Kazuo Ishiguro – Der begrabene Riese (Hörbuch)

Ja, es ist ein Märchen. Und noch nicht mal ein modernes, sondern eines, das im 5. Jahrhundert spielt; mit tapferen Rittern, wilden Kobolden, Menschenfressern und furchterregenden Drachen. Alles, was so gar nicht meins ist. Aber ich habe mir weder Augen und Ohren zugehalten noch bin ich schreiend weggerannt. Stattdessen habe ich mich für mehr als dreizehn Stunden entführen lassen, der beruhigenden und facettenreichen Stimme von Gert Heidenreich gelauscht und wieder einmal festgestellt, dass die Romane von Kazuo Ishiguro auf ganz besondere Art meine Seele berühren.

Ok, vielleicht ist das etwas zu vorschnell und pauschal geurteilt, denn ich kenne neben diesem Roman aus dem Jahr 2015, der jetzt bei Random House Audio als Hörbuch erschienen ist, eigentlich nur noch Ishiguros Klassiker „Was vom Tage übrig blieb“. Gerade habe ich mir noch mal die Verfilmung aus dem Jahr 1994 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen angesehen, die übrigens hervorragend und sehr nah am Buch ist, und auch hier musste ich wieder mit den Tränen kämpfen.

Vielleicht ist es Ishiguros Sprache, dieser disziplinierte, altmodisch-unaufgeregte Erzählton, der einen auch in „Der begrabene Riese“ durch die Geschichte trägt, die Figuren sich entwickeln, Kontur gewinnen und sie einen letztendlich ganz fest ins Herz schließen lässt. So sehr, dass man jede Gefühlsregung der Helden förmlich miterlebt und erleidet und sich am Ende nur wieder schwer von ihnen trennen kann. Vielleicht ist es aber auch die Liebe, die der Autor für seine Protagonisten zu empfinden scheint.  Wie sonst könnte er sie mit so viel emotionaler Tiefe ausstatten, dass man als Leser nahezu vergisst, dass es sich nicht um Menschen aus Fleisch und Blut, sondern nur um ausgedachte Romanfiguren handelt. Wie auch immer – Ishiguro bringt etwas in mir zum Klingen.

So schlägt mein Herz von Anfang an für die beiden Hauptfiguren Axl und Beatrice, die sich am Ende ihres Lebens noch mal aufmachen, um ihren gemeinsamen Sohn und mit ihm ihre verlorenen Erinnerungen wiederzufinden. Beides haben sie durch den sogenannten Nebel verloren, der sich seit vielen Jahren über das ganze Land gelegt und die Vergangenheit scheinbar ausgelöscht hat. Das ganze Land leidet unter einer kollektiven Demenz, die jeden nur noch im hier und jetzt leben lässt. Was früher war, davon gibt es nur noch ein vage Ahnung. Und das ist einerseits Segen und Fluch. Denn so schön es auch ist, alle Verluste und Niederlagen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, keine Lasten mehr auf seinen Schultern zu tragen und unbeschwert in den Tag hinein zu leben, so unvollständig ist ein Mensch auch ohne seine Vergangenheit, egal wie schwierig und belastend sie auch war.

Das Thema hat Potenzial, ist interessant und erzählenswert, aber ich habe nur Augen und Ohren für Axl und Beatrice. Wie liebevoll die beiden miteinander umgehen, das ist einfach wunderschön mit anzuhören. So, ja genau so muss eine Beziehung sein. Etwas altmodisch, althergebrachte Rollenbilder zwar, aber für mich trotzdem ein Ideal. Denn in jedem Satz, in jeder Bewegung und Geste ist 100 Prozent Liebe. Und trotzdem, und das ist das Tragische, sind beide voller Zweifel. Die unbekannte Vergangenheit liegt wie ein klaffender Abgrund zwischen ihnen. Was, wenn sie sich nicht immer so geliebt haben wie jetzt? Wenn sie einander wehgetan und Dinge passiert wären, die man sich nicht verzeihen kann. Weiß man es? Warum ist zum Beispiel ihr Sohn nicht mehr bei Ihnen? Was hat ihn veranlasst, sie zu verlassen? Und, wird er sie nach all der Zeit überhaupt wiedererkennen und freudig und die Arme schließen?

Am Ende besiegen sie den Nebel des Vergessens und mit Ihnen erwacht das ganze Land aus seinem Dämmer. Und sofort stellt sich die Frage: Ist es jetzt vorbei mit dem auskömmlichen Miteinander von Sachsen und Britanniern, der gelassenen Friedfertigkeit jedes Einzelnen und auch der Liebe des alten Ehepaars? Und wie bei jedem guten Märchen ergibt sich am Ende auch hier eine finale Erkenntnis, eine Lehre, die man aus dem Erzählten zieht: Dass man die Vergangenheit nicht unbedingt braucht, um gut zu leben, dass man ohne sie sogar wesentlich glücklicher wäre. Doch um zu realisieren, dass man jetzt gerade glücklich ist, dafür braucht man wiederum die Vergangenheit. Ein Teufelskreis.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Random House Audio
13 h, 25 Min, gesprochen von Gert Heidenreich

Print Hardcover: Blessing,  416 Seiten 22,90
Heyne Taschenbuch, 416 Seiten, 9,99 €

 

Robert Menasse – Die Hauptstadt (Hörbuch)

1

Nicht immer war ich einverstanden. Doch im letzten Jahr schon. Da haben sie mal alles richtig gemacht, haben einen Roman prämiert, der, wie ich heute weiß, tatsächlich der beste des Jahres war. Denn darum geht es bei dem Wettbewerb. Nicht nur gut oder beliebt zu sein, sondern der Beste seiner Klasse. Dabei hat mich das Thema zunächst so gar nicht interessiert. Die europäische  Gemeinschaft, die Kommission, der Rat, das Parlament, Brüssel, ein alter Mann und ein Schwein. Also nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nie ein Fan von politischen Romanen. Und warum ein Schwein? Soll das etwa witzig sein?

Doch dann lachte mich das Hörbuch an. Du musst mich nicht lesen, flüsterte es mir zu. Hör mir einfach nur zu, solange du magst. Ein paar Minuten nur, vielleicht auch länger. Und dann entscheide, ob es dir gefällt, ob dir die Geschichte behagt, du Christian Berkels Stimme magst. Du weißt, das ist der Mann von der Sawatzki, der Kriminalist, immer Freitags im Zweiten – den magst du doch eigentlich, nicht wahr?

Und tatsächlich, den Berkel mag ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass er so gut lesen kann. Was heißt gut? Ich habe ja jetzt schon jede Menge gute Sprecher erlebt und Berkel ist definitiv einer der Besten. Nicht so prägnant wie Brückner und Noethen, einer, der sich nicht so in den Vordergrund drängt, den Text nicht toppen will. Ein in meinen Ohren sehr angenehmer Erzähler, in einer Liga mit David Nathan und Frank Arnold.

Und dann Menasse. Ich bin so beeindruckt von seinem Stil, dass ich mir bei Medimops jetzt alle Backlist-Titel von ihm bestellt habe. Der schreibt ja tatsächlich noch besser als seine Halbschwester Eva. Wenn ich einen Stift und ein echtes Buch auf den Knien gehabt hätte, statt einer Audiodatei und zwei Knöpfe im Ohr, ich hätte mir auf jeder zweiten Seite Sätze dick unterstrichen: bemerkenswerte Aussagen, treffende Personenbeschreibungen und beindruckende Dialoge. Man müsste sich solche Passagen eigentlich sofort notieren. Denn jetzt, wo ich das niederschreibe und versuche, mich wenigstens an einen dieser gehörten Sätze zu erinnern, gelingt es mir nicht. Zu flüchtig ist das gehörte Wort, zu begrenzt mein mentaler Arbeitsspeicher.

Aber auch wenn die Details verschwimmen, der positive Gesamteindruck bleibt. Und der ist so stark, dass ich mir vorgenommen habe, diesen Roman auch noch mal als echtes Buch zu lesen. Ich freue mich jetzt schon darauf, all die bemerkenswerten Sätze dann wiederzuentdecken und für alle Ewigkeit mit Bleistift zu markieren. Freuen tue ich mich auch auf ein Wiedersehen und -lesen mit den Protagonisten der Hauptstadt, die Menasse sehr detailfreudig aufgebaut hat. Der KZ-Überlebende David de Vriend, die Europa-Beamten Martin Susmann und Fenia Xenopoulou, der pensionierte Ökonomie-Professor Alois Erhart oder der kranke Kommissar Emile Brunfaut – sie alle hat man nach wenigen Sätzen leibhaftig vor dem inneren Auge und für immer ins Herz geschlossen.

Ich könnte mir sogar einen Fortsetzungsroman à la Vernon Subutex oder Elena Ferrante sehr gut vorstellen. Denn die von der Romanfigur Alois Erhart formulierte Idee einer europäischen Hauptstadt, womit – soviel sei verraten – nicht Brüssel oder irgendeine andere europäische Metropole gemeint ist, hat jede Menge Potenzial und bietet genügend Stoff für mindestens noch zwei weitere Bände der Hauptstadt.

Man merkt sicher, dass ich von diesem Roman ziemlich begeistert bin. Weil ich schon lange nicht mehr ein so intelligentes, hochaktuelles, berührendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch gelesen – pardon – gehört habe. Und das Bemerkenswerteste daran: Wenn ich jetzt Nachrichten über die EU sehe, höre oder lese, dann erreicht mich das ganz anders als vorher. Dann sehe ich hinter jeder Meldung Fenia, Martin und die ganze EU-Bürokratenschar – kleine, mittlere und große Rädchen im Getriebe der Macht.

Also, wenn Robert Menasse das hier lesen sollte: „Bitte schreiben Sie an der Hauptstadt weiter. Band 2 bestelle ich hiermit schon mal vor.“

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von Christian Berkel
14 h, 18 Minuten
Erhältlich bei audible: (Hörprobe)

Verlag Print: Suhrkamp
459 Seiten, 24 Euro gebunden, 12,00 Euro Taschenbuch

 

Gunnar Kaiser – Unter der Haut (Hörbuch)

3

Bei Instagram habe ich gesehen, dass er im Moment mit seinen Schülern auf Klassenfahrt in London ist. Und ich denke, wie froh und stolz ich gewesen wäre, wenn ich damals so einen Lehrer gehabt hätte. So jung und cool, so klug und inspirierend – einen Lehrer wie Mr. Keating aus dem Club der toten Dichter. Einen, der junge Menschen in die Welt der schönen Künste und des Geistes einführt, ihnen kritisches Denken beibringt, sie mit seiner Begeisterung für Literatur und Philosophie ansteckt.

Und wie cool muss es sein, wenn dieser Lehrer auch noch Internet-Star und Schriftsteller ist? Wer im Netz unterwegs ist und sich für Literatur interessiert, kommt nicht umhin, den Gymnasiallehrer, Vlogger und neuerdings auch Schriftsteller Gunnar Kaiser zu kennen. Ich folge ihm auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube und bewundere ihn dafür, wie eloquent, flüssig und aus dem Stegreif er über die kompliziertesten Dinge sprechen kann. Sein Themenspektrum ist breit und reicht vom aktuellen Literaturdiskurs über zeitlos philosophische Fragestellungen bis hin zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Kein Thema ist ihm zu heiß; je kontroverser etwas diskutiert wird, desto mehr scheint es seinen stets wachen Geist zu reizen. Und zu allem Überfluss kann er auch noch begnadet gut schreiben.

So spannend, vielschichtig, fein- und freigeistig die Persönlichkeit des Autors ist, so kommt auch sein Debütroman „Unter der Haut“ daher. Ein Buch, das man so schnell nicht vergisst. Ein Buch, das mit allem aufwartet, was ein moderner Bildungsroman haben muss. Der Plot, das Setting, die Charaktere – alles perfekt durchdacht und hergeleitet und zu 100 Prozent authentisch. Der Aufbau, die verschiedenen Erzählstränge, die literarischen und zeitgeschichtlichen Bezüge – das ist alles schon ziemlich perfekt komponiert.

Ich habe das Romanmanuskript bereits vor knapp zwei Jahren gelesen, als es vom Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski für den Blogbuster-Preis nominiert und auf die Longlist gesetzt wurde. Schon damals war mir klar, dass dieser Text etwas ganz Besonderes ist und auch ohne den Blogbuster veröffentlicht werden wird — werden muss. Jetzt habe ich mir auch noch das Hörbuch angehört und bin noch einmal mehr davon überzeugt, dass es sich hierbei um das definitive Buch handelt. Perfekt bis ins Detail. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann beim besten Willen keine Schwachstellen entdecken.

Der Roman hat drei Erzählstränge. Alle drei erzählen die Geschichte von Josef Eisenstein, eines neuzeitlichen Libertins, dem vielleicht letzten seiner Art. Der erste Strang spielt 1969 in New York, wo der schüchterne Literaturstudent Jonathan Rosen auf der Suche nach ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht eines Tages Eisenstein begegnet. Es ergibt sich eine Art Freundschaft, in der der alternde Dandy und Lebemann den jungen Jonathan in die Welt der schönen Dinge einführt. Als da wären: schöne Bücher und schöne Frauen. Der zweite Erzählstrang führt nach Weimar und Berlin, wo Eisenstein nach dem ersten Weltkrieg geboren und aufgewachsen ist. Der Judenverfolgung entgeht der vereinsamte und emotional vernachlässigte Junge durch einen Namenswechsel und entwickelt sich nach und nach zu einem bibliophilen Psychopathen, kriminellen Ästheten und skrupellosen Hedonisten. Und der letzte Strang führt uns ins Jahr 1990 über Israel, in die ehemalige DDR nach Argentinien, wo Jonathan hofft, seinen väterlichen Freund wiederzufinden.

Eine herrliche Geschichte, atmosphärisch dicht, sprachlich überzeugend und spannend bis zur letzten Seite. Ich habe mir zwar geschworen, den Vergleich zu Patrick Süskinds „Parfüm“ und Zafons „Schatten des Windes“ nicht zu bemühen, aber die Parallelen zu diesen Weltbestsellern sind einfach zu naheliegend, als dass man sie hier unerwähnt lassen könnte. Schnell steht der Vorwurf im Raum, der Autor habe aus dem Bestseller-Baukasten einen Erfolgsroman nach Schema F gezimmert. Doch „Unter der Haut“ ist mehr als nur eine spannende Unterhaltungsgeschichte für eine bibliophile Zielgruppe.

Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit. Der Freiheit des Geistes, der Möglichkeit, Dinge zu denken, ohne Einschränkungen und Grenzen. Das, was wir alle gerne könnten, uns aber entweder schon früh verbieten lassen oder selbst versagen. Und der Freiheit des Tuns, sich über alle Normen und Gesetze hinwegzusetzen, um den eigenen Gedanken Form zu geben, sie in die Tat umzusetzen, auch wenn man anderen dadurch die Freiheit raubt. Gerade in unserer heutigen, von engen Moralbegriffen wieder stark im Denken  eingeschränkten Zeit ist dies ein lohnendes und sehr spannendes Thema.

Fazit: „Unter der Haut“ ist der definitive Roman für alle bibliophilen Schöngeister, Freidenker und Genießer anspruchsvoller, gut gemachter Literatur, die einen sehr gut unterhält, aber weit davon entfernt ist, bloß Unterhaltungsliteratur zu sein.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Hörbuch Hamburg Verlag (HHV)
Sprecher: Rheinhard Kuhnert und Julian Mehne
17 h, 24 Minuten
Erhältlich bei: audible (Hörprobe)

Print: Berlin Verlag
528 Seiten, 22,00 €

 

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

9

Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h

Frank Witzel – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion… (Hörbuch)

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…durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969.

Das Buch habe ich schon seit mehr als zwei Jahren im Regal stehen. Es war damals mein Favorit beim großen Wettbewerb und ich habe mich sehr gefreut, dass es den Preis bekommen hat. Warum kann ich gar nicht so genau sagen, denn gelesen hatte ich es nicht. Der Autor war mir irgendwie sympathisch, die anderen Nominierten eher weniger, die Geschichte klang interessant, und diesen knapp Tausendseiter zu lesen, erschien mir als ein spannendes Projekt, eine Herausforderung der man sich mal stellen sollte.

Es gib ja Menschen, die vertreten den Standpunkt, dass man sich auf Literatur einlassen sollte; dass es der Leser ist, der sich annähern muss und nicht das Werk. Dass ein Buch sich sträuben und Böcke schlagen darf wie ein Wildpferd. Solche Menschen sind vielleicht auch davon überzeugt, dass es eine Kunst des Lesens gibt und dass der, der diese Kunst nicht nur irgendwie, sondern wahrhaft beherrscht, dass sich dieser Meisterleser alles erschließen kann – den Ulysses, den Mann ohne Eigenschaften, Zettels Traum und natürlich auch den manisch depressiven Teenager. Das kann man so sehen, und bis zu einem gewissen Punkt teile ich diese Meinung sogar. Nur leider bin ich trotz jahrelanger Übung in dieser besonderen Kunst des Lesens keinen Schritt weitergekommen. Ich lese immer noch irgendwie, lasse mich von sperrigen und Kapriolen schwingenden Seiten aus der Bahn werfen, von endlos nichtssagenden Passagen zu Tode langweilen, von wirren, unzusammenhängenden Sätzen zum Aufgeben und Scheitern provozieren.

Und so war es beinahe auch bei Witzels preisgekröntem „Teenager“. Nur diesmal bin ich nicht gescheitert. Ich habe mich von diesem wilden und sperrigen Buch nicht abwerfen lassen und mir von vorne bis hinten alles reingezogen. Natürlich habe ich gelitten, zweitausendmal mit den Augen gerollt, hatte schwache Momente und war dem Scheitern nah. Aber es gab auch ein paar Passagen, die mich aufatmen ließen, die stellenweise richtig gut und einige, die gar nicht so schlecht waren, aber eben auch nicht wirklich gut. Wie ich schon auf Instagram schrieb, macht es aber keinen echten Spaß, es packt einen nicht, es fordert nur, macht Arbeit. Frank Witzels „Teenager“ ist eine echte literarische Zumutung. Ich tippe mal, dass nur ca. 10 Prozent derjenigen, die das Buch angefangen haben, es letztlich auch zu Ende gelesen haben. Ich habe es gar nicht erst mit dem gedruckten Buch probiert, sondern mich gleich für das Hörbuch entschieden. Gekürzt auf knapp 13 Stunden und vom Autor höchstpersönlich gelesen. An die eintönig lispelnde Autorenstimme konnte ich mich bis zum Schluss nicht gewöhnen, aber ich habe mich gefügt, es zugelassen, so wie ich auch alles andere an diesem Werk zugelassen habe: den fehlenden roten Faden, die unklaren Zeitsprünge, diesen nicht enden wollenden, nervtötenden Monolog. Aber ich habe durchgehalten, habe mich gezwungen dran zu bleiben, wollte wissen, ob ich am Ende für meine Hörarbeit belohnt werde, ob sich irgendeine Art von Katharsis einstellt. Aber nichts davon. Kein Genuss, keine Erkenntnis. Es waren einfach nur dreizehn sich ins Endlose ziehende Stunden mit einem Text, der mich nicht erreicht hat und einem Autor mit einem Sprachfehler.

Das war also der beste Roman des Jahres 2015. Und ich kleiner Idiot stehe da, schüttele nur mit dem Kopf und frage mich mal wieder, ob ich einfach zu schlicht und zu grob gestrickt bin, um das Besondere, das Preiswürdige an solchen Werken zu erkennen. Fehlt mir das Fachwissen, die Ausbildung, die künstlerische Aufgeschlossenheit? Ist es eine besondere Gabe, ja vielleicht diese oben beschriebene Kunst des Lesens, die mir abgeht? Oder fehlt mir einfach die Zeit, mich mit dieser Sülze zu beschäftigen, nur um am Ende sagen zu können: Oh, was für ein grandios megalomanisches Stück Literatur, geschrieben in einem knapp 15 Jahre dauernden, existenziellen Furor; ein Werk, das eine ganze Epoche einfängt, in disparaten Formen, im maßlosen Wechselspiel zwischen Wahn und Witz.

Das blöde ist, wenn ein Buch erstmal derart ausgezeichnet wurde, sich die gesamte Intelligenzia damit beschäftigt und in Lobeshymnen ergangen hat, steht man schon als ziemlicher Depp da, wenn man so gar nichts damit anzufangen weiß. Vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit, für diese Art von Literatur, stecke noch zu sehr in dieser Business-Denke, wonach alles, mit dem man sich beschäftigt, für irgendetwas nützlich sein muss. Time is money – komm zum Punkt und labere nicht rum. Wenn du mir was zu sagen hast, lieber Frank Witzel, dann sag es, aber raub mir nicht meine kostbare Zeit. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht eitel genug, mich mit so einem Angeberbuch zu schmücken, es mir ins Regal zu stellen, neben den Ulysses und den Mann ohne Eigenschaften und scheinheilig zu behaupten, dass es natürlich keine einfache Lektüre und nicht für jedermann geeignet ist, dass man sich schon einlassen muss auf diesen megalomanischen Roman und seinen existenziellen Furor.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein blöder Blogger, der keine Ahnung hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Mattes & Seitz
817 Seiten, 29,90 €

Hörbuch: Audiobuch Verlag OHG
12 h, 40 min, gekürzte Version, gesprochen von Frank Witzel
erhältlich bei Audible

Matthew Weiner – Alles über Heather (Hörbuch)

Es gibt in der Literatur kaum ein spannenderes und gleichzeitig dankbareres Thema als die Familie. Dort hat alles seinen Ursprung, nimmt seinen Lauf, gibt Halt und Geborgenheit, hält gefangen, verstößt, versaut und versöhnt. Daher kommen wir, und daraus flüchten wir. In der Familie finden wir das höchste Glück und erfahrenen den tiefsten Schmerz. Es gibt so viele Facetten, so viel daraus resultierendes Schicksal, dass das Thema niemals langweilig wird und jeder sich damit beschäftigende Roman seine Berechtigung hat. So auch Matthew Weiners kleiner Familienroman „Alles über Heather“.

Vorweg sei gesagt, dass das, was immer ehrfurchtsvoll erwähnt wird, wenn über diesen Autor gesprochen wird – dass Matthew Weiner nämlich der Erfinder, Produzent und Regisseur der Fernsehserie „Mad Man“ sein soll – mir so gar nichts sagt. Ich lehne ja TV-Serien aus Prinzip ab und konnte mich daher vollkommen ehrfurchtslos, wenn auch nicht ganz vorurteilsfrei mit diesem Werk beschäftigen. Und was soll ich sagen? Ich fand’s richtig gut.

Man lauscht der Geschichte von Mark und Karen Breakstone, einem New Yorker Upper-Class Pärchen, das mit seiner Tochter Heather in einem vornehmen Appartementhaus am Central Park wohnt. Wie es heutzutage in modernen Bildungsbürger-Kleinfamilien üblich ist, dreht sich auch bei Familie Breakstone alles um den Nachwuchs. Heathers Ansprüchen muss sich jeder unterordnen; nichts ist Mark und Karen wichtiger, als alles für das Wohlergehen und die Entwicklung ihrer Tochter zu tun. Wenn nicht mehr der Partner, sondern eine kleine zickige Prinzessin im Mittelpunkt steht, die gekonnt Vater gegen Mutter ausspielt, wundert es kaum, dass irgendwann die Ehe in die Brüche geht. Aber Mark und Karen bleiben zusammen – natürlich wegen Heather. Lieber unglücklich zusammen sein, als dem Kind die Familie nehmen.

Und dann ist da noch eine Parallelhandlung, die eine ganz andere Welt aufzeigt. Irgendwo im benachbarten New Jersey bricht ein junger Kerl namens Bobby Klasky aus seiner Familie aus, weil sie asozial, verkommen, unerträglich und schädlich ist. Ausbrechen ist eigentlich nicht der richtige Begriff. Bobby entledigt sich vielmehr seiner Familie. Und natürlich wird dadurch nicht alles gut, denn er nimmt alles Schlechte und Unerträgliche, was er bisher kennengelernt hat, mit in sein neues Leben. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn was soll schon aus einem Menschen werden, der weder geliebt noch gehasst wurde, der immer nur im Weg und überflüssig war? Dieser Bobby trifft eines Tages auf die wohlbehütete Heather. Und wie ihre Eltern darauf reagieren, kann man sich vielleicht denken, wird hier aber nicht verraten.

Eines möchte ich aber nicht unerwähnt lassen: Wer beim Bücherkauf darauf Wert legt, möglichst viel Literatur für sein Geld zu bekommen, wird hier definitiv enttäuscht. Beim gedruckten Produkt stehen einem Ladenpreis von 16 Euro gerade mal 144 magere Seiten gegenüber, was 11 Cent pro Seite entspricht. Nur mal zum Vergleich: Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ würde mit 1250 Seiten beim gleichen Seitenpreis sage und schreibe 137,50 Euro kosten. Das Hörbuch, das von Ulrich Matthes sehr passabel eingesprochen wurde, ist mit 3 Stunden Spieldauer (ungekürzt) für 13.95 € auch nicht gerade ein Schnäppchen.

Aber wer guckt schon bei guter Literatur auf den Preis? Wenn sie denn auch gut ist. Ich würde in diesem Fall sagen: Ja, sie ist es.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Random House Audio
03:01 h, 13,95 €
gesprochen von Ulrich Matthes

Printausgabe:
Verlag: Rowohlt
144 Seiten, 16,00 €
übersetzt von Bernhard Robben

Arno Geiger – Unter der Drachenwand (Hörbuch)

3

Was hätte ich wohl getan? Wie hätte ich mich verhalten? Das denke ich jedes Mal, wenn ich ein Buch lese oder höre, dessen Geschichte im Krieg spielt. Dabei ist es egal, ob Erster oder Zweiter Weltkrieg, Vietnam oder Jugoslawien – Elend ist Elend, Brutalität, Verzweiflung und Tod sind immer gleich fürchterlich. Krieg ist nunmal Krieg, und ich bin so unendlich froh, dass ich das noch nie am eigenen Leib erleben musste. Und doch habe ich eine leise Ahnung davon, kann mir vorstellen wie es sich anfühlt, wie es schmerzt, wie es ist, wenn das eigene Leben am seidenen Faden hängt.

Lass es hundert oder zweihundert Kriegsromane sein, die ich bereits gelesen habe, dazu kommen bestimmt noch einmal genau so viele Filme – ich suche nicht danach, es geilt mich nicht auf, ich gehe dem Thema aber auch nicht aus dem Weg. Im Krieg passiert das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun können. Und deswegen ist es gut, dass es zu dem Thema immer wieder neue Romane gibt, die uns den Spiegel vorhalten und uns zwingen, darüber nachzudenken, wie man sich wohl selber verhalten hätte, damals im Krieg.

Arno Geigers neuer Roman „Unter der Drachenwand“ bietet genügend Stoff zum Nachdenken. In Tagebucheinträgen und Briefen schildert er wunderbar dicht und bedrückend atmosphärisch vier Kriegsschicksale, wie sie der zweite Weltkrieg unzählig ins Gedächtnis und die Herzen unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern gebrannt hat. Und obwohl man das alles irgendwo schon mal gelesen und gehört hat, ist nichts redundant, keine einzige dieser Geschichten wie die andere und jede für sich erzählenswert.

Im Mittelpunkt steht der österreichische Stabsgefreite Veit Kolbe, der 1944 verletzt vom Russland-Feldzug in sein Wiener Elternhaus zurückkehrt. Fünf Jahre hat er an der Ostfront alles mitgemacht und ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch schwer verletzt. Weil er das linientreue Geschwafel der Eltern nicht länger ertragen kann, flüchtet er in das vom Krieg noch weitgehend verschonte Salzburger Land. Am Mondsee unter der Drachenwand, wo sein Onkel als Dorfpolizist tätig ist, bezieht Veit auf einem landwirtschaftlichen Hof Quartier.

Doch auch wenn die Geschwader der Alliierten über Mondsee nur hinwegfliegen und ihre Bomben erst ein paar Kilometer weiter in den Metropolen des Reichs abwerfen – der Krieg ist in dem kleinen Bergdorf trotzdem allgegenwärtig. Da ist diese landschaftliche Idylle, der See, die intakte Natur – alles könnte so schön sein, aber trotzdem ist alles schrecklich, denn es ist Krieg. Auch wenn keine Bomben fallen, keine Panzer durchs Dorf rollen und keine Schüsse fallen – der Krieg ist in den Köpfen, kommt übers Radio und Briefe ins Dorf.

Es kann uns Menschen noch so schlecht gehen, irgendwie schaffen wir es immer wieder, auch in düstersten Stunden Hoffnung zu schöpfen und uns zum Weitermachen zu motivieren. Menschen sterben wie die Fliegen, aber zur selben Zeit verlieben sich auch welche, zeugen Kinder und sorgen dafür, dass es irgendwie weitergeht. Das alles passiert auch im Jahre 1944 unter Arno Geigers Drachenwand. Dieser Roman ist so übervoll mit Menschlichem, dass man immer mal wieder Pause machen muss, um Atem zu holen, sich zu schütteln und sich darüber klar zu werden, dass das alles schon 74 Jahre her ist.

Fast ein ganzes Menschenleben ist mittlerweile vergangen. Seither ist ununterbrochen Frieden, zumindest hierzulande. Wenn heutzutage die Sirenen heulen, ist es lediglich Samstag Mittag. Keiner muss mehr in irgendwelche Keller flüchten. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt; Krieg und Konzentrationslager werden uns nicht mehr passieren, so meine Überzeugung. Doch dann lese ich in der Westdeutschen Zeitung, dass hier in Krefeld ein Bundestagsabgeordneter dazu aufgerufen hat, Geschäfte von Türken zu boykottieren.

Und plötzlich liegen der Mondsee und die Drachenwand mitten im heimischen Krefeld. Noch ist alles friedlich, aber in der Ferne hört man schon die Flugzeuge.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: HörbuchHamburg
Gesprochen von: Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann und Torsten Flassig
14 h 22 Minuten, 14,99 €
Erhältlich bei: audible.de (Hörpobe)

Verlag Printausgabe: Hanser
480 Seiten, 26,00 €