Blogger unter Leistungsdruck

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19.00 Uhr – ich bin endlich zu Hause, begrüße Frau und Hund. Zum Abendessen gibts gebratene Hühnerbrust mit Salat, danach noch ein paar Sätze über dies und das. Kurz vor acht gehe ich dann hoch und setze mich in meinen Sessel. Die aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Da passiert nicht viel. Introspektiv eigentlich schon, aber eine echte Handlung ist das nicht. Und in letzter Zeit bin ich abends ziemlich platt. Kann mich schwer konzentrieren. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig. Also noch zwei Abende zum Lesen und einen zum Schreiben. Dann darf aber nichts mehr dazwischen kommen. Keine Einladung bei Freunden, keine familiäre Verpflichtung, keine Projekte im Garten. Klappt schon irgendwie.

Also los jetzt. Nicht Facebook gucken, Handy aus und lesen. Vielleicht packt mich das Buch ja doch und ich schaff heute noch 50 oder 100 Seiten. Dann wäre ich wieder voll im Zeitplan. Und wenn nicht, muss ich mir was anderes überlegen. Vielleicht mal wieder ‘ne Liste, irgendetwas Witziges. Könnte diesen Monat eh noch ein paar Klicks gebrauchen. Nur mit Besprechungen kann man ja nichts reißen. Das wird zur Kenntnis genommen, aber viel mehr passiert da nicht. Ich glaube, bei den anderen ist es ähnlich. Irgendwie stagniert im Moment alles. Der Markt scheint gesättigt. Wachstum ist kaum noch möglich, es sei denn durch Verdrängung. Die Erfolgskonzepte von gestern funktionieren nicht mehr. Kaum einer kann mit Sicherheit sagen, was gut und was weniger gut läuft. Eines steht aber fest: Auf die Bücher kommt es nicht an. Egal ob total angesagt oder vollkommen unbekannt – ich hatte schon Tops und Flops in beiden Bereichen. Selbst böse Verrisse oder das beliebte Blogger-Bashing sorgen nur noch für ein müdes Schulterzucken.

Ehrlich gesagt bin ich grad komplett ratlos und glaube langsam, dass viraler Erfolg so ein Random-Ding ist. Man kann es nicht beeinflussen, sondern nur immer wieder probieren. So wie die traurigen Gestalten von gegenüber, die jeden Tag aufs Neue die Spielhalle betreten und die Automaten mit Münzen füllen. Irgendwann kommt der Jackpot, ganz bestimmt sogar, man darf nur nicht aufhören, daran zu glauben. Einfach Weitermachen – so lautet das Mantra. Geduld und Stehvermögen haben und den Frust einfach runterschlucken. Irgendwann zahlt sich das dann aus. Und stell dir bloß mal vor, du hörst kurz vorher auf. Der letzte Heiermann, der den Jackpot bringen würde, den sparst du dir und kaufst dir dafür stattdessen ein Bier und ne Bratwurst. Das tut gut im Magen, aber dann hörst du es im Hintergrund auf einmal klackern. Dein Automat spuckt den Hauptgewinn aus, aber ein anderer steht davor und kann sein Glück kaum fassen. Dein Glück in anderen Händen. Kann passieren. Warum hast du auch aufgehört? Noch ein Fünfer und der Automat wär fällig gewesen. Aber du, du hattest ja Hunger.

Ich ertappe mich beim Träumen. Habe mal wieder drei, vier Seiten gelesen und an etwas ganz anderes gedacht. Also noch mal zurückblättern und schauen, wo sie mich verlassen hat, diese Geschichte, die nicht meine ist. Die sich zieht, wie Kaugummi, nichts mit mir zu tun hat, mich langweilt, mich wegträumen lässt. Was tue ich mir hier eigentlich an? Jeden verdammten Abend in diesem Sessel sitzen, mich konzentrieren, zuhören, in fremde Leben eintauchen. Als wenn ich kein eigenes hätte, keine Probleme und Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. Habe ich aber. Da ist ganz viel Introspektives, auch in mir drin. Könnte ich ja auch mal einfach so rauslassen, runterschreiben und irgendein armer Hund müsste das dann lesen und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Würde mir das gefallen? Wäre das der Jackpot?

Sei doch mal locker. Nicht immer so grumpy. Eigentlich ist doch alles gut. Wenn am Wochenende nichts online geht, ist auch egal. Das stört keinen großen Geist. Lass mal chillen, lass mal Leben an dich ran. Nicht aufgewärmt, nicht Second Hand. Eigenes Leben.

Wer sagt mir das? Bin ich das? Ich höre mich ja schon an, wie die da draußen. Wie die, die jetzt kommentieren würden, dass ich mal ne Pause bauche, mich nicht zwingen sollte und dass es wichtigeres im Leben gibt als den Blog. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Nein, ich bin ok, mir geht es gut. Kein Chance Leute, mich werdet ihr nicht los. Ich schmeiße weiter Münzen in den Automaten und warte auf den Jackpot. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, meine aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

Der Hype ist vorbei.

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Literaturblogs in der Sackgasse? 

Als ich im November 2014 mit dem Bloggen anfing, kam ich genau zur richtigen Zeit. Der Literaturbetrieb hatte gerade die Blogger entdeckt. Die Online-Freaks, die anfangs belächelt, nicht ernst genommen wurden und noch nicht mal Rezensionsexemplare bekamen, waren urplötzlich Zielgruppe — wichtige Influencer, die in den Verlagen von sogenannten Influencer-Relations-Managern betreut wurden. In Leipzig gab es auf einmal eine Bloggerlounge, und Bloggerpaten durften den Preis der Messe begleiten. Danach kamen die Buchpreisblogger, diverse BookUps, Bloggertreffen, Verlags-Bloggertage, die Litblog-Convention, der Debütpreis, das Literaturcamp und zuletzt der Blogbuster-Preis.

Für mich eine aufregende Zeit, denn fast überall war ich mit dabei. Ich durfte mich als absoluter Neuling sofort zu den relevanten Bloggern zählen, habe in Rezensions- und Leseexemplaren gebadet, mich mit Begeisterung vor fast jeden Karren spannen lassen, durfte Interviews geben, Vorträge halten und mich wichtig fühlen. Und ich habe neue Freunde gefunden, Menschen wie Tilman, Ilja, Mareike, Sophie und Frank. Aber auch Uwe, Sonja, Jochen, Vera, Jacqueline, Simone, Sarah und Gérard sind mir ans Herz gewachsen. Mittlerweile sind all diese viellesenden Sonderlinge sowas wie Familie. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und würde nichts auf sie kommen lassen.

Anfangs habe ich alles rund um das Bloggen mit großem Interesse verfolgt. Mittlerweile ist das alles nicht mehr ganz so spannend für mich. Es ist Alltag geworden, ich lese hier und da mal rein und freue mich ansonsten, dass der Kaffeehaussitzer mich in seiner Buchmarkt-Kolumne auf dem Laufenden hält. Ab und zu gibt es mal wieder einen dieser abschätzigen Feuilleton-Artikel über das Phänomen Blogger, aber außer einem kollektiven Schulterzucken passiert da nicht mehr viel. Kein Aufschrei, keine Debatte.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass der Hype, die ganze Aufregung um die neuen digitalen Literaturvermittler jetzt erstmal vorbei ist. Der Literaturbetrieb hat akzeptiert, dass es Blogs gibt und dass sie eine immer wichtigere Rolle spielen. Jetzt muss er noch lernen, dass man nicht alle Blogs über einen Kamm scheren kann. Blogs sind genauso vielfältig wie die Verlagswelt und eigentlich ein gutes Abbild der Branche. Natürlich gilbt es viele Blogs, die in meinen Augen gar nicht gehen. Gleiches gilt aber auch für Verlage. Auf jeden Topf passt nunmal ein Deckel.

Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit der derzeitigen Situation – genieße, dass ein wenig Ruhe eingekehrt ist und das mit dem Bloggen über Literatur nicht mehr so hoch gekocht wird. Wie andere Blogger auch, habe ich meinen Weg gefunden, meinen Rhythmus, meine Themen, meine Hood. Ich habe so zehn, fünfzehn Blogs, die ich schätze und verfolge, bei denen ich mir Anregungen hole und im Austausch stehe. Der Rest geht größtenteils an mir vorbei, und ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen.

Mich interessieren die dem Feuilleton nacheifernden Online-Intellektuellen aus der Tell-Fraktion genauso wenig, wie die bunte Schar an Unterhaltungs-, Blümchen- und Genre-Bloggern. Ich finde Challenges blöd, arrangierte Fotos mit Buchcovern, die allermeisten Booktube-Formate und das alberne Kokettieren mit der Büchersucht. Genauso wenig mag ich bemüht literaturkritische Angeber-Rezensionen, den Page 99-Test und Online-Debatten jedweder Couleur. Stattdessen mag ich gut geschriebene Texte, die mehr bieten als nur ein Summary. Ich mag es, wenn jemand Mut zur Meinung hat, interessante Perspektiven und Ansichten aufzeigt, mich fordert und gleichzeitig gut unterhält. Genau diesen Maßstab stelle ich auch an meine eigenen Beiträge.

Dass es in der Bloggerszene auch Animositäten gibt, dass auf Klickzahlen, Blogrolls und Verlinkungen, Likes und Erwähnungen der Anderen geschielt wird, ist nur natürlich. Unsere Währung ist nunmal Aufmerksamkeit, die Resonanz aus dem Netz. Dafür machen wir das alles. Und wenn einer meint, das wäre ihm komplett egal, kann ich das nicht ernst nehmen. Wer etwas veröffentlicht, will auch Öffentlichkeit. Der Unterschied ist, mit wieviel davon man persönlich zufrieden ist. Und selbstverständlich sind Blogs im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit der Netz-Gemeinde auch Wettbewerber. Natürlich checke ich regelmäßig meine Besucherstatistik, schaue welche Beiträge gut und welche weniger gut laufen und registriere auch, wenn ein Verlag meine Rezension zwar liked, aber die eines anderen Bloggers zusätzlich teilt und kommentiert.

Wenn sich die Bloggerszene weiterentwickeln will, muss sie den Mut haben, sich zu differenzieren und auch mal über Qualitätskriterien nachdenken. Das fängt schon damit an, unter den über 1.000 Blogs zwischen Genre-Buchbloggern, Literaturbloggern und dem Online-Feuilleton zu unterscheiden. Letztere Gruppe grenzt sich schon länger von dem Gros der Blogger ab. Der Rest lässt sich weiterhin in einen Topf werfen.

Jeder kann es ja halten wie er will, aber ich für meinen Teil werde auf unspezifische Massenmails mit der Anrede “Lieber Blogger“ nicht mehr reagieren. Gleiches gilt für Veranstaltungen, bei denen querbeet alles, was über Bücher bloggt, eingeladen wird. Die Litblog Convention in Köln mag vielleicht gut besucht gewesen sein, aber ein Verlag wie KiWi sollte sich ernsthaft fragen, ob sie da gut aufgehoben sind und sich eine Kooperation mit Bastei Lübbe, auch wenn es noch so praktisch ist, nicht eher kontraproduktiv ist.
Wenn in Sachen Differenzierung nichts passiert, bleiben wir weiter in den ständig gleichen Diskussionen hängen. Feuilleton versus Blogger in Endlosschleife. Verlage, die entweder gar nichts oder wahllos irgendwas mit Bloggern machen. Ohne Plan und ohne Erfolg. Die Folge sind wachsende Unzufriedenheit in allen Lagern, Stillstand und schließlich Rückschritt. Gattungen definieren, sich einordnen und profilieren, das alles kann man machen, ohne arrogant und dünkelhaft zu wirken. So eine Differenzierung hat auch nichts mit Marketing zu tun, was ja immer sofort als oberflächlich abgetan wird, sondern mit Selbstbewusstsein und Professionalität. Und ich bin mir sicher, es macht auch noch viel mehr Spaß.

Der Hype um die Literaturblogs ist vorbei, aber wir sind noch lange nicht am Ende. Es fängt eigentlich gerade erst an.

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Foto: Gabriele Luger

Ich habe einen Traum

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Man wird doch wohl noch träumen dürfen. Ein wenig herumspinnen, tollkühn und mutig sein –zumindest in Gedanken. Einmal ausrufen: Ich habe einen Traum! Einmal, nur ein einziges Mal im Leben. Sich hinstellen und so beginnen. Kein Blabla, sondern mit und von Bedeutung, ein emotionaler Appell, ein Meilenstein, ein Benchmark. Ja, warum nicht einfach mal träumen?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages Blogger und das Feuilleton Hand in Hand, Seite an Seite und gemeinsam für die gleiche Sache einstehen. Für gute Literatur und gegen den Schund, für weniger aber dafür bessere Bücher. Für Geschichten, in denen man sich verlieren kann, für Bücher, die Spaß machen und Gedanken, die inspirieren. Kein Dünkel, keine Pfründe, keine Missgunst.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, irgendwann einmal alle Bücher in meinem Buchregal gelesen zu haben. Den Ulysses genauso wie den de Sade und die gesammelten Werke von Dostojevski. Einfach alles, auch das, was Woche für Woche neu dazu kommt. Einmal quer Beet, sich an der Auswahl berauschen, den guten Geschmack des Sammlers goutieren, mich noch einmal neu vermessen. Mein Damals, Gestern, Heute und Morgen. Das alles steht da aufgereiht. Das alles bin ich ich. Es ist einfach viel zu viel.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass ich eines Tages selber einen Roman schreibe. Einen, der auch mir gefällt, eine echte Top-Empfehlung auf Buchrevier. Eine Geschichte, die nicht nur Geschichte ist, mit Figuren, die nicht ich und trotzdem authentisch sind. Mit Seiten voll geschliffener Sätze, die von Bloggern mit bunten Klebezetteln markiert werden. Ein Buch, das mit einem Heißgetränk auf einer gemusterten Bettdecke fotografiert und auf Instagram gepostet wird. Mein ganzes Herzblut im Herbstprogramm. Im Frühjahr dann ‚gut erhalten‘ bei Medimops.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, wunderschön sprechen zu können. Frisch von der Leber und aufs Geratewohl. Nicht lange nachdenken, nicht zaudern, einfach sprechen. Schlaue Sätze ohne Äähs und Ööhs. Mein Gegenüber hört andächtig zu und nickt zustimmend. Mikrofone sind auf mich gerichtet. Es muss nichts geschnitten werden, kann gleich so On Air gehen. Mein Timbre macht alle Frauen verrückt. Männer können das nicht nachvollziehen.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, jung zu sein. Anfang zwanzig mit nochmal sechzig Jahren Lesezeit. Jedes Jahr noch einmal ca. 50 Bücher, macht zusammen 3000. Mehr würde ich auch im zweiten Anlauf nicht schaffen. Aber mit dem Wissen von heute, was würde ich lesen? Noch mal die selben Klassiker? Noch einmal Hesse und Kerouac? Würde ich mir noch einmal den ganzen Walser geben? Wäre ich dann schlauer oder nur auf andere Weise dumm?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages all meine Träume in Erfüllung gehen. Wäre ich dann glücklich und zufrieden? Am ultimativen Ziel endlich angelangt? Oder stünde ich nur da und hätte einfach keine Träume mehr?

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Foto: Gabriele Luger

Bitte schenkt mir keine Bücher!

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Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.

Keine Ahnung, aber La Paloma pfeifen

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Manchmal wache ich morgens auf und habe das Gefühl, im Schlaf mein ganzes Selbstbewusstsein verloren zu haben. Irgendein Traumungeheuer muss mich in der Nacht komplett demoralisiert haben. Nach dem ersten Kaffee kommt es dann so langsam wieder zurück. Aber bis dahin frage ich mich, ob das alles so richtig ist. Zum Beispiel die Sache hier mit dem Blog. Eigentlich habe ich doch von Literatur gar keine Ahnung. Da gibt es Leute, die haben das studiert, sich das Handwerkszeug draufgeschafft. Die haben im Schweiße ihres Angesichts alle relevanten Autoren gelesen, angefangen bei Walter von der Vogelweide bis zu Thomas Bernhard, nur um irgendwann zu wissen, was gut und was schlecht ist, was man empfehlen kann und was nicht.

Ich dagegen habe nur viel gelesen, querbeet und nach eigenem Gusto, sonst nichts. Wie man eine ordentliche Rezension schreibt, habe ich nie gelernt. Es wäre natürlich ein Leichtes, sich die goldenen Regeln mal herauszusuchen und es zu probieren. Aber da fehlt mir nicht nur der Ehrgeiz, es interessiert mich auch nicht. Ich glaube, es würde mich langweilen, so eine richtige Rezension nach Lehrbuch zu schreiben. Genauso wie es mich auch oft langweilt, so eine Lehrbuch-Rezension zu lesen. In den meisten Fällen ist mir das alles zu neutral, zu wenig wertend, zu unpersönlich. Ich überfliege nur den Einstieg, lasse den Inhaltsangaben-Mittelteil einfach aus, scrolle sofort bis zum Fazit und hoffe auf eine ehrliche und klare persönliche Meinung. Ich will keinen literaturwissenschaftlichen Vergleich und keine politische Interpretation. Ich will eine Emotion, einen persönlichen Eindruck, will wissen wohin einen das Buch gedanklich führt, ob es eine zweite Ebene hinter dem Plot gibt und ob es irgendwas beim Rezensenten zum Klingen gebracht hat. Das interessiert mich, das will ich wissen und genau das fehlt mir bei den meisten Feuilleton-Rezensionen.

Und während ich noch den ersten Kaffee trinke, denke ich, dass das ja nicht gerade von großer Intellektualität zeugt. Es ist schon eine ziemlich einfache Sichtweise, wenn es einem beim Lesen eigentlich nicht um das Buch, sondern immer wieder nur um einen selber geht. Um mein Lesevergnügen, um meine Gedanken, Assoziationen und meinen Spaß. Dass ich mich mit einem Thema nur auseinandersetze, wenn ich es irgendwie mit mir in Verbindung bringen kann, wenn ich mich mit einer Figur identifizieren, in einen Plot hineinversetzen kann. Wenn mir das nicht gelingt – oder anders gesagt: der Autor das nicht schafft – dann erreicht mich ein Buch nicht und ich steige aus. Und hier frage ich mich, wenn man so Ich-bezogen liest und sein ganz persönliches Urteil fällt, kann man dann noch guten Gewissens anderen Personen Bücher empfehlen?

So ein Buch kann einen ja auch mal auf dem falschen Fuß erwischen. Wenn ich gestresst bin, Probleme auf der Arbeit habe, mich müde und ausgelaugt fühle, dann hat es jedes Buch schwer. Wenn es sich dann noch zieht, über mehrere Seiten frei assoziiert wird und ich anfange, den Überblick bei den Protagonisten zu verlieren, passiert es schnell, dass ich einfach keine Lust mehr habe weiterzulesen. Dann klappe ich es zu, fälle mein Negativ-Urteil und das steht dann hier für immer auf dem Blog und wird mehr oder weniger häufig angeklickt. Das gleiche Buch im Urlaub gelesen, in entspannter Stimmung und mit voller Konzentration, würde ich vielleicht ganz anders bewerten. Das ist doch nicht professionell. Was können denn der Autor und sein Buch dafür, dass ich mich gerade nicht richtig auf sein Werk konzentrieren konnte, dass es für mich das falsche Buch zur falschen Zeit war? Deswegen muss es doch nicht schlecht sein.

Und überhaupt: Ich, Ich, Ich – meine Texte sind voll davon. In manchen Rezensionen stehen vielleicht ein oder zwei Sätze zu dem eigentlichen Werk, der Rest beschäftigt sich mit mir. Was ICH beim Lesen so gedacht habe, womit ICH meine Schwierigkeiten hatte, wie ICH die Sprache empfinde. Was hat das für einen Wert? Wie häufig habe ich schon einen Roman schlecht bewertet oder sogar verrissen, der an anderer Stelle hochgelobt oder sogar mit Preisen bedacht wurde. Das erhärtet den Verdacht, dass ich von Literatur überhaupt keine Ahnung habe.

Irgendwann ab der zweiten Tasse Kaffee ist mein Selbstbewusstsein aber wieder komplett hergestellt, und ich bin wieder mit mir im Reinen. Natürlich habe ich Ahnung. Und wenn es nicht die reine Lehre ist, so ist es doch zumindest mein Verständnis von guter oder weniger guter Literatur, dass ich hier zum Besten gebe. Das kann man teilen und gut finden oder aber kritisieren und ignorieren. Niemand ist gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Und daher bleibe ich dabei. Ich werde nichts anders machen. Ich kenne die Defizite aber auch die Stärken meiner Texte. Vielleicht sollte ich sie auch gar nicht Rezension nennen, sondern einfach nur Blogbeiträge. Denn Buchrevier ist mein digitales Lesetagebuch, in dem ich nach Herzenslust Ich-bezogen lesen, schreiben und Literatur überaus subjektiv bewerten kann. Ich kann das so machen, Journalisten können und dürfen das nicht so machen. Vielleicht würden sie ja gerne und beneiden uns Blogger insgeheim wegen dieser ungehemmten Subjektivität und Meinungsfreiheit.

Auch wenn es sich jetzt blöd anhört, ich lese meine Blogbeiträge selber gerne. Ich bin generell der Meinung, dass man nur das schreiben sollte, was man auch selber gerne lesen möchte. Und wenn man über Bücher schreibt, gilt das erst recht. Denn wie ermüdend muss die Lektüre eines Buches sein, wenn einen die Rezension dazu schon langweilt?

Ich lese, um mich selbst zu finden und aus dem gleichen Grund schreibe ich über das, was ich gelesen habe. Ich bin der, der bei einem Gruppenfoto immer zuerst guckt, ob er selber gut getroffen ist, der sein Spiegelbild in den Fenstern parkender Autos betrachtet und der in jedem Buch, das er aufschlägt, auf der Suche ist nach sich selbst. Vielleicht werde ich irgendwann fündig und höre dann auf zu lesen. Oder ich fange dann erst richtig an zu lesen. Nicht mehr auf der Suche nach mir selbst, sondern nur noch auf der Suche nach guter Literatur. Obwohl – ich könnte mir das sehr langweilig vorstellen.

Foto: Gabriele Luger

Reading man revisited

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Gummibärchen mit Altbier. Es gibt für mich nichts, was so sehr mit Zuhause, mit Im- Sessel-Sitzen-Und-Lesen verbunden ist, wie diese eigentlich unmögliche Kombination zweier Genussmittel, von denen ich besser die Finger lassen sollten, wenn ich nicht noch mehr zunehmen will. Doch das ist mir egal. Die paar Kilos werde ich im Frühjahr schon wieder los. Aber ich liebe dieses Flüssige und Gummige, dieses Kalte und Laue, Herbe und Süße – Gegensätze, die sich harmonisch im Mund vereinen, ergänzen und diesen Geschmack ergeben – den Geschmack des Lesens.

Wie schmeckt für Sie Lesen? Niemand wird mich das je fragen. Aber wenn, dann würde ich sagen: Genau so! Wie Gummibärchen und Altbier. Wie Spielplatz und Kneipe. Unpassend, ungewöhnlich und ungesund. Aber ich kann nicht davon lassen. Ich stopf das in mich rein, acht Kalorien pro Bärchen und spüle ordentlich nach. Ich mach das einfach und denke gar nicht groß drüber nach. Das ist wie Seiten umblättern, wie Lesezeichen setzen, wie bemerkenswerte Sätze anstreichen – alles ganze normale Lesemoves.

Gleiches gilt für Kopfhörer auf und Musik an. Schön laut aufdrehen und alles um einen rum einfach wegwummern. Alle Sorgen, alle Eindrücke, den ganzen Alltag. Dann kommt irgendwann dieser Tunnelblick und es ist soweit. Ich kann mich einlassen, mich konzentrieren, fremdes Leben an mich ranlassen – lesen. Stundenlang und wenn das Buch mitspielt, auch mit wachsender Begeisterung. Das klappt nicht bei jeder Musik. Sie sollte sich nicht aufdrängen, nicht andauernd „Hier“ schreien, mir nichts beweisen wollen. Sollte einfach nur da sein, als Gefühlstransmitter, als Mauer zwischen dem Hier und Dort, meinem Leben und dem der anderen, zwischen Realität und Fiktion.

Genau wie der Sessel, auf dem ich sitze. Er ist einfach nur da, will kein Design sein, ist kein Hingucker. Will einfach nur, dass ich auf ihm sitze und lese. Er hat die besten Tage schon lange hinter sich, der Bezug aus den 90ern und abgewetzt, die Rückenlehne mit Kratzspuren von unserem alten Kater. Der ist jetzt auch schon 13 Jahre tot. Aber ich sitze hier immer noch und lese. Das macht mich traurig und gleichzeitig froh. Ich habe hier in diesem Sessel viel erlebt, bin einmal in Gedanken um die ganze Welt gereist, habe unzählige Menschen kennengelernt, habe mich verliebt, habe Schreckliches erfahren und süße Träume gehabt. Ich weiß, dass andere das vielleicht armselig finden. Second-Hand Experience – nichts Eigenes, alles nur gebrauchte Emotionen, aufgewärmt und fad.

Aber genau so will ich es haben. Lesen ist für mich leben. Ich entscheide, was ich von dem Gelesenen auch wirklich erleben möchte. Allzu viel ist es nicht. Eine Handvoll Gummibärchen und ein Altbier sind da oftmals wesentlich reizvoller.

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Foto: Gabriele Luger

Gebrauchsanweisung für Literaturblogger

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Warum sind lesende Männer in der U-Bahn eigentlich so cool und sexy? Weil sie dort meistens vernünftig angezogen sind und man Ihnen nur maximal zehn, fünfzehn Minuten gegenübersitzt. Weil man nicht mitbekommt, wie sie am Freitag nach Hause kommen, sich ihre Schlumpfhose anziehen, die Kuscheldecke schnappen und für den Rest des Wochenendes mit einem Buch auf dem Schoß in ihrer Leseecke auf dem Sofa rumgammeln.

Dort sitzen sie dann und lesen – stundenlang. Reicht man Ihnen einen Tee, nehmen sie ihn gerne an. Auch Obst (fertig geschält) und Gebäck darf gerne gereicht werden. Wird staubgesaugt, heben sie hilfsbereit die Beine und reichen auch leere Joghurtbecher an. Ja, sie sind eigentlich nette Kerle. Wenn man sie in Frieden und einfach nur lesen lässt, hat man nichts zu befürchten. Unwirsch werden Literaturblogger nur, wenn man den Fernseher anschaltet oder fragt, ob man nicht mal wieder zusammen ins Kino gehen sollte oder alternativ auch Freunde besuchen.

Dann verziehen sie sich nach einem kurzen Wortwechsel mit den ewig gleichen Argumenten (was an Buchblogger hast Du nicht verstanden?) beleidigt mit ihrer Kuscheldecke ins Ausweichquartier und lesen da weiter. Dort sollte man sie dann tunlichst nicht mehr stören und abwarten, bis sie irgendwann Sonntag Abend von allein wieder in Erscheinung treten. Hast Du das Buch fertig? Ja, war aber blöd.

Wenn ein Buch gerade ausgelesen, die entsprechende Rezension noch nicht in Arbeit ist und auch die nächste Lektüre noch nicht begonnen wurde, gibt es einen Zeitslot von einigen wenigen Stunden, in denen Literaturblogger ansprechbar für kleinere Alltagsangelegenheiten sind, wie zum Beispiel Reparaturen im Haushalt. Aber auch Fragen der mittel- und langfristigen Lebensplanung (wollen wir noch ein Kind oder lieber in Urlaub fahren?) bieten sich in dieser Zeit zur Klärung an.

Urlaube mit Literaturbloggern sind übrigens meistens sehr entspannt. Ein schattiges Leseplätzchen am Strand oder Hotelpool zum Lesen genügt vollkommen. Wenn das Wetter nicht so gut ist, liest man halt im Hotelzimmer. Reicht man ihnen einen Longdrink, nehmen sie ihn gerne an. Auch diverse Speisen, kleine Snacks und Nachtisch vom Buffet sind jederzeit willkommen. Unwirsch werden sie, wenn das Animationsteam mit der Wassergymnastik beginnt oder der Partner einen Tagesausflug vorschlägt (was an Urlaub hast Du nicht verstanden?).

„Dann lass ihn doch einfach lesen“, sagt die beste Freundin. „Ich wäre froh, wenn Meiner das tun würde. Dann wüsste ich zumindest immer wo er ist. So wie Deiner, hier auf dem Sofa mit dem Buch. Da macht er keine Dummheiten und du hast ihn immer im Blick“.  Aber das Lesen ist ja nur die halbe Miete, heißt es dann. Richtig anstrengend wird es, wenn es ans Schreiben geht. Wenn ihm nichts einfällt, er frustriert und schlecht gelaunt durch die Wohnung tigert, immer wieder in den Kühlschrank schaut, sich einen Joghurt, danach ein Bier holt und sich mit einem Seufzen zu einem setzt. Dann ist Vorsicht geboten. Jetzt bloß nicht das Falsche sagen. Wie zum Beispiel: „Jetzt mach doch mal Pause und lass uns einfach ein wenig TV schauen“. Auch falsch wäre: „Musst Du denn über dieses Buch überhaupt etwas schreiben? Zwingt dich doch keiner.“ Am besten, man sagt irgendetwas Unverfängliches und wartet bis er wieder abhaut.

Ist der leidige Text dann endlich geschrieben und online gestellt, hat man einen Zeitslot von entspannten zehn bis zwanzig Minuten, bis die ersten Likes und Kommentare aufpoppen. Dieses Zeitfenster sollte man nutzen, um mal Grundsätzliches in der Beziehung anzusprechen. Soll das jetzt eigentlich ewig so weitergehen? Meinst Du, mir macht das Spaß, meinen Mann immer nur auf dem Sofa sitzen zu sehen? Einen Mann, mit dem man sich noch nicht einmal unterhalten kann? Weil er entweder gerade liest oder gerade schreibt oder nachschaut, wie oft sein blöder Beitrag angeklickt wurde? Andere Männer gehen zum Sport, fällen Bäume, reparieren Motorräder oder haben eine Geliebte“.

Das hat gesessen. Der Literaturblogger schaut seine Frau entgeistert an. „Soll ich mir eine Geliebte nehmen?“ Nein, Du sollst einen Baum fällen, den tropfenden Wasserhahn reparieren, zum Sport gehen – Männersachen machen“. Das Handy tutet, die ersten Kommentare zum gerade veröffentlichten Blogbeitrag trudeln ein. Das Zeitfenster hat sich geschlossen. Bevor er zum Rechner zurückgeht, um den Beitrag auch bei Facebook und Twitter einzustellen, reicht sie ihm noch eine Apfelsine, die sie gerade geschält hat.

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Titelfoto: Gabriele Luger