Moritz von Uslar – Nochmal Deutschboden (Hörbuch)

Der erste Teil aus dem Jahr 2009 hat mich schon nicht interessiert. Tendenziös und vorhersehbar, so mein Vorurteil. Was soll da schon anderes als das übliche Dunkeldeutschland-Bashing rauskommen, wenn sich ein westdeutscher Linksintellektueller unters Volk im Brandenburger Hinterland mischt? Und so war auch meine Haltung zum jüngst erschienenen Nachfolgeband ‚Nochmal Deutschboden – Meine Rückkehr in die Brandenburgische Provinz‘. Trotzdem habe ich mal ins Hörbuch reingehört, weil ich von Moritz von Uslar zwar schon viel gehört, aber außer ein paar Zeitungsartikeln noch nichts gelesen habe.

Es hat etwas gedauert, bis ich mich an den kehligen Bariton des Autors, der sein Buch selber liest und dabei immer wieder zwischen Ich- und Reporter-Perspektive wechselt, gewöhnt hatte. Aber schon nach zehn Minuten war ich drin und unendlich froh, dass meine Neugier mal wieder stärker war, als alle Vorurteile. Denn was von Uslar da abliefert, ist mehr als nur eine Reportage aus einer ostdeutschen Kleinstadt. Es ist eine Liebeserklärung an das normale, einfache Leben, an Menschen, die nicht perfekt sind und alles andere als pc, an einen Landstrich, der nicht viel mehr zu bieten hat, als weite Landschaft und beigefarbene Kratzputzfassaden. Nach acht Stunden Hörbuch bin ich nicht nur neuer Fan des Autors, der für mein Empfinden genau das richtige Maß an kritischer Distanz und Empathie zu seinen Protagonisten gefunden hat, sondern einmal mehr auch des Lebens in der Brandenburgischen Provinz.

Ich bin so alt, ich kenne noch die DDR, und zwar in echt und nicht nur aus Romanen. BRD und DDR, West und Ost, das war so grundverschieden – dass das jemals wieder eins wird, hätte ich bis zur Wende kaum für möglich gehalten. Und auch wenn die Staatsgrenze seit 30 Jahren verschwunden ist, die Unterschiede zwischen Ost und West sind immer noch da. In den Familiengeschichten, den Akten der Behörden und vor allem in den Köpfen der Menschen. Egal, ob man das nun gut findet oder nicht: in Castrop Rauxel ist man westdeutsch und in Zehdenick ist man ostdeutsch – es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber trotzdem liegen dazwischen Welten. Und wie es ist, zu 100 Prozent ostdeutsch zu sein, das kann man hier nachlesen und hören.

Bei Moritz von Uslar ist die Brandenburger Provinz vor allen Dingen eins: überwiegend männlich. 85 Prozent der handelnden Figuren sind Männer, trink- und schlagfest, und die meisten von ihnen haben grundsätzlich nichts gegen Ausländer, aber…! Die wenigen Frauen, die uns hier begegnen, sind entweder besorgte Mütter, hübsche Bäckereiverkäuferinnen oder alleinerziehende Barfrauen  – aber allesamt nicht mehr als dekorative Nebendarstellerinnen im Deutschboden-Setting. Was in Zehdenick gemacht und gedacht wird, das bestimmen größtenteils die Männer und das ist leider nicht immer klug und durchdacht.

Mich hat verwundert, dass der Reporter nach dem ersten Teil seiner teilnehmenden Beobachtung immer noch so gut gelitten ist. Dass er zehn Jahre danach wieder in Schröders Kneipe ein- und ausgehen kann, ohne angefeindet zu werden. Ganz im Gegenteil, er wurde von der Gemeinde begrüßt wie ein verlorener Sohn, einer der Ihrigen. Kaum einer trägt ihm etwas nach, ist sauer, weil er sich im Buch falsch dargestellt fühlte und nach der Veröffentlichung Probleme bekommen hat. Erst dachte ich, es könnte daran liegen, dass nicht alle das Buch gelesen haben. Aber die Verfilmung werden sich die Zehdenicker mit Sicherheit angeschaut haben, und genau das habe ich im Anschluss an das Hörbuch auch gemacht. Bei YouTube findet man einen Mitschnitt des Films in drei Teilen.

Und wenn man Moritz von Uslar da so betrachtet, wie er breitbeinig durch die trostlosen Straßen geht, mit Raoul und Eric und den anderen Kleinstadtfiguren im Ratskeller rumhängt, dann versteht man, warum er so gemocht wird. Der Reporter ist einfach ein netter Kerl, lustig und unterhaltsam, hat keine Hybris und lässt den Intellektuellen nicht raushängen, ganz im Gegenteil. Er verfügt über eine authentisch anmutende Proll-Credibility, vergleichbar mit Ben Becker, wodurch er sich nahezu unbeschadet in diesen Kreisen bewegen kann. Man spürt seine ehrliche Sympathie und das Interesse an den Menschen in der Kleinstadt, und auch wenn er immer wieder auf Rassismus und Rechtsradikalität trifft, sich viel dummes Geschwätz anhören muss, verliert er nie seine Zugewandtheit.

Seine Rolle ist weniger die eines Reporters, als viel mehr die eines Therapeuten. Jemand, der offen und ohne Vorurteil ist, sich interessiert, die Leute reden lässt und zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellt. Von Uslar wird vorgeworfen, dass er mit seiner Art der freundlich teilnehmenden Beobachtung, das Problem von Ausländerhass und Rechtsradikalismus zu sehr verharmlost. Aber ich bin mir sicher, dass er dadurch viel mehr erreicht, als diejenigen, die sich lautstark empören, anklagen und Menschen, deren Meinung ihnen nicht passt, an den Gesinnungs-Pranger stellen. Denn das verändert gar nichts, das verhärtet nur die Fronten und ist im Grunde auch nicht viel anders, geschweige denn besser, als das Verhalten, das man eigentlich verändern möchte.

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Foto:
Screenshot aus dem Film: Deutschboden

Hörbuch:
Verlag: tacheles! /ROOF Music GmbH
Sprecher: Moritz von Uslar
Dauer: 8h, 12 min
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
336 Seiten, 22,00 €

Hans Fallada – Der Trinker (Hörbuch)

2

Halt, stopp, genug! Meinetwegen, dann gebe ich es halt zu. Ja, ja, ja … es ist wahr. Ich bin süchtig. Und zwar schon seit mehr als sechs Jahren. Seit damals kann ich nicht mehr davon lassen, habe mir sogar einen kleinen Vorrat angelegt, damit ich immer was von ihm im Haus habe. Aber das wird auch nicht mehr lange halten, und was mache ich dann?

Doch genug von diesem allzu offensichtlichen Analogie-Verwirrspiel. In Anbetracht der oben stehenden Headline wird ein Jeder längst erraten haben, dass ich natürlich kein Trinker bin, nicht süchtig nach Alkohol oder anderen Drogen, sondern einfach nur süchtig nach Fallada. Seit seinem von den Amerikanern wiederentdeckten Bestseller ‚Jeder stirbt für sich allein‘ bin ich diesem Ausnahmeschriftsteller verfallen, habe mir alles besorgt, dessen ich antiquarisch oder als Neuauflage beim Aufbau-Verlag habhaft werden konnte. Seitdem lese oder höre ich jedes Jahr maximal zwei seiner Werke, nicht mehr, denn der Vorrat soll, ja muss, noch einige Jahre halten. Und noch kein einziges Mal war ich enttäuscht, ganz im Gegenteil: Ich werde mit jedem gelesenen Werk immer mehr zum Fan, verneige mich ehrfürchtig vor dieser literarischen Lebensleistung.

‚Der Trinker‘ ist ein postum erschienenes Spätwerk Falladas und weitestgehend autobiografisch, denn das, was seinem Protagonisten Erwin Sommer widerfährt, ist ziemlich deckungsgleich mit Falladas Leben im Jahr 1944, was dieser Auszug aus Falladas Wikipedia-Kurzbiografie belegt: Nach dem Scheitern der Ehe Falladas wurde diese am 5. Juli 1944 geschieden. Im Streit mit seiner geschiedenen Frau schoss er am 28. August 1944 schwer angetrunken mit einer Terzerol-Pistole in einen Tisch. Daraufhin wurde er wegen versuchten Totschlags angeklagt und am 4. September 1944 in den Maßregelvollzug – im 2. Obergeschoss der „Abteilung Heil- und Pflegeanstalt“ (Hafthaus I) der Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz – zur Beobachtung eingewiesen.“ 

In groben Zügen entspricht das dem Handlungsverlauf dieses Romans. Jetzt mag man vielleicht einwenden, lediglich das niederzuschreiben, was man selbst erlebt hat, sei keine große Kunst. Was als Aussage generell und bei diesem Autor erst recht nicht zutrifft. Klar, eigenes Erleben ist immer authentischer als irgendetwas gut Ausgedachtes. Aber hier wird das Wort ‚authentisch‘ noch mal neu definiert. Fallada ist seinem Protagonisten Erwin nicht nur nah, er durchdringt ihn geradezu, ist mehr nur als nur die Figur. Ist gleichzeitig auch alles, was sie umgibt, antreibt und lähmt: Es, Ich und Über-Ich.

Wie oft sehe ich Obdachlose in irgendwelchen Hauseingängen liegen und frage mich: was hat sie so aus der Bahn geworfen? Jetzt weiß ich es oder zumindest glaube ich, eine Ahnung davon zu haben. Jetzt kann ich mir in etwa vorstellen, was für Stimmen im Inneren dieser Menschen wüten. Diese ganz spezielle Trinker-Logik, das Gedanken-Karussell, die eigenen Wahrheiten, der eingeschränkte Blickwinkel und das sich immer mehr verzerrende Selbstbild. Hier bekommt man all das aufs  Schmerzlichste vorgeführt.

Ja, es hat stellenweise richtig weh getan, diesen Worten zu lauschen. Zu hören, wie Erwin Sommer immer mehr im Elend versinkt, er das aber gar nicht mehr wahrzunehmen scheint. Alles verloren, aber die Flasche Korn in der Hosentasche ist heil geblieben – was für ein Glück. Ich musste beim Hören manchmal Pause machen, konnte den Absturz des Helden kaum ertragen, so stark hat mich die Geschichte berührt.

Nicht, dass ich nicht wüsste, was passiert, wenn man süchtig ist. Aber hier geht es nicht um Faktenwissen und Verständnis, hier schlüpft man als Leser oder Zuhörer in die Haut des Betroffenen und erlebt das alles mit, ist für den Moment selber süchtig und dem Elend geweiht. Identifikationslevel = 100 Prozent. Literaturgenuss auch.

Dabei hatte ich bei diesem Hörbuch vom Anfang bis zum Ende ein ganz großes Problem mit dem Sprecher, einem gewissen André Grotta. Seine düster getragene Vortragsweise und die kehlig klingende, immer wieder brechende Stimme hat mich sehr gestört. Der Text braucht solch eine Unterstützung nicht. Ich wollte wissen, wie alt der Sprecher ist und wie er aussieht. Bei Google findet man nichts über diesen Mann. Kein Foto, keine Information über Alter und Profession, nur ein weiteres Hörbuch, das er eingesprochen hat.

Egal, letztlich spricht es nur für die hohe literarische Qualität der Romanvorlage, wenn selbst ein komplett fehlbesetzter Sprecher es nicht schafft, einem den Spaß am Hörbuch zu vergällen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Hierax Medien (erschienen 24.01.2020)
Gesprochen von André Grotta
11 h, 37 min
Hörprobe

Artur Dziuk – Das Ting

Mein erster Gedanke nach ca. fünfzig Seiten: Ich will auch so ein Ting! Etwas, das mein Leben besser macht. Was nicht heißt, dass es aktuell schlecht ist. Aber besser geht doch immer. Muss ja gar nicht perfekt sein, aber etwas gesünder, erfolgreicher, unbeschwerter wäre nicht verkehrt. Ich glaub, mir würde sowas gefallen. So ein kleiner Mann im Ohr; einer, der auf mich aufpasst, den Überblick über mein mitunter etwas sprunghaftes Wesen hätte – mein ganz persönlicher Coach, vielleicht sogar so etwas wie ein Freund.

Und jetzt weiß man schon so in etwa, worum es in diesem Buch geht: eine innovative Tech-Idee, vier Young Professionals, ein StartUp, ein Elevator Pitch, jede Menge Geld und die Chance, mit einem Produkt die Welt zu verändern. Die einmalige Gelegenheit, zu einer Business-Ikone zu werden. Ein neuer Steve Jobs, Jeff  Bezos oder Mark Zuckerberg. Klingt wie ein John Grisham- Setting, bietet aber in diesem Fall mehr als nur spannende Unterhaltung. Denn Artur Dziuk hat einen anderen Anspruch – zumindest glaube ich das. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Selten so unschlüssig gewesen, ob das hier tatsächlich mehr ist, als nur ein gut aufbereitetes Zeitgeist-Thema mit Bestseller-Potenzial.

Fakt ist, ich habe das Buch sehr gerne gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Und es hat etwas in mir in angestoßen. Auch zwei Wochen nach der Lektüre bewege ich mich gedanklich immer noch im Setting, lassen mich zahlreiche Fragen nicht los. Zum Beispiel, was überhaupt ein perfektes Leben ist? Und wer letztlich besser beurteilen kann, was gut für einen ist: man selbst oder eine Maschine, die Millionen Daten von dir hat und Zugriff auf das gesamte gespeicherte Wissen der Menschheit? Ist Mensch nicht erst Mensch, weil er so unperfekt ist? Und natürlich stellt man beim Lesen dieses Romans wieder einmal fest, dass Geld allein nicht glücklich macht, genauso wenig wie Erfolg und Anerkennung. Aber das ist ja nun wirklich eine simple Erkenntnis und ziemlich profaner Mainstream.

Hmm… bin ich etwa auf der falschen Fährte? Täuscht mich mein Gefühl? Interpretiere ich in dieses Buch viel zu viel hinein? Für einen literarischen Anspruch spricht die Langatmigkeit, mit der Dziuk seine Hauptcharaktere einführt. Man muss schon etwas Sitzfleisch, respektive Leselangmut und Ausdauer mitbringen, um sich den vier Protagonisten zu nähern. Hier noch ein Persönlichkeits-Detail, da noch ein erzählerischer Seitenschwenk. Es ist vielschichtig, aber trotzdem bleiben die Figuren das, was sie von Anfang an waren. Ziemlich eindimensional und ohne Entwicklung: Linus ein bemitleidenswerter Lappen, Kasper der ewige Sohn, Adam ein Blender und Softwareentwicklerin Niu der autistische Nerd.

Aber warum mache ich es mir überhaupt so schwer? Wen interessiert eigentlich, ob das jetzt große Literatur oder ein profaner Unterhaltungsroman ist? Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass ‚Das Ting‘ das Beste aus beiden Welten vereint. Und es ist ohne Zweifel ein sehr lesenswertes Buch, das noch lange nachklingt. Belassen wir es doch einfach dabei.

Und dann gucke ich zufällig noch, was das überhaupt für ein merkwürdiger Verlag ist: bold. Es stellt sich heraus, dass das ein neues  Imprint von dtv ist und auf der Webseite readbold.de steht dann auch schwarz auf weiß: „bold bietet ein junges, trendiges Buch-Programm zwischen Unterhaltung und Literatur, von Autoren, die wie ihre Leser im Internet zu Hause sind.

Na, bitte. Meine Rede.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: bold (dtv)
464 Seiten, 18,00 €

Das Hörbuch ist auch sehr empfehlenswert:
Verlag: Audible Studios
Gelesen von Sascha Tschorn
14 h, 35 min
Hörprobe

Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

2

Da bildet man sich ein, man würde sich im Literaturbetrieb ein wenig auskennen, wüsste was gerade angesagt ist, welche Autorin, welcher Autor eine gewisse Relevanz hat, welche man zumindest vom Namen her kennen sollte und von wem man unbedingt noch etwas lesen muss. Und dann fällt einem zufällig dieser Roman in die Hände und man fragt sich: warum habe ich bisher eigentlich noch nie etwas von Regina Scheer gehört?

Wer dieses Gefühl kennt und ebenfalls von der 1950 in Ost-Berlin geborenen Historikerin und Publizistin noch nichts gehört hat, obwohl ihr in 2014 erschienener Debütroman  ‚Machandel‘ mehrfach ausgezeichnet wurde und sie seitdem von ihrem Verlag als Bestsellerautorin geführt wird, sollte das schnellstens nachholen und jetzt unbedingt „Gott wohnt im Wedding“ lesen.

Eine dringende Leseempfehlung auch für all diejenigen, die wie ich der Meinung sind, schon genug Berlin-Romane gelesen zu haben, in denen die wechselvolle Geschichte der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart geschildert wird. Denn Scheers Idee, ein Wohnhaus im Berliner Arbeiterbezirk Wedding zum Protagonisten ihres neuesten Romans zu machen, ist nicht nur auf eine charmante Art anders und überaus unterhaltsam, sondern angesichts einer beeindruckenden Detailkenntnis historischer Fakten auch unglaublich lehrreich.

Ein Thema, das mich literarisch beispielsweise bisher überhaupt noch nicht erreicht hat, ist die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Ich muss zugegeben, es hat mich auch noch nie besonders interessiert, denn wie ich beim Lesen selbstkritisch festgestellt habe, war auch ich nicht vorurteilsfrei. Doch hier habe ich mal was anderes als die gängigen Klischees über diese Volksgruppe erfahren, denn im Haus in der Utrechter Straße sind sie alle ein- und ausgegangen: Kommunisten, die dem „Roten Wedding“ seinen Namen gaben, Juden, Nazis, Russen und eben auch Sinti und Roma. Menschen in Zwei- und Dreiraumwohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Nachbarn, denen man im Hausflur begegnet, die man in der Wohnung über einem streiten, lachen und weinen hört. Und auf einmal erweitert sich der Horizont, man lernt dazu und versteht.

Der Roman ist sehr vielschichtig aufgebaut. Zahlreiche Personen, häufige Zeitsprünge und wechselnde Erzählperspektiven lassen den unkonzentrierten Leser leicht den Überblick verlieren. Aber durch den episodenhaften Aufbau dieses Romans findet man schnell wieder rein. Und wenn ich mit einigen der zahlreichen Erzählstränge auch weniger anfangen konnte, so freute ich mich doch umso mehr, wenn meine Lieblingsfiguren wieder ins Spiel kamen. Allen voran Gertrud Rhomberg, weit über 90 Jahre alt und seit Ihrer Geburt Mieterin in der Utrechter Straße.

Sie und das Haus haben viel erlebt: wie ein SA-Mann direkt vor der Tür ermordet und zum Märtyrer stilisiert wurde, wie sich zwei jüdische Jungs in ihrer Wohnung versteckten, wie der, den sie liebte, von den Nazis entdeckt und in ein Vernichtungslager verschleppt wurde, wie ein SS-Mann sie vergewaltigte, wie die Russen kamen und wieder gingen, die schwere Zeit des Wiederaufbaus, wie irgendwann die ersten Türken, Jugoslawen und danach auch Sinti einzogen und ganz am Ende, siebzig Jahre später, der andere der beiden jüdischen Jungs wieder unten im Hof steht und zu ihrer Wohnung hochschaut.

Ein Leben, ein Schicksal, das sich oberflächlich betrachtet nicht besonders von all denen unterscheidet, die zur selben Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Unzählige Geschichten, die es auch wert gewesen wären, erzählt, aufgeschrieben und nicht vergessen zu werden. Große Häuser, kleine Häuser, die irgendwann entstanden sind und wieder wieder verschwanden. So wie wir alle, irgendwann.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardover
416 Seiten, 24,00 €

Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch:
Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von: Johann von Bülow
Länge: 14 h, 21 min
Hörprobe

Norbert Scheuer – Winterbienen (Hörbuch)

2

Nobert Scheuer – Scheuer, Scheuer… da war doch was. Ganz dunkel meine ich, mich zu erinnern. Hat er sich nicht im Rahmen der Bloggerpatenaktion der Leipziger Buchmesse im Jahr 2015 ziemlich arrogant und abschätzig gegenüber Buchblogs geäußert? Das tue ich zwar hin und wieder auch, aber wenn ich das mache, ist das etwas anderes. Egal – ich erwähne das, um zu verdeutlichen, wie meine Erwartungshaltung bei diesem Hörbuch war. Ich wollte eigentlich nur kurz reinhören, Winterbienen schlecht finden und ebenfalls abschätzig und arrogant darüber urteilen. Doch dann gefiel mir das, was ich da hörte, ausgesprochen gut. Also keine Chance für eine Retourkutsche.

Bemerkenswert ist vor allem der Sprecher Stefan Kaminsky mit seiner sehr speziellen Intonation. Er liest das Buch beinahe wie einen Nachrichtentext. Daraus ergibt sich beim Zuhörer ein gewisser Abstand zu dem Erzählten, den ich in diesem Fall als sehr angenehm empfunden habe. Winterbienen stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und hätte einen respektablen Gewinner abgegeben, wenn da nicht Saša Stanišić einen etwas zeitgemäßeren, persönlicheren aber in meinen Augen keinesfalls besseren Roman geschrieben hätte. Ich weiß nicht, wie ich mich als Buchpreisjuror entschieden hätte. Wahrscheinlich auch für Stanišić, weil er einfach der Schriftsteller mit der größeren Reichweite ist und auch bei einer jungen Lesergruppe große Sympathien hat. Scheuer wirkt dagegen fast schon langweilig, ist mehr so der Typ verschrobener Eremit, ohne Twitter Account und gesellschaftspolitisches Sendungsbewusstsein. Aber eigentlich geht es beim Deutschen Buchpreis ja darum, den besten Roman des Jahres auszuzeichnen und nicht den angesagtesten Autor – eigentlich. Doch lassen wir das.

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat. Wenn man beim Zuhören für ein paar Augenblicke anderen Gedanken nachhängt, kann es leicht passieren, dass man sich in den Ebenen verirrt. Das habe ich aber gar nicht als störend empfunden, denn durch das Episodenhafte der Erzählung findet man schnell wieder rein.

Es sind viele Aspekte, die dieses Hörbuch sehr hörenswert machen. Neben dem bereits erwähnten Sprecher ist es die Geschichte an sich, sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Man muss schon ein wirklich erfahrener Autor sein, um sich in diesem Themen- und Zeitenmix nicht zu verheddern und den Erzählfaden zu verlieren. Nobert Scheuer ist so ein Routinier, der seine Leser bzw. Hörbuch-Konsumenten mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings leitet.

Und natürlich kommt man nicht umhin, die komplexe Organisationsstruktur eines Bienenvolkes, in die man von Scheuer behutsam eingeführt wird, mit der des Menschen zu vergleichen. Die Königin, die Arbeitsbienen, die männlichen Drohnen – wenn man von oben auf unsere Welt blickt, dann unterscheidet sich die menschliche Geschäftigkeit nicht so sehr von der eines Bienenvolks. Scheuer sagt das zu keiner Zeit, macht diesen Biene-Mensch-Vergleich nicht auf und verfällt nicht der Versuchung, hier mit platten Allegorien zu kommen. Auch daran erkennt man den Routinier. Nein, das habe ich mir ganz allein so zurechtgerecht gedacht, das alles ist in meinem Kopf beim Zuhören passiert. Vielleicht sollte ich doch mal Maja Lundes Geschichte der Bienen lesen.

So einzigartig dieser Roman auch in seiner Zusammensetzung ist, die einzelnen Bestandteile sind vielfach bewährt. Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Während ich das hier schreibe, fällt mir plötzlich auf, dass es gar nicht Norbert Scheuer war, der sich damals so negativ über Blogger geäußert hat. Ja genau, das war nämlich Michael Wildenhain, ebenfalls mittellanges Haar und mittelalt und auch ohne Twitter-Account. Muss gleich mal gucken, ob er auch was Neues und hoffentlich richtig Schlechtes veröffentlicht hat, über das ich dann ein wenig abschätzig und arrogant urteilen kann.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: C.H. Beck Verlag
Sprecher: Stefan Kaminsky
Dauer: 6 h, 6 min

 

Katja Oskamp – Marzahn, mon amour

3

Geschichten einer Fußpflegerin. 

Ich habe eine neue Schreibtechnik erlernt. Sie nennt sich Clustern, kommt im Prinzip noch vor dem eigentlichen Schreiben zum Einsatz und funktioniert in etwa so: Man nimmt sich ein Blatt Papier und notiert in der Mitte das Wort, das einem als allererstes zu dem Thema einfällt, über das man etwas schreiben will. Und dann fügt man drumherum weitere Begriffe hinzu, die sich aus dem bereits notierten Wörtern ergeben. Ist das Blatt voll, fängt man an, richtig zu schreiben – Assoziationsketten zu verbinden, aus den Wörtern ganze Sätze zu machen.

Das erste Wort, was ich zu „Marzahn, mon amour“ aufgeschrieben habe, war „Menschenliebe“ und dann als nächstes gleich „Herzensbuch“ und „Florian“. Wie gut, dass es solch einfache Methoden gibt, denn sonst hätte ich ich gar nicht gewusst, wo ich anfangen sollte, um meine Begeisterung für dieses Buch kundzutun. Eigentlich bin ich ja alles andere als ein Menschenfreund. Doch je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor dem Leben anderer Leute. So ein Leben muss nicht besonders herausragend, die Person nicht berühmt und bedeutend sein, um beachtet zu werden und Wertschätzung zu bekommen. Eigentlich das Mindeste, was man erwarten darf, zugleich aber auch das Kostbarste und für mich nach wie eine nicht ganz so einfache Übung.

Die meisten Menschen, die in den Plattenbauten in Berlin-Marzahn leben, sind weder berühmt noch bedeutend. Sie leben ihr Leben, sind entweder mittendrin oder schon fast damit durch, haben sich durchgebissen, kommen irgendwie klar und haben allesamt Füße, die sich freuen, wenn sich mal irgendwer richtig kümmert. Kümmern tut sich die Ich-Erzählerin dieses wunderbaren Buches, eine gescheiterte Schriftstellerin, die sich zur Fußpflegerin umschulen lässt und in einem Kosmetikstudio in Marzahn anfängt. Und sie macht das nicht nur einfach so als Plan B, sondern mit Herzblut. Und plötzlich sind bei ihr alle Selbstzweifel, ist ihre ganze Lebens-Unzufriedenheit wie weggefegt. Sie arbeitet mit Menschen, spricht mit ihnen, hört zu, beschäftigt sich – mit ihren Füßen, mit ihrem Leben.

Sollte ich jemals abschätzig über die Arbeit einer Fußpflegerin geurteilt haben, so leiste ich hiermit öffentlich Abbitte. Katja Oskamp schafft es, mir dieses Berufsbild aus einer vollkommen neuen Sicht zu präsentieren. Was hier geleistet wird, ist eine echter Dienst am Menschen. Und ich glaube, auch ich wäre froh, wenn sich mit Siebzig Plus noch jemanden findet, der sich meine langweiligen Buchblogger-Geschichten anhört, während er mir die Hornhaut von den Fersen hobelt.

Damit kann schon mal ein Haken an die ersten zwei Begriffe gesetzt werden: Menschenliebe und Herzensbuch – für mich eigentlich ein Unwort, aber hier passt es. Bleibt noch Florian. Den Namen habe ich notiert, weil er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Florian kennt man als literarischen Nerd von Instagram. Als Buchhändler ist es sein Job und als Bookstagramer sein Hobby, tagtäglich Bücher zu empfehlen. Und wenn er für einen Titel brennt, dann legt er sich richtig ins Zeug. Genau das hat er hier gemacht. Ohne seine leidenschaftliche Empfehlung wäre diese literarische Perle aus mehreren Gründen wohl komplett an mir vorübergegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil im Moment wieder so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es kurz vor der Herbstmesse in Frankfurt so viel andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt. Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

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Print:

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

Hörbuch:
tacheles! ROOF Music
Gesprochen von der Autorin
4 h, 06 min., 9,99 €
(Im Streaming Abo von Apple-Music)

 

 

 

Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Anthony Powell – Eine Frage der Erziehung (Hörbuch)

Man stelle sich eine Zeit ohne die heutigen Unterhaltungsangebote vor. Ohne das Internet, ohne Fernsehen und Kino und – für einige komplett unvorstellbar: ohne Netflix! Was haben die Menschen damals nur mit ihrer ganzen freien Zeit angefangen? Die Arbeiterschicht hatte ja nicht viel Freizeit, aber das Bildungsbürgertum schon. Und was taten die Damen und Herren der feinen Gesellschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wenn ihnen fad war und es sie nach Zerstreuung und anspruchsvoller Unterhaltung gelüstete? Sie gingen zum Bücherregal und griffen sich ein Buch, vorzugsweise einen gepflegten, dickbändigen Gesellschaftsroman von Tolstoi oder Dostojewski, Balzac oder Colette, Fontane oder Droste-Hülshoff, Dickens, Austen oder Powell.

Alle die Genannten kennt der Bildungsbürger diesen Jahrhunderts zumindest dem Namen nach. Einige davon noch aus der Schule, die anderen, weil ihre Werke verfilmt wurden und den Rest, weil man oftmals gerne nur so tut als ob. Aber einen dieser Literaten dürfte wirklich kaum einer kennen, und auch ich habe von Anthony Powell bis vor wenigen Wochen noch nie etwas gehört. Dabei hat der britische Romancier, der im Jahr 2000 im Alter von 95 Jahren starb, ein wahrlich bedeutendes literarisches Gesamtwerk hinterlassen, allen voran ein echtes Opus Magnum, den zwölfbändigen Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Dieser Zyklus von zwölf Gesellschaftsromanen, an denen Powell von 1951 bis 1975 schrieb, wird häufig mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen und ist jetzt in einer Neuübersetzung beim Berliner Elfenbein-Verlag komplett neu aufgelegt worden. Und auch an einer Hörbuch-Fassung wird derzeit gearbeitet. Der junge Berliner Hörbuchverlag „Speak Low“ hat sich dieses Mammutprojekt vorgenommen und bereits drei Audiobände der Romanreihe veröffentlicht. Ich habe mir Band 1 „Eine Frage der Erziehung“ angehört und war sehr begeistert.

Aber der Reihe nach – zunächst: Der Vergleich mit Proust passt und ist mir auch sofort in den Sinn gekommen. So detailliert, wie der Franzose die bessere Gesellschaft seiner Zeit aus Sicht eines sich in ihr bewegenden Erzählers portraitiert, so tut es der Brite Powell in seinem Werk. Da gibt es keinen Spannungsbogen, keine unterschiedlichen Perspektiven und Erzählstränge – da werden einfach nur in aller Ausführlichkeit Personen beschrieben, Zusammenkünfte, Begegnungen und Tischrunden dokumentiert, Gespräche wiedergeben und Gedankengänge skizziert. Und das ist alles so old-fashioned, langatmig, unspektakulär und langweilig, dass es schon wieder spannend ist zu beobachten, wie lange man das wohl durchhält. Als Leselektüre hätte ich nach 100 Seiten mit Sicherheit die Segel gestrichen, doch die Hörbuch-Version, sehr elegant vorgetragen vom wunderbaren Frank Arnold, hat mich mit einer beispiellosen Leichtigkeit von Kapitel zu Kapitel und letztlich durch den gesamten ersten Band getragen.

Hören geht in diesem Fall deutlich besser als Lesen. Ich habe das einfach knapp 9 Stunden auf mich Einplätschern lassen, bin auch mal fünf Minuten unkonzentriert gewesen oder eingeschlafen, dann wieder aufgewacht und hatte in der Zeit nicht viel versäumt, denn da war immer noch die gleiche Männerrunde dabei, über irgendeine Belanglosigkeit zu debattieren. Aber so zähflüssig und langatmig sich das alles auch anhört, so schön und absolut bereichernd habe ich es letztlich empfunden. Denn zum einen ist die Sprache von ausgewählter Eleganz – geschliffene Sätze, tolle Formulierungen – zum anderen sind mir selten so gut beschriebene Charaktere begegnet – jede Figur erscheint geradezu plastisch vor dem inneren Auge. Allen voran der linkische Widmerpool, die  Jugendfreunde Stringham und Templer, Professor Sillery – vier von insgesamt knapp 400 Personen, die das zwölfbändige Gesamtkunstwerk bevölkern.

Vielleicht sollte ich noch ein paar Sätze zur Handlung verlieren. So viel lässt sich dazu nicht sagen. Das große Gesellschaftspanorama, das Powells kunstvoll entfaltet, wird dem Leser aus Sicht des Ich-Erzählers Nicholas Jenkins, dem Spross eines ranghohen britischen Militärs, vermittelt. Band 1 beginnt im Jahr 1921 und führt uns ans Eton College, wo Jenkins zusammen mit seinen Schulfreunden Charles Stringham und Peter Templer die Abschlussklasse besucht. Anschließend begleiten wir Jenkins auf den Landsitz der Templers, wo er sich zaghaft und unerwidert in Peters Schwester Jean verliebt. Nach einem Sprachurlaub in Frankreich auf dem Anwesen der Leroys endet ‚Die Erziehung‘ in Jenkins Studienort Oxford. Das sind die wesentlichen Rahmendaten der Handlung. Was sonst noch passiert, sind kleinere und größere Tischrunden, lange Spaziergänge sowie hier und da ein paar Streitigkeiten und Missstimmungen unter den handelnden Personen. Das war‘s.

Anders als die heute noch bekannten Gesellschaftsromane von den oben genannten Autorinnen und Autoren könnte ich dieses Werk nicht uneingeschränkt jedem empfehlen. Es ist schon etwas aus der Zeit gefallen und trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Mich hat es ein wenig an die TV-Serie „Das Haus am Eaton Place“ aus den Achtzigern erinnert – sehr förmlich und sehr britisch. Wer aber Spaß an einem eleganten Erzählton hat, sich für treffende Charakterstudien und die britische Upper-Class Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, dem sei dieser Roman und eventuell auch der komplette Zyklus empfohlen.

Ich für meinen Teil freue mich, Powell für mich entdeckt zu haben. Ich bin jetzt drin, angefixt und im Serienfieber. Mit Sicherheit werde ich mir auch Band 2 mit dem Titel „Tendenz steigend“ als Hörbuch anhören und vielleicht besorge ich mir sogar alle zwölf Print-Bände von „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Ob ich sie jemals alle lesen werde, sei mal dahin gestellt. Es reicht ja, wenn ich sie einfach nur dekorativ ins Regal stelle, direkt neben den Proust, und einfach nur so tue als ob.

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Englischen übersetzt von: Heinz Feldmann

Verlag (Hörbuch): speak low 
8 h, 40 min, Sprecher: Frank Arnold,
12,99 Download (audible), MP3 CDs: 19,99 €
(Erhältlich auch im Streaming-Abo z.B. bei Apple.Music und Spotify)

Sehr sehenswert ist auch das Video der Hörbuchproduktion (einfach aufs Bild klicken).

 

 

Sibylle Berg – GRM Brainfuck (Hörbuch)

1

Der mittelalte Mann sitzt in seinem Sessel und schmunzelt. Gesundheitszustand: den Umständen entsprechend. Beruf: irgendwas mit Medien. Intelligenz: durchschnittlich. Ethnie: Migrationshintergrund. Hobbys: liest Bücher.

Er hat dieses zufriedene Grinsen im Gesicht, was sich immer einstellt, wenn er ein gutes Buch gelesen oder gehört hat. Wenn Literatur ihn catched, ihn in ihren Bann zieht, seine Gedanken kapert, sich in seine Träume schmuggelt – dann, ja dann ist er glücklich, fühlt sich wohl in seiner Haut. Dabei ist das, was er da gerade gehört hat, alles andere als ein Wohlfühl-Szenario. Gegenwart 2.0, Dystopie reloaded, Schwarzmalerei in 4K. Geschrieben von einer mittelalten Autorin. Herkunft: DDR. Status: etabliert, aber keine Preise. Typ: schräger Vogel mit Hochsteckfrisur.

Er kennt die Autorin vom Hörensagen schon seit Jahren, hat aber bisher noch nie etwas von ihr gelesen. Ihren letzten Roman hat er mal seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt. Die war empört. Wie kommst du darauf, dass mir so ein Schweinkram gefällt? Er hat nur mit den Schultern gezuckt und meinte, dass die Blogs voll des Lobes wären. Aber das muss ja nichts heißen, wie er mittlerweile weiß.

Ihr aktuelles Buch hat er vor ein paar Wochen beim Verlag als Rezensionsexemplar angefragt, aber bis heute ist es nicht angekommen. Die sind doch wohl nicht sauer wegen dem Verriss zu Bret Easton Ellis? Dessen Status: ehemaliger Kult-Autor. Gefährderpotential: alt, weiß, männlich. Letzte Buch-Veröffentlichung: grottig.

Egal, abgehakt. Dann eben GRM als Hörbuch. Ist bei diesem Titel – dessen Lektüre, wie er schon von verschiedenen Seiten gehört hat, ziemlich fordernd sein soll – wahrscheinlich eh die bessere Wahl. Und dann noch Torben Kessler und Lisa Hrdina. Zwei Sprecher, die es wirklich können. Was soll da noch schief gehen? Knapp 17 Stunden hat er sich das alles angehört, hat Hannah, Don, Peter und Karen durch ihren Alltag begleitet, genauso wie die achtjährige Nutte, den russischen Oligarchen, den MI5-Agenten und den britischen Aristrokratenspross. Und mit der Zeit sind ihm all diese kranken Protagonisten ans Herz gewachsen. Der mittelalte Mann leidet mit. Jeder Tritt in den Magen, jeder brechende Knochen tut auch ihm weh – zunächst. Doch irgendwann setzt auch bei ihm der Abstumpfungsprozess ein. Wieder einer tot, ja nun.

Sybille Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat, 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Dystopien boomen, und das tun sie vollkommen zurecht. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle nochmal mit einem blauen Auge aus diesem aktuellen Gemengelage von Neoliberalismus, Genderwar, Migration und Rassismus, Digitalisierung, Datenflut, Brexit, Nationalismus und künstlicher Intelligenz herauskommen, ist eher gering. Und so tief wie der Karren schon im Dreck steckt – da ist sich der mittelalte Mann mit der mittelalten Autorin einig – wäre ein Happy End auch mehr als unglaubwürdig. Nein, wer noch einen Funken Verstand und Weitsicht hat, wird ahnen, dass das alles nicht gut gehen kann, dass wir Menschen so ziemlich am Ende sind. Und das nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern schon bald. In fünf oder zehn Jahren.

Und warum auch nicht? War es nicht schon immer so? Alte Ordnungssysteme lösen sich auf und etwas Neues entsteht. Was da kommen wird, an die Stelle des Jetzigen tritt und wann genau das sein wird, weiß keiner. Aber das ist auch egal, denn wir werden dabei sowieso keine Rolle mehr spielen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Argon Hörbuch
Sprecher: Torben Kessler, Lisa Hrdina
16h, 55 min, 19,95 €
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

Sophie Passmann – Alte weiße Männer (Hörbuch)

5

Ich wollte mal kurz reinhören, nur so zum Spaß und eigentlich auch nur, um meine Vorurteile gegenüber dem radikalen Feminismus bestätigt zu bekommen. Und natürlich fühlte ich mich auch vom Titel angesprochen, bzw. provoziert, denn dass ich als alter weißer Mann wahrgenommen werde und damit das erklärte Feindbild der Netzfeministinnen bin, das weiß ich schon lange. Natürlich kenne ich auch Sophie Passmann, allerdings nur dem Namen nach. Ich folge ihr weder auf Twitter noch habe ich sonst irgendetwas über sie gelesen. Ihre genauen Ansichten und Standpunkte kenne ich kaum. Alles was ich weiß, beziehungsweise mutmaße, ist, dass sie eine dieser unentspannten und dauerempörten, jungen Netzfeministinnen ist und man sich mit ihr lieber nicht anlegen sollte.

Maximal zehn Minuten, mehr Radikal-Feminismus hältst du sowieso nicht aus, dachte ich mir. Doch von wegen; am Ende habe ich mir das ganze Hörbuch angehört, und war weder augenrollend genervt, noch beleidigt und empört, sondern durchaus interessiert, angenehm überrascht, inspiriert und fühlte mich dazu noch sehr gut unterhalten. Das muss man erst mal schaffen, jemanden mit einer Antihaltung, wie ich sie hatte, abzuholen und wenn auch nicht komplett umzukehren, so doch zumindest mitzunehmen.

Und natürlich weiß ich auch, dass so ein von der falschen Seite kommender Applaus Gift für Passmanns Feministinnen-Credibility ist. Wenn einer wie ich, der zwar für Geschlechter-Gleichberechtigung einsteht, aber radikalen Feminismus eher unsympathisch findet – also aus Feminist*innen-Sicht ein Macho-Arschloch ist oder eben ein alter weißer Mann – wenn so jemandem dieses Buch gefällt, was tatsächlich der Fall ist, dann kann das ja nur Mainstream-Feminismus sein – zu lasch, zu wenig radikal, nicht fordernd genug, zu verständnisvoll und anbiedernd. Gut möglich, aber ich nehme mal an, dass es der Autorin nicht darum ging, Applaus aus der eigenen Blase zu bekommen, sondern auch mal die Gegenseite für bestimmte Botschaften empfänglich zu machen. Zum Beispiel, wie man es vermeiden kann, ein alter weißer Mann zu werden.

Und genau das hat sie erreicht. Zumindest bei mir und wahrscheinlich auch bei den 16 mehr oder weniger alten weißen Männern, mit denen sie im vergangenen Sommer gesprochen hat. Allein die Auswahl der Gesprächspartner hat mich begeistert. Von Sascha Lobo über Robert Habeck, Ulf Poschardt, Peter Tauber, Kevin Kühnert, Micky Beisenherz bis zu Rainer Langhans war alles dabei. Selbst ihren eigenen Vater hat Sophie Passman nicht verschont. Und obwohl es immer wieder um den Feminismus und die Rolle des alten weißen Mannes ging, gab es kaum Wiederholungen, hat jedes Gespräch wieder neue, interessante Aspekte aufgezeigt. Passmann hat sich nicht darauf beschränkt, die mit dem Diktiergerät protokollierten Interviews sauber zu transkribieren, sondern hat jeden Dialog, jeden Interviewpartner und auch die Gesprächsumgebung sehr persönlich und überaus humorvoll kommentiert. Das ist vielleicht journalistisch nicht ganz sauber, aber dem Buch hat es gut getan. Sehr gut sogar, denn von Kapitel zu Kapitel, von Gespräch zu Gespräch, wurde mir die Autorin immer sympathischer.

Was generell immer verständnisfördernd ist: wenn Menschen auch mal über sich selber lachen können. Passmann ist zwar mit vollem Ernst bei der feministischen Sache, nimmt sich als Person aber nicht so furchtbar wichtig und kommentiert ihre eigene Rolle mit einer angenehm ironischen Distanz. Bemerkenswert fand ich auch die Höflichkeit und den Respekt, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnete, auch wenn das Gegenüber politisch und weltanschaulich aus dem komplett anderen Lager kam und stellenweise abstruse Thesen wie Rainer Langhans vertrat. Das alles hat dazu geführt, dass ich im Verlauf des Hörbuches alle Vorbehalte und Ressentiments beiseite schob, mich offen auf die Argumentation einließ und bei dem ein oder anderen Gespräch in Gedanken sogar mit diskutierte. Ja, ich hatte auf einmal Spaß an der Feminismus-Debatte, verstehe bestimmte Standpunkte jetzt besser und kann sogar nachvollziehen, warum Feminismus manchmal auch radikal und kompromisslos sein muss.

Was für mich im Verlauf der Gespräche aber immer deutlicher wurde, ist, dass das Thema derart komplex und vielschichtig ist und von so vielen Faktoren wechselseitig beeinflusst wird, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Bestes Beispiel ist das Thema „Frauenquote“. Eigentlich eine gute Sache und angesichts der immer noch männlich dominierten Strukturen in den Unternehmen mehr als dringend notwendig. Andererseits stellt sich immer auch die Frage, ob durch gesetzliche Vorgaben und eine quasi erzwungene Gleichberechtigung per Quote, dem Feminismus nicht doch ein Bärendienst erwiesen wird. Oder die ständige Gefahr in eine der zahlreich ausliegenden Sexismus-Fallen zu tappen. Wie ist es, wenn man sagt, dass man im Job lieber mit Frauen als mit Männern zusammenarbeitet? Ist das schon sexistisch, wenn man überhaupt Unterschiede benennt, wie z.B. die bessere Team- und Kommunikationsfähigkeit von Frauen? Ist der Feminismus erst am Ziel, wenn Geschlechterunterschiede irgendwann überhaupt keine Rolle mehr spielen? Ist das überhaupt in allen Belangen sinnvoll? Und kann man das dann wieder trennen, wenn es privat wird und auf einmal sogar Liebe im Spiel ist?

Ich als Mann bin beim Thema Feminismus, wie einige andere auch, sehr verunsichert, habe viele Fragen und bekomme kaum Antworten. Das mag wohl auch daran liegen, dass Antworten gar nicht zu mir durchdringen, weil mich oftmals die Form und Rhetorik feministischer Argumentation schon abstößt. Bei diesem Buch war das anders. Ich habe erstmals richtig zugehört, einiges endlich verstanden, über Privilegien nachgedacht und mich selber gefragt, wieviel ich in meinem Leben wohl der Tatsache zu verdanken habe, dass ich ein Mann bin. Allein dafür bin ich Sophie Passmann schon dankbar.

Ich werde wohl niemals mehr Feminist, was für mich durchaus ok ist. Aber vielleicht kann ich in Zukunft etwas dafür tun, als Mann älter zu werden, ohne ein alter weißer Mann zu sein. Vielleicht.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
tacheles!/ Roof Music
Spieldauer: 5 h, 17 Min
Gesprochen von der Autorin

Print:
Verlag: KiWi-Taschenbuch
304 Seiten, 12,00 €

T.C. Boyle – Das Licht (Hörbuch)

9

Ich gestehe, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von T.C. Boyle gelesen. Und warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Eine Zeitlang habe ich ihn mit William Boyd verwechselt, wahrscheinlich wegen dem ähnlich klingenden Nachnamen und dem Bestsellerautor-Status, den beide zweifelsohne haben. Und dann bin ich ja auch noch so ein furchtbar oberflächlicher Schubladen-Typ, der sich von Vorurteilen leiten lässt und alles und jeden nach dem ersten Anschein kategorisiert und wegsortiert. Und T.C. Boyle klang in meinen Ohren allein von Namen her immer irgendwie nach dem Pseudonym eines Trivialautors, so wie Perry Rhodan, Sidney Sheldon oder Poppy J. Anderson – also eher uninteressant.

Seit ich aber über Bücher blogge und mit vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern vernetzt bin, ist mir natürlich aufgefallen, dass Boyle weder Boyd noch trivial ist. Ich registriere sehr wohl den Hype, der um jedes neue Buch gemacht wird, die ausverkauften Lesearenen, die stolz im Social Web präsentierten Selfies mit Buch oder Autor. Natürlich hat das mein Interesse geweckt, doch irgendwie war mir der Aufstand, der um diesen Autor gemacht wird, schon wieder ein wenig ‚too much‘, so dass ich beschloss, jetzt nicht auch noch auf diesen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch dann kam wieder alles ganz anders. An dem Umstand, dass ich bis heute noch kein einziges Boyle-Buch gelesen habe, hat sich allerdings nichts geändert. Denn „Das Licht“ habe ich nicht gelesen, sondern mir von Florian Lukas vorlesen lassen. Und diese grandiose Erfahrung hat mich innerhalb von 14 Stunden zum absoluten T.C. Boyle-Fan gemacht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Roman alles in mir ausgelöst hat, welch intensive Gedanken mir beim Zuhören durch den Kopf gegangen sind. Auch jetzt, eine Woche nachdem ich es beendet habe, lassen mich ‚Set und Setting‘ der Geschichte nicht los. Erst habe ich bei Google nach Bildern von Timothy Leary, Dick Alpert und dem Hitchcock-Anwesen in Millbrook gesucht, dann bei Youtube die BBC-Dokumentation „Ein Professor auf LSD“ (siehe unten) angeschaut. Danach habe ich mir das erste Beatles-Album noch mal angehört und mir auch ein paar Sitar-Sessions von Ravi Shankar reingezogen. Nur eingeschmissen habe ich mir nichts. Das brauchte ich auch nicht, denn der Roman, für den Boyle historische Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft, hat mich allein schon total kirre gemacht.

Die Geschichte startet im Jahre 1943 in Basel, wo der beim Chemiekonzern Sandoz angestellte Grundlagenforscher Dr. Albert Hofmann den ersten Selbstversuch mit einer neuen Substanz namens Diethylamid LSD macht. Nach diesem bereits sehr stimmungsvollen Intro switched die Geschichte zwanzig Jahre weiter und landet in den 1960er Jahren in den USA, ganz konkret im Bostoner Vorort Cambridge. An der dortigen Harvard-University tritt der Psychologie-Student Fitz eine Promotionsstelle bei dem charismatischen Dr. Leary an. Leary experimentiert auf wissenschaftlicher Basis mit den psychoaktiven Substanzen Psilocybin und LSD 25, die er legal von Sandoz zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt bekommt. Er erforscht die Wirkung der Drogen nicht nur an studentischen Probanden, sondern in erster Linie auch an sich selbst und behauptet, dass ein einziger Trip mit diesen Substanzen ihm mehr über die menschliche Psyche verrät, als 5 Jahre Psychologie-Studium.

Leary ist eine beeindruckende Persönlichkeit und avanciert schnell zum Wissenschaftsstar, der viele Anhänger um sich schart. Auch Fitz und seine Frau Joannie werden in den inneren Kreis aufgenommen, womit sie an den regelmäßigen Drogen-Sessions teilnehmen können. Das ursprüngliche Forschungsprojekt entwickelt sich weiter, aus den Case-Studies wird eine Art Lebensentwurf. Auf Trip gehen heißt, sich selber finden, neue Dinge zu denken, neue Dinge zu sehen und in innere Sphären vorzudringen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die Gruppe um Leary und Alpert sieht sich als Entdecker neuer Welten, als Psychonauten und gilt als eine der weltweit ersten Hippie-Kommunen.

Die Beat-Generation, die Gruppe um Leary und später dann die Hippies – das alles klingt nach längst vergangenen, mittlerweile historischen Strömungen, die mit unseren heutigen Lebensrealitäten so gar nichts mehr zu tun haben. Doch an der Sehnsucht vieler Menschen nach einem selbstbestimmten und von allen Konventionen befreiten Leben hat sich auch heute nichts geändert. Und noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass bewusstseinserweiternde Substanzen jedweder Art, der Schlüssel dazu sind. Und so faszinierend sich die Berichte vom ungezwungenen Drogen-Camp im mexikanischen Zihuatanejo mit Sonne, Meer, Margerithas und freier Liebe auch anhören – ganz besonders im Vergleich zu unseren heutigen, eher puritanisch anmutenden Lebenswelten – all diese Projekte sind gescheitert und die Leben der Protagonisten sind weder freier noch einen Deut selbstbestimmter geworden.

Und so könnte es durchaus sein, dass das Fazit der ehemaligen Psychonauten Fitz, Joannie, Ken, Nancy, Lori und Fanchon am Ende wie eine dieser Sprüche-Tafeln bei Facebook klingt: Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Ja, war geil!

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Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Der Hörverlag, Spieldauer 14 h, 25,95 €
Gelesen von Florian Lukas

Print:
Verlag: Hanser
384 Seiten, 25,00 €

Für alle, die sich Hier die BBC-Dokumentation zu Timothy Leary:

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Charles Dickens – Große Erwartungen (Hörbuch)

Als ich den Sprecher, dessen Name mir zunächst gar nichts sagte, die ersten zwei Sätze vorlesen hörte, war es um mich geschehen. Das gibt es doch gar nicht. Das ist Hans Paetsch? Natürlich kenne ich den. Mit dieser Stimme bin ich groß geworden! Der Struwwelpeter, Hänsel & Gretel und Rumpelstilzchen – der sonore Klang dieses großen deutschen Märchenonkels war auf nahezu all meinen Lieblings-Hörspielplatten zu hören. Ich habe sie rauf und runter gespielt, kenne jeden Satz noch immer auswendig und verbinde damit so viel Schönes. Ich sehe mich im Wohnzimmer meiner Großeltern sitzen, sehe den Plattenspieler, der mit den Röhrenradio verbunden war, höre meine Oma den Abwasch machen, meinen Opa mit der Bild-Zeitung rascheln.

Und jetzt nach all den Jahren begegne ich dieser so vertrauten und geliebten Stimme also wieder und weiß gar nicht, ob ich das so gut finde. Denn ich kann das gar nicht trennen von all den Erinnerungen. Für mich ist und bleibt das mein Märchenonkel. Und tatsächlich brauchte ich eine Weile, bis ich meine Kindheitserinnerungen wieder wegpacken und mich auf Hans Paetsch als Sprecher von Charles Dickens großem Entwicklungsroman einlassen konnte. Er macht das gut, keine Frage, wenn auch etwas überakzentuiert, was in heutigen Ohren ein wenig oldschool klingt. Aber die Aufnahme ist ja auch von 1989 und Hans Paetsch schon seit nunmehr 17 Jahren tot.

In „Große Erwartungen“ erzählt Dickens die Geschichte von Pip, einem Waisenjungen, der bei seiner älteren Schwester und ihrem Mann, einem Schmied aufwächst. Von einem unbekannten Wohltäter wird ihm vollkommen unerwartet ein hohes Vermögen vermacht, verknüpft mit der Bedingung, sich in London zum Gentleman ausbilden zu lassen. Pip ergreift die Chance, müht sich redlich, ein feiner Herr zu werden, bleibt aber innerlich zerrissen. Hier seine einfache Herkunft, dort die großen Erwartungen.

Als Leser leidet man richtig mit, fühlt die Zerrissenheit des Helden am eigenen Leibe. Aber noch beeindruckender als dieses Gefühl sind die tragenden Figuren dieses Romans, die einem nach über 21 Stunden Hörgenuss nahezu bildlich und gestochen scharf vor dem inneren Auge erscheinen. Von Hans Paetsch so eindrucksvoll zu Gehör gebracht, dass man glaubt, sie nie wieder vergessen zu können. Wie zum Beispiel die alte Miss Havisham, Pips vermeintliche Wohltäterin, die nach einer enttäuschten Liebe den Rest ihres Lebens im Dunkeln verbringt. Oder die eiskalte Schönheit Estrella, die seine Liebe aufgrund ihrer Kaltherzigkeit nicht erwidern kann. Und nicht zuletzt sein liebevoller Ziehvater Joe Gargerey, der Schmied, den Pip trotz aller Liebe als nicht mehr standesgemäß empfindet und zurückweist.

Es ist ein wunderbarer Roman, der nicht umsonst zu den großen Klassikern der Weltliteratur zählt. Man lauscht der Märchenonkel-Stimme und taucht regelrecht ein ins England des 19. Jahrhunderts, hört die Kutschen durch die Straßen fahren, riecht den Dreck in der Gosse. Perfekt aufgebaut, erzählerisch grandios, nicht eine Minute langweilig und im Vergleich zu den oftmals enttäuschenden neuzeitlichen Gesellschaftsromanen einfach um Längen besser.

Also: Lest und hört wieder mehr Dickens. Es lohnt sich.

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Foto: Gabriele Luger

Deutscher Audio-Verlag / NDR 1989
2 Bände: 21 Stunden
Gesprochen von Hans Paetsch

 

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Sehenswert: Ein NDR-Bericht über Deutschland großen Märchenonkel Hans Paetsch aus dem Jahre 1998.

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Auch sehenswert: Der Trailer zur Neuverfilmung des Dickens-Klassikers aus dem Jahr 2012 mit Jeremy Irvine in der Hauptrolle.

Kazuo Ishiguro – Der begrabene Riese (Hörbuch)

Ja, es ist ein Märchen. Und noch nicht mal ein modernes, sondern eines, das im 5. Jahrhundert spielt; mit tapferen Rittern, wilden Kobolden, Menschenfressern und furchterregenden Drachen. Alles, was so gar nicht meins ist. Aber ich habe mir weder Augen und Ohren zugehalten noch bin ich schreiend weggerannt. Stattdessen habe ich mich für mehr als dreizehn Stunden entführen lassen, der beruhigenden und facettenreichen Stimme von Gert Heidenreich gelauscht und wieder einmal festgestellt, dass die Romane von Kazuo Ishiguro auf ganz besondere Art meine Seele berühren.

Ok, vielleicht ist das etwas zu vorschnell und pauschal geurteilt, denn ich kenne neben diesem Roman aus dem Jahr 2015, der jetzt bei Random House Audio als Hörbuch erschienen ist, eigentlich nur noch Ishiguros Klassiker „Was vom Tage übrig blieb“. Gerade habe ich mir noch mal die Verfilmung aus dem Jahr 1994 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen angesehen, die übrigens hervorragend und sehr nah am Buch ist, und auch hier musste ich wieder mit den Tränen kämpfen.

Vielleicht ist es Ishiguros Sprache, dieser disziplinierte, altmodisch-unaufgeregte Erzählton, der einen auch in „Der begrabene Riese“ durch die Geschichte trägt, die Figuren sich entwickeln, Kontur gewinnen und sie einen letztendlich ganz fest ins Herz schließen lässt. So sehr, dass man jede Gefühlsregung der Helden förmlich miterlebt und erleidet und sich am Ende nur wieder schwer von ihnen trennen kann. Vielleicht ist es aber auch die Liebe, die der Autor für seine Protagonisten zu empfinden scheint.  Wie sonst könnte er sie mit so viel emotionaler Tiefe ausstatten, dass man als Leser nahezu vergisst, dass es sich nicht um Menschen aus Fleisch und Blut, sondern nur um ausgedachte Romanfiguren handelt. Wie auch immer – Ishiguro bringt etwas in mir zum Klingen.

So schlägt mein Herz von Anfang an für die beiden Hauptfiguren Axl und Beatrice, die sich am Ende ihres Lebens noch mal aufmachen, um ihren gemeinsamen Sohn und mit ihm ihre verlorenen Erinnerungen wiederzufinden. Beides haben sie durch den sogenannten Nebel verloren, der sich seit vielen Jahren über das ganze Land gelegt und die Vergangenheit scheinbar ausgelöscht hat. Das ganze Land leidet unter einer kollektiven Demenz, die jeden nur noch im hier und jetzt leben lässt. Was früher war, davon gibt es nur noch ein vage Ahnung. Und das ist einerseits Segen und Fluch. Denn so schön es auch ist, alle Verluste und Niederlagen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, keine Lasten mehr auf seinen Schultern zu tragen und unbeschwert in den Tag hinein zu leben, so unvollständig ist ein Mensch auch ohne seine Vergangenheit, egal wie schwierig und belastend sie auch war.

Das Thema hat Potenzial, ist interessant und erzählenswert, aber ich habe nur Augen und Ohren für Axl und Beatrice. Wie liebevoll die beiden miteinander umgehen, das ist einfach wunderschön mit anzuhören. So, ja genau so muss eine Beziehung sein. Etwas altmodisch, althergebrachte Rollenbilder zwar, aber für mich trotzdem ein Ideal. Denn in jedem Satz, in jeder Bewegung und Geste ist 100 Prozent Liebe. Und trotzdem, und das ist das Tragische, sind beide voller Zweifel. Die unbekannte Vergangenheit liegt wie ein klaffender Abgrund zwischen ihnen. Was, wenn sie sich nicht immer so geliebt haben wie jetzt? Wenn sie einander wehgetan und Dinge passiert wären, die man sich nicht verzeihen kann. Weiß man es? Warum ist zum Beispiel ihr Sohn nicht mehr bei Ihnen? Was hat ihn veranlasst, sie zu verlassen? Und, wird er sie nach all der Zeit überhaupt wiedererkennen und freudig und die Arme schließen?

Am Ende besiegen sie den Nebel des Vergessens und mit Ihnen erwacht das ganze Land aus seinem Dämmer. Und sofort stellt sich die Frage: Ist es jetzt vorbei mit dem auskömmlichen Miteinander von Sachsen und Britanniern, der gelassenen Friedfertigkeit jedes Einzelnen und auch der Liebe des alten Ehepaars? Und wie bei jedem guten Märchen ergibt sich am Ende auch hier eine finale Erkenntnis, eine Lehre, die man aus dem Erzählten zieht: Dass man die Vergangenheit nicht unbedingt braucht, um gut zu leben, dass man ohne sie sogar wesentlich glücklicher wäre. Doch um zu realisieren, dass man jetzt gerade glücklich ist, dafür braucht man wiederum die Vergangenheit. Ein Teufelskreis.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Random House Audio
13 h, 25 Min, gesprochen von Gert Heidenreich

Print Hardcover: Blessing,  416 Seiten 22,90
Heyne Taschenbuch, 416 Seiten, 9,99 €

 

Robert Menasse – Die Hauptstadt (Hörbuch)

1

Nicht immer war ich einverstanden. Doch im letzten Jahr schon. Da haben sie mal alles richtig gemacht, haben einen Roman prämiert, der, wie ich heute weiß, tatsächlich der beste des Jahres war. Denn darum geht es bei dem Wettbewerb. Nicht nur gut oder beliebt zu sein, sondern der Beste seiner Klasse. Dabei hat mich das Thema zunächst so gar nicht interessiert. Die europäische  Gemeinschaft, die Kommission, der Rat, das Parlament, Brüssel, ein alter Mann und ein Schwein. Also nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nie ein Fan von politischen Romanen. Und warum ein Schwein? Soll das etwa witzig sein?

Doch dann lachte mich das Hörbuch an. Du musst mich nicht lesen, flüsterte es mir zu. Hör mir einfach nur zu, solange du magst. Ein paar Minuten nur, vielleicht auch länger. Und dann entscheide, ob es dir gefällt, ob dir die Geschichte behagt, du Christian Berkels Stimme magst. Du weißt, das ist der Mann von der Sawatzki, der Kriminalist, immer Freitags im Zweiten – den magst du doch eigentlich, nicht wahr?

Und tatsächlich, den Berkel mag ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass er so gut lesen kann. Was heißt gut? Ich habe ja jetzt schon jede Menge gute Sprecher erlebt und Berkel ist definitiv einer der Besten. Nicht so prägnant wie Brückner und Noethen, einer, der sich nicht so in den Vordergrund drängt, den Text nicht toppen will. Ein in meinen Ohren sehr angenehmer Erzähler, in einer Liga mit David Nathan und Frank Arnold.

Und dann Menasse. Ich bin so beeindruckt von seinem Stil, dass ich mir bei Medimops jetzt alle Backlist-Titel von ihm bestellt habe. Der schreibt ja tatsächlich noch besser als seine Halbschwester Eva. Wenn ich einen Stift und ein echtes Buch auf den Knien gehabt hätte, statt einer Audiodatei und zwei Knöpfe im Ohr, ich hätte mir auf jeder zweiten Seite Sätze dick unterstrichen: bemerkenswerte Aussagen, treffende Personenbeschreibungen und beindruckende Dialoge. Man müsste sich solche Passagen eigentlich sofort notieren. Denn jetzt, wo ich das niederschreibe und versuche, mich wenigstens an einen dieser gehörten Sätze zu erinnern, gelingt es mir nicht. Zu flüchtig ist das gehörte Wort, zu begrenzt mein mentaler Arbeitsspeicher.

Aber auch wenn die Details verschwimmen, der positive Gesamteindruck bleibt. Und der ist so stark, dass ich mir vorgenommen habe, diesen Roman auch noch mal als echtes Buch zu lesen. Ich freue mich jetzt schon darauf, all die bemerkenswerten Sätze dann wiederzuentdecken und für alle Ewigkeit mit Bleistift zu markieren. Freuen tue ich mich auch auf ein Wiedersehen und -lesen mit den Protagonisten der Hauptstadt, die Menasse sehr detailfreudig aufgebaut hat. Der KZ-Überlebende David de Vriend, die Europa-Beamten Martin Susmann und Fenia Xenopoulou, der pensionierte Ökonomie-Professor Alois Erhart oder der kranke Kommissar Emile Brunfaut – sie alle hat man nach wenigen Sätzen leibhaftig vor dem inneren Auge und für immer ins Herz geschlossen.

Ich könnte mir sogar einen Fortsetzungsroman à la Vernon Subutex oder Elena Ferrante sehr gut vorstellen. Denn die von der Romanfigur Alois Erhart formulierte Idee einer europäischen Hauptstadt, womit – soviel sei verraten – nicht Brüssel oder irgendeine andere europäische Metropole gemeint ist, hat jede Menge Potenzial und bietet genügend Stoff für mindestens noch zwei weitere Bände der Hauptstadt.

Man merkt sicher, dass ich von diesem Roman ziemlich begeistert bin. Weil ich schon lange nicht mehr ein so intelligentes, hochaktuelles, berührendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch gelesen – pardon – gehört habe. Und das Bemerkenswerteste daran: Wenn ich jetzt Nachrichten über die EU sehe, höre oder lese, dann erreicht mich das ganz anders als vorher. Dann sehe ich hinter jeder Meldung Fenia, Martin und die ganze EU-Bürokratenschar – kleine, mittlere und große Rädchen im Getriebe der Macht.

Also, wenn Robert Menasse das hier lesen sollte: „Bitte schreiben Sie an der Hauptstadt weiter. Band 2 bestelle ich hiermit schon mal vor.“

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von Christian Berkel
14 h, 18 Minuten
Erhältlich bei audible: (Hörprobe)

Verlag Print: Suhrkamp
459 Seiten, 24 Euro gebunden, 12,00 Euro Taschenbuch

 

Gunnar Kaiser – Unter der Haut (Hörbuch)

3

Bei Instagram habe ich gesehen, dass er im Moment mit seinen Schülern auf Klassenfahrt in London ist. Und ich denke, wie froh und stolz ich gewesen wäre, wenn ich damals so einen Lehrer gehabt hätte. So jung und cool, so klug und inspirierend – einen Lehrer wie Mr. Keating aus dem Club der toten Dichter. Einen, der junge Menschen in die Welt der schönen Künste und des Geistes einführt, ihnen kritisches Denken beibringt, sie mit seiner Begeisterung für Literatur und Philosophie ansteckt.

Und wie cool muss es sein, wenn dieser Lehrer auch noch Internet-Star und Schriftsteller ist? Wer im Netz unterwegs ist und sich für Literatur interessiert, kommt nicht umhin, den Gymnasiallehrer, Vlogger und neuerdings auch Schriftsteller Gunnar Kaiser zu kennen. Ich folge ihm auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube und bewundere ihn dafür, wie eloquent, flüssig und aus dem Stegreif er über die kompliziertesten Dinge sprechen kann. Sein Themenspektrum ist breit und reicht vom aktuellen Literaturdiskurs über zeitlos philosophische Fragestellungen bis hin zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Kein Thema ist ihm zu heiß; je kontroverser etwas diskutiert wird, desto mehr scheint es seinen stets wachen Geist zu reizen. Und zu allem Überfluss kann er auch noch begnadet gut schreiben.

So spannend, vielschichtig, fein- und freigeistig die Persönlichkeit des Autors ist, so kommt auch sein Debütroman „Unter der Haut“ daher. Ein Buch, das man so schnell nicht vergisst. Ein Buch, das mit allem aufwartet, was ein moderner Bildungsroman haben muss. Der Plot, das Setting, die Charaktere – alles perfekt durchdacht und hergeleitet und zu 100 Prozent authentisch. Der Aufbau, die verschiedenen Erzählstränge, die literarischen und zeitgeschichtlichen Bezüge – das ist alles schon ziemlich perfekt komponiert.

Ich habe das Romanmanuskript bereits vor knapp zwei Jahren gelesen, als es vom Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski für den Blogbuster-Preis nominiert und auf die Longlist gesetzt wurde. Schon damals war mir klar, dass dieser Text etwas ganz Besonderes ist und auch ohne den Blogbuster veröffentlicht werden wird — werden muss. Jetzt habe ich mir auch noch das Hörbuch angehört und bin noch einmal mehr davon überzeugt, dass es sich hierbei um das definitive Buch handelt. Perfekt bis ins Detail. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann beim besten Willen keine Schwachstellen entdecken.

Der Roman hat drei Erzählstränge. Alle drei erzählen die Geschichte von Josef Eisenstein, eines neuzeitlichen Libertins, dem vielleicht letzten seiner Art. Der erste Strang spielt 1969 in New York, wo der schüchterne Literaturstudent Jonathan Rosen auf der Suche nach ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht eines Tages Eisenstein begegnet. Es ergibt sich eine Art Freundschaft, in der der alternde Dandy und Lebemann den jungen Jonathan in die Welt der schönen Dinge einführt. Als da wären: schöne Bücher und schöne Frauen. Der zweite Erzählstrang führt nach Weimar und Berlin, wo Eisenstein nach dem ersten Weltkrieg geboren und aufgewachsen ist. Der Judenverfolgung entgeht der vereinsamte und emotional vernachlässigte Junge durch einen Namenswechsel und entwickelt sich nach und nach zu einem bibliophilen Psychopathen, kriminellen Ästheten und skrupellosen Hedonisten. Und der letzte Strang führt uns ins Jahr 1990 über Israel, in die ehemalige DDR nach Argentinien, wo Jonathan hofft, seinen väterlichen Freund wiederzufinden.

Eine herrliche Geschichte, atmosphärisch dicht, sprachlich überzeugend und spannend bis zur letzten Seite. Ich habe mir zwar geschworen, den Vergleich zu Patrick Süskinds „Parfüm“ und Zafons „Schatten des Windes“ nicht zu bemühen, aber die Parallelen zu diesen Weltbestsellern sind einfach zu naheliegend, als dass man sie hier unerwähnt lassen könnte. Schnell steht der Vorwurf im Raum, der Autor habe aus dem Bestseller-Baukasten einen Erfolgsroman nach Schema F gezimmert. Doch „Unter der Haut“ ist mehr als nur eine spannende Unterhaltungsgeschichte für eine bibliophile Zielgruppe.

Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit. Der Freiheit des Geistes, der Möglichkeit, Dinge zu denken, ohne Einschränkungen und Grenzen. Das, was wir alle gerne könnten, uns aber entweder schon früh verbieten lassen oder selbst versagen. Und der Freiheit des Tuns, sich über alle Normen und Gesetze hinwegzusetzen, um den eigenen Gedanken Form zu geben, sie in die Tat umzusetzen, auch wenn man anderen dadurch die Freiheit raubt. Gerade in unserer heutigen, von engen Moralbegriffen wieder stark im Denken  eingeschränkten Zeit ist dies ein lohnendes und sehr spannendes Thema.

Fazit: „Unter der Haut“ ist der definitive Roman für alle bibliophilen Schöngeister, Freidenker und Genießer anspruchsvoller, gut gemachter Literatur, die einen sehr gut unterhält, aber weit davon entfernt ist, bloß Unterhaltungsliteratur zu sein.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Hörbuch Hamburg Verlag (HHV)
Sprecher: Rheinhard Kuhnert und Julian Mehne
17 h, 24 Minuten
Erhältlich bei: audible (Hörprobe)

Print: Berlin Verlag
528 Seiten, 22,00 €

 

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

9

Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h

Frank Witzel – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion… (Hörbuch)

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…durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969.

Das Buch habe ich schon seit mehr als zwei Jahren im Regal stehen. Es war damals mein Favorit beim großen Wettbewerb und ich habe mich sehr gefreut, dass es den Preis bekommen hat. Warum kann ich gar nicht so genau sagen, denn gelesen hatte ich es nicht. Der Autor war mir irgendwie sympathisch, die anderen Nominierten eher weniger, die Geschichte klang interessant, und diesen knapp Tausendseiter zu lesen, erschien mir als ein spannendes Projekt, eine Herausforderung der man sich mal stellen sollte.

Es gib ja Menschen, die vertreten den Standpunkt, dass man sich auf Literatur einlassen sollte; dass es der Leser ist, der sich annähern muss und nicht das Werk. Dass ein Buch sich sträuben und Böcke schlagen darf wie ein Wildpferd. Solche Menschen sind vielleicht auch davon überzeugt, dass es eine Kunst des Lesens gibt und dass der, der diese Kunst nicht nur irgendwie, sondern wahrhaft beherrscht, dass sich dieser Meisterleser alles erschließen kann – den Ulysses, den Mann ohne Eigenschaften, Zettels Traum und natürlich auch den manisch depressiven Teenager. Das kann man so sehen, und bis zu einem gewissen Punkt teile ich diese Meinung sogar. Nur leider bin ich trotz jahrelanger Übung in dieser besonderen Kunst des Lesens keinen Schritt weitergekommen. Ich lese immer noch irgendwie, lasse mich von sperrigen und Kapriolen schwingenden Seiten aus der Bahn werfen, von endlos nichtssagenden Passagen zu Tode langweilen, von wirren, unzusammenhängenden Sätzen zum Aufgeben und Scheitern provozieren.

Und so war es beinahe auch bei Witzels preisgekröntem „Teenager“. Nur diesmal bin ich nicht gescheitert. Ich habe mich von diesem wilden und sperrigen Buch nicht abwerfen lassen und mir von vorne bis hinten alles reingezogen. Natürlich habe ich gelitten, zweitausendmal mit den Augen gerollt, hatte schwache Momente und war dem Scheitern nah. Aber es gab auch ein paar Passagen, die mich aufatmen ließen, die stellenweise richtig gut und einige, die gar nicht so schlecht waren, aber eben auch nicht wirklich gut. Wie ich schon auf Instagram schrieb, macht es aber keinen echten Spaß, es packt einen nicht, es fordert nur, macht Arbeit. Frank Witzels „Teenager“ ist eine echte literarische Zumutung. Ich tippe mal, dass nur ca. 10 Prozent derjenigen, die das Buch angefangen haben, es letztlich auch zu Ende gelesen haben. Ich habe es gar nicht erst mit dem gedruckten Buch probiert, sondern mich gleich für das Hörbuch entschieden. Gekürzt auf knapp 13 Stunden und vom Autor höchstpersönlich gelesen. An die eintönig lispelnde Autorenstimme konnte ich mich bis zum Schluss nicht gewöhnen, aber ich habe mich gefügt, es zugelassen, so wie ich auch alles andere an diesem Werk zugelassen habe: den fehlenden roten Faden, die unklaren Zeitsprünge, diesen nicht enden wollenden, nervtötenden Monolog. Aber ich habe durchgehalten, habe mich gezwungen dran zu bleiben, wollte wissen, ob ich am Ende für meine Hörarbeit belohnt werde, ob sich irgendeine Art von Katharsis einstellt. Aber nichts davon. Kein Genuss, keine Erkenntnis. Es waren einfach nur dreizehn sich ins Endlose ziehende Stunden mit einem Text, der mich nicht erreicht hat und einem Autor mit einem Sprachfehler.

Das war also der beste Roman des Jahres 2015. Und ich kleiner Idiot stehe da, schüttele nur mit dem Kopf und frage mich mal wieder, ob ich einfach zu schlicht und zu grob gestrickt bin, um das Besondere, das Preiswürdige an solchen Werken zu erkennen. Fehlt mir das Fachwissen, die Ausbildung, die künstlerische Aufgeschlossenheit? Ist es eine besondere Gabe, ja vielleicht diese oben beschriebene Kunst des Lesens, die mir abgeht? Oder fehlt mir einfach die Zeit, mich mit dieser Sülze zu beschäftigen, nur um am Ende sagen zu können: Oh, was für ein grandios megalomanisches Stück Literatur, geschrieben in einem knapp 15 Jahre dauernden, existenziellen Furor; ein Werk, das eine ganze Epoche einfängt, in disparaten Formen, im maßlosen Wechselspiel zwischen Wahn und Witz.

Das blöde ist, wenn ein Buch erstmal derart ausgezeichnet wurde, sich die gesamte Intelligenzia damit beschäftigt und in Lobeshymnen ergangen hat, steht man schon als ziemlicher Depp da, wenn man so gar nichts damit anzufangen weiß. Vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit, für diese Art von Literatur, stecke noch zu sehr in dieser Business-Denke, wonach alles, mit dem man sich beschäftigt, für irgendetwas nützlich sein muss. Time is money – komm zum Punkt und labere nicht rum. Wenn du mir was zu sagen hast, lieber Frank Witzel, dann sag es, aber raub mir nicht meine kostbare Zeit. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht eitel genug, mich mit so einem Angeberbuch zu schmücken, es mir ins Regal zu stellen, neben den Ulysses und den Mann ohne Eigenschaften und scheinheilig zu behaupten, dass es natürlich keine einfache Lektüre und nicht für jedermann geeignet ist, dass man sich schon einlassen muss auf diesen megalomanischen Roman und seinen existenziellen Furor.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein blöder Blogger, der keine Ahnung hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Mattes & Seitz
817 Seiten, 29,90 €

Hörbuch: Audiobuch Verlag OHG
12 h, 40 min, gekürzte Version, gesprochen von Frank Witzel
erhältlich bei Audible

Matthew Weiner – Alles über Heather (Hörbuch)

Es gibt in der Literatur kaum ein spannenderes und gleichzeitig dankbareres Thema als die Familie. Dort hat alles seinen Ursprung, nimmt seinen Lauf, gibt Halt und Geborgenheit, hält gefangen, verstößt, versaut und versöhnt. Daher kommen wir, und daraus flüchten wir. In der Familie finden wir das höchste Glück und erfahrenen den tiefsten Schmerz. Es gibt so viele Facetten, so viel daraus resultierendes Schicksal, dass das Thema niemals langweilig wird und jeder sich damit beschäftigende Roman seine Berechtigung hat. So auch Matthew Weiners kleiner Familienroman „Alles über Heather“.

Vorweg sei gesagt, dass das, was immer ehrfurchtsvoll erwähnt wird, wenn über diesen Autor gesprochen wird – dass Matthew Weiner nämlich der Erfinder, Produzent und Regisseur der Fernsehserie „Mad Man“ sein soll – mir so gar nichts sagt. Ich lehne ja TV-Serien aus Prinzip ab und konnte mich daher vollkommen ehrfurchtslos, wenn auch nicht ganz vorurteilsfrei mit diesem Werk beschäftigen. Und was soll ich sagen? Ich fand’s richtig gut.

Man lauscht der Geschichte von Mark und Karen Breakstone, einem New Yorker Upper-Class Pärchen, das mit seiner Tochter Heather in einem vornehmen Appartementhaus am Central Park wohnt. Wie es heutzutage in modernen Bildungsbürger-Kleinfamilien üblich ist, dreht sich auch bei Familie Breakstone alles um den Nachwuchs. Heathers Ansprüchen muss sich jeder unterordnen; nichts ist Mark und Karen wichtiger, als alles für das Wohlergehen und die Entwicklung ihrer Tochter zu tun. Wenn nicht mehr der Partner, sondern eine kleine zickige Prinzessin im Mittelpunkt steht, die gekonnt Vater gegen Mutter ausspielt, wundert es kaum, dass irgendwann die Ehe in die Brüche geht. Aber Mark und Karen bleiben zusammen – natürlich wegen Heather. Lieber unglücklich zusammen sein, als dem Kind die Familie nehmen.

Und dann ist da noch eine Parallelhandlung, die eine ganz andere Welt aufzeigt. Irgendwo im benachbarten New Jersey bricht ein junger Kerl namens Bobby Klasky aus seiner Familie aus, weil sie asozial, verkommen, unerträglich und schädlich ist. Ausbrechen ist eigentlich nicht der richtige Begriff. Bobby entledigt sich vielmehr seiner Familie. Und natürlich wird dadurch nicht alles gut, denn er nimmt alles Schlechte und Unerträgliche, was er bisher kennengelernt hat, mit in sein neues Leben. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn was soll schon aus einem Menschen werden, der weder geliebt noch gehasst wurde, der immer nur im Weg und überflüssig war? Dieser Bobby trifft eines Tages auf die wohlbehütete Heather. Und wie ihre Eltern darauf reagieren, kann man sich vielleicht denken, wird hier aber nicht verraten.

Eines möchte ich aber nicht unerwähnt lassen: Wer beim Bücherkauf darauf Wert legt, möglichst viel Literatur für sein Geld zu bekommen, wird hier definitiv enttäuscht. Beim gedruckten Produkt stehen einem Ladenpreis von 16 Euro gerade mal 144 magere Seiten gegenüber, was 11 Cent pro Seite entspricht. Nur mal zum Vergleich: Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ würde mit 1250 Seiten beim gleichen Seitenpreis sage und schreibe 137,50 Euro kosten. Das Hörbuch, das von Ulrich Matthes sehr passabel eingesprochen wurde, ist mit 3 Stunden Spieldauer (ungekürzt) für 13.95 € auch nicht gerade ein Schnäppchen.

Aber wer guckt schon bei guter Literatur auf den Preis? Wenn sie denn auch gut ist. Ich würde in diesem Fall sagen: Ja, sie ist es.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Random House Audio
03:01 h, 13,95 €
gesprochen von Ulrich Matthes

Printausgabe:
Verlag: Rowohlt
144 Seiten, 16,00 €
übersetzt von Bernhard Robben

Arno Geiger – Unter der Drachenwand (Hörbuch)

3

Was hätte ich wohl getan? Wie hätte ich mich verhalten? Das denke ich jedes Mal, wenn ich ein Buch lese oder höre, dessen Geschichte im Krieg spielt. Dabei ist es egal, ob Erster oder Zweiter Weltkrieg, Vietnam oder Jugoslawien – Elend ist Elend, Brutalität, Verzweiflung und Tod sind immer gleich fürchterlich. Krieg ist nunmal Krieg, und ich bin so unendlich froh, dass ich das noch nie am eigenen Leib erleben musste. Und doch habe ich eine leise Ahnung davon, kann mir vorstellen wie es sich anfühlt, wie es schmerzt, wie es ist, wenn das eigene Leben am seidenen Faden hängt.

Lass es hundert oder zweihundert Kriegsromane sein, die ich bereits gelesen habe, dazu kommen bestimmt noch einmal genau so viele Filme – ich suche nicht danach, es geilt mich nicht auf, ich gehe dem Thema aber auch nicht aus dem Weg. Im Krieg passiert das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun können. Und deswegen ist es gut, dass es zu dem Thema immer wieder neue Romane gibt, die uns den Spiegel vorhalten und uns zwingen, darüber nachzudenken, wie man sich wohl selber verhalten hätte, damals im Krieg.

Arno Geigers neuer Roman „Unter der Drachenwand“ bietet genügend Stoff zum Nachdenken. In Tagebucheinträgen und Briefen schildert er wunderbar dicht und bedrückend atmosphärisch vier Kriegsschicksale, wie sie der zweite Weltkrieg unzählig ins Gedächtnis und die Herzen unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern gebrannt hat. Und obwohl man das alles irgendwo schon mal gelesen und gehört hat, ist nichts redundant, keine einzige dieser Geschichten wie die andere und jede für sich erzählenswert.

Im Mittelpunkt steht der österreichische Stabsgefreite Veit Kolbe, der 1944 verletzt vom Russland-Feldzug in sein Wiener Elternhaus zurückkehrt. Fünf Jahre hat er an der Ostfront alles mitgemacht und ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch schwer verletzt. Weil er das linientreue Geschwafel der Eltern nicht länger ertragen kann, flüchtet er in das vom Krieg noch weitgehend verschonte Salzburger Land. Am Mondsee unter der Drachenwand, wo sein Onkel als Dorfpolizist tätig ist, bezieht Veit auf einem landwirtschaftlichen Hof Quartier.

Doch auch wenn die Geschwader der Alliierten über Mondsee nur hinwegfliegen und ihre Bomben erst ein paar Kilometer weiter in den Metropolen des Reichs abwerfen – der Krieg ist in dem kleinen Bergdorf trotzdem allgegenwärtig. Da ist diese landschaftliche Idylle, der See, die intakte Natur – alles könnte so schön sein, aber trotzdem ist alles schrecklich, denn es ist Krieg. Auch wenn keine Bomben fallen, keine Panzer durchs Dorf rollen und keine Schüsse fallen – der Krieg ist in den Köpfen, kommt übers Radio und Briefe ins Dorf.

Es kann uns Menschen noch so schlecht gehen, irgendwie schaffen wir es immer wieder, auch in düstersten Stunden Hoffnung zu schöpfen und uns zum Weitermachen zu motivieren. Menschen sterben wie die Fliegen, aber zur selben Zeit verlieben sich auch welche, zeugen Kinder und sorgen dafür, dass es irgendwie weitergeht. Das alles passiert auch im Jahre 1944 unter Arno Geigers Drachenwand. Dieser Roman ist so übervoll mit Menschlichem, dass man immer mal wieder Pause machen muss, um Atem zu holen, sich zu schütteln und sich darüber klar zu werden, dass das alles schon 74 Jahre her ist.

Fast ein ganzes Menschenleben ist mittlerweile vergangen. Seither ist ununterbrochen Frieden, zumindest hierzulande. Wenn heutzutage die Sirenen heulen, ist es lediglich Samstag Mittag. Keiner muss mehr in irgendwelche Keller flüchten. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt; Krieg und Konzentrationslager werden uns nicht mehr passieren, so meine Überzeugung. Doch dann lese ich in der Westdeutschen Zeitung, dass hier in Krefeld ein Bundestagsabgeordneter dazu aufgerufen hat, Geschäfte von Türken zu boykottieren.

Und plötzlich liegen der Mondsee und die Drachenwand mitten im heimischen Krefeld. Noch ist alles friedlich, aber in der Ferne hört man schon die Flugzeuge.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: HörbuchHamburg
Gesprochen von: Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann und Torsten Flassig
14 h 22 Minuten, 14,99 €
Erhältlich bei: audible.de (Hörpobe)

Verlag Printausgabe: Hanser
480 Seiten, 26,00 €

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann (Hörbuch)

4

So schrecklich ist es nun auch wieder nicht, entschied ich und hörte auch noch die restlichen vier Stunden vom Hörbuch. Vor einem Monat hatte ich es mittendrin schimpfend und entnervt abgebrochen, fand alles an diesem Werk vollkommen unerträglich – die Geschichte an sich, die Erzählweise, die billigen Metaphern und Wortspiele, die einfallslose Sprache. Und auch Sandra Hüller als Sprecherin hat mich nicht überzeugt.

Dabei hatte ich mir anfänglich so viel davon versprochen. Denn meiner Wahrnehmung nach schien Marianna Lekys Westerwaldroman das ultimative Lieblingsbuch der Blogs im Jahr 2017 zu sein. Immer wieder wurde in Verbindung mit diesem Titel der Begriff „Herzensbuch“ bemüht. Das allein hätte mich eigentlich schon aufhorchen lassen müssen, aber wie das nunmal so ist – nicht immer ist man voll konzentriert bei der Sache und so hängt man mir-nichts, dir-nichts in etwas drin, bei dem man sich unwillkürlich fragt: Was habe ich hier eigentlich verloren?

Hinzu kommt, dass ich als Hörbuch-Neuling immer noch etwas unsicher und skeptisch meinem eigenen Urteil gegenüber bin. Ist es das Medium an sich, die Sprecherin, meine Unkonzentriertheit beim Zuhören oder ist es doch das geschriebene Buch, das nicht funktioniert oder gefällt? Während ich beim Lesen nach ca. 50-100 Seiten Bescheid weiß, brauche ich beim Hören etwas länger für ein erstes Urteil. Als ich dieses Hörbuch vor ein paar Wochen nach der Hälfte unterbrach und bei Facebook offen meine Verwunderung über das Machwerk zum Ausdruck brachte, wurden erstmals auch kritische Stimmen laut. Das wunderte mich einerseits, beruhigte mich aber auch, stand ich doch demnach nicht allein mit meinem Urteil. Komischerweise habe ich aber bisher noch keinen echten Verriss gelesen.

Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Hört denn zum Beispiel keiner, dass Frau Leky überhaupt keine Dialoge schreiben kann? Das ganze Buch hindurch ist es ein quälend-hölzernes Hin und Her. Wie ein Schulkind fügt die Autorin eine wörtliche Rede an die andere, säuberlich getrennt von den ewig gleichen Zuordnungen in Form von ‚sagte er‘ und ‚sagte sie‘. „Das stimmt doch gar nicht“, sagte Selma. „Natürlich stimmt das“, sagte Luise. „Ich kann das nicht beurteilen“, sagte der Optiker. So geht es in einer Tour. Der eine sagt dieses, der andere sagt jenes. Keiner behauptet mal etwas, meint, führt an oder widerspricht – nein alle Romanfiguren können ausschließlich nur etwas ‚sagen‘.

Und dann diese peinlichen Metaphern. Allen voran das alberne Okapi, die knarzende Lederjacke des Therapeuten oder das Herz des Blauwals. Man muss das alles nur oft genug wiederholen, dann ist es mit soviel Bedeutung aufgeladen, dass das Bild auch den letzten Herzensbuch-Leser erreicht. Oder diese elenden Wortspiele: „Der Optiker verlor die Stimmen nicht, aber die Stimmen verloren den Optiker“. Da will man sofort eines dieser farbigen Post-It-Fähnchen an die Stelle kleben, damit einem dieses Bonmot auch ja nie mehr verloren geht.

Ich weiß nicht, warum ich überhaupt nach einem Monat Pause noch einmal reingehört und das Elend tatsächlich bis zum Ende durchgehalten habe. Es wurde noch viel gesagt, aber es wurde nicht besser. Für zusätzlichen Verdruss sorgte die Sprecherin des Hörbuchs, die einem bedeutungsschwanger mit den Metaphern winkend, einen Satz nach dem anderen mit tiefer Betroffenheit aufgeladenen ins Ohr träufelte.

Nach ca 10 bis 15 guten Erfahrungen war dies meine erste Hörbuchpleite. Ich bin sicher, dass dieses Westerwald-Märchen auch in der Printversion kein Herzensbuch von mir geworden wäre.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Printausgabe: DuMont
Hörbuch: tacheles!/Roof Music.  Erhältlich bei Audible
Länger: 8 h, 1 min
Gelesen von Sandra Hüller