Sasha Marianna Salzmann – Ausser sich

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Jeder kennt das: man liest ein Buch, das einem eigentlich ganz gut gefällt. Es ist sprachlich herausragend, hat einen guten Sound, und es könnte eine schöne Lesestimmung entstehen, wenn da nur dieses eine Wort nicht wäre: eigentlich. Denn uneigentlich kommt man damit nicht weiter. Ein paar Seiten jeden Abend, viel mehr ist nicht drin. Die Geschichte entwickelt keinen Sog, man kommt auch nach zweihundert Seiten nicht richtig rein und steigt daher irgendwann enttäuscht aus.

So ist es mir mit dem von der Literaturkritik hochgelobten Romandebüt der Theater-Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann gegangen. Zwei Wochen lang habe ich es immer wieder in die Hand genommen, wollte es unbedingt schaffen, doch es gelang mir nicht. Ich dachte zunächst, es läge an mir und suchte nach Entschuldigungen: habe wohl gerade zu viel um die Ohren, keinen Kopf für so verworrene Geschichten, aber morgen dann, ganz bestimmt, wäre ja auch schade drum.

Und irgendwann erstarrte der allabendliche Impuls, nach dem Buch zu greifen, schon in der Bewegung. Stattdessen griff ich zum Handy, zur Zeitung, sogar zur Fernseh-Fernbedienung und schließlich dann auch zu anderen Büchern, die ich ohne Probleme in einem Rutsch durchlas. Und das war dann der Todesstoß für dieses Werk. Als ich es pro forma nach ein paar Wochen Pause noch einmal in die Hand nahm, konnte ich mich erst recht nicht mehr in die verworrenen Zeit- und Handlungsstränge, Personen und Settings hineinfinden.

Wenn dieser Roman sprachlich nicht so überragend wäre, hätte ich überhaupt kein Problem damit, ihn mittendrin einfach abzubrechen, einen Verriss zu schreiben und das Ding so schnell wie möglich zu vergessen. Aber die Autorin hat großes Talent, ist eine echte Virtuosin und konstruiert tolle, klangvolle Sätze. Melodisch und rhythmisch fein austariert, mal lang, mal weniger lang, mal bildhaft und poetisch und dann wieder nüchtern und faktisch – perfekte Vorlesesätze. Aber Sprache ist halt nicht alles. Die Geschichte, das Setting, die Protagonisten, die Handlungsstränge, der rote Faden – das alles ist mindestens ebenso wichtig und sollte sich im Idealfall zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Und das tut es hier leider nicht.

Dabei ist die Geschichte nicht allzu kompliziert. Es geht um Alissa, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Zwillingsbruder Anton ist. Die Suche führt sie nach Istanbul, mitten in die Wirren der Aufstände am Taksim-Platz. Es gibt immer wieder Zeitsprünge, und wir erfahren wie die Eltern und Großeltern als Juden in der Sowjetunion gelebt haben, bis sie in den Neunziger Jahren nach Deutschland emigrieren durften. Anton verschwindet irgendwann spurlos, nach Jahren erreicht die Familie eine Postkarte von ihm aus Istanbul, und Alissa macht sich auf die Suche.

Das Themenspektum ist riesig: Politik, Religion, Familie, Emigration und Immigration. Das alles hätte vollkommen ausgereicht, um einen großen Gegenwartsroman zu schreiben. Doch nicht für die begabte Jungautorin Salzmann. Aus Alissa wurde Ali und aus dem ohnehin schon thematisch überfrachteten Roman-Gemengelage ein queeres Vewirrstück. Das war der Punkt, an dem ich dann ausgestiegen bin. Nicht weil ich mit der Transgender-Thematik nichts anfangen kann, sondern weil sich die Autorin einfach mit den Themen übernommen hat. Eine russisch-deutsche, gleichgeschlechtlich liebende, transgender Protagonistin jüdischen Glaubens mitten im muslimischen Istanbul während der aktuellen politischen Unruhen – das ist einfach übertrieben konstruiert und nicht mehr glaubwürdig. Da rolle ich mit den Augen und bin raus.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
366 Seiten, 22,00

 

Der Buchtrailer:

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Philipp Winkler – Hool

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Ein stummer Schrei aus Wunstorf.

Er war überall. Bei der Preisverleihung im Römer, bei ARD und ZDF, am Stand von Aufbau und der WELT, auf dem blauen Sofa, dem roten Sofa, bei Orbanism und im Mantis auf dem Klo – überall ist er einem über den Weg gelaufen. Von den anderen Shortlist-Kandidaten hat man dagegen auf der Buchmesse nicht viel mitbekommen, sie standen mit ihren 08/15-Frisuren im Abseits rum und wurden nur selten angespielt. Für Philipp Winkler dagegen war diese Buchmesse ein einziger Traumpass, den er Volley genommen und oben im linken Eck unhaltbar verwandelt hat.

Souverän, sympathisch und noch dazu cool und lässig auf immer die gleichen Fragen reagieren, das muss einem erstmal einer nachmachen. Noch dazu als absoluter Newcomer auf dem Parkett. Kompliment. Waren sie mal Hooligan? Woher haben sie den Einblick in die Szene? Sind alle Hooligans rechtsradikal? Haben Sie schon mal solch eine Schlägerei mitgemacht? Auch wenn Winkler nicht immer mit einer Traumparade reagiert hat, so hat er zumindest seinen Kasten sauber gehalten.

Natürlich ist es in erster Linie das Thema, das zieht. Hooligans – da läuft es jedem Bildungsbürger erstmal kalt den Rücken runter. Man kennt sie nur als amorphe, grölende Masse, hinter den Absperrgittern der Nord- oder Südkurve, an Spieltagen von einer Hundertschaft durch die Stadt zum Stadion eskortiert. Wer mit so einer bierseligen Horde schon mal im selben Zug gesessen hat, weiß Bescheid. Jetzt gibt es also den ersten literarisch anspruchsvollen Roman, der in dieser Szene spielt. Wobei von der Kritik nicht nur der literarische Anspruch in Frage gestellt wird, sondern auch, dass das Thema wirklich neu sei.

Die Sprache ist natürlich derb, einfach und dem Milieu entnommen. Anders würde das Buch auch nicht funktionieren. Den literarischen Anspruch deshalb in Frage zu stellen, ist natürlich abstrus. Die Frage, die sich aber stellt: Ist das hier gelungen? Ist die Sprache so gewählt, dass sich der Leser ein authentisches Stimmungsbild machen kann? Ich finde ja, auch wenn ich aufgrund mangelnder Berührungspunkte nicht beurteilen kann, ob in der Hooligan-Szene wirklich so gesprochen wird. In meinen Ohren klingt da alles stimmig, auch wenn ich bei Ausdrücken wie „Gesichtsbuch“ anstelle von Facebook erstmal skeptisch schaute. Aber ich kenne auch Menschen, die sagen „zum Bleistift“, „Märchensteuer“ und Wirsing, statt auf Wiedersehen. Und ob das jetzt wirklich alles neu ist, ist prinzipiell auch egal. Geschenkt, wenn es denn schon vorher einen Roman aus der Hooligan-Szene gegeben haben sollte. Der hier hat es auf die Shortlist des Buchpreises geschafft, den Aspekte-Literaturpreis bekommen und die Frankfurter Buchmesse gerockt. Mehr Relevanz geht nicht.

Bloggerkollegin Sophie kritisiert, dass ihr die Romanfiguren zu klischeebehaftet und vorhersehbar gezeichnet sind. Das kaputte Familienumfeld des Helden Heiko, der saufende Vater, die Mutter, die irgendwann abgehauen ist, die stille Thailänderin, die an ihrer statt eingezogen ist, die Hundekämpfe, die Anabolika schluckenden Bodybuilder – das alles ist nicht wirklich neu, meint Sophie; ein klassisches Verlierer-Setting und daher für sie enttäuschend. Man kann dem entgegenhalten, dass schlichte Menschen nunmal häufig aus schlichten Verhältnissen stammen. Ein Jura studierender und aus einem Ärztehaushalt stammender Hooligan wäre zwar weniger vorhersehbar gewesen, aber auch weniger authentisch.

Mich haben weder die Sprache noch die Charakter-Klischees gestört. Ich finde den Roman stimmig, sprachlich und atmosphärisch dicht und insgesamt sehr unterhaltsam. Und mir ist auch vollkommen egal, ob die Kämpfe bei den Hooligans jetzt tatsächlich genau so ablaufen, ob in dem Milieu so gesprochen wird und Hannover 96 und die Braunschweiger wirklich Spinnefeind sind. Es ist ein Roman, es sind ausgedachte Figuren und Winkler hat sie in meinen Augen interessant und authentisch gezeichnet. Und natürlich sind Hooligans nicht nur Saufköppe und brutale Schläger. Hooligans wie Heiko sitzen nächtelang im Auto vor der Wohnung ihrer verflossenen Liebe, sie kümmern sich um Vatterns Tauben und besuchen den kranken Kumpel im Krankenhaus. Harte Schale, weicher Kern – noch so ein Charakter-Klischee. Nach Ansicht der Ärzte, ist Hass ja sowieso nur ein stummer Schrei nach Liebe. Und auch Heiko will eigentlich nur mal in den Arm genommen werden.

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Verlag: Aufbau
310 Seiten, 19,95 €

Hier der Link zur Rezension von Sophie Weigand vom Blog Literaturen:

 

 

Buchpreis is coming home

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So, die Chose ist gelaufen. Longlist, Shortlist, Preisverleihung, Fertig. Das war der Deutsche Buchpreis 2016. Der Gewinner heißt Bodo Kirchhoff, und er freut sich angeblich darüber, auch wenn man es ihm nicht ansieht. Die anderen fünf Shortlister verlassen mit gesenkten Kopf die Party im Frankfurter Römer. Ich treffe Thomas Melle an der Garderobe, sage ihm, dass es mir leid tut, dass er für mich der absolute Favorit war und ich die Entscheidung der Jury nicht gut finde. Doch er nickt nur dankend und zieht von dannen. Kurz überlege ich, ihm nachzurufen: Aller guten Dinge sind vier! Aber das lasse ich dann lieber bleiben. Am Mittwoch höre ich dann entsetzt, dass er sich krank gemeldet hat und alle Termine mit ihm auf der Buchmesse ausgefallen sind. *schluck*

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Währenddessen nimmt die Bodo-Kirchhoff-Show ihren Lauf. Schon bei seiner Dankesrede hatte ich den Eindruck, dass da eher Genugtuung als echte Freude aus ihm spricht. Körpersprache, Mimik und die vorbereitete Dankesrede mit dem anbiedernden Fußball-Orakel, das alles wirkte auf mich irgendwie unsympathisch. Kein Vergleich zu der herzerfrischenden Freude von Frank Witzel, dem Preisträger aus dem letzten Jahr. Und in den zahlreichen Kirchhoff-Interviews, die in dieser Woche überall zu lesen und sehen waren, verstärkte sich mein Eindruck noch.

img_8926Auch wenn Widerfahrnis in meinen Augen weder der beste Roman des Jahres noch der Beste von Kirchhoff ist, gönne ich ihm die Genugtuung, den Preis, den er mit entwickelt hat, auch endlich einmal gewonnen zu haben. Buchpreis is coming home – der Frankfurter Eintracht sei Dank. Freuen tue ich mich für seinen Verlag, Joachim Unselds Frankfurter Verlagsanstalt – für mich seit Jahren eine der ersten Adressen für anspruchsvolle Gegenwartsliteratur.

 

Nicht nur aufgrund der Einladung zur Preisverleihung war der Deutsche Buchpreis für mich in diesem Jahr ein ganz besonderes Erlebnis. Wenn ich an den 20. August zurückdenke, als die Longlist verkündet wurde und ich zunächst zwischen Enttäuschung und Verwunderung schwankte, so bin ich heute regelrecht begeistert von der Auswahl der Titel. Ich habe sieben Romane komplett und einen angelesen. Bis auf einen waren alle waren gut, zwei davon sehr gut. Richtig enttäuscht hat mich nur Arnold Stadlers Roman Rauschzeit, den ich bereits nach zwanzig Seiten und kurzem Random-Querlesen entnervt aus der Hand gelegt habe. Verschwurbelte Geschwätzigkeit auf 600 Seiten – für so etwas habe ich angesichts der vielen interessanten Titel, die noch auf meiner Lesewunschliste stehen, einfach keine Zeit.

Neben Kumpfmüller und Melle, die mich unter den 20 nominierten Titeln am meisten begeistert haben, habe ich mich sehr gefreut, jetzt auch endlich Joachim Meyerhoff als Autor kennengelernt zu haben. Denn ich habe seinen Bestseller aufgrund des ganzen Hypes, der darum gemacht wurde, nicht gelesen. Durch die Longlist-Nominierung habe ich festgestellt, dass Meyerhoff nicht zu kennen, doch eine entsetzliche Lücke darstellt. Ein herzerwärmendes, liebevolles und sehr humorvolles Buch. Und dann war da noch Hool von Philipp Winkler, einem Autor dem ich in der letzten Woche bestimmt zehn mal über den Weg gelaufen bin. Der war irgendwie überall auf der Messe, auf jeder Lesebühne, bei jeder Party. Und obwohl ich mit seinem Roman irgendwie aus Zeitgründen nicht richtig weiterkomme, gefällt er mir nach wie vor recht gut.

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Mein persönliches Top-Highlight im Zusammenhang mit dem Deutschen Buchpreis war natürlich die Einladung zum Goethe Institut nach Kopenhagen, wo ich zusammen mit Bloggerkollegin Sophie Weigand die Shortlist-Titel vorgestellt habe. Es war zwar einige Arbeit, den Vortrag vorzubereiten, aber es hat sich gelohnt. Wir hatten ein tolles Publikum und haben mehr als zwei Stunden über die Bücher der Long- und Shortlist erzählt und sind dabei natürlich auch auf die wachsende Bedeutung von Literaturblogs eingegangen. In Dänemark gibt es keine Buchblogger-Szene wie in Deutschland, daher war das Interesse an dieser seltenen Spezies natürlich besonders groß. Die Instituts- und Bibliotheksleitung war jedenfalls ganz angetan von unserem Auftritt und versprach, uns weiterzuempfehlen. Vielleicht tingeln Sophie und ich ja schon bald durch die Lande von Goethe-Institut zu Goethe-Institut.

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Und dann waren da noch die netten Gespräche mit den Buchpreis-Juroren Christoph Schröder und Najem Wali, den Organisatorinnen beim Börsenverein, Catarina Kirsten und der angenehme und bereichernde Wettbewerb mit den anderen Buchpreisbloggern vom Team Mara. Das alles hat den Deutschen Buchpreis 2016 für mich zu einem rundum gelungenen Erlebnis gemacht.

Trotzdem ist für mich an dieser Stelle Schluss mit dem Buchpreisbloggen. Nach zwei tollen Jahren mache ich Platz für andere Blogs und andere Stimmen und sage: „Danke, dass ich dabei sein konnte. Es war mir ein Vergnügen und eine große Ehre“.

 

Reinhard Kaiser-Mühlecker – Fremde Seele, dunkler Wald.

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Samstag, 22.00 Uhr: Ich habe mich gerade hingesetzt, um mal wieder etwas über die Buchpreis-Shortlist zu schreiben. Nächste Woche Montag ist der Drops ja schon gelutscht. Dann interessiert nur noch der Preisträger und die restlichen Nominierungen geraten schlagartig in Vergessenheit. Also wenn ich noch etwas über den Shortlist-Titel von Reinhard Kaiser-Mühlecker schreiben will, dann jetzt.

22:30 Uhr: Ob das hier noch etwas wird? Ich habe jetzt eine halbe Stunde nachgedacht und alles, was ich bisher geschrieben habe, ist, dass ich eine halbe Stunde nachgedacht habe. Bis jetzt noch keine keine einzige brauchbare Idee zu diesem wunderbar ruhigen, intensiven Buch, das ich Anfang der Woche zu Ende gelesen habe. Ich vergesse immer den Titel: Dunkle Wälder, tiefe Seelen? Nein: Fremde Seele, dunkler Wald – ein wunderschönes Buch. Ich habe es am Montagabend weggelegt und gedacht – wunderbar ruhig und intensiv. Was? Ach ja, Entschuldigung, das hab ich schon gesagt. Ja nun, was noch? Schön ist es, ein richtig schönes Buch, schönes Cover, schön geschrieben. Und auch der Autor ist schön. Ja, puuuh …, was soll ich noch sagen? 23.00 Uhr: Ich mach erstmal Schluss. Morgen früh fällt mir bestimmt noch etwas ein.

Sonntag, 11.00 Uhr: Habe gerade gefrühstückt, mit dem Hund war ich auch schon draußen. Aber eine zündende Idee für die Besprechung habe ich noch immer nicht. Verdammt noch mal, es muss sich doch irgendein Aufhänger finden lassen. Es kommt nicht oft vor, dass mir so gar nichts zu einem Buch einfällt, auch wenn es mir grundsätzlich gut gefallen hat. Das mag daran liegen, dass dieses düstere Alpendrama ziemlich unvermittelt nach 300 Seiten endet und mich ratlos mitten auf der grünen Bergwiese stehend zurückließ. Dabei war ich längst noch nicht fertig mit den beiden Brüdern Alexander und Jakob. Ich hatte noch Fragen, wollte noch ein paar Antworten von den beiden, sie noch ein Stück des Weges begleiten. Aber der junge österreichische Autor hat sich scheinbar ein Limit gesetzt und bei exakt 300 Seiten den Stift fallen gelassen.

Nicht, dass ich mir jetzt unbedingt einen dicken Wälzer gewünscht hätte. 300 Seiten sind vollkommen ok und für einen deutschsprachigen Gegenwartsroman ein ordentliches Preis- Leistungsverhältnis. Und dafür bekommt man gleich drei Romane zum Preis von einem. Eine Coming-of-Age-Story, ein kleines Familienepos und einen Heimatroman. Ja, meine Damen und Herren, kommen sie her, schauen und staunen sie. Das Angebot des Fischer-Verlages gilt nur für kurze Zeit. Wenn sie jetzt reinlesen, bekommen sie vom Autor noch eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem Soldaten und einer Offiziersgattin gratis dazu. Und das ganze kostet sie nicht vierzig, nicht dreißig, sondern nur sage und schreibe zwanzig Euro.

Sonntag, 12:30 Uhr: Die Pferde sind mal wieder mit mir durchgegangen. Immer wenn ich mir vornehme, eine ordentliche Rezension zu schreiben, kommt sowas dabei raus. Ich weiß nicht warum, es passiert einfach. Natürlich hätte ich erstmal die Geschichte zusammenfassen können, die auf einem Bauernhof irgendwo in Oberösterreich spielt, einer strukturschwachen Gegend, wo drei Generationen in einem Haus aufeinander hocken. Großeltern mit ordentlich Geld auf dem Sparbuch, Eltern mit einem Berg Schulden und jeder Menge gescheiterter Träume und Kinder mit mit misslungenen Befreiungs- und Fluchtversuchen. Ich hätte schreiben können, dass Kaiser-Mühlecker das alles authentisch und glaubwürdig beschreibt. Dass es ihm gelingt, ein wunderbar, schwermütiges Stimmungsbild aufzubauen, mit einsamen, wortkargen Charakteren, die sich auf die unterschiedlichste Weise verloren haben. Ein tolles Buch auch für den Herbst, wenn die Tage kürzer werden, die Schönheit des Sommer noch spürbar ist, aber schon unwiederbringlich verloren. Dann kann man sich mit einer Tasse Tee und diesem Buch herrlich ins dunkle Bauerntal zurückziehen.

Ich hätte auch auf die Sprache dieses Romans eingegeben können, die in zahlreichen Besprechungen hoch gelobt wurde, die ich aber jetzt nicht besonders bemerkenswert fand. Sauber formulierte Sätze, gefällig konstruiert, aber kein richtiger Drive, nichts was einen vom Hocker reißt und kein Vergleich zur Sprachgewalt anderer, junger österreichischer Autoren wie zum Beispiel Valerie Fritsch. Das alles hätte ich schreiben können, und dann wäre es vielleicht eine vernünftige Besprechung geworden, wie man sie von einem Buchpreisblogger erwartet.

Aber jetzt ist es Sonntag, 15:00 Uhr, ich habe gleich das Limit von 4.500 Zeichen erreicht und lasse dann einfach den Stift fallen. Mein abschließendes Fazit lautet: „Fremde Seele, dunkler Wald“ ist ein Buch, dass mich

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S.Fischer
300 Seiten, 20,00 Euro

Hans Platzgumer – Am Rand

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Naturverbunden, wortkarg, eigensinnig – so stellt man sich als Norddeutscher klassischerweise einen Österreicher vor. Dazu ein wettergegerbtes Gesicht, stramme Bergsteigerwaden und ein derber Dialekt. Bestimmt hatte Hans Platzgumer seinen Südtiroler Helden Georg Ebner ganz anders vor Augen, aber in meinem norddeutschen Hirn sind nun mal diese ganzen Alpenklischees gespeichert. Und so hat Georg in meiner Vorstellung natürlich einem Tirolerhut auf, während er auf einem Berggipfel am Rand eines Felshangs sitzt und einen ganzen Tag lang seine Erinnerungen aufschreibt.

Das ist die Rahmenhandlung. Der Romanheld sitzt am Rand des Abgrunds und blickt noch mal zurück, rekapituliert für sich und für uns Leser, wie er dahin gekommen ist. Wir begleiten ihn, als er frühmorgens zu Hause aufbricht, die leere Wohnung für immer verlassend, um den Berg zu besteigen – immer höher und weiter – bis es weder höher noch weiter geht. Wir blicken von ganz oben mit ihm zurück auf seine Jugend in der südtiroler Siedlung, auf seine Beziehung zur Mutter, einer ehemaligen Hure mit ihm als ihren Hurensohn, auf die Kinder, die ihn damit aufziehen, auf seine wenigen Freunde, mit denen er sich im Karateunterricht fürs Leben stählt, auf seine erste und einzige Liebe.

Das liest sich zunächst etwas zäh. Ich hatte Mühe, in das Buch hineinzukommen, es plätscherte auf den ersten 70 Seiten so dahin, konnte mich nicht richtig packen. Keine der Figuren – inklusive die des Protagonisten – entwickelte Kontur; ich langweilte mich und war kurz davor abzubrechen. Aber dann kam auf einmal der Großvater ins Spiel, die Geschichte nahm Fahrt auf und fing an, mir richtig gut zu gefallen. Auf einmal machten auch die langweiligen ersten Seiten Sinn, alles schien perfekt hergeleitet zu sein, und ich befand mich plötzlich mitten in einem bedrückenden Pageturner, den ich bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Natürlich – mag der Kritiker einwenden – natürlich sind Morde ein billiges Stilelement, um eine seicht dahinplätschernde Handlung wieder aufzuladen, um gelangweilte und beinahe abspringende Leser wieder ins Boot zu holen. Trotzdem musste dieser erste Mord sein, um dieser Geschichte einen tieferen Sinn zu geben. Danach kommt noch ein Mord und auch der macht Sinn, ist wie der Erste, mehr oder weniger aktive Sterbehilfe. Und mit den beiden Taten im Gepäck warten wir auf das nächste wirkliche Verbrechen. Wir wissen, die Wohnung ist leer. Georgs Frau und das Kind sind nicht mehr da, kommen auch nicht mehr wieder. Die Vermutung liegt nah, dass er auch sie getötet hat.

Ich will nicht zu viel verraten, aber es kommt ganz anders als erwartet. Und so unerwartet es ist, so tragisch ist es auch. Mit dieser Tragik spielt dieses Buch. Sie macht es erst besonders; das ist der literarische Move, den Platzgumer geschickt an den richtigen Stellen platziert hat. Und so steht der Roman auch vollkommen zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Dass er es nicht weiter geschafft hat, geht mit dem Umstand einher, dass die Geschichte zwar spannend ist, aber irgendwie nicht tief genug geht. Es passieren zwar die ungeheuerlichsten Dinge, warum und wieso wird aber nicht so richtig klar.

Am Ende bleiben viele Fragezeichen und die altbekannten Alpenklischees. Auch nach 200 tragischen Seiten bin ich der Hauptfigur nicht wirklich näher gekommen. Ich weiß nur, er hat stramme Waden und trägt einen Tirolerhut.

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Verlag: Zsolnay
208 seite, 19,90 €

Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Wir hatten vier Wochen, um uns auf die 20 Titel einzulassen. Nicht viel Zeit, um sich mit dieser für uns überraschenden Longlist anzufreunden, die Leseproben und die ausgewählten Titel zu lesen oder zumindest mal hineinzublättern. Doch bei sechs arbeitsteilig agierenden Buchpreisbloggern ist jeder der nominierten Titel mittlerweile von mindestens einem von uns gelesen und bewertet worden. Und so können wir jetzt, zwei Tage bevor die Buchpreisjury die offizielle Shortlist bekannt gibt, unsere sechs Titelfavoriten verkünden.

Das sind die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger:

Akos Doma – Der Weg der Wünsche

Gerhard Falkner – Apollokalypse

André Kubiczek – Skizze eines Sommers

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Anna Weidenholzer – Weshalb die Herren Seesterne tragen

Unsere Favoriten-Liste ist keine Shortlist-Prognose. Wir haben nicht darauf spekuliert, wie wohl die Fachjury entscheiden wird, sondern das ausgewählt, was uns an Longlist-Titeln interessiert, überzeugt und begeistert hat. Wenn unsere Favoriten mit der am Dienstag um 10.00 Uhr verkündeten Shortlist hier und da übereinstimmt, dann freuen wir uns.

Auch wenn die lange Liste jetzt von einer kurzen abgelöst wird – das Longlistlesen ist für uns noch lange nicht vorbei. Nach anfänglicher Skepsis sind wir Blogger mittlerweile einhellig der Meinung, dass die diesjährige Longlist eine gute ist. Kaum ein Titel, außer vielleicht Lewitscharoff, der da nicht hingehört, viele Überraschungen, wie Kubiczek, Weidenholzer und Winkler, und nicht zuletzt Titel, an denen man sich abarbeiten und reiben kann, wie Falkner oder Stadler. Wir sind alle sehr gespannt darauf, wer es in die nächste Runde schaffen wird und drücken unseren Favoriten schon mal die Daumen.

Hier noch ein Link zu ausgewählten Beiträgen der Buchpreisblogger.

10 Tage nach Bekanntgabe der Longlist – erste Eindrücke.

Rezension zu Apollokalypse auf Sounds & Books und das Streitgespräch dazu auf Literaturen

Rezension zu Anna Weidenholzer „Weshalb die Herren..“ auf Literaturen

Rezension zu die Thomas Melle „Die Welt im Rücken“ auf Buchrevier

Herbert liest  und bespricht „Das Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff

Rezension zu André Kubiczek „Skizze eines Sommers“ auf Sounds & Books

Jacqueline Masuck hat Akos Doma „Der Weg der Wünsche“ besprochen.

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

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Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 19,99 €