Die Sprache ist mir wichtiger als der Plot

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Ende Juli wurde bekannt, dass Shida Bazyar für ihr Romandebüt „Nachts ist es leise in Teheran“ den mit 10.000 Euro dotierten Ulla-Hahn-Autorenpreis der Stadt Monheim am Rhein verliehen bekommt. Nach dem Urteil der Jury ist das Buch nicht nur ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion sondern einfach ein Stück großartige Literatur. Ich habe es im Frühjahr gelesen und bin der gleichen Meinung. Auf der Buchmesse in Leipzig habe ich die Autorin zu einem Interview getroffen.

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Dein Debütroman ist seit Ende Februar auf dem Markt. Wie läuft es denn?

Das ist eine typische Frage.  Ich kann es aber gar nicht so klar beantworten, denn ich habe ja keinen Vergleichswert. Also für mich läuft es gut. Es gibt Aufmerksamkeit von der Presse, es gibt Anfragen für Lesungen – also besser kann ich es mir nicht vorstellen.

In deinem Buch geht es um die derzeit sehr aktuellen Themen „Flucht“ und „Migration“ und deswegen erfährt „Nachts ist es leise in Teheran“ noch einmal eine besondere Beachtung. Findest Du das gut oder stört dich dieser aktuelle Trend-Bezug eher?

Einerseits finde ich es gut, dass sich Menschen jetzt für diese Geschichten interessieren, medial darauf aufmerksam gemacht werden und gar nicht drum herum kommen, sich damit auseinander zu setzen. Auf der anderen Seite ist es auch ein merkwürdiges Gefühl. Denn die Geschichten sind nicht neu. Warum hat das bisher niemanden interessiert? Das hat so einen Beigeschmack, denn es sind ja Lebensrealitäten, die seit 20-30 Jahren aktuell sind und keine Trends.

Könntest Du dir vorstellen, dass dein Roman vor einem Jahr, vor der Flüchtlingskrise, auch so eine Aufmerksamkeit bekommen hätte?

Ich wünsche mir natürlich, dass Bücher in erster Linie wegen ihrer literarischen Qualität Aufmerksamkeit bekommen. Auch Abbas Khider, Senthuran Varatharajah oder Pierre Jarawan – das sind die Namen, die in diesem Zusammenhang immer genannt werden – haben ein Stück Literatur geschaffen und sollten dafür Aufmerksamkeit bekommen, aber nicht wegen des Labels, das darüber steht. Aber ja, vor einem Jahr wäre es bestimmt nicht so schnell gegangen.

Die Flucht aus dem Iran und die Migration in Deutschland ist sehr nah an deiner eigenen Biografie. Ist „Nachts ist es leise in Teheran“ die Geschichte, die du schon immer schreiben wolltest?

Ich bin nicht so strategisch an die Sache herangegangen, habe mir nicht vorgenommen, jetzt meinen Debütroman zu schreiben. Ich habe einige Dinge ausprobiert, mich zwei, drei Jahre an Themen und Perspektiven herangetastet und dabei auch schon einige Figuren, die dann später im Roman eingeflossen sind, in Kurzgeschichten angelegt.

Du hast ja in Hildesheim literarisches Schreiben studiert, arbeitest aber jetzt im sozialen Bereich. Warum?

Ja genau. Ich habe mein Studium abgeschlossen, wusste aber, ich will beides machen. Ich will einen Roman schreiben, will aber nicht nur Schriftstellerin sein. Auch wenn immer wieder Leute sagen, wenn es mit dem Buch läuft, dann brauchst du den anderen Job gar nicht mehr zu machen. Aber es geht mir nicht ums Geld. Ich finde meine beiden Berufe großartig und möchte das in Kombination miteinander machen.

Angenehm habe ich beim Lesen empfunden, dass du das Thema „Islam“ sehr zurückhaltend und fast schon beiläufig behandelt hast. Das ist bei einer islamischen Republik, wie es der Iran ist, nicht einfach. Hast du den Glauben bewusst ausgeklammert, weil religiöse Themen immer heikel und vielleicht sogar gefährlich sind?

Gefährlich ist der Roman sowieso schon. Keiner weiß, wie die iranische Regierung ihn auffasst und ob ich da je wieder hinreisen kann. Insofern ist der Drops schon gelutscht – unabhängig davon, ob ich jetzt mehr oder weniger explizit geworden wäre. In dem Roman spiegelt sich meine Sicht der Dinge wider. Einerseits eine klare atheistische Grundhaltung, andererseits aber auch großer Respekt Leuten gegenüber, denen ihr Glauben am Herzen liegt. Ich habe das selber gar nicht in mir, schlecht über den Islam zu reden. Ich denke noch nicht einmal groß drüber nach, weil mich das Thema nicht interessiert.

Bist Du der Meinung, dass es im Iran in den nächsten Jahren noch einmal eine Revolution geben könnte und eine Demokratie nach westlichem Vorbild etabliert werden könnte?

Ich glaube daran, dass das passiert. Ich weiß aber nicht, ob das in den nächsten Jahren sein wird. Ich bin auch schlecht in Prognosen, wüsste auch gar nicht, woran ich das festmachen könnte. Wenn Revolutionen passieren, ist das ja häufig sehr überraschend mit vermeintlich kleinen Auslösern. Ich wünsche es mir natürlich sehr, dass das im Iran passiert und glaube auch nicht, dass sich so ein Regime noch viel länger halten kann. Denn irgendwann siegt immer die Gerechtigkeit.

Du bewegst dich sprachlich auf einem sehr hohen, fast schon virtuosen Niveau. Lernt man das in Hildesheim?

Ich habe sehr früh mit dem Schreiben angefangen und schon als kleines Kind viel Spaß daran gehabt, meine eigenen Worte wahrzunehmen und sie zu setzen und einen eigenen Rhythmus zu finden, mich dem hinzugeben und Geschichten entwickeln zu lernen. Also, diese Freude war schon immer da. Das Studium in Hildesheim hat mir dabei geholfen, den Blick auf mein eigenes Schreiben, die Umgebung und die Literatur zu schärfen. Man lernt dort kein Handwerkszeug. Es ist ja nicht so, dass man dort gesagt bekommt, das darf man und das darf man nicht schreiben. Es ist vielmehr ein sehr intensiver Umgang mit Literatur, immer mit dem Blick darauf: Wie ist das gemacht?

Was ist dir bei deinem Roman wichtiger? Die Sprache oder der Plot?

Mit kommt es mehr auf die Sprache an. Weil es das ist, was mich beim Schreiben am meisten interessiert. Durch die Sprache entsteht erst der Plot. Also, ich sitze am Schreibtisch und tippe, bin in meinem Rhythmus und habe irgendwann den Ton gefunden –  dann ergibt sich alles.

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Hier geht es zur Buchrevier-Rezension von „Nachts ist es leise und Teheran“

 

Julia Franck im Interview: Der ganze Glamour steht uns schlecht…

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In genau zwei Monaten ist es soweit. Der/die elfte Gewinner/in des deutschen Buchpreises wird am 12. Oktober in Frankfurt verkündet. Dann beginnt das Blitzlichtgewitter, stehen die Medien Schlange, jagt ein Termin den nächsten. Uns Buchpreisblogger hat interessiert, wie die bisherigen Preisträger/innen diese Zeit empfunden haben und was sich seither in ihrem Leben geändert hat. Ich habe die Chance gehabt, der Berliner Autorin Julia Franck, die im Jahr 2007 mit dem Roman „Die Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, ein paar Fragen zu stellen. Ihre schonungslos ehrlichen Antworten haben mich stark beeindruckt.   

Buchrevier: Frau Franck, was hat sich durch den Gewinn des Buchpreises im Jahr 2007 in Ihrem Leben geändert? Kurz-, mittel- und langfristig betrachtet.

Julia Franck: Kurzfristig hatte ich wahnsinnig wenig Zeit, mehrere Monate fühlte ich mich wirklich gehetzt und zerrissen, weil ich zwar viele Einladungen ablehnen musste, zugleich aber ungeheuer viel unterwegs und zugleich viel zu wenig bei meinen damals noch kleinen Kindern war. Das war ein schwieriger Spagat. Ohne Partner/Mann hat man ja auch niemanden, der einen manchmal begleitet oder einem den Rücken freihält. So fühlte ich mich unter enormem Druck und hatte ständig das Gefühl, niemandes Erwartungen gerecht zu werden, auch den eigenen nicht. Eigentlich eine paradoxe Situation für einen Erfolg, nicht? Zwar befand ich mich ständig unter vielen fremden Menschen, war dabei aber sehr allein. Man reist ja nicht im Ensemble. Jeder Handelsreisende und Geschäftsmann kennt das Grauen zahlloser Hotelzimmer, Bahnhöfe, Flughäfen. Mittel- und langfristig hat mir dieser Preis sehr viele Leser und damit für einige Jahre eine ökonomische Sicherheit beschert, wie sie wohl nur äußerst selten mit dem Schreiben erreichbar ist. Auch eine große Freiheit entstand, da ich nur das Neinsagen lernen musste und den Luxus des Rückzugs erfahren durfte. Als Selbstständiger zahlt man in Deutschland ja schnell hohe Steuern, da lernte ich mir die Frage stellen: Wenn ich jetzt die Hälfte des Honorars für die Steuern abziehe, die Kosten für das Kindermädchen, das über Nacht und manchmal mehrere Tage und Nächte am Stück bei meinen Kindern bleibt, das Vermissen, die langen Reisewege, die Abwesenheit vom Schreibtisch – steht das, was da von so einer Lesung an Geld übrig bleibt im Verhältnis dazu, dass nicht ich meine Kinder abends ins Bett bringen und morgens mit ihnen aufstehen kann? Durch den Buchpreis bin ich bewusster alleinstehende und alleinernährende Mutter geworden. Im Laufe der Jahre habe ich mich gegen viele schöne Einladungen in Deutschland und reizvolle in anderen Ländern entschieden, gegen das Mehren von Ehre und Ruhm vor einer Öffentlichkeit, ein ständig volles Konto, ein eigenes Haus oder ein eigenes Auto und zugunsten des schlichten und innerlich beglückenden Zusammenseins mit meinen Nächsten, Kindern und Freunden, für Konzerte, Ausstellungen, Studieren, Lesen und Schreiben entschieden.

Buchrevier: Dem Buchpreis wird oft vorgeworfen, ein Marketingpreis und kein Literaturpreis zu sein. Wie sehen Sie das?

Julia Franck: Ach, was sind denn Literaturpreise? Die französischen und britischen Literaturpreise sind von jeher auch marktwirksam, was einfach an ihrer Vernetzung liegt. Das waren andere deutsche Literaturpreise nie. Es kann ja nicht falsch sein, wenn Preise auch öffentlichkeitswirksam und nicht nur die Literatur im inzestuösen Dickicht der Feuilletons feiern. Klar ist aber, dass ich nach dem Buchpreis nie wieder einen Literaturpreis in Deutschland erhalten habe. Ich glaube schon, dass die Verbindung von Buchpreis und dem gigantischen Verkaufserfolg wie auch die fast vierzig Lizenzen in andere Sprachen, Theater und Filmrechtverkäufe viele Preisrichter misstrauisch und missgünstig gestimmt hat. Wobei meine Literatur (ich nenn sie einfach mal so) schon immer heftig umstritten war.

Buchrevier: Meinen Sie, dass Sie auch ohne den Gewinn des Buchpreises da wären, wo Sie heute beruflich stehen?

Julia Franck: Sicherlich nicht. Ich vermute, dass ich ohne den Buchpreis weder so viel Öffentlichkeit erhalten und einen so riesigen Verkaufserfolg eines Buches erzielt hätte, noch in der Weise Ächtung erfahren hätte. Vermutlich würde ich noch heute – wie auch bei den vier Büchern zuvor – als ein „hoffnungsvolles junges Talent“ gelten, das jedes Jahr ein hübsches Stipendium oder ein, zwei kleine echte Literaturpreise erhalten würde.

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Buchrevier: Ralf Rothmann hat in diesem Jahr verzichtet, von seinem Verlag für den Buchpreis nominiert zu werden. Können Sie das nachvollziehen?

Julia Franck: Natürlich. Auch Handke hat schon auf Preise verzichtet. Ralf Rothmann ist ein guter Schriftsteller, dessen Bücher auch ohne den Buchpreis erfolgreich sind. Die Berührungsangst mit einem so vulgär anmutenden Preis verstehe ich heute unbedingt. Hätte ich 2007 ahnen können, was dieser Preis an Aura leidenschaftlich aufbläst und zerstört, hätte ich ihn vielleicht auch gemieden. Wir sind ja keine Filmteams, wir haben keine Hauptdarsteller und Cutter und Produzenten, mit denen wir uns auf dem Roten Teppich an den Händen fassen und uns gegenseitig die Schulter küssen können. Der Schriftsteller steht da völlig allein – er kann den Erfolg wie die Niederlage, das ganze Schlaglicht mit niemandem teilen. The winner is – dazu die sechs entsetzten und überraschten Gesichter. Der ganze Glamour steht uns schlecht, er lässt uns falsch aussehen und jedes Wort falsch klingen.

Buchrevier: Bringt der Buchpreis Aufmerksamkeit für die deutsche Literaturszene insgesamt oder nur für den kleinen Kreis der zwanzig nominierten Autoren.

Julia Franck: Das kann ich nicht einschätzen. Ich glaube, die Vielseitigkeit der deutschsprachigen Literatur ist ein sehr besonderes kulturelles Phänomen. Kein Schriftsteller schreibt wegen eines Preises – und so kann ich mir nicht vorstellen, dass ein einzelner Preis mehr oder weniger Aufmerksamkeit auf die deutsche Literatur lenkt. Wie Sie vermutlich wissen, wird nur sehr wenig deutsche Literatur übersetzt – was vermutlich mehr mit der Deutschen Geschichte und dem entsprechend verändertem Ansehen und Interesse für deutsche Kultur und deutsches Denken, deutsches Erzählen seither in den meisten anderen Ländern als mit der Sprache oder der Qualität der Romane zu tun hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seit dem Buchpreis mehr deutsche Literatur übersetzt wird. Vielleicht eher nach der Fußballweltmeisterschaft.

Buchrevier: In acht Jahren nach dem großen Erfolg der Mittagsfrau haben Sie nur noch einen weiteren Roman (Rücken an Rücken 2011) veröffentlicht. Haben Sie nach dem wirtschaftlichen Erfolg der Mittagsfrau einen Gang runtergeschaltet – bzw. negativ ausgedrückt: keinen Veröffentlichungsdruck mehr?

Julia Franck: Wie ich schon sagte, ich schätze auch andere Dinge im Leben sehr, unter anderem habe ich Rebecca Solnit übersetzt, für Künstler Texte geschrieben, und vor allem 2012 und 13 Medizin studiert und mir damit einen Traum ermöglicht, der meiner rasenden wissenschaftlichen, besonders medizinischen Neugier entspricht. Sehr zeitintensiv, sehr kostbar und teuer – wenn man es ohne Bafög, Partner, Eltern etc. macht, und nebenbei drei Menschen ernährt. Schreiben ist ja eine innere Notwendigkeit, eine Zwangskrankheit. Zumindest bei mir. Das kollidiert mit allen anderen Beschäftigungen im Leben. Veröffentlichen aber gehört nicht dazu – man muss mit diesem inneren Zwang nicht an die Öffentlichkeit. Es kann sogar sehr peinlich und unangenehm sein. Aber es ist keineswegs so, dass ich in den letzten Jahren noch von den Tantiemen dieses einen so erfolgreichen Buches leben könnte, auch ein anderer Beruf lässt sich nicht ohne weiteres herbeizaubern – also besteht schon ein gewisser Druck. Zugegeben ist die Scheu, vielleicht sogar Angst vor der Öffentlichkeit durch den Buchpreis enorm gewachsen. Sie war ganz zu Beginn meiner Veröffentlichungen Ende der 90er Jahre auch enorm stark. Ich habe jahrelang schweißkalte Hände und Herzrasen vor jeder Lesung gehabt. Erst als ich Kinder hatte, wurde das besser, aber dann kam der Buchpreis. Es könnte also sein, ich veröffentliche, aber nicht unter meinem Namen?

Buchrevier: Wann erscheint der nächste Roman von Ihnen?

Julia Franck: Das kann ich nicht sagen.

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Foto: Das offizielle Siegerfoto aus dem Jahr 2007. Copyright: Claus Setzer / Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.

Link-Tipp: Ein schöner Streifzug durch Julia Francks Leben in Berlin auf Literaturport.de

Das nächste Buchpreisblogger-Interview erscheint am Freitag 14.08. 2015 auf dem Blog Buzzaldrins Bücher: Mara Giese im Gespräch mit der Preisträgerin 2013 Terézia Mora.

Ulla und die endlose Stadt

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Vor einigen Wochen habe ich mich in Düsseldorf mit der Schriftstellerin Ulla Lenze zum Interview getroffen. Sie wurde 1973 am Niederrhein in Mönchengladbach geboren, hat in Köln Philosophie und Musik auf Lehramt studiert, aber nie als Lehrerin gearbeitet. Vier Romane hat Ulla Lenze bisher veröffentlicht. Der erste Roman „Schwester und Bruder“ erschien 2003 und wurde gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Jürgen-Ponto-Preis für das Romandebüt des Jahres. Danach kam 2008 der Roman Archanu, im Jahr 2012 folgte „Der kleine Rest des Todes“ und im Februar 2015 erschien der aktuelle Roman „Die endlose Stadt“.

Buchrevier: Welches Buch ist Dein bisher erfolgreichstes? Welches ist dein persönlicher Liebling?

Ulla Lenze: Wenn man da jetzt ganz äußerlich herangehen würden, dann ist das der Debütroman. Er hat drei Literaturpreise erhalten. Wenn ich jetzt anders herangehe und schaue, welches Buch die interessantesten Kritiken bekommen hat, dann ist es „Der kleine Rest des Todes“. Dieses Buch hat sehr viele und gute Besprechungen bekommen. Und auch das neue Buch „Die endlose Stadt“ hat Kritiken bekommen, aus denen ich teilweise viel lerne. Die Frage nach dem liebsten Buch ist schwierig zu beantworten. Man hängt an jedem Buch auf seine Weise. Was man zuletzt geschrieben hat, ist aber meistens das, was einem am Nächsten steht.

Buchrevier: Du gibst ja momentan viele Interviews, denn „Die endlose Stadt“ ist ja noch ganz frisch auf dem Markt. Hast Du Killerfragen? Das heißt Fragen, die Dir zum Hals raushängen, die Du nicht mehr hören willst, hören kannst?

Ja, die gibt es. Ich muss aber sagen, dass es wichtig ist, trotzdem gute Antworten zu geben, auch auf Killerfragen. Und oft sind diese Fragen auch ganz unschuldig gestellt, mit dem Wunsch, mehr zu erfahren vom Autor. Und auch grad die typische Frage nach dem Autobiografischen, die kommt ja eigentlich immer und bei jedem Autor. Dahinter steckt so ein Verlangen nach Authentizität. Das heißt, man möchte sich in Sicherheit wiegen, will dass der Autor das alles auch wirklich kennt und erlebt hat und einem nichts vom Pferd erzählt.

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Buchrevier: Ich versuche mal, eine Killerfrage zu stellen. Du hattest Stipendienaufenthalte in Istanbul und in Mumbai. Und just an diesen beiden Orten spielt die Handlung deines aktuellen Romans „Die endlose Stadt“. In diesem Zusammenhang fällt dann schon mal der Begriff ‚Stipendiatenprosa’. Ärgert dich das?

Wenn Du mir erklären kannst, was ‚Stipendiatenprosa’ ist?

Buchrevier: Ich dachte, Du kannst mir das erklären.

Nein, ich Rätsel ja schon ganz lange, was das sein soll. Dazu ist ja auch eine kleine Debatte entstanden, weil das eigentlich niemand weiß. Und das ist ein typisches Beispiel dafür, wie Kritiker einfach ein Wort nehmen und so tun, als würde es irgendetwas bedeuten. Aber es bedeutet rein gar nichts. Also der Hintergrund ist der, dass mal als Autor zu einem Aufenthaltsstipendium eingeladen wird und dort schreiben kann, was man will. Man hat keine Auflagen, man muss am Ende nicht irgendetwas abgeben. Natürlich freuen die sich, wenn man tatsächlich auch etwas schreibt. Also, man bekommt zwar den Aufenthalt bezahlt, aber man ist absolut frei. Insofern verstehe ich nicht, was Stipendiatenprosa bedeuten soll.

Buchrevier: Also ich verstehe darunter Folgendes: Man liest im Klappentext, dass Du Stipendien in Istanbul und in Mumbai hattest und stellt dann fest, dass die Handlung des Romans just dort spielt. Dann denkt man sich: wenn das nächste Stipendium vom Ruhrgebiet oder der Bodenseeregion kommt – spielt dann der nächste Roman auch dort?

Aber die Reihenfolge ist ja umgekehrt. Ich bewerbe mich ja auf einen Ort, der mich interessiert, das ist die Reihenfolge. Ich bewerbe mich, weil ich über Istanbul etwas machen will, für ein Istanbul-Stipendium und fahre dort hin.

Buchrevier: Ach, Du hast Dich darum offiziell beworben?

Ja, natürlich, und genauso war es auch mit Mumbai. Und dazu muss ich sagen: ich habe gerade mit Indien so eine lange Geschichte, die ist jetzt schon 27 Jahre alt. Ich würde auch nicht zwangsläufig über Orte schreiben, von denen ich keine Ahnung habe. Ich war zum Beispiel letztes Jahr in Venedig. Zwei Monate mit einem Aufenthaltsstipendium und werde mich hüten, über Venedig etwas zu schreiben, weil ich keine Ahnung von Venedig hab. Auch nach zwei Monaten nicht. Insofern verstehe ich diese Argumentation kein bisschen.

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Buchrevier: Aber es geht ja im Grunde genommen auch in der endlosen Stadt um das Thema Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst. Das ist ja auch ein Thema von Holle und Theresa, den beiden Protagonisten in dem aktuellen Roman. So ein bisschen sieht das so aus, als wenn das aktuell so Deine Themenschublade als Autorin ist. Fühlst Du Dich da wohl?

Ich bediene ja keine Schubladen. In meinem Schreiben versuche ich andauernd Schubladen aufzubrechen und Kontexte herzustellen zwischen Themen, die so noch nicht unbedingt vorliegen. Ich vergleiche die prekarisierte Situation einer Berliner Künstlerin auf indirekte Art mit Menschen in schrecklicher Armut in Indien. Das stelle ich einfach kontrastierend nebeneinander. Das ist ein Beispiel für Zusammenhänge und insofern verweigere ich das Schubladendenken. Das ist meine allerhöchste Aufgabe als Autorin.

Buchrevier: Bist Du ein politischer Mensch und insofern auch ein politischer Autor?

Das aktuelle Buch wurde mehrere Male von Rezensenten als politisches Buch beschrieben. Das fand ich gut. Ich selbst hätte das nicht in Anspruch genommen, aber es sind politische Themen, es geht um diese Zusammenhänge zwischen Metropolen, zwischen den Ländern und den Menschen.

Buchrevier: Fändest Du es wichtig, dass Autoren als geistig/moralische Instanz wieder mehr Gehör in Deutschland bekommen? Günter Grass, der letzte Vertreter der politisch engagierten Schriftsteller ist ja jetzt nicht mehr da. Wer könnte in seine Fußstapfen treten? Hättest Du da Ambitionen?

Nein, ich sehe mich da nicht. Heute tun es ja einige Autoren. Mir fällt da als erste Juli Zeh ein, vielleicht noch Ilija Trojanow. Die Grass-Generation ist aber eine ganz andere Generation gewesen. Wie ich gerade sagte, mich interessiert einfach die Kunst, als eine Möglichkeit Menschen zu erreichen. Da fühle ich mich mehr Zuhause, da sehe ich auch meine Stärken.

Buchrevier: Was hältst Du von Literaturblogs? Welche Rolle spielen sie in deinen Augen bei der Literaturvermittlung – auch in Abgrenzung zum klassischen Feuilleton?

Was mir sehr an den Literaturblogs gefällt, ist, dass die Hierarchien dadurch aufgeweicht werden. Da findet eine Dezentralisierung statt, so dass das Hoch-Feuilleton nicht mehr die einzige Instanz ist und somit ein bisschen mehr Demokratie in die ganze Sache reinkommt – das finde ich sehr, sehr positiv. Und es gibt ja wirklich ausgezeichnete Literaturblogs, die auf einem sehr hohen Level operieren, sich sehr tief auseinandersetzen mit Literatur und teilweise auch nicht hinter dem Feuilleton zurückstehen. Ich finde das positiv, aber natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, wo es dann schwächer wird, wo es nur um Meinung und Kaufempfehlung geht und nicht mehr richtig begründet wird – aber solche Ausreißer gibt es ja auch im Feuilleton

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Buchrevier: Im Moment ist ja die endlose Stadt noch relativ neu. Aber spätestens in ein /zwei Monaten spricht kein Mensch mehr von dem Buch, es sei denn Du gewinnst damit den Buchpreis. Ist das nicht unglaublich frustrierend, dass man als Autor nur so knapp ein Vierteljahr mit einem neuen Buch Aufmerksamkeit hat und dann wieder in der medialen Versenkung verschwindet bis man wieder etwas Neues vorgelegt hat?

Nein, das finde ich gar nicht schlimm. Ich freue mich schon darauf, wenn es mal wieder ruhig wird. Es war jetzt so viel los und es ist auch unglaublich stressig, wenn jeden Tag irgendwo etwas über einen erscheint und man das natürlich mitverfolgt. Das ist eine aufregende Zeit, aber ich bin froh, wenn es wieder ruhiger wird. Denn man kommt in der Zeit überhaupt nicht zum Schreiben.

Buchrevier: Das Leben als Autorin – ist es so, wie Du es Dir vorgestellt hast? Oder wärst du doch lieber Lehrerin geworden?

Nein, das ist ein großartiger Beruf. Ich bin sehr, sehr begeistert. Man kommt in so viele verschiedene Zusammenhänge hinein, zum Beispiel dass man mit dem Außenminister nach Delhi reist. Oder vorgestern war ich im Gefängnis und habe Jugendliche in kreativem Schreiben unterrichtet. Das sind Einblicke in Lebensbereiche, die man mit anderen Berufen so nicht hat.

Buchrevier: Die nächste Reise führt dich (wieder auf Einladung) für ein paar Wochen nach Indonesien. Jetzt wieder eine Killerfrage: Kann es sein, dass dann auch der nächste Roman in Indonesien spielt?

Nein, überhaupt nicht. Weil ich ganz andere Pläne habe, die ich aber jetzt nicht verraten möchte.

Buchrevier: Vielen Dank und viel Spaß in Indonesien und viel Erfolg bei den nächsten Projekten.

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Bildschirmfoto 2015-08-05 um 11.19.07 Das Interview gibt es auch in ungekürzter Form als Audio-Podcast. 

… dann gefällt Ihnen auch Julia Wolf

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Ich traf die Autorin von „Alles ist jetzt“ auf der Leipziger Buchmesse und habe ihr ein paar Fragen gestellt.

Buchrevier: Wenn Sie Ihren Roman mit einem Satz zusammenfassen müssten, könnten sie das? Worum geht es in ‚Alles ist jetzt’?

Julia Wolf: Mein Verlag hat den perfekten Satz gefunden, der es ziemlich gut trifft: In der Programmvorschau heißt es: Das Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die sich ihren Dämonen stellt.

Buchrevier: Das erinnert mich an einen Roman, den ich erst kürzlich gelesen habe. In Simone Lapperts Buch Wurfschatten kämpft eine junge Frau gegen ihre Phobien. Geht es bei Ihrer Protagonistin Ingrid auch um Ängste und Phobien, oder was für Dämonen sind das?

Julia Wolf: Die Dämonen sind zum einen die Dämonen der Vergangenheit, resultieren aus einer traumatischen Familiengeschichte, mit viel Krankheit und Destruktion. Ingrids größter Dämon ist die Tatsache, dass sie glaubt, die Welt habe nichts mit ihr zu tun. Sie fühlt sich unsichtbar in der Welt. Das ist ihre Haltung und da wieder herauszukommen, ist der größte Dämon, dem sie begegnen muss.

Buchrevier: Wie viel hat denn die Protagonistin mit Ihnen zu tun?

Julia Wolf: Sie hat insofern etwas mit mir zu tun, als dass, was in der Geschichte verhandelt wird, mit mir zu tun hat. Aber sie ist tatsächlich eine Kunstfigur – es ist kein autobiografischer Roman. Die Schauplätze des Romans, die Städte in der Provinz, Frankfurt und Berlin sind schon Schauplätze meiner Biografie, aber das Geschehen und die Figuren sind rein fiktiv.

Buchrevier: Sie wohnen in Berlin. Wie wichtig ist diese Stadt für Ihr kreatives Schaffen?

Julia Wolf: Berlin ist insofern wichtig, als ich es dort geschafft habe, neben meiner freien Arbeit zum Broterwerb immer wieder auch Platz zu haben für das Schreiben. Und natürlich ist die Verknüpfung mit anderen Schreibenden und Institutionen, die es in Berlin gibt, sehr hilfreich und sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung.

Buchrevier: Sie sind ja als freie Autorin auf vielen Feldern unterwegs. Gehört so ein erzählerisches Werk noch ins Autorenportfolio oder, welche Intention hatten Sie, diesen Roman zu schreiben?

Julia Wolf: Es ist nicht so, dass ich neben all den Arbeiten als freie Autorin unbedingt auch noch einen Roman schreiben wollte. Die Prosa stand am Anfang. Die anderen Projekte, wie Radiohörspiele, Theaterstücke und jetzt auch ein Filmprojekt, kamen dann noch dazu. Aber Prosa war für mich immer mein wichtigstes Anliegen, dafür schlägt mein Herz. Das ist der Kern dessen, was ich mache und was mich am meisten interessiert. Und was die Intention, so ein Buch zu schreiben anbetrifft: die Figuren sind da, die Geschichte, und dann will man selber herausfinden, was da passiert. Ich kann nicht sagen, ich habe das geschrieben, weil ich etwas ganz Bestimmtes zeigen wollte, sondern es war mehr so ein Prozess des Erkundens und Herausfindens. Das hat mir einfach Freude bereitet, auch wenn viele Leute sagen, dass es relativ finster geworden ist.

Buchrevier: „Alles ist Jetzt“ ist ja ihr Debüt. Sie haben mit der Frankfurter Verlagsanstalt einen tollen Verlag gefunden und erste positive Kritiken bekommen. Das ist ja schon ein toller Erfolg. Was würden Sie sich für dieses Buch noch wünschen? Dass es einen Literaturpreis gewinnt, verfilmt wird, vielleicht sogar ein Bestseller wird?

Julia Wolf: Ich bin mir ganz sicher, dass es kein Bestseller wird. Und das ist auch in Ordnung, weil es einfach nicht der Stoff für einen Bestseller ist. Ich würde mir aber schon wünschen, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen, weil es ein langer Entstehungsprozess war und ich da auch sehr viel von mir reingesteckt habe. Wenn ein Preis helfen könnte, dass viele Leser auf dieses Buch aufmerksam werden, warum nicht?

Buchrevier: Haben Sie denn eine Botschaft, die Sie mit dem Buch vermitteln wollen? Dass man zum Beispiel als Leser durch die Lektüre bestimmte Dinge besser versteht?

Julia Wolf: Nein, überhaupt nicht. Eine Botschaft ist auch nicht das, was mich an Literatur interessiert. Ich habe keinen didaktischen oder pädagogischen Ansatz. In dem Roman wird eine Subjektivität dargestellt und ich hoffe, dass es genug Leute gibt, die das interessant finden, die vielleicht Freude an der Sprache haben und der Art, wie ich diese Geschichte erzähle und die deswegen das Buch gerne lesen. Eine Botschaft gibt es nicht.

Buchrevier: In Online-Shops bekommt man ja Bücher empfohlen. Im Stil von: Personen, denen dieser Roman gefallen hat, kauften auch dieses Buch. Wen würden Sie als Referenz nennen? Wessen Romane sollten mir gefallen, damit mir eventuell auch der Roman von Julia Wolf gefällt?

Julia Wolf: Das ist eine schwere Frage. Aber in der ersten Rezension, die zu ‚Alles ist jetzt’ erschienen ist, gab es einen Vergleich mit Marlene Streeruwitz. Das hat mich schon sehr gefreut, weil ich diese Autorin sehr bewundere.

Buchrevier: Marlene Streeruwitz ist ja als radikale Feministin bekannt. Ist Feminismus auch ein Anliegen von Ihnen?

Julia Wolf: „Alles ist jetzt“ ist sicherlich kein feministischer Empowerment-Text. Aber ich verstehe mich als Feministin und diese Haltung der Welt gegenüber fließt natürlich auch in mein Schreiben ein.

Buchrevier: Würden Sie denn dann sagen, dass jemand, der Marlene Streeruwitz Roman ‚Nachkommen’ mag, auch Julia Wolf „Alles ist Jetzt“ mögen wird?

Julia Wolf: Auch wenn das fast schon wie eine Anmaßung klingt, so etwas selber zu sagen, aber ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Oder ich würde es mir wünschen. Eine andere Autorin, die ich mich momentan inspiriert, ist die Amerikanerin Mary Gaitskill. Auch hier würde mir sehr gefallen, wenn man mich und mein Buch in diesem Kontext sehen würde.

Buchrevier: Sind diese beiden Autorinnen auch ihre literarischen Vorbilder? Haben Sie überhaupt welche?  Julia Wolf: Ja sicher, viele sogar. Aber es gibt jetzt nicht den Einen oder die Eine. Es gibt viele Aspekte und Ansätze in unterschiedlichen Büchern, die mich beeinflussen. Eine ganz große Heldin ist zum Beispiel Virginia Wolf. Wichtig für mein Schreiben sind aber zum Beispiel auch die frühen Arbeiten von Siri Hustvedt. „The Enchantment of Lily Dahl“ und „The Blindfold“ sind ja weibliche Entwicklungsgeschichten wie „Alles ist jetzt“ es auch auf eine Art und Weise ist. Diese beiden Bücher waren und sind sehr wichtig für mich. Und in diesem Zusammenhang darf natürlich Sylvia Plaths „The Bell Jar“ nicht fehlen.

Buchrevier: Wie lange haben Sie an Ihrem Roman geschrieben?

Julia Wolf: Oh das war ein sehr, sehr langer Prozess. Eine Szene dieses Buches habe ich bereits mit 16 Jahren Zuhause in meinem Elternhaus geschrieben. Mit Zwanzig hatte ich ein Stipendium und habe dann die erste Fassung des Romans geschrieben. Danach hat es acht Jahre gelegen, bis ich das Manuskript noch einmal in die Hand genommen habe. Ich habe es durchgelesen und mir gesagt: Das ist echt nicht gut, aber die Figuren mag ich. Dann habe ich noch einmal angefangen und drei bis vier Jahr intensiv daran gearbeitet. Und bis auf die eine Szene, die eigentlich seit meinem 16. Lebensjahr immer da war, habe ich alles noch einmal neu geschrieben.

Buchrevier: Geht es jetzt weiter mit dem nächsten Roman? Und wenn ja, können Sie schon verraten worum es geht?

Julia Wolf: Ja, ich bin schon mittendrin. Aber über ungelegte Eier spreche ich nicht gerne, da bin ich abergläubisch.

Die Welt anders sehen

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Interview mit Jan Wagner über die Bedeutung der Lyrik und seinen für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Gedichtband Regentonnenvariationen.

buchrevier: Erstmals ist ein Lyrikband für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ist das ein Zeichen für eine wachsende Popularität von Lyrik in Deutschland? Kann man sagen, die Lyrik boomt?

Jan Wagner: Es wäre schön, wenn dank der Nominierung ein stärkeres Licht auf die Lyrik als Gattung fällt. Tatsächlich ist es nämlich so, dass die Lyrik im deutschsprachigen Raum seit zehn, fünfzehn Jahren so lebendig ist wie schon lange nicht mehr. Es gibt eine Fülle von neuen, markanten Stimmen, eine enorme Bandbreite an Stilen und Tonlagen. Das reicht von traditionsbewusster, narrativer Dichtung bis zu hermetischen oder verspielten und sprachexperimentellen Gedichten. Es wäre wunderbar, wenn all das von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen würde. Um den Begriff „Boom“ aufzugreifen: Die Lyrikszene boomt auf jeden Fall. Ob der Boom auch die Leserschaft erfaßt, bleibt abzuwarten.

buchrevier: Die Lyrik-Szene ist aber schon ein ziemlich abgeschotteter Zirkel, ein closed Shop, zu dem man nicht so ohne weiteres gang findet, oder?

Jan Wagner: Eigentlich sind die Türen weit offen. Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass die Lyrik eine sehr treue Anhängerschaft hat, die über die Jahre weder viel größer noch deutlich kleiner wird. Aber es gab immer wieder Phasen in der Literaturgeschichte, in denen Lyrik eine wichtige, um nicht zu sagen: die wichtigste literarische Gattung war – etwa in Chile zu Zeiten Pablo Nerudas, der vor zig Tausenden von Zuhörern las.

buchrevier: Oder Bertolt Brecht, der hat auch viele erreicht, weil er mit seinen Gedichten eine politische Botschaft transportiert hat.

Jan Wagner: Ja, das ist richtig. Mit politischen Gedichten lassen sich vielleicht höhere Auflagen erzielen. Aber sowohl Brecht und Neruda als auch Erich Fried haben neben politischen Gedichten auch Liebesgedichte geschrieben – deren Auflage zumindest bei Fried vielleicht sogar noch höher war als die seiner politischen Gedichte.

buchrevier: Wie würden Sie das klassische Lyrik-Publikum beschreiben. Stimmt das Klischee: Lyrik ist etwas für jugendliche Weltverbesserer, unglücklich Verliebte und Arzt-Gattinnen über 50?

Jan Wagner: Zunächst einmal lesen hoffentlich auch gealterte Weltverbesserer, glücklich Verliebte und jüngere Arztgattinnen Gedichte. Das Publikum bei Lyriklesungen ist generell sehr gemischt, man findet eigentlich alle Alters- und Berufsgruppen. Was stimmt: Es gibt viele Vorurteile gegenüber der Lyrik und eigentlich nur zwei Formen, in denen sie allgemein akzeptiert wird, nämlich erstens als gereimter Lobgesang bei Hochzeiten und Geburtstagsfeiern und zweitens als Therapeutikum, um sich aus einem seelischen Krisenzustand zu befreien. Gedichte können aber doch deutlich mehr als das.

buchrevier: Ich kenne noch eine akzeptierte und zugleich auch coole Form von Lyrik. Man findet sie bei Poetry Slams. Reizt sie so eine Bühne nicht?

Jan Wagner: Ich habe einmal eher zufällig bei einem Poetry Slam teilgenommen. Es geht da natürlich sehr stark um die Performance, das heißt, Texte, die auf einer solchen Bühne vorgetragen werden, müssen sofort zünden, haben dann gedruckt aber gelegentlich eine oder zwei Ebenen weniger als andere Gedichte. Ich bin schon der Meinung, daß Lyrik laut und öffentlich vorgetragen werden sollte. Wenn der Schwerpunkt aber zu sehr auf der Bühnenwirksamkeit liegt, dann ist es nicht mehr unbedingt meine Sache.

buchrevier: Als ich zum ersten Mal ein Buch mit Ihren Gedichten in den Händen hielt und durchblätterte, hier und da mal reinlas, war mein erster Gedanke: Das ist keine leichte Kost und nur etwas für Eingeweihte. Hören Sie das oft von Ihren Lesern?

Jan Wagner: Man sollte sich für Gedichte Zeit nehmen und sich in aller Ruhe auf sie einlassen. Auch sollte man Lyrik ruhig laut lesen, denn die musikalische Komponente ist äußerst wichtig. Vieles erschließt sich so leichter. Dabei bin ich eigentlich überzeugt, dass die Gedichte, die ich schreibe, sich auch beim ersten Lesen keineswegs verschließen. Sie handeln ja von Dingen, die jeder kennt, ob es nun um Mücken, Servietten oder Seifenstücke geht, von Dingen also, mit denen erstmal jeder etwas anfangen kann. Ich verwende ja keine Geheimsprache, keine Codes – man muss sich also nicht jahrelang mit Lyrik beschäftigt haben, um meine Gedichte zu verstehen. Wie mit allem anderen aber muß man sich auch mit Lyrik erst einmal vertraut machen, bevor man sie ganz und gar genießen kann, man muß sich auf ihre Eigenheiten, auf Formen und Techniken einlassen, um sie wertschätzen zu können. Das ist beim Schwimmen und beim Billardspielen aber nicht anders.

buchrevier: Da erwarten Sie aber viel von ihren Lesern. Das grenzt die Zielgruppe schon sehr ein.

Jan Wagner: Ich bin davon überzeugt, dass Poesie ein Grundbedürfnis ist und sie deshalb auch jedem etwas mitzuteilen, etwas zu schenken hat. Man kann meine Gedichte zwar nicht lesen wie eine Erzählung, die sich ganz auf ihre Handlung verläßt und von A nach B bewegt, aber sie bieten doch erzählerische Momente an. Und verglichen mit einer experimentellen Lyrik, die sich ganz auf ihr Material, auf die Sprache also und ihre Möglichkeiten und Unmöglichkeiten konzentriert, sind meine Gedichte sicherlich leichter zugänglich, weil sie dem Alltäglichen und seinen Dingen zugewandt sind.

buchrevier: Haben Sie eine Botschaft, die Sie Ihren Lesern vermitteln möchten?

Jan Wagner: Gedichte, die Botschaften übermitteln wollen, haben oft die unangenehme Eigenschaft, dass sie nach der einmaligen Lektüre erledigt sind, weil man die Botschaft ja verstanden hat. Schöner ist es, wenn ein Gedicht sich immer wieder lesen läßt, ohne ganz aufzugehen wie eine Gleichung. Gute Gedichte entwickeln sich im Laufe der Jahre zusammen mit ihrem Leser, der so immer etwas Neues in sie hineinlesen kann. Keine Botschaft also, nein, aber ich wünsche mir, dass meine Gedichte gelegentlich das erreichen, was gute Gedichte auch bei mir bewirken: Sie lassen mich die Welt anders und sozusagen wie zum ersten Mal sehen. Und die Welt neu zu sehen, heißt, sie neu denken zu können. Das ist auch ein Zugewinn an Freiheit.

Jan Zeichnung
© Davide Racca

buchrevier: Kommen wir zur Technik. Versmaß und Reim, das kennt man aus der Schule. Bei Ihnen bin ich diesbezüglich überfordert. Hin und wieder entdeckt man mal einen Reim, aber ich habe das Gefühl, dass ist eher Zufall und kein Stilelement, oder?

Jan Wagner: Lustig, dass Sie das sagen, denn in Wirklichkeit reimen sich fast alle meine Gedichte – ich finde es allerdings großartig, wenn das nicht auffällt. Doch, ich benutze Reime, aber selten reine Reime und erst recht nicht solche, die schon zu einem lyrischen Klischee geworden sind. Arno Holz sagte einmal, daß der Erste, der Herz auf Schmerz reimte, ein Genie war, der Hundertste hingegen ein Kretin. Ich selbst verwende lieber unreine Reime oder „slant rhymes“, wie sie im Englischen heißen, weil man mit ihnen eine ungleich größere Menge an Reimpaaren bilden kann. Es ist in meinen Augen nicht nur spannender, wenn sich Obstsalat auf Upsala reimt oder Papier auf Papaya, es ist auch eine Art zu reimen, die sich dem Leser nicht aufdrängt und mich beim Schreiben, das ist das Wichtigste, in völlig neue Richtungen denken lässt, mich zwingt, andere gedankliche und bildliche Bereiche zu erkunden – und die so dafür sorgt, dass ich von meinem eigenen Gedicht überrascht werde.

buchrevier: Können Sie kurz in einem Satz zusammenfassen, worum es in Regentonnenvariationen geht?

Jan Wagner: Das ist schwierig, aber ich will es mal versuchen. Es gibt in den „Regentonnenvariationen“ – abgesehen von den wiederkehrenden Pfanzen- und Tiermotiven – vielleicht zwei übergeordnete Themen. Das ist zum einen das Thema Verwandlung – ob nun der Großvater zur Wespe, Anna zum Hasen oder eine Serviette zum Segel wird – und zum anderen das Thema Erinnerung, etwa in einer Reihe von Kindheitserinnerungen.

buchrevier: Lutz Seiler und Marion Poschmann, beides Lyriker, haben sehr erfolgreiche Romane auf den Markt gebracht. Ist das auch etwas, was man von Ihnen erwarten kann?

Jan Wagner: Ich bewundere Autoren, die sowohl Lyrik als auch Prosa beherrschen. Ich selbst aber schreibe tatsächlich nur Gedichte – und ab und zu mal einen Essay über Gedichte oder Dichter. Ich habe bislang noch nie das Bedürfnis gehabt, eine Erzählung oder einen Roman zu schreiben, aber welcher Gattung man sich zuwendet, hängt vermutlich auch immer davon ab, was einen im Leben zuerst begeistert hat. Bei mir waren es Gedichte. Als ich das erste mal Georg Trakl oder Dylan Thomas las, war ich so begeistert, so bezaubert von der Art und Weise, wie dort mit Sprache umgegangen wurde, dass ich mir wünschte, eine solche Magie zweiter Ordnung, und das ist die Lyrik ja, irgendwann auch zu beherrschen. Und ob das nun manchmal gelingt oder nicht, ich möchte in jedem Fall nichts anderes schreiben als Gedichte.

buchrevier: Auf der anderen Seite könnte das ja finanziell ganz interessant sein, denn Prosa verkauft sich besser.

Jan Wagner: Das mag sein, aber ein Lyriker – auch ein Romancier übrigens – schreibt ja nicht, weil er Geld verdienen will. Er schreibt Gedichte, weil er die Sprache und die Lyrik liebt. Wer als Berufsziel Lyriker wählt, weil er damit Geld verdienen will, macht vermutlich einen großen Fehler.

buchrevier: Können Sie von der Lyrik leben?

Jan Wagner: Abgesehen von den Gedichten selbst, abgesehen von Lesungen, übersetze ich Lyrik aus dem Englischen und verfasse Essays, auch die aber ausschließlich über Gedichte und Lyriker. Ich betreibe also eine Art Vielfelderwirtschaft – ohne ein gelegentliches Stipendium aber ginge es nicht.

buchrevier: Ein hartes Brot?

Jan Wagner: Ein sehr süßes Brot.

buchrevier: Kommen wir zurück zum Preis der Leipziger Buchmesse. Macht es überhaupt Sinn, in der Kategorie Belletristik mit einem Lyrikband gegen Prosawerke anzutreten? Würde da eine spezielle Lyrik-Kategorie nicht mehr Sinn machen?

Jan Wagner: Das Wort ‚antreten’ ist mir ein wenig zu martialisch. Natürlich ist es schwierig, Lyrik mit Prosa zu vergleichen – auch wenn es ja eine Reihe anderer Preise gibt, bei denen das geschieht. Man kann vielleicht nicht exakt die gleichen Werkzeuge anwenden, wird hier eher auf die Figurenentwicklung und die Handlung achten, dort eher auf die Stimmigkeit der Bilder und der Form, aber man kann doch sagen, ob das Werk in sich gelungen ist, den eigenen artistischen Maßstäben gerecht wird, und auf dieser Grundlage abwägen. Andererseits wäre es natürlich wunderbar, wenn es einen Preis für Lyrik gäbe, der eine ähnlich große Wirkung hätte, ähnlich viel Aufmerksamkeit erhielte wie der Preis der Leipziger Buchmesse.

buchrevier: Glauben Sie, dass die Lyrik in Deutschland einen Popularitätsschub bekommen würde, wenn Sie den Preis der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr gewinnen würden?

Jan Wagner: Ich hoffe, dass allein die Nominierung schon dazu beiträgt, gewisse Vorurteile abzubauen. Bei der Liste mit den Nominierungen handelt es sich ja nicht zuletzt um Lektürevorschläge – und vielleicht wird sich manch einer, der auf diese Vorschläge vertraut, nun sagen, dass Lyrik, wenn sie schon einmal auf der Liste steht, nicht so schlimm sein kann wie immer befürchtet. Damit wäre schon sehr viel erreicht.

buchrevier: Bei mir sind spätestens nach diesem Gespräch alle Vorurteile abgebaut. Ich drücke Ihnen für die Preisverleihung am 12.März ganz fest die Daumen!

Foto: © Alberto Novelli – Villa Massimo.
Zeichnung: © Davide Racca