Warum ich nicht länger mit Verlagen über Reichweite spreche.

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Um es gleich vorweg zu nehmen: es fällt mir schwer. Das Lesen, das Bloggen – momentan eigentlich alles. Die alte Leichtigkeit, der gelegentliche Übermut, die Lust am Teilnehmen, Sticheln und Streiten, das alles ist mir in den letzten Monaten irgendwie abhanden gekommen. Meine Frau hat gesagt: Du brauchst mal eine Pause, das wird schon wieder.

Also habe ich eine Pause gemacht, bin viel Fahrrad gefahren, habe den Sommer und unseren Garten genossen und mich vorwiegend mit beruflichen Themen beschäftigt. Aber so schön und erfüllt jeder einzelne Tag auch gewesen sein mag, wenn ich abends ins Bett ging, spürte ich überdeutlich, dass etwas ganz Entscheidendes fehlte. Ich ohne das Buchrevier, das fühlte sich nicht richtig an.

Das ist schon mal gut zu wissen. Trotzdem macht es mir immer noch große Mühe, mich zu motivieren. Die Pause war gut und richtig, aber so wie früher wird es wohl nicht mehr werden. Denn nicht nur ich habe mich verändert, auch die Bloglandschaft hat sich gewandelt, und die Rollen sind neu verteilt. Instagram ist mittlerweile Leitmedium und hat die Weblogs in den Hintergrund gedrängt. Es gibt zwar immer mehr Menschen, die Buchcover fotografieren und im Netz hochladen, aber immer weniger, die das tatsächlich noch interessiert. Überall die gleichen Bücher, die gleichen Arrangements und meistens auch die gleiche Meinung – manchmal auch gar keine. Kein Wunder, dass das Interesse stagniert, denn das ist alles nicht nur nicht spannend, sondern auch nicht kreativ und folglich nicht besonders relevant.

Mittlerweile hat auch der Buchhandel Social Media entdeckt und flutet mit professionellem Eifer alle Kanäle mit ‚buchigem‘ Content. Ob Inhaber oder Azubi, alle engagieren sich für die gute Sache, halten tapfer Bücher in die Kamera und sagen dazu ein Verkaufssprüchlein auf. Kann man machen. Wenn es aber alle machen, gehen die wenigen Guten einfach unter. Gefühlt sind heute weit über die Hälfte der Buchblogger auf irgendeine Weise Teil des Literaturbetriebes. Und das verändert natürlich die Rahmenbedingungen. Wenn die Motivation für das Bloggen auch beruflicher Natur ist – sozusagen Teil der Jobbeschreibung – dann bleibt bei aller glaubhaft präsentierten Liebe zur Literatur ein Geschmäckle.

Und wo wir schon mal bei den harten Wahrheiten sind. Wer liest eigentlich all die Blogrezensionen und Bücherposts auf Insta und Facebook? In der überwiegenden Mehrzahl sind es Personen, die selber einen Buchblog betreiben oder Bookstagrammer sind; hin und wieder auch der Buchhandel, Verlagsmitarbeiter und manchmal auch Autoren. Ganz selten mal verirrt sich ein echter Leser in die Literaturblogosphäre, einer der mit dem ganzen Betrieb nichts am Hut hat und nur eine Lektüreempfehlung sucht. Es ist leider so: Blogger schreiben für andere Blogger und bewegen sich fast ausschließlich in ihrer Bücherblase. Mit Ausnahme von vielleicht einer Handvoll wirklicher Influencer, wie Florian Valerius oder Karla Paul, werden Buchblogger außerhalb des Literaturbetriebes überhaupt nicht wahrgenommen.

Von der anfänglichen Hoffnung, über Blogs und Social Media wieder mehr Menschen für das Lesen zu begeistern, ist nicht viel geblieben. Jetzt lautet die Devise, die verbliebenen Leser nicht auch noch zu verlieren. Dass man mit Literatur nicht die Reichweiten von Mode- und Lifestylebloggern erzielen kann, war allen von Anfang an klar. Das man aber noch nicht mal annähernd vergleichbare Zahlen erzielen kann und bei vielen Kanälen statt Reichweiten-Wachstum sogar Stagnation zu verzeichnen ist, ist schon eine herbe Enttäuschung.

Gestorben ist auch die Hoffnung, mit dem Bücherbloggen Geld zu verdienen oder sogar davon zu leben, wie andere Influencer es tun. Einige wenige schaffen es, nicht noch draufzuzahlen oder sich über den Blog für andere Tätigkeiten zu empfehlen. Die meisten aber freuen sich, wenn sie wenigstens die Bücher, die sie besprechen, nicht auch noch bezahlen müssen.

Beeindruckend finde ich, dass diese unattraktiven Rahmenbedingnen aber scheinbar niemanden wirklich abschrecken und ein wenig Applaus der Community schon ausreicht, um mit dem Bücherbloggen weiterzumachen. Und das findet sogar auf einem stellenweise sehr hohen Niveau statt, wie ambitionierte und kreative Projekte wie Tell, 54Books, Das Debüt oder Literaturpalast eindrucksvoll belegen.

Und in diesem bunten Gemengelage wurschtelt auch das Buchrevier mit – mittlerweile schon seit sechs Jahren. Die Aufmerksamkeit der Anfangszeit hat stark nachgelassen, womit ich anfänglich haderte, was aber der natürliche Verlauf der Dinge ist. Ich hatte meine Zeit, habe alles mitgenommen und jetzt stehen halt andere Personen im Fokus. Der positive Nebeneffekt ist: Ich kann jetzt machen, was ich will. Keine Verlagspromos, kein Rezensionsdruck – nichts, was ich unbedingt noch erledigen, lesen oder bewerten soll. Ich kann auch mal ein paar Wochen gar nichts machen und keinem fällt das auf.

Und dann ist da natürlich noch der Blogbuster-Preis, mit einer in diesem Jahr wieder ganz besonders starken Staffel. Auch wenn ich nicht mehr in der Jury bin, wirke ich im Hintergrund  immer noch kräftig mit, was mir nach wie vor große Freude bereitet. Am 24. September ist die Preisverleihung, und bin sicher, daß der Gewinnerin – in diesem Jahr stehen nur Frauen auf der Shortlist – noch eine große Zukunft als Autorin bevorsteht.

Wenn ich so nachdenke, was mir in meiner Zeit als Buchblogger am meisten Freude bereitet hat, dann ist es genau das, was mir im Moment am meisten fehlt: die persönlichen Begegnungen. Die gemeinsamen Messetage mit meinen Lieblings-Bloggern – mit Ilja, Tilman, Frank und Uwe, mit Vera, Mareike und Julia. Der Trubel in den Hallen, die Gespräche mit den Verlagen, das Kennenlernen von Autorinnen und Autoren, und nicht zuletzt: die Messepartys. Ich bin immer mit einem großen Glücksgefühl aus Frankfurt und Leipzig zurückgekommen, die Akkus prall gefüllt mit Energie und Motivation für die nächsten sechs Monate. Das alles fehlt in diesem Jahr. Der  Akku ist leer. Und Corona immer noch da.

Ich weiß nicht, wie häufig ich in den letzten sechs Monaten lesen musste, dass besondere Zeiten, besondere Maßnahmen erfordern. Das besondere an diesen Maßnahmen ist immer gleich und immer gleich enttäuschend: sie sind online. Viele sagen ja, dass durch und nach Corona digitale Kanäle an Relevanz gewinnen werden. Vielleicht passiert aber auch das genaue Gegenteil. Wenn der ganze Spuk erstmal vorbei sein wird, werden viele das Digitale genauso satt haben, wie den ungeliebten Mund-Nase-Schutz – und beides mit Wollust in die Tonne hauen. Wundern täte mich in dieser Zeit gar nichts mehr.

Dann will ich mal langsam zum Ende kommen. Vielleicht eines noch: Es gibt immer wieder Blogger, die mit ähnlichen Texten wie diesem hier ihren Abschied zelebrieren, dann aber doch nicht gehen oder kurze Zeit später wieder auftauchen. Keine Sorge, das wird hier nicht passieren. Wenn ich irgendwann mit dem Bloggen aufhören will, dann mache ich das einfach. Keine Ankündigungen und emotionalen Abschiede. Ich werde dann einfach nichts mehr schreiben und das war es dann. Aus, Ende, Feierabend. Irgendwann wird das so passieren, aber noch ist es nicht soweit.

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Foto: Gabriele Luger

Warum ich Blinkist nutze und mich nicht dafür schäme

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Ich mache es nicht häufig, aber hin und wieder lese ich auch Sachbücher. Zuletzt Maja Göpels ‚Die Welt neu denken‘. Ich habe es gekauft, weil ich wie viele andere Menschen auf der Suche nach Antworten bin. Wie es mit unserer Welt weitergehen kann, wie wir Problemen wie dem  Klimawandel, Überbevölkerung und Umweltzerstörung begegnen können. Und was jeder einzelne und ganz konkret ich tun kann, damit die Welt auch im Jahr 2050 noch ein lebenswerter Ort ist.

Ich habe diesen Sachbuch-Bestseller gerne gelesen, viele meiner Annahmen bestätigt bekommen, einige neue Aspekte erkannt und als Fazit mitgenommen, dass Shareholder Value und permanentes Wirtschaftswachstum entweder gestoppt oder besser kontrolliert werden müssen. Das ist alles, was ich nach vier Wochen noch von der Lektüre des Buches in Erinnerung habe. Und auch zu den anderen jüngst gelesenen Sachbüchern, wie Sasha Lobos ‚Realitätsschockund Richard David Prechts ‚Jäger, Hirten, Kritiker‘ könnte ich jetzt gerade mal noch ein paar magere Aussagen zusammenfassen.

Und jetzt stellt sich für mich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, so viel Lesezeit für so wenig Output zu investieren. Während das Lesen von Belletristik im besten Falle gute Unterhaltung, sprachlichen Genuss und geistige Erbauung verspricht, ist das Lesen von Sachbüchern für mich ein eher freudloses Unterfangen, dient lediglich der Information, ist im Prinzip wie Zeitung lesen, nur länger. Trotzdem habe ich den Anspruch, nicht gänzlich ins Private abzutauchen und in fikitiven Romanwelten zu verharren, sondern mich mit dem Zeitgeschehen auseinanderzusetzen. Und da sah ich eines Tages bei Facebook eine Anzeige, die behauptete, dass erfolgreiche Top-Manager über 50 Sachbücher im Monat lesen und wenn ich wollte, könnte ich das auch. Und zwar mit Blinkist, der „Lieblings-App aller Akademiker“.

Nun ja, normalerweise bin ich für solch profane Werbebotschaften nicht empfänglich. Aber nachdem ich einmal den Fehler gemacht habe, auf die Anzeige zu klicken, und sie mir daraufhin mehrmals täglich eingeblendet wurde, habe ich schließlich kapituliert und mir Blinkist doch mal aus dem AppStore geladen und eine Woche umsonst ausprobiert.

Blinkist ist schnell erklärt. Die kostenpflichtige App bietet Zusammenfassungen von derzeit über 3.000 Fachbüchern aus 27 verschiedenen Kategorien, wie z.B. Beruf & Karriere, Psychologie, Politik und Gesellschaft. Innerhalb von nur 15 Minuten werden einem die 5-10 Kernaussagen (Blinks) eines Fachbuches vermittelt. Also genau das, was man nach der Lektüre jedes Fachbuches nach drei bis vier Wochen im besten Falle noch im Kopf behält. Und ich kann auch noch auswählen, ob ich es lesen oder hören will.

Da mir das Lesen von Sachbüchern ohnehin nicht so viel Freude macht, sondern eher Arbeit ist, freue ich mich, wenn ich das auslagern kann. Ich muss mich nicht mehr durch die mitunter dicken und sprachlich oftmals eher bescheidenen Bücher quälen, um die relevanten Informationen und Aussagen aus den Seiten zu destillieren. Das hat Blinkist schon für mich erledigt. Dabei weiß ich jetzt nicht, ob da tatsächlich ein Mensch oder ein Algorithmus am Werke ist und ob das auch wirklich die Kernaussagen der Bücher sind. Man muss also schon etwas Vertrauen haben. Aber ein kleiner Cross-Check mit den Fachbüchern, die ich in Gänze gelesen habe, ergab, dass die Blinkist-Extrakte ziemlich exakt mit meiner Wahrnehmung der Kernaussagen übereinstimmen. Also Zeitersparnis pur.

In meiner kostenlosen Probewoche habe ich so jeden Tag ein bis zwei Fachbücher in extrahierter Form gelesen oder gehört, wie zum Beispiel Stokowskis  ‚Unten rum frei‘, Lewinas ‚Sie hat Bock‘, Stephen Hawkins ‚Kurze Antworten auf große Fragen‘ und allerlei Fachbücher zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Mittlerweile habe ich ein Jahresabo abgeschlossen und die täglichen 15 Minuten Fachbuchlektüre in meinen Tagesablauf integriert.

Jetzt kam man natürlich zu Recht sagen, dass das eine sehr oberflächliche Auseinandersetzung mit einem Fachthema ist. Ja, das stimmt. In den sozialen Medien wird ja viel über diese Art von Science-Snack oder Wissen light gelästert. Aber angesichts der jährlichen Flut an neuen Sachbuchtiteln und der immer noch großen Anzahl an Zeitungen und Fachzeitschriften, ist es eine Frage des Zeitmanagements, wenn man sich als vielseitig interessierter Mensch einen Überblick über die relevanten zeitgeschichtlichen Themen verschaffen will. Und da ist die App des Berliner StartUps eine wirklich nützliche Erfindung und verschafft mir im Alltag wesentlich mehr Zeit. Für Bücher, die vielleicht nicht wichtiger sind, deren Lektüre mir aber deutlich mehr Freude bereitet.

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Foto: Gabriele Luger

Buchrevier macht den Twexit

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Es ist nichts Besonderes geschehen: kein Shitstorm oder ähnliches. Ich bin diesen Kanal einfach nur unglaublich leid. Donald Trump treibt da sein Unwesen, Matthias Matussek und eine Vielzahl weiterer Schlaumeier querbeet aus allen Lagern. Hinz und Kunz mit einer Meinung, einem Anliegen: eitel, geltungssüchtig, auf Krawall gebürstet oder anderweitig unangenehm. Ich bekomme das alles anzeigt, obwohl ich diesen Leuten nicht folge. Aber scheinbar tun es die, denen ich folge. Und was sie teilen, liken, kommentieren, das sehe ich zwangsläufig auch.

Aber ich will das nicht, möchte das alles nicht sehen, mich nicht damit beschäftigen. Fünf Minuten Twitter und ich habe so viel negative Energie aufgenommen, dass ich das Gefühl habe, mir wächst ein Pickel mitten im Gesicht. Diese ganzen Schlammschlachten, Empörung hierüber und Empörung darüber. Jeden Tag wird genüsslich eine neue Sau durchs Netz getrieben. Und jeder Willi hat eine Meinung: zu Thüringen, zur FDP, zu Jürgen Klinsmann, zu Dieter Nuhr und Uwe Tellkamp. Je höhnischer, desto mehr Likes, je respektloser, desto größer die Chance, dass das Thema trendet.

Dabei wollte ich mich doch eigentlich nur über Bücher austauschen, dachte, Twitter wäre der Kanal, wo man sich schnell und unkompliziert ein paar Empfehlungen ziehen kann. Kann man auch, aber darüber hinaus wird einem eben auch der ganze andere Müll in die Timeline geschwemmt. Allein der Umstand, dass Donald Trump Twitter zu seinem Lieblingskanal erkoren hat, ist Grund genug, diesem Medium ein für alle Mal den Rücken zu kehren. Nirgendwo sonst ist die Kotzbrocken-Dichte größer. Schlimm finde ich auch, dass mir Menschen, die ich im Real Life oder als Künstler eigentlich schätze, mit ihrer Twitter-Persönlichkeit so sehr auf den Senkel gehen, dass ich eine echte Antipathie entwickle. Am sympathischsten sind mir immer noch die Profile, die keine Twitter-Strategie haben; entweder nicht wissen wie der Hase dort läuft oder sich noch ausprobieren. Aber wenn sie es erstmal gecheckt haben, nerven auch sie.

Mittlerweile nervt mich bei Twitter wirklich alles: die täglichen Nörgeleien an den Unzulänglichkeiten des ÖPNV genauso wie Mikroplastik, MeToo, eMobilität oder das beliebte Großkonzerne-Bashing. Auch bei den Literaturdebatten rolle ich nur noch mit den Augen, allein schon das Wort ‚Debatte‘ regt mich auf. Mich interessiert nicht, wieviele Neuerscheinungen im Frühjahrsprogramm der Verlage von weiblichen Autorinnen sind, ob Joanne K. Rowling angeblich transphob ist und welches Problem Takis Würger mit Würsten hat. Selbst mein eigenes inaktives Twitter-Profil nervt.

Mir gefällt das alles nicht nur nicht, es stört mich, macht mich wütend und hat negative Auswirkungen auf mein seelisches Gleichgewicht. Wenn es erstmal soweit ist, ist es wirklich Zeit zu gehen. Daher habe ich beschlossen, mich von Twitter nach genau fünf Jahren zu verabschieden. Im letzten Jahr habe ich schon fast gar nichts mehr gemacht. Vier Retweets und drei Links zu Blogbeiträgen – mehr habe ich nicht zustande gebracht, damit aber 200 neue Follower gewonnen. Am Ende folgten 2143 Personen meinem mehr oder weniger inaktiven Profil. Vielleicht taugt ja mein Abgang noch für den ein oder anderen höhnischen Kommentar. Und wenn nicht, auch egal. Vermissen muss man mich jedenfalls nicht, denn auf allen anderen Kanälen werde ich noch mein Unwesen treiben und dort weiterhin der, mit einer Meinung, einem Anliegen sein – eitel, geltungssüchtig, auf Krawall gebürstet oder anderweitig unangenehm.

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Foto: Gabriele Luger

Warum Buchgeschenke problematisch sind

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Ich habe hier schon viel über meine Leseleidenschaft geschrieben. Über Bücher, über das Lesen und das Über-Bücher-Schreiben. Nach fünf Jahren ist alles nicht mehr ganz so aufregend und spektakulär wie noch zu den Hype-Zeiten. Vieles ist schon gesagt und hat sich eingespielt, die Fronten sind geklärt: zwischen Print und Online, zwischen den Literaturblogs und den Bücherblogs, zwischen Instagram und WordPress. Jeder weiß mittlerweile, was geht und was nicht, welche Texte geklickt werden und welche dümpeln. Und oft muss man sich noch nicht mal was Neues ausdenken, denn manche Themen funktionieren einfach immer wieder. So krame ich zur Weihnachtszeit schon seit Jahren meinen Text „Bitte schenkt mir keine Bücher“ aus dem Archiv und schmunzele innerlich, dass er immer noch die Gemüter erregt. Jahr für Jahr die gleichen zustimmenden und ablehnenden Kommentare.

Ich antworte zwar nicht darauf, aber ich lese sie mir alle durch und frage mich, wer denn nun recht hat. Als ich den Text vor fünf Jahren geschrieben habe, war er überspitzt formuliert und ironisch gemeint. Und ich weiß natürlich, dass Bücher immer noch zu den beliebtesten Geschenken unterm Weihnachtsbaum zählen, dass es jede Menge Menschen gibt, die sich über geschenkte Bücher freuen und es der Buchhandel ohne das Weihnachtsgeschäft noch schwerer hätte als ohnehin schon. Trotzdem ist ein Buch nicht immer die beste Geschenkidee, und je länger ich darüber nachdenke, desto problematischer finde ich es sogar, Bücher zu verschenken. Ich will mal versuchen zu erklären, warum.

Man muss zunächst unterscheiden zwischen Buchgeschenken für Menschen, die gerne lesen und solchen, die das eher nicht tun. Personen, die nicht gerne lesen, ein Buch zu schenken, finde ich  unsensibel und fast schon übergriffig. Was denken sich die Schenkenden eigentlich? Dass der Beschenkte nur nicht liest, weil er bisher noch nicht das Buch gefunden hat, das diesen Zustand von Grund auf ändert? Da muss erst das ultimative Buch kommen, was einen zum überzeugten Bücherwurm und Vielleser werden lässt und was der Schenkende ihm nun feierlich überreicht? Ist das pure Gedankenlosigkeit, Selbstüberschätzung oder ein unverschämter Wink mit dem Zaunpfahl? Nun lies doch mal was, du Spacken!

Büchermenschen sind ja oftmals missionarisch unterwegs und wollen Nicht-Leser unbedingt ans Buch heranführen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass das, was sie in ihrer Freizeit tun, viel sinn- und wertvoller ist, als das, was andere so machen. Dass Menschen, die nicht lesen, ihre Zeit und ihr Leben verschwenden und mithilfe von Büchern viel glücklicher und erfüllter leben könnten. Ich denke das zwar auch, aber ich respektiere, wenn es jemand anders sieht. Wenn er nicht gerne liest, sondern in seiner freien Zeit lieber Netflix guckt, gesellig ist, bastelt oder Sport macht. Für mich wäre das nichts, aber jeder wie er mag. Ich habe kein Interesse daran, Menschen zu verändern.

Aber bei Büchern schwingt das immer mit. Schenke ich jemandem ein Sachbuch, einen wie auch immer gearteten Ratgeber, dann will ich ihm damit nicht nur eine Freude bereiten, sondern auch etwas mitteilen: Ich habe mir gedacht, das könnte (Subtext: sollte) dich interessieren. In meiner Jugend habe ich zu Weihnachten immer Lebensratgeber bekommen. „Werde Nr. 1“, „Wie man Freunde gewinnt“, „Sorge dich nicht, lebe“. Die Botschaft, die bei mir angekommen ist, lautete: ‚Verändere dich, denn so wie du bist, bist du nicht in Ordnung.‘ Und natürlich habe ich diese Bücher deshalb alle nicht gelesen. Aus jugendlichem Trotz und weil ich mich eigentlich ganz ok fand, als Durchschnittstyp ohne viele Freunde.

Die Crux ist, dass Bücher nicht einfach nur Gegenstände sind, die ein zu Beschenkender gut gebrauchen kann, so wie Socken oder warme Handschuhe. Bücher sind Handlungsaufforderungen. Der Schenkende erwartet mehr als nur ein freudiges Dankeschön, er erwartet, dass sich der Beschenkte fünf bis zehn Stunden Zeit nimmt, das Buch liest, sich mit den Inhalten beschäftigt und im Idealfall dem Schenkenden dazu noch eine Rückmeldung gibt. Wenn man dieser Handlungsaufforderung nicht nachkommt, ist das Geschenk wertlos, nichts als ein nutzloser Stapel Papier. Ein Buch ist daher immer nur ein halbfertiges Geschenk, das erst dann vollständig und wertvoll wird, wenn der Beschenkte etwas dazu gibt: seine Zeit.

Bei jedem Buch, das unter dem Weihnachtsbaum liegt, zahlt der Beschenkte also noch mal drauf. Er investiert wertvolle Lebenszeit und damit weit mehr, als er bekommt, wenn man den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 €/h zugrunde legt. Das rechnet sich daher erst, wenn das Buch auch wirklich gut ist und die Lesezeit damit nicht verschwendet.

Anders sieht es aus, wenn man einer Person, die nachweislich gerne liest, ein Buch schenkt. Da kann man zwar sicher sein, dass ein Buch an sich schon das passenden Geschenk sein könnte, aber nur theoretisch. Praktisch kann man hier noch weit mehr Fehler machen, nachzulesen im besagten Blogbeitrag „Bitte schenkt mir keine Bücher“. Man tut daher gut daran, sich im Vorfeld beim zu Beschenkenden eine Wunschliste zu besorgen und sich dann strikt daran zu halten. Also kein anderer Titel des gleichen Autors, keine andere Ausgabe und keine Bücher von Autoren, die so ähnlich sind – dann ist alles gut.

Aber kaum einer mag nach Wunschliste schenken. Das ist ja langweilig und keine Überraschung mehr. Nein, der Beschenkte soll merken, dass man sich Gedanken gemacht hat, und vielleicht ist es ja das ultimative Buch. Eines, das sein Leben von Grund auf verändert, es glücklicher und leichter macht. Das hat bei mir bisher nur ein Geschenk wirklich geschafft. Und das war kein Buch, sondern ein Akkuschrauber.

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Foto: Gabriele Luger

Tausend letzte Bücher

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Ich kann das Ende schon sehen. Ein paar Seiten noch, ein letztes Umblättern, die finalen Sätze, das Schlusswort, der letzte Punkt. Und dann ist er da: der magischste Moment im Leben eines Viellesers. Aufstehen, das ausgelesene Buch ins Regal stellen und sich ein neues aussuchen. Für Außenstehende eine ganze einfache Handlung, zumal wenn genügend Auswahl an neuer Lektüre vorhanden ist. Doch jeder Bücherfreund weiß, welch komplexe Prozesse gerade im Kopf des vor dem Regal Stehenden ablaufen. Und nicht erst jetzt, sondern schon seit Stunden. Ganz besonders, wenn das gerade Ausgelesene nicht so recht überzeugen konnte. Dann fiebert man diesem Moment regelrecht entgegen. Kann es kaum erwarten, den Deckel über der ungeliebten Lektüre endlich und für immer zuzuklappen, um fünf Minuten später einen anderen aufzuklappen.

Aber noch ist es nicht soweit; noch ist die Entscheidung nicht getroffen. Denn man greift ja nicht irgendetwas aus dem Stapel, sondern folgt einem inneren Plan. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um den ganz persönlichen Kanon, um die nicht ganz unwichtige Frage, welcher Titel zu den maximal 3.000 Büchern, die ein Mensch im Leben zu lesen imstande ist, noch dazu kommt. Und je älter man wird, desto wichtiger und gleichzeitig schwieriger wird diese Entscheidung. Wenn es gut läuft, sind es bei mir vielleicht 1.000 Bücher, die ich in meinem Leben noch lesen werde. Eintausend Optionen auf die ultimative Lektüre, eine, die mein Leben von Grund auf verändern könnte, mir alle noch offenen Fragen beantwortet und all die Lesemühen, durchwachten Nächte, brennenden Augen, die Umzüge mit schweren Bücherkisten, die vielen investierten D-Mark, Euro und Stunden wieder aufwiegt. Das eine Buch, das mir das alles auf einen Schlag zurückzahlen würde. Mit Zins und Zinseszins, so dass ich am Ende sagen kann: Es hat sich gelohnt, die ganze Leserei.

Und so stehe ich hier und blicke auf Stapel voller Optionen. Da sind die in den letzten Wochen eingetrudelten Herbstnovitäten, der neue heiße Scheiß für fünf Tage Frankfurt und maximal acht Wochen danach. Da ist aber auch noch der Frühjahrsstapel mit mindestens fünf Titeln, die ich noch nicht geschafft habe. Werde ich jemals noch dazu kommen? Um Miami Punk wärs schade, aber das ist so ein dicker Brocken; der kostet mich mindestens drei Wochen, wenn nicht noch mehr. Und zu der darin beschriebenen Gamer-Szene habe ich weder einen Zugang noch ansatzweise Sympathie. Daher ist es fraglich, ob sich der ganze Aufwand für mich überhaupt lohnt. Was ist sonst noch vom Frühjahr übrig geblieben? Julia Rothenburg, ja vielleicht, Story klingt eigentlich ganz interessant, aber nee, kein Bock. Und da liegt auch noch Jachym Topol, so ein verschwurbelter Tscheche, den Suhrkamp als Beitrag zum diesjährigen Partnerland von Leipzig rausgebracht hat. „Ein empfindsamer Mensch“ habe ich sogar angefangen, voll motiviert, nachdem mich Martin Becker mit „Warten auf Kafka“ auf tschechische Literatur heiß gemacht hat. Aber nach zehn Seiten war ich wieder draußen. Warum? Keine Ahnung. Nicht meins.

Ach komm, vergiss das Frühjahr. Wir haben Herbst. Dieser Stapel ist noch frisch und verführerisch. Die Titel stehen im Fokus und bringen Reichweite. Köhler und Kühmel habe ich schon durch – beide Buchpreis-Longlist, beide nicht schlecht. Köhler deutlich besser, aber Kühmel kommt auf die Shortlist. Normal. Beinahe normal ist auch der mittlerweile zweite Feuilleton-Rant des Jahres auf einen Hanser-Top-Titel. Interessant zu sehen, was für eine diebische Freude die Herren Drees und Schröder am Verriss von in ihren Augen minderwertiger Ware haben. Was war noch? Ach ja, Jan-Peter Bremers junger Doktorand, ebenfalls Longlist-Titel, nett, lesenswert und ganz amüsant. Emma Braslavsky neues Werk dagegen zäh und enttäuschend. Positiv überrascht hat mich aber Tobias Wilhelm, der bei Hanser blau ein bemerkenswertes Debüt veröffentlicht hat. Da muss ich eigentlich auch noch was drüber schreiben. Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Jetzt geht es darum, das erste meiner Tausend letzten Bücher auszuwählen. Eine falsche Entscheidung und schon sind es nur noch 999 Optionen auf das ultimative Lebenslieblingsbuch.

Angesichts der schwindenden Lebens- und Lesezeit denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich die ganzen Neuerscheinungen nicht einfach beiseite lassen und die noch verbleibende Lesezeit lieber mit Backlist-Titeln und Klassikern verbringen sollte. Da ist noch so viel literarisch Bedeutendes, das ich gar nicht kenne. Ich habe Dantes „Göttliche Komödie“ noch nicht gelesen und auch noch nichts von Musil, Zweig oder Feuchtwanger. Bei mir im Regal stehen mittlerweile 90 Bände der SZ-Bibliothek, ein wunderbar ausgewählter Kanon der Gegenwartsliteratur, und davon habe ich gerade mal vier Titel gelesen. Ich kenne nichts von Botho Strauß oder Hans Magnus Enzensberger, dafür aber alles, was ihre Kinder geschrieben haben. Ist es ok, wenn man noch kein Buch von Umberto Eco, aber dafür sechs Romane von Elena Ferrante gelesen hat? Nichts von Bachmann oder Jelinek, aber zwei von Fallwickl?

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich vor dem Regal stehe, nach dem nächsten Kick Ausschau halte und voller Vorfreude zum siebten Roman von Elena Ferrante greife.

 

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Foto: Gabriele Luger

Wie ich gelernt habe, zuzuhören (last man listening)

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Ich lese gern, aber ich bin oft müde. Das lässt sich nicht ändern – leider. Nicht mit Cola, nicht mit Kaffee. Diesen Preis muss ich zahlen; für ein übervolles Leben, das frühe Aufstehen, die ganzen vielen Jahre auf dem Buckel. Wenn ich abends das machen will, worauf ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe, ist oft schon nach wenigen Seiten Feierabend. Die Augen, die Lider, der Kopf, alles. Mein Körper will nicht mehr. Will nichts mehr halten, nichts mehr schauen, nicht mehr denken. Will nur noch schlafen.

Und jeden Morgen dann der erste Selbstvorwurf des Tages: „Aber ich wollte doch noch lesen!“ Wollte eintauchen, abschalten, mal was anderes, als nur mein Leben. So schaffe ich das niemals. Den Kanon, die Neuheiten, meine Backlist-Helden. Andere lesen über hundert Bücher im Jahr. Und ich? Warum schaffe ich das nicht? Fehlt mir der Ehrgeiz oder nur Zeit und Schlaf?

Lange war ich gefangen, fand keinen Ausweg aus der Misere. Allabendliche Kapitulation und morgendliche Anklage. Ein Teufelskreis. 50 Bücher im Jahr, mehr war beim besten Willen nicht nicht drin. Und das auch nur, wenn ich mich im Sommer aus der Gartenarbeit rauszog und auf jegliche Art von Sport verzichtete. Die Folge: vorwurfsvolle Blicke und zehn Kilo plus auf den Rippen.

Energy Drinks, nur noch halbtags arbeiten – alles angedacht, alles keine Lösung. Das Lesen komplett dran geben? Niemals!  Was wird dann aus mir? Wer bin ich dann noch? Eine arme Wurst – ausgeschlafen aber leer. Und plötzlich dann die Lösung. Warum mach ich es eigentlich nicht wie im Job? Was ich selber nicht schaffe, delegieren. An Kollegen, die vieles oftmals besser können als ich. Wenn also selber lesen nicht geht, warum dann nicht andere für einen lesen lassen? Nichts tun, einfach nur noch sitzen und zuhören – like a boss.

Zunächst war ich skeptisch. In meinem Umfeld bin ich nicht unbedingt als ein guter Zuhörer bekannt. Hören ist mir irgendwie zu passiv. Ich halte gerne das Heft in der Hand, bin viel lieber Protagonist als Rezipient. So gesehen müsste ich eigentlich eher schreiben als lesen. Und jetzt also keins von beiden, sondern einfach nur zuhören. Zurücktreten ins Glied und andere machen lassen. Ist das mein Ding?

Ja, ist es. Ich hab’s ausprobiert und für gut befunden. Angefangen habe ich mit was Leichtem, Dan Brown, „Origin“ war mein erstes Hörbuch. Hat gut geklappt, ich konnte mich konzentrieren, die Protagonisten zuordnen, der Handlung folgen. Und obwohl Dan Brown so überhaupt nicht mein Anspruch ist, hat mir das Zuhören Spaß gemacht. Und dann die nächsten Ausbaustufen: ein anspruchsvoller Krimi und ein Klassiker. Volker Kutschers „ Der nasse Fisch“ und Falladas „Kleiner Mann“ – beides klappte nicht nur problemlos, sondern konfrontierte mich mit einer eigentlich profanen aber dennoch für mich überraschend neuen Erkenntnis: Es gibt Menschen, die können deutlich besser lesen, als ich.

Zwischen dem, was ich mir so zurechtlese – mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht konzentriert – und dem, was professionelle Hörbuchsprecher*innen wie David Nathan, Eva Mattes oder Ulrich Noethen abliefern, liegen Welten. Und noch etwas habe ich in diesem Fall überhaupt nicht für möglich gehalten: Bücher vorgelesen zu bekommen, ist nicht nur praktisch und bequem, es erhöht sogar den Literaturgenuss deutlich. Ein durchschnittliches Buch, von einem Profi gut vorgelesen kommt bei mir oftmals besser weg, als ein gutes Buch, dem ich aufgrund von Übermüdung und Unkonzentriertheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit widmen kann. Ein Hörbuchsprecher ist nie übermüdet und unkonzentriert, sondern immer zu 100 Prozent im Text. Da bekommt jeder Satz, die Aufmerksamkeit und Betonung, die er verdient. Da werden keine Passagen geschludert, da wird nicht quer gelesen, da wird wird Wort für Wort wertgeschätzt. Eine solch konstant hohe Lese-Performance kann ich als Für-Mich-Leser natürlich nicht vorweisen.

Doch einen Haken hat die Sache schon. Ein Hörbuchsprecher kann noch so wach und konzentriert sein, wenn der Zuhörende das nicht auch ist, hat man nichts gewonnen. Beim Hören ist das Risiko des gedanklichen Abschweifens und Einnickens noch wesentlich höher als beim Lesen. Zuhören ist noch passiver, verbraucht noch weniger Kalorien. Man muss nichts halten, umblättern, die Augen nicht bewegen, ja noch nicht mal aufhalten. Abends auf dem Sofa noch ein paar Stunden Hörbuch hören, geht zum Beispiel gar nicht. Nach fünf Minuten bin ich eingeschlafen.

Hörbuch höre ich daher nur, wenn ich in Bewegung bin: Sport mache, im Garten arbeite, mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs bin. Statt auf dem Sofa herumzusitzen, suche ich mir Bewegung, um noch mehr Hörbuch zu hören. An einem durchschnittlichen Wochentag kommen da schon ein paar Stunden Hörbuchzeit zusammen, besonders seit ich fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre.

Und so schaffe ich jetzt doch noch an die 100 Bücher im Jahr – die eine Hälfte gelesen, die andere gehört – und freue mich über die gewonnene Zeit für den Kanon, die ganzen Neuerscheinungen und die Backlist meiner Helden. Der Wecker klingelt immer noch früh, das Leben ist nach wie vor übervoll, aber die Jahre auf dem Buckel wiegen weniger schwer. Und zwar ziemlich genau sieben Kilo, die ich seitdem weniger auf den Rippen habe.

 

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Foto: Gabriele Luger

Last man reading #1

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Die erste Frage lautet: Er oder Ich? Welche Erzählperspektive passt zu meinen Plänen? Mit dem alten Ich bin ich eigentlich immer gut gefahren. Es hat gepasst. Zu mir, zu dem was ich zu sagen hatte. War halt immer sehr persönlich. Aber nun steht mir der Sinn nach etwas mehr Distanz. Es soll ja auch etwas Neues werden, nicht das Übliche, Ausgelutschte, das tausendmal Gelesene, nicht das, was ich bisher hier so geschrieben habe.

Jetzt also Er. Dritte Person namenlos. Er ist mir ähnlich, aber nicht ich. Hier der Autor, da sein Protagonist. Niemand wird jemals erfahren, wieviel von wem im jeweils anderen steckt. Natürlich ist auch das altbekannt. Autoriale Camouflage, mit der Standardfrage auf dem blauen Sofa: Ist  das ausgedacht oder selbst erlebt? Aber das soll ihn jetzt nicht davon abhalten, das genauso durchzuziehen. Konsequent, zielstrebig, diszipliniert. So will er bei diesem Projekt sein.

Und guck mal an, da ist er auch schon: der namenlose Protagonist dieser Geschichte. Einer, der schon immer gerne gelesen hat. Nicht übermäßig, nicht exzessiv, aber doch regelmäßig. Je nach Lektüre und Tagesform so 50 bis 150 Seiten am Tag. Er hat das immer schon gemacht. Es tut ihm gut, ist so eine Art Therapie, versöhnt ihn irgendwie mit dem Leben.

Nicht, dass er irgendwie desillusioniert oder gar depressiv wäre. Zumindest wirkt er nicht so. Aber ohne Lektüre kann er nicht sein, wird irgendwann unleidlich, zieht sich zurück, wird immer leiser, bis er schließlich vollkommen verstummt. Keine Lektüre, kein Leben. Für andere ist das schwer nachzuvollziehen, denn kaum einer empfindet so bibliophil wie er. Kann man das so sagen? Eigentlich ist das nicht der richtige Begriff, niemand würde das jemals so nennen, das weiß er. Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte man nicht bibliophil empfinden können? Je länger er darüber nachdenkt, desto passender findet er diese Begrifflichkeit. Beschreibt sie doch ziemlich genau, was Bücher ihm bedeuten. Er denkt und empfindet bibliophil und natürlich träumt er auch bibliophil, er hasst, liebt und lebt bibliophil. This boy is blibliotronic.

Absoluter Blödsinn, natürlich – aber ein schöner Blödsinn. Kaum einer liest noch, aber Bücher gehen trotzdem immer. Kein Suchtverhalten ist gesellschaftlich so akzeptiert wie die Sucht nach Büchern. Karl Lagerfeld hortete über 300.000 davon und obwohl ihn viele belächelt oder auch komplett abgelehnt haben – für diesen Spleen zeigte ihm keiner einen Vogel. Was wohl aus seiner Bibliothek geworden ist? Hat das alles auch die Katze geerbt?

Apropos — was soll eigentlich mal mit seinen eigenen Büchern passieren? Alles über Jahrzehnte mit sicherem Geschmack zusammengetragen und liebevoll kuratiert. Die ganze deutschsprachige Gegenwartsliteratur nahezu komplett, fast alles Erstausgaben, und noch dazu alle relevanten Klassiker oben im Retrozimmer. Das ist schon was wert. Oder sagen wir mal so: Ihm ist das was wert. Die Frage ist, wird das jemals jemand erkennen und wertschätzen, wenn er irgendwann nicht mehr da ist? Oder ist das dann nur noch ein Haufen Altpapier? Seine Frau wird sich kümmern. Sie weiß, was ihm die Bücher bedeuten. Wenn es soweit ist, wird sie eine Lösung finden. Ganz bestimmt. Und wenn nicht, bekommt alles der Hund.

Aber nochmal zurück. Warum eigentlich diese Sucht? Warum Bücher, warum Literatur? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Er braucht diesen Input: Geschichten über fremde Orte, fremde Menschen, fremdes Leben. Gedanken, die nicht seine sind. Wenn er seine tägliche Dosis davon bekommt, ist alles in Ordnung. Dann fühlt er sich leicht, aufgeladen und bereit für alles, was das Leben, sein Leben, von ihm verlangt. Und wenn nicht. Siehe oben.

Normalerweise macht er aus seiner Bibliomanie keine große Sache, hat keinerlei Sendungsbewusstsein, will keinen zum Lesen bekehren, niemandem erklären, was gute Literatur ist, seine Empfehlungen keinem aufdrängen. Wer unbedingt will, kann gerne weiter Serien bei Netflix schauen. Alles kann, nichts muss.

Und trotzdem macht er genau das. Er schreibt über die Bücher, die er gelesen hat, empfiehlt, rät ab, macht Listen, schreibt Briefe, feiert seine Helden. Er macht, was er eigentlich nicht will. Und doch ist es ihm ein Bedürfnis, das alles loszuwerden und gleichzeitig nicht zu verlieren. All die flüchtigen Leseeindrücke, seine assoziierten Gedanken, die vielen fremden Geschichten und Schicksale. Und vielleicht ist das ja auch das ultimative Erfolgsrezept: etwas nicht zu wollen, es aber trotzdem zu machen.

Sein Blog ist gut gefüllt. Wer will, kann dort stundenlang lesen. Über Literatur, Autorinnen und Autoren und ganz viel über ihn. Das bibliophile Tagebuch eines bibliophilen Lebens. Auch er selbst liest immer mal wieder rein und denkt dabei: klingt interessant, nachvollziehbar, ist nicht schlecht geschrieben.

Und wie sehr er das alles braucht, hat er im Sommer 2019 erfahren. Als er knapp zwei Monate nichts geschrieben hat, keine Rezension, keinen einzigen Post – zunächst aus purer Faulheit, denn er hatte Urlaub. Dann aber auch, um zu sehen, was passiert, wenn nichts passiert. Er wollte herausfinden ob irgendetwas fehlt, nicht nur ihm, sondern auch den anderen. Und tatsächlich – zwei treue Leserinnen fragten nach. Was denn los sei, warum nichts passiert auf den einschlägigen Kanälen. ‚Sommerpause‘ lautete die Antwort. Und doch ist das nur die halbe Wahrheit, denn er hat nicht nur viel gelesen, gehört und literarisch erlebt, er hat auch viel nachgedacht: über Bücher, Autoren und über sich. Aber das ist eine andere Geschichte, über die hier ein andermal berichtet wird.

Bibliotopia

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Mit Volldampf raus aus der Buchkrise. Wie eine Branche sich neu erfindet.  

Wir schreiben das Jahr 2030. Vom Schock, als vor zehn Jahren die Preisbindung für Bücher aufgehoben wurde, hat sich der Buchmarkt mittlerweile wieder erholt. Die verbliebenen Verlage, der Geschenke-, Schreib- und Buchwarenhandel, sowie die Vereinigung der Bahnhofskioske melden erstmals wieder steigende Umsätze. Branchenexperten sprechen bereits von einer Renaissance des Buches und bezeichnen den Beinahe-Zusammenbruch des Marktes in 2020 als ein längst überfälliges und reinigendes Gewitter, als einen dringend notwendigen Aderlass für einen ballastfreien Neuanfang.

Die Pleitewelle, der knapp 50 Prozent der Verlage und zwei Drittel des stationären Buchhandels zum Opfer gefallen sind, hat auch den Bildungsdünkel und die überfrachteten Kulturdebatten, die dem Medium Buch seit jeher anhafteten, mit ausgelöscht. Befreit vom antiquierten Bildungsballast konnte das Lesen von Büchern in den letzten Jahren einen enormen Imagewandel verzeichnen und erreicht neuerdings wieder Zielgruppen, die seit Generationen keine einzige Seite mehr gelesen haben.

In Bussen und Bahnen sieht man mittlerweile immer mehr Menschen, die tatsächlich ein Buch in den Händen halten und darin lesen, statt mit verklärtem Bick auf Handhelds und durch Smart-Glasses zu starren. Das liegt zum einen daran, dass billige Unterhaltungsliteratur, die nach wie vor über 80 Prozent des Buchmarktes ausmacht, endlich auch das kostet, was sie wert ist und somit wieder für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich ist. Romane sind statt für 20 Euro jetzt für durchschnittlich 99 Cent oder alternativ zehn Payback-Punkte zu haben. Um der gestiegenen Nachfrage zu begegnen, hat die Thalia-Douglas-Bahnhofskiosk AG ihre Verkaufsflächen in den letzten zwei Jahren um über 200.000 qm erweitert. In den Hauptbahnhöfen von Metropolen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg und München sind die modernen 24/7-Filialen mittlerweile rund um die Uhr geöffnet.

Generell hat die Aufhebung der Buchpreisbindung dem Buch völlig neue Absatzkanäle eröffnet. Für viel Aufmerksamkeit hat zum Beispiel die Entscheidung der Edeka-Gruppe gesorgt, die begehrten Treuepunkte durch Treuebücher zu ersetzen. Ab einem Einkauf von 10 Euro gibt es an der Lebensmittelkasse einen Fitzek-Backlisttitel und ab 20 Euro einen Elfen-Roman von Bernhard Hennen dazu. Ganz neu und nur so lange der Vorrat reicht: Von August bis Oktober wird es ab 50 Euro Einkaufswert sogar einen Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises zu jedem Einkauf mit dazu geben. Bereits jetzt gilt die Edeka-Treuebücher-Aktion als die erfolgreichste Zugabe-Aktion in der Firmengeschichte des Lebensmittelhandels. Im Netz werden einzelne Edeka-Treuebücher bereits zu Spitzenpreisen gehandelt. Für Edeka Marketing-Vorstand Joachim Ländle ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Buch quer durch alle Bevölkerungsschichten immer noch eine hohe Attraktivität besitzt. „Die Treuebücher sind um ein Vielfaches begehrter, als zum Beispiel Bratpfannen oder Kugelgrills“, so Ländle. Durch den Erfolg der Aktion beflügelt, plant die Edeka-Gruppe bereits die Gründung eines eigenen Verlages. Erste Gespräche mit einer Münchener Literaturagentur, die ihren gesamten Autorenstamm bei Edeka einbringen will, haben bereits stattgefunden.

Für Aufmerksamkeit in bibliophilen Kreisen sorgt auch Heiner Kamps, ehemaliger Eigentümer der Kamps-Bäckereien, der in Düsseldorf ein komplett neues Buchhandlungs-Frischekonzept etabliert hat, das bald auch bundesweit durchstarten soll. In Kamps`neuer Book’n go-Filliale wird Literatur jeden Tag frisch produziert. Im wöchentlichen Wechsel steht dafür immer ein Autor oder eine Autorin vor Ort zur Verfügung, die im Schaufenster neue Kurzgeschichten, Romankapitel und auf Wunsch auch Lyrik und kleinere Essays tastaturwarm produzieren. Gerade mal 4,95 Euro kostet der Coffee to go mit einer Single-Hero-Kurzgeschichte. Für jeden weiteren Protagonisten muss der Kunde einen Euro zusätzlich investieren. Auch ein zweiter Handlungsstrang kann für drei Euro dazu gebucht werden. Heiner Kamps ist vom Erfolg seiner Book’n go-Filialen überzeugt. „Eine gute Geschichte und ein guter Kaffee haben eines gemeinsam – aufgewärmt schmecken sie nicht. Bei uns gibt es beides täglich frisch“, sagt der mittlerweile 95-jährige Franchise-Papst. Ein Konzept, das aufzugehen scheint. Täglich bilden sich vor dem Geschäft lange Schlangen kaffee- und literaturbegeisterter Kunden. Auch namhafte Schriftsteller reißen sich mittlerweile darum, eines der begehrten Wochen-Engagements bei Book‘n go zu bekommen. Kamps ist bis weit ins nächste Jahr ausgebucht. Kein Wunder, verdient man doch in einer Woche als Kaffeeshopschreiber mehr als sonst im ganzen Jahr.

Überhaupt hat sich die ehemals prekäre Lage der Autoren in den letzten Jahren stark gewandelt. Wer es geschafft hat, einen Titel im Edeka Treueprogramm zu platzieren, kann sich als mehrfacher Auflagen-Millionär zu den Besserverdienenden im Lande zählen. Aber mittlerweile lassen sich auch mit weniger massentauglicher Literatur und Mini-Auflagen gute Gewinne erzielen. Bestes Beispiel ist Daniel Lamper, ein Verleger-Urgestein, der als einer der wenigen den abzusehenden Wegfall der Buchpreisbindung nicht als Katastrophe, sondern als Chance gesehen hat. Der Schweizer Lamper-Verlag war der einzige, dessen Bücher nach 2020 nicht billiger, sondern teurer wurden, sehr viel teurer. Der derzeitige Spitzentitel aus dem Frühjahrsprogramm kostet knapp tausend Euro. Über zweihundert Exemplare hat er davon bereits verkauft. An Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Haushaltsnettoeinkommen, deren persönliche Vita laut Inbound-Analyse deutliche Parallelen zum Plot des Titels aufweist und deren Einrichtungsstil farblich zum Cover des Buches passt.

Alles in allem blickt der Buchmarkt wieder positiv in die Zukunft. Seit drei Jahren steigt die  Zahl der Buchleser wieder kontinuierlich an. Die Verlage suchen händeringend nach Mitarbeitern, und in der Liste der 100 reichsten Deutschen befinden sich seit letztem Jahr drei Verleger und sechs Autoren. Letztlich hat sich bewahrheitet, was Personen wie Daniel Lamper bereits vor der Krise immer wieder behauptet haben. „Das Buch ist nicht tot, es hat nur eine Weile sehr tief geschlafen.“

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Foto: Gabriele Luger

 

Ein Wochenende mit Biller

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Jetzt bin ich also Antisemit. Und dazu noch dumm. Einer, der scheinbar nicht weiß, was er da schreibt. Der für ein wenig Fame andere diffamiert. Der aus der deutschen Geschichte nichts gelernt hat. Sprich: einer, der keinen Deut besser ist, als die braune Brut, die derzeit in Chemnitz mit ausgestrecktem Arm rechte Parolen brüllt.

Bin ich das wirklich? Lass ich das auf mir sitzen? Nein. Auf gar keinen Fall bin ich das. Und das lasse ich auch nicht auf mir sitzen. Das macht mich wütend.

Wer nicht ständig im Netz herumhängt, wird sich jetzt fragen: Was ist passiert? Denn den fraglichen Text, auf den sich die bei Facebook und besonders auf Twitter kursierenden Vorwürfe beziehen, habe ich erstmal offline genommen. Das ist kein Schuldeingeständnis, sondern der Tatsache geschuldet, dass ich gestern mit dem Auto auf der Rückreise von Südtirol nach Hause war und keine Zeit hatte, mich zu den Vorwürfen zu äußern. Das will ich aber hiermit in aller Ausführlichkeit tun.

Stein des Anstoßes war einer meiner Leserbriefe, ausgerechnet der Dreizehnte in der Reihe hier auf dem Blog. Diesmal war der Adressat Maxim Biller, dessen neuer Roman „Sechs Koffer“ derzeit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Ich habe mir in der vergangenen Woche die Hörbuchversion angehört und war nur mäßig begeistert von dem Werk. Was mir manchmal schwer fällt – und bei diesem Roman aufgrund seines autobiografischen Hintergrundes ganz besonders – ist, den Autor von seinem Werk zu trennen. In solchen Fällen greife ich zum Stilmittel des Leserbriefs.

Da kann ich schreiben, was in einer normalen Buchbesprechung, selbst in solch subjektiv verfassten wie meinen, nichts zu suchen hat. Ob Martin Walser, John Irving, Thomas Melle oder Sven Heuchert – jeder bekommt von mir offen und ehrlich gesagt, was mir zu ihm und seinem Werk durch den Kopf geht. Wer sich die Briefe hier auf dem Blog anschaut, wird feststellen, dass sie immer etwas launig geschrieben, stellenweise respektlos und übergriffig sind. Da wird eine persönliche Nähe simuliert, die so in der Form natürlich nicht besteht. Ich stelle Vermutungen an, lege den Adressaten etwas in den Mund, führe fiktive Zwiegespräche. Das ist das Konzept dahinter.

Das habe ich auch diesmal wieder gemacht. Ich habe mein gespaltenes Verhältnis zum Autor Maxim Biller dargestellt, den ich für seinen Mut zur Polemik bewundere, für seine souveränen Auftritte und für seine Textvirtuosität. Weil er so herrlich polarisiert, ist er eine der wenigen wirklich schillernden Persönlichkeiten im Literaturgeschäft. Trotzdem hatte und habe ich immer noch mit einigen seiner im ‚Literarischen Quartett‘ geäußerten Ansichten ein echtes Problem. Besonders negativ in Erinnerung geblieben ist mir seine vollkommen haltlose Kritik an Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischem Roman „Panikherz“. So sagte er dazu in der Sendung vom 26.02.2016 „Die Geschichte, die dieser Mensch hat ist klüger, als der, der sie aufschreibt.“ Das ist natürlich eine herrlich provokante Unverschämtheit, die auch mit einem Raunen im Publikum quittiert wird. Was mich aber aufregt ist das, was er direkt danach sagt: „Moment, ich will‘s begründen. Wir Juden begründen immer das, was wir sagen.

Bildschirmfoto 2018-09-02 um 20.50.56https://youtu.be/HdXFHlrRcA8 (ab Minute 25:00)

Als wenn Christen, Moslems oder Buddhisten niemals begründen würden, was sie sagen. Und so geht es bei ihm in einer Tour. Ständig, an den unpassendsten Stellen bringt er einen jüdischen Bezug ins Spiel. Anderes Beispiel: ebenfalls legendär, die Sendung vom 14.Oktober 2016, mit Billers nahezu unerträglichem Rant auf Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“. Als der Gast Thomas Glavinic meint, dass Melle das Thema mit einem schönen Humor behandelt, fragt Biller dazwischen: „Was ist das für ein Humor? Österreichischer, deutscher, jüdischer?“ In der Stuckrad-Barre Diskussion meinte er hingegen noch: “Es gibt nur einen Humor.

Was ich damit aufzeigen will: Biller ist kein Anlass zu profan, keine Situation unpassend genug, um deutlich zu machen, dass er Jude ist. Das ist sein gutes Recht. Damit unterscheidet er sich deutlich von anderen jüdischen Autoren, wie z.B. Robert Menasse oder Literaturkritikern wie Marcel Reich-Ranicki, die das, wie ich im Leserbrief anmerkte „nicht so raushängen lassen“. Weiter schrieb ich dazu:

Wenn das so eine Art Positionierung von dir ist, dein Alleinstellungsmerkmal im Literaturbetrieb, wenn du bewusst als jüdischer Autor wahrgenommen werden willst, als der deutsche Jonathan Safran Froer, dann, ja dann kannst du mit deiner Arbeit zufrieden sein. Das ist dir gelungen. Vielleicht geht es dir ja auch um Sichtbarkeit – seht her, ich bin Jude, ich schreibe, bin laut, nicht immer nett und nicht unauffällig. Ich provoziere und erlaube mir, eine Meinung zu haben, obwohl ich Jude bin. Vielleicht ist es das, was dich antreibt.“

Ich glaube tatsächlich, dass die Sichtbarkeit von Juden in unserer Gesellschaft, ein zentrales Anliegen von Biller ist. Und das finde ich grundsätzlich gut. Sich nicht verstecken, nicht wegducken, Gesicht zeigen. Aber wenn dieses fortwährende Bekenntnis zum Judentum, wie in obigen Beispielen aufgezeigt, aufgesetzt, unpassend und zwanghaft rüberkommt, dann ist das kontraproduktiv, und dann darf man das kritisieren. Ob jetzt „übersteigertes jüdisches Sendungsbewusstsein“ die richtige Bezeichnung dafür ist, wie ich das in meinem Facebook-Post zum Leserbrief bezeichnete, weiß ich nicht. Ein Begriff der von Björn Jager auch sofort hinterfragt und kritisiert wurde. Ich wollte es erst „missionarisch“ nennen, aber das trifft es auch nicht. Biller will nicht missionieren, nicht andere von seinem Glauben überzeugen. Er will Sichtbarkeit als deutscher Jude, jüdischer Autor. Das ist die Botschaft, die er vermitteln will und daher finde ich „Sendungsbewusstsein“ nach wie vor passend.

Ist es aber anscheinend nicht. Der von mir sehr geschätzte Florian Kessler kommentierte:

‘Jüdisches Sendungsbewusstsein‘ behauptet, Juden hätten andere Eigenschaften als andere Menschen. Das ist ein antisemitisches Konzept.“ Und weiter: „Der gesamte Text nimmt den Autor nicht als Individuum, sondern als Angehörigen eines konstruierten Kollektivs namens „Juden“ wahr – auch hier gilt: exakt so funktioniert Antisemitismus“. 

Damit war er da, der Antisemitismus-Vorwurf. Eine harsche Kritik, eine schwerwiegende Anklage und ein Stichwort, auf das einige bei Twitter scheinbar nur gewartet haben, um mich an den Ppranger zu stellen und lustvoll zum Shitstorm zu blasen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie solche Prozesse funktionieren. Einige Zeit steht der Text relativ unwidersprochen im Raum, wird angeklickt und bekommt Likes wie jeder andere Blogbeitrag auch. Erst, wenn eine anerkannte Autorität wie Kessler den Beitrag wie oben zitiert als wirklich schlimmen Text bezeichnet, traut sich die Herde aus der Deckung.

Schnell war mir klar, dass es nichts bringt, jetzt mit irgendwelchen auf der Autobahnraststätte ins Handy getippten Gegenargumenten zu reagieren. Der Vorwurf ist so  schwerwiegend und rufschädigend, dass es einer wohlüberlegten Antwort darauf bedarf. Denn eines war mir sofort klar: Das lasse ich auf keinen Fall auf mir sitzen. Also habe ich erstmal am Autobahnrasthof Sandhausen den Beitrag offline geschaltet. Das mit der wohlüberlegten Antwort versuche ich gerade. Katharina Herrmann hat mir davon abgeraten und meinte:

Lies dich doch bitte erst ein bisschen ins Thema Antisemitismus ein, bevor du dich zu so einem komplexen Thema äußerst, ich mach mir echt Sorgen, ob da was rauskommen kann, das dir nicht begründet um die Ohren fliegt.“ Meine Frau sagte: „Meiner Meinung nach musst du dich überhaupt nicht rechtfertigen. Aber wenn du unbedingt etwas dazu schreiben willst, dann nur kurz.“

Auf beide habe ich nicht gehört. Ich folge auch hier meinem Bauchgefühl und argumentiere, ohne mich irgendwo eingelesen zu haben, in einer für meine Verhältnisse ungewöhnlichen Ausführlichkeit. Als ich heute morgen mit einer Mordswut im Bauch aufgewacht bin, habe ich einen weiteren Kommentar von Björn Jager auf Facebook entdeckt, der mir Kraft gegeben hat, das hier alles zu schreiben:

Was mich aber wirklich interessiert: Nehmen wir Folgendes an. Nämlich dass man genervt ist von einem ganz bestimmten Thema, dass ein Autor immer wieder extensiv behandelt. Nehmen wir als Beispiel Genazino, bei dem die Hälfte der Kritik mittlerweile sagt: Immer dieselbe Chose, immer dieselben mittelalten Loser mit mittelschlimmen Problemen und mittelguten Beziehungen, immer dieselben Streifzüge durch mittelschöne Innenstädte. Da kann man das benennen, ohne Probleme zu bekommen. Man darf bei Walsers oder Roths erotischen Phantasien mit Frauen, die 60 Jahre jünger sind als die Protagonisten, mit den Augen rollen und sagen, wie sehr einen das anödet. Wie aber kann man das thematisieren, wenn einen die andauernde Thematisierung jüdischer Kultur bei Biller langweilt – denn ich hatte den Eindruck, genau das wollte der Text, so verunglückt er dann auch geraten ist. Die Frage ist also vielleicht: Geht das mit ausreichend Fingerspitzengefühl oder ist das Thema so komplex und so mit Politik, Geschichte, moralischen Standpunkten aufgeladen, dass es kaum kritisierbar ist?“

Ein wichtiger Aspekt und eine Frage, die ich mir natürlich auch gestellt habe. Wenn ja, dann auf alle Fälle mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl und nicht so schnoddrig wie ich das im Biller-Leserbrief getan habe: „Immer wieder im gleichen deutsch-jüdischen Geschichtensaft zu schmoren, ist auf die Dauer auch langweilig.“ Aber von der Form mal abgesehen, ich würde eine christliche oder muslimische Monothematik bei einem Autor doch genauso kritisieren. Hier mache ich zwischen Religionen und Weltanschauungen eigentlich keinen Unterschied. Denn wer Juden andere Rechte zugesteht als Christen oder Moslems, grenzt sie doch schon aus. Und obwohl ich mich mit dem Thema nicht beschäftigt habe, sagt mir der gesunde Menschenverstand, dass auch das ein antisemitisches Konzept ist.

Apropos – ich wollte noch mal auf die Kritik von Florian Kessler zurückkommen. Wenn es antisemitisch ist, zu behaupten, Juden hätten andere Eigenschaften als andere, was ich – wie ich betonen möchte – nie getan habe, wie ist dann Billers Aussage zu werten, der sagt: „Wir Juden begründen immer das, was wir sagen“? Bedient er dann nicht selbst ein antisemitisches Konzept? Und wenn es Biller so wichtig ist, als jüdischer Autor wahrgenommen zu werden, entzieht er sich damit nicht selber der individuellen Betrachtung und ordnet sich ein in ein, wie Florian es nennt: ‚konstruiertes Kollektiv‘? Eigentlich ein genialer Schachzug. Denn damit riskiert jeder, der Biller den Spiegel vorhält und ihn mit seinen eigenen Aussagen konfrontiert, Antisemitismus vorgeworfen zu bekommen. Biller wird dadurch nahezu unangreifbar. Und die Kritiker können sehen, wie sie da wieder rauskommen.

Wo Florian Kessler aber in seiner Kritik absolut recht hat, ist Folgendes: „ ‚Jüdisch-sein‘ ist keine Religion und kein Glaube.“ Ja, das stimmt, das habe ich tatsächlich bisher immer falsch betrachtet. Und das ist vielleicht der Knackpunkt und mit einer der Gründe für die harsche Kritik an dem Leserbrief. Jüdisch-sein ist nochmal was anderes als Christ zu sein. Jüdisch-sein ist eine Identität. Und das ganz besonders vor dem historischen Hintergrund, der Verfolgung durch die Nazis und die vielen Jahrhunderte der Vertreibung und dem Leben in der Diaspora. Der Glaube wurde für die Juden zur Identität. Und ist daher meine verwunderte Frage, warum Biller als modern denkender Mensch seine Religionszugehörigkeit und seinen Glauben so in den in den Mittelpunkt stellt, natürlich absoluter Blödsinn. Denn die Identität eines Menschen steht immer im Mittelpunkt.

Ja, ich weiß. Für den einen oder anderen mag das so klingen, als würde ich mich rauswinden, der reinen Form halber hier und da ein wenig von der Kritik annehmen, ansonsten aber alles weit von mir weisen. Aber so sehr ich mich mit der Thematik beschäftige – und das umfasst jetzt schon den gesamten Sonntag – desto mehr Seiten tun sich auf. Das Thema ist so komplex, so vielschichtig, dass es sehr, sehr schwierig ist, zwischen richtig oder falsch zu unterscheiden. Ich sehe mich in meinen Aussagen zum Teil bestätigt, sehe aber auch die andere Seite und erkenne die Problematik, die Florian, Katharina und Björn aufgezeigt haben. Die letzte Frage, die ich mir stelle, ist, ob dieser Leserbrief jetzt unbedingt hätte geschrieben werden müssen. Manche Dinge denkt man sich besser im Stillen und hält seine Klappe. Aber wir Blogger sind nun mal irgendwie ein mitteilungsbedürftiges, um nicht zu sagen geschwätziges Volk und Katharina Herrmann hat schon recht, wenn sie sagt:

„Du selbst siehst deinen USP darin, dich als „letzter lesender Mann“ zu inszenieren. Das ist also ok für dich, Selbstinszenierung über Männlichkeit, was du aber nicht ok findest, denn darüber schreibst du ja hier ausführlich, ist: „Selbstinszenierung“ (ich benutze schon das Wort echt ungern dafür) als Jude.“

Doch natürlich, das ist ok. Jeder so wie er mag.

Ach ja, ein letzter Punkt noch: Bei Twitter fand ich unter Florian Kesslers Tweet einen Kommentar von Berit Glanz, die auf einen Text des literaturkritischen Blogs Buchdruck verwies, der zeigt, …“wie man sich kritisch mit Biller befassen kann ohne in antisemitische Denkmuster zu verfallen.“ In dem in der Tat sehr eindrucksvollen Text von Simon Sahner, der sich sehr intensiv mit Billers erstem Teil seiner Heidelberger Poetik-Vorlesung auseinandersetzt, fand ich folgende Passage:

 Da Maxim Biller vermutlich selbst weiß, dass seine eigene Literatur kaum als Gegenbeispiel für die von ihm kritisierte blutleere Gegenwartsliteratur taugt, hebt Biller auf das Argument ab, dass die Nichtbeachtung, die ihm zuteil wird, mit seinem Jüdischsein zusammenhängt. Nicht nur in der Heidelberg Vorlesung, sondern bereits in einem Beitrag für die ZEIT nach Erscheinen seines aktuellen Romans Biografie, macht er Antisemitismus dafür verantwortlich, dass er literarisch nicht anerkannt wird.“  

Das zeigt mir, dass ich nicht so ganz falsch gelegen habe, als ich im Leserbrief Biller folgende Aussage in den Mund gelegt habe: „Ziemlich viele Lobeshymnen, die dein neuer Roman gerade absahnt. Spiegel-Bestseller Nr. 17 und dazu noch eine Longlist-Nominierung  – da kann man doch echt nicht klagen. Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste!“

Jetzt habe ich einen der längsten, jemals auf Buchrevier erschienen Blogbbeiträge geschrieben. Aber das Thema war mir wichtig und ich hoffe, dass ich meinen Standpunkt klar machen konnte. Mehr habe ich dazu erstmal nicht zu sagen.

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

To cut a long story short

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Sie sagen, dass ein Kulturgut wie das Buch niemals sterben wird. Dass sie immer noch ganz viele Leute kennen, die leidenschaftlich gerne lesen und man nur an die Kraft der Literatur glauben muss. Ein kleines Leistungstief sollte man nicht überbewerten, sagen sie. Nach jedem Tief folgt immer auch das nächste Hoch. Und überhaupt, heißt es nicht: Totgesagte leben länger? Also was soll die Panikmache? Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Die sechs Millionen verlorenen Leser gleichen wir schon irgendwie wieder aus.

Sie, das sind die deutschen Verlage und dieses „Irgendwie“ sieht momentan so aus: interne und externe Kosten einsparen, Marketingausgaben kürzen und noch ein paar mehr Titel raushauen. In der Hoffnung, dass einer davon zündet und zwar so richtig, mit sechsstelliger Auflage sowie Film- und Auslandslizenzen. Dann hätte man wieder etwas Luft, könnte die Löcher stopfen und mit ein wenig Glück noch ein paar Jahre so weiter machen.

Mehr als eine Das-Wird-Schon-Wieder-Strategie hat die Buchbranche den desaströsen Marktzahlen, die die GfK im Auftrag des Börsenvereins erhoben hat, scheinbar nicht entgegenzusetzen. Gelegentlich wird der Ruf nach staatlicher Unterstützung laut. Ist ja schließlich Kultur, was da produziert wird. Und deswegen: Finger weg von der Buchpreisbindung.

Als bibliophiler Mensch beklage ich natürlich diese Entwicklung zutiefst und kann auch nicht glauben, dass das Buch tatsächlich von so profanen Dingen wir dem Smartphone und Netflix verdrängt werden soll. Aber ich befürchte, wenn außer diesem Weiter-So nichts passiert, wird genau das eintreten.

Wenn das Gros der Leser sich nicht mehr auf längere Texte einlassen kann und will, weil sie alle 18 Minuten aufs Handy schauen müssen; wenn sie lieber Serien als Filme gucken, lieber Instagram-Posts  als Zeitschriftenartikel und Blogbeiträge lesen; wenn sie all das in der Befragung als Gründe angeben, warum sie sich keine Bücher mehr kaufen – warum zieht dann die Verlagsbranche nicht den einzigen plausiblen Rückschluss aus dieser Markterhebung und setzt nach wie vor auf lange Texte? Warum besteht das Gros der literarischen Neuerscheinungen immer noch aus Romanen, 300 Seiten dick und mehr?

Ich frage mich, mit wieviel Zaunpfählen der Konsument noch wedeln soll, damit die Verlagsbranche endlich kapiert, wo die Reise hingeht. Aber nein, sagen sie – wir glauben an den Roman, wir sind schließlich nicht in den USA, haben da jahrelange Erfahrungswerte, Kurzgeschichten laufen in Deutschland einfach nicht, sagen sie.

Und warum laufen sie nicht? Weil es kaum welche gibt. Weil talentierte Debütautoren mit ihren Kurzgeschichten, und wenn sie noch so gut sind, bei den etablierten Verlagen keine Chance auf Veröffentlichung haben. Sprechen sie uns wieder an, wenn sie einen Roman haben, sagen sie und merken noch nicht mal, dass sie da gerade das eigene Grab einen Spatenstich tiefer graben.

Natürlich gibt es hier und da immer mal wieder Bände mit Kurzgeschichten. Und natürlich laufen sie nicht so gut. Und warum? Weil nichts für sie getan wird. Weil Verlage immer noch romanfixiert sind, weil kein Band mit Kurzgeschichten es jemals schaffen würde, Verlags-Spitzentitel zu werden, mit einem fetten Marketing-Budget und all der Vertriebsunterstützung, die ein entsprechender Roman bekommen würde.

Aber der Markt ist im Wandel. Und wenn immer mehr ehemalige Leser angeben, dass sie keine Zeit und Muße mehr für lange Texte haben, warum bieten Verlage dann nicht einfach mehr Literatur in Kurzform? Warum lässt die Buchbranche sechs Millionen Leser achselzuckend einfach zu Facebook, Twitter, Instagram und Netflix abwandern, anstatt mit einer konzertierten Aktion den Markt für Kurztexte aller Art nach vorne zu bringen? Warum gibt es den Deutschen Buchpreis nur für Romane? Warum wird immer noch an einer literarischen Form festgehalten, die aus der Zeit zu fallen droht?

Und warum weiß ich jetzt schon, was sie dazu sagen werden?

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Blonde, zornige Bücherkrähe und das Mimimi

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Wir haben beide das gleiche Hobby: Lesen und Bloggen. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit, zwischen mir und Mareike Hansen, besser bekannt als Bücherkrähe vom Blog „Crow and Kraken“  (Crowandkraken.de). Im März hat Mareike in einem vieldiskutierten Blogbeitrag einen Auftritt von Jochen Kienbaum, Katharina Herrmann und mir auf den Blogger Sessions in Leipzig stark kritisiert und mich dabei als einen alten weißen Mann bezeichnet, der über die Qualität von Literatur-, bzw. Buchblogs doziert und die Deutungshoheit darüber beansprucht. Ziemlich dreister Vorwurf, dachte ich mir. Wer ist das? Was will die?

Doch als der erste Ärger verraucht war, habe ich mir den Blogeitrag etwas genauer durchgelesen. Er war gut geschrieben, die Kritik nachvollziehbar und so dachte ich mir, setzt dich doch mal mit der Autorin auseinander. Und so haben wir, statt uns weiter anzugiften, einfach ein gegenseitiges Telefoninterview vereinbart, um mal ein paar Dinge zu klären. Und siehe da: so unterschiedlich ticken wir gar nicht.

Hier nun das Ergebnis dieses Austauschs. Auf Buchrevier antwortet Mareike auf meine Fragen und auf ihrem Blog Crow and Kraken findet man meine Antworten auf ihre. So bekommen unsere Leser mal einen kleinen Einblick in eine andere Filterblase. Mareike und ich wünschen viel Spaß beim gegenseitigen Kennenlernen.

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Buchrevier: Du liest Bücher, die mich überhaupt nicht interessieren. Für mich ist das stellenweise billigste Unterhaltungsliteratur. Auf der anderen Seite hast Du einen hohen Anspruch, bist sehr kritisch und hinterfragst vieles. Das passt in meinen Augen nicht zusammen.

Mareike: In meinen Augen passt das hervorragend zusammen, ich kann dir auch sagen warum: mein Kopf steht nie still. Er funktioniert wie ein Flipper mit drei Kugeln gleichzeitig, ständig fallen mir neue Sachen ein, habe Ideen, verarbeite neue Informationen und auch der kritische Blick ist im Grunde nie aus. Da brauche ich regelmäßig Pause. Manche machen den Fernseher an und gucken Unterhaltungsshows, andere gehen mit dem Hund spazieren und ich lese das, was du billigste Unterhaltungsliteratur nennst. Man kann aber auch in dieser Sparte sehr interessante Ansätze finden, die zum Nachdenken anregen und die in einem nachwirken 😉

Hast Du jemals etwas auf meinem Blog gelesen?

Mareike: Habe ich in der Tat, aber bin irgendwie nie hängen geblieben.

Warum, nicht? Zu langweilig?

Mareike: Ich lese generell nicht so gerne Buchrezensionen. Und wenn, dann über Bücher, die mich auch interessieren. Da gibt es bei uns in der Tat wenig Überschneidungen. Deine Meinungsartikel habe ich gelesen, muss aber sagen, die sind auch nicht unbedingt mein Ding. Ich bin da eher an anderen Themen interessiert.

Ein Aspekt, den Du in deinem Beitrag kritisiert hast, ist die Differenzierung zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern. Wie würdest Du den Unterschied zwischen unseren beiden Blogs, der ohne Zweifel da ist, sonst benennen?

Mareike: Natürlich gibt es Unterschiede, zwischen unseren Blogs, aber auch zwischen all den anderen. Der Begriff „Buchblogger“ wird, so mein Eindruck, immer irgendwie abwertend benutzt. Vornehmlich von denen, die sich als Literaturblogger bezeichnen und wie Du ja auch vor allem „anspruchsvolle“ (Gegenwarts-)Literatur lesen. Dabei sind laut Definition Thriller und Romanzen ebenso Literatur wie Thomas Mann, Philip Winkler oder Thomas von Steinaecker. Blogger*innen, die sich mit Thrillern und Graphic Novels wohler fühlen, per se als qualitativ schlechter zu bewerten, finde ich falsch.

In der Musik ist das doch ähnlich. Überspitzt ausgedrückt: Es gibt Leute die hören Helene Fischer und welche, die hören Radiohead. Beides ist Musik. Trotzdem liegen Welten dazwischen.

Mareike: Natürlich! Jeder Mensch setzt sich anders mit Literatur auseinander. Manche eher oberflächlich, manche tiefergehend, und manche wenden alle Tricks an, die sie im Germanistikstudium gelernt haben. Doch bedeutet Letzteres automatisch Qualität? Oder die Auswahl der Bücher? Es gibt Leute, die lesen die Buchpreislisten rauf und runter und geben darüber nichts als heiße Luft von sich. Andere Blogs setzen sich kritisch mit Jugendfantasy auseinander oder mit bestimmten Tropes im Genre Thriller. Das ist eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Literatur – auch ohne Feuilletonbestseller.

Meinst Du nicht, dass Qualitätskriterien und eine Genre-Trennung gut und notwendig wären, um die Relevanz von Buchblogs in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken?  

Mareike: Ich denke nicht, dass Genre und Qualität miteinander korrelieren. Ein Liebesroman ist nicht automatisch seichte Unterhaltung und Julie Zeh ist nicht automatisch das literarische Non-Plus-Ultra, nur weil sie Literaturpreise gewonnen hat. Qualitätskriterien sollten sich an anderen Dingen orientieren. Schreibt da jemand in einer Rezension nur „Cover ist hübsch, die Liebesgeschichte ist soooo süß, lest das!“, oder kommt da mehr? Wie setzt sich die Bloggerin oder der Blogger überhaupt mit Literatur auseinander? Gibt es eine kritische Haltung oder geht es schlicht um das blinde Konsumieren von Geschichten? Blindes Konsumieren ist nichts schlechtes, manche nehmen das einfach als Flucht aus dem Alltag und das ist absolut in Ordnung. Allerdings ist mir erfahrungsgemäß die Auseinandersetzung auf dem Blog dann zu oberflächlich und – sorry – auch zu langweilig.

Die Blogger*innen, die sich intensiver mit dem Gelesenen auseinandersetzen und/oder auch eine gewisse Expertise in bestimmten Genres erreichen, werden auch diejenigen sein, die für die Buchbranche relevanter werden. Im Moment wird bei größeren Aktionen noch viel auf Reichweite gesetzt, aber es gibt auch schon welche, bei denen Blogger angefragt werden, die auch richtig viel Ahnung vom jeweiligen Thema haben.

Ich denke, da wird sich noch viel entwickeln. Und natürlich werden da auch Qualitätskriterien eine Rolle spielen.

Wie wichtig ist dir überhaupt Resonanz und Relevanz?

Mareike: Sagen wir so: Das, was ich schreibe, muss in der Regel einfach aus dem Kopf raus. Ich würde allerdings lügen, wenn ich behaupte, bei bestimmten Anliegen ist mir Resonanz und Relevanz nicht wichtig. Gerade was Feminismus, Sexismus und Rape Culture angeht sind mir meine Artikel und Rezensionen sehr wichtig. Ich komme aus einem politisch aktiven Umfeld, natürlich will ich was bewegen. Ich merke aber auch, dass mir Resonanz und Relevanz in den letzten Monaten wichtiger geworden sind. Ich blogge immer noch über Themen und Bücher die mir wichtig sind und fange nicht an, meinen Leser*innen nach dem Mund zu schreiben. Trotzdem bewege ich mich aus der „Mir egal wer das liest“-Einstellung weg.

Du hast ein starkes politisch/soziales Sendungsbewusstsein (Feminismus, Antirassismus, LGBT, etc.). Wäre da nicht eine andere Art Blog besser für Dich?

Mareike: Hahaha, nein. Ich hatte bis Anfang des Jahres tatsächlich zwei Blogs, einmal Die Bücherkrähe für Literatur und den Black Kraken für Politik. Ich habe es aber nicht geschafft, zwei Blogs gleichzeitig zu betreuen und habe sie deswegen im Januar zusammengezogen. Deswegen Crow and Kraken. Die Bücherkrähe war von jeher schon politisch und kritisch, eigentlich war es nur ein logischer Schritt. Und jetzt kann ich über beide Themen bloggen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob ich genug Bezug zur Literatur habe, um es auf dem Literaturblog zu posten.

Warum greifen wir uns an, anstatt gemeinsam etwas dafür zu tun, dass Lesen wieder sexy wird? Könntest Du dir irgendetwas Gemeinsames vorstellen?

Mareike: Das erste Gemeinsame haben wir ja gerade geschafft: wir haben uns an den telefonischen runden Tisch gesetzt und über unsere Differenzen und Unterschiede, aber auch über unsere Gemeinsamkeiten gesprochen. Wenn mich eine Aktion oder eine Zusammenarbeit reizt bin ich sowieso für jede Schandtat zu haben – solange ich eben mit Blog und Blogger zurechtkomme.

Ich denke, der restliche Streit, der zwischen Blogger*innen immer mal wieder auftaucht, liegt viel an den unterschiedlichen Auffassungen, was Lesen und darüber bloggen eigentlich aussagen soll, aber auch an vielen Missverständnissen. Ich habe bei dir z.B. gelernt, dass du den Begriff „Literaturblogger“ nicht am Genre ausmachst, sondern wie jemand über Literatur bloggt. Das finde ich sehr spannend, und ich bin froh, dass wir uns zusammengesetzt haben. Und zukünftig habe ich bestimmt auch noch ein paar andere Ideen für gemeinsame Sachen!

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Kein Tag wie jeder andere

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Heute ist mal wieder einer dieser nervigen Aktionstage. So etwas denken sich findige PR-Leute aus, wenn irgendetwas zusehends an Bedeutung verliert und mal wieder dringend ein wenig Aufmerksamkeit benötigt. Deswegen gibt es den Tag des Schulbrotes, den Tag der aufgehängten Wäsche, den Welt-Pfeifenrauchertag und heute, am 23. April, den Tag des Kirchkäsekuchens, des Bieres und natürlich den Welttag des Buches. Für Menschen wie mich, die all das gerne mögen, gleich drei Gründe, um zu feiern.

Aber mal ehrlich: Wie armselig ist das eigentlich? Das Buch, ein Medium, dem die Menschheit eigentlich alles verdankt – Religion, Weltanschauung, Wissenschaft und Kultur – in einem Atemzug genannt mit so profanen Genussmitteln wie Kirschkäsekuchen und Bier? Und doch passt es leider nur zu gut. Alle drei Produkte verlieren in dramatischem Ausmaß Marktanteile. Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig. Von den zahlreichen Brauereien, die es vor dreißig, vierzig Jahren noch in jeder mittleren deutschen Stadt gab, ist kaum noch eine übriggeblieben. In der Kirchkäsekuchen-Branche kenne ich mich nicht so aus, schätze aber, dass die leckere Kalorienbombe von den aktuellen Ernährungstrends eher weniger profitiert. Und von der Buch- und Verlagsbranche, die in den letzten vier Jahren über 6 Millionen Käufer verloren hat, wollen wir gar nicht erst reden. Fakt ist: Alle drei Branchen haben im Prinzip so einen Impulstag dringend nötig.

Doch aufhalten wird man den schleichenden Bedeutungsverlust mit solch verzweifelt anmutenden Aktionstagen natürlich nicht. Im Gegenteil, der gemeine Konsument sieht sich in seiner Abkehr vom Produkt dadurch eher noch bestätigt. Falls ihm das bisher noch nicht aufgefallen ist, stellt er spätestens heute fest, dass mit dem Produkt Buch irgendetwas nicht in Ordnung sein muss, wenn es schon solcher Marketingaktionen bedarf. Und wer sich daraufhin mal wachen Auges umschaut, nach Büchern in den eigenen vier Wänden und in der Nachbarschaft Ausschau hält, einfach mal darauf achtet, wer in U-Bahn oder Bus überhaupt noch ein Buch in den Händen hält und dann vielleicht bemerkt, wie wenig über Bücher noch in den Zeitungen steht und wie sich das Sortiment in den Buchhandlungen verändert hat – der, ja der wird sich über gar nichts mehr wundern.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man überhaupt noch etwas gegen den schleichenden Verfall der Lesekultur und die schwindende Bedeutung des Kulturgutes Buch tun kann. Wir Blogger schreiben uns seit Jahren die Finger wund, fotografieren Buchcover mit Heißgetränken auf Bettdecken, versuchen verzweifelt andere mit unserer Lese-Begeisterung anzustecken, doch vergebens. Die Masse guckt lieber Bibis Beautytipps und amerikanische Serien auf Netflix.

Man muss nur mal auf eine durchschnittliche Buchlesung gehen, da weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Auch bei jungen Autoren ist das Durchschnittsalter im Publikum weit über Fünfzig. Wenn da nichts Junges nachwächst, ist in zwanzig Jahren auch damit Schluss. Im Prinzip hat der US-Medienwissenschaftler Neil Postman diesen Trend in den späten Achtzigern schon vorausgesehen. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat er bereits von einer Vermüllung mit Informationen, einer zunehmenden Orientierungslosigkeit des Einzelnen und einer Erkrankung der Gesellschaft an „kulturellem Aids“ gesprochen.

Vermüllung ist das richtige Stichwort. Wir werden nicht nur mit Informationen zugemüllt, sondern auch mit Büchern. Das Einzige, was der Literaturbetrieb dem stetigen Verlust von Lesern entgegenzusetzen hat, ist immer noch mehr Bücher herauszubringen. Und zwar so viele, dass selbst buchverrückte Menschen wie ich nicht mehr nachkommen. Ich habe hier einen Stapel von zwanzig aktuellen Frühjahrstiteln liegen, noch keinen davon gelesen, da bekomme ich schon wieder die Vorschauen für das Herbstprogramm zugeschickt. Wer um Himmels Willen soll das alles noch lesen, wertschätzen, weiterempfehlen? Irgendwann wird es einfach zu viel. Erst verliert man den Überblick und irgendwann die Lust.

Liebe Verlage, hört bitte auf mit diesem Neuerscheinungswahn. Das ist blinder Aktionismus und in meinen Augen der falsche Weg. Immer weniger Leser brauchen nicht immer mehr neue Bücher. Lasst uns Zeit, das alles zu lesen, auch mal wieder Backlisttitel und den einen oder anderen Klassiker. Gebt uns ein paar Monate, uns eine Meinung zu bilden, einen Autor, eine Autorin richtig kennenzulernen, uns auch mal auf sperrige Bücher einzulassen und auch mal ein paar neue Verlage zu erkunden. Das hat auch was mit Respekt zu tun. Respekt vor der Arbeit des Autors, der Autorin. Denn was sind denn Schriftsteller heute noch? Eine Herde Kühe, die entweder im Frühjahr oder Herbst für drei Monate durchs Dorf gejagt wird, wenn überhaupt.

Darf ich mir etwas wünschen? Um noch mehr Spaß mit Literatur zu haben, wünsche ich mir etwas weniger Literatur. Maximal vier bis fünf neue Titel pro Verlag und Programm. Und warum nicht nur ein Programm und eine Buchmesse im Jahr? Jedes Jahr im Wechsel entweder Leipzig oder Frankfurt, so wie es auch andere Branchen machen. Das alles wünsche ich mir, weil heute nicht nur der Welttag des Buches, sondern auch mein Geburtstag ist. Ein schöner Grund zum Feiern. Kommt alle vorbei. Es gibt Kirchkäsekuchen und Bier.

Foto: Gabriele Luger

Bitte schenkt mir keine Bücher!

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Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.

Blogger unter Leistungsdruck

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19.00 Uhr – ich bin endlich zu Hause, begrüße Frau und Hund. Zum Abendessen gibts gebratene Hühnerbrust mit Salat, danach noch ein paar Sätze über dies und das. Kurz vor acht gehe ich dann hoch und setze mich in meinen Sessel. Die aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Da passiert nicht viel. Introspektiv eigentlich schon, aber eine echte Handlung ist das nicht. Und in letzter Zeit bin ich abends ziemlich platt. Kann mich schwer konzentrieren. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig. Also noch zwei Abende zum Lesen und einen zum Schreiben. Dann darf aber nichts mehr dazwischen kommen. Keine Einladung bei Freunden, keine familiäre Verpflichtung, keine Projekte im Garten. Klappt schon irgendwie.

Also los jetzt. Nicht Facebook gucken, Handy aus und lesen. Vielleicht packt mich das Buch ja doch und ich schaff heute noch 50 oder 100 Seiten. Dann wäre ich wieder voll im Zeitplan. Und wenn nicht, muss ich mir was anderes überlegen. Vielleicht mal wieder ‘ne Liste, irgendetwas Witziges. Könnte diesen Monat eh noch ein paar Klicks gebrauchen. Nur mit Besprechungen kann man ja nichts reißen. Das wird zur Kenntnis genommen, aber viel mehr passiert da nicht. Ich glaube, bei den anderen ist es ähnlich. Irgendwie stagniert im Moment alles. Der Markt scheint gesättigt. Wachstum ist kaum noch möglich, es sei denn durch Verdrängung. Die Erfolgskonzepte von gestern funktionieren nicht mehr. Kaum einer kann mit Sicherheit sagen, was gut und was weniger gut läuft. Eines steht aber fest: Auf die Bücher kommt es nicht an. Egal ob total angesagt oder vollkommen unbekannt – ich hatte schon Tops und Flops in beiden Bereichen. Selbst böse Verrisse oder das beliebte Blogger-Bashing sorgen nur noch für ein müdes Schulterzucken.

Ehrlich gesagt bin ich grad komplett ratlos und glaube langsam, dass viraler Erfolg so ein Random-Ding ist. Man kann es nicht beeinflussen, sondern nur immer wieder probieren. So wie die traurigen Gestalten von gegenüber, die jeden Tag aufs Neue die Spielhalle betreten und die Automaten mit Münzen füllen. Irgendwann kommt der Jackpot, ganz bestimmt sogar, man darf nur nicht aufhören, daran zu glauben. Einfach Weitermachen – so lautet das Mantra. Geduld und Stehvermögen haben und den Frust einfach runterschlucken. Irgendwann zahlt sich das dann aus. Und stell dir bloß mal vor, du hörst kurz vorher auf. Der letzte Heiermann, der den Jackpot bringen würde, den sparst du dir und kaufst dir dafür stattdessen ein Bier und ne Bratwurst. Das tut gut im Magen, aber dann hörst du es im Hintergrund auf einmal klackern. Dein Automat spuckt den Hauptgewinn aus, aber ein anderer steht davor und kann sein Glück kaum fassen. Dein Glück in anderen Händen. Kann passieren. Warum hast du auch aufgehört? Noch ein Fünfer und der Automat wär fällig gewesen. Aber du, du hattest ja Hunger.

Ich ertappe mich beim Träumen. Habe mal wieder drei, vier Seiten gelesen und an etwas ganz anderes gedacht. Also noch mal zurückblättern und schauen, wo sie mich verlassen hat, diese Geschichte, die nicht meine ist. Die sich zieht, wie Kaugummi, nichts mit mir zu tun hat, mich langweilt, mich wegträumen lässt. Was tue ich mir hier eigentlich an? Jeden verdammten Abend in diesem Sessel sitzen, mich konzentrieren, zuhören, in fremde Leben eintauchen. Als wenn ich kein eigenes hätte, keine Probleme und Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. Habe ich aber. Da ist ganz viel Introspektives, auch in mir drin. Könnte ich ja auch mal einfach so rauslassen, runterschreiben und irgendein armer Hund müsste das dann lesen und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Würde mir das gefallen? Wäre das der Jackpot?

Sei doch mal locker. Nicht immer so grumpy. Eigentlich ist doch alles gut. Wenn am Wochenende nichts online geht, ist auch egal. Das stört keinen großen Geist. Lass mal chillen, lass mal Leben an dich ran. Nicht aufgewärmt, nicht Second Hand. Eigenes Leben.

Wer sagt mir das? Bin ich das? Ich höre mich ja schon an, wie die da draußen. Wie die, die jetzt kommentieren würden, dass ich mal ne Pause bauche, mich nicht zwingen sollte und dass es wichtigeres im Leben gibt als den Blog. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Nein, ich bin ok, mir geht es gut. Kein Chance Leute, mich werdet ihr nicht los. Ich schmeiße weiter Münzen in den Automaten und warte auf den Jackpot. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, meine aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

Der Hype ist vorbei.

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Literaturblogs in der Sackgasse? 

Als ich im November 2014 mit dem Bloggen anfing, kam ich genau zur richtigen Zeit. Der Literaturbetrieb hatte gerade die Blogger entdeckt. Die Online-Freaks, die anfangs belächelt, nicht ernst genommen wurden und noch nicht mal Rezensionsexemplare bekamen, waren urplötzlich Zielgruppe — wichtige Influencer, die in den Verlagen von sogenannten Influencer-Relations-Managern betreut wurden. In Leipzig gab es auf einmal eine Bloggerlounge, und Bloggerpaten durften den Preis der Messe begleiten. Danach kamen die Buchpreisblogger, diverse BookUps, Bloggertreffen, Verlags-Bloggertage, die Litblog-Convention, der Debütpreis, das Literaturcamp und zuletzt der Blogbuster-Preis.

Für mich eine aufregende Zeit, denn fast überall war ich mit dabei. Ich durfte mich als absoluter Neuling sofort zu den relevanten Bloggern zählen, habe in Rezensions- und Leseexemplaren gebadet, mich mit Begeisterung vor fast jeden Karren spannen lassen, durfte Interviews geben, Vorträge halten und mich wichtig fühlen. Und ich habe neue Freunde gefunden, Menschen wie Tilman, Ilja, Mareike, Sophie und Frank. Aber auch Uwe, Sonja, Jochen, Vera, Jacqueline, Simone, Sarah und Gérard sind mir ans Herz gewachsen. Mittlerweile sind all diese viellesenden Sonderlinge sowas wie Familie. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und würde nichts auf sie kommen lassen.

Anfangs habe ich alles rund um das Bloggen mit großem Interesse verfolgt. Mittlerweile ist das alles nicht mehr ganz so spannend für mich. Es ist Alltag geworden, ich lese hier und da mal rein und freue mich ansonsten, dass der Kaffeehaussitzer mich in seiner Buchmarkt-Kolumne auf dem Laufenden hält. Ab und zu gibt es mal wieder einen dieser abschätzigen Feuilleton-Artikel über das Phänomen Blogger, aber außer einem kollektiven Schulterzucken passiert da nicht mehr viel. Kein Aufschrei, keine Debatte.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass der Hype, die ganze Aufregung um die neuen digitalen Literaturvermittler jetzt erstmal vorbei ist. Der Literaturbetrieb hat akzeptiert, dass es Blogs gibt und dass sie eine immer wichtigere Rolle spielen. Jetzt muss er noch lernen, dass man nicht alle Blogs über einen Kamm scheren kann. Blogs sind genauso vielfältig wie die Verlagswelt und eigentlich ein gutes Abbild der Branche. Natürlich gilbt es viele Blogs, die in meinen Augen gar nicht gehen. Gleiches gilt aber auch für Verlage. Auf jeden Topf passt nunmal ein Deckel.

Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit der derzeitigen Situation – genieße, dass ein wenig Ruhe eingekehrt ist und das mit dem Bloggen über Literatur nicht mehr so hoch gekocht wird. Wie andere Blogger auch, habe ich meinen Weg gefunden, meinen Rhythmus, meine Themen, meine Hood. Ich habe so zehn, fünfzehn Blogs, die ich schätze und verfolge, bei denen ich mir Anregungen hole und im Austausch stehe. Der Rest geht größtenteils an mir vorbei, und ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen.

Mich interessieren die dem Feuilleton nacheifernden Online-Intellektuellen aus der Tell-Fraktion genauso wenig, wie die bunte Schar an Unterhaltungs-, Blümchen- und Genre-Bloggern. Ich finde Challenges blöd, arrangierte Fotos mit Buchcovern, die allermeisten Booktube-Formate und das alberne Kokettieren mit der Büchersucht. Genauso wenig mag ich bemüht literaturkritische Angeber-Rezensionen, den Page 99-Test und Online-Debatten jedweder Couleur. Stattdessen mag ich gut geschriebene Texte, die mehr bieten als nur ein Summary. Ich mag es, wenn jemand Mut zur Meinung hat, interessante Perspektiven und Ansichten aufzeigt, mich fordert und gleichzeitig gut unterhält. Genau diesen Maßstab stelle ich auch an meine eigenen Beiträge.

Dass es in der Bloggerszene auch Animositäten gibt, dass auf Klickzahlen, Blogrolls und Verlinkungen, Likes und Erwähnungen der Anderen geschielt wird, ist nur natürlich. Unsere Währung ist nunmal Aufmerksamkeit, die Resonanz aus dem Netz. Dafür machen wir das alles. Und wenn einer meint, das wäre ihm komplett egal, kann ich das nicht ernst nehmen. Wer etwas veröffentlicht, will auch Öffentlichkeit. Der Unterschied ist, mit wieviel davon man persönlich zufrieden ist. Und selbstverständlich sind Blogs im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit der Netz-Gemeinde auch Wettbewerber. Natürlich checke ich regelmäßig meine Besucherstatistik, schaue welche Beiträge gut und welche weniger gut laufen und registriere auch, wenn ein Verlag meine Rezension zwar liked, aber die eines anderen Bloggers zusätzlich teilt und kommentiert.

Wenn sich die Bloggerszene weiterentwickeln will, muss sie den Mut haben, sich zu differenzieren und auch mal über Qualitätskriterien nachdenken. Das fängt schon damit an, unter den über 1.000 Blogs zwischen Genre-Buchbloggern, Literaturbloggern und dem Online-Feuilleton zu unterscheiden. Letztere Gruppe grenzt sich schon länger von dem Gros der Blogger ab. Der Rest lässt sich weiterhin in einen Topf werfen.

Jeder kann es ja halten wie er will, aber ich für meinen Teil werde auf unspezifische Massenmails mit der Anrede “Lieber Blogger“ nicht mehr reagieren. Gleiches gilt für Veranstaltungen, bei denen querbeet alles, was über Bücher bloggt, eingeladen wird. Die Litblog Convention in Köln mag vielleicht gut besucht gewesen sein, aber ein Verlag wie KiWi sollte sich ernsthaft fragen, ob sie da gut aufgehoben sind und sich eine Kooperation mit Bastei Lübbe, auch wenn es noch so praktisch ist, nicht eher kontraproduktiv ist.
Wenn in Sachen Differenzierung nichts passiert, bleiben wir weiter in den ständig gleichen Diskussionen hängen. Feuilleton versus Blogger in Endlosschleife. Verlage, die entweder gar nichts oder wahllos irgendwas mit Bloggern machen. Ohne Plan und ohne Erfolg. Die Folge sind wachsende Unzufriedenheit in allen Lagern, Stillstand und schließlich Rückschritt. Gattungen definieren, sich einordnen und profilieren, das alles kann man machen, ohne arrogant und dünkelhaft zu wirken. So eine Differenzierung hat auch nichts mit Marketing zu tun, was ja immer sofort als oberflächlich abgetan wird, sondern mit Selbstbewusstsein und Professionalität. Und ich bin mir sicher, es macht auch noch viel mehr Spaß.

Der Hype um die Literaturblogs ist vorbei, aber wir sind noch lange nicht am Ende. Es fängt eigentlich gerade erst an.

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Foto: Gabriele Luger

Ich habe einen Traum

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Man wird doch wohl noch träumen dürfen. Ein wenig herumspinnen, tollkühn und mutig sein –zumindest in Gedanken. Einmal ausrufen: Ich habe einen Traum! Einmal, nur ein einziges Mal im Leben. Sich hinstellen und so beginnen. Kein Blabla, sondern mit und von Bedeutung, ein emotionaler Appell, ein Meilenstein, ein Benchmark. Ja, warum nicht einfach mal träumen?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages Blogger und das Feuilleton Hand in Hand, Seite an Seite und gemeinsam für die gleiche Sache einstehen. Für gute Literatur und gegen den Schund, für weniger aber dafür bessere Bücher. Für Geschichten, in denen man sich verlieren kann, für Bücher, die Spaß machen und Gedanken, die inspirieren. Kein Dünkel, keine Pfründe, keine Missgunst.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, irgendwann einmal alle Bücher in meinem Buchregal gelesen zu haben. Den Ulysses genauso wie den de Sade und die gesammelten Werke von Dostojevski. Einfach alles, auch das, was Woche für Woche neu dazu kommt. Einmal quer Beet, sich an der Auswahl berauschen, den guten Geschmack des Sammlers goutieren, mich noch einmal neu vermessen. Mein Damals, Gestern, Heute und Morgen. Das alles steht da aufgereiht. Das alles bin ich ich. Es ist einfach viel zu viel.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass ich eines Tages selber einen Roman schreibe. Einen, der auch mir gefällt, eine echte Top-Empfehlung auf Buchrevier. Eine Geschichte, die nicht nur Geschichte ist, mit Figuren, die nicht ich und trotzdem authentisch sind. Mit Seiten voll geschliffener Sätze, die von Bloggern mit bunten Klebezetteln markiert werden. Ein Buch, das mit einem Heißgetränk auf einer gemusterten Bettdecke fotografiert und auf Instagram gepostet wird. Mein ganzes Herzblut im Herbstprogramm. Im Frühjahr dann ‚gut erhalten‘ bei Medimops.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, wunderschön sprechen zu können. Frisch von der Leber und aufs Geratewohl. Nicht lange nachdenken, nicht zaudern, einfach sprechen. Schlaue Sätze ohne Äähs und Ööhs. Mein Gegenüber hört andächtig zu und nickt zustimmend. Mikrofone sind auf mich gerichtet. Es muss nichts geschnitten werden, kann gleich so On Air gehen. Mein Timbre macht alle Frauen verrückt. Männer können das nicht nachvollziehen.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, jung zu sein. Anfang zwanzig mit nochmal sechzig Jahren Lesezeit. Jedes Jahr noch einmal ca. 50 Bücher, macht zusammen 3000. Mehr würde ich auch im zweiten Anlauf nicht schaffen. Aber mit dem Wissen von heute, was würde ich lesen? Noch mal die selben Klassiker? Noch einmal Hesse und Kerouac? Würde ich mir noch einmal den ganzen Walser geben? Wäre ich dann schlauer oder nur auf andere Weise dumm?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages all meine Träume in Erfüllung gehen. Wäre ich dann glücklich und zufrieden? Am ultimativen Ziel endlich angelangt? Oder stünde ich nur da und hätte einfach keine Träume mehr?

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Foto: Gabriele Luger

Keine Ahnung, aber La Paloma pfeifen

8

Manchmal wache ich morgens auf und habe das Gefühl, im Schlaf mein ganzes Selbstbewusstsein verloren zu haben. Irgendein Traumungeheuer muss mich in der Nacht komplett demoralisiert haben. Nach dem ersten Kaffee kommt es dann so langsam wieder zurück. Aber bis dahin frage ich mich, ob das alles so richtig ist. Zum Beispiel die Sache hier mit dem Blog. Eigentlich habe ich doch von Literatur gar keine Ahnung. Da gibt es Leute, die haben das studiert, sich das Handwerkszeug draufgeschafft. Die haben im Schweiße ihres Angesichts alle relevanten Autoren gelesen, angefangen bei Walter von der Vogelweide bis zu Thomas Bernhard, nur um irgendwann zu wissen, was gut und was schlecht ist, was man empfehlen kann und was nicht.

Ich dagegen habe nur viel gelesen, querbeet und nach eigenem Gusto, sonst nichts. Wie man eine ordentliche Rezension schreibt, habe ich nie gelernt. Es wäre natürlich ein Leichtes, sich die goldenen Regeln mal herauszusuchen und es zu probieren. Aber da fehlt mir nicht nur der Ehrgeiz, es interessiert mich auch nicht. Ich glaube, es würde mich langweilen, so eine richtige Rezension nach Lehrbuch zu schreiben. Genauso wie es mich auch oft langweilt, so eine Lehrbuch-Rezension zu lesen. In den meisten Fällen ist mir das alles zu neutral, zu wenig wertend, zu unpersönlich. Ich überfliege nur den Einstieg, lasse den Inhaltsangaben-Mittelteil einfach aus, scrolle sofort bis zum Fazit und hoffe auf eine ehrliche und klare persönliche Meinung. Ich will keinen literaturwissenschaftlichen Vergleich und keine politische Interpretation. Ich will eine Emotion, einen persönlichen Eindruck, will wissen wohin einen das Buch gedanklich führt, ob es eine zweite Ebene hinter dem Plot gibt und ob es irgendwas beim Rezensenten zum Klingen gebracht hat. Das interessiert mich, das will ich wissen und genau das fehlt mir bei den meisten Feuilleton-Rezensionen.

Und während ich noch den ersten Kaffee trinke, denke ich, dass das ja nicht gerade von großer Intellektualität zeugt. Es ist schon eine ziemlich einfache Sichtweise, wenn es einem beim Lesen eigentlich nicht um das Buch, sondern immer wieder nur um einen selber geht. Um mein Lesevergnügen, um meine Gedanken, Assoziationen und meinen Spaß. Dass ich mich mit einem Thema nur auseinandersetze, wenn ich es irgendwie mit mir in Verbindung bringen kann, wenn ich mich mit einer Figur identifizieren, in einen Plot hineinversetzen kann. Wenn mir das nicht gelingt – oder anders gesagt: der Autor das nicht schafft – dann erreicht mich ein Buch nicht und ich steige aus. Und hier frage ich mich, wenn man so Ich-bezogen liest und sein ganz persönliches Urteil fällt, kann man dann noch guten Gewissens anderen Personen Bücher empfehlen?

So ein Buch kann einen ja auch mal auf dem falschen Fuß erwischen. Wenn ich gestresst bin, Probleme auf der Arbeit habe, mich müde und ausgelaugt fühle, dann hat es jedes Buch schwer. Wenn es sich dann noch zieht, über mehrere Seiten frei assoziiert wird und ich anfange, den Überblick bei den Protagonisten zu verlieren, passiert es schnell, dass ich einfach keine Lust mehr habe weiterzulesen. Dann klappe ich es zu, fälle mein Negativ-Urteil und das steht dann hier für immer auf dem Blog und wird mehr oder weniger häufig angeklickt. Das gleiche Buch im Urlaub gelesen, in entspannter Stimmung und mit voller Konzentration, würde ich vielleicht ganz anders bewerten. Das ist doch nicht professionell. Was können denn der Autor und sein Buch dafür, dass ich mich gerade nicht richtig auf sein Werk konzentrieren konnte, dass es für mich das falsche Buch zur falschen Zeit war? Deswegen muss es doch nicht schlecht sein.

Und überhaupt: Ich, Ich, Ich – meine Texte sind voll davon. In manchen Rezensionen stehen vielleicht ein oder zwei Sätze zu dem eigentlichen Werk, der Rest beschäftigt sich mit mir. Was ICH beim Lesen so gedacht habe, womit ICH meine Schwierigkeiten hatte, wie ICH die Sprache empfinde. Was hat das für einen Wert? Wie häufig habe ich schon einen Roman schlecht bewertet oder sogar verrissen, der an anderer Stelle hochgelobt oder sogar mit Preisen bedacht wurde. Das erhärtet den Verdacht, dass ich von Literatur überhaupt keine Ahnung habe.

Irgendwann ab der zweiten Tasse Kaffee ist mein Selbstbewusstsein aber wieder komplett hergestellt, und ich bin wieder mit mir im Reinen. Natürlich habe ich Ahnung. Und wenn es nicht die reine Lehre ist, so ist es doch zumindest mein Verständnis von guter oder weniger guter Literatur, dass ich hier zum Besten gebe. Das kann man teilen und gut finden oder aber kritisieren und ignorieren. Niemand ist gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Und daher bleibe ich dabei. Ich werde nichts anders machen. Ich kenne die Defizite aber auch die Stärken meiner Texte. Vielleicht sollte ich sie auch gar nicht Rezension nennen, sondern einfach nur Blogbeiträge. Denn Buchrevier ist mein digitales Lesetagebuch, in dem ich nach Herzenslust Ich-bezogen lesen, schreiben und Literatur überaus subjektiv bewerten kann. Ich kann das so machen, Journalisten können und dürfen das nicht so machen. Vielleicht würden sie ja gerne und beneiden uns Blogger insgeheim wegen dieser ungehemmten Subjektivität und Meinungsfreiheit.

Auch wenn es sich jetzt blöd anhört, ich lese meine Blogbeiträge selber gerne. Ich bin generell der Meinung, dass man nur das schreiben sollte, was man auch selber gerne lesen möchte. Und wenn man über Bücher schreibt, gilt das erst recht. Denn wie ermüdend muss die Lektüre eines Buches sein, wenn einen die Rezension dazu schon langweilt?

Ich lese, um mich selbst zu finden und aus dem gleichen Grund schreibe ich über das, was ich gelesen habe. Ich bin der, der bei einem Gruppenfoto immer zuerst guckt, ob er selber gut getroffen ist, der sein Spiegelbild in den Fenstern parkender Autos betrachtet und der in jedem Buch, das er aufschlägt, auf der Suche ist nach sich selbst. Vielleicht werde ich irgendwann fündig und höre dann auf zu lesen. Oder ich fange dann erst richtig an zu lesen. Nicht mehr auf der Suche nach mir selbst, sondern nur noch auf der Suche nach guter Literatur. Obwohl – ich könnte mir das sehr langweilig vorstellen.

Foto: Gabriele Luger

Reading man revisited

4

 

Gummibärchen mit Altbier. Es gibt für mich nichts, was so sehr mit Zuhause, mit Im- Sessel-Sitzen-Und-Lesen verbunden ist, wie diese eigentlich unmögliche Kombination zweier Genussmittel, von denen ich besser die Finger lassen sollten, wenn ich nicht noch mehr zunehmen will. Doch das ist mir egal. Die paar Kilos werde ich im Frühjahr schon wieder los. Aber ich liebe dieses Flüssige und Gummige, dieses Kalte und Laue, Herbe und Süße – Gegensätze, die sich harmonisch im Mund vereinen, ergänzen und diesen Geschmack ergeben – den Geschmack des Lesens.

Wie schmeckt für Sie Lesen? Niemand wird mich das je fragen. Aber wenn, dann würde ich sagen: Genau so! Wie Gummibärchen und Altbier. Wie Spielplatz und Kneipe. Unpassend, ungewöhnlich und ungesund. Aber ich kann nicht davon lassen. Ich stopf das in mich rein, acht Kalorien pro Bärchen und spüle ordentlich nach. Ich mach das einfach und denke gar nicht groß drüber nach. Das ist wie Seiten umblättern, wie Lesezeichen setzen, wie bemerkenswerte Sätze anstreichen – alles ganze normale Lesemoves.

Gleiches gilt für Kopfhörer auf und Musik an. Schön laut aufdrehen und alles um einen rum einfach wegwummern. Alle Sorgen, alle Eindrücke, den ganzen Alltag. Dann kommt irgendwann dieser Tunnelblick und es ist soweit. Ich kann mich einlassen, mich konzentrieren, fremdes Leben an mich ranlassen – lesen. Stundenlang und wenn das Buch mitspielt, auch mit wachsender Begeisterung. Das klappt nicht bei jeder Musik. Sie sollte sich nicht aufdrängen, nicht andauernd „Hier“ schreien, mir nichts beweisen wollen. Sollte einfach nur da sein, als Gefühlstransmitter, als Mauer zwischen dem Hier und Dort, meinem Leben und dem der anderen, zwischen Realität und Fiktion.

Genau wie der Sessel, auf dem ich sitze. Er ist einfach nur da, will kein Design sein, ist kein Hingucker. Will einfach nur, dass ich auf ihm sitze und lese. Er hat die besten Tage schon lange hinter sich, der Bezug aus den 90ern und abgewetzt, die Rückenlehne mit Kratzspuren von unserem alten Kater. Der ist jetzt auch schon 13 Jahre tot. Aber ich sitze hier immer noch und lese. Das macht mich traurig und gleichzeitig froh. Ich habe hier in diesem Sessel viel erlebt, bin einmal in Gedanken um die ganze Welt gereist, habe unzählige Menschen kennengelernt, habe mich verliebt, habe Schreckliches erfahren und süße Träume gehabt. Ich weiß, dass andere das vielleicht armselig finden. Second-Hand Experience – nichts Eigenes, alles nur gebrauchte Emotionen, aufgewärmt und fad.

Aber genau so will ich es haben. Lesen ist für mich leben. Ich entscheide, was ich von dem Gelesenen auch wirklich erleben möchte. Allzu viel ist es nicht. Eine Handvoll Gummibärchen und ein Altbier sind da oftmals wesentlich reizvoller.

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Foto: Gabriele Luger

Gebrauchsanweisung für Literaturblogger

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Warum sind lesende Männer in der U-Bahn eigentlich so cool und sexy? Weil sie dort meistens vernünftig angezogen sind und man Ihnen nur maximal zehn, fünfzehn Minuten gegenübersitzt. Weil man nicht mitbekommt, wie sie am Freitag nach Hause kommen, sich ihre Schlumpfhose anziehen, die Kuscheldecke schnappen und für den Rest des Wochenendes mit einem Buch auf dem Schoß in ihrer Leseecke auf dem Sofa rumgammeln.

Dort sitzen sie dann und lesen – stundenlang. Reicht man Ihnen einen Tee, nehmen sie ihn gerne an. Auch Obst (fertig geschält) und Gebäck darf gerne gereicht werden. Wird staubgesaugt, heben sie hilfsbereit die Beine und reichen auch leere Joghurtbecher an. Ja, sie sind eigentlich nette Kerle. Wenn man sie in Frieden und einfach nur lesen lässt, hat man nichts zu befürchten. Unwirsch werden Literaturblogger nur, wenn man den Fernseher anschaltet oder fragt, ob man nicht mal wieder zusammen ins Kino gehen sollte oder alternativ auch Freunde besuchen.

Dann verziehen sie sich nach einem kurzen Wortwechsel mit den ewig gleichen Argumenten (was an Buchblogger hast Du nicht verstanden?) beleidigt mit ihrer Kuscheldecke ins Ausweichquartier und lesen da weiter. Dort sollte man sie dann tunlichst nicht mehr stören und abwarten, bis sie irgendwann Sonntag Abend von allein wieder in Erscheinung treten. Hast Du das Buch fertig? Ja, war aber blöd.

Wenn ein Buch gerade ausgelesen, die entsprechende Rezension noch nicht in Arbeit ist und auch die nächste Lektüre noch nicht begonnen wurde, gibt es einen Zeitslot von einigen wenigen Stunden, in denen Literaturblogger ansprechbar für kleinere Alltagsangelegenheiten sind, wie zum Beispiel Reparaturen im Haushalt. Aber auch Fragen der mittel- und langfristigen Lebensplanung (wollen wir noch ein Kind oder lieber in Urlaub fahren?) bieten sich in dieser Zeit zur Klärung an.

Urlaube mit Literaturbloggern sind übrigens meistens sehr entspannt. Ein schattiges Leseplätzchen am Strand oder Hotelpool zum Lesen genügt vollkommen. Wenn das Wetter nicht so gut ist, liest man halt im Hotelzimmer. Reicht man ihnen einen Longdrink, nehmen sie ihn gerne an. Auch diverse Speisen, kleine Snacks und Nachtisch vom Buffet sind jederzeit willkommen. Unwirsch werden sie, wenn das Animationsteam mit der Wassergymnastik beginnt oder der Partner einen Tagesausflug vorschlägt (was an Urlaub hast Du nicht verstanden?).

„Dann lass ihn doch einfach lesen“, sagt die beste Freundin. „Ich wäre froh, wenn Meiner das tun würde. Dann wüsste ich zumindest immer wo er ist. So wie Deiner, hier auf dem Sofa mit dem Buch. Da macht er keine Dummheiten und du hast ihn immer im Blick“.  Aber das Lesen ist ja nur die halbe Miete, heißt es dann. Richtig anstrengend wird es, wenn es ans Schreiben geht. Wenn ihm nichts einfällt, er frustriert und schlecht gelaunt durch die Wohnung tigert, immer wieder in den Kühlschrank schaut, sich einen Joghurt, danach ein Bier holt und sich mit einem Seufzen zu einem setzt. Dann ist Vorsicht geboten. Jetzt bloß nicht das Falsche sagen. Wie zum Beispiel: „Jetzt mach doch mal Pause und lass uns einfach ein wenig TV schauen“. Auch falsch wäre: „Musst Du denn über dieses Buch überhaupt etwas schreiben? Zwingt dich doch keiner.“ Am besten, man sagt irgendetwas Unverfängliches und wartet bis er wieder abhaut.

Ist der leidige Text dann endlich geschrieben und online gestellt, hat man einen Zeitslot von entspannten zehn bis zwanzig Minuten, bis die ersten Likes und Kommentare aufpoppen. Dieses Zeitfenster sollte man nutzen, um mal Grundsätzliches in der Beziehung anzusprechen. Soll das jetzt eigentlich ewig so weitergehen? Meinst Du, mir macht das Spaß, meinen Mann immer nur auf dem Sofa sitzen zu sehen? Einen Mann, mit dem man sich noch nicht einmal unterhalten kann? Weil er entweder gerade liest oder gerade schreibt oder nachschaut, wie oft sein blöder Beitrag angeklickt wurde? Andere Männer gehen zum Sport, fällen Bäume, reparieren Motorräder oder haben eine Geliebte“.

Das hat gesessen. Der Literaturblogger schaut seine Frau entgeistert an. „Soll ich mir eine Geliebte nehmen?“ Nein, Du sollst einen Baum fällen, den tropfenden Wasserhahn reparieren, zum Sport gehen – Männersachen machen“. Das Handy tutet, die ersten Kommentare zum gerade veröffentlichten Blogbeitrag trudeln ein. Das Zeitfenster hat sich geschlossen. Bevor er zum Rechner zurückgeht, um den Beitrag auch bei Facebook und Twitter einzustellen, reicht sie ihm noch eine Apfelsine, die sie gerade geschält hat.

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Titelfoto: Gabriele Luger

 

 

 

Big Data, der Bücherkanon und warum Amazon gar nicht so schlecht ist

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Wer bloggt, darf sich nicht wundern. Wer auf Facebook ist erst recht nicht. Tue ich auch nicht, denn ich will es ja so. Ich gebe Informationen preis, sag was mir gefällt und was nicht. Und da draußen lesen Leute mit. Auch das wundert mich nicht. Denn ohne Publikum wäre es ja witzlos. Ich weiß auch, dass das alles irgendwo gespeichert wird. Was ich so schreibe, like, meine. In riesigen Rechenzentren in Kalifornien, vielleicht aber auch gleich hier um die Ecke in Mönchengladbach oder Krefeld.

Big Data. Ich bin ein Teil davon. Das Internet kennt mich. Besser als meine Eltern, besser als meine Kollegen. Kennt mich vielleicht irgendwann sogar besser als ich mich selbst. Nicht alles von mir, aber Teile davon. Zum Beispiel mich als Leser. Da bin ich wie ein aufgeschlagenes Buch – nackig, transparent, der gläserne Kunde. Denn alles was ich lese, habe ich entweder aus dem Internet oder stelle es irgendwann dort ein. Als Rezension, mit Foto und Bewertung. Amazon kennt meinen Geschmack genau. Die Buch-Empfehlungen treffen in der Regel auf den Punkt. Der neue Houellebecq wird mir vorgeschlagen. Passt – aber hab ich mir schon im Buchladen gekauft. Lutz Seiler – na klar, gehört als Buchpreisgewinner natürlich auch in meine Leseliste. Seethaler, Thomas Melle und Katja Petrowskaja – alles Volltreffer, alles Top-Empfehlungen.

Bevor hier die ersten mit den Augen rollen und die Litanei vom Überwachungsstaat anstimmen – ich will das so. Ich finde gut, dass Amazon mich so gut kennt, um mir treffsicher Produkte vorzuschlagen. Denn ich habe keine Zeit für Experimente und keine Lust auf Werbung, die nichts mit mir zu tun hat.

Ich denke dabei an die aktuelle Diskussion hier in den Blogs zur neuen Frühjahrs-Bücherschwemme, der Halbwertzeit von Büchern (buzzaldrin) und dem Bücherkanon (sätze&schätze). Birgit zitiert in Ihrem Blog Arno Schmidt, der vorrechnet, dass man als berufstätiger Mensch gerade mal die Lektüre von 3.000 Büchern im Leben schafft. Da ist jede schlechte Empfehlung, jede Lektüre, die mich langweilt, mich nicht weiter bringt, mir nichts zu sagen hat, einfach vertane Lebenszeit. Ich habe nicht nur nichts dagegen, dass Algorithmen meine Daten im Netz zu Werbeempfehlungen hochrechnen. Nein, ich erwarte es mittlerweile sogar. Denn so geht Werbung heutzutage. Streuverluste kosten die Unternehmen nicht nur Geld, mich kostet es Zeit. Lebenszeit, die ich mit dem falschen Produkt verbracht habe. Und schon sind es nur noch 2999 Bücher, die man im Leben lesen kann.

Natürlich bin ich nicht total naiv und weiß selbstverständlich, dass auch Missbrauch mit meinen Daten getrieben werden kann. Aber höre ich deswegen auf zu telefonieren oder krankenversichert zu sein? Ich habe gelernt, mit meinen Datenspuren zu leben. Daten, die ich bewusst freigebe, Daten, von denen ich mir denken kann, dass sie gespeichert werden, Daten, die mein Handy automatisch erfasst. Ich weiß dass ich gerade jetzt, während ich das hier schreibe, Daten produziere, die mich z.B. als Blogger, als Leser, als Amazon-Kunden outen. Genauso wie jeder, der das hier gerade liest, als Datensatz in meiner WordPress-Statistik auftaucht.

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Und damit komme ich zu einem Buch, das ich allen an diesem Thema interessierten Lesern wärmstens empfehlen kann. Christoph Kucklick „Die Granulare Gesellschaft“ – das ultimative Buch zum Thema Big Data!“ Ich bin noch nicht ganz durch, deswegen gibt es hier keine Rezension. Aber soviel kann ich schon sagen. Der Autor zeigt sehr kenntnisreich und ohne dystopische Big-Brother-Ressentiments den Stand der Technik in Sachen Datenauswertung und die Auswirkungen auf unser Leben. Und was soll ich sagen? Das Leben wird durch Big Data nicht schlechter – ganz im Gegenteil. Vieles im Leben wird klarer, wenn man sich einfach nur mal die Daten anschaut. Frei von allen Deutungen und Interpretationen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Vollkommen unromantisch und überhaupt nicht literarisch. In Sachen Gesundheit, bei der Partnerwahl, bei politischen Präferenzen und natürlich auch bei Literaturempfehlungen.

Und wer sich jetzt aufregt und meint: diese Entwicklung müssen wir unbedingt aufhalten – der sei an Dürrenmatts „Physiker“ erinnert. Ich hab den Klassiker damals in der Schule gelesen und die Conclusio ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Alles, was technisch machbar ist, wird auch gemacht. Man kann es nicht aufhalten, man muss lernen, damit zu leben.