To cut a long story short

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Sie sagen, dass ein Kulturgut wie das Buch niemals sterben wird. Dass sie immer noch ganz viele Leute kennen, die leidenschaftlich gerne lesen und man nur an die Kraft der Literatur glauben muss. Ein kleines Leistungstief sollte man nicht überbewerten, sagen sie. Nach jedem Tief folgt immer auch das nächste Hoch. Und überhaupt, heißt es nicht: Totgesagte leben länger? Also was soll die Panikmache? Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Die sechs Millionen verlorenen Leser gleichen wir schon irgendwie wieder aus.

Sie, das sind die deutschen Verlage und dieses „Irgendwie“ sieht momentan so aus: interne und externe Kosten einsparen, Marketingausgaben kürzen und noch ein paar mehr Titel raushauen. In der Hoffnung, dass einer davon zündet und zwar so richtig, mit sechsstelliger Auflage sowie Film- und Auslandslizenzen. Dann hätte man wieder etwas Luft, könnte die Löcher stopfen und mit ein wenig Glück noch ein paar Jahre so weiter machen.

Mehr als eine Das-Wird-Schon-Wieder-Strategie hat die Buchbranche den desaströsen Marktzahlen, die die GfK im Auftrag des Börsenvereins erhoben hat, scheinbar nicht entgegenzusetzen. Gelegentlich wird der Ruf nach staatlicher Unterstützung laut. Ist ja schließlich Kultur, was da produziert wird. Und deswegen: Finger weg von der Buchpreisbindung.

Als bibliophiler Mensch beklage ich natürlich diese Entwicklung zutiefst und kann auch nicht glauben, dass das Buch tatsächlich von so profanen Dingen wir dem Smartphone und Netflix verdrängt werden soll. Aber ich befürchte, wenn außer diesem Weiter-So nichts passiert, wird genau das eintreten.

Wenn das Gros der Leser sich nicht mehr auf längere Texte einlassen kann und will, weil sie alle 18 Minuten aufs Handy schauen müssen; wenn sie lieber Serien als Filme gucken, lieber Instagram-Posts  als Zeitschriftenartikel und Blogbeiträge lesen; wenn sie all das in der Befragung als Gründe angeben, warum sie sich keine Bücher mehr kaufen – warum zieht dann die Verlagsbranche nicht den einzigen plausiblen Rückschluss aus dieser Markterhebung und setzt nach wie vor auf lange Texte? Warum besteht das Gros der literarischen Neuerscheinungen immer noch aus Romanen, 300 Seiten dick und mehr?

Ich frage mich, mit wieviel Zaunpfählen der Konsument noch wedeln soll, damit die Verlagsbranche endlich kapiert, wo die Reise hingeht. Aber nein, sagen sie – wir glauben an den Roman, wir sind schließlich nicht in den USA, haben da jahrelange Erfahrungswerte, Kurzgeschichten laufen in Deutschland einfach nicht, sagen sie.

Und warum laufen sie nicht? Weil es kaum welche gibt. Weil talentierte Debütautoren mit ihren Kurzgeschichten, und wenn sie noch so gut sind, bei den etablierten Verlagen keine Chance auf Veröffentlichung haben. Sprechen sie uns wieder an, wenn sie einen Roman haben, sagen sie und merken noch nicht mal, dass sie da gerade das eigene Grab einen Spatenstich tiefer graben.

Natürlich gibt es hier und da immer mal wieder Bände mit Kurzgeschichten. Und natürlich laufen sie nicht so gut. Und warum? Weil nichts für sie getan wird. Weil Verlage immer noch romanfixiert sind, weil kein Band mit Kurzgeschichten es jemals schaffen würde, Verlags-Spitzentitel zu werden, mit einem fetten Marketing-Budget und all der Vertriebsunterstützung, die ein entsprechender Roman bekommen würde.

Aber der Markt ist im Wandel. Und wenn immer mehr ehemalige Leser angeben, dass sie keine Zeit und Muße mehr für lange Texte haben, warum bieten Verlage dann nicht einfach mehr Literatur in Kurzform? Warum lässt die Buchbranche sechs Millionen Leser achselzuckend einfach zu Facebook, Twitter, Instagram und Netflix abwandern, anstatt mit einer konzertierten Aktion den Markt für Kurztexte aller Art nach vorne zu bringen? Warum gibt es den Deutschen Buchpreis nur für Romane? Warum wird immer noch an einer literarischen Form festgehalten, die aus der Zeit zu fallen droht?

Und warum weiß ich jetzt schon, was sie dazu sagen werden?

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Blonde, zornige Bücherkrähe und das Mimimi

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Wir haben beide das gleiche Hobby: Lesen und Bloggen. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit, zwischen mir und Mareike Hansen, besser bekannt als Bücherkrähe vom Blog „Crow and Kraken“  (Crowandkraken.de). Im März hat Mareike in einem vieldiskutierten Blogbeitrag einen Auftritt von Jochen Kienbaum, Katharina Herrmann und mir auf den Blogger Sessions in Leipzig stark kritisiert und mich dabei als einen alten weißen Mann bezeichnet, der über die Qualität von Literatur-, bzw. Buchblogs doziert und die Deutungshoheit darüber beansprucht. Ziemlich dreister Vorwurf, dachte ich mir. Wer ist das? Was will die?

Doch als der erste Ärger verraucht war, habe ich mir den Blogeitrag etwas genauer durchgelesen. Er war gut geschrieben, die Kritik nachvollziehbar und so dachte ich mir, setzt dich doch mal mit der Autorin auseinander. Und so haben wir, statt uns weiter anzugiften, einfach ein gegenseitiges Telefoninterview vereinbart, um mal ein paar Dinge zu klären. Und siehe da: so unterschiedlich ticken wir gar nicht.

Hier nun das Ergebnis dieses Austauschs. Auf Buchrevier antwortet Mareike auf meine Fragen und auf ihrem Blog Crow and Kraken findet man meine Antworten auf ihre. So bekommen unsere Leser mal einen kleinen Einblick in eine andere Filterblase. Mareike und ich wünschen viel Spaß beim gegenseitigen Kennenlernen.

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Buchrevier: Du liest Bücher, die mich überhaupt nicht interessieren. Für mich ist das stellenweise billigste Unterhaltungsliteratur. Auf der anderen Seite hast Du einen hohen Anspruch, bist sehr kritisch und hinterfragst vieles. Das passt in meinen Augen nicht zusammen.

Mareike: In meinen Augen passt das hervorragend zusammen, ich kann dir auch sagen warum: mein Kopf steht nie still. Er funktioniert wie ein Flipper mit drei Kugeln gleichzeitig, ständig fallen mir neue Sachen ein, habe Ideen, verarbeite neue Informationen und auch der kritische Blick ist im Grunde nie aus. Da brauche ich regelmäßig Pause. Manche machen den Fernseher an und gucken Unterhaltungsshows, andere gehen mit dem Hund spazieren und ich lese das, was du billigste Unterhaltungsliteratur nennst. Man kann aber auch in dieser Sparte sehr interessante Ansätze finden, die zum Nachdenken anregen und die in einem nachwirken 😉

Hast Du jemals etwas auf meinem Blog gelesen?

Mareike: Habe ich in der Tat, aber bin irgendwie nie hängen geblieben.

Warum, nicht? Zu langweilig?

Mareike: Ich lese generell nicht so gerne Buchrezensionen. Und wenn, dann über Bücher, die mich auch interessieren. Da gibt es bei uns in der Tat wenig Überschneidungen. Deine Meinungsartikel habe ich gelesen, muss aber sagen, die sind auch nicht unbedingt mein Ding. Ich bin da eher an anderen Themen interessiert.

Ein Aspekt, den Du in deinem Beitrag kritisiert hast, ist die Differenzierung zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern. Wie würdest Du den Unterschied zwischen unseren beiden Blogs, der ohne Zweifel da ist, sonst benennen?

Mareike: Natürlich gibt es Unterschiede, zwischen unseren Blogs, aber auch zwischen all den anderen. Der Begriff „Buchblogger“ wird, so mein Eindruck, immer irgendwie abwertend benutzt. Vornehmlich von denen, die sich als Literaturblogger bezeichnen und wie Du ja auch vor allem „anspruchsvolle“ (Gegenwarts-)Literatur lesen. Dabei sind laut Definition Thriller und Romanzen ebenso Literatur wie Thomas Mann, Philip Winkler oder Thomas von Steinaecker. Blogger*innen, die sich mit Thrillern und Graphic Novels wohler fühlen, per se als qualitativ schlechter zu bewerten, finde ich falsch.

In der Musik ist das doch ähnlich. Überspitzt ausgedrückt: Es gibt Leute die hören Helene Fischer und welche, die hören Radiohead. Beides ist Musik. Trotzdem liegen Welten dazwischen.

Mareike: Natürlich! Jeder Mensch setzt sich anders mit Literatur auseinander. Manche eher oberflächlich, manche tiefergehend, und manche wenden alle Tricks an, die sie im Germanistikstudium gelernt haben. Doch bedeutet Letzteres automatisch Qualität? Oder die Auswahl der Bücher? Es gibt Leute, die lesen die Buchpreislisten rauf und runter und geben darüber nichts als heiße Luft von sich. Andere Blogs setzen sich kritisch mit Jugendfantasy auseinander oder mit bestimmten Tropes im Genre Thriller. Das ist eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Literatur – auch ohne Feuilletonbestseller.

Meinst Du nicht, dass Qualitätskriterien und eine Genre-Trennung gut und notwendig wären, um die Relevanz von Buchblogs in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken?  

Mareike: Ich denke nicht, dass Genre und Qualität miteinander korrelieren. Ein Liebesroman ist nicht automatisch seichte Unterhaltung und Julie Zeh ist nicht automatisch das literarische Non-Plus-Ultra, nur weil sie Literaturpreise gewonnen hat. Qualitätskriterien sollten sich an anderen Dingen orientieren. Schreibt da jemand in einer Rezension nur „Cover ist hübsch, die Liebesgeschichte ist soooo süß, lest das!“, oder kommt da mehr? Wie setzt sich die Bloggerin oder der Blogger überhaupt mit Literatur auseinander? Gibt es eine kritische Haltung oder geht es schlicht um das blinde Konsumieren von Geschichten? Blindes Konsumieren ist nichts schlechtes, manche nehmen das einfach als Flucht aus dem Alltag und das ist absolut in Ordnung. Allerdings ist mir erfahrungsgemäß die Auseinandersetzung auf dem Blog dann zu oberflächlich und – sorry – auch zu langweilig.

Die Blogger*innen, die sich intensiver mit dem Gelesenen auseinandersetzen und/oder auch eine gewisse Expertise in bestimmten Genres erreichen, werden auch diejenigen sein, die für die Buchbranche relevanter werden. Im Moment wird bei größeren Aktionen noch viel auf Reichweite gesetzt, aber es gibt auch schon welche, bei denen Blogger angefragt werden, die auch richtig viel Ahnung vom jeweiligen Thema haben.

Ich denke, da wird sich noch viel entwickeln. Und natürlich werden da auch Qualitätskriterien eine Rolle spielen.

Wie wichtig ist dir überhaupt Resonanz und Relevanz?

Mareike: Sagen wir so: Das, was ich schreibe, muss in der Regel einfach aus dem Kopf raus. Ich würde allerdings lügen, wenn ich behaupte, bei bestimmten Anliegen ist mir Resonanz und Relevanz nicht wichtig. Gerade was Feminismus, Sexismus und Rape Culture angeht sind mir meine Artikel und Rezensionen sehr wichtig. Ich komme aus einem politisch aktiven Umfeld, natürlich will ich was bewegen. Ich merke aber auch, dass mir Resonanz und Relevanz in den letzten Monaten wichtiger geworden sind. Ich blogge immer noch über Themen und Bücher die mir wichtig sind und fange nicht an, meinen Leser*innen nach dem Mund zu schreiben. Trotzdem bewege ich mich aus der „Mir egal wer das liest“-Einstellung weg.

Du hast ein starkes politisch/soziales Sendungsbewusstsein (Feminismus, Antirassismus, LGBT, etc.). Wäre da nicht eine andere Art Blog besser für Dich?

Mareike: Hahaha, nein. Ich hatte bis Anfang des Jahres tatsächlich zwei Blogs, einmal Die Bücherkrähe für Literatur und den Black Kraken für Politik. Ich habe es aber nicht geschafft, zwei Blogs gleichzeitig zu betreuen und habe sie deswegen im Januar zusammengezogen. Deswegen Crow and Kraken. Die Bücherkrähe war von jeher schon politisch und kritisch, eigentlich war es nur ein logischer Schritt. Und jetzt kann ich über beide Themen bloggen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob ich genug Bezug zur Literatur habe, um es auf dem Literaturblog zu posten.

Warum greifen wir uns an, anstatt gemeinsam etwas dafür zu tun, dass Lesen wieder sexy wird? Könntest Du dir irgendetwas Gemeinsames vorstellen?

Mareike: Das erste Gemeinsame haben wir ja gerade geschafft: wir haben uns an den telefonischen runden Tisch gesetzt und über unsere Differenzen und Unterschiede, aber auch über unsere Gemeinsamkeiten gesprochen. Wenn mich eine Aktion oder eine Zusammenarbeit reizt bin ich sowieso für jede Schandtat zu haben – solange ich eben mit Blog und Blogger zurechtkomme.

Ich denke, der restliche Streit, der zwischen Blogger*innen immer mal wieder auftaucht, liegt viel an den unterschiedlichen Auffassungen, was Lesen und darüber bloggen eigentlich aussagen soll, aber auch an vielen Missverständnissen. Ich habe bei dir z.B. gelernt, dass du den Begriff „Literaturblogger“ nicht am Genre ausmachst, sondern wie jemand über Literatur bloggt. Das finde ich sehr spannend, und ich bin froh, dass wir uns zusammengesetzt haben. Und zukünftig habe ich bestimmt auch noch ein paar andere Ideen für gemeinsame Sachen!

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Kein Tag wie jeder andere

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Heute ist mal wieder einer dieser nervigen Aktionstage. So etwas denken sich findige PR-Leute aus, wenn irgendetwas zusehends an Bedeutung verliert und mal wieder dringend ein wenig Aufmerksamkeit benötigt. Deswegen gibt es den Tag des Schulbrotes, den Tag der aufgehängten Wäsche, den Welt-Pfeifenrauchertag und heute, am 23. April, den Tag des Kirchkäsekuchens, des Bieres und natürlich den Welttag des Buches. Für Menschen wie mich, die all das gerne mögen, gleich drei Gründe, um zu feiern.

Aber mal ehrlich: Wie armselig ist das eigentlich? Das Buch, ein Medium, dem die Menschheit eigentlich alles verdankt – Religion, Weltanschauung, Wissenschaft und Kultur – in einem Atemzug genannt mit so profanen Genussmitteln wie Kirschkäsekuchen und Bier? Und doch passt es leider nur zu gut. Alle drei Produkte verlieren in dramatischem Ausmaß Marktanteile. Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig. Von den zahlreichen Brauereien, die es vor dreißig, vierzig Jahren noch in jeder mittleren deutschen Stadt gab, ist kaum noch eine übriggeblieben. In der Kirchkäsekuchen-Branche kenne ich mich nicht so aus, schätze aber, dass die leckere Kalorienbombe von den aktuellen Ernährungstrends eher weniger profitiert. Und von der Buch- und Verlagsbranche, die in den letzten vier Jahren über 6 Millionen Käufer verloren hat, wollen wir gar nicht erst reden. Fakt ist: Alle drei Branchen haben im Prinzip so einen Impulstag dringend nötig.

Doch aufhalten wird man den schleichenden Bedeutungsverlust mit solch verzweifelt anmutenden Aktionstagen natürlich nicht. Im Gegenteil, der gemeine Konsument sieht sich in seiner Abkehr vom Produkt dadurch eher noch bestätigt. Falls ihm das bisher noch nicht aufgefallen ist, stellt er spätestens heute fest, dass mit dem Produkt Buch irgendetwas nicht in Ordnung sein muss, wenn es schon solcher Marketingaktionen bedarf. Und wer sich daraufhin mal wachen Auges umschaut, nach Büchern in den eigenen vier Wänden und in der Nachbarschaft Ausschau hält, einfach mal darauf achtet, wer in U-Bahn oder Bus überhaupt noch ein Buch in den Händen hält und dann vielleicht bemerkt, wie wenig über Bücher noch in den Zeitungen steht und wie sich das Sortiment in den Buchhandlungen verändert hat – der, ja der wird sich über gar nichts mehr wundern.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man überhaupt noch etwas gegen den schleichenden Verfall der Lesekultur und die schwindende Bedeutung des Kulturgutes Buch tun kann. Wir Blogger schreiben uns seit Jahren die Finger wund, fotografieren Buchcover mit Heißgetränken auf Bettdecken, versuchen verzweifelt andere mit unserer Lese-Begeisterung anzustecken, doch vergebens. Die Masse guckt lieber Bibis Beautytipps und amerikanische Serien auf Netflix.

Man muss nur mal auf eine durchschnittliche Buchlesung gehen, da weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Auch bei jungen Autoren ist das Durchschnittsalter im Publikum weit über Fünfzig. Wenn da nichts Junges nachwächst, ist in zwanzig Jahren auch damit Schluss. Im Prinzip hat der US-Medienwissenschaftler Neil Postman diesen Trend in den späten Achtzigern schon vorausgesehen. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat er bereits von einer Vermüllung mit Informationen, einer zunehmenden Orientierungslosigkeit des Einzelnen und einer Erkrankung der Gesellschaft an „kulturellem Aids“ gesprochen.

Vermüllung ist das richtige Stichwort. Wir werden nicht nur mit Informationen zugemüllt, sondern auch mit Büchern. Das Einzige, was der Literaturbetrieb dem stetigen Verlust von Lesern entgegenzusetzen hat, ist immer noch mehr Bücher herauszubringen. Und zwar so viele, dass selbst buchverrückte Menschen wie ich nicht mehr nachkommen. Ich habe hier einen Stapel von zwanzig aktuellen Frühjahrstiteln liegen, noch keinen davon gelesen, da bekomme ich schon wieder die Vorschauen für das Herbstprogramm zugeschickt. Wer um Himmels Willen soll das alles noch lesen, wertschätzen, weiterempfehlen? Irgendwann wird es einfach zu viel. Erst verliert man den Überblick und irgendwann die Lust.

Liebe Verlage, hört bitte auf mit diesem Neuerscheinungswahn. Das ist blinder Aktionismus und in meinen Augen der falsche Weg. Immer weniger Leser brauchen nicht immer mehr neue Bücher. Lasst uns Zeit, das alles zu lesen, auch mal wieder Backlisttitel und den einen oder anderen Klassiker. Gebt uns ein paar Monate, uns eine Meinung zu bilden, einen Autor, eine Autorin richtig kennenzulernen, uns auch mal auf sperrige Bücher einzulassen und auch mal ein paar neue Verlage zu erkunden. Das hat auch was mit Respekt zu tun. Respekt vor der Arbeit des Autors, der Autorin. Denn was sind denn Schriftsteller heute noch? Eine Herde Kühe, die entweder im Frühjahr oder Herbst für drei Monate durchs Dorf gejagt wird, wenn überhaupt.

Darf ich mir etwas wünschen? Um noch mehr Spaß mit Literatur zu haben, wünsche ich mir etwas weniger Literatur. Maximal vier bis fünf neue Titel pro Verlag und Programm. Und warum nicht nur ein Programm und eine Buchmesse im Jahr? Jedes Jahr im Wechsel entweder Leipzig oder Frankfurt, so wie es auch andere Branchen machen. Das alles wünsche ich mir, weil heute nicht nur der Welttag des Buches, sondern auch mein Geburtstag ist. Ein schöner Grund zum Feiern. Kommt alle vorbei. Es gibt Kirchkäsekuchen und Bier.

Foto: Gabriele Luger

Blogger unter Leistungsdruck

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19.00 Uhr – ich bin endlich zu Hause, begrüße Frau und Hund. Zum Abendessen gibts gebratene Hühnerbrust mit Salat, danach noch ein paar Sätze über dies und das. Kurz vor acht gehe ich dann hoch und setze mich in meinen Sessel. Die aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Da passiert nicht viel. Introspektiv eigentlich schon, aber eine echte Handlung ist das nicht. Und in letzter Zeit bin ich abends ziemlich platt. Kann mich schwer konzentrieren. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig. Also noch zwei Abende zum Lesen und einen zum Schreiben. Dann darf aber nichts mehr dazwischen kommen. Keine Einladung bei Freunden, keine familiäre Verpflichtung, keine Projekte im Garten. Klappt schon irgendwie.

Also los jetzt. Nicht Facebook gucken, Handy aus und lesen. Vielleicht packt mich das Buch ja doch und ich schaff heute noch 50 oder 100 Seiten. Dann wäre ich wieder voll im Zeitplan. Und wenn nicht, muss ich mir was anderes überlegen. Vielleicht mal wieder ‘ne Liste, irgendetwas Witziges. Könnte diesen Monat eh noch ein paar Klicks gebrauchen. Nur mit Besprechungen kann man ja nichts reißen. Das wird zur Kenntnis genommen, aber viel mehr passiert da nicht. Ich glaube, bei den anderen ist es ähnlich. Irgendwie stagniert im Moment alles. Der Markt scheint gesättigt. Wachstum ist kaum noch möglich, es sei denn durch Verdrängung. Die Erfolgskonzepte von gestern funktionieren nicht mehr. Kaum einer kann mit Sicherheit sagen, was gut und was weniger gut läuft. Eines steht aber fest: Auf die Bücher kommt es nicht an. Egal ob total angesagt oder vollkommen unbekannt – ich hatte schon Tops und Flops in beiden Bereichen. Selbst böse Verrisse oder das beliebte Blogger-Bashing sorgen nur noch für ein müdes Schulterzucken.

Ehrlich gesagt bin ich grad komplett ratlos und glaube langsam, dass viraler Erfolg so ein Random-Ding ist. Man kann es nicht beeinflussen, sondern nur immer wieder probieren. So wie die traurigen Gestalten von gegenüber, die jeden Tag aufs Neue die Spielhalle betreten und die Automaten mit Münzen füllen. Irgendwann kommt der Jackpot, ganz bestimmt sogar, man darf nur nicht aufhören, daran zu glauben. Einfach Weitermachen – so lautet das Mantra. Geduld und Stehvermögen haben und den Frust einfach runterschlucken. Irgendwann zahlt sich das dann aus. Und stell dir bloß mal vor, du hörst kurz vorher auf. Der letzte Heiermann, der den Jackpot bringen würde, den sparst du dir und kaufst dir dafür stattdessen ein Bier und ne Bratwurst. Das tut gut im Magen, aber dann hörst du es im Hintergrund auf einmal klackern. Dein Automat spuckt den Hauptgewinn aus, aber ein anderer steht davor und kann sein Glück kaum fassen. Dein Glück in anderen Händen. Kann passieren. Warum hast du auch aufgehört? Noch ein Fünfer und der Automat wär fällig gewesen. Aber du, du hattest ja Hunger.

Ich ertappe mich beim Träumen. Habe mal wieder drei, vier Seiten gelesen und an etwas ganz anderes gedacht. Also noch mal zurückblättern und schauen, wo sie mich verlassen hat, diese Geschichte, die nicht meine ist. Die sich zieht, wie Kaugummi, nichts mit mir zu tun hat, mich langweilt, mich wegträumen lässt. Was tue ich mir hier eigentlich an? Jeden verdammten Abend in diesem Sessel sitzen, mich konzentrieren, zuhören, in fremde Leben eintauchen. Als wenn ich kein eigenes hätte, keine Probleme und Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. Habe ich aber. Da ist ganz viel Introspektives, auch in mir drin. Könnte ich ja auch mal einfach so rauslassen, runterschreiben und irgendein armer Hund müsste das dann lesen und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Würde mir das gefallen? Wäre das der Jackpot?

Sei doch mal locker. Nicht immer so grumpy. Eigentlich ist doch alles gut. Wenn am Wochenende nichts online geht, ist auch egal. Das stört keinen großen Geist. Lass mal chillen, lass mal Leben an dich ran. Nicht aufgewärmt, nicht Second Hand. Eigenes Leben.

Wer sagt mir das? Bin ich das? Ich höre mich ja schon an, wie die da draußen. Wie die, die jetzt kommentieren würden, dass ich mal ne Pause bauche, mich nicht zwingen sollte und dass es wichtigeres im Leben gibt als den Blog. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Nein, ich bin ok, mir geht es gut. Kein Chance Leute, mich werdet ihr nicht los. Ich schmeiße weiter Münzen in den Automaten und warte auf den Jackpot. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, meine aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

Bitte schenkt mir keine Bücher!

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Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.

Der Hype ist vorbei.

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Literaturblogs in der Sackgasse? 

Als ich im November 2014 mit dem Bloggen anfing, kam ich genau zur richtigen Zeit. Der Literaturbetrieb hatte gerade die Blogger entdeckt. Die Online-Freaks, die anfangs belächelt, nicht ernst genommen wurden und noch nicht mal Rezensionsexemplare bekamen, waren urplötzlich Zielgruppe — wichtige Influencer, die in den Verlagen von sogenannten Influencer-Relations-Managern betreut wurden. In Leipzig gab es auf einmal eine Bloggerlounge, und Bloggerpaten durften den Preis der Messe begleiten. Danach kamen die Buchpreisblogger, diverse BookUps, Bloggertreffen, Verlags-Bloggertage, die Litblog-Convention, der Debütpreis, das Literaturcamp und zuletzt der Blogbuster-Preis.

Für mich eine aufregende Zeit, denn fast überall war ich mit dabei. Ich durfte mich als absoluter Neuling sofort zu den relevanten Bloggern zählen, habe in Rezensions- und Leseexemplaren gebadet, mich mit Begeisterung vor fast jeden Karren spannen lassen, durfte Interviews geben, Vorträge halten und mich wichtig fühlen. Und ich habe neue Freunde gefunden, Menschen wie Tilman, Ilja, Mareike, Sophie und Frank. Aber auch Uwe, Sonja, Jochen, Vera, Jacqueline, Simone, Sarah und Gérard sind mir ans Herz gewachsen. Mittlerweile sind all diese viellesenden Sonderlinge sowas wie Familie. Ich freue mich, wenn ich sie sehe und würde nichts auf sie kommen lassen.

Anfangs habe ich alles rund um das Bloggen mit großem Interesse verfolgt. Mittlerweile ist das alles nicht mehr ganz so spannend für mich. Es ist Alltag geworden, ich lese hier und da mal rein und freue mich ansonsten, dass der Kaffeehaussitzer mich in seiner Buchmarkt-Kolumne auf dem Laufenden hält. Ab und zu gibt es mal wieder einen dieser abschätzigen Feuilleton-Artikel über das Phänomen Blogger, aber außer einem kollektiven Schulterzucken passiert da nicht mehr viel. Kein Aufschrei, keine Debatte.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass der Hype, die ganze Aufregung um die neuen digitalen Literaturvermittler jetzt erstmal vorbei ist. Der Literaturbetrieb hat akzeptiert, dass es Blogs gibt und dass sie eine immer wichtigere Rolle spielen. Jetzt muss er noch lernen, dass man nicht alle Blogs über einen Kamm scheren kann. Blogs sind genauso vielfältig wie die Verlagswelt und eigentlich ein gutes Abbild der Branche. Natürlich gilbt es viele Blogs, die in meinen Augen gar nicht gehen. Gleiches gilt aber auch für Verlage. Auf jeden Topf passt nunmal ein Deckel.

Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit der derzeitigen Situation – genieße, dass ein wenig Ruhe eingekehrt ist und das mit dem Bloggen über Literatur nicht mehr so hoch gekocht wird. Wie andere Blogger auch, habe ich meinen Weg gefunden, meinen Rhythmus, meine Themen, meine Hood. Ich habe so zehn, fünfzehn Blogs, die ich schätze und verfolge, bei denen ich mir Anregungen hole und im Austausch stehe. Der Rest geht größtenteils an mir vorbei, und ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen.

Mich interessieren die dem Feuilleton nacheifernden Online-Intellektuellen aus der Tell-Fraktion genauso wenig, wie die bunte Schar an Unterhaltungs-, Blümchen- und Genre-Bloggern. Ich finde Challenges blöd, arrangierte Fotos mit Buchcovern, die allermeisten Booktube-Formate und das alberne Kokettieren mit der Büchersucht. Genauso wenig mag ich bemüht literaturkritische Angeber-Rezensionen, den Page 99-Test und Online-Debatten jedweder Couleur. Stattdessen mag ich gut geschriebene Texte, die mehr bieten als nur ein Summary. Ich mag es, wenn jemand Mut zur Meinung hat, interessante Perspektiven und Ansichten aufzeigt, mich fordert und gleichzeitig gut unterhält. Genau diesen Maßstab stelle ich auch an meine eigenen Beiträge.

Dass es in der Bloggerszene auch Animositäten gibt, dass auf Klickzahlen, Blogrolls und Verlinkungen, Likes und Erwähnungen der Anderen geschielt wird, ist nur natürlich. Unsere Währung ist nunmal Aufmerksamkeit, die Resonanz aus dem Netz. Dafür machen wir das alles. Und wenn einer meint, das wäre ihm komplett egal, kann ich das nicht ernst nehmen. Wer etwas veröffentlicht, will auch Öffentlichkeit. Der Unterschied ist, mit wieviel davon man persönlich zufrieden ist. Und selbstverständlich sind Blogs im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit der Netz-Gemeinde auch Wettbewerber. Natürlich checke ich regelmäßig meine Besucherstatistik, schaue welche Beiträge gut und welche weniger gut laufen und registriere auch, wenn ein Verlag meine Rezension zwar liked, aber die eines anderen Bloggers zusätzlich teilt und kommentiert.

Wenn sich die Bloggerszene weiterentwickeln will, muss sie den Mut haben, sich zu differenzieren und auch mal über Qualitätskriterien nachdenken. Das fängt schon damit an, unter den über 1.000 Blogs zwischen Genre-Buchbloggern, Literaturbloggern und dem Online-Feuilleton zu unterscheiden. Letztere Gruppe grenzt sich schon länger von dem Gros der Blogger ab. Der Rest lässt sich weiterhin in einen Topf werfen.

Jeder kann es ja halten wie er will, aber ich für meinen Teil werde auf unspezifische Massenmails mit der Anrede “Lieber Blogger“ nicht mehr reagieren. Gleiches gilt für Veranstaltungen, bei denen querbeet alles, was über Bücher bloggt, eingeladen wird. Die Litblog Convention in Köln mag vielleicht gut besucht gewesen sein, aber ein Verlag wie KiWi sollte sich ernsthaft fragen, ob sie da gut aufgehoben sind und sich eine Kooperation mit Bastei Lübbe, auch wenn es noch so praktisch ist, nicht eher kontraproduktiv ist.
Wenn in Sachen Differenzierung nichts passiert, bleiben wir weiter in den ständig gleichen Diskussionen hängen. Feuilleton versus Blogger in Endlosschleife. Verlage, die entweder gar nichts oder wahllos irgendwas mit Bloggern machen. Ohne Plan und ohne Erfolg. Die Folge sind wachsende Unzufriedenheit in allen Lagern, Stillstand und schließlich Rückschritt. Gattungen definieren, sich einordnen und profilieren, das alles kann man machen, ohne arrogant und dünkelhaft zu wirken. So eine Differenzierung hat auch nichts mit Marketing zu tun, was ja immer sofort als oberflächlich abgetan wird, sondern mit Selbstbewusstsein und Professionalität. Und ich bin mir sicher, es macht auch noch viel mehr Spaß.

Der Hype um die Literaturblogs ist vorbei, aber wir sind noch lange nicht am Ende. Es fängt eigentlich gerade erst an.

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Foto: Gabriele Luger

Ich habe einen Traum

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Man wird doch wohl noch träumen dürfen. Ein wenig herumspinnen, tollkühn und mutig sein –zumindest in Gedanken. Einmal ausrufen: Ich habe einen Traum! Einmal, nur ein einziges Mal im Leben. Sich hinstellen und so beginnen. Kein Blabla, sondern mit und von Bedeutung, ein emotionaler Appell, ein Meilenstein, ein Benchmark. Ja, warum nicht einfach mal träumen?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages Blogger und das Feuilleton Hand in Hand, Seite an Seite und gemeinsam für die gleiche Sache einstehen. Für gute Literatur und gegen den Schund, für weniger aber dafür bessere Bücher. Für Geschichten, in denen man sich verlieren kann, für Bücher, die Spaß machen und Gedanken, die inspirieren. Kein Dünkel, keine Pfründe, keine Missgunst.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, irgendwann einmal alle Bücher in meinem Buchregal gelesen zu haben. Den Ulysses genauso wie den de Sade und die gesammelten Werke von Dostojevski. Einfach alles, auch das, was Woche für Woche neu dazu kommt. Einmal quer Beet, sich an der Auswahl berauschen, den guten Geschmack des Sammlers goutieren, mich noch einmal neu vermessen. Mein Damals, Gestern, Heute und Morgen. Das alles steht da aufgereiht. Das alles bin ich ich. Es ist einfach viel zu viel.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass ich eines Tages selber einen Roman schreibe. Einen, der auch mir gefällt, eine echte Top-Empfehlung auf Buchrevier. Eine Geschichte, die nicht nur Geschichte ist, mit Figuren, die nicht ich und trotzdem authentisch sind. Mit Seiten voll geschliffener Sätze, die von Bloggern mit bunten Klebezetteln markiert werden. Ein Buch, das mit einem Heißgetränk auf einer gemusterten Bettdecke fotografiert und auf Instagram gepostet wird. Mein ganzes Herzblut im Herbstprogramm. Im Frühjahr dann ‚gut erhalten‘ bei Medimops.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, wunderschön sprechen zu können. Frisch von der Leber und aufs Geratewohl. Nicht lange nachdenken, nicht zaudern, einfach sprechen. Schlaue Sätze ohne Äähs und Ööhs. Mein Gegenüber hört andächtig zu und nickt zustimmend. Mikrofone sind auf mich gerichtet. Es muss nichts geschnitten werden, kann gleich so On Air gehen. Mein Timbre macht alle Frauen verrückt. Männer können das nicht nachvollziehen.

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, jung zu sein. Anfang zwanzig mit nochmal sechzig Jahren Lesezeit. Jedes Jahr noch einmal ca. 50 Bücher, macht zusammen 3000. Mehr würde ich auch im zweiten Anlauf nicht schaffen. Aber mit dem Wissen von heute, was würde ich lesen? Noch mal die selben Klassiker? Noch einmal Hesse und Kerouac? Würde ich mir noch einmal den ganzen Walser geben? Wäre ich dann schlauer oder nur auf andere Weise dumm?

Ich habe einen Traum. Ich träume davon, dass eines Tages all meine Träume in Erfüllung gehen. Wäre ich dann glücklich und zufrieden? Am ultimativen Ziel endlich angelangt? Oder stünde ich nur da und hätte einfach keine Träume mehr?

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Foto: Gabriele Luger