Protagonisten. Ich hab mich gefragt, was diese Nebenhandlung mit Franz von Assisi soll. Warum Kirchhoff nicht mal einen Punkt machen kann. Oder auch mal Anführungszeichen bei wörtlicher Rede.

Aufgesetzt und krampfhaft um einen literarischen Anspruch bemüht – so lautete schon mein vorschnelles Urteil. Irgendwie hab ich trotzdem weitergelesen, teils aus Langeweile, teils weil sich grad nichts anderes anbot, vielleicht auch um mein vernichtendes Urteil zu festigen. Und dann – urplötzlich war ich drin. Auf einmal machte alles Sinn.

Wer braucht schon Anführungszeichen? Niemand! Und ja, warum eigentlich nicht mal wieder Bandwurmsätze? Wenn sie so grandios konstruiert sind wie Kirchhoff es tut, macht es beinahe Spaß, sich darin zu verlieren. Und natürlich – ohne die Nebenhandlung mit dem heiligen Franz würde dem Buch etwas fehlen. Eine angenehme Lesestimmung stellt sich ein, man liest und liest und will gar nicht mehr aufhören. Was einem eben noch sperrig und bemüht erschien, ist auf einmal voller Leichtigkeit. Man taucht ein in die Handlung und gleitet dahin. Man ist mit dabei in Frankfurt, am Gardasee, in Kuba und Lucca. Man friert und hungert mit dem heiligen Franz. Und es stört überhaupt nicht, dass das, was Kirchhoff über die Liebe in den besten Jahren erzählt, über alte Paare, die nicht miteinander aber auch nicht ohne einander können, schon tausendmal beschrieben wurde.

Denn was dieses Buch auszeichnet ist seine Sprachmelodie. Beinahe jeder Satz ein Kunstwerk. Eigentlich viel zu schade, um es leise für sich allein zu lesen. Die Liebe in groben Zügen ist ein Vorlesebuch. Eine große literarische Komposition, die einen in Sprache schwelgen lässt und am Ende traurig und nachdenklich zurücklässt. Weil die Lektüre so schön war und weil das Phänomen der Liebe letztlich auch auf über 650 Seiten wohl nur in groben Zügen beschrieben werden kann.

Gelesen: Juni 2013

Wie Frauen denken

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Eva Menasse – Quasikristalle

„Was liest Du denn da? Ein Frauenbuch?“ fragte ausgerechnet meine Frau, als sie mich zum ersten mal mit diesem pink-rot gemusterten Buch auf dem Sofa sitzen sah. Und wenn das nicht auch mein erster Gedanke gewesen wäre, als ich Titel, Autorennamen und Bucheinband vor einigen Monaten im Handel erblickte, hätte ich bestimmt widersprochen. Aber sie hat nicht Unrecht. Das Buch zielt schon eindeutig auf die weibliche Leserin. Der Titel hat etwas von der verträumten Esoterik eines „Glasperlenspiels“. Und Kristalle – ob nun quasi oder in ihrer wertvollsten Form – sind ja bekannterweise nun einmal „Girl’s – und nicht Boy’s – best friends“.

Das sind alles subjektive, oberflächliche Eindrücke. Ich erwähne das aber, weil mich dieser wunderbare Roman aufgrund von Aufmachung und Titel beinahe nicht erreicht hätte. Denn wie alle Menschen sortiere ich Produkte unwillkürlich aus. Es gibt bestimmte Buchcover, da sehe ich schon von weitem, dass es sich um trivialen Unterhaltungsschund, Fantasyromane, Krimis oder eben Frauenbücher handelt. Alles Topics, die mich normalerweise nicht interessieren. Aber genug davon. Kommen wir zum Inhalt.

Da kann ich voll in die allgemeinen Lobeshymnen mit einstimmen. Quasikristalle ist ein wunderbar konstruierter, spannender und literarisch anspruchsvoller Roman. Die verschiedenen Erzählperspektiven auf die weibliche Heldin geben dem Buch seinen ganz eigenen Charme. Es hat mir insgesamt sehr viel Freude gemacht, es zu lesen.

Und trotzdem – mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht. Es ist ein Frauenbuch. Aber eines, das jeder Mann mit Interesse lesen sollte. Denn wenn Männer auch nicht immer interessiert, was Frauen denken, so kann es von unschätzbaren Vorteil sein zu wissen, wie Frauen denken. Eva Menasse weiß es. Und ich jetzt auch. Zumindest ein ganz klein wenig.

Gelesen: Juli 2013

Schwere Kost

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Clemens Meyer: Im Stein

Das muss man erst mal schaffen: ein Buch über Prostitution, Nutten, Zuhälter und Freier zu schreiben und einen Mann damit zu langweilen. Clemens Meyer bekommt das hin. Mit einem sehr bemüht wirkenden literarischen Anspruch. Mit Weitschweifigkeiten, verwirrenden Assoziationsströmen, Zeitsprüngen und allerlei sonstigen literarischen Spielereien. Auf über 500 Seiten präsentiert Meyer eine durchaus anspruchsvolle Prosa, schafft es aber nicht, den Leser zu fesseln.

Einen Handlungsstrang muss man sich suchen. Nichts baut aufeinander auf. Nach jedem Kapitel beginnt man wieder von vorne. Weit und breit kein echter Protagonist zu sehen. Immer wieder denkt man, diese Person könnte es sein, die merk dir mal – da taucht sie ab und die nächsten 100 Seiten nicht mehr auf.

Das ist alles einfach nur ärgerlich. Besonders weil man merkt, hier kann einer schreiben, mit Sprache zaubern, Stimmungen erzeugen. Aber ein guter Autor muss eine Stimmung auch halten, aufbauen, weiterentwickeln können. Als Leser erwarte ich, dass man sich um mich bemüht. Oder zumindest, dass mein Bemühen um den Autor nicht größer ist als umgekehrt.

Mein Fazit: Zeitverschwendung.

Gelesen: Oktober 2013

Bret Easton Ellis – Lunar Park

 

Gibt es eine Schublade für Bret Easton Ellis? In meiner Buchhandlung steht er im Regal der jungen Pop-Literaten neben Nick Hornby und Frederic Beigbeder. Gehört er da wirklich hin? Oder müsste er nicht eher bei Houellebecq, Murakami oder Kerouac und Burroughs stehen? Mit Lunar Park hat Ellis ein Werk geschaffen, mit dem er den zweifelhaften Titel Pop-Literat endlich abstreifen und zu den ganz Großen aufschließen kann.

Der Leser bekommt Einblick in die drogenumnebelte Seelenlosigkeit eines weltberühmten Autors. Ellis himself ist der Protagonist, der es meisterhaft versteht, Autobiografisches mit Fiktion zu vermischen. Ständig fragt man sich als Leser, ist es Drogenwahn, Realitätsverlust, Selbstüberschätzung oder der Plot einer durchaus spannenden Geschichte? Man bleibt dran, liest das Buch in einem Rutsch und fühlt sich dabei merkwürdig wohl in dieser Welt, die man wohl nur mit einer gehörigen Dosis Xanax ertragen kann.

Gelesen: Dezember 2007

Hans Fallada – Jeder stirbt für sich allein

Das hatte ich schon lange nicht mehr. Beim Lesen so vereinnahmt zu werden, dass man völlig in die Handlung eintaucht, alles miterlebt und mitfühlt. Dass man sich fragt, wie man sich wohl verhalten hätte, damals im dritten Reich. Ob man wohl den Mut gehabt hätte, sich zu wehren, gegen den Stumpfsinn, die kulturlose Barbarei? Ob man es gewagt hätte, dem schreienden Nazi einfach mit der Faust ins Gesicht zu schlagen? So wie ich es mir beim Lesen tausendmal gewünscht habe – im Jahr 2011, sicher und bequem auf meinem heimischen Sofa.

Nein, das passiert einem nicht oft, dass man solch ein Buch in die Hände bekommt. Von einem begnadeten Erzähler, der einem zwar vom Namen her seit vielen Jahren bekannt ist, von dem ich aber noch nie ein Werk gelesen habe. Da müssen erst die Amerikaner kommen, mit ihrem Faible für spannende Geschichten aus der Nazizeit, damit wir Deutschen einen unserer ganz großen Autoren wieder lesen und würdigen.

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„Gedenktafel Amsterdamer Str 10 (Wedd) Elise und Otto Hampel“ by OTFW, Berlin – (own).

Auch ohne ihn zu kennen, hatte ich eine Meinung zu Fallada. Für mich war er so etwas wie der Simmel oder Konsalik der deutschen Kriegsjahre. Gepflegte Unterhaltung auf durchschnittlichem Niveau. Aber weit gefehlt. Dieser Roman Falladas ist ganz große Literatur. Da stimmt wirklich alles. Unterhaltung, Anspruch, literarisches Niveau. Ich wüsste nicht, was man bei diesem Roman hätte anders, besser machen können. Das Werk ist perfekt, spannend wie ein Thriller und aufgrund des realen Hintergrundes der Geschichte emotional sehr aufwühlend. Immer wieder musste ich beim Lesen zu den im Anhang abgedruckten Gestapo-Fotos des Ehepaares Quangel/Hampel blättern. Lange habe ich in die Gesichter gesehen, die einen mit jeder Seites des Romanes immer vertrauter erschienen. So vertraut und ans Herz gewachsen, dass ich zum tragischen Ende der Geschichte, den Tränen nahe war.

Das hatte ich schon lange nicht mehr. Das ist Lesevergnügen auf ganz hohem Niveau. Das kann ich nur jedem weiterempfehlen.

Gelesen: März 2011
Beitragsfoto: Gabriele Luger
Foto oben : Screenshot aus Spiegel-Online Video: