Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

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Was sagt denn der Online-Händler meines Vertrauens zu diesem Buch? Wer kauft was, wenn er das hier gekauft hat? Was mag man denn noch so, wenn man Pierre Jarawans Zedern mag? Big Data weiß Bescheid und spuckt sofort ein Ergebnis aus.

„Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar wird angeblich häufig mit Pierre Jarawans Debütroman zusammen gekauft, heißt es da. Ok, das Thema ist ähnlich – Flüchtlinge aus den Achtzigern und ihre in Deutschland aufgewachsenen Kinder. Darum geht es in beiden Büchern; beides Debüts, beide im Frühjahr bei namhaften Verlagen erschienen. Doch während Shida Bazyar mit ihrem sprachlich sehr beeindruckenden Werk nur mäßigen Erfolg hat, geht Jarawan mit seinem Roman durch die Decke. Mein Leseexemplar ist schon die dritte Auflage, und auch die hohe Anzahl der Kundenbewertungen bei Amazon spricht eine deutliche Sprache.

Wenn man ein wenig weiter scrollt, findet man noch ein Buch, das mit diesem hier häufig zusammen gekauft wird. Und das passt schon besser: Benedict Wells und sein “ Vom Ende der Einsamkeit“. In beiden Büchern verlieren Kinder ihre Eltern, werden erwachsen und schleppen das Trauma des Verlustes ihr Leben lang mit sich rum. Doch während Benedict Wells sich immer nah an der Grenze zum Kitsch bewegt, diese aber nie überschreitet, schießt Jarawan mit seinen Zedern weit darüber hinaus und badet völlig ungeniert in den schwülstigsten Sentimentalitäten. Ja, da kennt der junge Autor nichts. Er trägt dick auf, greift tief in die Gefühlskiste, schmückt aus, dramatisiert, wiederholt sich, lässt nicht locker, steigert sich rein. Das erinnert mich an spanische Unterhaltungsliteratur à la Zafón und Marías, die ich jetzt nicht präferiere, die aber unheimlich erfolgreich ist. Schwer beladene Gefühlsliteratur, bei der es immer darum geht, irgendein dunkles Geheimnis aufzulösen. So etwas wird gern gelesen, das verkauft sich gut.

Und das ist wohl auch das, was Pierre Jarawan mit seinem Debütroman erreichen wollte: einen Verkaufserfolg. Das hat er wohl geschafft, und deswegen wird es ihm wahrscheinlich herzlich gleichgültig sein, ob mir sein Buch gefallen hat. Hat es nämlich nicht. Konstruiert, aufgesetzt und übertrieben, nicht glaubwürdig, voller Klischees und sprachlich so lala – so lautet mein Urteil. Und auch, wenn ich augenscheinlich damit ziemlich alleine dastehe, bleibe ich dabei: Das hier ist allenfalls ein besserer Unterhaltungsroman.

„Alle Söhne lieben ihre Väter…“, steht als Zitat auf dem Backcover. Und da muss ich sogleich Einspruch erheben. Tun sie nicht, einige hassen sie sogar und vielen Söhnen sind ihre Väter vollkommen gleichgültig. Denn die meiste Zeit waren sie gar nicht da, auf Arbeit oder sonstwo unterwegs. Und dann steht da noch „…aber ich habe meinen [Vater] verehrt…“  und wenn man das Buch ausgelesen hat, weiß man, dass auch das nicht stimmt. Denn Verehrung im herkömmlichen Sinne wäre ja noch halbwegs glaubwürdig und authentisch rübergekommen. Aber das, was Samir, der Protagonist dieses Romans, da mit seinem Vater abfackelt, ist die reinste Affenliebe. Vollkommen aufgesetzt und unglaubwürdig. Ich kaufe dem Romanhelden diese Obsession an keiner Stelle ab. Das ist einfach zu konstruiert, zu sehr Tränendrüse, zu durchsichtig dem Romanplot geschuldet.

Denn das dunkle Geheimnis ist, wohin denn der ach so tolle Vater von einem Tag auf den anderen plötzlich entschwunden ist. Und vor allen Dingen: warum? Und weswegen er sich überhaupt nicht mehr um seinen geliebten Sohn, seine Tochter und seine Ehefrau kümmert, mehr als zwanzig Jahre lang. Das ist natürlich ein herrlich mysteriöses Element, dem man mit allen gängigen Klischees aus der Bestsellerromanautoren-Kiste zu Leibe rücken kann. Natürlich vereinsamt Samir, ist ungerecht und gemein zu Mutter und Schwester, unfähig Bindungen zu anderen Frauen einzugehen, kommt beruflich, emotional und überhaupt so gar nicht mit dem Verschwinden des Vaters klar. Er lebt in einer Wohnung, deren Wände mit tausenden Zeitungsschnipseln, Zeichnungen und Quellenangaben zur jüngeren Geschichte des Libanons tapeziert sind. Ja, wie ich schon sagte, er steigert sich rein, hebt ab, wird zum manischen Fährtensucher. In jedem zweiten CSI-Miami-Krimi kommen die Ermittler früher oder später in so eine mit Zeitungsschnipseln vollgestopfte Wohnung eines Massenmörders oder sonstwie gestörten Psychopathen. Das sind echt die billigsten Klischees, die hier bedient werden.

Und damit das alles nicht ganz so banal rüberkommt, baut Jarawan noch etwas jüngere Nahost-Politik ein. Die Geschichte des Bürgerkrieges im Libanon in den siebziger und und achtziger Jahren bis zu den heute immer noch vorhandenen Spannungen zwischen Christen, Moslems, Drusen, Syrern und Palästinensern. Im Anhang gibt es sogar einen Abriss der libanesischen Geschichte, so dass der Bildungsbürger bloß nicht auf die Idee kommt, er hätte nur einen kitschig, schwülstigen Unterhaltungsroman gelesen.

Vielleicht bin ich auch etwas hart in meinem Urteil. Immerhin habe ich den über 440 Seiten umfassenden Roman nicht abgebrochen und bis zum Ende gelesen. Denn natürlich wollte ich wissen, ob Samir am Ende seinen heißgeliebten Vater doch noch wiederfindet. Das werde ich natürlich hier nicht verraten. Wer dies unbedingt wissen will, muss sich wie ich durch alle Übertreibungen, schwülstigen Sentimentalitäten und die jüngere libanesische Geschichte quälen, um dann am Ende festzustellen, dass es nichts Besonderes festzustellen gibt.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
448 Seiten, 22,00 Euro