Hörbücher zum Trendthema „Goldene Zwanziger“

Ich habe in den letzten Wochen sehr viele Hörbücher gehört. Von einigen war ich total begeistert, andere fand ich dagegen richtig schlecht. Wenn ich jetzt über jedes Werk in gewohnter Länge schreiben würde, hätte ich viel zu tun. Aber ich will die Bücher auch nicht unter den Tisch fallen lassen. Daher probiere ich jetzt mal ein neues Format aus: Unter einer Themenklammer zusammengefasste Hörbuch-Kurzrezensionen.

Wir starten mit drei Romanen, die alle in den späten zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Berlin spielen – ein Setting, das derzeit sehr im Trend liegt.

Volker Kutscher – Der nasse Fisch

Alle reden von Berlin Babylon, einer TV-Serie über die goldenen Zwanziger in Berlin, die noch kaum einer gesehen hat, außer einigen wenigen, die doch tatsächlich ein Sky-Abo haben. Anfang nächsten Jahres sollen die ersten beiden Staffeln auch in der ARD ausgestrahlt werden. Wer nicht so lange warten will, muss wohl oder übel die Romanvorlagen lesen, oder aber — wie ich es getan habe — sich die Hörbücher aus der Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher reinziehen. Der nasse Fisch ist der erste Band von derzeit sechs Kriminalromanen um Kriminalkommissar Gereon Rath. Während man der Stimme von David Nathan lauscht, ist man plötzlich mitten drin, im Berlin der Zwanziger; auf finsteren Hinterhöfen, in kleinen Mansardenwohnungen, auf rauschenden Festen in verbotenen Nachtklubs, und in der Burg, dem legendären Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz. Die Nazis sind nicht mehr weit. Das hört man schon am überall vorherrschenden Kommisston, da wird nicht geredet, da wird gebellt. Berliner Schnauze, unfreundlich und grantig. Ich bin super froh, Volker Kutscher, der mir bisher überhaupt nicht präsent war, über den Hörbuch-Umweg doch noch entdeckt zu haben. Intelligente, spannende Unterhaltung und so hochatmosphärisch, dass ich Berlin in den Zwanzigern gar nicht mehr verlassen wollte. Und das hat mich gleich zu meinem nächsten Hörbuch gebracht.

Hans Fallada – Kleiner Mann was nun.

Wieder Berlin, und wieder eine Geschichte, die Ende der Zwanziger spielt. Seit ca. acht Jahren ist Hans Fallada wieder voll hip. Nachdem die Amerikaner aufgrund ihres Faibles für krasse Nazi-Geschichten seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ wiederentdeckt und verfilmt haben, erlebt dieser fast vergessene deutsche Autor hierzulande ebenfalls eine Renaissance. Auch ich bin auf den Fallada-Zug aufgesprungen und mittlerweile bekennender Fan. Es gibt kaum einen deutschen Romancier, dessen Geschichten mich so anrühren. Bei jedem seiner Romane stehen mir irgendwann die Tränen in den Augen. So auch bei der Liebes- und Lebensgeschichte von Johannes Pinneberg und Emma ‚Lämmchen’ Möhrchen. Der schwere Alltag, die Sorgen ums Auskommen, die Verantwortung für den kleinen Murkel – das ist alles so dicht und atemlos erzählt, dem kann man sich zu keiner Minute entziehen. Fallada kann sich gut hineinversetzen, ist stets zu hundert Prozent in seinen Figuren, begleitet sie liebevoll durch die Geschichte und so wachsen einem Pinneberg und sein Lämmchen ans Herz, man lacht, weint und leidet mit Ihnen. Eine wunderbare Liebesgeschichte, ein bewegendes Zeitdokument — gelesen vom wunderbaren Frank Arnold.

Hans Fallada — Ein Mann will nach oben

Und weil es so schön war mit Hans Fallada im Berlin der Zwanziger, habe ich gleich noch einen seiner historischen Bestseller nachgelegt, „Ein Mann will nach oben“, gelesen von Ulrich Noethen. Wieder mit einem Protagonistem aus kleinen Verhältnissen, aber diesmal einem, der ein klares Ziel vor Augen hat. Karl Siebrecht will nicht nur irgendwie zurechtkommen im Leben, er will die Hauptstadt erobern. Als er im Alter von 16 Jahren Vollwaise wird, packt er seine Sachen und reist von der Uckermark nach Berlin. Im Zug trifft er die dreizehnjährige Rieke Busch, eine waschechte Berliner Göre, die sich als patente Person erweist und ihn die ersten Jahre in Berlin begleitet. Wie bei allen Fallada-Romanen wachsen einem auch hier die Protagonisten schnell ans Herz. Nur der ehrgeizige Karl entzieht sich permanent meiner Sympathie.

Und plötzlich fällt mir ein, dass ich die Geschichte kenne, dass ich ein Gesicht mit diesem Unsympathen verbinde. „Ein Mann will nach oben“ war eine mehrteilige TV-Serie, die in den siebziger Jahren im Fernsehen lief. Perfekt besetzt mit dem schnöseligen Matthieu Carriere als Karl Siebrecht und Ursula Monn als Rieke Busch. Das war sozusagen der Vorläufer von Berlin Babylon; jeder hat das damals gesehen und natürlich auch ich. Aber ich will nicht schließen, ohne hier noch einmal den Sprecher dieses Hörbuchs zu loben und zu preisen. Wer einmal gehört hat, wie Ulrich Noethen den Berliner Dialekt drauf hat, wie er Rieke und die Gepäckkutscher darstellt, wie er den Rittmeister zu Senden gibt, den Kalli, den alten Franz Wagenseil, wie er einen mit seiner Stimme stets wach und konzentriert hält und Gefühle ohne Gefühlsduseligkeit vermittelt – der will nie wieder von einem anderen etwas vorgelesen bekommen.

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Volker Kutscher – Der nasse Fisch
Ungekürzte Hörbuchfassung, 18:10 h
Argon Verlag, gelesen von David Nathan
Im Streaming-Abo von Apple Music

Hans Fallada – Kleiner Mann was nun?
Gekürzte Hörbuchfassung, 7:49 h
Aufbau Audio 2016, gelesen von Frank Arnold
Im Streaming-Abo von Apple Music

Hans Fallada – Ein Mann will nach oben
Gekürzte Hörbuchfassung, 9:29 h
rbb /Osterwold audio, gelesen von Ulrich Noethen
Erhältlich bei Audible

 

Foto: Gabriele Luger

Daniel Kehlmann – Tyll (Hörbuch)

3

Ich hätte das Buch jetzt gerne in der Hand, um es durchzublättern, ein paar Absätze zu lesen und nochmal kurz in die Geschichte einzutauchen. So mache ich das immer, bevor ich etwas darüber schreibe. Das ist so eine Art Ritual, gehört einfach dazu. Während ich schreibe, liegt das Buch neben der Tastatur. Wenn ich nicht weiter weiß, gucke ich es an, nehme es zur Hand, blättere durch die Seiten. Aber in diesem Fall geht das leider nicht, denn ich besitze das Buch gar nicht. Den neuesten Kehlmann habe ich nämlich nicht gelesen, sondern nur gehört.

Und was soll ich sagen? Nun ja…, dieses Buch, …ääh, nein, dieses Hörbuch war…, irgendwie anders, …ein komplett neues Gefühl… es war …wie soll ich sagen… es war … und das sage ich jetzt nicht nur so…das meine ich, wie ich es sage…: es war einfach nur geil! Das Buch, die Atmosphäre, die Geschichte, diese beeindruckende Stimme. Gelesen von Ulrich Noethen. Dieser Sprecher ist wirklich nicht zu toppen. 11 Stunden und 17 Minuten habe ich an seinen Lippen gehangen und mich nicht eine einzige Sekunde gelangweilt. Während er las bin ich komplett in meinen Kopfhörern versunken, war unerreichbar für die Außenwelt, war nicht im Hier und Jetzt, sondern war mit allen Sinnen mitten im Romansetting von Tyll.

Und das spielt in Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges – von 1618 bis 1638 nichts als Elend, Hunger und Tod. Durchs Land ziehen abwechselnd marodierende Truppen des deutschen Kaisers, des Schwedenkönigs oder versprengte Söldner, die mal auf der einen, und mal auf der anderen Seite anheuern. Die Winter sind bitterkalt, es gibt kein Brennholz mehr, die Pest wütet, und zu allem Überfluss treibt auch die heilige Inquisition immer noch ihr Unwesen. Eines Tages gerät ein Müller namens Klaus Ulenspiegel in die Fänge zweier Hexen jagender Jesuiten. Ulenspiegel wird der Ketzerei angeklagt und hingerichtet. Die Familie zerbricht, sein schmächtiger und etwas absonderlicher Sohn Tyll flüchtet und schlägt sich als Gaukler durch die Lande.

Er ist sehr talentiert, hat ein loses Mundwerk, läuft sicher auf dem Hochseil und kann jonglieren wie der Teufel. Nach einiger Zeit spricht ganz Deutschland von ihm. „Seht, da ist der Tyll, der Tyll ist da, haha der Tyll, oh ja, der Tyll“, so erschallt es freudig überall, wo er mit seinem Wagen auftaucht. Ein paar Minuten das Elend vergessen, lachen, staunen, applaudieren. Das brauchen die Leute in dieser Zeit ganz dringend. Was ein Heinz Ehrhard im Wirtschaftswunder-Deutschland und Otto Waalkes in den 1970ern, war Tyll Ulenspiegel im finsteren 17. Jahrhundert: der absolute Megastar. Sein Ruf eilte ihm voraus, selbst Kurfürsten und Könige waren Fans und hielten ihre schützende Hand über ihn. Und so kam er irgendwie immer durch, überstand viele Jahre die Wirren des Krieges als fahrender Gaukler, als Hofnarr, als Schächte grabender Soldat unter Tage.

All das habe ich erlebt, als wäre ich selbst dabei gewesen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Hörbuch hören ein so intensives Erlebnis sein kann. In diesem Fall wirklich viel intensiver, als hätte ich das Buch selbst gelesen. Mit den Ohren war ich buchstäblich mittendrin im dreißigjährigen Krieg. Und nicht nur mit den Ohren. Ich habe all das Elend und die Krankheiten gerochen, die Kälte und den Hunger gespürt. Wenn mich einer fragen würde: Kennst Du den Ulenspiegel? Ja klar, würde ich sagen, das ist ein Kumpel von mir. Der Winterkönig? Kenn ich auch, ein Depp, der unter dem Pantoffel seiner Gemahlin steht. Und halte dich fern vom Pirmin, das ist ein richtig fieser Geselle.

Es ist unglaublich, wie intensiv das alles nachwirkt. Eigentlich stehe ich ja gar nicht auf historische Romane, sondern bekanntermaßen mehr auf Gegenwartsliteratur. Und auch die Person Tyll Ulenspiegel hat mich bisher nicht die Bohne interessiert. Deswegen war das Buch auch überhaupt nicht auf meiner Agenda. Umso bemerkenswerter, dass ich jetzt geradezu dafür brenne. Kehlmann knüpft hier an seinen zur ungefähr gleichen Zeit spielenden Megaseller „Die Vermessung der Welt“ an und übertrifft ihn noch. Tyll ist noch beeindruckender, noch sprachmächtiger, noch nachhaltiger. Warum stand dieser Roman im letzten Jahr eigentlich nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises?

So ganz traue ich meiner Empfindung noch nicht. Ich werde mir auf alle Fälle auch das gedruckte Buch noch besorgen und überprüfen, ob sich auf die althergebrachte Art und Weise, also richtig lesend, die gleiche Begeisterung einstellt. Ich schätze aber nicht, denn Ulrich Noethen liest einfach besser als ich, holt mehr aus den Sätzen heraus, schöpft das ganze literarische Potenzial dieses Werkes aus. Er rezitiert, proklamiert, intoniert, macht für mich die ganze Drecksarbeit, das Handwerkliche, während ich einfach nur zuhöre und mich entführen lasse.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch (ungekürzt):
Verlag: Argon Verlag
gesprochen von Ulrich Noethen
Länge: 11: 17 h, 23,95 €
Hörprobe bei Audible anhören.

Print:
Verlag: Rowohlt
480 Seiten, 22,95 €

Süßer die Bücher nie klingen

6

Wer viel liest und älter wird, kommt früher oder später an einen Punkt, an dem die Augen, kaum merklich aber doch stetig, immer schlechter werden. Noch reichen die Fünf-Euro-Lesebrillen aus dem dm-Markt, aber irgendwann, so denkt man mit Schrecken, werde ich wie ein alter Opa vielleicht eine Lupe brauchen, und wenn das dann auch nicht mehr geht, dann, ja dann war es das wohl mit dem Lesen. Aus, fini, Feierabend.

Was wird dann aus meinen vielen Büchern? Ganz besonders aus all den ungelesenen, die ich hier horte und noch lesen will, wenn ich eines Tages in Rente gehe – zu einer Zeit, in der es vielleicht gar keine richtigen Bücher mehr gibt, sondern nur noch Dateien? Ja, und noch schlimmer: Was wird dann aus mir? Mir vorzustellen, dass ich irgendwann das nicht mehr machen kann, was seit Kindertagen die einzige Konstante in meinem Leben war – undenkbar. Was auch gerade passierte, in guten wie in schlechten Zeiten, die Freude am Lesen hat mich nie verlassen. Im Gegenteil, je älter ich wurde, desto mehr ist mir das Lesen zu einer Heimat geworden, eine Zuflucht, ein Ort, an dem ich immer willkommen war. Für andere ist Lesen ein schönes Hobby, für mich ist Lesen mein bester Freund.

Und ganz besonders jetzt, wenn ich nach vorne schaue und mir ausdenke, was mal sein wird, wenn morgens um sechs der Wecker nicht mehr klingelt. Wenn ich den ganzen lieben langen Tag tun und lassen kann, was auch immer ich will — gerade dann brauche ich diesen Freund. Die Vorstellung, im Alter nicht mehr lesen zu können, über Bücherrücken zu streichen und die Zeichen im Inneren nicht mehr entziffern zu können, stattdessen Stunde um Stunde aus dem Fenster zu starren, alle paar Minuten vor Langeweile wegzudämmern, das ist mein ganz persönlicher Albtraum.

Aber dazu wird es nicht kommen. Denn auch wenn ich in ein paar Jahren komplett erblinden sollte, was nicht passieren wird, aber wenn, dann wäre das weniger schlimm als befürchtet, denn ich habe in den letzten Wochen etwas für mich entdeckt, von dem ich zwar immer schon wusste, dass es das gibt, aber trotzdem nie richtig wahrgenommen habe. Und das sind Hörbücher.

Für einen älteren Herrn wie mich hat ein Buch nun mal Seiten aus Papier, einen festen Einband und passt ins Bücherregal. Alles andere ist Schnickschnack, der krampfhafte Versuch, Menschen, die nicht lesen, Literatur doch noch irgendwie näher bringen zu wollen. Im Grunde genommen nichts Anderes als eine Romanverfilmung, die ja meistens auch nicht mit dem gedruckten Original mithalten kann.

Hinzu kommt, dass ich das Vorlesen von Literatur, wie ich es auf unendlich vielen Autorenlesungen erlebt habe, eigentlich noch nie als richtig bereichernd empfunden habe. In den allermeisten Fällen musste ich kämpfen, nicht einzuschlafen. Meiner Erfahrung nach können nur ca. 80 Prozent der Autoren, die gut schreiben können, auch gut vorlesen. Eigentlich habe ich erst genau drei erlebt, die das können: Sasa Stanisic, Benjamin von Stuckrad-Barre und Aljosha Brell. Alle anderen lesen, wie auch ich lesen würde. Ganz passabel, sich und ab und zu verhaspelnd, an den falschen Stellen Luft holend, hin und wieder in einen monotonen Singsang abdriftend, irgendwann müde und unkonzentriert werdend.

Nicht so bei gut produzierten Hörbüchern. Das habe ich zu meinem Entzücken in den vergangenen Wochen feststellen können. Wenn der Verlag etwas Geld in die Hand nimmt und gute Sprecher engagiert, die ihr Handwerk beherrschen, die in der Lage sind, aus dem Text noch etwas mehr herauszuholen, als das, was man selber da hineinliest, dann ist der Literaturgenuss sogar noch gesteigert. Das feststellen zu dürfen war geradezu eine Offenbarung für mich.

Seither höre ich neben dem Buch, das ich gerade lese — also klassisch, auf Papier — parallel auch jeden Tag noch ein Hörbuch. Wenn ich unterwegs bin, im Auto, Zug oder Flugzeug, im Garten beim Laub rechen, auf dem Laufband im Fitness-Center. Zunächst dachte ich, man kann sich doch gar nicht so lang auf Gesprochenes konzentrieren. Aber das klappt wunderbar. Auch bei anspruchsvoller Literatur, die nicht unbedingt spannend ist, bleibe ich am Ball und kann einen Roman, genauso als wenn ich ihn selbst lesen würde, als Ganzes erfassen. Nur wenn ich abends mit dem Kopfhörern auf dem Kopf still auf dem Sofa sitze, kann es passieren, dass ich einnicke. Aber das passiert mir nach einem anstrengenden Tag auch oft beim Lesen.

Alles begann, als ich vor ein paar Wochen bei meinem Musik-Streaming-Dienst entdeckte, dass es dort auch Hörbücher gab. Zum Spaß habe ich mal in den neuen Bestseller von Dan Brown reingehört und bin hängengeblieben. Kein großer Literaturgenuss, aber doch spannend und unterhaltend. Danach ging es weiter mit dem ersten Band von Volker Kutschers „Gereon Rath/Berlin Babylon“-Reihe und das war schon deutlich besser. Ein richtig guter Sprecher (David Nathan), ein tolles Setting, spannend und literarisch anspruchsvoll – ich war begeistert. Schnell habe ich herausgefunden, dass man bei Apple Music nach Autorennamen suchen muss, um mehr als nur Krimis zu finden. Ich blieb in den wilden Zwanzigern in Berlin und hörte anschließend tief bewegt Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, gelesen von Frank Arnold, danach Stefan Zweigs „Schachnovelle“, gelesen von Christoph Maria Herbst, und zuletzt ging es nach Finnland mit Jan Costin Wagners „Tage des letzten Schnees“, gelesen von Matthias Brandt.

Danach war klar: Hörbücher – das ist mein neues Ding. Für etwas mehr Auswahl habe ich mich dann letzte Woche bei Audible angemeldet und mir gleich Daniel Kehlmanns neuen Roman „Tyll“, gelesen von Ulrich Noethen, reingezogenen. Wow! Unbeschreiblich toll. Gerade bei diesem Buch, das in der Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt, habe ich Setting, Handlung und Stimmung als Hörbuch wesentlich intensiver empfunden, als wenn ich es selber gelesen hätte. Ulrich Noethen ist aber auch ein grandioser Sprecher. Der holt wirklich alles aus einem Text raus.

Durch die Entdeckung der Hörbücher ist mein Literaturkonsum um 100 Prozent gesteigert worden. Ich habe mit lästigen Tätigkeiten wie Autofahren, Gartenarbeit und Ausdauersport, die ich bisher als reine Zeitfresser angesehen habe, meinen Frieden gemacht. Noch mehr als das; ich freue mich jetzt regelrecht darauf, das alles zu tun, ist es doch eine willkommene Gelegenheit, weiter meinem Hörbuch zu lauschen.

Und weil ich von dieser auditiven Entdeckung so begeistert bin, wird es im kommenden Jahr die Rubrik „Hörbücher“ hier bei Buchrevier geben. Auch da wird es Rezensionen, Listen, Helden und den ganzen Buchrevier-Kram geben. Mal sehen, was mir noch so einfällt. Ich freue mich drauf. Aber ganz besonders freue ich mich, dass ich keine Angst mehr davor habe, mir durch das Lesen die Augen zu ruinieren und eines Tages vielleicht nichts mehr sehen zu können.

Doch plötzlich durchfährt mich ein weiterer schrecklicher Gedanke, und die ganze Glückseligkeit ist mit einem Schlag dahin. Was ist, wenn ich im Alter auch nicht mehr richtig hören kann?

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Foto: Gabriele Luger

Sven Heuchert – Punchdrunk (Hörbuch)

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Ich hatte den Kurzgeschichtenband Asche gelesen, war begeistert und wollte mehr. Doch da war nichts mehr, nur noch ein paar Geschichten auf seinem Blog und eine CD. Punchdrunk – ein Hörspiel, gelesen von Helmut Krauss. Kennst Du den, fragte er mich.

Helmut Krauss? Nee, muss man den kennen?

Kennst Du bestimmt! Ist Synchronsprecher von Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Schauspieler ist er auch. Herr Paschulke, den kennste doch?

Etwa der von Löwenzahn? Der Nachbar von Peter Lustig?

Sag ich doch, dass Du den kennst. Der hat das eingesprochen.

Aha – interessant (nicht wirklich), kann ich ja bei Gelegenheit mal reinhören.

Ich muss dazu sagen, ich habe noch nie in ein Hörbuch reingehört. Genauso wenig, habe ich jemals ein E-Book gelesen. Ich bin hier noch sehr old school unterwegs. Ganz anders als zum Beispiel im Musikbereich. Da bin ich in Sachen Streaming und so ganz vorne mit dabei. Meine zwei CD-Player sind jedenfalls schon vor einigen Jahren im Keller verschwunden.

Aber im Auto kann ich noch CDs hören. Und da habe ich mir Punchdrunk von Sven Heuchert angehört. Einmal, zweimal, dreimal – zwei Wochen lang immer wieder. Immer wieder eineinhalb Stunden mit Herrn Paschulke. Und jedes mal hat es mich aufs Neue fertig gemacht. Ich musste schlucken, hatte einen Kloß im Hals. Das kenne ich gar nicht von mir. Ich bin doch kein Weichei! Aber was ich da auf die Ohren bekam, hat irgendetwas tief in mir zum Klingen gebracht, mich – ich weiß noch nicht wieso und warum, aber in jedem Fall – tief bewegt.

Worum geht es in Punchdrunk? Der Ich-Erzähler kommt nach einigen Jahren im Ausland in seine Heimatstadt zurück. Er war in Portugal gewesen, hat für einen gewissen Keith Eismaschinen ausgeliefert. Doch jetzt ist er wieder da. Und alle anderen sind auch immer noch da. Die alten Kumpels stehen im „Schmalen Handtuch“, der alten Stammkneipe und wollen wissen, ob er schon bei seinem Alten war. Nee, war er nicht, aber da will er noch hin. Der Alte ist im Knast, hat im Suff seine Freundin erschlagen. Der traurige Höhepunkt eines Säufer- und Schlägerlebens.

Auf dem CD-Cover steht es ganz treffend: „Eine Geschichte über Loyalität und Schicksal. Über das Weggehen und das Wiederkommen.“ Wir bekommen Einblicke in ein zerstörtes Leben. Boulevard of broken Dreams. Männlich durch und durch: Boxkämpfe, Sauftouren, Puff- und Knastbesuche. Alles in klaren, eindringlichen Sätzen auf den Punkt gebracht. Sensibel und gleichzeitig kraftvoll. Jeder Satz sitzt. Trägt Stimmung, transportiert Gefühle, aber ohne rührselig zu werden. Helmut Krauss’ Stimme passt perfekt, bringt die Stimmung wunderbar rüber. Gänsehaut pur.

Das muss man sich einfach mal anhören. Ich habe hier mal eine Hörprobe eingestellt. In dieser Szene besucht der Ich-Erzähler seinen alten Herrn nach drei Jahren zum ersten Mal im Knast. Ganz besonders bewegt hat mich die Passage, wo er über seine Mutter erzählt.

https://soundcloud.com/svenheuchert/punchdrunk3

Ich gebe zu, Heucherts Settings und Sprache sind nicht unbedingt jedermanns Sache. Manch einem ist sein Stil bestimmt zu direkt, zu derb, zu brutal, einfach zu viel Gosse. Aber genau das ist seine Stärke. Er bringt das alles so authentisch rüber, dass man das Gefühl hat, den Alkohol, die Zigaretten, den Schweiß der Akteure förmlich zu riechen. Das kann man kaum ertragen, es zerrt an den Nerven. Ich brauchte ab und zu mal eine Pause zwischen den Kapiteln, ein wenig frische Luft bevor ich wieder in diese kaputte Welt einsteigen konnte.

Ja, ich finde Sven Heuchert gut, sehr gut, und ich verstehe überhaupt nicht, dass er nicht schon längst in aller Munde ist. Selten war ich von einem Newcomer so begeistert, und ich wünsche ihm endlich den Erfolg, den er verdient. Sein Verlag soll sich bitte mal ins Zeug legen und ihn angemessen fördern, die Werbetrommel rühren und dafür sorgen, dass so viele wie möglich in den Genuss dieses außergewöhnlichen Literaturerlebnisses kommen.

Die Punchdrunk-Hörbuch CD kostet 12,50 € und kann bisher nur direkt beim Autor bestellt werden: www.sven-heuchert.de

Buchrevier-Leser haben die Möglichkeit, eine von drei Punchdrunk-CDs zu gewinnen. Dafür einfach diesen Beitrag liken, teilen oder kommentieren.