Es geht schon wieder los

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Nach dem Buchpreis ist vor dem Buchpreis / Die Buchpreisblogger sind wieder da

Im letzten Jahr wagte der Deutsche Buchpreis, dieses alljährlich stattfindende, hochkulturelle Literaturspektakel, mal ein Experiment. Man öffnete sich der Welt jenseits des Literaturbetriebs und erlaubte einer Gruppe leselustiger Laien, die in ihrer Freizeit so einen Internet-Blog betreiben, sich mit der Longlist auseinanderzusetzen. Prinzipiell kann das ja jeder machen, der über zu viel Freizeit verfügt, aber bei den Buchpreisbloggern handelte es sich um um eine von ganz oben offiziell geduldete und mit Leseexemplaren unterstütze Aktion.

Und siehe da, das war gar nicht peinlich. Da kamen ein paar ganz brauchbare Sachen raus, und es gab jede Menge Traffic im Internet. Das Feuilleton und die Buchbranche betrachtete das Experiment mit wohlwollendem Kopfnicken und berichtete hier und da. Auch für das etwas verstaubte Image des wichtigsten deutschen Literaturpreises war die Aktion nicht schlecht. Man zeigte sich tolerant und aufgeschlossen und hat sich zeitgemäß positioniert. Internet – das können wir. Und das Beste daran war: Das alles hat so gut wie gar nichts gekostet. Also stand schnell fest, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und da Literaturblogger mit kostenlosen Leseexemplaren und ein paar geteilten, reichweitenstarken Facebook-Posts leicht zu ködern sind, gehen auch in diesem Jahr wieder sechs Buchpreisblogger an den Start und stellen sich dem literarischen Abenteuer Longlist. Diesmal ist mit Herbert Griestop auch einer dieser sogenannten Vlogger (Video-Blogger) mit im Team. „Herbert liest“ heißt sein vielbeachteter Vlog und YouTube-Kanal. Ach ja, und ganz besonders freut mich, dass auch das Buchrevier wieder mit dabei sein darf.

Hier die sechs Buchpreisblogger 2016:

Wenn die Longlist mit den zwanzig nominierten Titeln am 23. August verkündet wird, geht es los. Dann werden wir wieder Seiten fressen, lesen, diskutieren, bloggen, vloggen, eine Blogger-Shortlist-Empfehlungsliste aufstellen und dem großen Finale am 17. Oktober in Frankfurt entgegenfiebern. Ein besonderes Highlight im Rahmen dieses Projektes ist für mich die Einladung zum Goethe-Institut nach Kopenhagen, wo ich im Oktober zusammen mit Sophie Weigand die sechs Shortlist-Titel vorstellen werde.

Alle, denen ich davon erzähle, fragen mich immer, wie ich das nur schaffe, die ganzen vielen Bücher zu lesen und dann noch darüber zu schreiben, alles neben dem ganz normalen Job. Aber für mich ist das keine Arbeit. Ich mache das gerne, ich schlafe in der Zeit einfach ein bisschen weniger und vernachlässige meine Frau, meine Kinder und Freunde. Dann klappt das schon irgendwie.

Titelfoto: Gabriele Luger
Buchpreisblogger-Llogo: Jochen Kienbaum

 

Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen

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Stell dir vor, du wachst morgens auf und auf einmal ist alles anders. Eine andere Welt da draußen, alles dunkel, alles leblos, alles kalt. Stell dir vor, du bist mit ein paar Freunden ganz allein auf dieser Welt. Ihr wandert umher, wisst aber nicht wohin, wisst nicht warum und wieso. Und am Ende kehrt ihr einfach wieder um und geht dahin zurück, wo vor ein paar Tagen noch alles in Ordnung war.

Und jetzt stell dir vor, das Ende ist nicht nur das Ende dieser Geschichte oder das Ende aller Vorstellungskraft, sondern es ist auch das Ende allen Lebens und vielleicht sogar das Ende der Welt. Und dann stell dir bitte noch vor, da sitzt einer in der schönen Schweiz am Schreibtisch, guckt aus dem Fenster auf den See und die Berge, und dieser Mann stellt sich all das vor. Und nicht nur das. Er schreibt es auf und macht daraus so einen typischen „Stell-Dir-mal-vor“-Roman und nennt ihn: „Eigentlich müssten wir tanzen.“

Jetzt habe ich eigentlich schon den ganzen Plot erzählt. Dieser Roman spielt mit unserer, des Lesers Vorstellungskraft. Wir bekommen ein Endzeit-Szenario präsentiert, werden in diese kalte Welt geworfen und ständig gezwungen, uns das alles vorzustellen: die Hoffnungslosigkeit, die Kälte, die Auflösung sämtlicher ethisch-moralischer Werte, die Verrohung, die Sinnlosigkeit. Ab und zu dürfen wir zurückreisen, gedanklich, in die Zeit vor all dem. Die gute alte Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, wir das aber alles gar nicht mitbekommen haben. Stattdessen nur unsere kleinen Probleme im Kopf hatten, den Focus ganz eng gestellt. Und dann werden wir wieder zurückgebeamt, zwei Wochen weiter vor, wieder in die Kälte, wieder ins Elend, wieder ans Ende aller Vorstellungskraft.

Stell dir vor, du würdest ein Buch mit so einer Geschichte lesen. Wie würdest du das finden? Würde dich das schockieren, aufwühlen, nachdenklich stimmen? Würdest du dir als Leser alles brav vorstellen, so wie der Autor das augenscheinlich von dir erwartet? Oder würdest du dich sperren und diesen Vorstellungszwang einfach nicht mitmachen? Denn es ist dir zu billig, zu aufgesetzt, zu konstruiert. Nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich. Kurze Sätze, lange Sätze. Mal beschreibend, erzählend, einfach und schlicht. Dann wieder assoziativ, durchmischt, konstruiert, verwirrend. Nicht alles wird durch die Beschreibung klarer. Soll es ja auch nicht. Denn was ist schon klar, wenn die Welt am Ende ist und keiner weiß warum?

Man merkt vielleicht, dass ich nicht ganz so begeistert von diesem literarischen Endzeitszenario bin. Ja, mir war das alles ein wenig zu aufgesetzt, zu konstruiert – klingt blöd bei einer Dystopie, die ja immer irgendwie konstruiert ist – war aber so. Ich habe mich beim Lesen fast schon bedrängt und zum Vorstellen genötigt gefühlt. Klingt auch blöd bei einer Fiktion, die ja Vorstellungsvermögen voraussetzt. Aber für mich war das alles zu zwangsläufig. Die Massenvergewaltigung, der seinem Schicksal überlassene Freund mit dem gebrochen Fuß, die verminte Grenze, die Rückkehr in die Hütte, der Mord und dann auch noch der Bruch mit dem letzten denkbaren Tabu.

Ich weiß nicht, aber mir hat das alles nicht gefallen. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr mit Valerie Fritschs Winters Garten ein weiteres literarisches Endzeitszenario erschienen ist, das mich wesentlich mehr beeindruckt hat. Im gleichen Verlag, mit ungefähr dem gleichen Umfang und wie Helle, auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Auch bei Fritsch geht die Welt unter, und man erfährt nicht, warum und wieso. Aber anders als bei Helle fühlt man sich gedanklich nicht gedrängt. Alles ist weniger offensichtlich und zwangsläufig. Bei Valerie Fritsch verabschieden wir uns als Leser von der Welt auf eine ganz individuelle Art und Weise. Mit sonnenschweren Assoziationen, gefühlsstarken Bildern und durch kraftvolle Poesie geläutert. Bei Helle ist es ganz anders. Da bleibt zum Schluss ein erhobener Zeigefinger, ein Schulterzucken und ein Kopfschütteln, das sagt: „Nein, ich will mir das nicht vorstellen müssen“.

Diese Rezension gibt es auch als Radio-Podcast auf Literaturradio Bayern.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
173 Seiten, 19,95 €
Hier direkt bei Buchhandel.de bestellen.

Weitere Links: 
Kurz-Interview mit Heinz Helle auf Sophie Weigands Blog Literaturen und dazu auch eine Rezension.

Weitere Rezension findet man auf den Blogs der Buchpreisblogger-Kollegen Uwe Kalkowski und Jochen Kienbaum.

Heinz Helle liest zehn Seiten aus seinem Buch.

 

 

Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

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Er stand auf der Longlist des deutschen Buchpreises, aber gewonnen hat er einen anderen Preis. Vor ein paar Tagen hat Clemens Setz den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis für „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ bekommen. Die Jury meinte: Setz entwirft in seinem Roman mit großem Sprachwitz einen Thriller, mit zahllosen Bezügen zur Hoch- als auch Populärkultur“.

Aha, dachte ich mir – das war also ein Thriller. Habe ich gar nicht mitbekommen. Ich muss dann wohl an den spannenden Stellen kurzfristig eingenickt sein und habe dabei anscheinend auch den großen Sprachwitz gleich mit verschlafen. Ich gebe ja zu, dass ich bei der Lektüre nicht immer voll konzentriert war. Die langatmigen Dialoge, ausführlichen Zustands- und Tätigkeitsbeschreibungen und die am Ende im Nichts endenden Gedankengänge der Protagonistin haben mich beim Lesen stellenweise doch sehr ermüdet. Aber ich bin dran geblieben, habe mich Abend für Abend wach gehalten, hier und da einen dieser hochgelobten Bezüge gefunden und an der einen oder anderen Stelle über eine gelungene Formulierung geschmunzelt. Und das ist doch schon was. Wenn ich ein Buch mit über 1.000 Seiten wirklich bis zum Ende lese, dann kann es schon mal nicht richtig schlecht gewesen sein. Aber es war leider auch nicht richtig gut.

Oder sagen wir es so – es hat mich nicht erreicht. Ich habe es gelesen, ich habe es verstanden, aber es hat mich nicht berührt. Und wenn ein Buch mich auf dieser Ebene nicht anspricht, in mir nichts zum Klingen bringt, dann kann es noch so gut geschrieben sein, mit tausend Bezügen und Sprachwitz ohne Ende – dann lege ich es aus der Hand und denke: so what? Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch jetzt habe ich schon wieder mein Urteil vorweggenommen und keine vernünftige Begründung geliefert. Was heißt denn „es hat mich nicht erreicht“? So ein dumpfes Bauchgefühl raushauen, kann ja jeder. Mit Literaturkritik hat das natürlich wieder einmal nichts zu tun. Ich muss da immer an die eine Szene aus dem Film Amadeus denken, in der Mozart den Kaiser nach seiner Meinung zu seiner Komposition befragt. „Zu viele Noten“, lautet die unqualifizierte Antwort. „Streichen sie ein paar Noten und es ist gut“. So absurd es klingt, aber fast würde ich Clemens Setz den gleichen Tipp geben: „Zu viele Buchstaben, zu viele Wörter und Seiten. Streichen sie einfach ein paar Seiten, dann ist es gut.“

Ja, ich glaube das ist mein Problem mit diesem Werk. In meinen Augen ist der Roman für die Geschichte, die er erzählt, einfach zu lang. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Alles wirkt gedehnt, gestreckt, verlängert. Clemens Setz verliert sich in der Geschichte und kommt mir vor wie Forrest Gump, der mit dem Football im Arm einfach läuft und läuft, weit über die Ziellinie hinaus. Jemand hätte ihn einfach aufhalten sollen.

Denn spätestens ab Seite 300 hat man kapiert, wie die Romanfiguren ticken und braucht nicht noch einen Beleg, um zu wissen, dass Natalie in vielfacher Hinsicht gestört und angstgesteuert ist, dass Herr Dorm Täter und gleichzeitig Opfer ist und der gute Christopher Hollberg ein falsches Spiel spielt. Man hätte die Spannung bis Seite 400 noch etwas steigern und ab Seite 500 zu einem befreienden Ende führen können. Mir persönlich hätte das vollauf gereicht.

Aber nein, Clemens Setz mag es gerne ausführlich und bietet seinen Lesern auf weiteren 500 Seiten hier noch einen Charakterschnipsel, da noch eine skurrile Begebenheit und ein paar zusätzliche Skype Messages zwischen Natalie und Ihrem Exfreund vor dem Einschlafen. Das kann man so machen, aber dann ist eben lang und birgt die Gefahr, auch schnell langweilig zu werden. Aber darauf legt es Setz scheinbar an, oder es ist ihm egal. Er will seine Leser fordern, sie müssen da durch, sollen sich reiben, lesen bis ihnen die Augen brennen, bis sie nicht mehr können, bis sie das Gefühl haben, diese Leute da im Roman schon ewig zu kennen, mit dabei zu sein, so wie ein ganz normaler Arbeitskollege von Natalie. Wir treffen uns Morgens zum Frühdienst, Herr Dorm hat schlecht geschlafen und ins Bett gemacht, Astrid und B unterhalten sich in der Küche, es wird Kaffee aufgesetzt und ein wenig später kommt Herr Hollberg. Oh je, schnell noch wappnen und dann zum Spaziergang nach draußen.

Ja, ich muss zugeben, dass es funktioniert. So sehr man sich auch sperrt, irgendwann taucht man ein in diese triste Romanlandschaft. Es passiert kaum etwas, schon gar nichts, was in irgendeiner Weise an einen Thriller erinnert –mit Ausnahme vielleicht des Showdowns am Ende. Aber trotz aller Ereignislosigkeit bin ich nicht ausgestiegen. Weil es gut geschrieben und authentisch ist, weil man wissen will, was aus Dorm und Hollberg wird, weil diese ganzen Marotten von Natalie auch irgendwie spannend und unterhaltsam sind. Und wer Spaß daran hat, den ganzen versteckten Bezügen auf den Grund zu gehen, bei Google zu schauen, was es davon wirklich gibt und was sich der verrückte Setz wieder einmal nur ausgedacht hat, der wird diesen Roman noch mehr wertschätzen. Ja, ich kann verstehen und akzeptieren, wenn „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ als literarisches Meisterwerk hochgelobt wird.

Mir hat trotzdem etwas gefehlt. Ich konnte mich mit keiner der Romanfiguren identifizieren, da war nicht ansatzweise einer, der sich dafür anbot. Und so blieb ich als passionierter Identifikationsleser einfach außen vor. Alles passierte bei mir nur im Kopf. Ich habe kapiert, was gemeint war, aber ich habe es nicht verstanden. Habe alles als stiller Beobachter verfolgt, im Souterrain mit am Tresen gesessen und dem Gequatsche zugehört und immer gedacht: „Alles schön und gut. Aber jetzt komm mal langsam zum Schluss, lieber Clemens Setz. Ich habe da noch ein paar andere Bücher, die ich lesen möchte“.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Seiten: 1.018 Seiten
Preis: 29,95 €

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Rolf Lappert – Über den Winter

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Man sollte im richtigen Alter sein, um diesen Roman angemessen wertzuschätzen. Oder müsste sich stattdessen ab und zu schon mal gefragt haben, ob das alles so richtig ist. Das, was man tagtäglich so veranstaltet, ohne nachzudenken. Einfach so, weil es sich so ergeben hat. Wenn man auf einmal jeden Tag immer den gleichen Termin im Kalender hat. Alltagswahnsinn und tausend Dinge, die alle nichts mit dir zu tun haben. Das ganze Leben nur Ansprüche, Erwartungen, Perspektiven und Konsequenzen.

Das alles sollte man schon mal irgendwann gedacht haben, wenn man diesen Roman in die Hände nimmt. Denn darum geht es hier. Das Rad einfach mal zurückdrehen, statt immer mehr, auch mal weniger, das Richtige zu wollen. Downshifting nennt man das wohl. Wenn man jung ist, in der Aufbauphase, die Familien- und Karriereplanung gerade begonnen hat, ist man weit von all dem entfernt. Dann gibt es nur eine Richtung: vorwärts, machen, klar kommen, sich was aufbauen. Wenn ich in dieser Lebensphase Rolf Lapperts „Über den Winter“ gelesen hätte, ich hätte diesen Roman mit Sicherheit nach einem Drittel in die Ecke gepfeffert. Die Lethargie des Protagonisten, seine ganze negative Lebenseinstellung, die vielen kleinen Verweigerungen hätten mich wahnsinnig gemacht. In dieser Phase kann man nur schwer Verständnis für einen Protagonisten aufbringen, der ohne Not seinen Lebenskarren einfach an die Wand fährt.

Aber ich bin mittlerweile in einer anderen Lebensphase, ungefähr im gleichen Alter wie Lapperts Antiheld Lennard Salm und muss zugeben, dass ich mich immer wieder bei den gleichen destruktiven Gedanken ertappe. Einfach alles hinschmeißen, noch einmal etwas ganz anderes machen. Einfach machen, bevor es zu spät ist. Nur was? Und genau daran scheitert es bei den meisten Menschen. Es gibt keinen Plan B, der all die Verpflichtungen tragen kann: den Hauskredit, die Kinder, das Auto. Und so verbleibt es dann. Man hat den Ausstieg in Gedanken einmal durchgespielt, hat festgestellt, dass es nicht geht und lässt alles wie es ist. Und vielleicht ist das auch gut so.

Nicht so bei Lennard Salm. Er macht Nägel mit Köpfen. Irgendwann beschließt er, dass er kein erfolgreicher Künstler mehr sein will – mit Manager, Mäzen und einem Atelier in New York. Stattdessen zieht er zurück in sein altes Kinderzimmer nach Hamburg in die Wohnung seines greisen Vaters. Und natürlich ist das nicht die Lösung. Das ist ein Rückschritt, der keinen Fortschritt bringt. Das löst keine Probleme, sondern bringt neue Probleme, existenzielle Probleme, alte verdrängte und unverarbeitete Probleme wieder hoch. Nichts wird besser, alles wird immer düsterer, trauriger, sinnloser. Man spürt Lennards Resignation und Kraftlosigkeit förmlich beim Lesen. Und über allem diese permanente Kälte des Hamburger Winters, die sich wie ein eisiger Schleier über das ganze Setting legt.

Ich habe schon viele traurige Romane gelesen. Als Murakami-Fan bleibt das nicht aus. Aber das ist mit Abstand eines der traurigsten Bücher überhaupt. Ab der Hälfte hatte ich einen Kloß im Hals und ab und zu auch mal Tränen in den Augen. Dieser Roman hat mich wirklich sehr aufgewühlt. Wenn man sich einlässt, an Lennard Salm nicht rumkritisiert, sondern ihn einfach machen lässt, dann fällt man als Leser tief. Ganz tief in diese Traurigkeit, diese Aussichtlosigkeit, die Verzweiflung, die Resignation. Mit offenem Mund und tief bewegt habe ich die letzten Seiten gelesen und wieder einmal erleben dürfen, was gute Literatur bewirken kann. Sie holt dich ab und nimmt Dich mit auf eine Reise. Führt dich an Orte am Rande deiner Vorstellungskraft und noch darüber hinaus.

Ich will gar nicht zu viel verraten. Aber dieser Shortlist-Titel ist in meinen Augen ein würdiger Preisträger für den Deutschen Buchpreis. Rolf Lappert hat mir eines der intensivsten Leseerlebnisse beschert, die ich in letzter Zeit hatte. Sprachlich auf einem hohen Niveau, authentisch bis ins Mark und obendrein mit einem aktuellen Flüchtlingsbezug (leicht angedeutet und nicht mit dem dicken Zaunpfahl wie bei Jenny Erpenbeck) ist dieses Meisterwerk in meinen Augen der Top-Favorit für den 12. Oktober. Ein grandios-trauriger Ü40-Roman.

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Verlag: Hanser

383 Seiten, 22,90 €

Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Seit dem 20.August lesen sich sieben ausgewählte Literaturblogger durch die Longlist des Deutschen Buchpreises. 24 Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe der offiziellen Shortlist stellen die Buchpreisblogger jetzt ihre Favoriten für die Shortlist vor.

Zwei Frauen und vier Männer haben nach Ansicht der Literaturblogger gute Chancen am 12.Oktober für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet zu werden. Mit dabei sind die Autorinnen Gertraud Klemm mit Ihrem Roman „Aberland“ und Valerie Fritsch mit „Winters Garten“. Unter den männlichen Autoren haben es Peter Richter, Clemens J. Setz, Heinz Helle und Kai Weyand mit ihren nominierten Romanen auf die Blogger-Shortlist geschafft.

Ob die Favoriten von uns Bloggern es morgen auch auf die offizielle Jury-Shortlist des Buchpreises schaffen, bleibt abzuwarten.

 

Hier noch einmal unsere Shortlist-Favoriten im Überblick:

Valerie Fritsch, Winters Garten
Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen
Gertraud Klemm, Aberland
Peter Richter, 89/90
Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Kai Weyand, Applaus für Bronikowski

 

 

 

Ulrich Peltzer – Das bessere Leben

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Wenn Lesen zur Qual wird. 

Stell dir vor, du willst ein Buch lesen, aber der Autor lässt dich nicht. Legt dir tausend kleine Steine in den Weg. Formuliert sich um Kopf und Kragen, macht es absichtlich wirr und unlesbar. Du denkst zunächst, es ist ein Spiel. Eine kleine Geduldsprobe, um die Spreu vom Weizen zu trennen, die beiläufigen von den ernsthaft interessierten Lesern. Du denkst Dir, irgendwann wird er mit dem Verwirrspiel schon aufhören und vernünftig rüberbringen, was er zu erzählen hat. Aber das tut er nicht. Er treibt das Spielchen weiter, mischt Dialoge, Gedanken, Beschreibungen bunt durcheinander. Man muss höllisch aufpassen, sonst weiß man nie, wer jetzt gerade was gedacht oder gesagt hat. Am besten malt man das ganze Setting auf ein Blatt Papier, erstellt so einen Protagonisten-Interaktions-Plan. Wer mit wem und warum, an welchem Ort und zu welcher Zeit.

Ja, wenn man will, dann bekommt man „Das bessere Leben“ von Ulrich Peltzer schon irgendwie in den Griff. Ein Buch wie ein Wildpferd, dass man erst einreiten muss. Man kann es nicht aufschlagen und einfach lesen. Man muss es zähmen, ihm Zeit geben, Enttäuschungen und Frust einfach wegstecken und sich immer wieder neu aufraffen. Irgendwann, so hofft man, wird die Anstrengung bestimmt belohnt.

Doch wann ist irgendwann? Wie lange muss ich leiden und mich durch wirre Seiten quälen, bis eine Lektüre soweit eingelesen ist, dass es halbwegs erträglich wird? Warum soll ich mich um ein Buch bemühen, wenn der Autor sich augenscheinlich nicht um mich als Leser bemüht? Wenn es ihm egal ist, ob ich ihm folgen kann, wenn Verwirrung und bewusst provozierte Leseunlust als Stilelement eingesetzt werden.

Ich hätte Verständnis, wenn es um hochkomplexe Sachverhalte ginge, die man in einfachen Sätzen nicht wiedergeben kann. Oder nur sehr unzureichend. Dann könnte man sich wenigstens dumm und ungebildet fühlen und das Buch aus diesem Grunde beleidigt in die Ecke pfeffern. Aber noch nicht einmal das. Auf den ersten wirren Seiten wird in einfachen Sätzen nur ein stinknormales Romansetting aufgebaut. Es werden Orte beschrieben und Protagonisten eingeführt. Nichts, was einen durchschnittlich intelligenten Leser überfordern sollte. Es sei denn der Autor legt es bewusst drauf an.

Hier geht es Ulrich Peltzer scheinbar nicht darum, mich als Leser zu gewinnen, mich zu involvieren, zu packen, zu schocken oder was auch immer. Ich habe das Gefühl, hier geht es vielmehr um ein irgendwie geartetes literarisches Experiment, um den Bruch mit Lesegewohnheiten, um Literatur im Elfenbeinturm, neue Lektüre für literaturwissenschaftliche Proseminare. Es geht jedenfalls nicht um mich als Leser.

Und deswegen bin ich irgendwann richtig sauer geworden und habe die Lektüre nach 60 Seiten abgebrochen. Natürlich habe ich vorgeblättert und geschaut, ob es irgendwann besser wird. Aber Peltzer ist sich treu geblieben und hat sein Verwirrspiel bis zum Schluss durchgezogen. Wie bei allen mehr oder weniger unlesbaren Büchern wird es auch bei diesem Roman wieder Leser und Kritiker geben, die sich leidenschaftlich dafür einsetzen. Die sich durch die über 400 Seiten gearbeitet haben, um sich selber und allen anderen zu zeigen, dass sie es sich nicht leicht machen mit der Kunst. Dass große, echte Literatur niemals gefällig und zielgruppenorientiert ist. Dass man sich manche Werke einfach erarbeiten muss, Schritt für Schritt. Und wenn es nicht gleich beim ersten Lesedurchgang zündet, dann vielleicht bei zweiten. Oder man versucht es mal mit dem Hörbuch. Ja, solche Leser gibt es. Und für solche Leser muss es auch entsprechende Bücher geben.

Ich habe dazu keine Zeit und auch keine Lust. Denn Lesen ist für mich immer noch Spaß und keine Arbeit. Und diesen Spaß lasse ich mir durch Bücher wie das von Ulrich Peltzer nicht vermiesen.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: S.Fischer
448 Seiten, 22,99 €
Hier auf Buchhandel.de bestellen.

Kai Weyand – Applaus für Bronikowski

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Zu den Kuriositäten in meinem Leben zählt, dass ich mal für ein paar Jahre leitender Redakteur einer Fachzeitschrift für das Bestattungsgewerbe war. Das ist noch gar nicht so lange her, und ich habe die Branche dabei sehr gut kennengelernt. Entgegen der landläufigen Meinung ist das Geschäft mit der Bestattung gar nicht so ‚bäh’, eklig und morbide, wie man sich das zunächst vorstellt. Letztlich ist das auch nur ein ganz normaler Berufsstand, dessen goldene Zeiten aber längst vorbei sind. Eigentlich sollte man meinen, der Job ist krisensicher wie kein zweiter. Denn gestorben wird doch immer. Aber Discount-Bestatter, Billig-Särge aus Osteuropa, der Trend zu Feuerbestattungen und der generelle Verfall der Bestattungskultur machen der Branche derzeit schwer zu schaffen.

Mit besonderem Interesse habe ich mich daher an die Lektüre von Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“ begeben. Denn die Handlung dieses völlig überraschend auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gewählten Romans spielt zu weiten Teilen in einem Bestattungsinstitut. Und natürlich habe ich ganz genau hingeschaut, ob da die gängigen Klischees bedient werden oder ein sachliches und authentisches Bild von der Arbeit des Bestatters gezeichnet wird. Soviel sei schon mal vermerkt: die Bestattungsbranche kommt gut weg. Der Berufsstand wird am Beispiel des fiktiven Bestattungsintstitutes Wege so dargestellt, wie ich ihn auch kennengelernt habe – solide, bodenständig, verantwortungsbewusst und unspektakulär.

Dass Kai Weyand nicht der Verlockung erliegt, das Geschäft mit dem Tod für seine Zwecke auszuschlachten, rechne ich ihm schon mal hoch an. Denn wie einfach wäre es gewesen, mit einem paar Übertreibungen und Ausschmückungen für einen auflagensteigernden, schaurig-schönen Gänsehaut-Effekt beim Leser zu sorgen. Nicht erst seit Simon Beckett weiß man ja, dass morbide Themen immer gehen.

Nein, das tut Weyand nicht und erzählt stattdessen die Geschichte seines Romanhelden Nies. Weyands Protagonist erlebt im Alter von 13 Jahren ein Trauma, als sich seine Eltern einen Lebenstraum erfüllen und nach Kanada auswandern. Er bleibt mit seinem älteren Bruder allein in Deutschland zurück und immigriert stattdessen innerlich. Er verweigert sich, erfüllt nicht die Erwartungen, geht in Opposition zum Bruder und den abwesenden Eltern und nennt sich fortan NC – No Canada. So wird er irgendwie erwachsen, aber es wird nicht besser. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der im Londoner-Finanzsektor Karriere macht, schleppt sich NC von Aushilfsjob zu Aushilfsjob und kommt nicht richtig ins Leben. Bis er irgendwann vor dem Bestattungsinstitut Wege steht und dort als Bestattungshelfer anfängt.

Dass ich mich für diesen Roman nicht so richtig begeistern kann, liegt hauptsächlich daran, dass ich mit diesem NC nicht warm geworden bin. In meinen Augen ist der Protagonist dem Autor nicht so richtig authentisch gelungen. Weyand konnte sich nicht entscheiden, ob NC jetzt cool und entspannt oder schräg und verhaltensauffällig sein soll. In diesem Roman ist er beides, und das habe ich als störend empfunden. Besonders auffällig ist das in dem Abschnitt mit der alternativen Seebestattung, wo NC in meinen Augen auf einmal vollkommen aus der Rolle fiel. Von da an hat mich Weyand verloren.

Und so kann ich leider nur sagen, dass dieser Roman ganz nett zu lesen ist, unterhaltsam daherkommt, die Situation im Bestattungsgewerbe ehrlich und nicht sensationsheischend darstellt und dem Leser hier und da ein paar Schmunzler entlockt. Viel mehr ist da aber nicht, und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was dieses Buch auf der Longlist des Buchpreises zu suchen hat.

* NB = No Buchpreis

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Titelfoto. Gabriele Luger

Verlag: Wallstein
188 Seiten, 19,99 €
Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Drei andere Buchpreisblogger haben sich auch zu diesem Buch geäußert: masuko13Sätze & Schätze und Klappentexterin