Sophie Passmann – Alte weiße Männer (Hörbuch)

5

Ich wollte mal kurz reinhören, nur so zum Spaß und eigentlich auch nur, um meine Vorurteile gegenüber dem radikalen Feminismus bestätigt zu bekommen. Und natürlich fühlte ich mich auch vom Titel angesprochen, bzw. provoziert, denn dass ich als alter weißer Mann wahrgenommen werde und damit das erklärte Feindbild der Netzfeministinnen bin, das weiß ich schon lange. Natürlich kenne ich auch Sophie Passmann, allerdings nur dem Namen nach. Ich folge ihr weder auf Twitter noch habe ich sonst irgendetwas über sie gelesen. Ihre genauen Ansichten und Standpunkte kenne ich kaum. Alles was ich weiß, beziehungsweise mutmaße, ist, dass sie eine dieser unentspannten und dauerempörten, jungen Netzfeministinnen ist und man sich mit ihr lieber nicht anlegen sollte.

Maximal zehn Minuten, mehr Radikal-Feminismus hältst du sowieso nicht aus, dachte ich mir. Doch von wegen; am Ende habe ich mir das ganze Hörbuch angehört, und war weder augenrollend genervt, noch beleidigt und empört, sondern durchaus interessiert, angenehm überrascht, inspiriert und fühlte mich dazu noch sehr gut unterhalten. Das muss man erst mal schaffen, jemanden mit einer Antihaltung, wie ich sie hatte, abzuholen und wenn auch nicht komplett umzukehren, so doch zumindest mitzunehmen.

Und natürlich weiß ich auch, dass so ein von der falschen Seite kommender Applaus Gift für Passmanns Feministinnen-Credibility ist. Wenn einer wie ich, der zwar für Geschlechter-Gleichberechtigung einsteht, aber radikalen Feminismus eher unsympathisch findet – also aus Feminist*innen-Sicht ein Macho-Arschloch ist oder eben ein alter weißer Mann – wenn so jemandem dieses Buch gefällt, was tatsächlich der Fall ist, dann kann das ja nur Mainstream-Feminismus sein – zu lasch, zu wenig radikal, nicht fordernd genug, zu verständnisvoll und anbiedernd. Gut möglich, aber ich nehme mal an, dass es der Autorin nicht darum ging, Applaus aus der eigenen Blase zu bekommen, sondern auch mal die Gegenseite für bestimmte Botschaften empfänglich zu machen. Zum Beispiel, wie man es vermeiden kann, ein alter weißer Mann zu werden.

Und genau das hat sie erreicht. Zumindest bei mir und wahrscheinlich auch bei den 16 mehr oder weniger alten weißen Männern, mit denen sie im vergangenen Sommer gesprochen hat. Allein die Auswahl der Gesprächspartner hat mich begeistert. Von Sascha Lobo über Robert Habeck, Ulf Poschardt, Peter Tauber, Kevin Kühnert, Micky Beisenherz bis zu Rainer Langhans war alles dabei. Selbst ihren eigenen Vater hat Sophie Passman nicht verschont. Und obwohl es immer wieder um den Feminismus und die Rolle des alten weißen Mannes ging, gab es kaum Wiederholungen, hat jedes Gespräch wieder neue, interessante Aspekte aufgezeigt. Passmann hat sich nicht darauf beschränkt, die mit dem Diktiergerät protokollierten Interviews sauber zu transkribieren, sondern hat jeden Dialog, jeden Interviewpartner und auch die Gesprächsumgebung sehr persönlich und überaus humorvoll kommentiert. Das ist vielleicht journalistisch nicht ganz sauber, aber dem Buch hat es gut getan. Sehr gut sogar, denn von Kapitel zu Kapitel, von Gespräch zu Gespräch, wurde mir die Autorin immer sympathischer.

Was generell immer verständnisfördernd ist: wenn Menschen auch mal über sich selber lachen können. Passmann ist zwar mit vollem Ernst bei der feministischen Sache, nimmt sich als Person aber nicht so furchtbar wichtig und kommentiert ihre eigene Rolle mit einer angenehm ironischen Distanz. Bemerkenswert fand ich auch die Höflichkeit und den Respekt, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnete, auch wenn das Gegenüber politisch und weltanschaulich aus dem komplett anderen Lager kam und stellenweise abstruse Thesen wie Rainer Langhans vertrat. Das alles hat dazu geführt, dass ich im Verlauf des Hörbuches alle Vorbehalte und Ressentiments beiseite schob, mich offen auf die Argumentation einließ und bei dem ein oder anderen Gespräch in Gedanken sogar mit diskutierte. Ja, ich hatte auf einmal Spaß an der Feminismus-Debatte, verstehe bestimmte Standpunkte jetzt besser und kann sogar nachvollziehen, warum Feminismus manchmal auch radikal und kompromisslos sein muss.

Was für mich im Verlauf der Gespräche aber immer deutlicher wurde, ist, dass das Thema derart komplex und vielschichtig ist und von so vielen Faktoren wechselseitig beeinflusst wird, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Bestes Beispiel ist das Thema „Frauenquote“. Eigentlich eine gute Sache und angesichts der immer noch männlich dominierten Strukturen in den Unternehmen mehr als dringend notwendig. Andererseits stellt sich immer auch die Frage, ob durch gesetzliche Vorgaben und eine quasi erzwungene Gleichberechtigung per Quote, dem Feminismus nicht doch ein Bärendienst erwiesen wird. Oder die ständige Gefahr in eine der zahlreich ausliegenden Sexismus-Fallen zu tappen. Wie ist es, wenn man sagt, dass man im Job lieber mit Frauen als mit Männern zusammenarbeitet? Ist das schon sexistisch, wenn man überhaupt Unterschiede benennt, wie z.B. die bessere Team- und Kommunikationsfähigkeit von Frauen? Ist der Feminismus erst am Ziel, wenn Geschlechterunterschiede irgendwann überhaupt keine Rolle mehr spielen? Ist das überhaupt in allen Belangen sinnvoll? Und kann man das dann wieder trennen, wenn es privat wird und auf einmal sogar Liebe im Spiel ist?

Ich als Mann bin beim Thema Feminismus, wie einige andere auch, sehr verunsichert, habe viele Fragen und bekomme kaum Antworten. Das mag wohl auch daran liegen, dass Antworten gar nicht zu mir durchdringen, weil mich oftmals die Form und Rhetorik feministischer Argumentation schon abstößt. Bei diesem Buch war das anders. Ich habe erstmals richtig zugehört, einiges endlich verstanden, über Privilegien nachgedacht und mich selber gefragt, wieviel ich in meinem Leben wohl der Tatsache zu verdanken habe, dass ich ein Mann bin. Allein dafür bin ich Sophie Passmann schon dankbar.

Ich werde wohl niemals mehr Feminist, was für mich durchaus ok ist. Aber vielleicht kann ich in Zukunft etwas dafür tun, als Mann älter zu werden, ohne ein alter weißer Mann zu sein. Vielleicht.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
tacheles!/ Roof Music
Spieldauer: 5 h, 17 Min
Gesprochen von der Autorin

Print:
Verlag: KiWi-Taschenbuch
304 Seiten, 12,00 €

T.C. Boyle – Das Licht (Hörbuch)

9

Ich gestehe, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von T.C. Boyle gelesen. Und warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Eine Zeitlang habe ich ihn mit William Boyd verwechselt, wahrscheinlich wegen dem ähnlich klingenden Nachnamen und dem Bestsellerautor-Status, den beide zweifelsohne haben. Und dann bin ich ja auch noch so ein furchtbar oberflächlicher Schubladen-Typ, der sich von Vorurteilen leiten lässt und alles und jeden nach dem ersten Anschein kategorisiert und wegsortiert. Und T.C. Boyle klang in meinen Ohren allein von Namen her immer irgendwie nach dem Pseudonym eines Trivialautors, so wie Perry Rhodan, Sidney Sheldon oder Poppy J. Anderson – also eher uninteressant.

Seit ich aber über Bücher blogge und mit vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern vernetzt bin, ist mir natürlich aufgefallen, dass Boyle weder Boyd noch trivial ist. Ich registriere sehr wohl den Hype, der um jedes neue Buch gemacht wird, die ausverkauften Lesearenen, die stolz im Social Web präsentierten Selfies mit Buch oder Autor. Natürlich hat das mein Interesse geweckt, doch irgendwie war mir der Aufstand, der um diesen Autor gemacht wird, schon wieder ein wenig ‚too much‘, so dass ich beschloss, jetzt nicht auch noch auf diesen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch dann kam wieder alles ganz anders. An dem Umstand, dass ich bis heute noch kein einziges Boyle-Buch gelesen habe, hat sich allerdings nichts geändert. Denn „Das Licht“ habe ich nicht gelesen, sondern mir von Florian Lukas vorlesen lassen. Und diese grandiose Erfahrung hat mich innerhalb von 14 Stunden zum absoluten T.C. Boyle-Fan gemacht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Roman alles in mir ausgelöst hat, welch intensive Gedanken mir beim Zuhören durch den Kopf gegangen sind. Auch jetzt, eine Woche nachdem ich es beendet habe, lassen mich ‚Set und Setting‘ der Geschichte nicht los. Erst habe ich bei Google nach Bildern von Timothy Leary, Dick Alpert und dem Hitchcock-Anwesen in Millbrook gesucht, dann bei Youtube die BBC-Dokumentation „Ein Professor auf LSD“ (siehe unten) angeschaut. Danach habe ich mir das erste Beatles-Album noch mal angehört und mir auch ein paar Sitar-Sessions von Ravi Shankar reingezogen. Nur eingeschmissen habe ich mir nichts. Das brauchte ich auch nicht, denn der Roman, für den Boyle historische Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft, hat mich allein schon total kirre gemacht.

Die Geschichte startet im Jahre 1943 in Basel, wo der beim Chemiekonzern Sandoz angestellte Grundlagenforscher Dr. Albert Hofmann den ersten Selbstversuch mit einer neuen Substanz namens Diethylamid LSD macht. Nach diesem bereits sehr stimmungsvollen Intro switched die Geschichte zwanzig Jahre weiter und landet in den 1960er Jahren in den USA, ganz konkret im Bostoner Vorort Cambridge. An der dortigen Harvard-University tritt der Psychologie-Student Fitz eine Promotionsstelle bei dem charismatischen Dr. Leary an. Leary experimentiert auf wissenschaftlicher Basis mit den psychoaktiven Substanzen Psilocybin und LSD 25, die er legal von Sandoz zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt bekommt. Er erforscht die Wirkung der Drogen nicht nur an studentischen Probanden, sondern in erster Linie auch an sich selbst und behauptet, dass ein einziger Trip mit diesen Substanzen ihm mehr über die menschliche Psyche verrät, als 5 Jahre Psychologie-Studium.

Leary ist eine beeindruckende Persönlichkeit und avanciert schnell zum Wissenschaftsstar, der viele Anhänger um sich schart. Auch Fitz und seine Frau Joannie werden in den inneren Kreis aufgenommen, womit sie an den regelmäßigen Drogen-Sessions teilnehmen können. Das ursprüngliche Forschungsprojekt entwickelt sich weiter, aus den Case-Studies wird eine Art Lebensentwurf. Auf Trip gehen heißt, sich selber finden, neue Dinge zu denken, neue Dinge zu sehen und in innere Sphären vorzudringen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die Gruppe um Leary und Alpert sieht sich als Entdecker neuer Welten, als Psychonauten und gilt als eine der weltweit ersten Hippie-Kommunen.

Die Beat-Generation, die Gruppe um Leary und später dann die Hippies – das alles klingt nach längst vergangenen, mittlerweile historischen Strömungen, die mit unseren heutigen Lebensrealitäten so gar nichts mehr zu tun haben. Doch an der Sehnsucht vieler Menschen nach einem selbstbestimmten und von allen Konventionen befreiten Leben hat sich auch heute nichts geändert. Und noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass bewusstseinserweiternde Substanzen jedweder Art, der Schlüssel dazu sind. Und so faszinierend sich die Berichte vom ungezwungenen Drogen-Camp im mexikanischen Zihuatanejo mit Sonne, Meer, Margerithas und freier Liebe auch anhören – ganz besonders im Vergleich zu unseren heutigen, eher puritanisch anmutenden Lebenswelten – all diese Projekte sind gescheitert und die Leben der Protagonisten sind weder freier noch einen Deut selbstbestimmter geworden.

Und so könnte es durchaus sein, dass das Fazit der ehemaligen Psychonauten Fitz, Joannie, Ken, Nancy, Lori und Fanchon am Ende wie eine dieser Sprüche-Tafeln bei Facebook klingt: Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Ja, war geil!

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Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Der Hörverlag, Spieldauer 14 h, 25,95 €
Gelesen von Florian Lukas

Print:
Verlag: Hanser
384 Seiten, 25,00 €

Für alle, die sich Hier die BBC-Dokumentation zu Timothy Leary:

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Charles Dickens – Große Erwartungen (Hörbuch)

Als ich den Sprecher, dessen Name mir zunächst gar nichts sagte, die ersten zwei Sätze vorlesen hörte, war es um mich geschehen. Das gibt es doch gar nicht. Das ist Hans Paetsch? Natürlich kenne ich den. Mit dieser Stimme bin ich groß geworden! Der Struwwelpeter, Hänsel & Gretel und Rumpelstilzchen – der sonore Klang dieses großen deutschen Märchenonkels war auf nahezu all meinen Lieblings-Hörspielplatten zu hören. Ich habe sie rauf und runter gespielt, kenne jeden Satz noch immer auswendig und verbinde damit so viel Schönes. Ich sehe mich im Wohnzimmer meiner Großeltern sitzen, sehe den Plattenspieler, der mit den Röhrenradio verbunden war, höre meine Oma den Abwasch machen, meinen Opa mit der Bild-Zeitung rascheln.

Und jetzt nach all den Jahren begegne ich dieser so vertrauten und geliebten Stimme also wieder und weiß gar nicht, ob ich das so gut finde. Denn ich kann das gar nicht trennen von all den Erinnerungen. Für mich ist und bleibt das mein Märchenonkel. Und tatsächlich brauchte ich eine Weile, bis ich meine Kindheitserinnerungen wieder wegpacken und mich auf Hans Paetsch als Sprecher von Charles Dickens großem Entwicklungsroman einlassen konnte. Er macht das gut, keine Frage, wenn auch etwas überakzentuiert, was in heutigen Ohren ein wenig oldschool klingt. Aber die Aufnahme ist ja auch von 1989 und Hans Paetsch schon seit nunmehr 17 Jahren tot.

In „Große Erwartungen“ erzählt Dickens die Geschichte von Pip, einem Waisenjungen, der bei seiner älteren Schwester und ihrem Mann, einem Schmied aufwächst. Von einem unbekannten Wohltäter wird ihm vollkommen unerwartet ein hohes Vermögen vermacht, verknüpft mit der Bedingung, sich in London zum Gentleman ausbilden zu lassen. Pip ergreift die Chance, müht sich redlich, ein feiner Herr zu werden, bleibt aber innerlich zerrissen. Hier seine einfache Herkunft, dort die großen Erwartungen.

Als Leser leidet man richtig mit, fühlt die Zerrissenheit des Helden am eigenen Leibe. Aber noch beeindruckender als dieses Gefühl sind die tragenden Figuren dieses Romans, die einem nach über 21 Stunden Hörgenuss nahezu bildlich und gestochen scharf vor dem inneren Auge erscheinen. Von Hans Paetsch so eindrucksvoll zu Gehör gebracht, dass man glaubt, sie nie wieder vergessen zu können. Wie zum Beispiel die alte Miss Havisham, Pips vermeintliche Wohltäterin, die nach einer enttäuschten Liebe den Rest ihres Lebens im Dunkeln verbringt. Oder die eiskalte Schönheit Estrella, die seine Liebe aufgrund ihrer Kaltherzigkeit nicht erwidern kann. Und nicht zuletzt sein liebevoller Ziehvater Joe Gargerey, der Schmied, den Pip trotz aller Liebe als nicht mehr standesgemäß empfindet und zurückweist.

Es ist ein wunderbarer Roman, der nicht umsonst zu den großen Klassikern der Weltliteratur zählt. Man lauscht der Märchenonkel-Stimme und taucht regelrecht ein ins England des 19. Jahrhunderts, hört die Kutschen durch die Straßen fahren, riecht den Dreck in der Gosse. Perfekt aufgebaut, erzählerisch grandios, nicht eine Minute langweilig und im Vergleich zu den oftmals enttäuschenden neuzeitlichen Gesellschaftsromanen einfach um Längen besser.

Also: Lest und hört wieder mehr Dickens. Es lohnt sich.

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Foto: Gabriele Luger

Deutscher Audio-Verlag / NDR 1989
2 Bände: 21 Stunden
Gesprochen von Hans Paetsch

 

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Sehenswert: Ein NDR-Bericht über Deutschland großen Märchenonkel Hans Paetsch aus dem Jahre 1998.

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Auch sehenswert: Der Trailer zur Neuverfilmung des Dickens-Klassikers aus dem Jahr 2012 mit Jeremy Irvine in der Hauptrolle.

Kazuo Ishiguro – Der begrabene Riese (Hörbuch)

Ja, es ist ein Märchen. Und noch nicht mal ein modernes, sondern eines, das im 5. Jahrhundert spielt; mit tapferen Rittern, wilden Kobolden, Menschenfressern und furchterregenden Drachen. Alles, was so gar nicht meins ist. Aber ich habe mir weder Augen und Ohren zugehalten noch bin ich schreiend weggerannt. Stattdessen habe ich mich für mehr als dreizehn Stunden entführen lassen, der beruhigenden und facettenreichen Stimme von Gert Heidenreich gelauscht und wieder einmal festgestellt, dass die Romane von Kazuo Ishiguro auf ganz besondere Art meine Seele berühren.

Ok, vielleicht ist das etwas zu vorschnell und pauschal geurteilt, denn ich kenne neben diesem Roman aus dem Jahr 2015, der jetzt bei Random House Audio als Hörbuch erschienen ist, eigentlich nur noch Ishiguros Klassiker „Was vom Tage übrig blieb“. Gerade habe ich mir noch mal die Verfilmung aus dem Jahr 1994 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen angesehen, die übrigens hervorragend und sehr nah am Buch ist, und auch hier musste ich wieder mit den Tränen kämpfen.

Vielleicht ist es Ishiguros Sprache, dieser disziplinierte, altmodisch-unaufgeregte Erzählton, der einen auch in „Der begrabene Riese“ durch die Geschichte trägt, die Figuren sich entwickeln, Kontur gewinnen und sie einen letztendlich ganz fest ins Herz schließen lässt. So sehr, dass man jede Gefühlsregung der Helden förmlich miterlebt und erleidet und sich am Ende nur wieder schwer von ihnen trennen kann. Vielleicht ist es aber auch die Liebe, die der Autor für seine Protagonisten zu empfinden scheint.  Wie sonst könnte er sie mit so viel emotionaler Tiefe ausstatten, dass man als Leser nahezu vergisst, dass es sich nicht um Menschen aus Fleisch und Blut, sondern nur um ausgedachte Romanfiguren handelt. Wie auch immer – Ishiguro bringt etwas in mir zum Klingen.

So schlägt mein Herz von Anfang an für die beiden Hauptfiguren Axl und Beatrice, die sich am Ende ihres Lebens noch mal aufmachen, um ihren gemeinsamen Sohn und mit ihm ihre verlorenen Erinnerungen wiederzufinden. Beides haben sie durch den sogenannten Nebel verloren, der sich seit vielen Jahren über das ganze Land gelegt und die Vergangenheit scheinbar ausgelöscht hat. Das ganze Land leidet unter einer kollektiven Demenz, die jeden nur noch im hier und jetzt leben lässt. Was früher war, davon gibt es nur noch ein vage Ahnung. Und das ist einerseits Segen und Fluch. Denn so schön es auch ist, alle Verluste und Niederlagen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, keine Lasten mehr auf seinen Schultern zu tragen und unbeschwert in den Tag hinein zu leben, so unvollständig ist ein Mensch auch ohne seine Vergangenheit, egal wie schwierig und belastend sie auch war.

Das Thema hat Potenzial, ist interessant und erzählenswert, aber ich habe nur Augen und Ohren für Axl und Beatrice. Wie liebevoll die beiden miteinander umgehen, das ist einfach wunderschön mit anzuhören. So, ja genau so muss eine Beziehung sein. Etwas altmodisch, althergebrachte Rollenbilder zwar, aber für mich trotzdem ein Ideal. Denn in jedem Satz, in jeder Bewegung und Geste ist 100 Prozent Liebe. Und trotzdem, und das ist das Tragische, sind beide voller Zweifel. Die unbekannte Vergangenheit liegt wie ein klaffender Abgrund zwischen ihnen. Was, wenn sie sich nicht immer so geliebt haben wie jetzt? Wenn sie einander wehgetan und Dinge passiert wären, die man sich nicht verzeihen kann. Weiß man es? Warum ist zum Beispiel ihr Sohn nicht mehr bei Ihnen? Was hat ihn veranlasst, sie zu verlassen? Und, wird er sie nach all der Zeit überhaupt wiedererkennen und freudig und die Arme schließen?

Am Ende besiegen sie den Nebel des Vergessens und mit Ihnen erwacht das ganze Land aus seinem Dämmer. Und sofort stellt sich die Frage: Ist es jetzt vorbei mit dem auskömmlichen Miteinander von Sachsen und Britanniern, der gelassenen Friedfertigkeit jedes Einzelnen und auch der Liebe des alten Ehepaars? Und wie bei jedem guten Märchen ergibt sich am Ende auch hier eine finale Erkenntnis, eine Lehre, die man aus dem Erzählten zieht: Dass man die Vergangenheit nicht unbedingt braucht, um gut zu leben, dass man ohne sie sogar wesentlich glücklicher wäre. Doch um zu realisieren, dass man jetzt gerade glücklich ist, dafür braucht man wiederum die Vergangenheit. Ein Teufelskreis.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Random House Audio
13 h, 25 Min, gesprochen von Gert Heidenreich

Print Hardcover: Blessing,  416 Seiten 22,90
Heyne Taschenbuch, 416 Seiten, 9,99 €

 

Robert Menasse – Die Hauptstadt (Hörbuch)

1

Nicht immer war ich einverstanden. Doch im letzten Jahr schon. Da haben sie mal alles richtig gemacht, haben einen Roman prämiert, der, wie ich heute weiß, tatsächlich der beste des Jahres war. Denn darum geht es bei dem Wettbewerb. Nicht nur gut oder beliebt zu sein, sondern der Beste seiner Klasse. Dabei hat mich das Thema zunächst so gar nicht interessiert. Die europäische  Gemeinschaft, die Kommission, der Rat, das Parlament, Brüssel, ein alter Mann und ein Schwein. Also nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nie ein Fan von politischen Romanen. Und warum ein Schwein? Soll das etwa witzig sein?

Doch dann lachte mich das Hörbuch an. Du musst mich nicht lesen, flüsterte es mir zu. Hör mir einfach nur zu, solange du magst. Ein paar Minuten nur, vielleicht auch länger. Und dann entscheide, ob es dir gefällt, ob dir die Geschichte behagt, du Christian Berkels Stimme magst. Du weißt, das ist der Mann von der Sawatzki, der Kriminalist, immer Freitags im Zweiten – den magst du doch eigentlich, nicht wahr?

Und tatsächlich, den Berkel mag ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass er so gut lesen kann. Was heißt gut? Ich habe ja jetzt schon jede Menge gute Sprecher erlebt und Berkel ist definitiv einer der Besten. Nicht so prägnant wie Brückner und Noethen, einer, der sich nicht so in den Vordergrund drängt, den Text nicht toppen will. Ein in meinen Ohren sehr angenehmer Erzähler, in einer Liga mit David Nathan und Frank Arnold.

Und dann Menasse. Ich bin so beeindruckt von seinem Stil, dass ich mir bei Medimops jetzt alle Backlist-Titel von ihm bestellt habe. Der schreibt ja tatsächlich noch besser als seine Halbschwester Eva. Wenn ich einen Stift und ein echtes Buch auf den Knien gehabt hätte, statt einer Audiodatei und zwei Knöpfe im Ohr, ich hätte mir auf jeder zweiten Seite Sätze dick unterstrichen: bemerkenswerte Aussagen, treffende Personenbeschreibungen und beindruckende Dialoge. Man müsste sich solche Passagen eigentlich sofort notieren. Denn jetzt, wo ich das niederschreibe und versuche, mich wenigstens an einen dieser gehörten Sätze zu erinnern, gelingt es mir nicht. Zu flüchtig ist das gehörte Wort, zu begrenzt mein mentaler Arbeitsspeicher.

Aber auch wenn die Details verschwimmen, der positive Gesamteindruck bleibt. Und der ist so stark, dass ich mir vorgenommen habe, diesen Roman auch noch mal als echtes Buch zu lesen. Ich freue mich jetzt schon darauf, all die bemerkenswerten Sätze dann wiederzuentdecken und für alle Ewigkeit mit Bleistift zu markieren. Freuen tue ich mich auch auf ein Wiedersehen und -lesen mit den Protagonisten der Hauptstadt, die Menasse sehr detailfreudig aufgebaut hat. Der KZ-Überlebende David de Vriend, die Europa-Beamten Martin Susmann und Fenia Xenopoulou, der pensionierte Ökonomie-Professor Alois Erhart oder der kranke Kommissar Emile Brunfaut – sie alle hat man nach wenigen Sätzen leibhaftig vor dem inneren Auge und für immer ins Herz geschlossen.

Ich könnte mir sogar einen Fortsetzungsroman à la Vernon Subutex oder Elena Ferrante sehr gut vorstellen. Denn die von der Romanfigur Alois Erhart formulierte Idee einer europäischen Hauptstadt, womit – soviel sei verraten – nicht Brüssel oder irgendeine andere europäische Metropole gemeint ist, hat jede Menge Potenzial und bietet genügend Stoff für mindestens noch zwei weitere Bände der Hauptstadt.

Man merkt sicher, dass ich von diesem Roman ziemlich begeistert bin. Weil ich schon lange nicht mehr ein so intelligentes, hochaktuelles, berührendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch gelesen – pardon – gehört habe. Und das Bemerkenswerteste daran: Wenn ich jetzt Nachrichten über die EU sehe, höre oder lese, dann erreicht mich das ganz anders als vorher. Dann sehe ich hinter jeder Meldung Fenia, Martin und die ganze EU-Bürokratenschar – kleine, mittlere und große Rädchen im Getriebe der Macht.

Also, wenn Robert Menasse das hier lesen sollte: „Bitte schreiben Sie an der Hauptstadt weiter. Band 2 bestelle ich hiermit schon mal vor.“

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von Christian Berkel
14 h, 18 Minuten
Erhältlich bei audible: (Hörprobe)

Verlag Print: Suhrkamp
459 Seiten, 24 Euro gebunden, 12,00 Euro Taschenbuch

 

Gunnar Kaiser – Unter der Haut (Hörbuch)

3

Bei Instagram habe ich gesehen, dass er im Moment mit seinen Schülern auf Klassenfahrt in London ist. Und ich denke, wie froh und stolz ich gewesen wäre, wenn ich damals so einen Lehrer gehabt hätte. So jung und cool, so klug und inspirierend – einen Lehrer wie Mr. Keating aus dem Club der toten Dichter. Einen, der junge Menschen in die Welt der schönen Künste und des Geistes einführt, ihnen kritisches Denken beibringt, sie mit seiner Begeisterung für Literatur und Philosophie ansteckt.

Und wie cool muss es sein, wenn dieser Lehrer auch noch Internet-Star und Schriftsteller ist? Wer im Netz unterwegs ist und sich für Literatur interessiert, kommt nicht umhin, den Gymnasiallehrer, Vlogger und neuerdings auch Schriftsteller Gunnar Kaiser zu kennen. Ich folge ihm auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube und bewundere ihn dafür, wie eloquent, flüssig und aus dem Stegreif er über die kompliziertesten Dinge sprechen kann. Sein Themenspektrum ist breit und reicht vom aktuellen Literaturdiskurs über zeitlos philosophische Fragestellungen bis hin zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Kein Thema ist ihm zu heiß; je kontroverser etwas diskutiert wird, desto mehr scheint es seinen stets wachen Geist zu reizen. Und zu allem Überfluss kann er auch noch begnadet gut schreiben.

So spannend, vielschichtig, fein- und freigeistig die Persönlichkeit des Autors ist, so kommt auch sein Debütroman „Unter der Haut“ daher. Ein Buch, das man so schnell nicht vergisst. Ein Buch, das mit allem aufwartet, was ein moderner Bildungsroman haben muss. Der Plot, das Setting, die Charaktere – alles perfekt durchdacht und hergeleitet und zu 100 Prozent authentisch. Der Aufbau, die verschiedenen Erzählstränge, die literarischen und zeitgeschichtlichen Bezüge – das ist alles schon ziemlich perfekt komponiert.

Ich habe das Romanmanuskript bereits vor knapp zwei Jahren gelesen, als es vom Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski für den Blogbuster-Preis nominiert und auf die Longlist gesetzt wurde. Schon damals war mir klar, dass dieser Text etwas ganz Besonderes ist und auch ohne den Blogbuster veröffentlicht werden wird — werden muss. Jetzt habe ich mir auch noch das Hörbuch angehört und bin noch einmal mehr davon überzeugt, dass es sich hierbei um das definitive Buch handelt. Perfekt bis ins Detail. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann beim besten Willen keine Schwachstellen entdecken.

Der Roman hat drei Erzählstränge. Alle drei erzählen die Geschichte von Josef Eisenstein, eines neuzeitlichen Libertins, dem vielleicht letzten seiner Art. Der erste Strang spielt 1969 in New York, wo der schüchterne Literaturstudent Jonathan Rosen auf der Suche nach ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht eines Tages Eisenstein begegnet. Es ergibt sich eine Art Freundschaft, in der der alternde Dandy und Lebemann den jungen Jonathan in die Welt der schönen Dinge einführt. Als da wären: schöne Bücher und schöne Frauen. Der zweite Erzählstrang führt nach Weimar und Berlin, wo Eisenstein nach dem ersten Weltkrieg geboren und aufgewachsen ist. Der Judenverfolgung entgeht der vereinsamte und emotional vernachlässigte Junge durch einen Namenswechsel und entwickelt sich nach und nach zu einem bibliophilen Psychopathen, kriminellen Ästheten und skrupellosen Hedonisten. Und der letzte Strang führt uns ins Jahr 1990 über Israel, in die ehemalige DDR nach Argentinien, wo Jonathan hofft, seinen väterlichen Freund wiederzufinden.

Eine herrliche Geschichte, atmosphärisch dicht, sprachlich überzeugend und spannend bis zur letzten Seite. Ich habe mir zwar geschworen, den Vergleich zu Patrick Süskinds „Parfüm“ und Zafons „Schatten des Windes“ nicht zu bemühen, aber die Parallelen zu diesen Weltbestsellern sind einfach zu naheliegend, als dass man sie hier unerwähnt lassen könnte. Schnell steht der Vorwurf im Raum, der Autor habe aus dem Bestseller-Baukasten einen Erfolgsroman nach Schema F gezimmert. Doch „Unter der Haut“ ist mehr als nur eine spannende Unterhaltungsgeschichte für eine bibliophile Zielgruppe.

Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit. Der Freiheit des Geistes, der Möglichkeit, Dinge zu denken, ohne Einschränkungen und Grenzen. Das, was wir alle gerne könnten, uns aber entweder schon früh verbieten lassen oder selbst versagen. Und der Freiheit des Tuns, sich über alle Normen und Gesetze hinwegzusetzen, um den eigenen Gedanken Form zu geben, sie in die Tat umzusetzen, auch wenn man anderen dadurch die Freiheit raubt. Gerade in unserer heutigen, von engen Moralbegriffen wieder stark im Denken  eingeschränkten Zeit ist dies ein lohnendes und sehr spannendes Thema.

Fazit: „Unter der Haut“ ist der definitive Roman für alle bibliophilen Schöngeister, Freidenker und Genießer anspruchsvoller, gut gemachter Literatur, die einen sehr gut unterhält, aber weit davon entfernt ist, bloß Unterhaltungsliteratur zu sein.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Hörbuch Hamburg Verlag (HHV)
Sprecher: Rheinhard Kuhnert und Julian Mehne
17 h, 24 Minuten
Erhältlich bei: audible (Hörprobe)

Print: Berlin Verlag
528 Seiten, 22,00 €

 

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

9

Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h