Jackie Thomae – Brüder

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Ich frage mich, ob das Lesen eines Romans ausreicht, um nachzuempfinden, wie das ist, mit dunkler Hautfarbe in Deutschland aufzuwachsen? Ob ein Buch diese komplizierte Gefühlslage überhaupt abbilden kann? Wenn dir zum Beispiel das, was andere in deiner Person zu sehen glauben, selber fremd ist. Wie ist das, wenn dir ein Elternteil nicht mehr mitgegeben hat, als sein Anders-Sein? Nicht mehr als krauses Haar und dunkle Haut und einen Haufen damit verbundener Probleme. Keine alternative Identität, kein Fluchtort, keine Gemeinschaft von Menschen, die so denken, fühlen und so aussehen wie man selbst. Und vor allem auch, da abwesend: keinen Halt und keine Liebe.

Ijoma Mangold hat in „Das Deutsche Krokodil“ beschrieben, wie sich das in den Siebziger Jahren in Westdeutschland angefühlt hat. Jackie Thomae hat mit dem Roman „Brüder“ die ostdeutsche Variante beigesteuert. Beide Werke vereint die Erkenntnis, dass man die angeborene Andersartigkeit nie und niemals auflösen kann. Dass deutsch zu denken, zu fühlen und zu sprechen, eine deutsche Mutter, deutsche Großeltern und ein deutscher Pass dich nicht davor bewahren, im eigenen Land schräg angeschaut zu werden. Man kann sich noch so sehr bemühen und versuchen, deutscher als deutsch zu sein, wenn 50 Prozent von dir sichtbar anders sind, wird früher oder später die Frage nach deiner Herkunft kommen. Und sicher ist, dass die für dich einzig richtige Antwort für den Fragenden immer die Falsche sein wird. Aber damit haben sich nicht nur die Protagonisten dieses Romans, Mick und Gabriel, sondern alle Deutschen mit physiognomisch sichtbarem Migrationshintergrund abgefunden – auch ich.

Ich weiß nicht, wie stark meine eigene Herkunftsgeschichte in die positive Beurteilung dieses Romans hineinspielt. Mit einem ähnlichen Background liest man ja noch viel kritischer. Ich habe aber alle geschilderten Situationen, Stimmungen und Gefühle zu einhundert Prozent authentisch und glaubwürdig empfunden. Da ist nichts zu dick aufgetragen, nichts angesichts von Rechtsruck und Flüchtlingskrise unnötig aufgebauscht. Trotzdem oder gerade deswegen ist ‚Brüder‘ ein Roman, der in unsere Zeit passt. Herkunft und Familie sind nicht umsonst die aktuellen literarischen Top-Themen, weil sie angesichts der zahlreichen globalen Konflikte, der innerpolitischen Verwerfungen und Debatten für innere Ruhe und Ausgleich sorgen. Während die Welt brennt und uns Themen wie Klimakrise, Wohnungsnot und Mobilitätswende in Atem halten, suchen wir Antworten und Trost in Dingen, die wir halbwegs überschauen können. Vater-Mutter-Kind, das ist die Urform einer sozialen Gemeinschaft – und wenn man sich anschaut, was da schon alles im Argen liegt, wen wundern da noch die Probleme im großen Ganzen? Erst wenn Toleranz, Wertschätzung und Achtsamkeit im kleinen Kreis funktionieren, kann man das auch größer ausrollen.

Unabhängig von dieser komplexe Themengemengelage hat mir das Lesen dieses Romans sehr viel Spaß gemacht. Sowohl der erste Teil mit der Geschichte von Mick, einem partyfeiernden Womanizer im hippen Berlin, als auch der zweite Teil um den funktional denkenden Gabriel, einem global agierenden Star-Architekten mit Büro in London. Beide Romanhelden stammen aus der ehemaligen DDR, beide haben unterschiedliche deutsche Mütter und den gleichen afrikanischen Vater: einen Austauschstudenten aus dem Senegal, der in der DDR studiert hat, als fertiger Mediziner wieder in sein Heimatland zurückgekehrt ist und sich einen Scheißdreck um das gekümmert hat, was vom Studium übrig blieb.

In diesem Fall sind das Mick und Gabriel mit ihren Müttern Monika und Gabriele. Alle vier wissen nichts voneinander und leben ihr Leben. Erst in den engen Grenzen des real existierenden Sozialismus, nach dem Mauerfall nur noch begrenzt durch die eigenen Möglichkeiten. Und da ist Gabriel – weniger hipp und sportlich, dafür aber wesentlich zielstrebiger als sein Halbbruder Mick – eindeutig im Vorteil. Er legt eine internationale Vorzeige-Karriere als Architekt hin, während Mick es nach vielen Irrungen und Wirrungen und Ausflügen ins Berliner Party- und Musik-Business letztlich nur als Yoga-Coach zu einem halbwegs okayen Auskommen gebracht hat. Aber darum geht es gar nicht. Wenn man ohne Vater aufgewachsen ist und so ein Herkunfts-Päckchen zu tragen hat wie Mick und Gabriel, dann zählt letztlich nur, wer im Leben weniger unglücklich wird. Und hier liefern sich beide ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Mick schließlich für sich gewinnt.

Doch eigentlich ist nichts entschieden, alles kann sich noch wandeln. Denn wir Leser verlassen die beiden Romanhelden nicht am Ende, sondern in der Mitte ihres Lebens. Ihr Vater hat sich zurückgemeldet, will nach vierzig Jahren Abwesenheit noch ein wenig Ordnung in sein Leben bringen und bemüht sich um Kontakt. Ob das tatsächlich gelingt, und sich am Ende alle wie in der RTL-Doku-Soap “Vermisst“ weinend aber glücklich in den Armen liegen, soll hier nicht verraten werden.

Ich kann diesen Roman allen nur wärmsten ans Herz legen. Er ist handwerklich perfekt gemacht und auf über 400 Seiten niemals auch nur eine Spur von langweilig. Ich konnte mich mit den Protagonistenperfekt identifizieren und auch sehr gut in die Nebenfiguren hineindenken, flog nur so durch die Seiten und fühlte mich mehr als angeregt unterhalten. Sprachlich top, authentisch, stimmig aufgebaut und zeitgeschichtlich überaus relevant. Definitiv ein Must-Read des Jahres!

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
416 Seiten, 23,00 €

Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

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Meine halbe Kindheit habe ich mit Warten verbracht. Auf den Beginn der Ferien, auf Geburtstage und Weihnachten, auf die Rückgabe der Mathearbeit, für die ich so viel gelernt habe, auf ein Bonanza-Rad. Später dann auf das erste Mofa und den Führerschein. Viel hat sich seitdem verändert, aber das Warten ist geblieben. Tagein, tagaus warte ich noch immer auf irgendwas. Es sind keine großen Dinge mehr und erst recht keine Geburtstage, die ich herbeisehne. Stattdessen lauter Kleinigkeiten. Dinge die einem Mann in meinem Alter Freude machen. Wenn es Sonntags mal wieder Rouladen gibt, morgens aufzustehen ohne Rückenschmerzen und zwei mal im Jahr Buchmesse mit den Bloggerfreunden.

Auch Jan Peter Bremers Protagonisten, der alternde Maler Günter Greilach und seine Frau Natascha, verbringen ihr Leben mit Warten. Doch was sie herbeisehnen, ist weit mehr als nur ein Sonntagsbraten, auch wenn es sich ähnlich profan anhört. Sie warten auf Besuch. Doch der, auf den sie warten, ist kein x-Beliebiger, weder Freund noch Familie, sondern ein junger Doktorand, den sie noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben, dessen Kommen sie aber seit mehr als zwei Jahren sehnsüchtig und hoffnungsvoll erwarten. Sehnsüchtig, weil sein Besuch per Postkarte immer wieder verschoben wird. Mal, weil der junge Doktorand in Spanien vom Pferd gefallen ist, im Krankenhaus eine Krankenschwester kennengelernt und spontan geheiratet hat, mal, weil seine junge Ehefrau urplötzlich verstorben ist. Hoffnungsvoll, weil dieser Besuch    Recherchezwecken für eine größere akademische Arbeit über das künstlerische Werk des Hausherren Greilach dient.

Die Postkarten, mit denen sie vertröstet werden, lassen das Bild des erwarteten Gasts in immer schillernderen Farben erscheinen. Besonders in Natascha Greilachs Vorstellung nimmt der junge Doktorand immer konkretere Züge an und ist am Ende ein sportlicher Womanizer, dem weder spanische Krankenschwestern noch deutsche Hausfrauen widerstehen können. Ihr Mann dagegen erwartet einen jungen, talentierten Kenner des Kunstbetriebes, dessen Geschmack und Expertise allein dadurch schon belegt ist, weil er sich intensiv mit dem Werk von Günter Greilach beschäftigt hat.

Und so sitzen die beiden Eheleute in ihrer umgebauten Wassermühle auf dem Lande und warten, nähren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, bis es eines Abends an der Tür klingelt und er endlich da ist. Ganz anders als erwartet, besonders in Nataschas Augen. Kein Latin Lover, sondern aufgeschwemmt und kettenrauchend steht er da, der junge Doktorand. Und doch ist das völlig nebensächlich, denn er ist endlich eingetroffen. Und nur das zählt. Mit offenen Armen wird er empfangen, von ihr und von ihm. Und schon geht es los, das Hick-Hack um den größeren Anteil an Quality Time mit dem Sehnsuchtsgast.

Mehr will ich vom Plot gar nicht erzählen. Dass der junge Doktorand sich als herbe Enttäuschung entpuppt und weder Nataschas Sehnsüchten noch Günters Hoffnungen entspricht, kann man sich vielleicht denken. Doch diese Vorhersehbarkeit schmälert in keinster Weise das Lesevergnügen an dieser kleinen „Gesellschaftsparabel über unser allgegenwärtiges Bedürfnis, gesehen zu werden“, wie es auf dem Backcover heisst.

Jan Peter Bremer hat einen sehr eigenen, mit feinsinnigem Humor durchwebten Erzählstil und ist ein wahrer Meister der Dialoge. Die Streitereien zwischen Natascha und Günter sind so lebendig und einfühlsam geschildert, als streite man als Leser mit. Ich hätte mir am Ende noch ein wenig mehr als die 176 großzügig formatierten Seiten gewünscht, Aber nur, weil mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat. Gefehlt hat mir an der Geschichte nichts, und meiner Meinung nach ist dieser Roman vollkommen zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet.

Auch wenn es vielleicht etwas weit hergeholt ist, musste ich beim Lesen immer wieder an Wladimir und Estragon denken, die beiden Landstreicher, die in Samuel Becketts berühmtem Bühnenstück auf Godot warten. Ich weiß nicht so recht, um was es Jan Peter Bremer bei diesem Roman wirklich geht. Um das Bedürfnis, gesehen zu werden, als Mensch Bedeutung zu bekommen, weil sich Dritte mit einem beschäftigen, oder tatsächlich nur um das Warten? Dieser Zustand, in dem  noch nichts entschieden, alles noch möglich ist, Sehnsüchte und Hoffnungen noch nicht ad acta gelegt sind. Ich frage mich, ob es nicht sogar lebensnotwendig ist, immer irgendetwas zu haben, auf das man Warten kann. Sei es ein Sonntagsbraten, ein junger Doktorand oder die Verkündung der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit oder ohne Jan Peter Bremer.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
176 Seiten, 20 Euro

 

Sasha Marianna Salzmann – Ausser sich

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Jeder kennt das: man liest ein Buch, das einem eigentlich ganz gut gefällt. Es ist sprachlich herausragend, hat einen guten Sound, und es könnte eine schöne Lesestimmung entstehen, wenn da nur dieses eine Wort nicht wäre: eigentlich. Denn uneigentlich kommt man damit nicht weiter. Ein paar Seiten jeden Abend, viel mehr ist nicht drin. Die Geschichte entwickelt keinen Sog, man kommt auch nach zweihundert Seiten nicht richtig rein und steigt daher irgendwann enttäuscht aus.

So ist es mir mit dem von der Literaturkritik hochgelobten Romandebüt der Theater-Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann gegangen. Zwei Wochen lang habe ich es immer wieder in die Hand genommen, wollte es unbedingt schaffen, doch es gelang mir nicht. Ich dachte zunächst, es läge an mir und suchte nach Entschuldigungen: habe wohl gerade zu viel um die Ohren, keinen Kopf für so verworrene Geschichten, aber morgen dann, ganz bestimmt, wäre ja auch schade drum.

Und irgendwann erstarrte der allabendliche Impuls, nach dem Buch zu greifen, schon in der Bewegung. Stattdessen griff ich zum Handy, zur Zeitung, sogar zur Fernseh-Fernbedienung und schließlich dann auch zu anderen Büchern, die ich ohne Probleme in einem Rutsch durchlas. Und das war dann der Todesstoß für dieses Werk. Als ich es pro forma nach ein paar Wochen Pause noch einmal in die Hand nahm, konnte ich mich erst recht nicht mehr in die verworrenen Zeit- und Handlungsstränge, Personen und Settings hineinfinden.

Wenn dieser Roman sprachlich nicht so überragend wäre, hätte ich überhaupt kein Problem damit, ihn mittendrin einfach abzubrechen, einen Verriss zu schreiben und das Ding so schnell wie möglich zu vergessen. Aber die Autorin hat großes Talent, ist eine echte Virtuosin und konstruiert tolle, klangvolle Sätze. Melodisch und rhythmisch fein austariert, mal lang, mal weniger lang, mal bildhaft und poetisch und dann wieder nüchtern und faktisch – perfekte Vorlesesätze. Aber Sprache ist halt nicht alles. Die Geschichte, das Setting, die Protagonisten, die Handlungsstränge, der rote Faden – das alles ist mindestens ebenso wichtig und sollte sich im Idealfall zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Und das tut es hier leider nicht.

Dabei ist die Geschichte nicht allzu kompliziert. Es geht um Alissa, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Zwillingsbruder Anton ist. Die Suche führt sie nach Istanbul, mitten in die Wirren der Aufstände am Taksim-Platz. Es gibt immer wieder Zeitsprünge, und wir erfahren wie die Eltern und Großeltern als Juden in der Sowjetunion gelebt haben, bis sie in den Neunziger Jahren nach Deutschland emigrieren durften. Anton verschwindet irgendwann spurlos, nach Jahren erreicht die Familie eine Postkarte von ihm aus Istanbul, und Alissa macht sich auf die Suche.

Das Themenspektum ist riesig: Politik, Religion, Familie, Emigration und Immigration. Das alles hätte vollkommen ausgereicht, um einen großen Gegenwartsroman zu schreiben. Doch nicht für die begabte Jungautorin Salzmann. Aus Alissa wurde Ali und aus dem ohnehin schon thematisch überfrachteten Roman-Gemengelage ein queeres Vewirrstück. Das war der Punkt, an dem ich dann ausgestiegen bin. Nicht weil ich mit der Transgender-Thematik nichts anfangen kann, sondern weil sich die Autorin einfach mit den Themen übernommen hat. Eine russisch-deutsche, gleichgeschlechtlich liebende, transgender Protagonistin jüdischen Glaubens mitten im muslimischen Istanbul während der aktuellen politischen Unruhen – das ist einfach übertrieben konstruiert und nicht mehr glaubwürdig. Da rolle ich mit den Augen und bin raus.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
366 Seiten, 22,00

 

Der Buchtrailer:

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Philipp Winkler – Hool

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Ein stummer Schrei aus Wunstorf.

Er war überall. Bei der Preisverleihung im Römer, bei ARD und ZDF, am Stand von Aufbau und der WELT, auf dem blauen Sofa, dem roten Sofa, bei Orbanism und im Mantis auf dem Klo – überall ist er einem über den Weg gelaufen. Von den anderen Shortlist-Kandidaten hat man dagegen auf der Buchmesse nicht viel mitbekommen, sie standen mit ihren 08/15-Frisuren im Abseits rum und wurden nur selten angespielt. Für Philipp Winkler dagegen war diese Buchmesse ein einziger Traumpass, den er Volley genommen und oben im linken Eck unhaltbar verwandelt hat.

Souverän, sympathisch und noch dazu cool und lässig auf immer die gleichen Fragen reagieren, das muss einem erstmal einer nachmachen. Noch dazu als absoluter Newcomer auf dem Parkett. Kompliment. Waren sie mal Hooligan? Woher haben sie den Einblick in die Szene? Sind alle Hooligans rechtsradikal? Haben Sie schon mal solch eine Schlägerei mitgemacht? Auch wenn Winkler nicht immer mit einer Traumparade reagiert hat, so hat er zumindest seinen Kasten sauber gehalten.

Natürlich ist es in erster Linie das Thema, das zieht. Hooligans – da läuft es jedem Bildungsbürger erstmal kalt den Rücken runter. Man kennt sie nur als amorphe, grölende Masse, hinter den Absperrgittern der Nord- oder Südkurve, an Spieltagen von einer Hundertschaft durch die Stadt zum Stadion eskortiert. Wer mit so einer bierseligen Horde schon mal im selben Zug gesessen hat, weiß Bescheid. Jetzt gibt es also den ersten literarisch anspruchsvollen Roman, der in dieser Szene spielt. Wobei von der Kritik nicht nur der literarische Anspruch in Frage gestellt wird, sondern auch, dass das Thema wirklich neu sei.

Die Sprache ist natürlich derb, einfach und dem Milieu entnommen. Anders würde das Buch auch nicht funktionieren. Den literarischen Anspruch deshalb in Frage zu stellen, ist natürlich abstrus. Die Frage, die sich aber stellt: Ist das hier gelungen? Ist die Sprache so gewählt, dass sich der Leser ein authentisches Stimmungsbild machen kann? Ich finde ja, auch wenn ich aufgrund mangelnder Berührungspunkte nicht beurteilen kann, ob in der Hooligan-Szene wirklich so gesprochen wird. In meinen Ohren klingt da alles stimmig, auch wenn ich bei Ausdrücken wie „Gesichtsbuch“ anstelle von Facebook erstmal skeptisch schaute. Aber ich kenne auch Menschen, die sagen „zum Bleistift“, „Märchensteuer“ und Wirsing, statt auf Wiedersehen. Und ob das jetzt wirklich alles neu ist, ist prinzipiell auch egal. Geschenkt, wenn es denn schon vorher einen Roman aus der Hooligan-Szene gegeben haben sollte. Der hier hat es auf die Shortlist des Buchpreises geschafft, den Aspekte-Literaturpreis bekommen und die Frankfurter Buchmesse gerockt. Mehr Relevanz geht nicht.

Bloggerkollegin Sophie kritisiert, dass ihr die Romanfiguren zu klischeebehaftet und vorhersehbar gezeichnet sind. Das kaputte Familienumfeld des Helden Heiko, der saufende Vater, die Mutter, die irgendwann abgehauen ist, die stille Thailänderin, die an ihrer statt eingezogen ist, die Hundekämpfe, die Anabolika schluckenden Bodybuilder – das alles ist nicht wirklich neu, meint Sophie; ein klassisches Verlierer-Setting und daher für sie enttäuschend. Man kann dem entgegenhalten, dass schlichte Menschen nunmal häufig aus schlichten Verhältnissen stammen. Ein Jura studierender und aus einem Ärztehaushalt stammender Hooligan wäre zwar weniger vorhersehbar gewesen, aber auch weniger authentisch.

Mich haben weder die Sprache noch die Charakter-Klischees gestört. Ich finde den Roman stimmig, sprachlich und atmosphärisch dicht und insgesamt sehr unterhaltsam. Und mir ist auch vollkommen egal, ob die Kämpfe bei den Hooligans jetzt tatsächlich genau so ablaufen, ob in dem Milieu so gesprochen wird und Hannover 96 und die Braunschweiger wirklich Spinnefeind sind. Es ist ein Roman, es sind ausgedachte Figuren und Winkler hat sie in meinen Augen interessant und authentisch gezeichnet. Und natürlich sind Hooligans nicht nur Saufköppe und brutale Schläger. Hooligans wie Heiko sitzen nächtelang im Auto vor der Wohnung ihrer verflossenen Liebe, sie kümmern sich um Vatterns Tauben und besuchen den kranken Kumpel im Krankenhaus. Harte Schale, weicher Kern – noch so ein Charakter-Klischee. Nach Ansicht der Ärzte, ist Hass ja sowieso nur ein stummer Schrei nach Liebe. Und auch Heiko will eigentlich nur mal in den Arm genommen werden.

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Verlag: Aufbau
310 Seiten, 19,95 €

Hier der Link zur Rezension von Sophie Weigand vom Blog Literaturen:

 

 

Buchpreis is coming home

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So, die Chose ist gelaufen. Longlist, Shortlist, Preisverleihung, Fertig. Das war der Deutsche Buchpreis 2016. Der Gewinner heißt Bodo Kirchhoff, und er freut sich angeblich darüber, auch wenn man es ihm nicht ansieht. Die anderen fünf Shortlister verlassen mit gesenkten Kopf die Party im Frankfurter Römer. Ich treffe Thomas Melle an der Garderobe, sage ihm, dass es mir leid tut, dass er für mich der absolute Favorit war und ich die Entscheidung der Jury nicht gut finde. Doch er nickt nur dankend und zieht von dannen. Kurz überlege ich, ihm nachzurufen: Aller guten Dinge sind vier! Aber das lasse ich dann lieber bleiben. Am Mittwoch höre ich dann entsetzt, dass er sich krank gemeldet hat und alle Termine mit ihm auf der Buchmesse ausgefallen sind. *schluck*

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Währenddessen nimmt die Bodo-Kirchhoff-Show ihren Lauf. Schon bei seiner Dankesrede hatte ich den Eindruck, dass da eher Genugtuung als echte Freude aus ihm spricht. Körpersprache, Mimik und die vorbereitete Dankesrede mit dem anbiedernden Fußball-Orakel, das alles wirkte auf mich irgendwie unsympathisch. Kein Vergleich zu der herzerfrischenden Freude von Frank Witzel, dem Preisträger aus dem letzten Jahr. Und in den zahlreichen Kirchhoff-Interviews, die in dieser Woche überall zu lesen und sehen waren, verstärkte sich mein Eindruck noch.

img_8926Auch wenn Widerfahrnis in meinen Augen weder der beste Roman des Jahres noch der Beste von Kirchhoff ist, gönne ich ihm die Genugtuung, den Preis, den er mit entwickelt hat, auch endlich einmal gewonnen zu haben. Buchpreis is coming home – der Frankfurter Eintracht sei Dank. Freuen tue ich mich für seinen Verlag, Joachim Unselds Frankfurter Verlagsanstalt – für mich seit Jahren eine der ersten Adressen für anspruchsvolle Gegenwartsliteratur.

 

Nicht nur aufgrund der Einladung zur Preisverleihung war der Deutsche Buchpreis für mich in diesem Jahr ein ganz besonderes Erlebnis. Wenn ich an den 20. August zurückdenke, als die Longlist verkündet wurde und ich zunächst zwischen Enttäuschung und Verwunderung schwankte, so bin ich heute regelrecht begeistert von der Auswahl der Titel. Ich habe sieben Romane komplett und einen angelesen. Bis auf einen waren alle waren gut, zwei davon sehr gut. Richtig enttäuscht hat mich nur Arnold Stadlers Roman Rauschzeit, den ich bereits nach zwanzig Seiten und kurzem Random-Querlesen entnervt aus der Hand gelegt habe. Verschwurbelte Geschwätzigkeit auf 600 Seiten – für so etwas habe ich angesichts der vielen interessanten Titel, die noch auf meiner Lesewunschliste stehen, einfach keine Zeit.

Neben Kumpfmüller und Melle, die mich unter den 20 nominierten Titeln am meisten begeistert haben, habe ich mich sehr gefreut, jetzt auch endlich Joachim Meyerhoff als Autor kennengelernt zu haben. Denn ich habe seinen Bestseller aufgrund des ganzen Hypes, der darum gemacht wurde, nicht gelesen. Durch die Longlist-Nominierung habe ich festgestellt, dass Meyerhoff nicht zu kennen, doch eine entsetzliche Lücke darstellt. Ein herzerwärmendes, liebevolles und sehr humorvolles Buch. Und dann war da noch Hool von Philipp Winkler, einem Autor dem ich in der letzten Woche bestimmt zehn mal über den Weg gelaufen bin. Der war irgendwie überall auf der Messe, auf jeder Lesebühne, bei jeder Party. Und obwohl ich mit seinem Roman irgendwie aus Zeitgründen nicht richtig weiterkomme, gefällt er mir nach wie vor recht gut.

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Mein persönliches Top-Highlight im Zusammenhang mit dem Deutschen Buchpreis war natürlich die Einladung zum Goethe Institut nach Kopenhagen, wo ich zusammen mit Bloggerkollegin Sophie Weigand die Shortlist-Titel vorgestellt habe. Es war zwar einige Arbeit, den Vortrag vorzubereiten, aber es hat sich gelohnt. Wir hatten ein tolles Publikum und haben mehr als zwei Stunden über die Bücher der Long- und Shortlist erzählt und sind dabei natürlich auch auf die wachsende Bedeutung von Literaturblogs eingegangen. In Dänemark gibt es keine Buchblogger-Szene wie in Deutschland, daher war das Interesse an dieser seltenen Spezies natürlich besonders groß. Die Instituts- und Bibliotheksleitung war jedenfalls ganz angetan von unserem Auftritt und versprach, uns weiterzuempfehlen. Vielleicht tingeln Sophie und ich ja schon bald durch die Lande von Goethe-Institut zu Goethe-Institut.

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Und dann waren da noch die netten Gespräche mit den Buchpreis-Juroren Christoph Schröder und Najem Wali, den Organisatorinnen beim Börsenverein, Catarina Kirsten und der angenehme und bereichernde Wettbewerb mit den anderen Buchpreisbloggern vom Team Mara. Das alles hat den Deutschen Buchpreis 2016 für mich zu einem rundum gelungenen Erlebnis gemacht.

Trotzdem ist für mich an dieser Stelle Schluss mit dem Buchpreisbloggen. Nach zwei tollen Jahren mache ich Platz für andere Blogs und andere Stimmen und sage: „Danke, dass ich dabei sein konnte. Es war mir ein Vergnügen und eine große Ehre“.

 

Reinhard Kaiser-Mühlecker – Fremde Seele, dunkler Wald.

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Samstag, 22.00 Uhr: Ich habe mich gerade hingesetzt, um mal wieder etwas über die Buchpreis-Shortlist zu schreiben. Nächste Woche Montag ist der Drops ja schon gelutscht. Dann interessiert nur noch der Preisträger und die restlichen Nominierungen geraten schlagartig in Vergessenheit. Also wenn ich noch etwas über den Shortlist-Titel von Reinhard Kaiser-Mühlecker schreiben will, dann jetzt.

22:30 Uhr: Ob das hier noch etwas wird? Ich habe jetzt eine halbe Stunde nachgedacht und alles, was ich bisher geschrieben habe, ist, dass ich eine halbe Stunde nachgedacht habe. Bis jetzt noch keine keine einzige brauchbare Idee zu diesem wunderbar ruhigen, intensiven Buch, das ich Anfang der Woche zu Ende gelesen habe. Ich vergesse immer den Titel: Dunkle Wälder, tiefe Seelen? Nein: Fremde Seele, dunkler Wald – ein wunderschönes Buch. Ich habe es am Montagabend weggelegt und gedacht – wunderbar ruhig und intensiv. Was? Ach ja, Entschuldigung, das hab ich schon gesagt. Ja nun, was noch? Schön ist es, ein richtig schönes Buch, schönes Cover, schön geschrieben. Und auch der Autor ist schön. Ja, puuuh …, was soll ich noch sagen? 23.00 Uhr: Ich mach erstmal Schluss. Morgen früh fällt mir bestimmt noch etwas ein.

Sonntag, 11.00 Uhr: Habe gerade gefrühstückt, mit dem Hund war ich auch schon draußen. Aber eine zündende Idee für die Besprechung habe ich noch immer nicht. Verdammt noch mal, es muss sich doch irgendein Aufhänger finden lassen. Es kommt nicht oft vor, dass mir so gar nichts zu einem Buch einfällt, auch wenn es mir grundsätzlich gut gefallen hat. Das mag daran liegen, dass dieses düstere Alpendrama ziemlich unvermittelt nach 300 Seiten endet und mich ratlos mitten auf der grünen Bergwiese stehend zurückließ. Dabei war ich längst noch nicht fertig mit den beiden Brüdern Alexander und Jakob. Ich hatte noch Fragen, wollte noch ein paar Antworten von den beiden, sie noch ein Stück des Weges begleiten. Aber der junge österreichische Autor hat sich scheinbar ein Limit gesetzt und bei exakt 300 Seiten den Stift fallen gelassen.

Nicht, dass ich mir jetzt unbedingt einen dicken Wälzer gewünscht hätte. 300 Seiten sind vollkommen ok und für einen deutschsprachigen Gegenwartsroman ein ordentliches Preis- Leistungsverhältnis. Und dafür bekommt man gleich drei Romane zum Preis von einem. Eine Coming-of-Age-Story, ein kleines Familienepos und einen Heimatroman. Ja, meine Damen und Herren, kommen sie her, schauen und staunen sie. Das Angebot des Fischer-Verlages gilt nur für kurze Zeit. Wenn sie jetzt reinlesen, bekommen sie vom Autor noch eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem Soldaten und einer Offiziersgattin gratis dazu. Und das ganze kostet sie nicht vierzig, nicht dreißig, sondern nur sage und schreibe zwanzig Euro.

Sonntag, 12:30 Uhr: Die Pferde sind mal wieder mit mir durchgegangen. Immer wenn ich mir vornehme, eine ordentliche Rezension zu schreiben, kommt sowas dabei raus. Ich weiß nicht warum, es passiert einfach. Natürlich hätte ich erstmal die Geschichte zusammenfassen können, die auf einem Bauernhof irgendwo in Oberösterreich spielt, einer strukturschwachen Gegend, wo drei Generationen in einem Haus aufeinander hocken. Großeltern mit ordentlich Geld auf dem Sparbuch, Eltern mit einem Berg Schulden und jeder Menge gescheiterter Träume und Kinder mit mit misslungenen Befreiungs- und Fluchtversuchen. Ich hätte schreiben können, dass Kaiser-Mühlecker das alles authentisch und glaubwürdig beschreibt. Dass es ihm gelingt, ein wunderbar, schwermütiges Stimmungsbild aufzubauen, mit einsamen, wortkargen Charakteren, die sich auf die unterschiedlichste Weise verloren haben. Ein tolles Buch auch für den Herbst, wenn die Tage kürzer werden, die Schönheit des Sommer noch spürbar ist, aber schon unwiederbringlich verloren. Dann kann man sich mit einer Tasse Tee und diesem Buch herrlich ins dunkle Bauerntal zurückziehen.

Ich hätte auch auf die Sprache dieses Romans eingegeben können, die in zahlreichen Besprechungen hoch gelobt wurde, die ich aber jetzt nicht besonders bemerkenswert fand. Sauber formulierte Sätze, gefällig konstruiert, aber kein richtiger Drive, nichts was einen vom Hocker reißt und kein Vergleich zur Sprachgewalt anderer, junger österreichischer Autoren wie zum Beispiel Valerie Fritsch. Das alles hätte ich schreiben können, und dann wäre es vielleicht eine vernünftige Besprechung geworden, wie man sie von einem Buchpreisblogger erwartet.

Aber jetzt ist es Sonntag, 15:00 Uhr, ich habe gleich das Limit von 4.500 Zeichen erreicht und lasse dann einfach den Stift fallen. Mein abschließendes Fazit lautet: „Fremde Seele, dunkler Wald“ ist ein Buch, dass mich

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S.Fischer
300 Seiten, 20,00 Euro

Hans Platzgumer – Am Rand

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Naturverbunden, wortkarg, eigensinnig – so stellt man sich als Norddeutscher klassischerweise einen Österreicher vor. Dazu ein wettergegerbtes Gesicht, stramme Bergsteigerwaden und ein derber Dialekt. Bestimmt hatte Hans Platzgumer seinen Südtiroler Helden Georg Ebner ganz anders vor Augen, aber in meinem norddeutschen Hirn sind nun mal diese ganzen Alpenklischees gespeichert. Und so hat Georg in meiner Vorstellung natürlich einem Tirolerhut auf, während er auf einem Berggipfel am Rand eines Felshangs sitzt und einen ganzen Tag lang seine Erinnerungen aufschreibt.

Das ist die Rahmenhandlung. Der Romanheld sitzt am Rand des Abgrunds und blickt noch mal zurück, rekapituliert für sich und für uns Leser, wie er dahin gekommen ist. Wir begleiten ihn, als er frühmorgens zu Hause aufbricht, die leere Wohnung für immer verlassend, um den Berg zu besteigen – immer höher und weiter – bis es weder höher noch weiter geht. Wir blicken von ganz oben mit ihm zurück auf seine Jugend in der südtiroler Siedlung, auf seine Beziehung zur Mutter, einer ehemaligen Hure mit ihm als ihren Hurensohn, auf die Kinder, die ihn damit aufziehen, auf seine wenigen Freunde, mit denen er sich im Karateunterricht fürs Leben stählt, auf seine erste und einzige Liebe.

Das liest sich zunächst etwas zäh. Ich hatte Mühe, in das Buch hineinzukommen, es plätscherte auf den ersten 70 Seiten so dahin, konnte mich nicht richtig packen. Keine der Figuren – inklusive die des Protagonisten – entwickelte Kontur; ich langweilte mich und war kurz davor abzubrechen. Aber dann kam auf einmal der Großvater ins Spiel, die Geschichte nahm Fahrt auf und fing an, mir richtig gut zu gefallen. Auf einmal machten auch die langweiligen ersten Seiten Sinn, alles schien perfekt hergeleitet zu sein, und ich befand mich plötzlich mitten in einem bedrückenden Pageturner, den ich bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Natürlich – mag der Kritiker einwenden – natürlich sind Morde ein billiges Stilelement, um eine seicht dahinplätschernde Handlung wieder aufzuladen, um gelangweilte und beinahe abspringende Leser wieder ins Boot zu holen. Trotzdem musste dieser erste Mord sein, um dieser Geschichte einen tieferen Sinn zu geben. Danach kommt noch ein Mord und auch der macht Sinn, ist wie der Erste, mehr oder weniger aktive Sterbehilfe. Und mit den beiden Taten im Gepäck warten wir auf das nächste wirkliche Verbrechen. Wir wissen, die Wohnung ist leer. Georgs Frau und das Kind sind nicht mehr da, kommen auch nicht mehr wieder. Die Vermutung liegt nah, dass er auch sie getötet hat.

Ich will nicht zu viel verraten, aber es kommt ganz anders als erwartet. Und so unerwartet es ist, so tragisch ist es auch. Mit dieser Tragik spielt dieses Buch. Sie macht es erst besonders; das ist der literarische Move, den Platzgumer geschickt an den richtigen Stellen platziert hat. Und so steht der Roman auch vollkommen zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Dass er es nicht weiter geschafft hat, geht mit dem Umstand einher, dass die Geschichte zwar spannend ist, aber irgendwie nicht tief genug geht. Es passieren zwar die ungeheuerlichsten Dinge, warum und wieso wird aber nicht so richtig klar.

Am Ende bleiben viele Fragezeichen und die altbekannten Alpenklischees. Auch nach 200 tragischen Seiten bin ich der Hauptfigur nicht wirklich näher gekommen. Ich weiß nur, er hat stramme Waden und trägt einen Tirolerhut.

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Verlag: Zsolnay
208 seite, 19,90 €

Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Wir hatten vier Wochen, um uns auf die 20 Titel einzulassen. Nicht viel Zeit, um sich mit dieser für uns überraschenden Longlist anzufreunden, die Leseproben und die ausgewählten Titel zu lesen oder zumindest mal hineinzublättern. Doch bei sechs arbeitsteilig agierenden Buchpreisbloggern ist jeder der nominierten Titel mittlerweile von mindestens einem von uns gelesen und bewertet worden. Und so können wir jetzt, zwei Tage bevor die Buchpreisjury die offizielle Shortlist bekannt gibt, unsere sechs Titelfavoriten verkünden.

Das sind die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger:

Akos Doma – Der Weg der Wünsche

Gerhard Falkner – Apollokalypse

André Kubiczek – Skizze eines Sommers

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Anna Weidenholzer – Weshalb die Herren Seesterne tragen

Unsere Favoriten-Liste ist keine Shortlist-Prognose. Wir haben nicht darauf spekuliert, wie wohl die Fachjury entscheiden wird, sondern das ausgewählt, was uns an Longlist-Titeln interessiert, überzeugt und begeistert hat. Wenn unsere Favoriten mit der am Dienstag um 10.00 Uhr verkündeten Shortlist hier und da übereinstimmt, dann freuen wir uns.

Auch wenn die lange Liste jetzt von einer kurzen abgelöst wird – das Longlistlesen ist für uns noch lange nicht vorbei. Nach anfänglicher Skepsis sind wir Blogger mittlerweile einhellig der Meinung, dass die diesjährige Longlist eine gute ist. Kaum ein Titel, außer vielleicht Lewitscharoff, der da nicht hingehört, viele Überraschungen, wie Kubiczek, Weidenholzer und Winkler, und nicht zuletzt Titel, an denen man sich abarbeiten und reiben kann, wie Falkner oder Stadler. Wir sind alle sehr gespannt darauf, wer es in die nächste Runde schaffen wird und drücken unseren Favoriten schon mal die Daumen.

Hier noch ein Link zu ausgewählten Beiträgen der Buchpreisblogger.

10 Tage nach Bekanntgabe der Longlist – erste Eindrücke.

Rezension zu Apollokalypse auf Sounds & Books und das Streitgespräch dazu auf Literaturen

Rezension zu Anna Weidenholzer „Weshalb die Herren..“ auf Literaturen

Rezension zu die Thomas Melle „Die Welt im Rücken“ auf Buchrevier

Herbert liest  und bespricht „Das Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff

Rezension zu André Kubiczek „Skizze eines Sommers“ auf Sounds & Books

Jacqueline Masuck hat Akos Doma „Der Weg der Wünsche“ besprochen.

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

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Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 19,99 €

Bloggertalk zu Bodo Kirchhoffs ‚Widerfahrnis‘

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Unter den Buchpreisbloggern wird viel gestritten. Natürlich nur um Literatur. Zu Bodo Kirchhofs neuestem Buch „Widerfahrnis“ habe ich mit meiner Bloggerkollegin Jacqueline (masuko13) zahlreiche Mails ausgetauscht. Beide mögen wir Kirchhoff sehr. Doch während Jacqueline diese Novelle als berührende Ü40 Liebesgeschichte sieht, empfinde ich es als Altherrenprosa. Sie meint, dass Kirchhoff es damit auf die Shortlist schaffen könnte, ich glaube das eher nicht. Aus dem Mailwechsel ist dieser Bloggertalk entstanden. 

Tobias: Das ist jetzt schon der fünfte Roman, den ich von Kirchhoff lese. Und in jedem der Bücher ging es um eine komplizierte Liebe älterer Herrschaften, bei der die Protagonisten regelmäßig im Auto über den Brenner nach Italien fahren, sich in irgendeinem romantischen Hotel lieben und anschließend entweder zusammenkommen oder wieder auseinandergehen. Das ist so ein typisches Kirchhoff-Schema. Fast würde ich sagen, er schreibt seit Jahren nur Variationen des immer gleichen Romans.

Jacqueline: Das kann ich nicht bestätigen, da ich bis auf „Die Liebe in groben Zügen“ nichts kenne von ihm. Aber wenn das so ist, dann mag ich sein Thema in allen möglichen Variationen wirklich sehr.

Tobias: Ich mag das ja eigentlich auch. Finde es gut, wenn sich Autoren treu bleiben und nicht meinen, sich ständig neu erfinden zu müssen. Aber Kirchhoff könnte für meinen Geschmack jetzt mal was Neues bringen. Überhaupt finde ich „Widerfahrnis“, wie ich schon in meiner Rezension geschrieben habe, insgesamt ein wenig altmodisch. Das ist fast schon Altherrenprosa. Was sagst du als Frau dazu?

Jacqueline: Sehe ich gar nicht so. Unter „Altherren-Roman“ verstehe ich eher die übertriebenen Phantasien älterer Autoren – alter Mann liebt junge Frau und umgekehrt. Kirchhoff erzählt eine Liebesgeschichte zweier Menschen jenseits der 50. Weder ist Reither uralt, noch Leonie Palm sehr jung. Ich konnte mich gut in der Figur der Leonie wiederfinden, mochte aber auch Reither sehr. Ein ewig jung Gebliebener. Mit seiner ollen Lederjacke beispielsweise, die er schon getragen hat, als es noch kein Internet gab. Und es gehört doch auch jede Menge Spontanität und Mut dazu, einfach Richtung Italien loszufahren. Alles hinter sich zu lassen! Für mich ist das endlich mal wieder eine Liebesgeschichte für Leser jenseits der 20 oder 30 Jahre. Er beschreibt Gefühle und Menschen wie kein anderer.

Tobias: Ja, Kirchhoff ist und bleibt ein großer Meister in der Darstellung des Zwischenmenschlichen, das macht er gut, facettenreich und voller Empathie. Aber trotzdem, jemand der immer noch seine olle Lederjacke aus den Achtzigern trägt und sich damit ewig jung geblieben fühlt, ist meist das genaue Gegenteil davon. In meinen Augen gibt es nichts, was einen älter macht, als solch verstaubte Relikte. Aber das ist Ansichtssache. 

Ich glaube ja, dass all das Unzeitgemäße in diesem Roman – das Kettenrauchen, die Musikkasetten, Bücher, Hüte, Lederjacken – ganz bewusst zusammengetragen wurden, weil sie für den Abschied der Generation Kirchhoff stehen. Für mich schwingt da jede Menge Wehmut mit, das ist ok, aber so entsteht nun mal der Eindruck von Altherrenprosa. Auch sprachlich ist der Roman ein wenig aus der Zeit gefallen. Ich finde den Erzählstil ein wenig zu aufgesetzt und gekünstelt.

Jacqueline: Kirchhoff hat einen besonderen Erzählton, den man so schnell nicht wiederfindet. Gekünstelt finde ich ihn nicht. Ich mag diesen Ton. Als du noch am Anfang des Romans warst, meintest du bereits, er sei dir zu virtuos. Aber ist nicht genau das Virtuose das, was einen Kirchhoff auszeichnet? Wie geht es dir denn mit dem Titel? Widerfahrnis ist ja ein Wort, dass im Duden gar nicht existiert.

Tobias: Ich mag Kirchhoffs virtuosen Erzählstil eigentlich sehr. Aber in diesem Buch hat er es für meinen Geschmack übertrieben, eine Schleife, eine Girlande zu viel gezogen. Das wirkt auf mich zu gewollt, zu virtuos, zu konstruiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass junge Leser etwas mit Bodo Kirchhoff anfangen können, alleine schon aufgrund des altmodischen Begriffs Widerfahrnis. Was für Leute fragen denn nach Bodo Kirchhoff-Büchern bei Dussmann?

Jacqueline: Interessante Frage! Leser, die sich für Kirchhoff interessieren, sind wohl eher aus der Gruppe 40+. Kirchhoff-Leser sind außerdem anspruchsvoll und intellektuell. Ich empfehle immer gern „Die Liebe in groben Zügen“, wenn ein inhaltlich und sprachlich guter Liebesroman für nicht mehr ganz junge Leser gesucht wird. Ich denke, dass sich junge Leser mehr für Bücher interessieren, die sie direkt etwas angehen. Beispielsweise die Romane von Benedict Wells.

Tobias: Jetzt hat Kirchhoff in diesem Buch ein brandaktuelles Thema eingebaut. Findest du die Flüchtlingsthematik schlüssig und passend oder aufgesetzt?

Jacqueline: Aufgesetzt finde ich sie nicht. Mich hat sie aber tatsächlich ein wenig überrascht. Anfangs sind es ja nur dunkle Schemen am Rande. Dann werden daraus reale Figuren, welche Reither und Leonie in die Realität zurück katapultieren. Nein, ich finde, das passt ganz gut. Vielleicht kann man heute nicht mehr einfach losfahren, ohne mit solchen Schicksalen konfrontiert zu werden. Und deshalb gehören sie auch in die Welt der Literatur und der Liebesgeschichten.

Was mich beim Lesen leider gestört hat, war, dass er den Figuren der Geschichte manchmal so seltsame Bezeichnungen gibt. Also, wenn dann aus Leonie Palm die Beifahrerin und aus dem Flüchtlingsmädchen die Stumme mit Hut wird. Oder Taylor, der Mann aus Nigeria, ist plötzlich der angelernte Beifahrer. Das fand ich dann doch ein wenig gekünstelt. Hat dich das auch gestört?

Tobias: Nein, das hat mich eigentlich nicht gestört. Trotzdem, mein Urteil steht. Ich finde, das hier ist nicht Kirchhoffs bestes Werk. Wenn er für sein Meisterwerk „Liebe in groben Zügen“ schon den Buchpreis nicht bekommen hat, dann sollte er es mit „Widerfahrnis“ auch nicht schaffen. Zumal ich jetzt schon Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ eindeutig stärker finde. Glaubst du, dass Kirchhoff Chancen auf die Shortlist oder sogar den Buchpreis hat?

Jacqueline: Um darauf zu antworten, muss ich wirklich noch ein paar mehr Bücher der Nominierten lesen. Mir gefiel bisher „Fremde Seele, dunkler Wald“ von Kaiser-Mühlecker sehr gut. Ich bin wahnsinnig gespannt auf Falkners „Apollokalypse“, auf Winklers „Hool“ auf Goma, Lewitscharoff, … auf Melle auch! Ja, aber auf die Shortlist könnte es „Widerfahrnis“ schaffen, das ist durchaus realistisch. Was denkst du?

Tobias: Obwohl ich ein großer Bodo Kirchhoff-Fan bin – ich glaube die Shortlist wird er mit diesem Werk nicht schaffen. Aber der Deutsche Buchpreis ist ja bekanntermaßen unberechenbar.

 

Hier der Link zu Jacquelines Rezension auf Ihrem Literaturblag masuko13. Auch Buchpreisblogger Gérard hat Widerfahrnis gelesen und auf seinem Blog besprochen.

 

 

 

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

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Das Erste, was mir beim Melle-Lesen auffiel ist, dass das ja ein bisschen wie Stuckrad-Barres Panikherz ist, nur besser, nur ohne Udo, ohne diesen ganzen Show-Biz-Kram, irgendwie noch abgefahrener und ehrlicher. Da lässt einer die Hosen runter, aber jetzt mal so richtig, ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht wie Stuckiman, der schon beim Schreiben die entsprechende Premierenlesung mit Playlist und Gastauftritt von Udo und Konsorten im Hinterkopf hatte. Melle hat gar nichts im Hinterkopf. Melle will reinen Tisch machen. Diesen ganzen Psycho-Scheiß endlich hinter sich lassen. Es aufschreiben, sich freischreiben, die Meute sich jetzt noch einmal das Maul über ihn zerreißen lassen und dann war es das, dann ist er damit durch. So der Plan. „Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein.“

Jetzt heißt es überall zunächst einmal: Was? Der Melle ist irre? Und ich so: Hab ich mir doch gleich gedacht. Und mein Über-Ich sofort: Ach komm, hör auf. Aber es ist tatsächlich wahr. „Die Welt im Rücken“ ist autobiografisch, Melle ist Melle und keine Romanfigur. Er hat das Versteckspiel satt und sagt es frei heraus: Ja, ich bin krank, manisch-depressiv oder neudeutsch: bipolar gestört. Und er ist es immer noch, wird das nie wieder los, kann keine Entwarnung geben, uns kein Happy End anbieten.

Wie das so ist, wie es einem damit geht, das beschreibt er in diesem Buch. Und das macht er so gut, so intensiv und literarisch bemerkenswert, dass er damit schon wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Auch diese Nominierungs-Meriten scheinen ihn wie seine Krankheits-Schübe immer wieder zu ereilen. Nach „Sickster“ in 2010 und „3000 Euro“ im Jahr 2014 jetzt also schon wieder. Warum? Weil Melle einfach ein unglaubliches Talent ist, sprachlich virtuos, ein hochintelligenter Kopf und einer, der etwas zu erzählen hat.

Und hier hat er es sogar vergleichsweise einfach gehabt. Er musste sich nichts ausdenken, nicht in Charaktere schlüpfen, sich nicht hinter ihnen verstecken. Er musste keinen Plot aufbauen, sondern einfach nur dem Durchlittenen eine lesbare Struktur geben. Und das ist die große Stärke dieses Buches, das sich nicht Roman nennt und trotzdem sehr gute Chancen hat, der beste des Jahres zu werden. Es ist einfach schonungslos offen, ehrlich und authentisch. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Mut, die Bereitschaft, auch das Intimste preiszugeben; die manischen Höhenflüge mit allen Peinlichkeiten, Arroganz- und Wutanfällen, sowie die tiefen Abstürze ins schwarze Loch der Depression.

Ich finde, es ist noch etwas anderes und wesentlich schwerer zuzugeben, dass alles aus einem selber kommt und nicht die Folge irgendeines Drogenmissbrauchs ist. Stuckrad-Barre hatte in seiner Panikherz-Drogenbeichte eine Exit-Option, konnte sich jederzeit von sich selber distanzieren und sagen: ‚Das bin nicht ich, das hat die Droge aus mir gemacht. Aber jetzt bin ich clean, alles ist vorbei‘. So eine Exit-Strategie gibt es für Thomas Melle nicht. Weder im Buch noch im wirklichen Leben. Das, was er da beschreibt, ist immer er, er und die Krankheit, beide untrennbar miteinander verbunden. Er ist die Krankheit und die Krankheit ist er. Als das ist er jetzt bekannt. Biopolarität wird der Literaturbetrieb zukünftig mit seinem Namen verbinden. Und dann heißt es vielleicht auf irgendeiner Lesung: Du, der Melle guckt so komisch. Ob er wieder einen Schub hat?

All das wird Thomas Melle vermutlich durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschieden hat, dieses Buch zu schreiben. „Da muss ich, da will ich jetzt durch“, wird er sich gedacht und insgeheim geschworen haben, es so intensiv und bemerkenswert zu machen, dass manche Autoren bereit wären, ihr Schicksal mit seinem zu tauschen, wenn sie nur auch so ein Werk schaffen könnten.

Und genau so ist es geworden. Ich habe dieses Buch wie im Rausch innerhalb eines Wochenendes durchgelesen, habe Melle mit wachsender Begeisterung durch alle mentalen Berge und Täler begleitet, mir mehr als die Hälfte des Buches laut vorgelesen, um den Flow und den einzigartigen Sprachrhythmus noch intensiver zu erleben und das Buch am Ende tief beeindruckt aus der Hand gelegt.

Auch wenn ich erst zwei Titel von der diesjährigen Longlist gelesen habe: Melle ist jetzt schon mein absoluter Favorit auf den Titel. Und wenn ich mir das Autorenfoto im Umschlapklapper anschauen, dann habe ich das Gefühl, er rechnet selber auch damit. Oder warum guckt er sonst so komisch?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt Berlin
352 Seiten, 19,95 €

Auch Sophie Weigand vom Blog Literaturen hat diesen Titel besprochen und war begeistert.

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

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Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis. 

Zunächst einmal sei hier betont: Ich bin der ultimative Bodo Kirchhoff-Fan. Das bedeutet,  wenn ich im Folgenden an seinem neuen Buch Widerfahrnis – das übrigens auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht – wenn ich also daran etwas kritisieren werde, was ich in der Tat zu tun gedenke, dann heißt das nicht, dass ich den Autor an sich und sein aktuelles Werk ablehne – ganz und gar nicht, nichts liegt mir ferner, im Gegenteil, ich bewundere ihn – es geht mir immer nur um Details, Kleinigkeiten, die vielleicht nur mir aufgefallen sind, die möglicherweise auch gar keinen stören – nur mich, seinen vielleicht größten Fan, der als solcher natürlich eine viel höhere Erwartungshaltung hat und einen Text von Bodo Kirchhoff ganz anders rezipiert, als ein ihm neutral gegenüberstehender Leser. Daher sei es mir gestattet zu sagen, dass mir in seinem jüngsten Werk die Sätze einfach zu lang sind.

Nicht dass er jemals kurze Sätze schreiben würde, nein der typische Kirchhoff-Stil verlangt nach langen, kunstvoll konstruierten und verschachtelten Sätzen. Aber diesmal hat er es für meinen Geschmack etwas übertrieben. Regelrechte Satzungetüme hat er da aufgebaut, die sich über halbe, fast schon ganze Seiten ziehen und nur mittels einer ganzen Batterie an Kommata, Gedankenstrichen, Doppelpunkten und hier und da sogar einem Semikolon mühevoll strukturiert und in Schach gehalten werden. Das, und so viel Kritik muss erlaubt sein, ist mir persönlich ein wenig zu viel des Guten. Mir fällt da der Vergleich zu der Schraube ein, die noch fester als fest zugedreht, plötzlich wieder locker wird.

Andere scheinen sich nicht daran zu stören, ganz im Gegenteil. So wird auf dem Backcover von Widerfahrnis aus der FAZ zitiert: “ Bodo Kirchhoff ist auf der Höhe seiner Kunst angekommen, ein souveräner Meister in der Beherrschung seiner Mittel. Virtuos!“ Ja, mag sein, aber Kunst läuft schnell Gefahr, wenn sie zu perfekt und geschliffen wirkt, als langweilig empfunden zu werden, oder aber anstrengend, zu gewollt, irgendwie uncool und sogar – Achtung Dolchstoß – als altmodisch.

Nun ist es raus. Ja – altmodisch, so kommt es mir vor, beinahe hätte ich sogar Altherrenprosa gesagt. Es tut mir leid, aber es ist so einiges irgendwie aus der Zeit gefallen in und an diesem Buch. Nicht nur die verklausulierte und manchmal etwas gestelzt wirkende Sprache; altmodisch ist auch der Begriff „Novelle“ und der Titel „Widerfahrnis“. Ich meine, wer außer vielleicht Martin Walser kennt und gebraucht noch dieses Wort, und wer bitteschön geht in den Buchladen und fragt nach einer schönen Novelle statt nach einem spannenden Roman? Altmodisch sind auch die Protagonisten, wie der ehemalige Verleger Reither, der seinen kleinen Indie-Verlag mit angeschlossener Buchhandlung verkauft hat, als er festgestellt hat, dass es mehr Menschen gibt, die schreiben, als Menschen, die lesen (meine Rede!). Wozu dann noch weiter Bücher verlegen – für wen? Auch wenn das keiner gerne hört – am wenigsten ich – Bücher sind leider auch altmodisch. Genauso wie Hüte. Die zweite Hauptfigur dieser „Novelle“, Leonie Palm, hatte einen Hutladen, der natürlich irgendwann Pleite gegangen ist, weil keiner mehr außer zu Karneval Hüte trägt.

Reither und Leonie Palm kommen sich näher, beginnen eine zarte Liebelei, die erst nach Tagen, achthundert Kilometern Autofahrt, mehren Flaschen Rotwein und zehn Schachteln Zigaretten im Bett landet. Es ist beinahe rührend zu sehen, wie die beiden erfahrenen Herrschaften wie zwei Teenager umeinander herum scharwenzeln, hier mal Händchen halten, da mal einen Nacken kraulen, aber nie zur Sache kommen, die magische Grenze nie überschreiten. Auch das, so meine Einschätzung, geht heutzutage irgendwie flotter.

Es hat etwas gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass das ganze Altmodische, das „Aus-der-Zeit-gefallen-sein“ zum Programm dieses literarischen Roadmovies gehört. Es ist sozusagen das Thema, darum geht es in „Widerfahrnis“. Deswegen wird geraucht, als wenn Zigaretten immer noch vier D-Mark kosten würden, deswegen trägt der Verleger seine alte Lederjacke aus den Achtzigern und hört die Hutmacherin in ihrem alten 3er-Cabrio Musikkassetten von Paul Anka. Das sind alles Allegorien oder meinetwegen Metaphern, jedenfalls Zeichen, die nicht zufällig in die Geschichte eingebaut wurden.

Reither und Palm fahren von Bayern nach Sizilien, von Nord- nach Südeuropa. Im Auto ist zusammen mit beiden die alte Zeit gefangen – Bücher, Hüte, Zigaretten und Paul Anka. Draußen ist die neue Zeit, Flüchtlinge, die in die entgegensetzte Richtung streben, von Süd- nach Nordeuropa. Reither und Palm sehen sie auf Bahnhöfen und hier und da an diversen Stellen. Sie stehen für Veränderung, für eine neue Zeit, in der mehr Bücher geschrieben und weniger gelesen werden, in der keine Hüte getragen werden und auch keiner mehr im Auto ein Kassettenlaufwerk hat, um Paul Anka-Kassetten zu hören.

Als Mann, der auch nicht mehr blutjung ist, glaube ich zu verstehen, was Bodo Kirchhoff damit sagen will. Die Nachkriegs-Generation ist am Ende. All die alten Ideale, Rituale und Alltäglichkeiten haben ihre Bedeutung, ihren Sinn und Zweck verloren, wirken altmodisch und antiquiert. Genau wie eine übertrieben kunstfertige Sprache. Jetzt kommt etwas Neues auf uns zu, von Süden nach Norden, mit neuen Ansichten und Werten. Wir werden uns darauf einlassen müssen, uns wird nichts anderes übrig bleiben. Denn man kann die Zeit nicht zurückdrehen, sondern nur für ein paar Stunden mal anhalten und sich aus ihr fallen lassen, um Paul Anka zu hören, Bodo Kirchhoff zu lesen und einfach mal unbeschwert altmodisch zu sein.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
224 Seiten, 21,00 €

 

Leserbrief #7 (Longlist of Love)

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Liebe Buchpreisjury,

wie viele Stoßgebete wohl in den letzten Tagen gen Himmel gesendet wurden. Lieber Gott, bitte, bitte mach, dass mein Buch in diesem Jahr auf der Longlist steht. Und wenn denn tatsächlich gebetet wird, tun das bestimmt nicht nur die Autoren, sondern auch ihre Verleger. Nun weiß natürlich jeder, dass Gott im Moment ganz andere Sorgen hat, als die Longlist des Deutschen Buchpreises. Diesen Job habt ihr übernommen, und daher müsste so ein Stoßgebet auch eigentlich beginnen mit: Liebe Buchpreisjury, …

Das soll kein Gott-Vergleich sein, aber so willkürlich und unvorhersehbar wie die Titelauswahl immer wieder ist, hilft eigentlich nur noch beten. Und das ist auch gut so. Denn die Longlist wird ja nur deshalb so viel beachtet und lebhaft diskutiert, weil sie immer wieder überraschend ist. Das mag daran liegen, dass ihr als Jury euch jedes Jahr neu formiert. Andere Typen, andere Meinungen und dadurch unkalkulierbar. Ich vermute aber, dass Ihr das Überraschungsmoment ganz bewusst mit einplant. Habe ich recht?

Bestimmt habt ihr so eine geheime Quotenregelung, bei der genau festgelegt ist, wieviele Bücher gemäß der allgemeinen Erwartung und wieviele davon vollkommen überraschend auf die Longlist kommen. Ihr könnt es ruhig zugeben; ich schätze mal, gut ein Drittel der zwanzig Titel sind für den Aha-Effekt vorgesehen. Und dann sind da ja noch die anderen Vorgaben. Der Gender-Proporz, das optimale Verhältnis zwischen Indie- und Majorverlag, der Trendthemen-Bezug, nicht zu viel Suhrkamp, die Migrationsautoren-Quote und natürlich müssen die Österreicher und die Schweizer auch noch berücksichtigt werden.

Viele unterschiedliche Erwartungshaltungen, die eine Menge Druck erzeugen. Gott sei Dank hat Clemens Setz in diesem Jahr nichts Neues vorgelegt, so dass an dieser Front erstmal Ruhe ist. Dafür steht jetzt Christian Kracht zur Debatte. Wenn ihr den nicht wenigstens auf die Longlist packt, wird es im Feuilleton wieder einen #Aufschrei geben. Oh je – kein einfacher Job, den ihr da habt.

Und jetzt kommt auch noch einer dieser Blogger daher – eine Laus, die ihr euch selbst in den Pelz gesetzt habt – und der hat nicht nur eine Longlist-Wunschliste dabei, sondern auch noch ein paar schlaue Sprüche auf Lager. Einer davon lautet: Vergesst einfach mal alle Erwartungshaltungen von außen und folgt dem Bauchgefühl. Denn die Aufgabe des Deutschen Buchpreises ist nicht nur, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren, sondern auch für deutschsprachige Literatur und das Lesen an sich zu werben. Und hier wünsche ich mir in diesem Jahr eine Longlist mit Titeln, die einfach Spaß machen zu lesen, die einen verblüffen, fesseln, zum Nachdenken und zum Lachen bringen; auf die man sich als berufstätiger Mensch abends nach einem harten Arbeitstag einfach freuen kann, die einen fordern, aber nicht überfordern. Kein verquaster und sperriger Lesestoff für das literaturwissenschaftliche Proseminar, Keine tausendseitige Bleiwüste wie das Preisträgerbuch vom letzten Jahr. Ich meine, wir alle haben uns mit Frank Witzel gefreut, weil es so eine tolle Überraschung war und weil er ein netter Kerl ist. Aber mal ganz ehrlich, wer außer Jochen Kienbaum hat seinen manischen depressiven Teenager denn tatsächlich gelesen? Ich hab mal reingeblättert, festgestellt, dass ich für die Lektüre Monate brauchen würde und es dann ganz schnell wieder ins Regal gestellt. Damit wird man niemand Neues für die moderne deutschsprachige Gegenwartsliteratur begeistern können.

Nein, ich wünsche mir, dass in diesem Jahr Romane wie Unterleuten von Juli Zeh oder Der Goldene Handschuh von Heinz Strunk auf der Longlist stehen. Bücher, die ein beeindruckendes Leseerlebnis bieten. Romane, die man tief bewegt aus der Hand legt und mit leuchtenden Augen weiterempfiehlt. Und es ist egal, dass diese Titel schon seit Monaten die Bestsellerlisten anführen und keine weiteren Auszeichnungen mehr bedürfen. Denn der Buchpreis darf nicht als Entwicklungshilfe für literarische Schattengewächse verkommen. Der Leser darf nicht das Gefühl bekommen, hier zeichnet die Branche ein literarisches Meisterwerk aus, das irgendwie alles ist, nur nicht lesbar.

Ich habe mal meine ganz persönliche „Longlist of Love“ zusammengestellt. Alles Titel, die entweder andere Blogger oder ich schon mit großer Begeisterung gelesen haben oder denen wir mit großer Vorfreude entgegenfiebern. Bitte, bitte liebe Buchpreisjury, mach, dass davon möglichst viel am Dienstag auch auf der offiziellen Liste steht. Und wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr das einfach so locker aus dem Bauch heraus entscheiden könnt – ich habe neulich Gott gefragt, was er gerne lesen würde. Er meinte, meine Liste wäre ok.

Na also.  Hier ist sie: 

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 23.57.57

Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp)

Charles Lewinsky – Andersen (Hanser)

Sabine Gruber – Daldossi oder das Leben des Augenblicks (C.H. Beck)

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 23.56.59

Shida Bazyar, Nachts ist es Leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch)

Martin Mosebach – Mogador (Rowohlt)

Juli Zeh – Unterleuten (Luchterhand)

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 23.57.13

Senthuran Varatharajah: “Vor der Zunahme der Zeichen” (S.Fischer)

Mireille Zindel – Kreuzfahrt (Kein & Aber)

Christoph Hein – Glückskind mit Vater (Suhrkamp)

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 23.57.27

Thomas Melle – Die Welt im Rücken (Rowohlt)

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh (Rowohlt)

Lukas Bärfuss – Hagard (Wallstein)

Matthias Hirth – Lutra Lutra (Voland & Quist)

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 23.57.47

Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex (S.Fischer)

Rasha Khayat – weil wir längst woanders sind (Dumont)

Silke Scheuermann – Wovon wir lebten (Schöffling)

Thea Dorn – Die Unglückseligen (Knaus)

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 23.56.45

Christian Kracht – Die Toten (Kiepenheuer & Witsch)

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt)

Tilman Rammstedt – Morgen mehr (Hanser)

Das ist anspruchslos, das lese ich nicht.

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Worin unterscheidet sich anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungsliteratur? Der Versuch einer Kriterienliste.

Immer wieder werde ich gefragt: Was liest du denn so für Bücher? Anfangs sagte ich noch „Belletristik“. Aber dieser Begriff hilft einem nicht weiter, er ist viel zu weit gefasst. Da fällt alles rein, was nicht ganz klar Genre ist. Günter Grass oder Jojo Moyes – beides Belletristik. Neuerdings sage ich daher „anspruchsvolle Gegenwartsliteratur“, aber das klingt irgendwie schnöselig und eingebildet. Und prompt wird man gefragt: Wo ist denn der Unterscheid zwischen anspruchsvoll und weniger anspruchsvoll?

Ich habe gedacht, das wäre klar geregelt. Habe nie daran gezweifelt und bin davon ausgegangen, dass es Definitionen gibt – anerkannte Kriterien, nach denen man eine Zuordnung vornimmt, um ganz klar sagen zu können: Das ist Literatur und das ist Unterhaltung; das ist Nische und das ist Masse; das ist gut fürs Image und das gut fürs Geschäft.

Aber so einfach ist das nicht. Ich habe bei Verlagen nachgefragt, wie sie das handhaben und festgestellt, dass darum viel gestritten wird, dass nicht nur jeder Verlag, sondern auch jeder Entscheider seine eigenen Kriterien hat. Also woher weiß ich, ob ein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gehört oder in den Urlaubskoffer als leichte Strandlektüre? Oder schließt das eine das andere gar nicht aus?

Ich habe mir Gedanken gemacht und meine eigene Kriterienliste zusammengestellt.

1. Die Motivation des Autors

Jedes Buch beginnt mit einem weißen Blatt Papier und einem ersten Satz. Aber entscheidend ist, was davor geschieht, noch bevor der erste Satz überhaupt geschrieben wird. Was hat den Autor bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was treibt ihn an? Will er damit Geld verdienen, einen Bestseller landen und aller Sorgen ledig sein? Für wen schreibt er? Für sich oder für eine bestimmte Zielgruppe? Ist das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis oder eine Pflicht, lediglich Mittel zum Zweck? Ich bilde mir ein, das alles zu spüren, die Motivation des Autors zwischen den Zeilen lesen zu können. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur noch Zielgruppe bin und eine nach gängigem Erfolgsmuster konstruierte Geschichte vorgesetzt bekomme, bin ich raus.

2. Der Plot ist nicht wichtig

Um mich für einen Roman zu begeistern, bedarf es weder einer erzählenswerten Handlung, noch interessanter oder spannender Verwicklungen. Gute Literatur braucht nicht zwingend einen Plot. Ganz im Gegenteil, je mehr Handlung ein Roman hat, desto flacher ist er in der Regel. An dieser Eindimensionalität erkennt man die reine Unterhaltungsliteratur. Hier geht es nur um die zu erzählende Geschichte, nichts weiter. Da schwingt nichts mit, öffnet sich keine zweite oder dritte Ebene, da ist kein Platz für Assoziationen, Identifikation, schweifende Gedanken, Erkenntnisse, überraschende Gefühle. Da ist nur diese eine Geschichte, mehr nicht. Für gute Literatur ist mir das entschieden zu wenig.

3. Klischees und Stereotypen

Am einfachsten erkennt man billige Unterhaltungsliteratur an abgedroschenen Phrasen, Stereotypen und Klischees. Der Arzt ist in solchen Romanen wie man sich einen Arzt eben so vorstellt, mit Stethoskop und weißem Kittel , der jugendliche Liebhaber jugendlich und liebend, der fiese Verbrecher fies und verbrecherisch. Eindimensionalität auch hier. Das hat natürlich seine Vorteile. Klischees muss man nicht groß einführen, die sind bekannt und können gleich in die Handlung integriert werden. Ich will so etwas aber nicht lesen. Das langweilt mich und zeigt deutlich, dass der Autor sich keine Mühe gegeben hat oder noch schlimmer – es einfach nicht besser kann.

4. Ecken und Kanten

Wenn wir Literatur als Kunstform begreifen, dann gehören Ecken, Kanten und Längen einfach dazu. Es ist durchaus ok, sich an Passagen zu reiben, an Formulierungen zu stoßen und über Sätze zu stolpern. Nur dann lebt ein Text, zeigt Charakter und Profil. Begeisterung und Ablehnung – literarische Texte erzeugen bei der Leserschaft immer beides. Sie leben in der Diskussion, in der Nachbetrachtung weiter. Das erhebt sie letztlich zur Kunstform. Unterhaltungsliteratur ist dagegen ein reines Konsumprodukt, nicht mehr als eine Trägerlösung für Geschichten. Glattgebügelt wie ein Song von Dieter Bohlen oder ein Hemd von C&A – einfacher Mainstream to go.

5. Sprache und Melodie

Wenn über Literatur gesprochen wird, stehen eher die Themen und nicht die Sprache im Vordergrund. Worüber ein Autor schreibt, scheint immer noch wichtiger zu sein, als wie ein Autor schreibt. Doch mir nicht. Literatur ist für mich in erster Linie Sprache und Gefühl. Ein Rhythmus, eine Melodie, die beim Lesen im Kopf entsteht. Ob kurz und prägnant oder lang und verschachtelt – ich habe da keine Präferenzen. Beides kann gut sein, wenn der Autor seine Texte nicht einfach nur niederschreibt, sondern komponiert. Und auch hier ist Mehrdimensionalität gefragt. Nicht ein Stilelement konsequent durchknüppeln, bis es dem Leser zum Hals heraushängt, sondern Texte so komponieren, dass sie klingen und etwas zum Klingen bringen.

6. Ein Gefühl für Literatur

Menschen, die nicht lesen, können auch nicht schreiben. Es gibt bestimmt hier und da mal Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen ist das so. Wenn sich also jemand hinsetzt, um ein Buch zu schreiben, ohne jemals eines gelesen zu haben, dann entsteht daraus nur selten große Literatur. Und wenn doch, dann ist dieser Autor wohl ein großes Talent. Mir ist es wichtig, dass Autoren belesen sind. Denn Literatur ist ein Geben und Nehmen. Es geht nicht darum, Vorbilder zu haben und diese zu imitieren. Es geht darum, ein Gefühl für gute Literatur zu bekommen; zu wissen, was beim Lesen passieren kann, welche Empfindungen und Gedanken freigesetzt werden. Wer das nicht kennt und niemals selber erfahren hat, wird bei seinen eigenen Texten immer nur im Nebel stochern.

7. Persönlicher Stil

Es gibt nur wenige Autoren, von denen ich behaupten würde, sie sofort am Schreibstil zu erkennen. Haruki Murakami und Martin Walser könnte ich ziemlich sicher identifizieren, doch bei allen anderen hätte ich Probleme. Aber das ist auch wirklich die Königsdisziplin – nicht nur gut schreiben zu können, sondern auch noch einen unverwechselbaren Schreibstil zu haben. Bei Walser sind es seine Wortschöpfungen, das Kosige und Gurren, seine emotional aufgeladenen Satzkonstruktionen. Bei Murakami das genaue Gegenteil: einfache Sätze, karg und schlicht, fast schon unterkühlt. Ich habe das Gefühl, beide Autoren sehr gut zu kennen, ihnen nah zu sein, zu wissen, was sie bewegt, wie sie über bestimmte Dinge denken. Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwie auch ein schöner Blödsinn.

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8. Cover, Titel und Verlag

Wer mit all diesen Kriterien überhaupt nichts anfangen kann und trotzdem schnell anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungs-Mainstream unterscheiden will, der schaue einfach auf das Buchcover. Manche Verlage haben überhaupt keine anspruchsvolle Gegenwartsliteratur im Angebot, sondern beschränken sich ausschließlich auf seichte Unterhaltungsliteratur. Man erkennt sie schnell am wild-romantisch illustrierten Cover, sprechenden Titeln und liebevoll arrangierten Angebotstischen im Buchhandel – ganz vorne in der Nähe des Eingangs. Anspruchsvolle Gegenwartsliteratur dann weiter hinten im Laden. Und wenn nicht, dann kann’s bestellt werden.

Titelfoto: Gabriele Luger

Es geht schon wieder los

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Nach dem Buchpreis ist vor dem Buchpreis / Die Buchpreisblogger sind wieder da

Im letzten Jahr wagte der Deutsche Buchpreis, dieses alljährlich stattfindende, hochkulturelle Literaturspektakel, mal ein Experiment. Man öffnete sich der Welt jenseits des Literaturbetriebs und erlaubte einer Gruppe leselustiger Laien, die in ihrer Freizeit so einen Internet-Blog betreiben, sich mit der Longlist auseinanderzusetzen. Prinzipiell kann das ja jeder machen, der über zu viel Freizeit verfügt, aber bei den Buchpreisbloggern handelte es sich um um eine von ganz oben offiziell geduldete und mit Leseexemplaren unterstütze Aktion.

Und siehe da, das war gar nicht peinlich. Da kamen ein paar ganz brauchbare Sachen raus, und es gab jede Menge Traffic im Internet. Das Feuilleton und die Buchbranche betrachtete das Experiment mit wohlwollendem Kopfnicken und berichtete hier und da. Auch für das etwas verstaubte Image des wichtigsten deutschen Literaturpreises war die Aktion nicht schlecht. Man zeigte sich tolerant und aufgeschlossen und hat sich zeitgemäß positioniert. Internet – das können wir. Und das Beste daran war: Das alles hat so gut wie gar nichts gekostet. Also stand schnell fest, das machen wir im nächsten Jahr wieder.

Und da Literaturblogger mit kostenlosen Leseexemplaren und ein paar geteilten, reichweitenstarken Facebook-Posts leicht zu ködern sind, gehen auch in diesem Jahr wieder sechs Buchpreisblogger an den Start und stellen sich dem literarischen Abenteuer Longlist. Diesmal ist mit Herbert Griestop auch einer dieser sogenannten Vlogger (Video-Blogger) mit im Team. „Herbert liest“ heißt sein vielbeachteter Vlog und YouTube-Kanal. Ach ja, und ganz besonders freut mich, dass auch das Buchrevier wieder mit dabei sein darf.

Hier die sechs Buchpreisblogger 2016:

Wenn die Longlist mit den zwanzig nominierten Titeln am 23. August verkündet wird, geht es los. Dann werden wir wieder Seiten fressen, lesen, diskutieren, bloggen, vloggen, eine Blogger-Shortlist-Empfehlungsliste aufstellen und dem großen Finale am 17. Oktober in Frankfurt entgegenfiebern. Ein besonderes Highlight im Rahmen dieses Projektes ist für mich die Einladung zum Goethe-Institut nach Kopenhagen, wo ich im Oktober zusammen mit Sophie Weigand die sechs Shortlist-Titel vorstellen werde.

Alle, denen ich davon erzähle, fragen mich immer, wie ich das nur schaffe, die ganzen vielen Bücher zu lesen und dann noch darüber zu schreiben, alles neben dem ganz normalen Job. Aber für mich ist das keine Arbeit. Ich mache das gerne, ich schlafe in der Zeit einfach ein bisschen weniger und vernachlässige meine Frau, meine Kinder und Freunde. Dann klappt das schon irgendwie.

Titelfoto: Gabriele Luger
Buchpreisblogger-Llogo: Jochen Kienbaum

 

Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen

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Stell dir vor, du wachst morgens auf und auf einmal ist alles anders. Eine andere Welt da draußen, alles dunkel, alles leblos, alles kalt. Stell dir vor, du bist mit ein paar Freunden ganz allein auf dieser Welt. Ihr wandert umher, wisst aber nicht wohin, wisst nicht warum und wieso. Und am Ende kehrt ihr einfach wieder um und geht dahin zurück, wo vor ein paar Tagen noch alles in Ordnung war.

Und jetzt stell dir vor, das Ende ist nicht nur das Ende dieser Geschichte oder das Ende aller Vorstellungskraft, sondern es ist auch das Ende allen Lebens und vielleicht sogar das Ende der Welt. Und dann stell dir bitte noch vor, da sitzt einer in der schönen Schweiz am Schreibtisch, guckt aus dem Fenster auf den See und die Berge, und dieser Mann stellt sich all das vor. Und nicht nur das. Er schreibt es auf und macht daraus so einen typischen „Stell-Dir-mal-vor“-Roman und nennt ihn: „Eigentlich müssten wir tanzen.“

Jetzt habe ich eigentlich schon den ganzen Plot erzählt. Dieser Roman spielt mit unserer, des Lesers Vorstellungskraft. Wir bekommen ein Endzeit-Szenario präsentiert, werden in diese kalte Welt geworfen und ständig gezwungen, uns das alles vorzustellen: die Hoffnungslosigkeit, die Kälte, die Auflösung sämtlicher ethisch-moralischer Werte, die Verrohung, die Sinnlosigkeit. Ab und zu dürfen wir zurückreisen, gedanklich, in die Zeit vor all dem. Die gute alte Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, wir das aber alles gar nicht mitbekommen haben. Stattdessen nur unsere kleinen Probleme im Kopf hatten, den Focus ganz eng gestellt. Und dann werden wir wieder zurückgebeamt, zwei Wochen weiter vor, wieder in die Kälte, wieder ins Elend, wieder ans Ende aller Vorstellungskraft.

Stell dir vor, du würdest ein Buch mit so einer Geschichte lesen. Wie würdest du das finden? Würde dich das schockieren, aufwühlen, nachdenklich stimmen? Würdest du dir als Leser alles brav vorstellen, so wie der Autor das augenscheinlich von dir erwartet? Oder würdest du dich sperren und diesen Vorstellungszwang einfach nicht mitmachen? Denn es ist dir zu billig, zu aufgesetzt, zu konstruiert. Nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich. Kurze Sätze, lange Sätze. Mal beschreibend, erzählend, einfach und schlicht. Dann wieder assoziativ, durchmischt, konstruiert, verwirrend. Nicht alles wird durch die Beschreibung klarer. Soll es ja auch nicht. Denn was ist schon klar, wenn die Welt am Ende ist und keiner weiß warum?

Man merkt vielleicht, dass ich nicht ganz so begeistert von diesem literarischen Endzeitszenario bin. Ja, mir war das alles ein wenig zu aufgesetzt, zu konstruiert – klingt blöd bei einer Dystopie, die ja immer irgendwie konstruiert ist – war aber so. Ich habe mich beim Lesen fast schon bedrängt und zum Vorstellen genötigt gefühlt. Klingt auch blöd bei einer Fiktion, die ja Vorstellungsvermögen voraussetzt. Aber für mich war das alles zu zwangsläufig. Die Massenvergewaltigung, der seinem Schicksal überlassene Freund mit dem gebrochen Fuß, die verminte Grenze, die Rückkehr in die Hütte, der Mord und dann auch noch der Bruch mit dem letzten denkbaren Tabu.

Ich weiß nicht, aber mir hat das alles nicht gefallen. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr mit Valerie Fritschs Winters Garten ein weiteres literarisches Endzeitszenario erschienen ist, das mich wesentlich mehr beeindruckt hat. Im gleichen Verlag, mit ungefähr dem gleichen Umfang und wie Helle, auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Auch bei Fritsch geht die Welt unter, und man erfährt nicht, warum und wieso. Aber anders als bei Helle fühlt man sich gedanklich nicht gedrängt. Alles ist weniger offensichtlich und zwangsläufig. Bei Valerie Fritsch verabschieden wir uns als Leser von der Welt auf eine ganz individuelle Art und Weise. Mit sonnenschweren Assoziationen, gefühlsstarken Bildern und durch kraftvolle Poesie geläutert. Bei Helle ist es ganz anders. Da bleibt zum Schluss ein erhobener Zeigefinger, ein Schulterzucken und ein Kopfschütteln, das sagt: „Nein, ich will mir das nicht vorstellen müssen“.

Diese Rezension gibt es auch als Radio-Podcast auf Literaturradio Bayern.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
173 Seiten, 19,95 €
Hier direkt bei Buchhandel.de bestellen.

Weitere Links: 
Kurz-Interview mit Heinz Helle auf Sophie Weigands Blog Literaturen und dazu auch eine Rezension.

Weitere Rezension findet man auf den Blogs der Buchpreisblogger-Kollegen Uwe Kalkowski und Jochen Kienbaum.

Heinz Helle liest zehn Seiten aus seinem Buch.

 

 

Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

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Er stand auf der Longlist des deutschen Buchpreises, aber gewonnen hat er einen anderen Preis. Vor ein paar Tagen hat Clemens Setz den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis für „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ bekommen. Die Jury meinte: Setz entwirft in seinem Roman mit großem Sprachwitz einen Thriller, mit zahllosen Bezügen zur Hoch- als auch Populärkultur“.

Aha, dachte ich mir – das war also ein Thriller. Habe ich gar nicht mitbekommen. Ich muss dann wohl an den spannenden Stellen kurzfristig eingenickt sein und habe dabei anscheinend auch den großen Sprachwitz gleich mit verschlafen. Ich gebe ja zu, dass ich bei der Lektüre nicht immer voll konzentriert war. Die langatmigen Dialoge, ausführlichen Zustands- und Tätigkeitsbeschreibungen und die am Ende im Nichts endenden Gedankengänge der Protagonistin haben mich beim Lesen stellenweise doch sehr ermüdet. Aber ich bin dran geblieben, habe mich Abend für Abend wach gehalten, hier und da einen dieser hochgelobten Bezüge gefunden und an der einen oder anderen Stelle über eine gelungene Formulierung geschmunzelt. Und das ist doch schon was. Wenn ich ein Buch mit über 1.000 Seiten wirklich bis zum Ende lese, dann kann es schon mal nicht richtig schlecht gewesen sein. Aber es war leider auch nicht richtig gut.

Oder sagen wir es so – es hat mich nicht erreicht. Ich habe es gelesen, ich habe es verstanden, aber es hat mich nicht berührt. Und wenn ein Buch mich auf dieser Ebene nicht anspricht, in mir nichts zum Klingen bringt, dann kann es noch so gut geschrieben sein, mit tausend Bezügen und Sprachwitz ohne Ende – dann lege ich es aus der Hand und denke: so what? Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch jetzt habe ich schon wieder mein Urteil vorweggenommen und keine vernünftige Begründung geliefert. Was heißt denn „es hat mich nicht erreicht“? So ein dumpfes Bauchgefühl raushauen, kann ja jeder. Mit Literaturkritik hat das natürlich wieder einmal nichts zu tun. Ich muss da immer an die eine Szene aus dem Film Amadeus denken, in der Mozart den Kaiser nach seiner Meinung zu seiner Komposition befragt. „Zu viele Noten“, lautet die unqualifizierte Antwort. „Streichen sie ein paar Noten und es ist gut“. So absurd es klingt, aber fast würde ich Clemens Setz den gleichen Tipp geben: „Zu viele Buchstaben, zu viele Wörter und Seiten. Streichen sie einfach ein paar Seiten, dann ist es gut.“

Ja, ich glaube das ist mein Problem mit diesem Werk. In meinen Augen ist der Roman für die Geschichte, die er erzählt, einfach zu lang. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Alles wirkt gedehnt, gestreckt, verlängert. Clemens Setz verliert sich in der Geschichte und kommt mir vor wie Forrest Gump, der mit dem Football im Arm einfach läuft und läuft, weit über die Ziellinie hinaus. Jemand hätte ihn einfach aufhalten sollen.

Denn spätestens ab Seite 300 hat man kapiert, wie die Romanfiguren ticken und braucht nicht noch einen Beleg, um zu wissen, dass Natalie in vielfacher Hinsicht gestört und angstgesteuert ist, dass Herr Dorm Täter und gleichzeitig Opfer ist und der gute Christopher Hollberg ein falsches Spiel spielt. Man hätte die Spannung bis Seite 400 noch etwas steigern und ab Seite 500 zu einem befreienden Ende führen können. Mir persönlich hätte das vollauf gereicht.

Aber nein, Clemens Setz mag es gerne ausführlich und bietet seinen Lesern auf weiteren 500 Seiten hier noch einen Charakterschnipsel, da noch eine skurrile Begebenheit und ein paar zusätzliche Skype Messages zwischen Natalie und Ihrem Exfreund vor dem Einschlafen. Das kann man so machen, aber dann ist eben lang und birgt die Gefahr, auch schnell langweilig zu werden. Aber darauf legt es Setz scheinbar an, oder es ist ihm egal. Er will seine Leser fordern, sie müssen da durch, sollen sich reiben, lesen bis ihnen die Augen brennen, bis sie nicht mehr können, bis sie das Gefühl haben, diese Leute da im Roman schon ewig zu kennen, mit dabei zu sein, so wie ein ganz normaler Arbeitskollege von Natalie. Wir treffen uns Morgens zum Frühdienst, Herr Dorm hat schlecht geschlafen und ins Bett gemacht, Astrid und B unterhalten sich in der Küche, es wird Kaffee aufgesetzt und ein wenig später kommt Herr Hollberg. Oh je, schnell noch wappnen und dann zum Spaziergang nach draußen.

Ja, ich muss zugeben, dass es funktioniert. So sehr man sich auch sperrt, irgendwann taucht man ein in diese triste Romanlandschaft. Es passiert kaum etwas, schon gar nichts, was in irgendeiner Weise an einen Thriller erinnert –mit Ausnahme vielleicht des Showdowns am Ende. Aber trotz aller Ereignislosigkeit bin ich nicht ausgestiegen. Weil es gut geschrieben und authentisch ist, weil man wissen will, was aus Dorm und Hollberg wird, weil diese ganzen Marotten von Natalie auch irgendwie spannend und unterhaltsam sind. Und wer Spaß daran hat, den ganzen versteckten Bezügen auf den Grund zu gehen, bei Google zu schauen, was es davon wirklich gibt und was sich der verrückte Setz wieder einmal nur ausgedacht hat, der wird diesen Roman noch mehr wertschätzen. Ja, ich kann verstehen und akzeptieren, wenn „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ als literarisches Meisterwerk hochgelobt wird.

Mir hat trotzdem etwas gefehlt. Ich konnte mich mit keiner der Romanfiguren identifizieren, da war nicht ansatzweise einer, der sich dafür anbot. Und so blieb ich als passionierter Identifikationsleser einfach außen vor. Alles passierte bei mir nur im Kopf. Ich habe kapiert, was gemeint war, aber ich habe es nicht verstanden. Habe alles als stiller Beobachter verfolgt, im Souterrain mit am Tresen gesessen und dem Gequatsche zugehört und immer gedacht: „Alles schön und gut. Aber jetzt komm mal langsam zum Schluss, lieber Clemens Setz. Ich habe da noch ein paar andere Bücher, die ich lesen möchte“.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Seiten: 1.018 Seiten
Preis: 29,95 €

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Rolf Lappert – Über den Winter

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Man sollte im richtigen Alter sein, um diesen Roman angemessen wertzuschätzen. Oder müsste sich stattdessen ab und zu schon mal gefragt haben, ob das alles so richtig ist. Das, was man tagtäglich so veranstaltet, ohne nachzudenken. Einfach so, weil es sich so ergeben hat. Wenn man auf einmal jeden Tag immer den gleichen Termin im Kalender hat. Alltagswahnsinn und tausend Dinge, die alle nichts mit dir zu tun haben. Das ganze Leben nur Ansprüche, Erwartungen, Perspektiven und Konsequenzen.

Das alles sollte man schon mal irgendwann gedacht haben, wenn man diesen Roman in die Hände nimmt. Denn darum geht es hier. Das Rad einfach mal zurückdrehen, statt immer mehr, auch mal weniger, das Richtige zu wollen. Downshifting nennt man das wohl. Wenn man jung ist, in der Aufbauphase, die Familien- und Karriereplanung gerade begonnen hat, ist man weit von all dem entfernt. Dann gibt es nur eine Richtung: vorwärts, machen, klar kommen, sich was aufbauen. Wenn ich in dieser Lebensphase Rolf Lapperts „Über den Winter“ gelesen hätte, ich hätte diesen Roman mit Sicherheit nach einem Drittel in die Ecke gepfeffert. Die Lethargie des Protagonisten, seine ganze negative Lebenseinstellung, die vielen kleinen Verweigerungen hätten mich wahnsinnig gemacht. In dieser Phase kann man nur schwer Verständnis für einen Protagonisten aufbringen, der ohne Not seinen Lebenskarren einfach an die Wand fährt.

Aber ich bin mittlerweile in einer anderen Lebensphase, ungefähr im gleichen Alter wie Lapperts Antiheld Lennard Salm und muss zugeben, dass ich mich immer wieder bei den gleichen destruktiven Gedanken ertappe. Einfach alles hinschmeißen, noch einmal etwas ganz anderes machen. Einfach machen, bevor es zu spät ist. Nur was? Und genau daran scheitert es bei den meisten Menschen. Es gibt keinen Plan B, der all die Verpflichtungen tragen kann: den Hauskredit, die Kinder, das Auto. Und so verbleibt es dann. Man hat den Ausstieg in Gedanken einmal durchgespielt, hat festgestellt, dass es nicht geht und lässt alles wie es ist. Und vielleicht ist das auch gut so.

Nicht so bei Lennard Salm. Er macht Nägel mit Köpfen. Irgendwann beschließt er, dass er kein erfolgreicher Künstler mehr sein will – mit Manager, Mäzen und einem Atelier in New York. Stattdessen zieht er zurück in sein altes Kinderzimmer nach Hamburg in die Wohnung seines greisen Vaters. Und natürlich ist das nicht die Lösung. Das ist ein Rückschritt, der keinen Fortschritt bringt. Das löst keine Probleme, sondern bringt neue Probleme, existenzielle Probleme, alte verdrängte und unverarbeitete Probleme wieder hoch. Nichts wird besser, alles wird immer düsterer, trauriger, sinnloser. Man spürt Lennards Resignation und Kraftlosigkeit förmlich beim Lesen. Und über allem diese permanente Kälte des Hamburger Winters, die sich wie ein eisiger Schleier über das ganze Setting legt.

Ich habe schon viele traurige Romane gelesen. Als Murakami-Fan bleibt das nicht aus. Aber das ist mit Abstand eines der traurigsten Bücher überhaupt. Ab der Hälfte hatte ich einen Kloß im Hals und ab und zu auch mal Tränen in den Augen. Dieser Roman hat mich wirklich sehr aufgewühlt. Wenn man sich einlässt, an Lennard Salm nicht rumkritisiert, sondern ihn einfach machen lässt, dann fällt man als Leser tief. Ganz tief in diese Traurigkeit, diese Aussichtlosigkeit, die Verzweiflung, die Resignation. Mit offenem Mund und tief bewegt habe ich die letzten Seiten gelesen und wieder einmal erleben dürfen, was gute Literatur bewirken kann. Sie holt dich ab und nimmt Dich mit auf eine Reise. Führt dich an Orte am Rande deiner Vorstellungskraft und noch darüber hinaus.

Ich will gar nicht zu viel verraten. Aber dieser Shortlist-Titel ist in meinen Augen ein würdiger Preisträger für den Deutschen Buchpreis. Rolf Lappert hat mir eines der intensivsten Leseerlebnisse beschert, die ich in letzter Zeit hatte. Sprachlich auf einem hohen Niveau, authentisch bis ins Mark und obendrein mit einem aktuellen Flüchtlingsbezug (leicht angedeutet und nicht mit dem dicken Zaunpfahl wie bei Jenny Erpenbeck) ist dieses Meisterwerk in meinen Augen der Top-Favorit für den 12. Oktober. Ein grandios-trauriger Ü40-Roman.

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Verlag: Hanser

383 Seiten, 22,90 €

Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Die Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

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Seit dem 20.August lesen sich sieben ausgewählte Literaturblogger durch die Longlist des Deutschen Buchpreises. 24 Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe der offiziellen Shortlist stellen die Buchpreisblogger jetzt ihre Favoriten für die Shortlist vor.

Zwei Frauen und vier Männer haben nach Ansicht der Literaturblogger gute Chancen am 12.Oktober für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet zu werden. Mit dabei sind die Autorinnen Gertraud Klemm mit Ihrem Roman „Aberland“ und Valerie Fritsch mit „Winters Garten“. Unter den männlichen Autoren haben es Peter Richter, Clemens J. Setz, Heinz Helle und Kai Weyand mit ihren nominierten Romanen auf die Blogger-Shortlist geschafft.

Ob die Favoriten von uns Bloggern es morgen auch auf die offizielle Jury-Shortlist des Buchpreises schaffen, bleibt abzuwarten.

 

Hier noch einmal unsere Shortlist-Favoriten im Überblick:

Valerie Fritsch, Winters Garten
Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen
Gertraud Klemm, Aberland
Peter Richter, 89/90
Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Kai Weyand, Applaus für Bronikowski

 

 

 

Ulrich Peltzer – Das bessere Leben

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Wenn Lesen zur Qual wird. 

Stell dir vor, du willst ein Buch lesen, aber der Autor lässt dich nicht. Legt dir tausend kleine Steine in den Weg. Formuliert sich um Kopf und Kragen, macht es absichtlich wirr und unlesbar. Du denkst zunächst, es ist ein Spiel. Eine kleine Geduldsprobe, um die Spreu vom Weizen zu trennen, die beiläufigen von den ernsthaft interessierten Lesern. Du denkst Dir, irgendwann wird er mit dem Verwirrspiel schon aufhören und vernünftig rüberbringen, was er zu erzählen hat. Aber das tut er nicht. Er treibt das Spielchen weiter, mischt Dialoge, Gedanken, Beschreibungen bunt durcheinander. Man muss höllisch aufpassen, sonst weiß man nie, wer jetzt gerade was gedacht oder gesagt hat. Am besten malt man das ganze Setting auf ein Blatt Papier, erstellt so einen Protagonisten-Interaktions-Plan. Wer mit wem und warum, an welchem Ort und zu welcher Zeit.

Ja, wenn man will, dann bekommt man „Das bessere Leben“ von Ulrich Peltzer schon irgendwie in den Griff. Ein Buch wie ein Wildpferd, dass man erst einreiten muss. Man kann es nicht aufschlagen und einfach lesen. Man muss es zähmen, ihm Zeit geben, Enttäuschungen und Frust einfach wegstecken und sich immer wieder neu aufraffen. Irgendwann, so hofft man, wird die Anstrengung bestimmt belohnt.

Doch wann ist irgendwann? Wie lange muss ich leiden und mich durch wirre Seiten quälen, bis eine Lektüre soweit eingelesen ist, dass es halbwegs erträglich wird? Warum soll ich mich um ein Buch bemühen, wenn der Autor sich augenscheinlich nicht um mich als Leser bemüht? Wenn es ihm egal ist, ob ich ihm folgen kann, wenn Verwirrung und bewusst provozierte Leseunlust als Stilelement eingesetzt werden.

Ich hätte Verständnis, wenn es um hochkomplexe Sachverhalte ginge, die man in einfachen Sätzen nicht wiedergeben kann. Oder nur sehr unzureichend. Dann könnte man sich wenigstens dumm und ungebildet fühlen und das Buch aus diesem Grunde beleidigt in die Ecke pfeffern. Aber noch nicht einmal das. Auf den ersten wirren Seiten wird in einfachen Sätzen nur ein stinknormales Romansetting aufgebaut. Es werden Orte beschrieben und Protagonisten eingeführt. Nichts, was einen durchschnittlich intelligenten Leser überfordern sollte. Es sei denn der Autor legt es bewusst drauf an.

Hier geht es Ulrich Peltzer scheinbar nicht darum, mich als Leser zu gewinnen, mich zu involvieren, zu packen, zu schocken oder was auch immer. Ich habe das Gefühl, hier geht es vielmehr um ein irgendwie geartetes literarisches Experiment, um den Bruch mit Lesegewohnheiten, um Literatur im Elfenbeinturm, neue Lektüre für literaturwissenschaftliche Proseminare. Es geht jedenfalls nicht um mich als Leser.

Und deswegen bin ich irgendwann richtig sauer geworden und habe die Lektüre nach 60 Seiten abgebrochen. Natürlich habe ich vorgeblättert und geschaut, ob es irgendwann besser wird. Aber Peltzer ist sich treu geblieben und hat sein Verwirrspiel bis zum Schluss durchgezogen. Wie bei allen mehr oder weniger unlesbaren Büchern wird es auch bei diesem Roman wieder Leser und Kritiker geben, die sich leidenschaftlich dafür einsetzen. Die sich durch die über 400 Seiten gearbeitet haben, um sich selber und allen anderen zu zeigen, dass sie es sich nicht leicht machen mit der Kunst. Dass große, echte Literatur niemals gefällig und zielgruppenorientiert ist. Dass man sich manche Werke einfach erarbeiten muss, Schritt für Schritt. Und wenn es nicht gleich beim ersten Lesedurchgang zündet, dann vielleicht bei zweiten. Oder man versucht es mal mit dem Hörbuch. Ja, solche Leser gibt es. Und für solche Leser muss es auch entsprechende Bücher geben.

Ich habe dazu keine Zeit und auch keine Lust. Denn Lesen ist für mich immer noch Spaß und keine Arbeit. Und diesen Spaß lasse ich mir durch Bücher wie das von Ulrich Peltzer nicht vermiesen.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: S.Fischer
448 Seiten, 22,99 €
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