Literarische Helden (7) – Heinrich Böll

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Nein, dieser Autor ist eigentlich keiner meiner Helden, obwohl er immer schon da war. Seit ich denken kann, gehört er dazu. Jedes Mal wenn ich in den Siebzigern oder Achtzigern vor einem Bücherregal stand, war immer auch ein Buch von ihm mit dabei. Neben Gwen Bristow und Ephraim Kishon, Siegfried Lenz und Walter Kempowski. All diese Autoren und ein Böll durften in keiner Sammlung fehlen. Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Ansichten eines Clowns und das Gruppenbild mit Dame. Die Titel kannte jeder, zumindest als Film. Letzteres sogar mit Romy Schneider verfilmt. Und dazu der Literatur-Nobelpreis. Was war das für ein Hype, damals im Olympia-Jahr 1972. Heide Rosendahl, Mark Spitz und Heinrich Böll. Die Menschen des Jahres als ich sieben war.

Natürlich hat es mich nie gereizt, ein Buch von ihm zu lesen. Dafür war er mir zu alt, zu allgegenwärtig, zu etabliert, zu uncool. Damals waren Schriftsteller ja immer auch politisch, fungierten, wie heutzutage nur noch Juli Zeh, als Quasi-Gewissen der Nation. Ob Nato-Doppelbeschluss oder KSZE-Konferenz – zu allem gaben sie ihren Zigarettenrauch-geschwängerten Senf dazu. Allen voran Heinrich Böll. Seine Meinung war gefragt, in der Tagesschau, der Drehscheibe, bei Monitor und Aspekte. Als er dann Mitte der Achtziger starb, übernahm Günter Grass seine Rolle, inklusive Gesinnung, Baskenmütze und Nobelpreis. Von Böll sprach irgendwie keiner mehr. Und auch seine Bücher liefen einem nur noch selten über den Weg.

Als ich dann vor einem Jahr damit anfing, mir ein Zimmer im Mid-Century-Stil einzurichten, mit Nierentisch, Tütenlampe und Retro-Bücherregal, durften natürlich auch ein paar Bücher aus der Zeit nicht fehlen. Im Möbelladen der Caritas stieß ich auf eine alte Ausgabe vom Gruppenbild mit Dame – KiWi-Original aus dem Jahr 1973 – für einen Euro. Hier und da habe ich dann noch weitere alte Böll-Romane und Erzählungen geschossen, bis ich eine schöne kleine Sammlung zusammen hatte. Und irgendwann – ich weiß auch nicht mehr, was mich dazu bewogen hat – habe ich doch tatsächlich mal in eines der Bücher reingelesen. Eine Erzählung aus einem Sammelband, nicht sehr lang, aber sehr gut. Kein langes Intro, eine Person, ein Schicksal, ein paar Seiten dicht erzählt. Und dann die nächste Geschichte: genauso gut. Wow, der alte Böll! Derart inspiriert und angeregt habe ich mir dann seinen bedeutendsten Roman gegriffen, für den er schließlich den Nobelpreis bekommen hat, das Gruppenbild mit Dame in der Caritas-Edition.

Ich tat mich zunächst ein wenig schwer, was nicht am Text, sondern an der Aufmachung des Buches lag. Der Roman hat knapp 400 Seiten, ist allerdings in einer 9er-Schrifttype gedruckt, was für meine nicht mehr ganz so taufrischen Augen eine echte Herausforderung darstellt. Aber als ich mich erstmal daran gewöhnt hatte, begann das Lesevergnügen. Böll erzählt die Geschichte von Leni, einer Frau in seinem Alter, zwischen den beiden Weltkriegen geboren, aus halbwegs guten Verhältnissen, bildhübsch, aber von schlichtem Gemüt. Berichtet wird aus der Sicht eines Verfassers, der mit unzähligen Zeitzeugen spricht, Erinnerungen zusammenträgt und alle Puzzleteile zu einem komplexen Gruppenbild mit Leni als der besagten Dame zusammenträgt. Einer Dame, die sich im Krieg mit einem Russen eingelassen hat und danach noch mal mit einem Türken. Zwei sogenannte Verfehlungen, die in damaliger Zeit nicht ohne Konsequenzen blieben. Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt, das wäre heutzutage nicht mehr so. Aber mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher.

Die 9er-Schrifttype strengt mich an, aber das Lesen des Gruppenbildes macht trotzdem Spaß. Der Böll-Klassiker steckt voller detaillierter Beobachtungen, Charakter- und Milieustudien und ist sprachlich von einer eigentümlichen Schönheit. Einerseits lebendig und auf den Punkt erzählt, andererseits auf eine angenehme Art antiquiert und verstaubt. So wie mein Zimmer mit der Tütenlampe und dem Nierentisch. So wie ich, wenn ich mich unter all die jungen Blogger mische. So wie alles, das in die Jahre gekommen ist, Staub angesetzt hat und darauf wartet, noch einmal in die Hand genommen, abgestaubt, gedreht, gewendet und gewertschätzt zu werden. Um dann mit einem anerkennenden Nicken wieder im Regal zu verschwinden, für Jahre, Jahrzehnte, für immer.

Literarische Helden (6) – Boris Vian

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Lang ist es her, seit dem letzten Heldenbeitrag. Diese Reihe ist irgendwie ins Stocken geraten. Kein Wunder, denn so viele literarische Helden habe ich auch gar nicht – gar nicht mehr, um es genau zu sagen. Früher hätte ich mindestens zwanzig oder mehr Namen nennen können. Früher – das war vor gut dreißig Jahren. Damals, Anfang zwanzig war ich noch schnell zu begeistern, sofort Feuer und Flamme, wenn mir ein Buch, ein Autor gut gefallen haben. Heute ist die Reizschwelle etwas höher, da muss sich schon einer viel Mühe beim Schreiben geben, um mich als Fan zu gewinnen.

Zu den literarischen Helden meiner jungen Jahre gehört ohne Frage Boris Vian. Ich hatte diesen auch damals nicht sehr bekannten französischen Autor bei Zweitausendeins entdeckt. Der Frankfurter Verlag mit den legendären Katalog-Merkheften hat in den frühen Achtzigern die links-alternative Jugend in der Provinz mit passendem Lesefutter versorgt. Von Handbüchern zu Wehrdienstverweigerung und Volkszählungsboykott, über Eckhard Henscheid, Gedichte gegen den Krieg, bis hin zu den gesammelten Werken von Boris Vian – bei Zweitausendeins bekam man all das, was die eigentlich gut sortierte Buchhandlung in der Kreisstadt nicht im Angebot hatte oder haben wollte.

Die gesammelten Vian-Romane gehören auch heute noch zu den Schmuckstücken in meinem Bücherregal. Schön illustrierte, stabile Papp-Einbände, kleinformatig, Fadenheftung, Lesebändchen. „Drehwurm, Swing und das Plankton“, „Das rote Gras“, „Herbst in Peking“, „Der Herzausreißer“ und „Der Schaum der Tage“ – so lauten die Titel der fünf Romane. Leider fehlt mir seit vielen Jahren Vians bekanntestes Werk „Der Schaum der Tage“ in dieser Reihe. Meine erste feste Freundin und ich haben dieses Buch geliebt, uns immer wieder daraus vorgelesen und vorgestellt, unsere Liebe wäre genauso stark und endlos wie die des Romanpaares Chloé und Colin. Dem war allerdings nicht so; wir gingen nach einem Jahr wieder auseinander, und in den Wirren der Trennung ist auch das Buch verschwunden.

Vian habe ich seit dieser Zeit nicht mehr gelesen und komplett verdrängt. Vor einiger Zeit fielen mir die Bücher wieder in die Hände, und ich wollte schon einen Beitrag für diese Rubrik schreiben, musste aber feststellen, dass ich mich nach dreißig Jahren an keinen einzigen der fünf Romane mehr erinnern konnte. Ich wusste nur noch, dass es etwas ganz Besonderes, ich damals schwer beeindruckt und großer Fan war. Durch Zufall entdeckte ich in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse am Stand von Hoffmann & Campe eine Neuauflage vom „Schaum der Tage“. Was für eine Freude! Ich habe nett gefragt und durfte das im Karl Rauch Verlag (einem HoCa-Imprint) erschienene bibliophile Kleinod direkt mitnehmen. Auch diese Ausgabe ist wunderbar ausgestattet, mit einer Art Bütteneinband, Fadenheftung und farbigen Einbandseiten. Wenn es nicht ca. 5 cm höher wäre als meine übrigen vier Vian-Bände, würde es beinahe perfekt zur Sammlung passen.

Letzte Woche habe ich es dann gelesen, und das war dann irgendwie sehr merkwürdig. Ich muss dazu sagen, dass ich so gut wie nie ein Buch zweimal lese. Warum auch? Der SUB ist meterhoch und die Lesezeit begrenzt. Und nein, ich schmeiße trotzdem keine Bücher weg. Dass ich den „Schaum der Tage“ nach dreißig Jahren noch einmal lese, ist also nicht nur eine Ausnahme, sondern auch eine echte Auszeichnung. Aber was soll ich sagen? Ich lese also die ersten Seiten dieses Kultbuches, des besten Romans eines meiner ultimativen, literarischen Helden und kann es gar nicht glauben. Was ist das denn für ein Blödsinn? Das fand ich mal gut? Ich bin fassungslos.

Der Schaum der Tage erzählt die Geschichte des jungen, vermögenden Dandy Colin. Wie alle Dandys lebt er ein Leben des kultivierten Müßiggangs, widmet sich der Musik und dem guten Essen und verliebt sich eines Tages in die wunderschöne Chloé. Sie feiern eine rauschende Hochzeit, doch kurz darauf verlässt sie beide das Glück. Chloé wird krank, ihr wächst eine Seerose in der Brust. Die feudale Wohnung schrumpft, zieht sich zusammen. Colin gibt sein ganzes Geld für Blumen aus, die er rund um Chloés Krankenlager verteilt, um die Seerose in ihrer Brust zu bekämpfen. Am Ende ist alles Geld weg und Colin muss zum ersten Mal in seinem Leben richtig arbeiten gehen. So versucht er sich zum Beispiel als Gewehrkolben-Brüter. Dabei muss er sich 12 Stunden nackt auf den Boden mit Gewehrsetzlingen legen und die Kolben mit seiner Körperwärme ausbrüten. Doch er bewegt sich zu viel, die Kolben wachsen nicht gerade, und er verliert diesen Job. Da bleibt ihm nur, sein geliebtes Cocktail-Piano zu verkaufen, das zu jeder gespielten Melodie den passenden Cocktail mixt.

Ich hatte vollkommen vergessen, dass nicht nur dieser, sondern alle Romane Vians total abgedreht und surrealistisch sind. Und ich hatte auch vergessen, dass ich damals alles Verquere und Unkonventionelle im Gegensatz zu heute grundsätzlich grandios fand und Fan des Surrealismus war. Dass ich einmal dreißig Jahre später über Mäuse, die Lichtstrahlen einfangen nur müde lächeln kann, wäre mir damals nicht im Traum eingefallen. Und so erlebe ich mit dieser Lektüre nicht nur einen meiner alten literarischen Helden noch einmal neu, sondern treffe auch einen Tobias, den ich ebenfalls längst vergessen hatte. Einen jungen Träumer, der sich lesend in andere Welten flüchtete, immer schon anders sein wollte, andere Bücher las, andere Wege gehen wollte, gerne quer dachte und sich nicht anpassen wollte.

Was ist aus diesem Menschen geworden? Einer, der mit den Augen rollt, wenn irgendetwas nicht rational erklärbar ist. Einer, der sofort zumacht, wenn eine Geschichte in irgendwelche komischen Sphären abdriftet. Einer – und das ist mir mal wieder so richtig bewusst geworden – einer, der im wahrsten Sinne des Wortes desillusioniert ist.

Das alles ging mir durch den Kopf, während ich las. Mit jeder Seite kam mein jetziges Ich meinem früheren Ich ein wenig näher. Beide sind und bleiben unterschiedlich – zu viel ist seitdem geschehen – aber sie wissen voneinander, akzeptieren sich und sind wieder im Austausch. Und wer weiß, vielleicht kann ja mein altes Ich die schwarze Spinne in meinem Kopf dazu bewegen, wieder ein paar Lichtstrahlen durchzulassen. Auf alle Fälle habe ich den „Schaum der Tage“ nach dieser Reise zu mir selbst tief bewegt aus den Händen gelegt und gedacht: was für ein schöner Blödsinn.

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„Der Schaum der Tage“ ist erschienen bei:
Verlag: Karl Rauch
216 Seiten, 20,00 €

Literarische Helden (5) – Martin Walser

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Ja, ich weiß – nicht alle mögen ihn. Martin Walser polarisiert, sagt seine Meinung, ist im Laufe seines Lebens in diverse Fettnäpfchen getreten und hat sich durch so manch ungeschickte Polemik nicht überall Freunde gemacht. Aber ich liebe ihn trotz allem oder gerade deswegen umso mehr. Für mich ist er der letzte Großmeister der deutschen Literatur und zugleich der sprachmächtigste, tiefgründigste und auch produktivste deutsche Gegenwartsautor. Beinahe jedes Jahr kommt ein neues Buch von ihm auf den Markt. Und seit zehn Jahren denke ich, das könnte sein letzter Roman gewesen sein. Aber Martin Walser hört einfach nicht auf mit dem Schreiben.

Ich weiß gar nicht, wie viele Romane er bis jetzt geschrieben hat. Selbst eine Google-Suche führt auf den ersten zwei Seiten zu keiner konkreten Zahl. Ich schätze mal, inklusive der Novellen sind das so ca. 50. Ich selber habe 14 Bücher von ihm im Regal stehen. Nicht all seine Romane sind Meisterwerke – aber das ist auch kein Wunder bei diesem Pensum. Zu meinen persönlichen Favoriten zählen „Ohne einander“, „Ein fliehendes Pferd“ und mein Lieblingsbuch von ihm: „Der Lebenslauf der Liebe“. Das sind schon mal zwei Werke von Bedeutung mehr, als sein ewiger literarischer Marktbegleiter Günter Grass vorweisen kann, der ja bekanntlich nur ein einziges gutes Buch geschrieben hat.

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Aber auch wenn Walser nur einen durchschnittlichen Roman schreibt, dann ist dieser immer noch besser als vieles andere, was einem so an Belletristik tagtäglich in die Hände fällt. Denn Walsers Pfund ist seine unerreichte Sprachvirtuosität. Man taucht ein und badet in seinem Wortschatz. Immer wieder denke ich: Was muss das für ein Mensch sein, der Dinge, Empfindungen so benennen kann? Und wenn die Handlung noch so holpert und stolpert, seine Ausdruckskraft, die Schönheit seiner Wort- und Satzkonstruktionen, das alles entschädigt einen beim Lesen für so vieles und lässt mich immer wieder mit unendlicher Leichtigkeit, beseelt und reich beschenkt durch die Seiten gleiten. Keiner kann das, was Menschen zueinander und auseinander bringt, so beschreiben wie er. Das Kosige, das sich Sehnen oder wie er es nennt: „Gluten“ – das ist seine Sprache der Liebe.

Der Mensch in seinem Daseinsschmerz, die Liebe, das Leben und das Scheitern an beidem– das sind Martin Walsers ewige Themen. Man findet sie in all seinen Romanen. Die männliche Zerrissenheit, die Trauer über das Unmögliche. Oder das Schweigen zwischen Mann und Frau. Diese Mauer aus Nichtgesagtem, die immer höher wird und nicht einstürzen darf. Und zuletzt natürlich die alte Wunde: Der Deutsche und seine Verantwortung. Diese Fessel des Geistes, die uns immer zuerst Deutsch und dann erst Mensch sein lässt.

Im Bestiarium der Deutschen Literatur beschreibt der gute Fritz J. Raddatz meinen greisen literarischen Helden wie folgt: „Walser, der. Gehört zur Familie der großen Kormorane. Ein hochtalentierter Taucher und Fischer auf großen Seen, dessen langer Hals ihn zu schnellen Wendemanövern im Wasser befähigt. Im Unterschied zu anderen Tauchvögeln lassen Kormorane Wasser in ihr Federkleid eindringen…um nicht an die Oberfläche zu steigen, muss der Vogel daher stets eifrig mit den Füßen paddeln.“

Am 24. März wird Martin Walser 88 Jahre – ein stolzes Alter. Raddatz hat es nicht erreicht, nicht erreichen wollen. Man muss realistisch sein, viel wird da auch bei Walser nicht mehr kommen. Der große Wurf, noch einmal ein richtiger Jahrhundertroman – auch wenn er ihn tatsächlich noch schreiben würde, kräftig mit den Füßen paddelnd, man würde ihm die notwendige Anerkennung nicht mehr erweisen. Nach all dem Zank und Streit, nach der Friedenspreis-Rede, dem Tod eines Kritikers und dem Abgang bei Suhrkamp ist er durch, eine lahme Ente, die sich im Schilf verfangen hat.

Und gerade das macht ihn für mich zu einem meiner ganz großen literarischen Helden. Diese Tragik, diese Zerrissenheit, das Verzweifeln am Leben, den eigenen Ansprüchen, das Nicht-Genügen – kurz gesagt: dieser schrecklich schöne Daseinsschmerz. Das alles steckt in seinen Romanen und das alles steckt in ihm. Und irgendwann, vielleicht schon bald, wird das weg sein, wird es keinen neuen Walser-Roman mehr geben. Und die Welt wird ärmer und kälter.

 

Literarische Helden (4) – Jack Kerouac

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„Ich hab Dir etwas mitgebracht,“ sagte mein alter Deutschlehrer und reichte mir ein pink-rotes Taschenbuch. Ich war siebzehn und lag mit Verbrennungen an den Oberschenkeln im Krankenhaus. Fünf Tage im Acht-Mann-Zimmer auf der Chirurgischen.

Dieser Mann an meinem Krankenbett war etwas ganz Besonderes für mich. Lehrer, Mentor und so etwas wie mein Vorbild – auch wenn ich das damals nie zugegeben hätte. Er hat meine Leidenschaft für die Literatur geweckt. Gelesen hatte ich schon immer viel, alles Mögliche, querbeet. Aber erst er hat mir gezeigt, dass Lesen mehr sein kann als nur spannende Unterhaltung. „Du musst Bücher lesen, die Dich als Persönlichkeit weiter bringen, die Dich inspirieren, abstoßen, anziehen, etwas in Dir zum Klingen bringen. Denn Du bist, was Du liest.“

Ich betrachtete das mitgebrachte Buch. Jack Kerouac – Unterwegs. „Nie von gehört.“ „Dann wird es Zeit. Generell solltest Du den Hesse mal beiseite legen und langsam etwas Cooles lesen. Es ist mein Exemplar, aber Du kannst es behalten. “

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Ich bin ihm bis heute dafür dankbar. Wenn er mich nicht auf eine neue Spur gebracht hätte, wäre ich vielleicht ein schrulliger Esoteriker geworden. Neben der Hesse-Lektüre fing ich damals an, mich mit Lao Tse und dem I-Ging Orakel zu beschäftigen. Kein Wunder, dass ich noch keine Freundin hatte.

Doch dann trat der wilde Jack in mein Leben. Keine feinfühlig, blumige und zarte Sprache mehr, sondern coole Sprüche, Sex, Drogen und Rebellion. Eine völlig neue Welt tat sich für mich auf. Mit offenem Mund las ich mich durch die Seiten. Und als ich den Roman durch hatte, war ich ein anderer Mensch.

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Auf dem Klapper der vergilbten Taschenbuch-Ausgabe aus dem Jahr 1979 wird „Unterwegs“ wie folgt beschrieben: „Das literarische Manifest einer Jugend, die inmitten der schlechtesten der Welten ein dröhnendes Bekenntnis zum glückseligen Leben ablegt.“

Jack Kerouac hat mir die Augen geöffnet, mich verändert. Er hat leider nicht lange gelebt, aber das wenige, was er geschrieben hat, hab ich auch gelesen. Und obwohl es schon ziemlich lange her ist, weiß ich noch wie heute was seine Bücher in mir ausgelöst haben. Hesse war von da an für mich abgemeldet, seine Sichtweise verkehrt, zu schwach, dem Untergang geweiht. Kerouac war anders. So gut aussehend, so stark, so lebendig. Er hat sich vor dem Leben nicht verkrochen. Er und seine Buddys Ginsberg und Burroughs haben sich allem entgegengestellt, den Konventionen, den gesellschaftlichen Zwängen. Sie haben den reaktionären Dreck bekämpft. Auch den Dreck in sich selbst. Nichts auslassen, alles denken, alles spüren, sich nicht anpassen, den eigenen Weg finden und am Ende vielleicht glücklich werden. Das war die Beat-Generation.

Kerouac hat das gelebt. Trotzdem hat er es nicht geschafft, am Ende glücklich zu werden.

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William Burroughs und Jack Kerouac (fotografiert von Alan Ginsberg).

Ich weiß nicht, ob ich Kerouacs Werke heute noch gut finden würde. Ganz bestimmt nicht, denn ich bin schon lange kein zorniger, junger Mann mehr. Das Establishment, gegen das er und ich damals aufbegehrt haben, verkörpere ich in Teilen heute selber. Aber es ist schön zu wissen, dass da mal eine wilde Flamme in mir loderte.

Du bist was Du liest – hat mein Deutschlehrer gesagt. Und das stimmt. Als ich damals Kerouac gelesen habe, war ich Rebell. Ich war cool und unangepasst, ein kleiner Beatnik in der niedersächsischen Provinz. Und plötzlich hatte ich auch eine Freundin.

Ich weiß nicht, ob Kerouac heute bei der Jugend noch so angesagt ist. Jede Generation hat ja ihre eigenen Helden. Gibt es einen modernen Kerouac? Vielleicht Christian Kracht oder Clemens Meyer? Oder heißen die literarischen Helden heute nicht vielmehr Tollkien, Rowling und Stefanie Meyer?

Du bist, was Du liest. Heutzutage wohl eher kein Rebell, sondern ein Hobbit, ein Zauberer oder Vampir.

Literarische Helden (3) – Michel Houellebecq

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Er ist einer meiner ganz großen literarischen Helden. Trotzdem kann ich mir nie merken, wie sein Nachname geschrieben wird. Muss immer wieder nachschauen. Und beim nächsten Mal mach ich es wieder falsch. Dieses „cq“ am Ende will mir nicht in den Schädel. Aber warum sollte dieser Mensch auch einen einfachen Namen haben? Wo doch so gar nichts an ihm glatt und wohlgefällig ist. Weder innerlich noch äußerlich. Die neuesten Aufnahmen, die ihn bei der Vorstellung seines neuen Romans zeigen, machen mir Angst. Krank und verwahrlost sieht er aus. „Ich bin dabei zu krepieren“ sagt er über sich in einem ZEIT-Interview. Er hat sich scheinbar aufgegeben. Die ungeliebten Eltern endlich tot, der geliebte Hund aber leider auch. Nun ist scheinbar nichts mehr da, was sich noch zu hassen oder lieben lohnt.

Sich selbst zu lieben, hat er nie gelernt. Ein glücklicher, selbstzufriedener Autor von zahlreichen Weltbestsellern, der mit einem charmanten Lächeln auf sein vielfach ausgezeichnetes Lebenswerk blickt – bei ihm leider unvorstellbar.

Das ist gut für uns Leser – denn ohne das Wechselspiel von Egozentrik und Selbstüberschätzung, Frustration und Selbsthass würde es den Autor Michel Houellebecq nicht geben. Das Werk lebt von seinen psychischen Problemen. Den Menschen Houellebecq wird das aber in absehbarer Zeit ins Grab bringen. Aber als Autor ist er schon jetzt unsterblich.

Dabei hat er gar nicht so viel geschrieben. Mit dem neuen Buch „Unterwerfung“ sind das gerade mal sechs Romane. Und jeder einzelne davon ein Skandal. Indignez-vous – empört Euch – in Frankreich ist das bei jeder Houellebecq’schen Buchpremiere zur schönen Gewohnheit geworden. Er gilt als Rassist, Frauenhasser, Reaktionär oder auch als perverser Triebtäter und Sektenfreund. Das bringt es so mit sich, wenn man als Ich-Erzähler schreibt und einige seiner Figuren auch noch Michel nennt. Da wird dann nicht mehr unterschieden zwischen dem Protagonisten und dem Autor.

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Natürlich hat er das gewollt. Natürlich war das immer auch Kalkül. Ich will nicht wissen, wie viele Autoren versucht haben, das nachzuahmen. Ein kleiner Skandal und schon gehen die Verkaufszahlen durch die Decke. Aber das muss man erst mal schaffen, in einer Zeit, wo niemanden auch nur irgendetwas noch überrascht, geschweige denn empört. Houellebecq hat es immer wieder geschafft und damit ausgesorgt. Was könnte er mit dem ganzen verdienten Geld für ein wunderbares Leben führen. Wenn er es sich denn selbst gönnen würde. Tut er aber nicht. Und so wird Houellebecq als tragische Gestalt schon bald verschwinden, in seinen Werken aber weiterleben. Als trauriger Mann mit Zigarette.

(Heute erscheint sein neuer Roman „Unterwerfung“ bei Dumont)

Literarische Helden (2) – Haruki Murakami

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Als ich eines Tages den hundertprozentigen Schriftsteller fand.

Es war das Jahr 2000 und ich in der Mitte meines Lebens. Es lief ganz gut – beruflich und überhaupt. Aber zufrieden und glücklich war ich nicht. Es fehlte etwas. Ich hatte das Gefühl, das ich so nicht weiter machen konnte. Ich war in der Midlife-Crisis.

Vor beruflichem Stress und den familiären Anforderungen kam ich kaum noch zum Lesen. Wäre da nicht dieser Eklat im Fernsehen gewesen, ich hätte meinen Lieblingsautor wohl erst sehr viel später kennen gelernt. Der legendäre Streit von Marcel Reich Ranicki und Sigrid Löffler im Literarischen Quartett über Murakamis „Gefährliche Geliebte“. Eine bessere PR für ein Buch hätte es nicht geben können. Mein Interesse an dem mir bis dahin unbekannten Autor war geweckt.

Der legendäre Streit im Literarischen Quartett.

Ich dachte mir: wenn ein Buch so leidenschaftlich polarisiert, ganz besonders zwischen Mann und Frau, dann könnten da auch ein paar Antworten auf meine Rolle als Mann in den besten Jahren zu finden sein. Und tatsächlich: „Gefährliche Geliebte“ war nicht nur voller Antworten, sondern eine Offenbarung. Murakamis stille Art die Welt zu sehen, sie zu erdulden, sich mit Alltagsritualen durch die Tage zu retten, immer von dieser unerklärlichen Sehnsucht angetrieben, das alles entsprach zu 100 Prozent auch meiner Vorstellung von Welt. Diese latente Traurigkeit, ja fast schon depressive Stimmung, die all seinen Werken inne wohnt, legt sich beim Lesen wie Honig aufs Gemüt und lässt einen erst lange Zeit, nachdem man das Buch ausgelesen hat, wieder los.

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Meine Murakamis – ich hab sie alle. Auch in Englisch lohnt sich die Lektüre.

Wie macht er das nur? Mit diesen einfachen Sätzen. Subjekt, Prädikat, Objekt. Keine Verschachtelungen, keine kunstvollen Allegorien. So, wie es eigentlich jeder könnte. Und doch kommt schon auf der ersten Seite diese einzigartige Lesestimmung auf. So eine verträumte Spannung, leicht und unbeschwert. Murakami Lektüre ist für mich immer so entspannend wie ein Nachmittags-Spaziergang an einem sonnigen Herbsttag.

So einfach und reduziert wie der Schreibstil ist auch der Inhalt seiner Romane. Viel passiert nicht, auch nicht auf den 1600 Seiten seines zweibändigen Meisterwerks 1Q84. Zwei Protagonisten, zwei Biografien voller Einsamkeit, zwei Morde und zwei Monde. Man könnte die Geschichte auch auf maximal zehn Seiten erzählen. Und trotzdem kommt nicht eine Sekunde Ungeduld auf. Als Lektor würde ich nicht einen Satz streichen. Denn jeder Satz ist Gefühl. Und alle zusammen kreieren diese Lesestimmung, geben jedem seiner Bücher eine Seele.

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Murakami ist Läufer. Ein Grund, warum ich auch damit angefangen habe.

Genau wie Hermann Hesse gehört auch Murakami zu meinen all-time-favourite-literarischen Helden, auf die ich nichts komme lasse. Und so sehr der Schwabe und der Japaner sich auch unterscheiden – andere Zeit, andere Kontinente – so viele Gemeinsamkeiten haben sie auch. Keine politische Botschaft, keine Gesellschaftskritik, keine Anliegen. Einfach nur die vielen Facetten des Mensch-Seins, inklusive ein paar phantastische Träumereien. Das konnte Hesse, das kann Murakami. Der einzige Unterschied. Hesse bekam den Nobelpreis, der talentierte Japaner ging auch 2014 wieder leer aus. Aber vielleicht klappt es ja im Jahr 2Q14?

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Literarische Helden (1) – Hermann Hesse

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Schätze aus meinem Bücherregal. 

Oft stehe ich vor meinem Bücherregal und blicke verträumt durch die Reihen. Mein ganzes Leseleben steht da aufgereiht vor mir. Mit fast jedem Buchrücken verbinde ich irgendetwas. An die Geschichten in den Büchern kann ich mich manchmal kaum erinnern, aber an die Zeit, als ich es gelesen habe, den Ort, wo ich es gelesen habe und die Umstände drum herum. Wie ein Blick in alte Fotoalben ist so ein Blick ins Regal. Wohlige Erinnerungen kommen hoch und ich stelle anerkennend fest, dass ich schon in jungen Jahren einen ganz passablen Literaturgeschmack hatte. Mit Ausnahme der Zeit, wo Familie und Karriere im Vordergrund standen. Da blieb kaum Zeit zum Lesen. Der Medicus und John Grisham sind stumme Zeugen dieser hektischen Aufbaujahre.

Und natürlich fällt irgendwann mein Blick auf diese zwölf hellblauen Bände. Seit 1982 bin ich stolzer Besitzer der Gesammelten Werke von Hermann Hesse, dem literarischen Helden meiner Jugend. Ich weiß es noch wie heute. Ich war 16, hatte Siddharta in der Schule gelesen und war angefixt. Das war genau meine Welt. Freies Denken, dunkle Mächte, düstere Symbolik und Persönlichkeitsentwicklung. Dafür stand Hermann Hesse und genau das alles wollte ich. Und nicht nur ich – das wollten viele gleichgesinnte Jugendliche in den siebziger und achtziger Jahren.

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Auch nach 32 Jahre noch gut erhalten.

Immer wieder ging ich in die Buchhandlung und schaute sehnsüchtig auf die Suhrkamp-Bände, mit denen ich in diese geheimnisvolle Welt gelangen konnte. Ich musste lange sparen, 120 DM kostete die Reihe damals – viel Geld bei 5 DM Taschengeld in der Woche. Aber Dank Omas Weihnachtsgeld konnte ich dann im Januar 1982 den Kaufbetrag in der Buchhandlung Matthias in der Hamelner Bäckerstraße auf den Tisch legen. Ich weiß noch, wie ich die Bände voller stolz in das kleine Bucherregal meines Jugendzimmers stellte, neben Robinson Crusue, Onkel Toms Hütte, Enid Blyton und Karl May. Jetzt beginnt eine andere Zeit, sagte ich mir. Jetzt lese ich mich erwachsen. Und genau das habe ich getan.

Tagelang saß ich in meinem Zimmer und las. Zum Ärger meines Vaters, der damals all unsere Decken und Wände im Haus vertäfelte und mich ständig für irgendwelche Handlanger-Dienste aus der Lektüre riss. Da gab es oft Streit, weil er nicht verstehen konnte, was mich am Lesen überhaupt und dann noch an einer so unspannenden Lektüre reizen konnte. Hermann Hesse war mein Held, ein Idol auf den ich auch in der Schule nichts kommen ließ. Und natürlich habe ich nicht nur die Romane  verschlungen, ich habe mich auch mit der indischen und chinesischen Gedankenwelt Hesses intensiv beschäftigt. Lao-Tse gelesen, Scharfgarbe gesammelt und das I-Ging-Orakel in der traditionellen Form zelebriert. Auch da war ich nicht der einzige, der das damals gemacht hat.

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Scheinbar sehr bedeutungsvolle Sätze für einen damals 16-Jährigen (Demian). 

Es dauerte ungefähr ein Jahr, dann hatte ich alles durch. Die hellblauen Bände waren ausgelesen und mit Jack Kerouac trat der nächste literarische Held in mein Leben. Und der war so ganz anders als der alte Meister. Cooler, härter, abgefahrener aber genau so auf der Suche nach sich selbst.

Ich habe seit meinem achtzehnten Lebensjahr nie wieder ein Werk von Hermann Hesse gelesen und werde es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht mehr tun. Aber diese zwölf Bände werden trotzdem immer einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal haben. Als Erinnerung an die wunderbare Zeit des geistigen Erwachens.

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Ob Hameln, Berlin, Willich oder Krefeld – die hellblauen Taschenbücher begleiten mich seit 32 Jahren.