Valerie Fritsch – Winters Garten

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Bevor ich auf dieses kleine Meisterwerk eingehe, muss ich ausnahmsweise mal aus meinem eigenen Blog zitieren. Ich schreibe hier für Menschen, „denen es wichtig ist, dass sie lesen und was sie lesen … Die nicht nur lesen, um etwas über Länder, Schicksale und das Leben zu erfahren, sondern auch über sich selbst. Für die Geschichten mehr sind als nur Ereignisse. Für die Sprache eine Kunst ist, Wörter Tiefe haben, Sätze eine Melodie und Seiten einen Klang“.

Wenn das, was ich da unter „reading man“ geschrieben habe, überhaupt für eines der vielen hier vorgestellten Bücher gilt, dann für Valerie Fritsch und Winters Garten. In diesem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman ist all das aufs Feinste umgesetzt. Hier hat jedes Wort Bedeutung und Tiefe, Sätze eine Melodie und jede Seite einen Klang. Und was für einen Klang – ein Orchesterwerk, eine Sinfonie, ein einfach nur selig stimmender Lesegenuss.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so ein sprachgewaltiges Werk in den Händen gehalten habe. Immer wieder habe ich meinen Bleistift gezückt und Sätze angestrichen. Formulierungen, die mir gefielen, die mich begeisterten, bewegten, etwas in mir zum Klingen brachten. Irgendwann habe ich angefangen, ganze Seiten zu markieren, denn das hörte gar nicht mehr auf mit den perfekten Sätzen. Kurze prägnante Sätze, lange verschachtelte Sätze, ungewöhnliche Sätze. Konstruktionen, die mich beim Lesen immer wieder überraschten, mit Schlenkern und Einschüben, die ich so nicht erwartet hätte. Valerie Fritsch hat einen Schreibstil, eine Kunstfertigkeit, die man anschauen und bewundern aber nicht lernen kann. Denn um so etwas abzuliefern, muss man mehr als nur gut schreiben können, braucht man mehr als nur Talent – man braucht Virtuosität.

Ich weiß, ich trage jetzt sehr dick auf, aber ich bin auch wirklich sehr, sehr angetan. Dabei tat ich mich zunächst schwer, in das Buch reinzukommen. Die Sprache hat mich zwar sofort eingenommen, aber ich irrte auf den ersten 50 Seiten noch durch das Setting, suchte in den wortgewandten Beschreibungen nach dem Plot, nach Informationen zur angedeuteten Katastrophe, nach Sinn und Zweck. Aber man wird nicht richtig fündig.

Die eigentliche Geschichte ist in wenigen Sätzen erzählt. Der Protagonist Anton Winter ist auf einem Landgehöft mit einem großen, idyllischen Garten aufgewachsen. Eine Art Familien-Kommune, wo Kinder, Eltern, Onkel, Tanten und Großeltern ein wunderbar naturnahes Leben führten. Man erfährt nicht, in welchem Land und in welcher Zeit die Geschichte spielt. Irgendwo in der Nähe ist eine Stadt am Meer, wo Anton als Erwachsener hinzieht. Er ist Vogelzüchter und wohnt in einem verglasten Kubus auf dem Dach eines Hochhauses. Als die Handlung dorthin schwenkt, ist die Welt plötzlich verloren. Irgendetwas ist passiert, alle Ordnung, alle Hoffnung zerstört. Zootiere laufen auf den Straßen herum, Menschen bringen sich in Verzweiflung um, kein Strom, kein Wasser – Endzeitstimmung. In der dem Untergang geweihten Stadt trifft Anton schließlich Friederike, die erste und einzige Frau in seinem Leben. Beide erleben eine intensive Liebesromanze. Im Angesicht des drohenden Untergangs kehrt Anton zurück in den Garten seiner Jugend. Dort schließt sich der Lebenskreis und die Welt geht unter.

Ja, das ist in aller Kargheit der Plot von Winters Garten. Mehr gibt es beileibe nicht zu erzählen. Dabei wird klar, dass dies kein Roman für Menschen ist, die eine treibende, spannungsgeladene Geschichte mit viel Hintergrunddetails über Land und Leute erwarten. Valerie Fritsch tut uns nicht den Gefallen über die sicherlich sehr interessanten Verwicklungen, die letztlich zum Weltuntergang geführt haben, zu berichten. Stattdessen erfahren wir, wie es im Garten gerochen hat, sehen den Schmetterlingen zu, wie sie von Blüte zu Blüte flattern, um sich letztlich im wunderschönstem Gegenlicht auf dem leuchtenden Haarkranz eines Mädchens niederzulassen.

Als ich irgendwann verstanden hatte, dass die Autorin mir die Informationen zu Ort und Zeit, warum und wieso der Handlung nicht geben wird, konnte ich mich endlich auf die Sprache richtig einlassen. Und nachdem es keinen Sinn mehr machte, jeden bemerkenswerten Satz, jede außergewöhnliche Seite mit Bleistift zu markieren, bin ich dazu übergangen, laut zu lesen. Das mache ich sonst nur bei Gedichten. Aber hier steigerte das laute Lesen noch einmal den Lesegenuss. Der Klang der Wörter, die Melodie der Sätze dringt so viel besser zu einem durch.  Wie im Rausch las ich bis spät in die Nacht die letzten Seiten. Tief bewegt legte ich das Buch aus den Händen, mit dem Gefühl, gerade etwas wirklich Außergewöhnliches erlebt zu haben.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
154 Seiten, 16,95 €
Auf Buchhandel.de bestellen

Julia Franck im Interview: Der ganze Glamour steht uns schlecht…

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In genau zwei Monaten ist es soweit. Der/die elfte Gewinner/in des deutschen Buchpreises wird am 12. Oktober in Frankfurt verkündet. Dann beginnt das Blitzlichtgewitter, stehen die Medien Schlange, jagt ein Termin den nächsten. Uns Buchpreisblogger hat interessiert, wie die bisherigen Preisträger/innen diese Zeit empfunden haben und was sich seither in ihrem Leben geändert hat. Ich habe die Chance gehabt, der Berliner Autorin Julia Franck, die im Jahr 2007 mit dem Roman „Die Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, ein paar Fragen zu stellen. Ihre schonungslos ehrlichen Antworten haben mich stark beeindruckt.   

Buchrevier: Frau Franck, was hat sich durch den Gewinn des Buchpreises im Jahr 2007 in Ihrem Leben geändert? Kurz-, mittel- und langfristig betrachtet.

Julia Franck: Kurzfristig hatte ich wahnsinnig wenig Zeit, mehrere Monate fühlte ich mich wirklich gehetzt und zerrissen, weil ich zwar viele Einladungen ablehnen musste, zugleich aber ungeheuer viel unterwegs und zugleich viel zu wenig bei meinen damals noch kleinen Kindern war. Das war ein schwieriger Spagat. Ohne Partner/Mann hat man ja auch niemanden, der einen manchmal begleitet oder einem den Rücken freihält. So fühlte ich mich unter enormem Druck und hatte ständig das Gefühl, niemandes Erwartungen gerecht zu werden, auch den eigenen nicht. Eigentlich eine paradoxe Situation für einen Erfolg, nicht? Zwar befand ich mich ständig unter vielen fremden Menschen, war dabei aber sehr allein. Man reist ja nicht im Ensemble. Jeder Handelsreisende und Geschäftsmann kennt das Grauen zahlloser Hotelzimmer, Bahnhöfe, Flughäfen. Mittel- und langfristig hat mir dieser Preis sehr viele Leser und damit für einige Jahre eine ökonomische Sicherheit beschert, wie sie wohl nur äußerst selten mit dem Schreiben erreichbar ist. Auch eine große Freiheit entstand, da ich nur das Neinsagen lernen musste und den Luxus des Rückzugs erfahren durfte. Als Selbstständiger zahlt man in Deutschland ja schnell hohe Steuern, da lernte ich mir die Frage stellen: Wenn ich jetzt die Hälfte des Honorars für die Steuern abziehe, die Kosten für das Kindermädchen, das über Nacht und manchmal mehrere Tage und Nächte am Stück bei meinen Kindern bleibt, das Vermissen, die langen Reisewege, die Abwesenheit vom Schreibtisch – steht das, was da von so einer Lesung an Geld übrig bleibt im Verhältnis dazu, dass nicht ich meine Kinder abends ins Bett bringen und morgens mit ihnen aufstehen kann? Durch den Buchpreis bin ich bewusster alleinstehende und alleinernährende Mutter geworden. Im Laufe der Jahre habe ich mich gegen viele schöne Einladungen in Deutschland und reizvolle in anderen Ländern entschieden, gegen das Mehren von Ehre und Ruhm vor einer Öffentlichkeit, ein ständig volles Konto, ein eigenes Haus oder ein eigenes Auto und zugunsten des schlichten und innerlich beglückenden Zusammenseins mit meinen Nächsten, Kindern und Freunden, für Konzerte, Ausstellungen, Studieren, Lesen und Schreiben entschieden.

Buchrevier: Dem Buchpreis wird oft vorgeworfen, ein Marketingpreis und kein Literaturpreis zu sein. Wie sehen Sie das?

Julia Franck: Ach, was sind denn Literaturpreise? Die französischen und britischen Literaturpreise sind von jeher auch marktwirksam, was einfach an ihrer Vernetzung liegt. Das waren andere deutsche Literaturpreise nie. Es kann ja nicht falsch sein, wenn Preise auch öffentlichkeitswirksam und nicht nur die Literatur im inzestuösen Dickicht der Feuilletons feiern. Klar ist aber, dass ich nach dem Buchpreis nie wieder einen Literaturpreis in Deutschland erhalten habe. Ich glaube schon, dass die Verbindung von Buchpreis und dem gigantischen Verkaufserfolg wie auch die fast vierzig Lizenzen in andere Sprachen, Theater und Filmrechtverkäufe viele Preisrichter misstrauisch und missgünstig gestimmt hat. Wobei meine Literatur (ich nenn sie einfach mal so) schon immer heftig umstritten war.

Buchrevier: Meinen Sie, dass Sie auch ohne den Gewinn des Buchpreises da wären, wo Sie heute beruflich stehen?

Julia Franck: Sicherlich nicht. Ich vermute, dass ich ohne den Buchpreis weder so viel Öffentlichkeit erhalten und einen so riesigen Verkaufserfolg eines Buches erzielt hätte, noch in der Weise Ächtung erfahren hätte. Vermutlich würde ich noch heute – wie auch bei den vier Büchern zuvor – als ein „hoffnungsvolles junges Talent“ gelten, das jedes Jahr ein hübsches Stipendium oder ein, zwei kleine echte Literaturpreise erhalten würde.

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Buchrevier: Ralf Rothmann hat in diesem Jahr verzichtet, von seinem Verlag für den Buchpreis nominiert zu werden. Können Sie das nachvollziehen?

Julia Franck: Natürlich. Auch Handke hat schon auf Preise verzichtet. Ralf Rothmann ist ein guter Schriftsteller, dessen Bücher auch ohne den Buchpreis erfolgreich sind. Die Berührungsangst mit einem so vulgär anmutenden Preis verstehe ich heute unbedingt. Hätte ich 2007 ahnen können, was dieser Preis an Aura leidenschaftlich aufbläst und zerstört, hätte ich ihn vielleicht auch gemieden. Wir sind ja keine Filmteams, wir haben keine Hauptdarsteller und Cutter und Produzenten, mit denen wir uns auf dem Roten Teppich an den Händen fassen und uns gegenseitig die Schulter küssen können. Der Schriftsteller steht da völlig allein – er kann den Erfolg wie die Niederlage, das ganze Schlaglicht mit niemandem teilen. The winner is – dazu die sechs entsetzten und überraschten Gesichter. Der ganze Glamour steht uns schlecht, er lässt uns falsch aussehen und jedes Wort falsch klingen.

Buchrevier: Bringt der Buchpreis Aufmerksamkeit für die deutsche Literaturszene insgesamt oder nur für den kleinen Kreis der zwanzig nominierten Autoren.

Julia Franck: Das kann ich nicht einschätzen. Ich glaube, die Vielseitigkeit der deutschsprachigen Literatur ist ein sehr besonderes kulturelles Phänomen. Kein Schriftsteller schreibt wegen eines Preises – und so kann ich mir nicht vorstellen, dass ein einzelner Preis mehr oder weniger Aufmerksamkeit auf die deutsche Literatur lenkt. Wie Sie vermutlich wissen, wird nur sehr wenig deutsche Literatur übersetzt – was vermutlich mehr mit der Deutschen Geschichte und dem entsprechend verändertem Ansehen und Interesse für deutsche Kultur und deutsches Denken, deutsches Erzählen seither in den meisten anderen Ländern als mit der Sprache oder der Qualität der Romane zu tun hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seit dem Buchpreis mehr deutsche Literatur übersetzt wird. Vielleicht eher nach der Fußballweltmeisterschaft.

Buchrevier: In acht Jahren nach dem großen Erfolg der Mittagsfrau haben Sie nur noch einen weiteren Roman (Rücken an Rücken 2011) veröffentlicht. Haben Sie nach dem wirtschaftlichen Erfolg der Mittagsfrau einen Gang runtergeschaltet – bzw. negativ ausgedrückt: keinen Veröffentlichungsdruck mehr?

Julia Franck: Wie ich schon sagte, ich schätze auch andere Dinge im Leben sehr, unter anderem habe ich Rebecca Solnit übersetzt, für Künstler Texte geschrieben, und vor allem 2012 und 13 Medizin studiert und mir damit einen Traum ermöglicht, der meiner rasenden wissenschaftlichen, besonders medizinischen Neugier entspricht. Sehr zeitintensiv, sehr kostbar und teuer – wenn man es ohne Bafög, Partner, Eltern etc. macht, und nebenbei drei Menschen ernährt. Schreiben ist ja eine innere Notwendigkeit, eine Zwangskrankheit. Zumindest bei mir. Das kollidiert mit allen anderen Beschäftigungen im Leben. Veröffentlichen aber gehört nicht dazu – man muss mit diesem inneren Zwang nicht an die Öffentlichkeit. Es kann sogar sehr peinlich und unangenehm sein. Aber es ist keineswegs so, dass ich in den letzten Jahren noch von den Tantiemen dieses einen so erfolgreichen Buches leben könnte, auch ein anderer Beruf lässt sich nicht ohne weiteres herbeizaubern – also besteht schon ein gewisser Druck. Zugegeben ist die Scheu, vielleicht sogar Angst vor der Öffentlichkeit durch den Buchpreis enorm gewachsen. Sie war ganz zu Beginn meiner Veröffentlichungen Ende der 90er Jahre auch enorm stark. Ich habe jahrelang schweißkalte Hände und Herzrasen vor jeder Lesung gehabt. Erst als ich Kinder hatte, wurde das besser, aber dann kam der Buchpreis. Es könnte also sein, ich veröffentliche, aber nicht unter meinem Namen?

Buchrevier: Wann erscheint der nächste Roman von Ihnen?

Julia Franck: Das kann ich nicht sagen.

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Foto: Das offizielle Siegerfoto aus dem Jahr 2007. Copyright: Claus Setzer / Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.

Link-Tipp: Ein schöner Streifzug durch Julia Francks Leben in Berlin auf Literaturport.de

Das nächste Buchpreisblogger-Interview erscheint am Freitag 14.08. 2015 auf dem Blog Buzzaldrins Bücher: Mara Giese im Gespräch mit der Preisträgerin 2013 Terézia Mora.

Die Marketing-Tricks der Buchpreis-Macher

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(Vorsicht: dieser Text kann Spuren grober Verallgemeinerungen enthalten)

Ist der Deutsche Buchpreis jetzt ein Literaturpreis oder, wie die Kritiker behaupten, nur ein Marketing-Trick des Börsenvereins? Geht es darum, anspruchsvolle deutschsprachige Literatur auszuzeichnen oder nur darum, möglichst viele Bücher zu verkaufen? Dass der Deutsche Buchpreis durchaus verkaufsfördernd ist, zeigen die Auflagenzahlen der Nominierten und Preisträger. Dass sich darüber hinaus literarischer Anspruch und kommerzieller Erfolg nicht ausschließen müssen, haben die beiden bisher erfolgreichsten Preisträger Julia Franck und Uwe Tellkamp bewiesen.

Für mich ist der Deutsche Buchpreis ein Beispiel für die gelungene Synthese von Anspruch und Kommerz. Aber ich kann auch die Kritiker verstehen. Denn die Grenze zum unterhaltsamen Mainstream ist schnell überschritten. Man kann bei jedem Werk endlos diskutieren, was noch Kunst und was schon Marketing ist. Das fängt beim Thema, dem Setting, den Protagonisten an und hört beim Cover, dem Buchtitel und dem Klappentext noch lange nicht auf. Von der Person des Autors/der Autorin ganz zu schweigen.

Ich arbeite in der Kommunikations- und Marketingbranche und finde das Thema natürlich super spannend. Was liegt da näher, als eine Liste zu erstellen mit Antworten auf folgende Frage: Was muss ein anspruchsvoller literarischer Roman mitbringen und wie muss er aufbereitet sein, damit er sich gut vermarkten lässt?
Hier der erste Teil mit den Basics:

Kurze Buchtitel

Ein Buchtitel für anspruchsvolle Belletristik ist eher sachlich, reduziert, verrät nichts, weckt aber Interesse und ist im besten Falle kurz. „Kruso“ oder „Landgericht“, aber auch „Der Turm“, „Die Mittagsfrau“ und „Das Ungeheuer“ sind gute Beispiele. Solch kurze Titel kann sich der potentielle Käufer gut merken. Und wenn nicht, weiß das gute Fachpersonal im Buchhandel trotzdem, welche Bücher der Kunde meint, wenn er nach die Burg, das Amtsgericht oder das Monster fragt.

Weniger geeignet sind ganze Sätze und Aussagen, die auch noch Rückschlüsse auf die Story zulassen. Sie passen nicht waagerecht auf den Buchrücken und sind noch schwerer zu merken. Vermeiden sollte man auch Begriffe im Titel, die Assoziationen zu anderen Literaturgattungen wecken wie z.B. Mord, Geheimnis, Rosen oder Elfen. Und ganz wichtig: Der Titel muss sich gut sprechen lassen und im beiläufigen Lit-Talk funktionieren. Hast Du Kruso schon gelesen? Nee, ich bin immer noch mit dem Turm zugange. Wie fandest Du das Ungeheuer? Nicht so gut wie die Mittagsfrau, aber allemal besser als das Landgericht.

Reduzierte Cover

 Das Buchcover ist für die Vermarktung noch wichtiger als der Titel. Denn Bücher, deren Aufmachung einem nicht gefallen, nimmt man oftmals gar nicht erst in die Hand. Aber es geht nicht nur ums Gefallen. Buchcover senden Signale aus, weisen den Weg und helfen dem Kunden bei der Entscheidungsfindung. Ich sehe in der Regel sofort, ob ich zur Zielgruppe gehöre oder nicht. So hat jedes Genre typische Gestaltungsmuster. Krimicover sehen aus wie Krimicover, Fantasycover wie Fantasycover und seichte Unterhaltungsliteratur eben wie Hera-Lind- und Barbara-Cartland-Romane. Anspruchsvolle Buchpreis-Titel sollten so jedenfalls nicht aussehen. Typo, Motiv und Farbigkeit sind bei diesen Titeln eher reduziert und zurückhaltend. Lieber kein Bild und nur Schrift, als das falsche Motiv oder die falsche Farbe (z.B. Pink). Damit wird transportiert – hier ist der Inhalt das entscheidende.

Der Trick dabei: Ein reduziertes Cover allein transportiert schon Anspruch, auch wenn der Inhalt absoluter Trash ist.

Trend-Themen besetzen

Welches Thema ist gerade trendy? Kann man das bei den vielen unterschiedlichen Titeln so pauschal überhaupt sagen? Es ist nicht ganz einfach, aber es geht. Das Top-Thema seit ein paar Jahren ist definitiv die DDR-Renaissance. Seit 25 Jahren ist die Mauer schon weg und mittlerweile blickt man gerne wieder zurück. Nach Tellkamp, Ruge und Seiler dürfte das Thema für den Deutschen Buchpreis aber erst mal durch sein. Immer noch häufig sieht man dagegen Geschichten, die in Osteuropa spielen, vor allem Länder, die wir immer wieder in den Nachrichten sehen, wie Russland und die Ukraine. Diese Länder stellen aber nur das Setting. Politische Themen findet man in Romanen momentan eher selten. In unruhigen Zeiten beschränkt sich die Literatur traditionell eher aufs Private. Man beschäftigt sich lieber mit sich selbst. Mit der eigenen Vergangenheit, den Eltern, der Jugend, den Studentenjahren (vorzugsweise in Berlin), den Irrungen und Wirrungen der Liebe, Krankheiten und Ängsten.

Das perfekte Buchpreisthema 2015 wäre demnach ein retrospektiver Entwicklungsroman, mit einer in der Ex-DDR aufgewachsenen Protagonistin, die sich im Kroatienurlaub in einen Albaner verliebt, der Depressionen hat und über Umwege schließlich in Berlin landet. Am Ende stirbt einer von beiden.

Nicht zu dick und nicht zu dünn

Aus dem Radio kennt man das. Ein Musiktitel aus den Charts hat eine Länge von maximal ca. 3,5 Minuten. Alles, was darüber hinaus geht, wird ausgeblendet. Ein handelsüblicher Belletristik-Titel kennt keine derartigen Beschränkungen, aber das Gros der Titel liegt vom Umfang her irgendwo zwischen 200 und 350 Seiten. Das ist das, was man an einem Wochenende in einem Rutsch lesen kann – wenn es gut läuft. Wenn es sich zieht, kann die Lektüre auch schon mal zwei Wochen dauern.

Diese Zeit muss man auf alle Fälle einplanen, wenn ein Roman mit über 600 Seiten daherkommt. Die prämierten Buchpreistitel haben meistens diesen Umfang. Die Botschaft ist klar: So ein Meisterwerk ist nichts für ein schnelles Wochenende, man soll sich Zeit nehmen für den besten Roman des Jahres. Solch große Literatur muss einwirken und das dauert eben seine Zeit. Aber es darf auch nicht zu lang sein. Alles, was über 800 Seiten und nicht Fantasy ist, verkauft sich nur schwer. Insofern darf man gespannt sein, ob Clemens F. Setz und Frank Witzel es mit Ihren dicken Wälzern in diesem Jahr auf die Longlist schaffen werden.

Titelfoto: Gabriele Luger

Deutscher Buchpreis: die Skandalliste

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Seit es ihn gibt, erregt der Deutsche Buchpreis die Gemüter. Als PR-Mann kann ich nur sagen – genauso muss es sein. Zank und Streit, kleine und große Skandale – all das interessiert die Menschen und natürlich auch die Medien. Und genau deswegen ist der Deutsche Buchpreis auch im elften Jahr seines Bestehens noch immer das Literatur-Ereignis des Jahres. Ich habe mal ein wenig im Netz recherchiert und ein paar kleine und große Skandale gefunden.

Der Shortlist-Skandal

Egal, welche Bücher auch immer auf der Long- und Shortlist stehen, wenn ein bestimmtes fehlt,  ist es ein Skandal. Die stattdessen nominierten Titel sind es auch und überhaupt – der komplette Buchpreis an sich ist ein einziger großer Skandal. Gibt man „Deutscher Buchpreis“ in Kombination mit dem Begriff „Skandal“ bei Google ein, erhält man alleine über 9000 Treffer. Exemplarisch für die jedes Jahr aufs Neue einsetzende Long- und Shortlist-Kritik, hier mal ein Text von Tilman Krause aus dem Jahr 2012. Ich bin sehr gespannt, welches Buch in diesem Jahr skandalöserweise auf der Longlist fehlen wird. Wie man gestern in der FAZ lesen konnte, wird es auf alle Fälle schon mal Ralf Rothmann sein – und das auch noch freiwillig.

Verweigerung

Alle, die es noch nicht wussten, werden jetzt aufhorchen. Wie? Ralf Rothmann will nicht mitmachen? Er verzichtet freiwillig auf 25.000 Euro, eine sechsstellige Verkaufsauflage und die lukrative Aussicht auf Lizenzverkäufe? Das ist ja ein Skandal!

Und in der Tat – das wirft kein gutes Licht auf den Deutschen Buchpreis. Der Top-Favorit ist aus dem Rennen. Blöd auch für den diesjährigen Preisträger, der immer mit dem fahlen Beigeschmack leben muss, den Preis nur gewonnen zu haben, weil Ralf Rothmann verzichtet hat. Für den Verweigerer ist das natürlich ein cooler Auftritt und – wenn auch ungewollt – zusätzliche Publicity. So wie schon im Jahr 2008, als Peter Handke auf seine Longlist-Nominierung verzichtet hat, um jüngeren Autoren eine Chance zu geben.

Boykottaufruf

Eine nicht ganz so freundliche Art der Verweigerung ist der Boykott. Im letzten Jahr stand Michael Ziegelwagner mit seinem Roman „Der aufblasbare Kaiser“ auf der Longlist und machte mit so einem Boykottaufruf auf sich aufmerksam. Die 20 Longlist-Autoren, so sein Aufruf, sollten sich das Preisgeld von insgesamt 37.500 Euro untereinander aufteilen, die Verleihungszeremonie schwänzen und stattdessen ein Picknick vor dem Frankfurter Rathaus abhalten. Da Ziegelwagner nicht nur Romane schreibt, sondern auch Titanic-Redakteur ist, nahm schließlich niemand diesen Boykottaufruf so richtig ernst. Auch bei seinem Artikel über den misslungenen Aufruf weiß man nicht immer, ist das jetzt Satire oder Galgenhumor?

Sexismus/Feminismus

Bei der Genderthematik kann man eigentlich nur verlieren. Egal, welchen Standpunkt man vertritt – der Shitstorm ist beinahe vorprogrammiert. Rund um den Buchpreis kommt es immer mal wieder gerne zu kleinen oder größeren Feminismus-Debatten. Mal geht es um die politisch korrekte Benennung von Autoren oder Autorinnen, wie sie im letzten Jahr von Marlene Streeruwitz in einem Artikel angeprangert wurde. Dann wieder um das Geschlechterverhältnis auf der Longlist, das wie zum Beispiel im letzten Jahr mit 15 Autoren und nur fünf Autorinnen nicht gerade ausgewogen war. Ob da eine Frauenquote schon bei der Vorauswahl helfen könnte, ist fraglich.

Aber wenn auch die Frauen in der Longlist unterrepräsentiert sind, bei den Preisträgern haben sie mit 6:4 ganz klar die Nase vorn. Und auch beim Buchpreis-Wording können Feministinnen sich eigentlich nicht beklagen. Das Objekt der Begierde, der Buchpreis ist zwar eindeutig maskulin, aber um den zu bekommen, muss man einige feminine Hürden nehmen. Als da wären: die Einreichung, die Jury, die Nominierung, die Longlist, die Shortlist und nicht zu vergessen: die Preisverleihung.

Literaturpreis vs. Marketingpreis

Dass Preise und Auszeichnungen für Aufmerksamkeit sorgen und damit zur Verkaufssteigerung beitragen, dürfte hinlänglich bekannt sein. Trotzdem wird gerade das am Deutschen Buchpreis immer wieder kritisiert. Das ist kein Literaturpreis, sondern in erster Linie ein Marketingpreis. Damit wird der Fokus der ohnehin schrumpfenden Leserschaft noch mehr eingeschränkt. Nur noch die nominierten Titel bekommen die mediale Aufmerksamkeit und der Rest kann sehen wo er bleibt. Daher haben die kleinen, unabhängigen Verlage mit der Hotlist ihren eigenen Preis ins Leben gerufen, der aber letztlich auf einer anderen Ebene die gleichen Auswirkungen hat.

Und in der Tat – der Deutsche Buchpreis ist in Sachen Marketing und Verkaufsförderung eine wirklich erfolgreiche Sache. Ich habe eine Statistik gefunden, die zeigt, dass alle Preisträger bis auf Terezia Mora eine sechsstellige Auflage erzielen konnten. Allen voran natürlich Uwe Tellkamp, der mit 450.000 verkauften Exemplaren neben Julia Frank der bisher erfolgreichste Preisträger ist. Bei den verkauften Auslandslizenzen führt Julia Frank die Liste mit 34 Lizenzen an. Ich finde solche Erfolge einfach skandalös.

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Quelle: Statista

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Quelle: Statista

Fazit – nach dem Skandal ist vor dem Skandal

Nicht erst seit Marcel Reich-Ranicki wissen wir, über Literatur lässt sich herrlich streiten. Die eine, ultimative Meinung über einen Autor, einen Roman gibt es nicht. Zu jedem positiven Urteil gibt es immer auch die gegenteilige Meinung. Erst wenn keine Gegenrede mehr kommt, alles kritiklos hingenommen wird, keiner mehr „Skandal“ ruft, müssen wir anfangen, uns Sorgen zu machen.

Titelfoto: Gabriele Luger

Buchrevier bloggt zum Deutschen Buchpreis

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Seit 11 Jahren gibt es ihn schon: den Deutschen Buchpreis. Verliehen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels für den besten Roman des Jahres. Jedes Jahr aufs Neue ist die Spannung groß. Es wird spekuliert, debattiert, moniert und am Ende wahlweise jubiliert oder lamentiert. In diesem Jahr wird es für mich noch interessanter, denn Buchrevier gehört mit zu den sieben ausgewählten Literaturbloggern, die den Deutschen Buchpreis kritisch begleiten dürfen.

Ich bin mächtig stolz, dass ich von den Organisatoren angefragt wurde und freue mich sehr über dieses Projekt. Neben Rezensionen zu den 20 Longlist-Titeln planen „Die Buchpreisblogger“ Diskussionen zum Wettbewerb und einzelnen Romanen, Interviews, Audiobeiträge und eine eigene Blogger-Shortlist.

Und das sind die sieben Buchpreisblogger und ihre Blogs:

* Birgit Böllinger: Sätze&Schätze

* Simone Finkenwirth: Klappentexterin

* Mara Giese: Buzzaldrins Bücher

* Uwe Kalkowski: Kaffeehaussitzer

* Jochen Kienbaum: lustauflesen.de

* Jacqueline Masuck: masuko13

* Tobias Nazemi: buchrevier

Bereits in den kommenden Wochen stellen sich die Blogger auf der Facebook-Seite des Deutschen Buchpreises unter http://www.facebook.com/DeutscherBuchpreis vor. Gebloggt wird unter unter dem Hashtag #dbp15.

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Alle Beiträge auf den Blogs der Buchpreisblogger werden mit dem offiziellen Logo der Aktion „gebrandet“ (Logoentwurf: Jochen Kienbaum).

Richtig los geht es aber erst am 20. August. Dann wird die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 veröffentlicht. Bis dahin können auch wir nur spekulieren, wer es unter die Top 20 der besten Romane des Jahres schaffen wird. Die Preisverleihung findet am 12. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

Hier ein Beitrag auf Literaturradio Bayern über die Aktion:

Peter Richter – 89/90

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Als die Mauer gefallen ist, habe ich in Westberlin gelebt, direkt am Hermannplatz in Neukölln. Es war dort nie besonders beschaulich, aber die Tage nach dem 09. November 1989 werde ich nie vergessen. Mit der U-Bahnlinie 8 direkt vom Bahnhof Friedrichstraße sind sie bei uns eingefallen, standen in Schlangen vor dem Aldi und der Sparkasse. Mit diesen hellblau gescheckten Jeansstoffen im sogenannten Moon-Washed-Style. Schimmeljeans, wie sie drüben genannt wurden. Es gab davon Hemden, Hosen, Jacken und sogar Portemonnaies. Wer richtig Scheiße drauf war, hat sich von Kopf bis Fuß damit eingekleidet. Dazu eine LCD-Armbanduhr und Minipli-Dauerwelle – vorne kurz, hinten lang. Fertig war der Schimmelmensch.

In jeder Wendedokumentation kann man sie heute noch sehen. Den Menschen in den Schimmeljeans haben wir die deutsche Einheit zu verdanken. Sie sind immer wieder Montags auf die Straße gegangen, sie haben die Stasizentrale gestürmt und bei der ersten freien Volkskammerwahl die CDU gewählt. In Peter Richters Wendechronik 89/90 wird diese Zeit wieder lebendig. Wir begleiten den Ich-Erzähler, der- wie der Autor selbst – diese turbulenten Wendemonate als 17-Jähriger in Dresden erlebt. In kurzen, unterhaltsamen Episoden führt Richter uns durch den Alltag seines Chronisten.

Die letzten Jahre der DDR sind in den vergangenen Jahren immer wieder literarisch aufbereitet worden. Die grandiosen Wenderomane von Uwe Tellkamp und Eugen Ruge sind literarische Bollwerke, an den sich jeder Versuch, diese Zeit zu beschreiben, messen lassen muss. Doch Peter Richter bringt sich gar nicht erst in die Verlegenheit, damit verglichen zu werden. Er wählt eine andere Form der Erzählung. Sein Ich-Erzähler und die Hauptfiguren in 89/90 sind keine Protagonisten, die eine Geschichte voranbringen. Sie sind vielmehr Chronisten, die Geschichte beobachten, von ihr getrieben werden. Alleine der Umstand, dass die handelnden Personen nicht mit Namen, sondern nur mit Abkürzungen genannt werden, zeigt, dass keine Identifikation gewollt ist.

Hier wird aus der Perspektive eines Zeitzeugen berichtet, so wie es tatsächlich war, damals 89/90. Das ist der gleiche naturalistische Erzählstil, wie ihn auch Karl Ove Knausgard verwendet. Chronisten-Blickwinkel einstellen und dann einfach alles aufzeichnen. Doch im Gegensatz zu Knausgard, dessen sachlicher fast schon eintöniger Erzählstil mich auf Dauer doch sehr ermüdet hat, schafft es Peter Richter seine Leser auch sprachlich zu begeistern. Er beschreibt und formuliert stellenweise so treffend, dass ich manche Absätze zwei- bis dreimal gelesen habe. Wie zum Beispiel diese grandiose Passage über zwei Zigaretten rauchende Mädchen auf dem Schulhof, die sich ihre Disko-Erlebnisse erzählten:

„Und weißt du, was der Typ DANN gemacht hat?
Die Duett in den Mund, Feuer geben lassen, Ansaugen – und während des Rauspustens mit der zigarettenführenden Hand einen weiten Bogen nach rechts außen vollführend:
Er hat mit WESTGELD gewedelt.
Andere Zigarettenhalterin: NEIN!
Hand geht zurück zum Mund, hektischer Zweitzug, dann in das Auspusten hinein: OH doch!

An solchen Passagen habe ich einfach Spaß. Und 89/90 ist voll davon, literarisch sehr abwechslungsreich und auf durchgängig hohem Niveau. Ob die beschriebenen Lebensumstände alle so zutreffen, kann ich als Wessi schlecht beurteilen. Mir kommt das alles sehr plausibel vor und deckt sich in vielen Punkten mit meiner Wahrnehmung aus der damaligen Zeit. Alles in allem ein sehr schönes Stück Zeitgeschichte, kurzweilig und literarisch interessant aufbereitet, bei dem sowohl Zeitzeugen als auch die Generation danach auf Ihre Kosten kommen.

Foto: Gabriele Luger