Charles Lewinsky – Kastelau

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Wie soll ich anfangen? Was nach vorne stellen? Am besten gar nicht lange überlegen, sondern sagen wie es ist. Kastelau ist ein wunderbarer Roman, meine Entdeckung des Jahres, eine Top-Empfehlung für jeden Literaturfreund.

Innerhalb von drei Tagen habe ich das Buch ausgelesen. Gestern habe ich es ins Regal gestellt und gedacht: was für eine Wohltat! Endlich mal wieder ein Buch mit Anspruch, das flüssig und angenehm zu lesen ist. Kein Handlungs-Tohuwabohu, keine sprachlichen Experimente. Hier bemüht sich ein Autor nicht um einen irgendwie gearteten literarischen Anspruch, hier bemüht sich der Autor um seine Leser. Lewinsky will einem nicht beweisen, wie gut er schreiben kann, er will eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die gar nicht mal so einfach ist – mit unzähligen Charakteren, unterschiedlichsten Schauplätzen und Zeitsprüngen von über 70 Jahren. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommen auch noch zig verschiedene Stilformen hinzu, die alle paar Seiten wechseln. Die Geschichte schlängelt sich durch ein Manuskript, das eigentlich eine Dissertation ist, durch ein Interview, Tagebuchnotizen, Wikipedia-Einträge, Fragebögen, Drehbücher, Briefe und Presseberichte.

Beste Voraussetzungen eigentlich, um ein literarisches Ungetüm zu erschaffen, das den Leser an seine Grenzen führt, von der Kritik als Jahrhundertroman gelobt wird und allgemein als unlesbar gilt. Ein neuer Ulysses, ein neuer David Foster Wallace. Doch das ist nicht Lewinskys Anspruch. Er hat zu jedem Zeitpunkt den Leser seiner Geschichte im Auge und will ihn nicht verlieren. Jeder der zahlreichen Ort- und Zeitsprünge, jede neue Stilform macht Sinn. Man hat das Gefühl, das musste jetzt so kommen, ist dramaturgisch folgerichtig und logisch. Kaum stellt sich eine Frage, bietet Lewinsky schon im nächsten Kapitel die passende Antwort. Das ist Covenience-Reading im besten Sinne.

Mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit führt Lewinksy uns von Berlin in die USA, vom zweiten Weltkrieg in die Achtziger Jahre, von einem Drehbuch zu einer Dissertation. Und das alles, ohne dass der Erzählstrang abreißt, der Spannungsbogen bricht oder der Leser ihm entgleitet. Ich würde gerne jedem jungen Autor Kastelau als Lehrbuch empfehlen. Damit man mal sieht, wie das geht, mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven.

Und jetzt bin ich bei aller Begeisterung mal wieder mit keinem Wort auf die Handlung dieses Romans eingegangen. Das sei ganz kurz noch erwähnt. Auch hier lässt Lewinsky sich nicht lumpen und bietet dem Leser ein ganzes Füllhorn menschlicher Tragödien. Es geht um Eitelkeit und Ehrlichkeit, Sieg und Niederlage und gescheiterte Lebensentwürfe.

Fazit: ein toller Roman, ein wunderbarer Lesegenuss und ein Autor, der im Gegensatz zu seinen Romanhelden nicht an seinen Ansprüchen gescheitert ist.

Fotos: Gabriele Luger

Nino Haratischwili – Das achte Leben (Für Brilka) 

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Der beste Roman aus dem Jahr 2014 jetzt auch als Taschenbuch. 

Ich habe ein wenig schlechte Laune und das passt mir gerade gar nicht. Denn ich will loben, preisen und aufs Wärmste empfehlen. Und zwar ein Buch, das mich drei Wochen durch trübe November-Tage begleitet hat. Ein Buch, das mich nicht eine Sekunde gelangweilt hat, auf das ich mich jeden Abend gefreut habe. Ein Buch, das jetzt ausgelesen im Regal steht und dessen breiten Rücken ich mit Stolz, Hochachtung und Wehmut betrachte. Stolz, dass ich es gefunden, gelesen und genossen habe. Hochachtung vor der Leistung der Autorin und Wehmut, weil dieser Literaturgenuss jetzt vorbei ist. Ich habe mich an diese wunderbaren Leseabende mit Stasia, Christine, Kitty, Elene und Niza gewöhnt. Darauf jetzt verzichten zu müssen, macht mir irgendwie schlechte Laune.

Ich glaube jeder, der ein wenig Sinn für gute Geschichten und eine gute Schreibe hat, wird merken, was er hier in den Händen hält. Nicht irgendeinen Schmöker, keine x-beliebige Familiensaga, kein Buch für eine Saison. Nein, was Nino Haratischwili hier abgeliefert hat, wird bleiben und die Zeit überdauern. Ich scheue mich ein wenig vor dem großen Wort, frage mich, ob das, was mir auf der Zunge liegt, nicht zu hochgegriffen ist. Ob ich das überhaupt beurteilen kann. Aber warum eigentlich nicht? Ich habe schon viel gelesen, darunter auch vergleichbar dicke Familien-Epen wie Tolstois „Krieg & Frieden“, die Buddenbrooks oder Jonathan Franzens „Korrekturen“. Und genau in diese Reihe möchte ich auch „Das achte Leben“ stellen. In meinen Augen ist dieser Roman Weltliteratur, nicht mehr und nicht weniger.

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1,2 kg Weltliteratur.

Bemerkenswert finde ich die Identifikation der Autorin mit der zu erzählenden Geschichte. Sie erzählt und beschreibt jede einzelne Begebenheit aus knapp 100 Jahren georgisch/sowjetischer Geschichte so, als hätte sie das alles selber erlebt. Sie ist zu 150% drin in der Handlung. Sie ist fasziniert, schockiert, begeistert und traurig. Und all das gibt sie an ihre Leser weiter. Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, da will mir einer was erzählen, Seiten schinden und nur ein dickes, bedeutendes Buch schreiben. Nein, ich kaufe ihr jede einzelne Zeile aus diesem Mammutwerk ab. Ich glaube ihr jedes Wort. Ich habe das Gefühl, sie musste das erzählen. Wäre sonst an den recherchierten Geschichten erstickt. Schreiben als Therapie. Es musste raus, musste erzählt werden, damit endlich Ruhe ist.

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Die Autorin bei der Lesung in Krefeld. Etwas ungünstig platziert. 

Das Gefühl bekommt man auch, wenn man die Autorin live erlebt. Ich habe sie bei einer Lesung gesehen, und sie sprudelte nur so vor Begeisterung für ihr Thema. Und während Sie so frei erzählte, erkannte ich in ihrer Sprechsprache den gleichen einfachen, klaren aber doch so speziellen Satzbau, der auch ihr Schreiben auszeichnet. Das ist 100% Authentizität.

Solche Schriftstellerinnen begeistern mich. So muss Literatur sein. Einfach perfekt!

Gelesen: November 2014

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🙂

Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt

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Was ist dran an dem Hype um dieses Buch mit dem albernen Titel? Kollektive Begeisterung auf Seiten des Feuilletons, die Literaturblogs kriegen sich nicht mehr ein. Und bei Amazon gibt es eine fünf Sterne Bewertung nach der nächsten. Dabei es geht wohlgemerkt nicht um einen Roman, sondern um einen Erzählband. Und nicht um Judith Herrmann, sondern um eine gewisse Karen Köhler.

Um dem Hype auf den Grund zu gehen, hab ich zwanzig Euro investiert, den neuen Bodo Kirchhoff erst einmal liegen lassen und kritisch in die erste Geschichte hineingelesen. Und es ist wirklich wahr – man legt das Buch nicht mehr aus der Hand. Die Geschichten von Karen Köhler bringen etwas ganz tief im Innersten zum klingen. Ich weiß nicht was es ist, vielleicht sind es die Themen: Freundschaft, Liebe, Krankheit, Sterben, Verlust und Tod. Darum geht es im Leben. Das passiert uns, daran scheitern wir. Wir alle. Irgendwann.

Ich bin still geworden beim Lesen. Hatte stellenweise Gänsehaut, Tränen in den Augen und fühlte mich reich beschenkt. Dieses Buch ist einfach wunderbar. Trotz der tiefen Traurigkeit, die allen Geschichten innewohnt, ist die Sprache voller Leichtigkeit und Frische. Da werden keine düsteren Klischees bedient, keine schwermütigen und bedeutungsschwangeren Phrasen gedroschen.

Knapp zwanzig Euro für ein Buch, das man innerhalb weniger Stunden ausgelesen hat. Und doch war es die beste Investition seit langer Zeit. Der Hype ist völlig berechtigt. Und ich hype jetzt mal kräftig mit. Für mich das Debüt des Jahres.

Gelesen: September 2014

Foto: Gabriele Luger

Karen Köhler liest zehn Seiten: Bildschirmfoto 2014-11-29 um 23.17.36

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Sasa Stanisic – Vor dem Fest

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Ich weiß nicht, warum ich dieses Buch so mag. Es ist keine leichte Kost. Es ist nicht spannend, nicht dramatisch, besonders emotional oder witzig geschrieben. Die Geschichte wechselt ständig von Jetzt auf Gestern. Dann wieder zu Vorgestern und zurück. Die Charaktere werden nur kurz vorgestellt, einige begleiten einen durchs Buch, andere haben nur einen Auftritt. Verschiedene Handlungsstränge und Rückblicke im zeitgenössischen Sprachstil – alles was normalerweise gar nicht geht, wenn man mehr als nur eine Handvoll Leser erreichen will.

Doch bei diesem Roman funktioniert es. „Vor dem Fest“ ist kein anstrengender Avantgarderoman, sondern ganz hervorragende Unterhaltung, neue deutsche Literatur mal anders. Kein Literaturexperiment und wenn doch, dann ein geglücktes. Da hat ein Autor nicht sich selbst wiedergegeben, sondern sich hineinversetzt. In ein Dorf, eine für die meisten Leser unbekannte Region, unspannend, unspektakulär und doch liebens- und lebenswert. Der Protagonist ist die Uckermark, das Dorf Fürstenfelde. Das klingt langweilig, nach trockener Geschichtsschreibung und man fragt sich, wer will das lesen?

Scheinbar viele – dem Erfolg dieses Romans nach zu urteilen. Ich verstehe auch warum. Denn man schwebt beim Lesen nur so durch die Seiten. Alles ist perfekt konstruiert, fügt sich harmonisch zu einem Bild zusammen. Und auch Passagen, die einen vielleicht nichts sagen, nerven oder auch langweilen, sind nie sehr lang und werden schnell von amüsanten, kurzweiligen Episoden abgelöst. So ist man schnell durch mit diesem Buch, stellt es zufrieden ins Regal und sagt sich: „Das war mal was anderes“.

Gelesen: April 2014
Foto: Gabriele Luger

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Monika Zeiner – Die Ordnung der Sterne über Como

Den Anfang machte ein Bild. Ein Foto von der Autorin mit dem Hinweis, dass sie aus ihrem Debutroman liest und zwar im Hotel Adlon. Ich betrachtete das Foto, die Pose, die Frisur und sagte mir: ja klar, wo sonst?

leseheimatmonikazeiner104_v-WDRPortraitGrossMonika Zeiner (Bildrechte: Milena Schloesser)

Dann kaufte ich mir das Buch, verbrachte eine intensive Lesewoche und wusste warum es das Adlon sein musste. Weil dieses Buch ein echter Fünf-Sterne-Roman ist. Weil es einfach erstklassigen Lesegenuss bietet. Weil man mit ausgesuchten Sätzen verwöhnt wird und mit liebevoll eingeführten Protagonisten zu erlesenen Schauplätzen geführt wird. Weil dieser Roman für mich einfach zu den besten Büchern des Jahres gehört.

Der Plot an sich ist wie immer nicht kriegsentscheidend. Eine Dreiecksgeschichte in Künstlerkreisen. Diesmal Musiker. Die große Liebe, die enttäuschte Liebe, die unerfüllte Liebe. Und natürlich Berlin. So weit, so gewöhnlich. Doch das Wie! Das ist wirklich außergewöhnlich. Sprache, Stimmung, Spannung – alles top.

Monika Zeiner baut die Geschichte gekonnt auf. Als wenn sie nie etwas anderes gemacht hätte, als Romane zu schreiben. Sie konstruiert eine einzigartige Lesestimmung, leitet uns Leser mühelos durch unterschiedliche Zeitstränge und Erzählperspektiven. Dabei lässt sie einem genügend Zeit, um mit den Romanfiguren warm zu werden.

Alles in allem ein sehr empfehlenswertes Buch, das noch dazu wie alle Blumenbar-Bücher liebevoll editiert ist und wunderbar in der Hand liegt.

Gelesen: Dezember 2013
Titelfoto: Gabriele Luger

David Wagner – Leben

Wer viel liest und sich für Literatur interessiert, hat bestimmt schon mal davon geträumt, selber ein Buch zu schreiben. Keinen belanglosen Unterhaltungsschinken, sondern ein richtiges literarisches Meisterwerk. Ein Buch, das nicht nach einem Jahr auf dem Grabbeltisch landet und nach zwei Jahren schon ausgemustert ist. Etwas für kommende Generationen, was noch da ist, wenn man selbst schon nicht mehr ist. So ein Buch wie David Wagners „Leben“.

Ja, genau so muss es sein. Ein wahrer Literaturgenuss. Bei dem jedes Wort, jeder Satz perfekt sitzt. Mit einem wunderbaren Spannungsbogen, der von der ersten bis zur letzten Seite nicht abreißt. Obwohl eigentlich gar nicht viel passiert. Krankenhausalltag: „Morgens, mittags, abends, nachts. Tagschwester, Nachschwester. Visite, Bereitschaftsarzt. Frühstück, Mittagessen, Abendessen, sonnabends Eintopf, sonntags keine Visite.“

Dazwischen tausend Gedanken. Das, was Menschen durch den Kopf geht, wenn ihnen langweilig ist. Wenn sie an einem trostlosen Ort gefesselt sind. Wenn sie stundenlang auf eine bestimmte Stelle Krankenhaus-Linoleum starren. Wenn der Körper Probleme macht, das eigene Leben seine Selbstverständlichkeit verliert. Ich kenne nur wenige Autoren, die den berühmten „stream of consciousness“ so gekonnt, spannend und zugleich so poetisch zu einem Handlungsstrang formen können. Und dabei auch noch uneitel und authentisch rüberkommen. Und trotz der Thematik nicht mitleidsheischend ins dramatisch Kitschige abdriften. Und alle Fakten gut recherchiert haben. Und sich bei allem eine gewisse Coolness bewahren. Und überhaupt…

Ich bin einfach begeistert. Fünf Sterne für dieses Meisterwerk.

Gelesen: Mai 2013

Bodo Kirchhoff – Liebe in groben Zügen

Es hat etwas gedauert, bis mich dieses Werk gepackt hat. Knapp hundert Seiten hab ich gehadert, gefremdelt mit der Lesestimmung, der Sprache, den Protagonisten. Ich hab mich gefragt, was diese Nebenhandlung mit Franz von Assisi soll. Warum Kirchhoff nicht mal einen Punkt machen kann. Oder auch mal Anführungszeichen bei wörtlicher Rede.

Aufgesetzt und krampfhaft um einen literarischen Anspruch bemüht – so lautete schon mein vorschnelles Urteil. Irgendwie hab ich trotzdem weitergelesen, teils aus Langeweile, teils weil sich grad nichts anderes anbot, vielleicht auch um mein vernichtendes Urteil zu festigen. Und dann – urplötzlich war ich drin. Auf einmal machte alles Sinn.

Wer braucht schon Anführungszeichen? Niemand! Und ja, warum eigentlich nicht mal wieder Bandwurmsätze? Wenn sie so grandios konstruiert sind wie Kirchhoff es tut, macht es beinahe Spaß, sich darin zu verlieren. Und natürlich – ohne die Nebenhandlung mit dem heiligen Franz würde dem Buch etwas fehlen. Eine angenehme Lesestimmung stellt sich ein, man liest und liest und will gar nicht mehr aufhören. Was einem eben noch sperrig und bemüht erschien, ist auf einmal voller Leichtigkeit. Man taucht ein in die Handlung und gleitet dahin. Man ist mit dabei in Frankfurt, am Gardasee, in Kuba und Lucca. Man friert und hungert mit dem heiligen Franz. Und es stört überhaupt nicht, dass das, was Kirchhoff über die Liebe in den besten Jahren erzählt, über alte Paare, die nicht miteinander aber auch nicht ohne einander können, schon tausendmal beschrieben wurde.

Denn was dieses Buch auszeichnet ist seine Sprachmelodie. Beinahe jeder Satz ein Kunstwerk. Eigentlich viel zu schade, um es leise für sich allein zu lesen. Die Liebe in groben Zügen ist ein Vorlesebuch. Eine große literarische Komposition, die einen in Sprache schwelgen lässt und am Ende traurig und nachdenklich zurücklässt. Weil die Lektüre so schön war und weil das Phänomen der Liebe letztlich auch auf über 650 Seiten wohl nur in groben Zügen beschrieben werden kann.

Gelesen: Juni 2013