Katja Oskamp – Marzahn, mon amour

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Geschichten einer Fußpflegerin. 

Ich habe eine neue Schreibtechnik erlernt. Sie nennt sich Clustern, kommt im Prinzip noch vor dem eigentlichen Schreiben zum Einsatz und funktioniert in etwa so: Man nimmt sich ein Blatt Papier und notiert in der Mitte das Wort, das einem als allererstes zu dem Thema einfällt, über das man etwas schreiben will. Und dann fügt man drumherum weitere Begriffe hinzu, die sich aus dem bereits notierten Wörtern ergeben. Ist das Blatt voll, fängt man an, richtig zu schreiben – Assoziationsketten zu verbinden, aus den Wörtern ganze Sätze zu machen.

Das erste Wort, was ich zu „Marzahn, mon amour“ aufgeschrieben habe, war „Menschenliebe“ und dann als nächstes gleich „Herzensbuch“ und „Florian“. Wie gut, dass es solch einfache Methoden gibt, denn sonst hätte ich ich gar nicht gewusst, wo ich anfangen sollte, um meine Begeisterung für dieses Buch kundzutun. Eigentlich bin ich ja alles andere als ein Menschenfreund. Doch je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor dem Leben anderer Leute. So ein Leben muss nicht besonders herausragend, die Person nicht berühmt und bedeutend sein, um beachtet zu werden und Wertschätzung zu bekommen. Eigentlich das Mindeste, was man erwarten darf, zugleich aber auch das Kostbarste und für mich nach wie eine nicht ganz so einfache Übung.

Die meisten Menschen, die in den Plattenbauten in Berlin-Marzahn leben, sind weder berühmt noch bedeutend. Sie leben ihr Leben, sind entweder mittendrin oder schon fast damit durch, haben sich durchgebissen, kommen irgendwie klar und haben allesamt Füße, die sich freuen, wenn sich mal irgendwer richtig kümmert. Kümmern tut sich die Ich-Erzählerin dieses wunderbaren Buches, eine gescheiterte Schriftstellerin, die sich zur Fußpflegerin umschulen lässt und in einem Kosmetikstudio in Marzahn anfängt. Und sie macht das nicht nur einfach so als Plan B, sondern mit Herzblut. Und plötzlich sind bei ihr alle Selbstzweifel, ist ihre ganze Lebens-Unzufriedenheit wie weggefegt. Sie arbeitet mit Menschen, spricht mit ihnen, hört zu, beschäftigt sich – mit ihren Füßen, mit ihrem Leben.

Sollte ich jemals abschätzig über die Arbeit einer Fußpflegerin geurteilt haben, so leiste ich hiermit öffentlich Abbitte. Katja Oskamp schafft es, mir dieses Berufsbild aus einer vollkommen neuen Sicht zu präsentieren. Was hier geleistet wird, ist eine echter Dienst am Menschen. Und ich glaube, auch ich wäre froh, wenn sich mit Siebzig Plus noch jemanden findet, der sich meine langweiligen Buchblogger-Geschichten anhört, während er mir die Hornhaut von den Fersen hobelt.

Damit kann schon mal ein Haken an die ersten zwei Begriffe gesetzt werden: Menschenliebe und Herzensbuch – für mich eigentlich ein Unwort, aber hier passt es. Bleibt noch Florian. Den Namen habe ich notiert, weil er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Florian kennt man als literarischen Nerd von Instagram. Als Buchhändler ist es sein Job und als Bookstagramer sein Hobby, tagtäglich Bücher zu empfehlen. Und wenn er für einen Titel brennt, dann legt er sich richtig ins Zeug. Genau das hat er hier gemacht. Ohne seine leidenschaftliche Empfehlung wäre diese literarische Perle aus mehreren Gründen wohl komplett an mir vorübergegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil im Moment wieder so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es kurz vor der Herbstmesse in Frankfurt so viel andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt. Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

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Print:

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

Hörbuch:
tacheles! ROOF Music
Gesprochen von der Autorin
4 h, 06 min., 9,99 €
(Im Streaming Abo von Apple-Music)

 

 

 

Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Anthony Powell – Eine Frage der Erziehung (Hörbuch)

Man stelle sich eine Zeit ohne die heutigen Unterhaltungsangebote vor. Ohne das Internet, ohne Fernsehen und Kino und – für einige komplett unvorstellbar: ohne Netflix! Was haben die Menschen damals nur mit ihrer ganzen freien Zeit angefangen? Die Arbeiterschicht hatte ja nicht viel Freizeit, aber das Bildungsbürgertum schon. Und was taten die Damen und Herren der feinen Gesellschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wenn ihnen fad war und es sie nach Zerstreuung und anspruchsvoller Unterhaltung gelüstete? Sie gingen zum Bücherregal und griffen sich ein Buch, vorzugsweise einen gepflegten, dickbändigen Gesellschaftsroman von Tolstoi oder Dostojewski, Balzac oder Colette, Fontane oder Droste-Hülshoff, Dickens, Austen oder Powell.

Alle die Genannten kennt der Bildungsbürger diesen Jahrhunderts zumindest dem Namen nach. Einige davon noch aus der Schule, die anderen, weil ihre Werke verfilmt wurden und den Rest, weil man oftmals gerne nur so tut als ob. Aber einen dieser Literaten dürfte wirklich kaum einer kennen, und auch ich habe von Anthony Powell bis vor wenigen Wochen noch nie etwas gehört. Dabei hat der britische Romancier, der im Jahr 2000 im Alter von 95 Jahren starb, ein wahrlich bedeutendes literarisches Gesamtwerk hinterlassen, allen voran ein echtes Opus Magnum, den zwölfbändigen Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Dieser Zyklus von zwölf Gesellschaftsromanen, an denen Powell von 1951 bis 1975 schrieb, wird häufig mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen und ist jetzt in einer Neuübersetzung beim Berliner Elfenbein-Verlag komplett neu aufgelegt worden. Und auch an einer Hörbuch-Fassung wird derzeit gearbeitet. Der junge Berliner Hörbuchverlag „Speak Low“ hat sich dieses Mammutprojekt vorgenommen und bereits drei Audiobände der Romanreihe veröffentlicht. Ich habe mir Band 1 „Eine Frage der Erziehung“ angehört und war sehr begeistert.

Aber der Reihe nach – zunächst: Der Vergleich mit Proust passt und ist mir auch sofort in den Sinn gekommen. So detailliert, wie der Franzose die bessere Gesellschaft seiner Zeit aus Sicht eines sich in ihr bewegenden Erzählers portraitiert, so tut es der Brite Powell in seinem Werk. Da gibt es keinen Spannungsbogen, keine unterschiedlichen Perspektiven und Erzählstränge – da werden einfach nur in aller Ausführlichkeit Personen beschrieben, Zusammenkünfte, Begegnungen und Tischrunden dokumentiert, Gespräche wiedergeben und Gedankengänge skizziert. Und das ist alles so old-fashioned, langatmig, unspektakulär und langweilig, dass es schon wieder spannend ist zu beobachten, wie lange man das wohl durchhält. Als Leselektüre hätte ich nach 100 Seiten mit Sicherheit die Segel gestrichen, doch die Hörbuch-Version, sehr elegant vorgetragen vom wunderbaren Frank Arnold, hat mich mit einer beispiellosen Leichtigkeit von Kapitel zu Kapitel und letztlich durch den gesamten ersten Band getragen.

Hören geht in diesem Fall deutlich besser als Lesen. Ich habe das einfach knapp 9 Stunden auf mich Einplätschern lassen, bin auch mal fünf Minuten unkonzentriert gewesen oder eingeschlafen, dann wieder aufgewacht und hatte in der Zeit nicht viel versäumt, denn da war immer noch die gleiche Männerrunde dabei, über irgendeine Belanglosigkeit zu debattieren. Aber so zähflüssig und langatmig sich das alles auch anhört, so schön und absolut bereichernd habe ich es letztlich empfunden. Denn zum einen ist die Sprache von ausgewählter Eleganz – geschliffene Sätze, tolle Formulierungen – zum anderen sind mir selten so gut beschriebene Charaktere begegnet – jede Figur erscheint geradezu plastisch vor dem inneren Auge. Allen voran der linkische Widmerpool, die  Jugendfreunde Stringham und Templer, Professor Sillery – vier von insgesamt knapp 400 Personen, die das zwölfbändige Gesamtkunstwerk bevölkern.

Vielleicht sollte ich noch ein paar Sätze zur Handlung verlieren. So viel lässt sich dazu nicht sagen. Das große Gesellschaftspanorama, das Powells kunstvoll entfaltet, wird dem Leser aus Sicht des Ich-Erzählers Nicholas Jenkins, dem Spross eines ranghohen britischen Militärs, vermittelt. Band 1 beginnt im Jahr 1921 und führt uns ans Eton College, wo Jenkins zusammen mit seinen Schulfreunden Charles Stringham und Peter Templer die Abschlussklasse besucht. Anschließend begleiten wir Jenkins auf den Landsitz der Templers, wo er sich zaghaft und unerwidert in Peters Schwester Jean verliebt. Nach einem Sprachurlaub in Frankreich auf dem Anwesen der Leroys endet ‚Die Erziehung‘ in Jenkins Studienort Oxford. Das sind die wesentlichen Rahmendaten der Handlung. Was sonst noch passiert, sind kleinere und größere Tischrunden, lange Spaziergänge sowie hier und da ein paar Streitigkeiten und Missstimmungen unter den handelnden Personen. Das war‘s.

Anders als die heute noch bekannten Gesellschaftsromane von den oben genannten Autorinnen und Autoren könnte ich dieses Werk nicht uneingeschränkt jedem empfehlen. Es ist schon etwas aus der Zeit gefallen und trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Mich hat es ein wenig an die TV-Serie „Das Haus am Eaton Place“ aus den Achtzigern erinnert – sehr förmlich und sehr britisch. Wer aber Spaß an einem eleganten Erzählton hat, sich für treffende Charakterstudien und die britische Upper-Class Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, dem sei dieser Roman und eventuell auch der komplette Zyklus empfohlen.

Ich für meinen Teil freue mich, Powell für mich entdeckt zu haben. Ich bin jetzt drin, angefixt und im Serienfieber. Mit Sicherheit werde ich mir auch Band 2 mit dem Titel „Tendenz steigend“ als Hörbuch anhören und vielleicht besorge ich mir sogar alle zwölf Print-Bände von „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Ob ich sie jemals alle lesen werde, sei mal dahin gestellt. Es reicht ja, wenn ich sie einfach nur dekorativ ins Regal stelle, direkt neben den Proust, und einfach nur so tue als ob.

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Englischen übersetzt von: Heinz Feldmann

Verlag (Hörbuch): speak low 
8 h, 40 min, Sprecher: Frank Arnold,
12,99 Download (audible), MP3 CDs: 19,99 €
(Erhältlich auch im Streaming-Abo z.B. bei Apple.Music und Spotify)

Sehr sehenswert ist auch das Video der Hörbuchproduktion (einfach aufs Bild klicken).

 

 

Sibylle Berg – GRM Brainfuck (Hörbuch)

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Der mittelalte Mann sitzt in seinem Sessel und schmunzelt. Gesundheitszustand: den Umständen entsprechend. Beruf: irgendwas mit Medien. Intelligenz: durchschnittlich. Ethnie: Migrationshintergrund. Hobbys: liest Bücher.

Er hat dieses zufriedene Grinsen im Gesicht, was sich immer einstellt, wenn er ein gutes Buch gelesen oder gehört hat. Wenn Literatur ihn catched, ihn in ihren Bann zieht, seine Gedanken kapert, sich in seine Träume schmuggelt – dann, ja dann ist er glücklich, fühlt sich wohl in seiner Haut. Dabei ist das, was er da gerade gehört hat, alles andere als ein Wohlfühl-Szenario. Gegenwart 2.0, Dystopie reloaded, Schwarzmalerei in 4K. Geschrieben von einer mittelalten Autorin. Herkunft: DDR. Status: etabliert, aber keine Preise. Typ: schräger Vogel mit Hochsteckfrisur.

Er kennt die Autorin vom Hörensagen schon seit Jahren, hat aber bisher noch nie etwas von ihr gelesen. Ihren letzten Roman hat er mal seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt. Die war empört. Wie kommst du darauf, dass mir so ein Schweinkram gefällt? Er hat nur mit den Schultern gezuckt und meinte, dass die Blogs voll des Lobes wären. Aber das muss ja nichts heißen, wie er mittlerweile weiß.

Ihr aktuelles Buch hat er vor ein paar Wochen beim Verlag als Rezensionsexemplar angefragt, aber bis heute ist es nicht angekommen. Die sind doch wohl nicht sauer wegen dem Verriss zu Bret Easton Ellis? Dessen Status: ehemaliger Kult-Autor. Gefährderpotential: alt, weiß, männlich. Letzte Buch-Veröffentlichung: grottig.

Egal, abgehakt. Dann eben GRM als Hörbuch. Ist bei diesem Titel – dessen Lektüre, wie er schon von verschiedenen Seiten gehört hat, ziemlich fordernd sein soll – wahrscheinlich eh die bessere Wahl. Und dann noch Torben Kessler und Lisa Hrdina. Zwei Sprecher, die es wirklich können. Was soll da noch schief gehen? Knapp 17 Stunden hat er sich das alles angehört, hat Hannah, Don, Peter und Karen durch ihren Alltag begleitet, genauso wie die achtjährige Nutte, den russischen Oligarchen, den MI5-Agenten und den britischen Aristrokratenspross. Und mit der Zeit sind ihm all diese kranken Protagonisten ans Herz gewachsen. Der mittelalte Mann leidet mit. Jeder Tritt in den Magen, jeder brechende Knochen tut auch ihm weh – zunächst. Doch irgendwann setzt auch bei ihm der Abstumpfungsprozess ein. Wieder einer tot, ja nun.

Sybille Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat, 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Dystopien boomen, und das tun sie vollkommen zurecht. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle nochmal mit einem blauen Auge aus diesem aktuellen Gemengelage von Neoliberalismus, Genderwar, Migration und Rassismus, Digitalisierung, Datenflut, Brexit, Nationalismus und künstlicher Intelligenz herauskommen, ist eher gering. Und so tief wie der Karren schon im Dreck steckt – da ist sich der mittelalte Mann mit der mittelalten Autorin einig – wäre ein Happy End auch mehr als unglaubwürdig. Nein, wer noch einen Funken Verstand und Weitsicht hat, wird ahnen, dass das alles nicht gut gehen kann, dass wir Menschen so ziemlich am Ende sind. Und das nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern schon bald. In fünf oder zehn Jahren.

Und warum auch nicht? War es nicht schon immer so? Alte Ordnungssysteme lösen sich auf und etwas Neues entsteht. Was da kommen wird, an die Stelle des Jetzigen tritt und wann genau das sein wird, weiß keiner. Aber das ist auch egal, denn wir werden dabei sowieso keine Rolle mehr spielen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Argon Hörbuch
Sprecher: Torben Kessler, Lisa Hrdina
16h, 55 min, 19,95 €
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

Sophie Passmann – Alte weiße Männer (Hörbuch)

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Ich wollte mal kurz reinhören, nur so zum Spaß und eigentlich auch nur, um meine Vorurteile gegenüber dem radikalen Feminismus bestätigt zu bekommen. Und natürlich fühlte ich mich auch vom Titel angesprochen, bzw. provoziert, denn dass ich als alter weißer Mann wahrgenommen werde und damit das erklärte Feindbild der Netzfeministinnen bin, das weiß ich schon lange. Natürlich kenne ich auch Sophie Passmann, allerdings nur dem Namen nach. Ich folge ihr weder auf Twitter noch habe ich sonst irgendetwas über sie gelesen. Ihre genauen Ansichten und Standpunkte kenne ich kaum. Alles was ich weiß, beziehungsweise mutmaße, ist, dass sie eine dieser unentspannten und dauerempörten, jungen Netzfeministinnen ist und man sich mit ihr lieber nicht anlegen sollte.

Maximal zehn Minuten, mehr Radikal-Feminismus hältst du sowieso nicht aus, dachte ich mir. Doch von wegen; am Ende habe ich mir das ganze Hörbuch angehört, und war weder augenrollend genervt, noch beleidigt und empört, sondern durchaus interessiert, angenehm überrascht, inspiriert und fühlte mich dazu noch sehr gut unterhalten. Das muss man erst mal schaffen, jemanden mit einer Antihaltung, wie ich sie hatte, abzuholen und wenn auch nicht komplett umzukehren, so doch zumindest mitzunehmen.

Und natürlich weiß ich auch, dass so ein von der falschen Seite kommender Applaus Gift für Passmanns Feministinnen-Credibility ist. Wenn einer wie ich, der zwar für Geschlechter-Gleichberechtigung einsteht, aber radikalen Feminismus eher unsympathisch findet – also aus Feminist*innen-Sicht ein Macho-Arschloch ist oder eben ein alter weißer Mann – wenn so jemandem dieses Buch gefällt, was tatsächlich der Fall ist, dann kann das ja nur Mainstream-Feminismus sein – zu lasch, zu wenig radikal, nicht fordernd genug, zu verständnisvoll und anbiedernd. Gut möglich, aber ich nehme mal an, dass es der Autorin nicht darum ging, Applaus aus der eigenen Blase zu bekommen, sondern auch mal die Gegenseite für bestimmte Botschaften empfänglich zu machen. Zum Beispiel, wie man es vermeiden kann, ein alter weißer Mann zu werden.

Und genau das hat sie erreicht. Zumindest bei mir und wahrscheinlich auch bei den 16 mehr oder weniger alten weißen Männern, mit denen sie im vergangenen Sommer gesprochen hat. Allein die Auswahl der Gesprächspartner hat mich begeistert. Von Sascha Lobo über Robert Habeck, Ulf Poschardt, Peter Tauber, Kevin Kühnert, Micky Beisenherz bis zu Rainer Langhans war alles dabei. Selbst ihren eigenen Vater hat Sophie Passman nicht verschont. Und obwohl es immer wieder um den Feminismus und die Rolle des alten weißen Mannes ging, gab es kaum Wiederholungen, hat jedes Gespräch wieder neue, interessante Aspekte aufgezeigt. Passmann hat sich nicht darauf beschränkt, die mit dem Diktiergerät protokollierten Interviews sauber zu transkribieren, sondern hat jeden Dialog, jeden Interviewpartner und auch die Gesprächsumgebung sehr persönlich und überaus humorvoll kommentiert. Das ist vielleicht journalistisch nicht ganz sauber, aber dem Buch hat es gut getan. Sehr gut sogar, denn von Kapitel zu Kapitel, von Gespräch zu Gespräch, wurde mir die Autorin immer sympathischer.

Was generell immer verständnisfördernd ist: wenn Menschen auch mal über sich selber lachen können. Passmann ist zwar mit vollem Ernst bei der feministischen Sache, nimmt sich als Person aber nicht so furchtbar wichtig und kommentiert ihre eigene Rolle mit einer angenehm ironischen Distanz. Bemerkenswert fand ich auch die Höflichkeit und den Respekt, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnete, auch wenn das Gegenüber politisch und weltanschaulich aus dem komplett anderen Lager kam und stellenweise abstruse Thesen wie Rainer Langhans vertrat. Das alles hat dazu geführt, dass ich im Verlauf des Hörbuches alle Vorbehalte und Ressentiments beiseite schob, mich offen auf die Argumentation einließ und bei dem ein oder anderen Gespräch in Gedanken sogar mit diskutierte. Ja, ich hatte auf einmal Spaß an der Feminismus-Debatte, verstehe bestimmte Standpunkte jetzt besser und kann sogar nachvollziehen, warum Feminismus manchmal auch radikal und kompromisslos sein muss.

Was für mich im Verlauf der Gespräche aber immer deutlicher wurde, ist, dass das Thema derart komplex und vielschichtig ist und von so vielen Faktoren wechselseitig beeinflusst wird, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Bestes Beispiel ist das Thema „Frauenquote“. Eigentlich eine gute Sache und angesichts der immer noch männlich dominierten Strukturen in den Unternehmen mehr als dringend notwendig. Andererseits stellt sich immer auch die Frage, ob durch gesetzliche Vorgaben und eine quasi erzwungene Gleichberechtigung per Quote, dem Feminismus nicht doch ein Bärendienst erwiesen wird. Oder die ständige Gefahr in eine der zahlreich ausliegenden Sexismus-Fallen zu tappen. Wie ist es, wenn man sagt, dass man im Job lieber mit Frauen als mit Männern zusammenarbeitet? Ist das schon sexistisch, wenn man überhaupt Unterschiede benennt, wie z.B. die bessere Team- und Kommunikationsfähigkeit von Frauen? Ist der Feminismus erst am Ziel, wenn Geschlechterunterschiede irgendwann überhaupt keine Rolle mehr spielen? Ist das überhaupt in allen Belangen sinnvoll? Und kann man das dann wieder trennen, wenn es privat wird und auf einmal sogar Liebe im Spiel ist?

Ich als Mann bin beim Thema Feminismus, wie einige andere auch, sehr verunsichert, habe viele Fragen und bekomme kaum Antworten. Das mag wohl auch daran liegen, dass Antworten gar nicht zu mir durchdringen, weil mich oftmals die Form und Rhetorik feministischer Argumentation schon abstößt. Bei diesem Buch war das anders. Ich habe erstmals richtig zugehört, einiges endlich verstanden, über Privilegien nachgedacht und mich selber gefragt, wieviel ich in meinem Leben wohl der Tatsache zu verdanken habe, dass ich ein Mann bin. Allein dafür bin ich Sophie Passmann schon dankbar.

Ich werde wohl niemals mehr Feminist, was für mich durchaus ok ist. Aber vielleicht kann ich in Zukunft etwas dafür tun, als Mann älter zu werden, ohne ein alter weißer Mann zu sein. Vielleicht.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
tacheles!/ Roof Music
Spieldauer: 5 h, 17 Min
Gesprochen von der Autorin

Print:
Verlag: KiWi-Taschenbuch
304 Seiten, 12,00 €

T.C. Boyle – Das Licht (Hörbuch)

9

Ich gestehe, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von T.C. Boyle gelesen. Und warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Eine Zeitlang habe ich ihn mit William Boyd verwechselt, wahrscheinlich wegen dem ähnlich klingenden Nachnamen und dem Bestsellerautor-Status, den beide zweifelsohne haben. Und dann bin ich ja auch noch so ein furchtbar oberflächlicher Schubladen-Typ, der sich von Vorurteilen leiten lässt und alles und jeden nach dem ersten Anschein kategorisiert und wegsortiert. Und T.C. Boyle klang in meinen Ohren allein von Namen her immer irgendwie nach dem Pseudonym eines Trivialautors, so wie Perry Rhodan, Sidney Sheldon oder Poppy J. Anderson – also eher uninteressant.

Seit ich aber über Bücher blogge und mit vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern vernetzt bin, ist mir natürlich aufgefallen, dass Boyle weder Boyd noch trivial ist. Ich registriere sehr wohl den Hype, der um jedes neue Buch gemacht wird, die ausverkauften Lesearenen, die stolz im Social Web präsentierten Selfies mit Buch oder Autor. Natürlich hat das mein Interesse geweckt, doch irgendwie war mir der Aufstand, der um diesen Autor gemacht wird, schon wieder ein wenig ‚too much‘, so dass ich beschloss, jetzt nicht auch noch auf diesen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch dann kam wieder alles ganz anders. An dem Umstand, dass ich bis heute noch kein einziges Boyle-Buch gelesen habe, hat sich allerdings nichts geändert. Denn „Das Licht“ habe ich nicht gelesen, sondern mir von Florian Lukas vorlesen lassen. Und diese grandiose Erfahrung hat mich innerhalb von 14 Stunden zum absoluten T.C. Boyle-Fan gemacht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Roman alles in mir ausgelöst hat, welch intensive Gedanken mir beim Zuhören durch den Kopf gegangen sind. Auch jetzt, eine Woche nachdem ich es beendet habe, lassen mich ‚Set und Setting‘ der Geschichte nicht los. Erst habe ich bei Google nach Bildern von Timothy Leary, Dick Alpert und dem Hitchcock-Anwesen in Millbrook gesucht, dann bei Youtube die BBC-Dokumentation „Ein Professor auf LSD“ (siehe unten) angeschaut. Danach habe ich mir das erste Beatles-Album noch mal angehört und mir auch ein paar Sitar-Sessions von Ravi Shankar reingezogen. Nur eingeschmissen habe ich mir nichts. Das brauchte ich auch nicht, denn der Roman, für den Boyle historische Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft, hat mich allein schon total kirre gemacht.

Die Geschichte startet im Jahre 1943 in Basel, wo der beim Chemiekonzern Sandoz angestellte Grundlagenforscher Dr. Albert Hofmann den ersten Selbstversuch mit einer neuen Substanz namens Diethylamid LSD macht. Nach diesem bereits sehr stimmungsvollen Intro switched die Geschichte zwanzig Jahre weiter und landet in den 1960er Jahren in den USA, ganz konkret im Bostoner Vorort Cambridge. An der dortigen Harvard-University tritt der Psychologie-Student Fitz eine Promotionsstelle bei dem charismatischen Dr. Leary an. Leary experimentiert auf wissenschaftlicher Basis mit den psychoaktiven Substanzen Psilocybin und LSD 25, die er legal von Sandoz zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt bekommt. Er erforscht die Wirkung der Drogen nicht nur an studentischen Probanden, sondern in erster Linie auch an sich selbst und behauptet, dass ein einziger Trip mit diesen Substanzen ihm mehr über die menschliche Psyche verrät, als 5 Jahre Psychologie-Studium.

Leary ist eine beeindruckende Persönlichkeit und avanciert schnell zum Wissenschaftsstar, der viele Anhänger um sich schart. Auch Fitz und seine Frau Joannie werden in den inneren Kreis aufgenommen, womit sie an den regelmäßigen Drogen-Sessions teilnehmen können. Das ursprüngliche Forschungsprojekt entwickelt sich weiter, aus den Case-Studies wird eine Art Lebensentwurf. Auf Trip gehen heißt, sich selber finden, neue Dinge zu denken, neue Dinge zu sehen und in innere Sphären vorzudringen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die Gruppe um Leary und Alpert sieht sich als Entdecker neuer Welten, als Psychonauten und gilt als eine der weltweit ersten Hippie-Kommunen.

Die Beat-Generation, die Gruppe um Leary und später dann die Hippies – das alles klingt nach längst vergangenen, mittlerweile historischen Strömungen, die mit unseren heutigen Lebensrealitäten so gar nichts mehr zu tun haben. Doch an der Sehnsucht vieler Menschen nach einem selbstbestimmten und von allen Konventionen befreiten Leben hat sich auch heute nichts geändert. Und noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass bewusstseinserweiternde Substanzen jedweder Art, der Schlüssel dazu sind. Und so faszinierend sich die Berichte vom ungezwungenen Drogen-Camp im mexikanischen Zihuatanejo mit Sonne, Meer, Margerithas und freier Liebe auch anhören – ganz besonders im Vergleich zu unseren heutigen, eher puritanisch anmutenden Lebenswelten – all diese Projekte sind gescheitert und die Leben der Protagonisten sind weder freier noch einen Deut selbstbestimmter geworden.

Und so könnte es durchaus sein, dass das Fazit der ehemaligen Psychonauten Fitz, Joannie, Ken, Nancy, Lori und Fanchon am Ende wie eine dieser Sprüche-Tafeln bei Facebook klingt: Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Ja, war geil!

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Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Der Hörverlag, Spieldauer 14 h, 25,95 €
Gelesen von Florian Lukas

Print:
Verlag: Hanser
384 Seiten, 25,00 €

Für alle, die sich Hier die BBC-Dokumentation zu Timothy Leary:

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Charles Dickens – Große Erwartungen (Hörbuch)

Als ich den Sprecher, dessen Name mir zunächst gar nichts sagte, die ersten zwei Sätze vorlesen hörte, war es um mich geschehen. Das gibt es doch gar nicht. Das ist Hans Paetsch? Natürlich kenne ich den. Mit dieser Stimme bin ich groß geworden! Der Struwwelpeter, Hänsel & Gretel und Rumpelstilzchen – der sonore Klang dieses großen deutschen Märchenonkels war auf nahezu all meinen Lieblings-Hörspielplatten zu hören. Ich habe sie rauf und runter gespielt, kenne jeden Satz noch immer auswendig und verbinde damit so viel Schönes. Ich sehe mich im Wohnzimmer meiner Großeltern sitzen, sehe den Plattenspieler, der mit den Röhrenradio verbunden war, höre meine Oma den Abwasch machen, meinen Opa mit der Bild-Zeitung rascheln.

Und jetzt nach all den Jahren begegne ich dieser so vertrauten und geliebten Stimme also wieder und weiß gar nicht, ob ich das so gut finde. Denn ich kann das gar nicht trennen von all den Erinnerungen. Für mich ist und bleibt das mein Märchenonkel. Und tatsächlich brauchte ich eine Weile, bis ich meine Kindheitserinnerungen wieder wegpacken und mich auf Hans Paetsch als Sprecher von Charles Dickens großem Entwicklungsroman einlassen konnte. Er macht das gut, keine Frage, wenn auch etwas überakzentuiert, was in heutigen Ohren ein wenig oldschool klingt. Aber die Aufnahme ist ja auch von 1989 und Hans Paetsch schon seit nunmehr 17 Jahren tot.

In „Große Erwartungen“ erzählt Dickens die Geschichte von Pip, einem Waisenjungen, der bei seiner älteren Schwester und ihrem Mann, einem Schmied aufwächst. Von einem unbekannten Wohltäter wird ihm vollkommen unerwartet ein hohes Vermögen vermacht, verknüpft mit der Bedingung, sich in London zum Gentleman ausbilden zu lassen. Pip ergreift die Chance, müht sich redlich, ein feiner Herr zu werden, bleibt aber innerlich zerrissen. Hier seine einfache Herkunft, dort die großen Erwartungen.

Als Leser leidet man richtig mit, fühlt die Zerrissenheit des Helden am eigenen Leibe. Aber noch beeindruckender als dieses Gefühl sind die tragenden Figuren dieses Romans, die einem nach über 21 Stunden Hörgenuss nahezu bildlich und gestochen scharf vor dem inneren Auge erscheinen. Von Hans Paetsch so eindrucksvoll zu Gehör gebracht, dass man glaubt, sie nie wieder vergessen zu können. Wie zum Beispiel die alte Miss Havisham, Pips vermeintliche Wohltäterin, die nach einer enttäuschten Liebe den Rest ihres Lebens im Dunkeln verbringt. Oder die eiskalte Schönheit Estrella, die seine Liebe aufgrund ihrer Kaltherzigkeit nicht erwidern kann. Und nicht zuletzt sein liebevoller Ziehvater Joe Gargerey, der Schmied, den Pip trotz aller Liebe als nicht mehr standesgemäß empfindet und zurückweist.

Es ist ein wunderbarer Roman, der nicht umsonst zu den großen Klassikern der Weltliteratur zählt. Man lauscht der Märchenonkel-Stimme und taucht regelrecht ein ins England des 19. Jahrhunderts, hört die Kutschen durch die Straßen fahren, riecht den Dreck in der Gosse. Perfekt aufgebaut, erzählerisch grandios, nicht eine Minute langweilig und im Vergleich zu den oftmals enttäuschenden neuzeitlichen Gesellschaftsromanen einfach um Längen besser.

Also: Lest und hört wieder mehr Dickens. Es lohnt sich.

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Foto: Gabriele Luger

Deutscher Audio-Verlag / NDR 1989
2 Bände: 21 Stunden
Gesprochen von Hans Paetsch

 

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Sehenswert: Ein NDR-Bericht über Deutschland großen Märchenonkel Hans Paetsch aus dem Jahre 1998.

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Auch sehenswert: Der Trailer zur Neuverfilmung des Dickens-Klassikers aus dem Jahr 2012 mit Jeremy Irvine in der Hauptrolle.