Svenja Gräfen – Das Rauschen in unseren Köpfen

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Wer noch nie geliebt hat – und zwar so richtig, so dass es weh tut; diese eine Liebe, von der man später sagen wird, das war die Liebe meines Lebens – wer so etwas noch nie erlebt hat, wer immer nur Beziehungen hatte, die ok waren, in denen man sich eine Zeitlang gut verstanden und vielleicht sogar geliebt hat, dann aber irgendwann nicht mehr, weil das nunmal der Lauf der Dinge ist – für den also Liebe und Leid nicht untrennbar miteinander verbunden sind, nicht zwei Seiten einer Medaille – der wird mit diesem Buch nichts anfangen können.

Der wird mit den Augen rollen, das alles unglaubwürdig und aufgesetzt finden. Der wird denken, dass sich die Protagonisten aus Svenja Gräfens Debütroman mal nicht so anstellen und nicht jeden beiläufigen Blick und Unterton auf die Goldwaage legen sollen, dass jede Partnerschaft Freiräume braucht, man gar nicht immer alles von dem Anderen zu wissen braucht. Wer also die symbiotische Liebe, dieses Nicht-Miteinander- und Nicht-Ohneeinander-Können nicht schon mal am eigenen Leib erlebt hat, wird wahrscheinlich auch die Qualität dieses Romans gar nicht erkennen.

So zumindest meine Vermutung. Aber vielleicht liege ich auch falsch und es ist genau anders herum, und man blickt fasziniert auf das, was man nicht kennt. Ist ja auch egal. Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber, was andere bei der Lektüre dieses Romans empfinden könnten und erzähle nicht einfach, wie es mir selbst beim Lesen von „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ergangen ist? Wie ich schon auf den ersten Seiten gemerkt habe, dass ich ein ganz besonderes Buch in den Händen halte; wieder so ein sprachliches Juwel, das man eigentlich vom Anfang bis zum Ende laut lesen möchte. Mit wunderschönen Sätzen – manchmal lang und verschachtelt, manchmal kurz und knapp – immer in der richtigen Taktung für das, was da gerade beschrieben wird.

Aber worum geht es eigentlich? Svenja Gräfen erzählt die Liebesgeschichte von Lene und Hendrik, beide Anfang/Mitte Zwanzig, die sich zufällig in der U-Bahn über den Weg laufen. Nach einem gemeinsam verbrachten Nachmittag ist ihnen sofort klar: Das ist die große Liebe. Vom ersten Tag an geht es bereits nicht mehr ohne den anderen. Im Englischen heißt es: „Falling in Love“. Und genau das ist, was Lene tut. Sie fällt aus ihrem bisherigen Leben, hinein in diese neue Liebe und verliert sich dabei in einer bodenlosen Tiefe, die Hendrik mit in die Beziehung gebracht hat.

Lene gefällt Hendriks Schwermut, sein tiefer wissender Blick, seine zurückhaltende und schweigsame Art. Sie ahnt nicht, dass es mehr ist als nur ein Charakterzug, dass man so wird, wenn der depressive Vater monatelang das Bett nicht verlässt, um dann irgendwann aufzustehen, sich Anzug und Krawatte anzuziehen und mit dem Auto gegen einen Betonpfeiler zu fahren. Lene wusste auch nicht, dass Hendrik so etwas wie mit ihr schon mal erlebt hat. Die Erkenntnis ist zwar der absolute Romantikkiller, aber es ist leider so: Manchmal begegnet einem die Liebe des Lebens auch zum zweiten Mal.

Hendrik war vor Lene bereits mit Klara zusammen, seiner ersten großen Liebe. Und wenn die Krankheit des Vaters nicht schon genug Leid über Hendrik gebracht hätte, so eliminierten Klaras depressive Schübe das letzte Bisschen von Hendriks Unbeschwertheit. Hendrik stand Klara bei, begleitete sie mit seiner Liebe durch ihre dunklen Tage. Und als es ihr schließlich wieder besser ging, verließ sie ihn. Er zog von Hamburg nach Berlin, traf dort Lene in der U-Bahn, und die zweite große Liebe nahm ihren Lauf.

Doch natürlich kann so etwas nicht gut gehen. Manche Menschen können gar nicht anders als mit diesem Absolutheitsanspruch zu lieben. Immer wieder ganz oder gar nicht. Hendrik scheint so ein Mensch zu sein. Und dazu gehört auch, dass so eine Liebe, auch wenn sie offiziell vorbei ist, niemals so ganz erlischt. Klara meldet sich wieder, signalisiert, dass es ihr nicht gut geht; Hendrik weiß nicht mehr weiter, und es passiert, was passieren muss. Die Liebe des Lebens zerbricht, weil es eben doch nur eine geben kann.

Svenja Gräfen ist erst 27 Jahre alt. Ich bin schwer beeindruckt, wie man in so jungen Jahren, schon ein so reifes Werk vorlegen kann. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis mit jeder Menge Gänsehautmomenten und das ideale Buch für Sprachverliebte, Großstadt-Melancholiker und natürlich für alle Liebenden.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Ullstein Fünf
236 Siten, 16,00 €

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

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Was brauchen Kinder eigentlich? Was tut ihnen gut, was muss da sein, damit sie sich normal und gesund entwickeln können? Heutzutage ist das ganz schön kompliziert geworden. Da immer mehr Eltern sich über ihre Kinder definieren, gibt es auf diese Fragen tausend Antworten. In einem Punkt sind sich aber alle einig: Liebe ist durch nichts zu ersetzen. Darüber herrscht Konsens – vom Prenzlauer Berg über München Bogenhausen bis nach Duisburg Marxloh. Elternliebe – ja, es gibt nichts Besseres.

Und dann schlägt man den Debütroman von Arno Frank auf und denkt: von wegen! Geh mir weg mit Elternliebe. Auf 350 Seiten kann man miterleben, was Elternliebe alles anrichten kann. Arno Frank schreibt hier die Geschichte seiner Kindheit auf. Einer Kindheit auf der Flucht vor der Polizei, mit Eltern, die immer nur das Beste wollten. Für sich und für Ihre Kinder. Ein schönes Zuhause, schöne Klamotten, Essen in den besten Restaurants, einen Pool, Hunde, Sportwagen, ein Kindermädchen. Und da sich das alles auf normalem Wege nicht einfach so ergeben wollte, haben sie es sich halt genommen. Unsaubere Geschäfte, veruntreutes Geld, ein kriminelles Ding nach dem anderen.

Und natürlich ist das nicht gut gegangen. Die ganze Familie flieht mit drei Kindern und zwei Hunden durch halb Europa, verelendet immer mehr, paralysiert von Langeweile, Hunger und Angst. Aber Liebe, Liebe war immer da. Vater und Mutter lieben ihre Kinder, schleppen sie vor lauter Liebe von einer Katastrophe in die nächste. Hauptsache, wir sind alle zusammen – so lautet das Familien-Mantra. Bis dann irgendwann gar nichts mehr geht, ein traumatischer Showdown in einem bayerischen Hotelzimmer.

Und dann wieder Normalität. Ein trockenes Bett, saubere Klamotten, genug zu essen, Schule und ein paar Freunde. Der Vater im Knast und danach für immer verschwunden. Noch ein paar Jahre mit der Mutter, die das alles nicht wollte. Und nach der Schule dann so schnell wie möglich ins eigene Leben. Das Erlebte irgendwie wegstecken, verdrängen, klar kommen. Sich schwören, dass die eigenen Kinder so etwas niemals durchmachen müssen. Und nach dem Tod der Mutter sich endlich hinsetzen und das alles aufschreiben, weg von der Seele, reinen Tisch machen. Frieden finden.

Ich habe diesen Roman mit offenem Mund an einem Tag durchgelesen, mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen weggelegt und an den Mann gedacht, mit dem ich mich in Leipzig auf der Tropen-Party so gut unterhalten hatte. Arno Funk war mir sofort sympathisch. Ein cooler Typ, der für Spiegel Online, taz und den Musikexpress schreibt. Wir haben uns über Ulf „Porsche“ Poschardt und Tom Kummer unterhalten, der da auch irgendwo herumsprang. Damals hatte ich noch keine Ahnung von seinem Roman, wusste nur, dass er Debütautor bei Tropen ist. Jetzt würde ich mich mit ihm über andere Dinge unterhalten. Ob er seinen Eltern verziehen hat, ob er sie liebt oder hasst, weiß, ob sein Vater noch lebt und was der kleine Bruder mit den Schwimmflügeln heute macht.

Dieses Buch hat mich mitgenommen. Ich bin aufgewühlt und habe das Gefühl, dass ich jetzt etwas ganz Besonderes darüber schreiben müsste. Aber es fällt mir beim besten Willen nichts ein, was meine Gefühle auch nur annähernd wiedergibt. Daher bleibt am Ende nur diese eine Frage, die sich für mich immer bei autobiografischen Werken stellt. Kommt danach noch ein weiterer Roman oder war es das schon mit der Schriftsteller-Karriere?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Tropen
351 Seiten, 22,00 Euro

 

Sven Amtsberg – Superbuhei

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Was kann man mehr von einem Buch erwarten, als dass es einen für ein paar Stunden aus dem Alltag reißt, mit Problemen konfrontiert, die nicht die eigenen sind, mit fremden Stimmungen, Gerüchen und Ängsten. Wer kennt nicht dieses tolle Gefühl, wenn man beim Lesen kurz innehält, aufblickt und sein eigenes Leben betrachtet. Wie friedlich, wie schön und wertvoll einem dann auf einmal alles erscheint. Wenn sich darüber hinaus noch die Protagonisten und das Setting eines Romans in die Träume schleichen, man morgens ein paar Sekunden braucht, um zu realisieren, dass man nicht in einem muffig riechenden Haus in Hannover-Langenhagen, sondern im eigenen, heimeligen Bett erwacht, dann, ja dann ist das Leseglück perfekt.

Eigentlich habe ich ja momentan überhaupt keine Zeit für irgendwelche Neuerscheinungen. Die Frühjahrs-Novitäten stapeln sich bei mir ungelesen im Regal und müssen warten, bis ich mit den Blogbuster-Manuskripten durch bin. Aber ich blättere zumindest mal rein, schau aufs Autorenfoto, lese den Klappentext, um ganz grob Bescheid zu wissen. Das tat ich auch bei diesem Buch – mit dem Resultat, dass ich es nicht mehr aus den Händen legen konnte. Die Story ist so skurril und dabei so trocken und auf den Punkt erzählt, dass es eine wahre Freude ist, sich in dieses miefige niedersächsische Setting fallen zu lassen.

Dabei landet man in einem Supermarkt in Hannover-Langenhagen, dem Superbuhei, wo Mona, eine solariumgebräunte Sitzschönheit, an der Kasse arbeitet. Bei den meisten Supermärkten findet man hinter den Kassen einen Bäcker. Im Superbuhei ist dort eine Kneipe, die so heißt, wie der wohl bekannteste Sohn der Stadt: Scorpions-Frontmann Klaus Meine. In dem wohl trostlosesten Ort auf Erden sitzen jeden Tag von 8:00 bis 18:00 Uhr ein paar Alkoholiker am Tresen und hören die immer gleichen Scorpions-CDs. Das ‚Klaus Meine‘ gehört Jesse, Monas Freund. Er ist der Sohn eines Elvis Imitators und mit seinem Zwillingsbruder Aaron in Hamburg Rahlstedt aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern fühlte er sich von Aaron bedroht und flüchtete vor dessen Nachstellungen nach Hannover.

Das klingt jetzt nicht besonders spannend, trotzdem hat mich der Roman begeistert. Amtsberg schafft es, trotz des skurrilen Settings, der schrägen Figuren und den Musikbezügen, keinen typischen PopLit-Roman abzuliefern, wie ich es zunächst erwartet hätte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte zu einem bedrückend intensiven Familienpsychogramm.

Da sind zunächst Jesses Eltern, ihre Träume und ihr Scheitern. Das verzweifelte Streben, irgendetwas Besonderes aus dem bisschen Lebenszeit zu machen. Doch es reichte nur für einen Imbisswagen, einen Glitzeranzug und zwei Jungs, die am gleichen Tag geboren wurden, an dem der King of Rock’n’Roll im fernen Memphis tot von der Toilette fiel. Auch der Wunsch des Vaters, der Geist von Elvis und vor allem sein Talent möge in die Rahlstedter Zwillinge fahren, ging nicht in Erfüllung. Stattdessen scheinen sie das Verlierer-Gen der Eltern geerbt zu haben.

Und so sitzt Jesse tagein, tagaus im Klaus Meine hinterm Tresen und blickt seinen volltrunkenen Stammgästen in ihr verlebtes Gesicht. Er weiß genau, sein Leben ist beinahe genauso trostlos wie ihres, aber es ist zumindest sein eigenes Leben. Eines, das er nicht mit seinem Bruder Aaron teilen muss, der ihn im Lauf der Zeit immer mehr kopierte, nachahmte und sich gegenüber Freunden sogar für ihn ausgab. Nach seiner Flucht aus Rahlstedt fühlte sich Jesse zunächst in Sicherheit. Doch er ahnt: Aaron ist ihm auf der Spur, vielleicht hat er ihn bereits gefunden.

Jesses Verfolgungs-Paranoia wächst, wird konkreter, nimmt immer mehr Raum ein. Er trinkt dagegen an, versucht zu verdrängen und auch der Sache nüchtern auf den Grund zu gehen. Aber nichts hilft; ihm fehlen die Beweise. Dennoch ist sich Jesse sicher, dass Aaron in der Nähe ist, vielleicht gerade in diesem Moment mit seiner Freundin Mona schläft, sein Leben Schritt für Schritt übernehmen will. Alles entwickelt sich zu einer am Ende wirklich super spannenden und bemerkenswerten Geschichte. Der relaxte Erzählton und der zurückhaltende, niedersächsische Humor bilden einen interessanten Kontrast zu der sich bedrohlich entwickelnden Szenerie, den tiefschürfenden Tresengedanken und der Tragik gescheiterter Lebensentwürfe.

Gewidmet ist dieser sehr empfehlenswerte Debütroman doch tatsächlich dem kleinen großen Sohn von Hannover-Langenhagen. Klaus Meine ist zwar kein Elvis, hat kaum noch Haare und kann nicht tanzen, doch dafür kann er wunderbar pfeifen. Der Autor tut das zwar nicht, aber wer will, könnte daraus ableiten, dass es oft die kleinen Dinge sind, die Großes bewirken. Wie auch bei diesem Buch: kleiner Verlag, große Entdeckung.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
315 Seiten, 24,00 €