Frank Witzel – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion… (Hörbuch)

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…durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969.

Das Buch habe ich schon seit mehr als zwei Jahren im Regal stehen. Es war damals mein Favorit beim großen Wettbewerb und ich habe mich sehr gefreut, dass es den Preis bekommen hat. Warum kann ich gar nicht so genau sagen, denn gelesen hatte ich es nicht. Der Autor war mir irgendwie sympathisch, die anderen Nominierten eher weniger, die Geschichte klang interessant, und diesen knapp Tausendseiter zu lesen, erschien mir als ein spannendes Projekt, eine Herausforderung der man sich mal stellen sollte.

Es gib ja Menschen, die vertreten den Standpunkt, dass man sich auf Literatur einlassen sollte; dass es der Leser ist, der sich annähern muss und nicht das Werk. Dass ein Buch sich sträuben und Böcke schlagen darf wie ein Wildpferd. Solche Menschen sind vielleicht auch davon überzeugt, dass es eine Kunst des Lesens gibt und dass der, der diese Kunst nicht nur irgendwie, sondern wahrhaft beherrscht, dass sich dieser Meisterleser alles erschließen kann – den Ulysses, den Mann ohne Eigenschaften, Zettels Traum und natürlich auch den manisch depressiven Teenager. Das kann man so sehen, und bis zu einem gewissen Punkt teile ich diese Meinung sogar. Nur leider bin ich trotz jahrelanger Übung in dieser besonderen Kunst des Lesens keinen Schritt weitergekommen. Ich lese immer noch irgendwie, lasse mich von sperrigen und Kapriolen schwingenden Seiten aus der Bahn werfen, von endlos nichtssagenden Passagen zu Tode langweilen, von wirren, unzusammenhängenden Sätzen zum Aufgeben und Scheitern provozieren.

Und so war es beinahe auch bei Witzels preisgekröntem „Teenager“. Nur diesmal bin ich nicht gescheitert. Ich habe mich von diesem wilden und sperrigen Buch nicht abwerfen lassen und mir von vorne bis hinten alles reingezogen. Natürlich habe ich gelitten, zweitausendmal mit den Augen gerollt, hatte schwache Momente und war dem Scheitern nah. Aber es gab auch ein paar Passagen, die mich aufatmen ließen, die stellenweise richtig gut und einige, die gar nicht so schlecht waren, aber eben auch nicht wirklich gut. Wie ich schon auf Instagram schrieb, macht es aber keinen echten Spaß, es packt einen nicht, es fordert nur, macht Arbeit. Frank Witzels „Teenager“ ist eine echte literarische Zumutung. Ich tippe mal, dass nur ca. 10 Prozent derjenigen, die das Buch angefangen haben, es letztlich auch zu Ende gelesen haben. Ich habe es gar nicht erst mit dem gedruckten Buch probiert, sondern mich gleich für das Hörbuch entschieden. Gekürzt auf knapp 13 Stunden und vom Autor höchstpersönlich gelesen. An die eintönig lispelnde Autorenstimme konnte ich mich bis zum Schluss nicht gewöhnen, aber ich habe mich gefügt, es zugelassen, so wie ich auch alles andere an diesem Werk zugelassen habe: den fehlenden roten Faden, die unklaren Zeitsprünge, diesen nicht enden wollenden, nervtötenden Monolog. Aber ich habe durchgehalten, habe mich gezwungen dran zu bleiben, wollte wissen, ob ich am Ende für meine Hörarbeit belohnt werde, ob sich irgendeine Art von Katharsis einstellt. Aber nichts davon. Kein Genuss, keine Erkenntnis. Es waren einfach nur dreizehn sich ins Endlose ziehende Stunden mit einem Text, der mich nicht erreicht hat und einem Autor mit einem Sprachfehler.

Das war also der beste Roman des Jahres 2015. Und ich kleiner Idiot stehe da, schüttele nur mit dem Kopf und frage mich mal wieder, ob ich einfach zu schlicht und zu grob gestrickt bin, um das Besondere, das Preiswürdige an solchen Werken zu erkennen. Fehlt mir das Fachwissen, die Ausbildung, die künstlerische Aufgeschlossenheit? Ist es eine besondere Gabe, ja vielleicht diese oben beschriebene Kunst des Lesens, die mir abgeht? Oder fehlt mir einfach die Zeit, mich mit dieser Sülze zu beschäftigen, nur um am Ende sagen zu können: Oh, was für ein grandios megalomanisches Stück Literatur, geschrieben in einem knapp 15 Jahre dauernden, existenziellen Furor; ein Werk, das eine ganze Epoche einfängt, in disparaten Formen, im maßlosen Wechselspiel zwischen Wahn und Witz.

Das blöde ist, wenn ein Buch erstmal derart ausgezeichnet wurde, sich die gesamte Intelligenzia damit beschäftigt und in Lobeshymnen ergangen hat, steht man schon als ziemlicher Depp da, wenn man so gar nichts damit anzufangen weiß. Vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit, für diese Art von Literatur, stecke noch zu sehr in dieser Business-Denke, wonach alles, mit dem man sich beschäftigt, für irgendetwas nützlich sein muss. Time is money – komm zum Punkt und labere nicht rum. Wenn du mir was zu sagen hast, lieber Frank Witzel, dann sag es, aber raub mir nicht meine kostbare Zeit. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht eitel genug, mich mit so einem Angeberbuch zu schmücken, es mir ins Regal zu stellen, neben den Ulysses und den Mann ohne Eigenschaften und scheinheilig zu behaupten, dass es natürlich keine einfache Lektüre und nicht für jedermann geeignet ist, dass man sich schon einlassen muss auf diesen megalomanischen Roman und seinen existenziellen Furor.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein blöder Blogger, der keine Ahnung hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Mattes & Seitz
817 Seiten, 29,90 €

Hörbuch: Audiobuch Verlag OHG
12 h, 40 min, gekürzte Version, gesprochen von Frank Witzel
erhältlich bei Audible

Matthew Weiner – Alles über Heather (Hörbuch)

Es gibt in der Literatur kaum ein spannenderes und gleichzeitig dankbareres Thema als die Familie. Dort hat alles seinen Ursprung, nimmt seinen Lauf, gibt Halt und Geborgenheit, hält gefangen, verstößt, versaut und versöhnt. Daher kommen wir, und daraus flüchten wir. In der Familie finden wir das höchste Glück und erfahrenen den tiefsten Schmerz. Es gibt so viele Facetten, so viel daraus resultierendes Schicksal, dass das Thema niemals langweilig wird und jeder sich damit beschäftigende Roman seine Berechtigung hat. So auch Matthew Weiners kleiner Familienroman „Alles über Heather“.

Vorweg sei gesagt, dass das, was immer ehrfurchtsvoll erwähnt wird, wenn über diesen Autor gesprochen wird – dass Matthew Weiner nämlich der Erfinder, Produzent und Regisseur der Fernsehserie „Mad Man“ sein soll – mir so gar nichts sagt. Ich lehne ja TV-Serien aus Prinzip ab und konnte mich daher vollkommen ehrfurchtslos, wenn auch nicht ganz vorurteilsfrei mit diesem Werk beschäftigen. Und was soll ich sagen? Ich fand’s richtig gut.

Man lauscht der Geschichte von Mark und Karen Breakstone, einem New Yorker Upper-Class Pärchen, das mit seiner Tochter Heather in einem vornehmen Appartementhaus am Central Park wohnt. Wie es heutzutage in modernen Bildungsbürger-Kleinfamilien üblich ist, dreht sich auch bei Familie Breakstone alles um den Nachwuchs. Heathers Ansprüchen muss sich jeder unterordnen; nichts ist Mark und Karen wichtiger, als alles für das Wohlergehen und die Entwicklung ihrer Tochter zu tun. Wenn nicht mehr der Partner, sondern eine kleine zickige Prinzessin im Mittelpunkt steht, die gekonnt Vater gegen Mutter ausspielt, wundert es kaum, dass irgendwann die Ehe in die Brüche geht. Aber Mark und Karen bleiben zusammen – natürlich wegen Heather. Lieber unglücklich zusammen sein, als dem Kind die Familie nehmen.

Und dann ist da noch eine Parallelhandlung, die eine ganz andere Welt aufzeigt. Irgendwo im benachbarten New Jersey bricht ein junger Kerl namens Bobby Klasky aus seiner Familie aus, weil sie asozial, verkommen, unerträglich und schädlich ist. Ausbrechen ist eigentlich nicht der richtige Begriff. Bobby entledigt sich vielmehr seiner Familie. Und natürlich wird dadurch nicht alles gut, denn er nimmt alles Schlechte und Unerträgliche, was er bisher kennengelernt hat, mit in sein neues Leben. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn was soll schon aus einem Menschen werden, der weder geliebt noch gehasst wurde, der immer nur im Weg und überflüssig war? Dieser Bobby trifft eines Tages auf die wohlbehütete Heather. Und wie ihre Eltern darauf reagieren, kann man sich vielleicht denken, wird hier aber nicht verraten.

Eines möchte ich aber nicht unerwähnt lassen: Wer beim Bücherkauf darauf Wert legt, möglichst viel Literatur für sein Geld zu bekommen, wird hier definitiv enttäuscht. Beim gedruckten Produkt stehen einem Ladenpreis von 16 Euro gerade mal 144 magere Seiten gegenüber, was 11 Cent pro Seite entspricht. Nur mal zum Vergleich: Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ würde mit 1250 Seiten beim gleichen Seitenpreis sage und schreibe 137,50 Euro kosten. Das Hörbuch, das von Ulrich Matthes sehr passabel eingesprochen wurde, ist mit 3 Stunden Spieldauer (ungekürzt) für 13.95 € auch nicht gerade ein Schnäppchen.

Aber wer guckt schon bei guter Literatur auf den Preis? Wenn sie denn auch gut ist. Ich würde in diesem Fall sagen: Ja, sie ist es.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Random House Audio
03:01 h, 13,95 €
gesprochen von Ulrich Matthes

Printausgabe:
Verlag: Rowohlt
144 Seiten, 16,00 €
übersetzt von Bernhard Robben

Arno Geiger – Unter der Drachenwand (Hörbuch)

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Was hätte ich wohl getan? Wie hätte ich mich verhalten? Das denke ich jedes Mal, wenn ich ein Buch lese oder höre, dessen Geschichte im Krieg spielt. Dabei ist es egal, ob Erster oder Zweiter Weltkrieg, Vietnam oder Jugoslawien – Elend ist Elend, Brutalität, Verzweiflung und Tod sind immer gleich fürchterlich. Krieg ist nunmal Krieg, und ich bin so unendlich froh, dass ich das noch nie am eigenen Leib erleben musste. Und doch habe ich eine leise Ahnung davon, kann mir vorstellen wie es sich anfühlt, wie es schmerzt, wie es ist, wenn das eigene Leben am seidenen Faden hängt.

Lass es hundert oder zweihundert Kriegsromane sein, die ich bereits gelesen habe, dazu kommen bestimmt noch einmal genau so viele Filme – ich suche nicht danach, es geilt mich nicht auf, ich gehe dem Thema aber auch nicht aus dem Weg. Im Krieg passiert das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun können. Und deswegen ist es gut, dass es zu dem Thema immer wieder neue Romane gibt, die uns den Spiegel vorhalten und uns zwingen, darüber nachzudenken, wie man sich wohl selber verhalten hätte, damals im Krieg.

Arno Geigers neuer Roman „Unter der Drachenwand“ bietet genügend Stoff zum Nachdenken. In Tagebucheinträgen und Briefen schildert er wunderbar dicht und bedrückend atmosphärisch vier Kriegsschicksale, wie sie der zweite Weltkrieg unzählig ins Gedächtnis und die Herzen unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern gebrannt hat. Und obwohl man das alles irgendwo schon mal gelesen und gehört hat, ist nichts redundant, keine einzige dieser Geschichten wie die andere und jede für sich erzählenswert.

Im Mittelpunkt steht der österreichische Stabsgefreite Veit Kolbe, der 1944 verletzt vom Russland-Feldzug in sein Wiener Elternhaus zurückkehrt. Fünf Jahre hat er an der Ostfront alles mitgemacht und ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch schwer verletzt. Weil er das linientreue Geschwafel der Eltern nicht länger ertragen kann, flüchtet er in das vom Krieg noch weitgehend verschonte Salzburger Land. Am Mondsee unter der Drachenwand, wo sein Onkel als Dorfpolizist tätig ist, bezieht Veit auf einem landwirtschaftlichen Hof Quartier.

Doch auch wenn die Geschwader der Alliierten über Mondsee nur hinwegfliegen und ihre Bomben erst ein paar Kilometer weiter in den Metropolen des Reichs abwerfen – der Krieg ist in dem kleinen Bergdorf trotzdem allgegenwärtig. Da ist diese landschaftliche Idylle, der See, die intakte Natur – alles könnte so schön sein, aber trotzdem ist alles schrecklich, denn es ist Krieg. Auch wenn keine Bomben fallen, keine Panzer durchs Dorf rollen und keine Schüsse fallen – der Krieg ist in den Köpfen, kommt übers Radio und Briefe ins Dorf.

Es kann uns Menschen noch so schlecht gehen, irgendwie schaffen wir es immer wieder, auch in düstersten Stunden Hoffnung zu schöpfen und uns zum Weitermachen zu motivieren. Menschen sterben wie die Fliegen, aber zur selben Zeit verlieben sich auch welche, zeugen Kinder und sorgen dafür, dass es irgendwie weitergeht. Das alles passiert auch im Jahre 1944 unter Arno Geigers Drachenwand. Dieser Roman ist so übervoll mit Menschlichem, dass man immer mal wieder Pause machen muss, um Atem zu holen, sich zu schütteln und sich darüber klar zu werden, dass das alles schon 74 Jahre her ist.

Fast ein ganzes Menschenleben ist mittlerweile vergangen. Seither ist ununterbrochen Frieden, zumindest hierzulande. Wenn heutzutage die Sirenen heulen, ist es lediglich Samstag Mittag. Keiner muss mehr in irgendwelche Keller flüchten. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt; Krieg und Konzentrationslager werden uns nicht mehr passieren, so meine Überzeugung. Doch dann lese ich in der Westdeutschen Zeitung, dass hier in Krefeld ein Bundestagsabgeordneter dazu aufgerufen hat, Geschäfte von Türken zu boykottieren.

Und plötzlich liegen der Mondsee und die Drachenwand mitten im heimischen Krefeld. Noch ist alles friedlich, aber in der Ferne hört man schon die Flugzeuge.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: HörbuchHamburg
Gesprochen von: Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann und Torsten Flassig
14 h 22 Minuten, 14,99 €
Erhältlich bei: audible.de (Hörpobe)

Verlag Printausgabe: Hanser
480 Seiten, 26,00 €

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann (Hörbuch)

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So schrecklich ist es nun auch wieder nicht, entschied ich und hörte auch noch die restlichen vier Stunden vom Hörbuch. Vor einem Monat hatte ich es mittendrin schimpfend und entnervt abgebrochen, fand alles an diesem Werk vollkommen unerträglich – die Geschichte an sich, die Erzählweise, die billigen Metaphern und Wortspiele, die einfallslose Sprache. Und auch Sandra Hüller als Sprecherin hat mich nicht überzeugt.

Dabei hatte ich mir anfänglich so viel davon versprochen. Denn meiner Wahrnehmung nach schien Marianna Lekys Westerwaldroman das ultimative Lieblingsbuch der Blogs im Jahr 2017 zu sein. Immer wieder wurde in Verbindung mit diesem Titel der Begriff „Herzensbuch“ bemüht. Das allein hätte mich eigentlich schon aufhorchen lassen müssen, aber wie das nunmal so ist – nicht immer ist man voll konzentriert bei der Sache und so hängt man mir-nichts, dir-nichts in etwas drin, bei dem man sich unwillkürlich fragt: Was habe ich hier eigentlich verloren?

Hinzu kommt, dass ich als Hörbuch-Neuling immer noch etwas unsicher und skeptisch meinem eigenen Urteil gegenüber bin. Ist es das Medium an sich, die Sprecherin, meine Unkonzentriertheit beim Zuhören oder ist es doch das geschriebene Buch, das nicht funktioniert oder gefällt? Während ich beim Lesen nach ca. 50-100 Seiten Bescheid weiß, brauche ich beim Hören etwas länger für ein erstes Urteil. Als ich dieses Hörbuch vor ein paar Wochen nach der Hälfte unterbrach und bei Facebook offen meine Verwunderung über das Machwerk zum Ausdruck brachte, wurden erstmals auch kritische Stimmen laut. Das wunderte mich einerseits, beruhigte mich aber auch, stand ich doch demnach nicht allein mit meinem Urteil. Komischerweise habe ich aber bisher noch keinen echten Verriss gelesen.

Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Hört denn zum Beispiel keiner, dass Frau Leky überhaupt keine Dialoge schreiben kann? Das ganze Buch hindurch ist es ein quälend-hölzernes Hin und Her. Wie ein Schulkind fügt die Autorin eine wörtliche Rede an die andere, säuberlich getrennt von den ewig gleichen Zuordnungen in Form von ‚sagte er‘ und ‚sagte sie‘. „Das stimmt doch gar nicht“, sagte Selma. „Natürlich stimmt das“, sagte Luise. „Ich kann das nicht beurteilen“, sagte der Optiker. So geht es in einer Tour. Der eine sagt dieses, der andere sagt jenes. Keiner behauptet mal etwas, meint, führt an oder widerspricht – nein alle Romanfiguren können ausschließlich nur etwas ‚sagen‘.

Und dann diese peinlichen Metaphern. Allen voran das alberne Okapi, die knarzende Lederjacke des Therapeuten oder das Herz des Blauwals. Man muss das alles nur oft genug wiederholen, dann ist es mit soviel Bedeutung aufgeladen, dass das Bild auch den letzten Herzensbuch-Leser erreicht. Oder diese elenden Wortspiele: „Der Optiker verlor die Stimmen nicht, aber die Stimmen verloren den Optiker“. Da will man sofort eines dieser farbigen Post-It-Fähnchen an die Stelle kleben, damit einem dieses Bonmot auch ja nie mehr verloren geht.

Ich weiß nicht, warum ich überhaupt nach einem Monat Pause noch einmal reingehört und das Elend tatsächlich bis zum Ende durchgehalten habe. Es wurde noch viel gesagt, aber es wurde nicht besser. Für zusätzlichen Verdruss sorgte die Sprecherin des Hörbuchs, die einem bedeutungsschwanger mit den Metaphern winkend, einen Satz nach dem anderen mit tiefer Betroffenheit aufgeladenen ins Ohr träufelte.

Nach ca 10 bis 15 guten Erfahrungen war dies meine erste Hörbuchpleite. Ich bin sicher, dass dieses Westerwald-Märchen auch in der Printversion kein Herzensbuch von mir geworden wäre.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Printausgabe: DuMont
Hörbuch: tacheles!/Roof Music.  Erhältlich bei Audible
Länger: 8 h, 1 min
Gelesen von Sandra Hüller

Hörbücher zum Trendthema „Goldene Zwanziger“

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Ich habe in den letzten Wochen sehr viele Hörbücher gehört. Von einigen war ich total begeistert, andere fand ich dagegen richtig schlecht. Wenn ich jetzt über jedes Werk in gewohnter Länge schreiben würde, hätte ich viel zu tun. Aber ich will die Bücher auch nicht unter den Tisch fallen lassen. Daher probiere ich jetzt mal ein neues Format aus: Unter einer Themenklammer zusammengefasste Hörbuch-Kurzrezensionen.

Wir starten mit drei Romanen, die alle in den späten zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Berlin spielen – ein Setting, das derzeit sehr im Trend liegt.

Volker Kutscher – Der nasse Fisch

Alle reden von Berlin Babylon, einer TV-Serie über die goldenen Zwanziger in Berlin, die noch kaum einer gesehen hat, außer einigen wenigen, die doch tatsächlich ein Sky-Abo haben. Anfang nächsten Jahres sollen die ersten beiden Staffeln auch in der ARD ausgestrahlt werden. Wer nicht so lange warten will, muss wohl oder übel die Romanvorlagen lesen, oder aber — wie ich es getan habe — sich die Hörbücher aus der Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher reinziehen. Der nasse Fisch ist der erste Band von derzeit sechs Kriminalromanen um Kriminalkommissar Gereon Rath. Während man der Stimme von David Nathan lauscht, ist man plötzlich mitten drin, im Berlin der Zwanziger; auf finsteren Hinterhöfen, in kleinen Mansardenwohnungen, auf rauschenden Festen in verbotenen Nachtklubs, und in der Burg, dem legendären Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz. Die Nazis sind nicht mehr weit. Das hört man schon am überall vorherrschenden Kommisston, da wird nicht geredet, da wird gebellt. Berliner Schnauze, unfreundlich und grantig. Ich bin super froh, Volker Kutscher, der mir bisher überhaupt nicht präsent war, über den Hörbuch-Umweg doch noch entdeckt zu haben. Intelligente, spannende Unterhaltung und so hochatmosphärisch, dass ich Berlin in den Zwanzigern gar nicht mehr verlassen wollte. Und das hat mich gleich zu meinem nächsten Hörbuch gebracht.

Hans Fallada – Kleiner Mann was nun.

Wieder Berlin, und wieder eine Geschichte, die Ende der Zwanziger spielt. Seit ca. acht Jahren ist Hans Fallada wieder voll hip. Nachdem die Amerikaner aufgrund ihres Faibles für krasse Nazi-Geschichten seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ wiederentdeckt und verfilmt haben, erlebt dieser fast vergessene deutsche Autor hierzulande ebenfalls eine Renaissance. Auch ich bin auf den Fallada-Zug aufgesprungen und mittlerweile bekennender Fan. Es gibt kaum einen deutschen Romancier, dessen Geschichten mich so anrühren. Bei jedem seiner Romane stehen mir irgendwann die Tränen in den Augen. So auch bei der Liebes- und Lebensgeschichte von Johannes Pinneberg und Emma ‚Lämmchen’ Möhrchen. Der schwere Alltag, die Sorgen ums Auskommen, die Verantwortung für den kleinen Murkel – das ist alles so dicht und atemlos erzählt, dem kann man sich zu keiner Minute entziehen. Fallada kann sich gut hineinversetzen, ist stets zu hundert Prozent in seinen Figuren, begleitet sie liebevoll durch die Geschichte und so wachsen einem Pinneberg und sein Lämmchen ans Herz, man lacht, weint und leidet mit Ihnen. Eine wunderbare Liebesgeschichte, ein bewegendes Zeitdokument — gelesen vom wunderbaren Frank Arnold.

Hans Fallada — Ein Mann will nach oben

Und weil es so schön war mit Hans Fallada im Berlin der Zwanziger, habe ich gleich noch einen seiner historischen Bestseller nachgelegt, „Ein Mann will nach oben“, gelesen von Ulrich Noethen. Wieder mit einem Protagonistem aus kleinen Verhältnissen, aber diesmal einem, der ein klares Ziel vor Augen hat. Karl Siebrecht will nicht nur irgendwie zurechtkommen im Leben, er will die Hauptstadt erobern. Als er im Alter von 16 Jahren Vollwaise wird, packt er seine Sachen und reist von der Uckermark nach Berlin. Im Zug trifft er die dreizehnjährige Rieke Busch, eine waschechte Berliner Göre, die sich als patente Person erweist und ihn die ersten Jahre in Berlin begleitet. Wie bei allen Fallada-Romanen wachsen einem auch hier die Protagonisten schnell ans Herz. Nur der ehrgeizige Karl entzieht sich permanent meiner Sympathie.

Und plötzlich fällt mir ein, dass ich die Geschichte kenne, dass ich ein Gesicht mit diesem Unsympathen verbinde. „Ein Mann will nach oben“ war eine mehrteilige TV-Serie, die in den siebziger Jahren im Fernsehen lief. Perfekt besetzt mit dem schnöseligen Matthieu Carriere als Karl Siebrecht und Ursula Monn als Rieke Busch. Das war sozusagen der Vorläufer von Berlin Babylon; jeder hat das damals gesehen und natürlich auch ich. Aber ich will nicht schließen, ohne hier noch einmal den Sprecher dieses Hörbuchs zu loben und zu preisen. Wer einmal gehört hat, wie Ulrich Noethen den Berliner Dialekt drauf hat, wie er Rieke und die Gepäckkutscher darstellt, wie er den Rittmeister zu Senden gibt, den Kalli, den alten Franz Wagenseil, wie er einen mit seiner Stimme stets wach und konzentriert hält und Gefühle ohne Gefühlsduseligkeit vermittelt – der will nie wieder von einem anderen etwas vorgelesen bekommen.

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Volker Kutscher – Der nasse Fisch
Ungekürzte Hörbuchfassung, 18:10 h
Argon Verlag, gelesen von David Nathan
Im Streaming-Abo von Apple Music

Hans Fallada – Kleiner Mann was nun?
Gekürzte Hörbuchfassung, 7:49 h
Aufbau Audio 2016, gelesen von Frank Arnold
Im Streaming-Abo von Apple Music

Hans Fallada – Ein Mann will nach oben
Gekürzte Hörbuchfassung, 9:29 h
rbb /Osterwold audio, gelesen von Ulrich Noethen
Erhältlich bei Audible

 

Foto: Gabriele Luger

Daniel Kehlmann – Tyll (Hörbuch)

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Ich hätte das Buch jetzt gerne in der Hand, um es durchzublättern, ein paar Absätze zu lesen und nochmal kurz in die Geschichte einzutauchen. So mache ich das immer, bevor ich etwas darüber schreibe. Das ist so eine Art Ritual, gehört einfach dazu. Während ich schreibe, liegt das Buch neben der Tastatur. Wenn ich nicht weiter weiß, gucke ich es an, nehme es zur Hand, blättere durch die Seiten. Aber in diesem Fall geht das leider nicht, denn ich besitze das Buch gar nicht. Den neuesten Kehlmann habe ich nämlich nicht gelesen, sondern nur gehört.

Und was soll ich sagen? Nun ja…, dieses Buch, …ääh, nein, dieses Hörbuch war…, irgendwie anders, …ein komplett neues Gefühl… es war …wie soll ich sagen… es war … und das sage ich jetzt nicht nur so…das meine ich, wie ich es sage…: es war einfach nur geil! Das Buch, die Atmosphäre, die Geschichte, diese beeindruckende Stimme. Gelesen von Ulrich Noethen. Dieser Sprecher ist wirklich nicht zu toppen. 11 Stunden und 17 Minuten habe ich an seinen Lippen gehangen und mich nicht eine einzige Sekunde gelangweilt. Während er las bin ich komplett in meinen Kopfhörern versunken, war unerreichbar für die Außenwelt, war nicht im Hier und Jetzt, sondern war mit allen Sinnen mitten im Romansetting von Tyll.

Und das spielt in Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges – von 1618 bis 1638 nichts als Elend, Hunger und Tod. Durchs Land ziehen abwechselnd marodierende Truppen des deutschen Kaisers, des Schwedenkönigs oder versprengte Söldner, die mal auf der einen, und mal auf der anderen Seite anheuern. Die Winter sind bitterkalt, es gibt kein Brennholz mehr, die Pest wütet, und zu allem Überfluss treibt auch die heilige Inquisition immer noch ihr Unwesen. Eines Tages gerät ein Müller namens Klaus Ulenspiegel in die Fänge zweier Hexen jagender Jesuiten. Ulenspiegel wird der Ketzerei angeklagt und hingerichtet. Die Familie zerbricht, sein schmächtiger und etwas absonderlicher Sohn Tyll flüchtet und schlägt sich als Gaukler durch die Lande.

Er ist sehr talentiert, hat ein loses Mundwerk, läuft sicher auf dem Hochseil und kann jonglieren wie der Teufel. Nach einiger Zeit spricht ganz Deutschland von ihm. „Seht, da ist der Tyll, der Tyll ist da, haha der Tyll, oh ja, der Tyll“, so erschallt es freudig überall, wo er mit seinem Wagen auftaucht. Ein paar Minuten das Elend vergessen, lachen, staunen, applaudieren. Das brauchen die Leute in dieser Zeit ganz dringend. Was ein Heinz Ehrhard im Wirtschaftswunder-Deutschland und Otto Waalkes in den 1970ern, war Tyll Ulenspiegel im finsteren 17. Jahrhundert: der absolute Megastar. Sein Ruf eilte ihm voraus, selbst Kurfürsten und Könige waren Fans und hielten ihre schützende Hand über ihn. Und so kam er irgendwie immer durch, überstand viele Jahre die Wirren des Krieges als fahrender Gaukler, als Hofnarr, als Schächte grabender Soldat unter Tage.

All das habe ich erlebt, als wäre ich selbst dabei gewesen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Hörbuch hören ein so intensives Erlebnis sein kann. In diesem Fall wirklich viel intensiver, als hätte ich das Buch selbst gelesen. Mit den Ohren war ich buchstäblich mittendrin im dreißigjährigen Krieg. Und nicht nur mit den Ohren. Ich habe all das Elend und die Krankheiten gerochen, die Kälte und den Hunger gespürt. Wenn mich einer fragen würde: Kennst Du den Ulenspiegel? Ja klar, würde ich sagen, das ist ein Kumpel von mir. Der Winterkönig? Kenn ich auch, ein Depp, der unter dem Pantoffel seiner Gemahlin steht. Und halte dich fern vom Pirmin, das ist ein richtig fieser Geselle.

Es ist unglaublich, wie intensiv das alles nachwirkt. Eigentlich stehe ich ja gar nicht auf historische Romane, sondern bekanntermaßen mehr auf Gegenwartsliteratur. Und auch die Person Tyll Ulenspiegel hat mich bisher nicht die Bohne interessiert. Deswegen war das Buch auch überhaupt nicht auf meiner Agenda. Umso bemerkenswerter, dass ich jetzt geradezu dafür brenne. Kehlmann knüpft hier an seinen zur ungefähr gleichen Zeit spielenden Megaseller „Die Vermessung der Welt“ an und übertrifft ihn noch. Tyll ist noch beeindruckender, noch sprachmächtiger, noch nachhaltiger. Warum stand dieser Roman im letzten Jahr eigentlich nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises?

So ganz traue ich meiner Empfindung noch nicht. Ich werde mir auf alle Fälle auch das gedruckte Buch noch besorgen und überprüfen, ob sich auf die althergebrachte Art und Weise, also richtig lesend, die gleiche Begeisterung einstellt. Ich schätze aber nicht, denn Ulrich Noethen liest einfach besser als ich, holt mehr aus den Sätzen heraus, schöpft das ganze literarische Potenzial dieses Werkes aus. Er rezitiert, proklamiert, intoniert, macht für mich die ganze Drecksarbeit, das Handwerkliche, während ich einfach nur zuhöre und mich entführen lasse.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch (ungekürzt):
Verlag: Argon Verlag
gesprochen von Ulrich Noethen
Länge: 11: 17 h, 23,95 €
Hörprobe bei Audible anhören.

Print:
Verlag: Rowohlt
480 Seiten, 22,95 €

Süßer die Bücher nie klingen

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Wer viel liest und älter wird, kommt früher oder später an einen Punkt, an dem die Augen, kaum merklich aber doch stetig, immer schlechter werden. Noch reichen die Fünf-Euro-Lesebrillen aus dem dm-Markt, aber irgendwann, so denkt man mit Schrecken, werde ich wie ein alter Opa vielleicht eine Lupe brauchen, und wenn das dann auch nicht mehr geht, dann, ja dann war es das wohl mit dem Lesen. Aus, fini, Feierabend.

Was wird dann aus meinen vielen Büchern? Ganz besonders aus all den ungelesenen, die ich hier horte und noch lesen will, wenn ich eines Tages in Rente gehe – zu einer Zeit, in der es vielleicht gar keine richtigen Bücher mehr gibt, sondern nur noch Dateien? Ja, und noch schlimmer: Was wird dann aus mir? Mir vorzustellen, dass ich irgendwann das nicht mehr machen kann, was seit Kindertagen die einzige Konstante in meinem Leben war – undenkbar. Was auch gerade passierte, in guten wie in schlechten Zeiten, die Freude am Lesen hat mich nie verlassen. Im Gegenteil, je älter ich wurde, desto mehr ist mir das Lesen zu einer Heimat geworden, eine Zuflucht, ein Ort, an dem ich immer willkommen war. Für andere ist Lesen ein schönes Hobby, für mich ist Lesen mein bester Freund.

Und ganz besonders jetzt, wenn ich nach vorne schaue und mir ausdenke, was mal sein wird, wenn morgens um sechs der Wecker nicht mehr klingelt. Wenn ich den ganzen lieben langen Tag tun und lassen kann, was auch immer ich will — gerade dann brauche ich diesen Freund. Die Vorstellung, im Alter nicht mehr lesen zu können, über Bücherrücken zu streichen und die Zeichen im Inneren nicht mehr entziffern zu können, stattdessen Stunde um Stunde aus dem Fenster zu starren, alle paar Minuten vor Langeweile wegzudämmern, das ist mein ganz persönlicher Albtraum.

Aber dazu wird es nicht kommen. Denn auch wenn ich in ein paar Jahren komplett erblinden sollte, was nicht passieren wird, aber wenn, dann wäre das weniger schlimm als befürchtet, denn ich habe in den letzten Wochen etwas für mich entdeckt, von dem ich zwar immer schon wusste, dass es das gibt, aber trotzdem nie richtig wahrgenommen habe. Und das sind Hörbücher.

Für einen älteren Herrn wie mich hat ein Buch nun mal Seiten aus Papier, einen festen Einband und passt ins Bücherregal. Alles andere ist Schnickschnack, der krampfhafte Versuch, Menschen, die nicht lesen, Literatur doch noch irgendwie näher bringen zu wollen. Im Grunde genommen nichts Anderes als eine Romanverfilmung, die ja meistens auch nicht mit dem gedruckten Original mithalten kann.

Hinzu kommt, dass ich das Vorlesen von Literatur, wie ich es auf unendlich vielen Autorenlesungen erlebt habe, eigentlich noch nie als richtig bereichernd empfunden habe. In den allermeisten Fällen musste ich kämpfen, nicht einzuschlafen. Meiner Erfahrung nach können nur ca. 80 Prozent der Autoren, die gut schreiben können, auch gut vorlesen. Eigentlich habe ich erst genau drei erlebt, die das können: Sasa Stanisic, Benjamin von Stuckrad-Barre und Aljosha Brell. Alle anderen lesen, wie auch ich lesen würde. Ganz passabel, sich und ab und zu verhaspelnd, an den falschen Stellen Luft holend, hin und wieder in einen monotonen Singsang abdriftend, irgendwann müde und unkonzentriert werdend.

Nicht so bei gut produzierten Hörbüchern. Das habe ich zu meinem Entzücken in den vergangenen Wochen feststellen können. Wenn der Verlag etwas Geld in die Hand nimmt und gute Sprecher engagiert, die ihr Handwerk beherrschen, die in der Lage sind, aus dem Text noch etwas mehr herauszuholen, als das, was man selber da hineinliest, dann ist der Literaturgenuss sogar noch gesteigert. Das feststellen zu dürfen war geradezu eine Offenbarung für mich.

Seither höre ich neben dem Buch, das ich gerade lese — also klassisch, auf Papier — parallel auch jeden Tag noch ein Hörbuch. Wenn ich unterwegs bin, im Auto, Zug oder Flugzeug, im Garten beim Laub rechen, auf dem Laufband im Fitness-Center. Zunächst dachte ich, man kann sich doch gar nicht so lang auf Gesprochenes konzentrieren. Aber das klappt wunderbar. Auch bei anspruchsvoller Literatur, die nicht unbedingt spannend ist, bleibe ich am Ball und kann einen Roman, genauso als wenn ich ihn selbst lesen würde, als Ganzes erfassen. Nur wenn ich abends mit dem Kopfhörern auf dem Kopf still auf dem Sofa sitze, kann es passieren, dass ich einnicke. Aber das passiert mir nach einem anstrengenden Tag auch oft beim Lesen.

Alles begann, als ich vor ein paar Wochen bei meinem Musik-Streaming-Dienst entdeckte, dass es dort auch Hörbücher gab. Zum Spaß habe ich mal in den neuen Bestseller von Dan Brown reingehört und bin hängengeblieben. Kein großer Literaturgenuss, aber doch spannend und unterhaltend. Danach ging es weiter mit dem ersten Band von Volker Kutschers „Gereon Rath/Berlin Babylon“-Reihe und das war schon deutlich besser. Ein richtig guter Sprecher (David Nathan), ein tolles Setting, spannend und literarisch anspruchsvoll – ich war begeistert. Schnell habe ich herausgefunden, dass man bei Apple Music nach Autorennamen suchen muss, um mehr als nur Krimis zu finden. Ich blieb in den wilden Zwanzigern in Berlin und hörte anschließend tief bewegt Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, gelesen von Frank Arnold, danach Stefan Zweigs „Schachnovelle“, gelesen von Christoph Maria Herbst, und zuletzt ging es nach Finnland mit Jan Costin Wagners „Tage des letzten Schnees“, gelesen von Matthias Brandt.

Danach war klar: Hörbücher – das ist mein neues Ding. Für etwas mehr Auswahl habe ich mich dann letzte Woche bei Audible angemeldet und mir gleich Daniel Kehlmanns neuen Roman „Tyll“, gelesen von Ulrich Noethen, reingezogenen. Wow! Unbeschreiblich toll. Gerade bei diesem Buch, das in der Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt, habe ich Setting, Handlung und Stimmung als Hörbuch wesentlich intensiver empfunden, als wenn ich es selber gelesen hätte. Ulrich Noethen ist aber auch ein grandioser Sprecher. Der holt wirklich alles aus einem Text raus.

Durch die Entdeckung der Hörbücher ist mein Literaturkonsum um 100 Prozent gesteigert worden. Ich habe mit lästigen Tätigkeiten wie Autofahren, Gartenarbeit und Ausdauersport, die ich bisher als reine Zeitfresser angesehen habe, meinen Frieden gemacht. Noch mehr als das; ich freue mich jetzt regelrecht darauf, das alles zu tun, ist es doch eine willkommene Gelegenheit, weiter meinem Hörbuch zu lauschen.

Und weil ich von dieser auditiven Entdeckung so begeistert bin, wird es im kommenden Jahr die Rubrik „Hörbücher“ hier bei Buchrevier geben. Auch da wird es Rezensionen, Listen, Helden und den ganzen Buchrevier-Kram geben. Mal sehen, was mir noch so einfällt. Ich freue mich drauf. Aber ganz besonders freue ich mich, dass ich keine Angst mehr davor habe, mir durch das Lesen die Augen zu ruinieren und eines Tages vielleicht nichts mehr sehen zu können.

Doch plötzlich durchfährt mich ein weiterer schrecklicher Gedanke, und die ganze Glückseligkeit ist mit einem Schlag dahin. Was ist, wenn ich im Alter auch nicht mehr richtig hören kann?

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Foto: Gabriele Luger