Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

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Kheyli mamnun“ ist persisch und heißt: Vielen Dank. Wer diese zwei Wörter beherrscht, kommt im Iran schon ziemlich weit. Denn der Iraner an sich ist ein freundlicher Mensch. Jeder, der mal in den Genuss persischer Gastfreundschaft gekommen ist, wird dies bestätigen können. Man lächelt, ist höflich, zuvorkommend und bedankt sich unglaublich viel. Und da auch in mir zur Hälfte persisches Blut fließt, habe ich nach der Lektüre dieses Romans auch ganz spontan das Bedürfnis, mich zu bedanken.

Kheyli mamnun, liebe Shida Bazyar, für diesen Roman. Vielen Dank für ein Buch, das noch vor einem Jahr sicherlich nur wenige interessiert hätte. Denn das, worüber die deutsch-iranische Autorin schreibt, ist lange her. 1979 – der Schah geht, Khomeini kommt, und eine Familie muss ihr Heimatland verlassen. An diese Zeit kann sich kaum einer mehr erinnern. Das klingt langweilig und verstaubt und hat nichts mit uns zu tun. Aber jetzt – jetzt ist das Thema plötzlich wieder voll en vogue, surft ganz oben mit auf der Flüchtlingswelle. Weil immer mehr ins Land kommen, interessiert sich ganz Deutschland wieder für seine Migranten. Wer ist in den letzten Jahren schon alles gekommen und geblieben? Und wie ist uns die Integration gelungen? Muss man sich Sorgen machen, oder ist alles gut?

Im Fall der aus dem Iran immigrierten Familie Bazyar scheint alles gut verlaufen zu sein. Ihre Tochter Shida ist 1988 in Deutschland geboren, hat bereits mit 16 Jahren ihren ersten Schreibwettbewerb gewonnen und gerade eben ihren ersten Roman bei einem renommierten Großverlag veröffentlicht. Und was soll ich sagen? Wir haben zwar erst Februar, aber für mich ist dieser Roman schon jetzt das Debüt des Jahres. Dieses Buch ist so phänomenal gut, legt die literarische Latte so hoch, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass da im Verlauf des Jahres noch irgendetwas Besseres kommen wird.

Und das liegt nicht am Top-Thema Migration, nicht am Romanplot, nicht an der iranischen Familiengeschichte, die uns vier Jahrzehnte aus Sicht eines jeweils anderen Familienmitglieds schildert. Nein, das ist nicht das Besondere, solche Romanaufbauten gibt es zuhauf, das haben wir alle schon in den verschiedensten Variationen gelesen. Nein, das Besondere an diesem Roman ist die Sprache. Selten, sehr selten habe ich in letzter Zeit ein Buch gelesen, was mich sprachlich so beeindruckt hat. Selbst Valerie Fritschs „Winters Garten,“ ein Roman dessen Sprachgewalt mich letztes Jahr regelrecht umgehauen hat, kann hier nicht mehr mithalten.

Mir selbst fehlt das Sprachvermögen, das angemessen zu beschreiben. Aber ich versuche es mal. Shida Bazyar kann nicht nur wahnsinnig gut schreiben. Nein, das können viele, das trifft es nicht. Sie ist so etwas wie ein literarisches Megatalent. Eine Akrobatin, jemand, der mit Wörtern jongliert, sie ohne große Mühe zu kunstvollen Satzgebirgen aufstapelt, sie wieder einstürzen lässt und im freien Fall neu auf der Seite verteilt. Sie formt Sätze, die geschliffen, präzise und vollkommen sind und an keiner Stelle mehr verbesserbar. Lange Sätze, kurze Sätze, Satzfragmente. Alles ist sehr verschachtelt, es gibt kaum Absätze und keine wörtliche Rede.

Wenn man beiläufig und nichtsahnend in das Buch reinliest, ist man schnell überfordert. Sprachlich ist das alles so verdichtet, dass man bei mangelnder Konzentration schnell den Faden verliert. Aber nicht nur das. Man bringt sich selbst um den literarischen Hochgenuss. Als ich irgendwann auf Seite dreißig oder vierzig merkte, was für ein Kunstwerk ich hier in den Händen hielt, habe ich angefangen, das Buch laut zu lesen. Das mache ich seit meinem Coming Out in Sachen Lyrik sonst nur bei Gedichten. Doch diesen Roman habe ich komplett laut gelesen und dabei jeden Satz doppelt genossen. Einmal beim Lesen und einmal beim Hören. Und plötzlich ist gar nichts mehr fordernd und anstrengend, sondern alles ganz leicht und fließend. Man badet in schöner Sprache und kann sich in die Geschichte fallen lassen.

Und auch hier kann ich aufgrund meines persönlichen Hintergrunds sagen: Ja, genau so war und ist es. Shida Bayzar tischt uns nicht irgendeine Geschichte auf, nur um etwas zu haben, worüber sie schön schreiben kann. Nein, ihr geht es auch um die Sache. Wie sie die persische Mentalität beschreibt, das zu Besuch sein in der Großfamilie, die unzähligen Cousins und Cousinen, die vielen Onkel und Tanten, den Tee, das Obst, die Pistazien, den schweren Reis, die tagelang köchelnden Eintöpfe. Die Frauen, die sich mit zwei dünnen Fäden die Körperhaare epilieren, die Nächte auf dem Dach, die Geräusche der Metropole – das alles habe ich genauso erlebt und empfunden wie in diesem Roman beschrieben. Und auch ich hatte Verwandte, die sich wie Behsad, der Vater der Romanfamilie, nach dem Sturz des Schahs Hoffnung machten, im Iran eine Republik nach sozialistischem Vorbild zu errichten. Und auch in meiner Familie hat man resigniert und ist in den Westen emigriert, ohne aber jemals die Hoffnung zu verlieren, irgendwann in ein von allen Zwängen befreites Land zurückzukehren.

Und obwohl ich persönlich einen großen Groll gegen fundamentalistische Ansichten hege, den Islam in all seinen Ausprägungen mehr als kritisch sehe, habe ich mich beim Lesen dieses Romans auf sehr angenehme Art weder bestätigt noch widerlegt gefühlt. Auch wenn beim Thema „Iran“ immer auch Politik und Religion eine große Rolle spielen, ist dies in erster Linie ein Familienroman. Es geht um Träume, um Zwänge, um Anpassung, um Scheitern, um Neuorientierung, um Hoffnung und um Liebe. Die ganz großen Menschheits-Themen, eindrucksvoll dargestellt in einem ganz großen Romandebüt.

Bitte lesen. Bitte weitersagen. Bitte Danke sagen.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
275 Seiten, 19,99 €
Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Die Autorin liest zehn Seiten:

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Frank Rudkoffsky – Dezemberfieber

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Ich hatte ein wenig Bammel vor diesem Buch. Denn ich kenne den Autor und mag ihn sehr. Schon virtuell auf WordPress, Facebook und Twitter haben wir Gemeinsamkeiten festgestellt. Wir mögen die gleichen Autoren und haben einen ähnlichen Musikgeschmack. Auf seiner ersten Lesung in Essen habe ich ihn dann auch real kennen und noch mehr schätzen gelernt. Und zuletzt sind wir auf der Frankfurter Buchmesse ein paar Stunden gemeinsam durch die Gänge gelaufen. Seinen Roman hatte ich im Messerucksack dabei, bisher aber nur darin geblättert. „Ich will keine Jubel-Perser*)“, sagte er. „Kannst ruhig schreiben, wenn Du es nicht gut findest“. Ich nickte nur und schluckte.

So fing ich nach der Messe also an zu lesen, beinahe ängstlich nach Unzulänglichkeiten Ausschau haltend, nach Ungereimtheiten, sprachlichen Schnitzern, Brüchen im Erzählstil – Anfängerfehlern, die man aber auch bei etablierten Autoren immer wieder findet. Auf gar keinen Fall wollte ich den Jubel-Perser geben. Mach dich frei von allem Persönlichen – sagte ich mir. Sei professionell! Und wenn es Scheiße ist, dann ist es eben so. Hier also mein Urteil:

Dezemberfieber ist ein handliches Paperback des neugegründeten Verlags duotincta aus Berlin. Neben Frank Rudkoffsky hat der Verlag noch zwei weitere Debütanten im Angebot. Oh jeh, dachte ich mir, alles Anfänger – Autoren und Verlag – kann das gut gehen? Aber das Cover von Dezemberfieber ist schon mal super – professionelle Gestaltung, niveau- und geschmackvolle Aufmachung. Auch der Klappentext, der eine Geschichte voller Melancholie und trotzigem Humor verspricht, macht prinzipiell Lust auf mehr. Generell scheinen bei duotincta keine Anfänger am Werk zu sein. Das Startprogramm zeugt von einem guten Händchen. Anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Belletristik wollen sie anbieten und sowohl Frank Rudkoffsky als auch die anderen beiden Autoren des Verlags passen da augenscheinlich gut ins Bild.

Aber können diese Newcomer auch schreiben? Nach den ersten Seiten von Dezemberfieber atmete ich befreit durch. Ja, zumindest Frank Rudkoffsky kann es. Sehr gut sogar. Eigentlich wusste ich es ja schon vorher. Ich hatte schon Texte auf seinem Blog gelesen und wusste, dass er einen hohen Anspruch hat. „Ich habe versucht einen Roman zu schreiben, den ich auch selber gerne lesen würde“, sagte er bei seiner Premierenlesung. Das sind schon mal die besten Voraussetzungen. Sprachlich also alles gut. Ich habe eigentlich nur eine einzige Stelle gefunden, die ein wenig knirscht. Alles andere ist von hoher sprachlicher Qualität.

Kommen wir zum Plot. Ich bin ja kein großer Freund von Inhaltsangaben. Kürzen wir es daher ab: Dezemberfieber ist ein klassischer Familienroman. Mit einer stimmungsvollen Rahmenhandlung – der Protagonist Bastian mit seiner Freundin Nina auf Thailand-Reise – und zeitlichen Rückblenden in die nahe Vergangenheit, die Kindheit, Pubertät in Nordenham und die Studentenjahre in Tübingen. Das Problem der Familie ist die psychisch kranke Mutter, die von Jahr zu Jahr immer tiefer in ihrer Depression versinkt und nach zehn Jahren daran stirbt. Wieder zehn Jahre später stirbt auch der Vater und Bastian kehrt ins leere Elternhaus zurück, um es auszuräumen. Dabei findet er ein Notizbuch, in das Mutter und Vater, weil sie nicht miteinander reden konnten, über viele Jahre Nachrichten und Briefe geschrieben haben. Und die Lektüre dieser Korrespondenz haut nicht nur Bastian aus den Socken, sondern auch mich als Leser.

Lieber Frank,
ich habe mehrmals einen dicken Kloß im Hals herunterschlucken müssen, so sehr sind mir die Briefe von Anke und Gert nahe gegangen. Was da geschildert wird, kann einen nicht kalt lassen. So viel Liebe und gleichzeitig so viel Verzweiflung zwischen den Zeilen. Da stellt sich sofort die Frage, was ist Liebe wert? Kann sie einen retten, kann sie einen durchs Leben führen, wenn alles andere verloren ist? Wenn Krankheit, Verfall, Abhängigkeit und Hoffnungslosigkeit ins Leben treten? Anke und Gert haben es nicht geschafft. Trotz ihrer Liebe. Sie haben sich in ihren Briefen verloren. Haben ihr Glück, haben ihren Sohn, haben alles verloren. Geht es uns nicht allen irgendwann so? Ich habe beim Lesen immer wieder auch über mein Leben nachgedacht. An Menschen, die ich mal geliebt und verloren habe. An früher, meine jungen Jahre und an meine Eltern, meine Kinder, meine Frau und das was bleibt, wenn ich mal nicht mehr bin. Und der Kloß im Hals wurde dabei immer größer.
Dein T.

Im jedem der zehn Kapitel dieses Romans garniert Frank Rudkoffsky die in Thailand spielende Rahmenhandlung mit der bedrückenden Korrespondenz aus dem elterlichen Notizbuch. Nach dem Tod der Mutter schreibt der Vater alleine weiter ins Buch, spricht mit seiner Frau als wäre sie noch da und berichtet ihr von seinen Sorgen um Bastian. Das ist unglaublich anrührend und zerreißt einem beim Lesen fast das Herz. Nach dem Tod des Vaters schreibt auch Bastian ins elterliche Buch. Über seine Odyssee durch Thailand auf der Suche nach Ablenkung, Hoffnung, Liebe und irgendetwas Sinnvollem. Er weiß selber nicht, was er eigentlich sucht. Eigentlich ist alles in der Person seiner Freundin Nina vorhanden. Doch er kann es nicht sehen. Ihre Liebe kann ihn nicht retten. Und so schließt sich der Kreis. Eine hoffnungslose Familie ist eine hoffnungslose Familie. Das Scheitern am Leben im Erbgut verankert. Da kannst du nichts machen. Das musst du so hinnehmen. Dein Leben, dein Schicksal.

Bisher dachte ich, Rolf Lapperts Roman „Über den Winter“ wäre das traurigste Buch, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Ein Mittfünfziger resigniert und kann die drückende Last der Vergangenheit und die Anforderungen der Gegenwart nicht mehr stemmen. Aber Frank O. Rudkoffsky, Mitte Dreißig, hat das getoppt und einen noch traurigeren Roman geschrieben. Ich habe das Buch am Ende tief bewegt aus der Hand gelegt und gedacht. Mist, das wird jetzt leider doch eine typische Jubel-Perser-Rezension.

*) https://de.wikipedia.org/wiki/Jubelperser

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Auf der Webseite des Verlages Leseprobe anschauen und Buch direkt bestellen.
Hier geht es zum Blog des Autors: http://rudkoffsky.com

Rolf Lappert – Über den Winter

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Man sollte im richtigen Alter sein, um diesen Roman angemessen wertzuschätzen. Oder müsste sich stattdessen ab und zu schon mal gefragt haben, ob das alles so richtig ist. Das, was man tagtäglich so veranstaltet, ohne nachzudenken. Einfach so, weil es sich so ergeben hat. Wenn man auf einmal jeden Tag immer den gleichen Termin im Kalender hat. Alltagswahnsinn und tausend Dinge, die alle nichts mit dir zu tun haben. Das ganze Leben nur Ansprüche, Erwartungen, Perspektiven und Konsequenzen.

Das alles sollte man schon mal irgendwann gedacht haben, wenn man diesen Roman in die Hände nimmt. Denn darum geht es hier. Das Rad einfach mal zurückdrehen, statt immer mehr, auch mal weniger, das Richtige zu wollen. Downshifting nennt man das wohl. Wenn man jung ist, in der Aufbauphase, die Familien- und Karriereplanung gerade begonnen hat, ist man weit von all dem entfernt. Dann gibt es nur eine Richtung: vorwärts, machen, klar kommen, sich was aufbauen. Wenn ich in dieser Lebensphase Rolf Lapperts „Über den Winter“ gelesen hätte, ich hätte diesen Roman mit Sicherheit nach einem Drittel in die Ecke gepfeffert. Die Lethargie des Protagonisten, seine ganze negative Lebenseinstellung, die vielen kleinen Verweigerungen hätten mich wahnsinnig gemacht. In dieser Phase kann man nur schwer Verständnis für einen Protagonisten aufbringen, der ohne Not seinen Lebenskarren einfach an die Wand fährt.

Aber ich bin mittlerweile in einer anderen Lebensphase, ungefähr im gleichen Alter wie Lapperts Antiheld Lennard Salm und muss zugeben, dass ich mich immer wieder bei den gleichen destruktiven Gedanken ertappe. Einfach alles hinschmeißen, noch einmal etwas ganz anderes machen. Einfach machen, bevor es zu spät ist. Nur was? Und genau daran scheitert es bei den meisten Menschen. Es gibt keinen Plan B, der all die Verpflichtungen tragen kann: den Hauskredit, die Kinder, das Auto. Und so verbleibt es dann. Man hat den Ausstieg in Gedanken einmal durchgespielt, hat festgestellt, dass es nicht geht und lässt alles wie es ist. Und vielleicht ist das auch gut so.

Nicht so bei Lennard Salm. Er macht Nägel mit Köpfen. Irgendwann beschließt er, dass er kein erfolgreicher Künstler mehr sein will – mit Manager, Mäzen und einem Atelier in New York. Stattdessen zieht er zurück in sein altes Kinderzimmer nach Hamburg in die Wohnung seines greisen Vaters. Und natürlich ist das nicht die Lösung. Das ist ein Rückschritt, der keinen Fortschritt bringt. Das löst keine Probleme, sondern bringt neue Probleme, existenzielle Probleme, alte verdrängte und unverarbeitete Probleme wieder hoch. Nichts wird besser, alles wird immer düsterer, trauriger, sinnloser. Man spürt Lennards Resignation und Kraftlosigkeit förmlich beim Lesen. Und über allem diese permanente Kälte des Hamburger Winters, die sich wie ein eisiger Schleier über das ganze Setting legt.

Ich habe schon viele traurige Romane gelesen. Als Murakami-Fan bleibt das nicht aus. Aber das ist mit Abstand eines der traurigsten Bücher überhaupt. Ab der Hälfte hatte ich einen Kloß im Hals und ab und zu auch mal Tränen in den Augen. Dieser Roman hat mich wirklich sehr aufgewühlt. Wenn man sich einlässt, an Lennard Salm nicht rumkritisiert, sondern ihn einfach machen lässt, dann fällt man als Leser tief. Ganz tief in diese Traurigkeit, diese Aussichtlosigkeit, die Verzweiflung, die Resignation. Mit offenem Mund und tief bewegt habe ich die letzten Seiten gelesen und wieder einmal erleben dürfen, was gute Literatur bewirken kann. Sie holt dich ab und nimmt Dich mit auf eine Reise. Führt dich an Orte am Rande deiner Vorstellungskraft und noch darüber hinaus.

Ich will gar nicht zu viel verraten. Aber dieser Shortlist-Titel ist in meinen Augen ein würdiger Preisträger für den Deutschen Buchpreis. Rolf Lappert hat mir eines der intensivsten Leseerlebnisse beschert, die ich in letzter Zeit hatte. Sprachlich auf einem hohen Niveau, authentisch bis ins Mark und obendrein mit einem aktuellen Flüchtlingsbezug (leicht angedeutet und nicht mit dem dicken Zaunpfahl wie bei Jenny Erpenbeck) ist dieses Meisterwerk in meinen Augen der Top-Favorit für den 12. Oktober. Ein grandios-trauriger Ü40-Roman.

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Verlag: Hanser

383 Seiten, 22,90 €

Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Valerie Fritsch – Winters Garten

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Bevor ich auf dieses kleine Meisterwerk eingehe, muss ich ausnahmsweise mal aus meinem eigenen Blog zitieren. Ich schreibe hier für Menschen, „denen es wichtig ist, dass sie lesen und was sie lesen … Die nicht nur lesen, um etwas über Länder, Schicksale und das Leben zu erfahren, sondern auch über sich selbst. Für die Geschichten mehr sind als nur Ereignisse. Für die Sprache eine Kunst ist, Wörter Tiefe haben, Sätze eine Melodie und Seiten einen Klang“.

Wenn das, was ich da unter „reading man“ geschrieben habe, überhaupt für eines der vielen hier vorgestellten Bücher gilt, dann für Valerie Fritsch und Winters Garten. In diesem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman ist all das aufs Feinste umgesetzt. Hier hat jedes Wort Bedeutung und Tiefe, Sätze eine Melodie und jede Seite einen Klang. Und was für einen Klang – ein Orchesterwerk, eine Sinfonie, ein einfach nur selig stimmender Lesegenuss.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so ein sprachgewaltiges Werk in den Händen gehalten habe. Immer wieder habe ich meinen Bleistift gezückt und Sätze angestrichen. Formulierungen, die mir gefielen, die mich begeisterten, bewegten, etwas in mir zum Klingen brachten. Irgendwann habe ich angefangen, ganze Seiten zu markieren, denn das hörte gar nicht mehr auf mit den perfekten Sätzen. Kurze prägnante Sätze, lange verschachtelte Sätze, ungewöhnliche Sätze. Konstruktionen, die mich beim Lesen immer wieder überraschten, mit Schlenkern und Einschüben, die ich so nicht erwartet hätte. Valerie Fritsch hat einen Schreibstil, eine Kunstfertigkeit, die man anschauen und bewundern aber nicht lernen kann. Denn um so etwas abzuliefern, muss man mehr als nur gut schreiben können, braucht man mehr als nur Talent – man braucht Virtuosität.

Ich weiß, ich trage jetzt sehr dick auf, aber ich bin auch wirklich sehr, sehr angetan. Dabei tat ich mich zunächst schwer, in das Buch reinzukommen. Die Sprache hat mich zwar sofort eingenommen, aber ich irrte auf den ersten 50 Seiten noch durch das Setting, suchte in den wortgewandten Beschreibungen nach dem Plot, nach Informationen zur angedeuteten Katastrophe, nach Sinn und Zweck. Aber man wird nicht richtig fündig.

Die eigentliche Geschichte ist in wenigen Sätzen erzählt. Der Protagonist Anton Winter ist auf einem Landgehöft mit einem großen, idyllischen Garten aufgewachsen. Eine Art Familien-Kommune, wo Kinder, Eltern, Onkel, Tanten und Großeltern ein wunderbar naturnahes Leben führten. Man erfährt nicht, in welchem Land und in welcher Zeit die Geschichte spielt. Irgendwo in der Nähe ist eine Stadt am Meer, wo Anton als Erwachsener hinzieht. Er ist Vogelzüchter und wohnt in einem verglasten Kubus auf dem Dach eines Hochhauses. Als die Handlung dorthin schwenkt, ist die Welt plötzlich verloren. Irgendetwas ist passiert, alle Ordnung, alle Hoffnung zerstört. Zootiere laufen auf den Straßen herum, Menschen bringen sich in Verzweiflung um, kein Strom, kein Wasser – Endzeitstimmung. In der dem Untergang geweihten Stadt trifft Anton schließlich Friederike, die erste und einzige Frau in seinem Leben. Beide erleben eine intensive Liebesromanze. Im Angesicht des drohenden Untergangs kehrt Anton zurück in den Garten seiner Jugend. Dort schließt sich der Lebenskreis und die Welt geht unter.

Ja, das ist in aller Kargheit der Plot von Winters Garten. Mehr gibt es beileibe nicht zu erzählen. Dabei wird klar, dass dies kein Roman für Menschen ist, die eine treibende, spannungsgeladene Geschichte mit viel Hintergrunddetails über Land und Leute erwarten. Valerie Fritsch tut uns nicht den Gefallen über die sicherlich sehr interessanten Verwicklungen, die letztlich zum Weltuntergang geführt haben, zu berichten. Stattdessen erfahren wir, wie es im Garten gerochen hat, sehen den Schmetterlingen zu, wie sie von Blüte zu Blüte flattern, um sich letztlich im wunderschönstem Gegenlicht auf dem leuchtenden Haarkranz eines Mädchens niederzulassen.

Als ich irgendwann verstanden hatte, dass die Autorin mir die Informationen zu Ort und Zeit, warum und wieso der Handlung nicht geben wird, konnte ich mich endlich auf die Sprache richtig einlassen. Und nachdem es keinen Sinn mehr machte, jeden bemerkenswerten Satz, jede außergewöhnliche Seite mit Bleistift zu markieren, bin ich dazu übergangen, laut zu lesen. Das mache ich sonst nur bei Gedichten. Aber hier steigerte das laute Lesen noch einmal den Lesegenuss. Der Klang der Wörter, die Melodie der Sätze dringt so viel besser zu einem durch.  Wie im Rausch las ich bis spät in die Nacht die letzten Seiten. Tief bewegt legte ich das Buch aus den Händen, mit dem Gefühl, gerade etwas wirklich Außergewöhnliches erlebt zu haben.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
154 Seiten, 16,95 €
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Ruth Cerha – Bora. Eine Geschichte vom Wind

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Auf nichts kann man sich noch verlassen. Noch nicht einmal mehr auf schlechte Buchcover. Früher steckte in trivialer Aufmachung auch meistens ebensolcher Inhalt, heutzutage verstecken sich im seichten Gewand auch schon mal echte literarische Perlen. Bestes Beispiel – Bora von Ruth Cerha, erstklassige Literatur in trivialer Aufmachung.

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Ich muss das jetzt erstmal loswerden, bevor ich diesen wunderbaren Roman gebührend lobe. Denn ich frage mich, warum macht der Verlag das? So ein Cover für so ein Buch? Weil es sich besser verkauft? Literarisches Downshifting für den größeren Umsatz? Bei mir hätte diese Strategie jedenfalls ihr Ziel verfehlt. Denn unter gar keinen Umständen hätte ich ein Buch mit diesem Cover jemals in die Hand genommen, wenn es nicht von der Frankfurter Verlagsanstalt wäre. Natürlich ist Covergestaltung immer auch Geschmackssache – aber Typo, Grafik und Farbigkeit zielen bei diesem Werk ganz klar auf seichte Unterhaltungsliteratur. Und nicht nur das – auch der Untertitel geht in meinen Augen gar nicht. Seit M.M. Kayes „Palast der Winde“ und Zafons großem Barcelona-Bestseller verbietet es sich für anspruchsvolle Belletristik, den Begriff „Wind“ im Titel zu führen.

Egal – das sind alles zwar wichtige Punkte, aber dennoch nur Äußerlichkeiten. Kommen wir zum Wesentlichen, dem Inhalt. Und hier punktet Ruth Cerha auf ganzer Linie. Bora ist keine Geschichte vom Wind, sondern eine der besten Liebesgeschichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Das kann zwar rein thematisch auch trivial sein, ist es aber nicht. Denn jede Liebe steht und fällt mit ihren Protagonisten. Und die sind in Ruth Cerhas Roman wunderbar tiefgründig, vielschichtig, authentisch und sympathisch. Es kommt nicht oft vor, aber manchmal begegnen mir beim Lesen Figuren, die mir in nahezu allen Punkten sympathisch sind. Menschen, mit denen ich gerne befreundet wäre. Mara und Andrej, das Liebespaar aus Bora, sind solche Menschen.

Mara kommt aus Österreich, ist Ende Dreißig und Schriftstellerin. Seit Jahren schon verbringt sie Ihre Sommer auf einer kleinen kroatischen Adriainsel. Andrej ist US-Amerikaner mit kroatischen Wurzeln, Fotograf, mal hier und mal da auf der Welt beschäftigt und immer mal wieder auch auf besagter Insel. Die beiden sind wie für einander gemacht. Ich bin ja kein großer Romantiker, aber hier habe ich mir zum ersten Mal ein richtiges Happy End gewünscht. Ich wollte, dass das klappt mit den beiden. Weil sie mir als Typen, als Menschen gut gefallen haben. Ganz besonders Mara. Alles, was sie über ihr Schreiben, ihren Alltag, die Liebe, ihr bisheriges Leben äußert, kann ich nachvollziehen, ist in Ansätzen auch meine Meinung. Hundert Prozent Sympathie – inklusive Musikgeschmack.

Das ist es, was ich generell beim Lesen so schätze. Man schließt Freundschaft mit Menschen, die man mag und interessant findet. Man kann sie ein Stück des Weges begleiten, ihnen zuhören, mitlachen, mitleiden, Verständnis zeigen. Sie verlangen nichts als Gegenleistung und am Ende verabschiedet man sich, stellt das Buch ins Regal und wartet auf den nächsten Roman dieses Autors. Denn eigentlich ist es ja der Autor, die Autorin, die man sympathisch findet.

Und was ich an Ruth Cerha besonders sympathisch finde, ist ihr Erzählstil. Eine virtuose Leichtigkeit bei gleichzeitig großer Sprachgewalt, mit der sie wunderbare Bilder projiziert. Das zeigt sich in Passagen wie dieser hier:

„Andrej wuchs in mein Inselleben hinein wie eine Schraube, die sich in ein Gewinde dreht. …Normalerweise brachten Männer alles durcheinander, sobald sie in mein Leben traten. Immer zogen sie Bausteine von ganz unten aus meinem Gebäude und setzen sie ganz obendrauf, wo sie mir die Sicht auf die Welt verstellten, während ich damit beschäftigt war, das Ding stabil zu halten, trotz der plötzlichen Lücken im Fundament. Andrej ließ alles, wo es war, und setzte seine Steine dahin wo Platz war.“

Und jetzt sage mal einer, dass er sich etwas anderes unter einer perfekten Beziehung vorstellt. Nein, es passt schon, wie der Österreicher sagt. Mara und Andrej haben meinen Segen. So sollte Liebe sein. Und wer noch ein wenig mehr braucht, als nur eine Liebesgeschichte, kommt bei Bora auch auf seine Kosten. Denn wer kennt schon die durchaus interessante Geschichte der kroatischen Auswanderer, die während der Tito-Aera das Land auf Ruderbooten Richtung Italien verließen und sich anschließend in den USA ansiedelten? Oder auch die Daseinsberechtigungsprobleme, die ein Autor hat, der einen ganzen Sommer auf einer Mittelmeerinsel verbringt, um zu schreiben, dann aber blockiert und keinen einzigen Buchstaben zu Papier bringt. Auch das alles erzählt und schildert Ruth Cerha dem Leser empathisch, leicht und spannend.

Und natürlich ist da auch noch der Wind, die Bora, die kalt und stürmisch aus den Bergen kommt und die Insel für Tage lahmlegt. Sie darf nicht fehlen in diesem Sommer, Mara und Andrejs Sommer. Aber das macht aus diesem grandiosen Liebesroman noch lange keine „Geschichte vom Wind“.

Titelfoto: Gabriele Luger

Sven Heuchert – Asche

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Ich hab jetzt schon vier erste Sätze geschrieben. Mit dem hier sind es Fünf. Und immer noch bin ich nicht zufrieden. Das ist es nicht. Das wird dem Buch nicht gerecht. Aber ich muss mir jetzt auch keinen abbrechen, muss jetzt keine Hammer-Rezension raushauen. Nur weil ein gewisser Sven Heuchert, so ein tätowierter Enddreißiger, mit Bart, engen Hosen und Hut, ein Nobody, ein unbeschriebenes Blatt – nur weil dieser Typ jetzt zufälligerweise ein Hammer-Buch geschrieben hat. Sein Erstes wohlgemerkt und dazu auch noch Kurzgeschichten, keinen Roman. Ach, was sage ich? Nein, keine Kurzgeschichten, auch keine Erzählungen, sondern: Stories. Das klingt cooler, so steht es auf dem Cover und so soll es auch sein. Denn diese Stories sind mit Abstand das Coolste und Abgefahrenste, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

Aber jetzt mal der Reihe nach. Sven Heuchert kommt nicht aus Berlin und wohnt und arbeitet auch nicht dort. Und er hat es trotzdem drauf. Das allein ist schon mehr als bemerkenswert. Wie soll das gehen? Weiß ich auch nicht. Er scheint eine dieser berühmten Ausnahmen zu sein. Laut Klappentext ist er „geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‚Zinn 40’ noch in der Schule. Mit 19 Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen, Rückkehr in die Provinz. Keine Preise.“

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Für diese Kurzvita allein müsste man ihn schon lieben. Herrlich sympathisch, kein aufgesetzter Fatzke, keiner dieser Hildesheimer, sondern ein echter Bro, ehrlich, authentisch, spannend. So wie die Protagonisten seiner Stories. Typen aus der rheinländischen Provinz. Einige davon in Arbeit, alle mit kleinen und größeren Niederlagen in der Vita, alle authentisch und spannend, alle keine Preise. Es wird gesoffen, geraucht, gevögelt und in die Fresse gehauen – typische Männergeschichten möchte man meinen. Und nun ja, warum soll man es abstreiten? Ja, das sind schon typische Männergeschichten. Vom unteren Rand der Gesellschaft, dort wo man sich als Akademiker eigentlich nur theoretisch auskennt. Da wo alles etwas einfacher gestrickt ist, Männer Knastgeschichten erzählen, ihren Klischees fröhnen dürfen und Frauen das auch noch gut finden.

Und doch ist Heuchert kein neuer Bukowski. Auch wenn Fans vom guten alten Henry Chinaski die Geschichten von Sven Heuchert super gut gefallen würden. Er selbst verortet sich irgendwo zwischen Raymond Carver und Jörg Fauser. Ich würde noch Ralf Rothmann nennen wollen aber damit soll es auch genug der Vergleiche sein. Heuchert hat diese Vergleiche nicht nötig, denn er hat es einfach drauf – einfache, verdichtete Sprache, keine komplizierten Settings, in die man sich erst reindenken muss. Er kommt bei jeder Geschichte sofort zur Sache. Nach spätestens einer halben Seite ist man in der Story. So müssen Kurzgeschichten sein – Verzeihung – so müssen Stories sein.

Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann den Titel des Erzählbandes. „Asche“ – das klingt in meinen Ohren zu sehr nach Simon Beckett und führt den oberflächlichen Betrachter komplett auf die falsche Fährte. Hier bei Heuchert ist nichts geheimnisvoll und mysteriös. „Bitumen“, „Belgische Schokolade“ oder „Die schönen Frauen von Hangelar“ – das wären in meinen Augen wesentlich bessere Titel für dieses grandiose Debüt gewesen. Aber egal. Das sind alles nur Kleinigkeiten. Und sonst habe ich eigentlich nichts zu meckern.

Ich verbeuge mich vor diesem großen Talent und es bleibt mir nichts anderes zu sagen, als dass ich mit Sven Heuchert, bevor er ein großer Star wird, gerne noch ein paar Bierchen trinken würde.

Titelfoto: Sven Heuchert

Julia Wolf – Alles ist jetzt

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Jeder Mann kennt solche Situationen: Die Partnerin ist niedergeschlagen, starrt mit leerem Blick an die Wand, hat Tränen in den Augen. Man möchte wissen, was los ist. Doch sie schüttelt nur den Kopf, will nichts erklären. Nimm mich einfach nur in den Arm, heisst es dann. Ist gleich wieder gut. Und in der Tat, nach einer Umarmung und fünf Minuten ist tatsächlich wieder alles gut. Das Seelenleben einer Frau ist und bleibt für uns Männer ein Rätsel. Je mehr man sich bemüht zu verstehen, desto weniger gelingt es einem. Irgendwann hört man auf, nach den Gründen zu fragen. Von einer schweren Depression bis zu „Ich-hab-nichts-anzuziehen“ ist alles möglich.

Auch bei Julia Wolfs grandiosem Debütroman „Alles ist jetzt“ habe ich nicht hundertprozentig verstanden, warum es der Protagonistin Ingrid eigentlich so schlecht geht. Ja klar, da sind die Dämonen der Vergangenheit und eine nicht sehr harmonische Kindheit. Die Mutter Alkoholikerin, der Vater verlässt die Familie und gründet eine neue. Sie und ihr Bruder sind auf sich allein gestellt. Und dann kommen noch Drogen und an Missbrauch grenzende Erlebnisse mit dem Freund des Bruders hinzu. Es gibt Menschen, für die ist das der ganz normale Alltagswahnsinn. Und es gibt Frauen wie Ingrid, die sich vor Kraft-, Mut- und Hoffnungslosigkeit irgendwo hinlegen und einfach keine Lust mehr haben aufzustehen.

Aber letztlich ist es auch egal, woher die Dämonen der Protagonistin eigentlich kommen. Sie sind da, sie bestimmen ihr Leben, haben es früher bestimmt und bestimmen es auch jetzt – alles ist jetzt. Der perfekte Titel für das Buch. Alles ist jetzt – damit umreißt Julia Wolf die eigentliche Kernbotschaft des Romans. Dass man nämlich Dinge, die einem widerfahren sind, existenzielle Dinge, sein ganzes Leben mit sich herumschleppt. Das berühmte Päckchen, welches man zu tragen hat, die sprichwörtlichen Leichen im Keller. Man wird das alles nicht los, muss lernen damit zu leben. Der eine kann es besser, der andere schlechter. Ingrid bekommt das nicht so gut hin.

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Julia Wolf auf der Leipziger Buchmesse.

Ich bin kein Freund von Therapieromanen. Dieses einfach mal alles von der Seele schreiben, damit es raus ist, schwarz auf weiß irgendwo steht und einen nicht mehr belastet. „Alles ist jetzt“ ist auch kein Therapieroman. Hier geht es nicht ums Schreiben als Therapie, sondern ums Beschreiben eines Seelenzustandes. Und das gelingt Julia Wolf ganz hervorragend. Ach, was sage ich? Es hat mich umgehauen!

Schon auf den ersten Seiten wird man in die Geschichte eingesogen. Julia Wolfs Sprache hat Drive, transportiert die schwere, düstere Stimmung mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Alles nimmt sofort Fahrt auf, man liest wie elektrisiert Seite um Seite und will den leider nur 160 Seiten umfassenden Roman gar nicht mehr aus der Hand legen.

Irgendwann habe ich angefangen, einzelne Seiten laut zu lesen. Dann spürt man die atemberaubende Kraft der Sätze noch deutlicher. Fast schon poetisch verdichtet, irre intensiv und eindrucksvoll und dabei leicht und locker, fast schon beiläufig dahingeschrieben. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Eine Art Sprech/Schreibstil, mal kurze Sätze: Subjekt, Prädikat, Objekt. Mal fehlt das Subjekt, mal das Prädikat. Unvollständig – ja, aber ok. Vollständig wäre der Satz nur halb so gut, würde an Tempo verlieren. Dann wieder Schachtelsätze, ineinander, zueinander, hintereinander gestellt. Zwischendrin mal wörtliche Rede, natürlich ohne Anführung, ohne sagte, meinte, dachte.

Das wird nicht jedem gefallen, aber ich bin schwer begeistert und ziehe meinen Hut vor dieser sprachlichen Meisterleistung. Sprache und Handlung korrespondieren perfekt und so kommt es, dass man wie im Rausch durch die Seiten fliegt und zum Schluss am liebsten noch einmal von vorne beginnen möchte. Ein grandioses Leseerlebnis. Das beste Debüt des Jahres.

Und Ingrid? Ingrid trägt ihr Päckchen weiter. Die Mutter stirbt, Ingrids Dämonen sterben nicht – alles ist immer noch jetzt.

Titelfoto: Gabriele Luger
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Klicktip:
Auch Sophie vom Blog Literaturen ist von diesem Debüt begeistert.