Buchrevier macht den Twexit

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Es ist nichts Besonderes geschehen: kein Shitstorm oder ähnliches. Ich bin diesen Kanal einfach nur unglaublich leid. Donald Trump treibt da sein Unwesen, Matthias Matussek und eine Vielzahl weiterer Schlaumeier querbeet aus allen Lagern. Hinz und Kunz mit einer Meinung, einem Anliegen: eitel, geltungssüchtig, auf Krawall gebürstet oder anderweitig unangenehm. Ich bekomme das alles anzeigt, obwohl ich diesen Leuten nicht folge. Aber scheinbar tun es die, denen ich folge. Und was sie teilen, liken, kommentieren, das sehe ich zwangsläufig auch.

Aber ich will das nicht, möchte das alles nicht sehen, mich nicht damit beschäftigen. Fünf Minuten Twitter und ich habe so viel negative Energie aufgenommen, dass ich das Gefühl habe, mir wächst ein Pickel mitten im Gesicht. Diese ganzen Schlammschlachten, Empörung hierüber und Empörung darüber. Jeden Tag wird genüsslich eine neue Sau durchs Netz getrieben. Und jeder Willi hat eine Meinung: zu Thüringen, zur FDP, zu Jürgen Klinsmann, zu Dieter Nuhr und Uwe Tellkamp. Je höhnischer, desto mehr Likes, je respektloser, desto größer die Chance, dass das Thema trendet.

Dabei wollte ich mich doch eigentlich nur über Bücher austauschen, dachte, Twitter wäre der Kanal, wo man sich schnell und unkompliziert ein paar Empfehlungen ziehen kann. Kann man auch, aber darüber hinaus wird einem eben auch der ganze andere Müll in die Timeline geschwemmt. Allein der Umstand, dass Donald Trump Twitter zu seinem Lieblingskanal erkoren hat, ist Grund genug, diesem Medium ein für alle Mal den Rücken zu kehren. Nirgendwo sonst ist die Kotzbrocken-Dichte größer. Schlimm finde ich auch, dass mir Menschen, die ich im Real Life oder als Künstler eigentlich schätze, mit ihrer Twitter-Persönlichkeit so sehr auf den Senkel gehen, dass ich eine echte Antipathie entwickle. Am sympathischsten sind mir immer noch die Profile, die keine Twitter-Strategie haben; entweder nicht wissen wie der Hase dort läuft oder sich noch ausprobieren. Aber wenn sie es erstmal gecheckt haben, nerven auch sie.

Mittlerweile nervt mich bei Twitter wirklich alles: die täglichen Nörgeleien an den Unzulänglichkeiten des ÖPNV genauso wie Mikroplastik, MeToo, eMobilität oder das beliebte Großkonzerne-Bashing. Auch bei den Literaturdebatten rolle ich nur noch mit den Augen, allein schon das Wort ‚Debatte‘ regt mich auf. Mich interessiert nicht, wieviele Neuerscheinungen im Frühjahrsprogramm der Verlage von weiblichen Autorinnen sind, ob Joanne K. Rowling angeblich transphob ist und welches Problem Takis Würger mit Würsten hat. Selbst mein eigenes inaktives Twitter-Profil nervt.

Mir gefällt das alles nicht nur nicht, es stört mich, macht mich wütend und hat negative Auswirkungen auf mein seelisches Gleichgewicht. Wenn es erstmal soweit ist, ist es wirklich Zeit zu gehen. Daher habe ich beschlossen, mich von Twitter nach genau fünf Jahren zu verabschieden. Im letzten Jahr habe ich schon fast gar nichts mehr gemacht. Vier Retweets und drei Links zu Blogbeiträgen – mehr habe ich nicht zustande gebracht, damit aber 200 neue Follower gewonnen. Am Ende folgten 2143 Personen meinem mehr oder weniger inaktiven Profil. Vielleicht taugt ja mein Abgang noch für den ein oder anderen höhnischen Kommentar. Und wenn nicht, auch egal. Vermissen muss man mich jedenfalls nicht, denn auf allen anderen Kanälen werde ich noch mein Unwesen treiben und dort weiterhin der, mit einer Meinung, einem Anliegen sein – eitel, geltungssüchtig, auf Krawall gebürstet oder anderweitig unangenehm.

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Foto: Gabriele Luger

Warum Buchgeschenke problematisch sind

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Ich habe hier schon viel über meine Leseleidenschaft geschrieben. Über Bücher, über das Lesen und das Über-Bücher-Schreiben. Nach fünf Jahren ist alles nicht mehr ganz so aufregend und spektakulär wie noch zu den Hype-Zeiten. Vieles ist schon gesagt und hat sich eingespielt, die Fronten sind geklärt: zwischen Print und Online, zwischen den Literaturblogs und den Bücherblogs, zwischen Instagram und WordPress. Jeder weiß mittlerweile, was geht und was nicht, welche Texte geklickt werden und welche dümpeln. Und oft muss man sich noch nicht mal was Neues ausdenken, denn manche Themen funktionieren einfach immer wieder. So krame ich zur Weihnachtszeit schon seit Jahren meinen Text „Bitte schenkt mir keine Bücher“ aus dem Archiv und schmunzele innerlich, dass er immer noch die Gemüter erregt. Jahr für Jahr die gleichen zustimmenden und ablehnenden Kommentare.

Ich antworte zwar nicht darauf, aber ich lese sie mir alle durch und frage mich, wer denn nun recht hat. Als ich den Text vor fünf Jahren geschrieben habe, war er überspitzt formuliert und ironisch gemeint. Und ich weiß natürlich, dass Bücher immer noch zu den beliebtesten Geschenken unterm Weihnachtsbaum zählen, dass es jede Menge Menschen gibt, die sich über geschenkte Bücher freuen und es der Buchhandel ohne das Weihnachtsgeschäft noch schwerer hätte als ohnehin schon. Trotzdem ist ein Buch nicht immer die beste Geschenkidee, und je länger ich darüber nachdenke, desto problematischer finde ich es sogar, Bücher zu verschenken. Ich will mal versuchen zu erklären, warum.

Man muss zunächst unterscheiden zwischen Buchgeschenken für Menschen, die gerne lesen und solchen, die das eher nicht tun. Personen, die nicht gerne lesen, ein Buch zu schenken, finde ich  unsensibel und fast schon übergriffig. Was denken sich die Schenkenden eigentlich? Dass der Beschenkte nur nicht liest, weil er bisher noch nicht das Buch gefunden hat, das diesen Zustand von Grund auf ändert? Da muss erst das ultimative Buch kommen, was einen zum überzeugten Bücherwurm und Vielleser werden lässt und was der Schenkende ihm nun feierlich überreicht? Ist das pure Gedankenlosigkeit, Selbstüberschätzung oder ein unverschämter Wink mit dem Zaunpfahl? Nun lies doch mal was, du Spacken!

Büchermenschen sind ja oftmals missionarisch unterwegs und wollen Nicht-Leser unbedingt ans Buch heranführen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass das, was sie in ihrer Freizeit tun, viel sinn- und wertvoller ist, als das, was andere so machen. Dass Menschen, die nicht lesen, ihre Zeit und ihr Leben verschwenden und mithilfe von Büchern viel glücklicher und erfüllter leben könnten. Ich denke das zwar auch, aber ich respektiere, wenn es jemand anders sieht. Wenn er nicht gerne liest, sondern in seiner freien Zeit lieber Netflix guckt, gesellig ist, bastelt oder Sport macht. Für mich wäre das nichts, aber jeder wie er mag. Ich habe kein Interesse daran, Menschen zu verändern.

Aber bei Büchern schwingt das immer mit. Schenke ich jemandem ein Sachbuch, einen wie auch immer gearteten Ratgeber, dann will ich ihm damit nicht nur eine Freude bereiten, sondern auch etwas mitteilen: Ich habe mir gedacht, das könnte (Subtext: sollte) dich interessieren. In meiner Jugend habe ich zu Weihnachten immer Lebensratgeber bekommen. „Werde Nr. 1“, „Wie man Freunde gewinnt“, „Sorge dich nicht, lebe“. Die Botschaft, die bei mir angekommen ist, lautete: ‚Verändere dich, denn so wie du bist, bist du nicht in Ordnung.‘ Und natürlich habe ich diese Bücher deshalb alle nicht gelesen. Aus jugendlichem Trotz und weil ich mich eigentlich ganz ok fand, als Durchschnittstyp ohne viele Freunde.

Die Crux ist, dass Bücher nicht einfach nur Gegenstände sind, die ein zu Beschenkender gut gebrauchen kann, so wie Socken oder warme Handschuhe. Bücher sind Handlungsaufforderungen. Der Schenkende erwartet mehr als nur ein freudiges Dankeschön, er erwartet, dass sich der Beschenkte fünf bis zehn Stunden Zeit nimmt, das Buch liest, sich mit den Inhalten beschäftigt und im Idealfall dem Schenkenden dazu noch eine Rückmeldung gibt. Wenn man dieser Handlungsaufforderung nicht nachkommt, ist das Geschenk wertlos, nichts als ein nutzloser Stapel Papier. Ein Buch ist daher immer nur ein halbfertiges Geschenk, das erst dann vollständig und wertvoll wird, wenn der Beschenkte etwas dazu gibt: seine Zeit.

Bei jedem Buch, das unter dem Weihnachtsbaum liegt, zahlt der Beschenkte also noch mal drauf. Er investiert wertvolle Lebenszeit und damit weit mehr, als er bekommt, wenn man den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 €/h zugrunde legt. Das rechnet sich daher erst, wenn das Buch auch wirklich gut ist und die Lesezeit damit nicht verschwendet.

Anders sieht es aus, wenn man einer Person, die nachweislich gerne liest, ein Buch schenkt. Da kann man zwar sicher sein, dass ein Buch an sich schon das passenden Geschenk sein könnte, aber nur theoretisch. Praktisch kann man hier noch weit mehr Fehler machen, nachzulesen im besagten Blogbeitrag „Bitte schenkt mir keine Bücher“. Man tut daher gut daran, sich im Vorfeld beim zu Beschenkenden eine Wunschliste zu besorgen und sich dann strikt daran zu halten. Also kein anderer Titel des gleichen Autors, keine andere Ausgabe und keine Bücher von Autoren, die so ähnlich sind – dann ist alles gut.

Aber kaum einer mag nach Wunschliste schenken. Das ist ja langweilig und keine Überraschung mehr. Nein, der Beschenkte soll merken, dass man sich Gedanken gemacht hat, und vielleicht ist es ja das ultimative Buch. Eines, das sein Leben von Grund auf verändert, es glücklicher und leichter macht. Das hat bei mir bisher nur ein Geschenk wirklich geschafft. Und das war kein Buch, sondern ein Akkuschrauber.

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Foto: Gabriele Luger

Tausend letzte Bücher

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Ich kann das Ende schon sehen. Ein paar Seiten noch, ein letztes Umblättern, die finalen Sätze, das Schlusswort, der letzte Punkt. Und dann ist er da: der magischste Moment im Leben eines Viellesers. Aufstehen, das ausgelesene Buch ins Regal stellen und sich ein neues aussuchen. Für Außenstehende eine ganze einfache Handlung, zumal wenn genügend Auswahl an neuer Lektüre vorhanden ist. Doch jeder Bücherfreund weiß, welch komplexe Prozesse gerade im Kopf des vor dem Regal Stehenden ablaufen. Und nicht erst jetzt, sondern schon seit Stunden. Ganz besonders, wenn das gerade Ausgelesene nicht so recht überzeugen konnte. Dann fiebert man diesem Moment regelrecht entgegen. Kann es kaum erwarten, den Deckel über der ungeliebten Lektüre endlich und für immer zuzuklappen, um fünf Minuten später einen anderen aufzuklappen.

Aber noch ist es nicht soweit; noch ist die Entscheidung nicht getroffen. Denn man greift ja nicht irgendetwas aus dem Stapel, sondern folgt einem inneren Plan. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um den ganz persönlichen Kanon, um die nicht ganz unwichtige Frage, welcher Titel zu den maximal 3.000 Büchern, die ein Mensch im Leben zu lesen imstande ist, noch dazu kommt. Und je älter man wird, desto wichtiger und gleichzeitig schwieriger wird diese Entscheidung. Wenn es gut läuft, sind es bei mir vielleicht 1.000 Bücher, die ich in meinem Leben noch lesen werde. Eintausend Optionen auf die ultimative Lektüre, eine, die mein Leben von Grund auf verändern könnte, mir alle noch offenen Fragen beantwortet und all die Lesemühen, durchwachten Nächte, brennenden Augen, die Umzüge mit schweren Bücherkisten, die vielen investierten D-Mark, Euro und Stunden wieder aufwiegt. Das eine Buch, das mir das alles auf einen Schlag zurückzahlen würde. Mit Zins und Zinseszins, so dass ich am Ende sagen kann: Es hat sich gelohnt, die ganze Leserei.

Und so stehe ich hier und blicke auf Stapel voller Optionen. Da sind die in den letzten Wochen eingetrudelten Herbstnovitäten, der neue heiße Scheiß für fünf Tage Frankfurt und maximal acht Wochen danach. Da ist aber auch noch der Frühjahrsstapel mit mindestens fünf Titeln, die ich noch nicht geschafft habe. Werde ich jemals noch dazu kommen? Um Miami Punk wärs schade, aber das ist so ein dicker Brocken; der kostet mich mindestens drei Wochen, wenn nicht noch mehr. Und zu der darin beschriebenen Gamer-Szene habe ich weder einen Zugang noch ansatzweise Sympathie. Daher ist es fraglich, ob sich der ganze Aufwand für mich überhaupt lohnt. Was ist sonst noch vom Frühjahr übrig geblieben? Julia Rothenburg, ja vielleicht, Story klingt eigentlich ganz interessant, aber nee, kein Bock. Und da liegt auch noch Jachym Topol, so ein verschwurbelter Tscheche, den Suhrkamp als Beitrag zum diesjährigen Partnerland von Leipzig rausgebracht hat. „Ein empfindsamer Mensch“ habe ich sogar angefangen, voll motiviert, nachdem mich Martin Becker mit „Warten auf Kafka“ auf tschechische Literatur heiß gemacht hat. Aber nach zehn Seiten war ich wieder draußen. Warum? Keine Ahnung. Nicht meins.

Ach komm, vergiss das Frühjahr. Wir haben Herbst. Dieser Stapel ist noch frisch und verführerisch. Die Titel stehen im Fokus und bringen Reichweite. Köhler und Kühmel habe ich schon durch – beide Buchpreis-Longlist, beide nicht schlecht. Köhler deutlich besser, aber Kühmel kommt auf die Shortlist. Normal. Beinahe normal ist auch der mittlerweile zweite Feuilleton-Rant des Jahres auf einen Hanser-Top-Titel. Interessant zu sehen, was für eine diebische Freude die Herren Drees und Schröder am Verriss von in ihren Augen minderwertiger Ware haben. Was war noch? Ach ja, Jan-Peter Bremers junger Doktorand, ebenfalls Longlist-Titel, nett, lesenswert und ganz amüsant. Emma Braslavsky neues Werk dagegen zäh und enttäuschend. Positiv überrascht hat mich aber Tobias Wilhelm, der bei Hanser blau ein bemerkenswertes Debüt veröffentlicht hat. Da muss ich eigentlich auch noch was drüber schreiben. Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Jetzt geht es darum, das erste meiner Tausend letzten Bücher auszuwählen. Eine falsche Entscheidung und schon sind es nur noch 999 Optionen auf das ultimative Lebenslieblingsbuch.

Angesichts der schwindenden Lebens- und Lesezeit denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich die ganzen Neuerscheinungen nicht einfach beiseite lassen und die noch verbleibende Lesezeit lieber mit Backlist-Titeln und Klassikern verbringen sollte. Da ist noch so viel literarisch Bedeutendes, das ich gar nicht kenne. Ich habe Dantes „Göttliche Komödie“ noch nicht gelesen und auch noch nichts von Musil, Zweig oder Feuchtwanger. Bei mir im Regal stehen mittlerweile 90 Bände der SZ-Bibliothek, ein wunderbar ausgewählter Kanon der Gegenwartsliteratur, und davon habe ich gerade mal vier Titel gelesen. Ich kenne nichts von Botho Strauß oder Hans Magnus Enzensberger, dafür aber alles, was ihre Kinder geschrieben haben. Ist es ok, wenn man noch kein Buch von Umberto Eco, aber dafür sechs Romane von Elena Ferrante gelesen hat? Nichts von Bachmann oder Jelinek, aber zwei von Fallwickl?

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich vor dem Regal stehe, nach dem nächsten Kick Ausschau halte und voller Vorfreude zum siebten Roman von Elena Ferrante greife.

 

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Foto: Gabriele Luger

Wie ich gelernt habe, zuzuhören (last man listening)

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Ich lese gern, aber ich bin oft müde. Das lässt sich nicht ändern – leider. Nicht mit Cola, nicht mit Kaffee. Diesen Preis muss ich zahlen; für ein übervolles Leben, das frühe Aufstehen, die ganzen vielen Jahre auf dem Buckel. Wenn ich abends das machen will, worauf ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe, ist oft schon nach wenigen Seiten Feierabend. Die Augen, die Lider, der Kopf, alles. Mein Körper will nicht mehr. Will nichts mehr halten, nichts mehr schauen, nicht mehr denken. Will nur noch schlafen.

Und jeden Morgen dann der erste Selbstvorwurf des Tages: „Aber ich wollte doch noch lesen!“ Wollte eintauchen, abschalten, mal was anderes, als nur mein Leben. So schaffe ich das niemals. Den Kanon, die Neuheiten, meine Backlist-Helden. Andere lesen über hundert Bücher im Jahr. Und ich? Warum schaffe ich das nicht? Fehlt mir der Ehrgeiz oder nur Zeit und Schlaf?

Lange war ich gefangen, fand keinen Ausweg aus der Misere. Allabendliche Kapitulation und morgendliche Anklage. Ein Teufelskreis. 50 Bücher im Jahr, mehr war beim besten Willen nicht nicht drin. Und das auch nur, wenn ich mich im Sommer aus der Gartenarbeit rauszog und auf jegliche Art von Sport verzichtete. Die Folge: vorwurfsvolle Blicke und zehn Kilo plus auf den Rippen.

Energy Drinks, nur noch halbtags arbeiten – alles angedacht, alles keine Lösung. Das Lesen komplett dran geben? Niemals!  Was wird dann aus mir? Wer bin ich dann noch? Eine arme Wurst – ausgeschlafen aber leer. Und plötzlich dann die Lösung. Warum mach ich es eigentlich nicht wie im Job? Was ich selber nicht schaffe, delegieren. An Kollegen, die vieles oftmals besser können als ich. Wenn also selber lesen nicht geht, warum dann nicht andere für einen lesen lassen? Nichts tun, einfach nur noch sitzen und zuhören – like a boss.

Zunächst war ich skeptisch. In meinem Umfeld bin ich nicht unbedingt als ein guter Zuhörer bekannt. Hören ist mir irgendwie zu passiv. Ich halte gerne das Heft in der Hand, bin viel lieber Protagonist als Rezipient. So gesehen müsste ich eigentlich eher schreiben als lesen. Und jetzt also keins von beiden, sondern einfach nur zuhören. Zurücktreten ins Glied und andere machen lassen. Ist das mein Ding?

Ja, ist es. Ich hab’s ausprobiert und für gut befunden. Angefangen habe ich mit was Leichtem, Dan Brown, „Origin“ war mein erstes Hörbuch. Hat gut geklappt, ich konnte mich konzentrieren, die Protagonisten zuordnen, der Handlung folgen. Und obwohl Dan Brown so überhaupt nicht mein Anspruch ist, hat mir das Zuhören Spaß gemacht. Und dann die nächsten Ausbaustufen: ein anspruchsvoller Krimi und ein Klassiker. Volker Kutschers „ Der nasse Fisch“ und Falladas „Kleiner Mann“ – beides klappte nicht nur problemlos, sondern konfrontierte mich mit einer eigentlich profanen aber dennoch für mich überraschend neuen Erkenntnis: Es gibt Menschen, die können deutlich besser lesen, als ich.

Zwischen dem, was ich mir so zurechtlese – mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht konzentriert – und dem, was professionelle Hörbuchsprecher*innen wie David Nathan, Eva Mattes oder Ulrich Noethen abliefern, liegen Welten. Und noch etwas habe ich in diesem Fall überhaupt nicht für möglich gehalten: Bücher vorgelesen zu bekommen, ist nicht nur praktisch und bequem, es erhöht sogar den Literaturgenuss deutlich. Ein durchschnittliches Buch, von einem Profi gut vorgelesen kommt bei mir oftmals besser weg, als ein gutes Buch, dem ich aufgrund von Übermüdung und Unkonzentriertheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit widmen kann. Ein Hörbuchsprecher ist nie übermüdet und unkonzentriert, sondern immer zu 100 Prozent im Text. Da bekommt jeder Satz, die Aufmerksamkeit und Betonung, die er verdient. Da werden keine Passagen geschludert, da wird nicht quer gelesen, da wird wird Wort für Wort wertgeschätzt. Eine solch konstant hohe Lese-Performance kann ich als Für-Mich-Leser natürlich nicht vorweisen.

Doch einen Haken hat die Sache schon. Ein Hörbuchsprecher kann noch so wach und konzentriert sein, wenn der Zuhörende das nicht auch ist, hat man nichts gewonnen. Beim Hören ist das Risiko des gedanklichen Abschweifens und Einnickens noch wesentlich höher als beim Lesen. Zuhören ist noch passiver, verbraucht noch weniger Kalorien. Man muss nichts halten, umblättern, die Augen nicht bewegen, ja noch nicht mal aufhalten. Abends auf dem Sofa noch ein paar Stunden Hörbuch hören, geht zum Beispiel gar nicht. Nach fünf Minuten bin ich eingeschlafen.

Hörbuch höre ich daher nur, wenn ich in Bewegung bin: Sport mache, im Garten arbeite, mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs bin. Statt auf dem Sofa herumzusitzen, suche ich mir Bewegung, um noch mehr Hörbuch zu hören. An einem durchschnittlichen Wochentag kommen da schon ein paar Stunden Hörbuchzeit zusammen, besonders seit ich fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre.

Und so schaffe ich jetzt doch noch an die 100 Bücher im Jahr – die eine Hälfte gelesen, die andere gehört – und freue mich über die gewonnene Zeit für den Kanon, die ganzen Neuerscheinungen und die Backlist meiner Helden. Der Wecker klingelt immer noch früh, das Leben ist nach wie vor übervoll, aber die Jahre auf dem Buckel wiegen weniger schwer. Und zwar ziemlich genau sieben Kilo, die ich seitdem weniger auf den Rippen habe.

 

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Foto: Gabriele Luger

Last man reading #1

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Die erste Frage lautet: Er oder Ich? Welche Erzählperspektive passt zu meinen Plänen? Mit dem alten Ich bin ich eigentlich immer gut gefahren. Es hat gepasst. Zu mir, zu dem was ich zu sagen hatte. War halt immer sehr persönlich. Aber nun steht mir der Sinn nach etwas mehr Distanz. Es soll ja auch etwas Neues werden, nicht das Übliche, Ausgelutschte, das tausendmal Gelesene, nicht das, was ich bisher hier so geschrieben habe.

Jetzt also Er. Dritte Person namenlos. Er ist mir ähnlich, aber nicht ich. Hier der Autor, da sein Protagonist. Niemand wird jemals erfahren, wieviel von wem im jeweils anderen steckt. Natürlich ist auch das altbekannt. Autoriale Camouflage, mit der Standardfrage auf dem blauen Sofa: Ist  das ausgedacht oder selbst erlebt? Aber das soll ihn jetzt nicht davon abhalten, das genauso durchzuziehen. Konsequent, zielstrebig, diszipliniert. So will er bei diesem Projekt sein.

Und guck mal an, da ist er auch schon: der namenlose Protagonist dieser Geschichte. Einer, der schon immer gerne gelesen hat. Nicht übermäßig, nicht exzessiv, aber doch regelmäßig. Je nach Lektüre und Tagesform so 50 bis 150 Seiten am Tag. Er hat das immer schon gemacht. Es tut ihm gut, ist so eine Art Therapie, versöhnt ihn irgendwie mit dem Leben.

Nicht, dass er irgendwie desillusioniert oder gar depressiv wäre. Zumindest wirkt er nicht so. Aber ohne Lektüre kann er nicht sein, wird irgendwann unleidlich, zieht sich zurück, wird immer leiser, bis er schließlich vollkommen verstummt. Keine Lektüre, kein Leben. Für andere ist das schwer nachzuvollziehen, denn kaum einer empfindet so bibliophil wie er. Kann man das so sagen? Eigentlich ist das nicht der richtige Begriff, niemand würde das jemals so nennen, das weiß er. Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte man nicht bibliophil empfinden können? Je länger er darüber nachdenkt, desto passender findet er diese Begrifflichkeit. Beschreibt sie doch ziemlich genau, was Bücher ihm bedeuten. Er denkt und empfindet bibliophil und natürlich träumt er auch bibliophil, er hasst, liebt und lebt bibliophil. This boy is blibliotronic.

Absoluter Blödsinn, natürlich – aber ein schöner Blödsinn. Kaum einer liest noch, aber Bücher gehen trotzdem immer. Kein Suchtverhalten ist gesellschaftlich so akzeptiert wie die Sucht nach Büchern. Karl Lagerfeld hortete über 300.000 davon und obwohl ihn viele belächelt oder auch komplett abgelehnt haben – für diesen Spleen zeigte ihm keiner einen Vogel. Was wohl aus seiner Bibliothek geworden ist? Hat das alles auch die Katze geerbt?

Apropos — was soll eigentlich mal mit seinen eigenen Büchern passieren? Alles über Jahrzehnte mit sicherem Geschmack zusammengetragen und liebevoll kuratiert. Die ganze deutschsprachige Gegenwartsliteratur nahezu komplett, fast alles Erstausgaben, und noch dazu alle relevanten Klassiker oben im Retrozimmer. Das ist schon was wert. Oder sagen wir mal so: Ihm ist das was wert. Die Frage ist, wird das jemals jemand erkennen und wertschätzen, wenn er irgendwann nicht mehr da ist? Oder ist das dann nur noch ein Haufen Altpapier? Seine Frau wird sich kümmern. Sie weiß, was ihm die Bücher bedeuten. Wenn es soweit ist, wird sie eine Lösung finden. Ganz bestimmt. Und wenn nicht, bekommt alles der Hund.

Aber nochmal zurück. Warum eigentlich diese Sucht? Warum Bücher, warum Literatur? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Er braucht diesen Input: Geschichten über fremde Orte, fremde Menschen, fremdes Leben. Gedanken, die nicht seine sind. Wenn er seine tägliche Dosis davon bekommt, ist alles in Ordnung. Dann fühlt er sich leicht, aufgeladen und bereit für alles, was das Leben, sein Leben, von ihm verlangt. Und wenn nicht. Siehe oben.

Normalerweise macht er aus seiner Bibliomanie keine große Sache, hat keinerlei Sendungsbewusstsein, will keinen zum Lesen bekehren, niemandem erklären, was gute Literatur ist, seine Empfehlungen keinem aufdrängen. Wer unbedingt will, kann gerne weiter Serien bei Netflix schauen. Alles kann, nichts muss.

Und trotzdem macht er genau das. Er schreibt über die Bücher, die er gelesen hat, empfiehlt, rät ab, macht Listen, schreibt Briefe, feiert seine Helden. Er macht, was er eigentlich nicht will. Und doch ist es ihm ein Bedürfnis, das alles loszuwerden und gleichzeitig nicht zu verlieren. All die flüchtigen Leseeindrücke, seine assoziierten Gedanken, die vielen fremden Geschichten und Schicksale. Und vielleicht ist das ja auch das ultimative Erfolgsrezept: etwas nicht zu wollen, es aber trotzdem zu machen.

Sein Blog ist gut gefüllt. Wer will, kann dort stundenlang lesen. Über Literatur, Autorinnen und Autoren und ganz viel über ihn. Das bibliophile Tagebuch eines bibliophilen Lebens. Auch er selbst liest immer mal wieder rein und denkt dabei: klingt interessant, nachvollziehbar, ist nicht schlecht geschrieben.

Und wie sehr er das alles braucht, hat er im Sommer 2019 erfahren. Als er knapp zwei Monate nichts geschrieben hat, keine Rezension, keinen einzigen Post – zunächst aus purer Faulheit, denn er hatte Urlaub. Dann aber auch, um zu sehen, was passiert, wenn nichts passiert. Er wollte herausfinden ob irgendetwas fehlt, nicht nur ihm, sondern auch den anderen. Und tatsächlich – zwei treue Leserinnen fragten nach. Was denn los sei, warum nichts passiert auf den einschlägigen Kanälen. ‚Sommerpause‘ lautete die Antwort. Und doch ist das nur die halbe Wahrheit, denn er hat nicht nur viel gelesen, gehört und literarisch erlebt, er hat auch viel nachgedacht: über Bücher, Autoren und über sich. Aber das ist eine andere Geschichte, über die hier ein andermal berichtet wird.

Bibliotopia

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Mit Volldampf raus aus der Buchkrise. Wie eine Branche sich neu erfindet.  

Wir schreiben das Jahr 2030. Vom Schock, als vor zehn Jahren die Preisbindung für Bücher aufgehoben wurde, hat sich der Buchmarkt mittlerweile wieder erholt. Die verbliebenen Verlage, der Geschenke-, Schreib- und Buchwarenhandel, sowie die Vereinigung der Bahnhofskioske melden erstmals wieder steigende Umsätze. Branchenexperten sprechen bereits von einer Renaissance des Buches und bezeichnen den Beinahe-Zusammenbruch des Marktes in 2020 als ein längst überfälliges und reinigendes Gewitter, als einen dringend notwendigen Aderlass für einen ballastfreien Neuanfang.

Die Pleitewelle, der knapp 50 Prozent der Verlage und zwei Drittel des stationären Buchhandels zum Opfer gefallen sind, hat auch den Bildungsdünkel und die überfrachteten Kulturdebatten, die dem Medium Buch seit jeher anhafteten, mit ausgelöscht. Befreit vom antiquierten Bildungsballast konnte das Lesen von Büchern in den letzten Jahren einen enormen Imagewandel verzeichnen und erreicht neuerdings wieder Zielgruppen, die seit Generationen keine einzige Seite mehr gelesen haben.

In Bussen und Bahnen sieht man mittlerweile immer mehr Menschen, die tatsächlich ein Buch in den Händen halten und darin lesen, statt mit verklärtem Bick auf Handhelds und durch Smart-Glasses zu starren. Das liegt zum einen daran, dass billige Unterhaltungsliteratur, die nach wie vor über 80 Prozent des Buchmarktes ausmacht, endlich auch das kostet, was sie wert ist und somit wieder für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich ist. Romane sind statt für 20 Euro jetzt für durchschnittlich 99 Cent oder alternativ zehn Payback-Punkte zu haben. Um der gestiegenen Nachfrage zu begegnen, hat die Thalia-Douglas-Bahnhofskiosk AG ihre Verkaufsflächen in den letzten zwei Jahren um über 200.000 qm erweitert. In den Hauptbahnhöfen von Metropolen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg und München sind die modernen 24/7-Filialen mittlerweile rund um die Uhr geöffnet.

Generell hat die Aufhebung der Buchpreisbindung dem Buch völlig neue Absatzkanäle eröffnet. Für viel Aufmerksamkeit hat zum Beispiel die Entscheidung der Edeka-Gruppe gesorgt, die begehrten Treuepunkte durch Treuebücher zu ersetzen. Ab einem Einkauf von 10 Euro gibt es an der Lebensmittelkasse einen Fitzek-Backlisttitel und ab 20 Euro einen Elfen-Roman von Bernhard Hennen dazu. Ganz neu und nur so lange der Vorrat reicht: Von August bis Oktober wird es ab 50 Euro Einkaufswert sogar einen Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises zu jedem Einkauf mit dazu geben. Bereits jetzt gilt die Edeka-Treuebücher-Aktion als die erfolgreichste Zugabe-Aktion in der Firmengeschichte des Lebensmittelhandels. Im Netz werden einzelne Edeka-Treuebücher bereits zu Spitzenpreisen gehandelt. Für Edeka Marketing-Vorstand Joachim Ländle ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Buch quer durch alle Bevölkerungsschichten immer noch eine hohe Attraktivität besitzt. „Die Treuebücher sind um ein Vielfaches begehrter, als zum Beispiel Bratpfannen oder Kugelgrills“, so Ländle. Durch den Erfolg der Aktion beflügelt, plant die Edeka-Gruppe bereits die Gründung eines eigenen Verlages. Erste Gespräche mit einer Münchener Literaturagentur, die ihren gesamten Autorenstamm bei Edeka einbringen will, haben bereits stattgefunden.

Für Aufmerksamkeit in bibliophilen Kreisen sorgt auch Heiner Kamps, ehemaliger Eigentümer der Kamps-Bäckereien, der in Düsseldorf ein komplett neues Buchhandlungs-Frischekonzept etabliert hat, das bald auch bundesweit durchstarten soll. In Kamps`neuer Book’n go-Filliale wird Literatur jeden Tag frisch produziert. Im wöchentlichen Wechsel steht dafür immer ein Autor oder eine Autorin vor Ort zur Verfügung, die im Schaufenster neue Kurzgeschichten, Romankapitel und auf Wunsch auch Lyrik und kleinere Essays tastaturwarm produzieren. Gerade mal 4,95 Euro kostet der Coffee to go mit einer Single-Hero-Kurzgeschichte. Für jeden weiteren Protagonisten muss der Kunde einen Euro zusätzlich investieren. Auch ein zweiter Handlungsstrang kann für drei Euro dazu gebucht werden. Heiner Kamps ist vom Erfolg seiner Book’n go-Filialen überzeugt. „Eine gute Geschichte und ein guter Kaffee haben eines gemeinsam – aufgewärmt schmecken sie nicht. Bei uns gibt es beides täglich frisch“, sagt der mittlerweile 95-jährige Franchise-Papst. Ein Konzept, das aufzugehen scheint. Täglich bilden sich vor dem Geschäft lange Schlangen kaffee- und literaturbegeisterter Kunden. Auch namhafte Schriftsteller reißen sich mittlerweile darum, eines der begehrten Wochen-Engagements bei Book‘n go zu bekommen. Kamps ist bis weit ins nächste Jahr ausgebucht. Kein Wunder, verdient man doch in einer Woche als Kaffeeshopschreiber mehr als sonst im ganzen Jahr.

Überhaupt hat sich die ehemals prekäre Lage der Autoren in den letzten Jahren stark gewandelt. Wer es geschafft hat, einen Titel im Edeka Treueprogramm zu platzieren, kann sich als mehrfacher Auflagen-Millionär zu den Besserverdienenden im Lande zählen. Aber mittlerweile lassen sich auch mit weniger massentauglicher Literatur und Mini-Auflagen gute Gewinne erzielen. Bestes Beispiel ist Daniel Lamper, ein Verleger-Urgestein, der als einer der wenigen den abzusehenden Wegfall der Buchpreisbindung nicht als Katastrophe, sondern als Chance gesehen hat. Der Schweizer Lamper-Verlag war der einzige, dessen Bücher nach 2020 nicht billiger, sondern teurer wurden, sehr viel teurer. Der derzeitige Spitzentitel aus dem Frühjahrsprogramm kostet knapp tausend Euro. Über zweihundert Exemplare hat er davon bereits verkauft. An Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Haushaltsnettoeinkommen, deren persönliche Vita laut Inbound-Analyse deutliche Parallelen zum Plot des Titels aufweist und deren Einrichtungsstil farblich zum Cover des Buches passt.

Alles in allem blickt der Buchmarkt wieder positiv in die Zukunft. Seit drei Jahren steigt die  Zahl der Buchleser wieder kontinuierlich an. Die Verlage suchen händeringend nach Mitarbeitern, und in der Liste der 100 reichsten Deutschen befinden sich seit letztem Jahr drei Verleger und sechs Autoren. Letztlich hat sich bewahrheitet, was Personen wie Daniel Lamper bereits vor der Krise immer wieder behauptet haben. „Das Buch ist nicht tot, es hat nur eine Weile sehr tief geschlafen.“

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Foto: Gabriele Luger

 

Ein Wochenende mit Biller

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Jetzt bin ich also Antisemit. Und dazu noch dumm. Einer, der scheinbar nicht weiß, was er da schreibt. Der für ein wenig Fame andere diffamiert. Der aus der deutschen Geschichte nichts gelernt hat. Sprich: einer, der keinen Deut besser ist, als die braune Brut, die derzeit in Chemnitz mit ausgestrecktem Arm rechte Parolen brüllt.

Bin ich das wirklich? Lass ich das auf mir sitzen? Nein. Auf gar keinen Fall bin ich das. Und das lasse ich auch nicht auf mir sitzen. Das macht mich wütend.

Wer nicht ständig im Netz herumhängt, wird sich jetzt fragen: Was ist passiert? Denn den fraglichen Text, auf den sich die bei Facebook und besonders auf Twitter kursierenden Vorwürfe beziehen, habe ich erstmal offline genommen. Das ist kein Schuldeingeständnis, sondern der Tatsache geschuldet, dass ich gestern mit dem Auto auf der Rückreise von Südtirol nach Hause war und keine Zeit hatte, mich zu den Vorwürfen zu äußern. Das will ich aber hiermit in aller Ausführlichkeit tun.

Stein des Anstoßes war einer meiner Leserbriefe, ausgerechnet der Dreizehnte in der Reihe hier auf dem Blog. Diesmal war der Adressat Maxim Biller, dessen neuer Roman „Sechs Koffer“ derzeit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Ich habe mir in der vergangenen Woche die Hörbuchversion angehört und war nur mäßig begeistert von dem Werk. Was mir manchmal schwer fällt – und bei diesem Roman aufgrund seines autobiografischen Hintergrundes ganz besonders – ist, den Autor von seinem Werk zu trennen. In solchen Fällen greife ich zum Stilmittel des Leserbriefs.

Da kann ich schreiben, was in einer normalen Buchbesprechung, selbst in solch subjektiv verfassten wie meinen, nichts zu suchen hat. Ob Martin Walser, John Irving, Thomas Melle oder Sven Heuchert – jeder bekommt von mir offen und ehrlich gesagt, was mir zu ihm und seinem Werk durch den Kopf geht. Wer sich die Briefe hier auf dem Blog anschaut, wird feststellen, dass sie immer etwas launig geschrieben, stellenweise respektlos und übergriffig sind. Da wird eine persönliche Nähe simuliert, die so in der Form natürlich nicht besteht. Ich stelle Vermutungen an, lege den Adressaten etwas in den Mund, führe fiktive Zwiegespräche. Das ist das Konzept dahinter.

Das habe ich auch diesmal wieder gemacht. Ich habe mein gespaltenes Verhältnis zum Autor Maxim Biller dargestellt, den ich für seinen Mut zur Polemik bewundere, für seine souveränen Auftritte und für seine Textvirtuosität. Weil er so herrlich polarisiert, ist er eine der wenigen wirklich schillernden Persönlichkeiten im Literaturgeschäft. Trotzdem hatte und habe ich immer noch mit einigen seiner im ‚Literarischen Quartett‘ geäußerten Ansichten ein echtes Problem. Besonders negativ in Erinnerung geblieben ist mir seine vollkommen haltlose Kritik an Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischem Roman „Panikherz“. So sagte er dazu in der Sendung vom 26.02.2016 „Die Geschichte, die dieser Mensch hat ist klüger, als der, der sie aufschreibt.“ Das ist natürlich eine herrlich provokante Unverschämtheit, die auch mit einem Raunen im Publikum quittiert wird. Was mich aber aufregt ist das, was er direkt danach sagt: „Moment, ich will‘s begründen. Wir Juden begründen immer das, was wir sagen.

Bildschirmfoto 2018-09-02 um 20.50.56https://youtu.be/HdXFHlrRcA8 (ab Minute 25:00)

Als wenn Christen, Moslems oder Buddhisten niemals begründen würden, was sie sagen. Und so geht es bei ihm in einer Tour. Ständig, an den unpassendsten Stellen bringt er einen jüdischen Bezug ins Spiel. Anderes Beispiel: ebenfalls legendär, die Sendung vom 14.Oktober 2016, mit Billers nahezu unerträglichem Rant auf Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“. Als der Gast Thomas Glavinic meint, dass Melle das Thema mit einem schönen Humor behandelt, fragt Biller dazwischen: „Was ist das für ein Humor? Österreichischer, deutscher, jüdischer?“ In der Stuckrad-Barre Diskussion meinte er hingegen noch: “Es gibt nur einen Humor.

Was ich damit aufzeigen will: Biller ist kein Anlass zu profan, keine Situation unpassend genug, um deutlich zu machen, dass er Jude ist. Das ist sein gutes Recht. Damit unterscheidet er sich deutlich von anderen jüdischen Autoren, wie z.B. Robert Menasse oder Literaturkritikern wie Marcel Reich-Ranicki, die das, wie ich im Leserbrief anmerkte „nicht so raushängen lassen“. Weiter schrieb ich dazu:

Wenn das so eine Art Positionierung von dir ist, dein Alleinstellungsmerkmal im Literaturbetrieb, wenn du bewusst als jüdischer Autor wahrgenommen werden willst, als der deutsche Jonathan Safran Froer, dann, ja dann kannst du mit deiner Arbeit zufrieden sein. Das ist dir gelungen. Vielleicht geht es dir ja auch um Sichtbarkeit – seht her, ich bin Jude, ich schreibe, bin laut, nicht immer nett und nicht unauffällig. Ich provoziere und erlaube mir, eine Meinung zu haben, obwohl ich Jude bin. Vielleicht ist es das, was dich antreibt.“

Ich glaube tatsächlich, dass die Sichtbarkeit von Juden in unserer Gesellschaft, ein zentrales Anliegen von Biller ist. Und das finde ich grundsätzlich gut. Sich nicht verstecken, nicht wegducken, Gesicht zeigen. Aber wenn dieses fortwährende Bekenntnis zum Judentum, wie in obigen Beispielen aufgezeigt, aufgesetzt, unpassend und zwanghaft rüberkommt, dann ist das kontraproduktiv, und dann darf man das kritisieren. Ob jetzt „übersteigertes jüdisches Sendungsbewusstsein“ die richtige Bezeichnung dafür ist, wie ich das in meinem Facebook-Post zum Leserbrief bezeichnete, weiß ich nicht. Ein Begriff der von Björn Jager auch sofort hinterfragt und kritisiert wurde. Ich wollte es erst „missionarisch“ nennen, aber das trifft es auch nicht. Biller will nicht missionieren, nicht andere von seinem Glauben überzeugen. Er will Sichtbarkeit als deutscher Jude, jüdischer Autor. Das ist die Botschaft, die er vermitteln will und daher finde ich „Sendungsbewusstsein“ nach wie vor passend.

Ist es aber anscheinend nicht. Der von mir sehr geschätzte Florian Kessler kommentierte:

‘Jüdisches Sendungsbewusstsein‘ behauptet, Juden hätten andere Eigenschaften als andere Menschen. Das ist ein antisemitisches Konzept.“ Und weiter: „Der gesamte Text nimmt den Autor nicht als Individuum, sondern als Angehörigen eines konstruierten Kollektivs namens „Juden“ wahr – auch hier gilt: exakt so funktioniert Antisemitismus“. 

Damit war er da, der Antisemitismus-Vorwurf. Eine harsche Kritik, eine schwerwiegende Anklage und ein Stichwort, auf das einige bei Twitter scheinbar nur gewartet haben, um mich an den Ppranger zu stellen und lustvoll zum Shitstorm zu blasen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie solche Prozesse funktionieren. Einige Zeit steht der Text relativ unwidersprochen im Raum, wird angeklickt und bekommt Likes wie jeder andere Blogbeitrag auch. Erst, wenn eine anerkannte Autorität wie Kessler den Beitrag wie oben zitiert als wirklich schlimmen Text bezeichnet, traut sich die Herde aus der Deckung.

Schnell war mir klar, dass es nichts bringt, jetzt mit irgendwelchen auf der Autobahnraststätte ins Handy getippten Gegenargumenten zu reagieren. Der Vorwurf ist so  schwerwiegend und rufschädigend, dass es einer wohlüberlegten Antwort darauf bedarf. Denn eines war mir sofort klar: Das lasse ich auf keinen Fall auf mir sitzen. Also habe ich erstmal am Autobahnrasthof Sandhausen den Beitrag offline geschaltet. Das mit der wohlüberlegten Antwort versuche ich gerade. Katharina Herrmann hat mir davon abgeraten und meinte:

Lies dich doch bitte erst ein bisschen ins Thema Antisemitismus ein, bevor du dich zu so einem komplexen Thema äußerst, ich mach mir echt Sorgen, ob da was rauskommen kann, das dir nicht begründet um die Ohren fliegt.“ Meine Frau sagte: „Meiner Meinung nach musst du dich überhaupt nicht rechtfertigen. Aber wenn du unbedingt etwas dazu schreiben willst, dann nur kurz.“

Auf beide habe ich nicht gehört. Ich folge auch hier meinem Bauchgefühl und argumentiere, ohne mich irgendwo eingelesen zu haben, in einer für meine Verhältnisse ungewöhnlichen Ausführlichkeit. Als ich heute morgen mit einer Mordswut im Bauch aufgewacht bin, habe ich einen weiteren Kommentar von Björn Jager auf Facebook entdeckt, der mir Kraft gegeben hat, das hier alles zu schreiben:

Was mich aber wirklich interessiert: Nehmen wir Folgendes an. Nämlich dass man genervt ist von einem ganz bestimmten Thema, dass ein Autor immer wieder extensiv behandelt. Nehmen wir als Beispiel Genazino, bei dem die Hälfte der Kritik mittlerweile sagt: Immer dieselbe Chose, immer dieselben mittelalten Loser mit mittelschlimmen Problemen und mittelguten Beziehungen, immer dieselben Streifzüge durch mittelschöne Innenstädte. Da kann man das benennen, ohne Probleme zu bekommen. Man darf bei Walsers oder Roths erotischen Phantasien mit Frauen, die 60 Jahre jünger sind als die Protagonisten, mit den Augen rollen und sagen, wie sehr einen das anödet. Wie aber kann man das thematisieren, wenn einen die andauernde Thematisierung jüdischer Kultur bei Biller langweilt – denn ich hatte den Eindruck, genau das wollte der Text, so verunglückt er dann auch geraten ist. Die Frage ist also vielleicht: Geht das mit ausreichend Fingerspitzengefühl oder ist das Thema so komplex und so mit Politik, Geschichte, moralischen Standpunkten aufgeladen, dass es kaum kritisierbar ist?“

Ein wichtiger Aspekt und eine Frage, die ich mir natürlich auch gestellt habe. Wenn ja, dann auf alle Fälle mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl und nicht so schnoddrig wie ich das im Biller-Leserbrief getan habe: „Immer wieder im gleichen deutsch-jüdischen Geschichtensaft zu schmoren, ist auf die Dauer auch langweilig.“ Aber von der Form mal abgesehen, ich würde eine christliche oder muslimische Monothematik bei einem Autor doch genauso kritisieren. Hier mache ich zwischen Religionen und Weltanschauungen eigentlich keinen Unterschied. Denn wer Juden andere Rechte zugesteht als Christen oder Moslems, grenzt sie doch schon aus. Und obwohl ich mich mit dem Thema nicht beschäftigt habe, sagt mir der gesunde Menschenverstand, dass auch das ein antisemitisches Konzept ist.

Apropos – ich wollte noch mal auf die Kritik von Florian Kessler zurückkommen. Wenn es antisemitisch ist, zu behaupten, Juden hätten andere Eigenschaften als andere, was ich – wie ich betonen möchte – nie getan habe, wie ist dann Billers Aussage zu werten, der sagt: „Wir Juden begründen immer das, was wir sagen“? Bedient er dann nicht selbst ein antisemitisches Konzept? Und wenn es Biller so wichtig ist, als jüdischer Autor wahrgenommen zu werden, entzieht er sich damit nicht selber der individuellen Betrachtung und ordnet sich ein in ein, wie Florian es nennt: ‚konstruiertes Kollektiv‘? Eigentlich ein genialer Schachzug. Denn damit riskiert jeder, der Biller den Spiegel vorhält und ihn mit seinen eigenen Aussagen konfrontiert, Antisemitismus vorgeworfen zu bekommen. Biller wird dadurch nahezu unangreifbar. Und die Kritiker können sehen, wie sie da wieder rauskommen.

Wo Florian Kessler aber in seiner Kritik absolut recht hat, ist Folgendes: „ ‚Jüdisch-sein‘ ist keine Religion und kein Glaube.“ Ja, das stimmt, das habe ich tatsächlich bisher immer falsch betrachtet. Und das ist vielleicht der Knackpunkt und mit einer der Gründe für die harsche Kritik an dem Leserbrief. Jüdisch-sein ist nochmal was anderes als Christ zu sein. Jüdisch-sein ist eine Identität. Und das ganz besonders vor dem historischen Hintergrund, der Verfolgung durch die Nazis und die vielen Jahrhunderte der Vertreibung und dem Leben in der Diaspora. Der Glaube wurde für die Juden zur Identität. Und ist daher meine verwunderte Frage, warum Biller als modern denkender Mensch seine Religionszugehörigkeit und seinen Glauben so in den in den Mittelpunkt stellt, natürlich absoluter Blödsinn. Denn die Identität eines Menschen steht immer im Mittelpunkt.

Ja, ich weiß. Für den einen oder anderen mag das so klingen, als würde ich mich rauswinden, der reinen Form halber hier und da ein wenig von der Kritik annehmen, ansonsten aber alles weit von mir weisen. Aber so sehr ich mich mit der Thematik beschäftige – und das umfasst jetzt schon den gesamten Sonntag – desto mehr Seiten tun sich auf. Das Thema ist so komplex, so vielschichtig, dass es sehr, sehr schwierig ist, zwischen richtig oder falsch zu unterscheiden. Ich sehe mich in meinen Aussagen zum Teil bestätigt, sehe aber auch die andere Seite und erkenne die Problematik, die Florian, Katharina und Björn aufgezeigt haben. Die letzte Frage, die ich mir stelle, ist, ob dieser Leserbrief jetzt unbedingt hätte geschrieben werden müssen. Manche Dinge denkt man sich besser im Stillen und hält seine Klappe. Aber wir Blogger sind nun mal irgendwie ein mitteilungsbedürftiges, um nicht zu sagen geschwätziges Volk und Katharina Herrmann hat schon recht, wenn sie sagt:

„Du selbst siehst deinen USP darin, dich als „letzter lesender Mann“ zu inszenieren. Das ist also ok für dich, Selbstinszenierung über Männlichkeit, was du aber nicht ok findest, denn darüber schreibst du ja hier ausführlich, ist: „Selbstinszenierung“ (ich benutze schon das Wort echt ungern dafür) als Jude.“

Doch natürlich, das ist ok. Jeder so wie er mag.

Ach ja, ein letzter Punkt noch: Bei Twitter fand ich unter Florian Kesslers Tweet einen Kommentar von Berit Glanz, die auf einen Text des literaturkritischen Blogs Buchdruck verwies, der zeigt, …“wie man sich kritisch mit Biller befassen kann ohne in antisemitische Denkmuster zu verfallen.“ In dem in der Tat sehr eindrucksvollen Text von Simon Sahner, der sich sehr intensiv mit Billers erstem Teil seiner Heidelberger Poetik-Vorlesung auseinandersetzt, fand ich folgende Passage:

 Da Maxim Biller vermutlich selbst weiß, dass seine eigene Literatur kaum als Gegenbeispiel für die von ihm kritisierte blutleere Gegenwartsliteratur taugt, hebt Biller auf das Argument ab, dass die Nichtbeachtung, die ihm zuteil wird, mit seinem Jüdischsein zusammenhängt. Nicht nur in der Heidelberg Vorlesung, sondern bereits in einem Beitrag für die ZEIT nach Erscheinen seines aktuellen Romans Biografie, macht er Antisemitismus dafür verantwortlich, dass er literarisch nicht anerkannt wird.“  

Das zeigt mir, dass ich nicht so ganz falsch gelegen habe, als ich im Leserbrief Biller folgende Aussage in den Mund gelegt habe: „Ziemlich viele Lobeshymnen, die dein neuer Roman gerade absahnt. Spiegel-Bestseller Nr. 17 und dazu noch eine Longlist-Nominierung  – da kann man doch echt nicht klagen. Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste!“

Jetzt habe ich einen der längsten, jemals auf Buchrevier erschienen Blogbbeiträge geschrieben. Aber das Thema war mir wichtig und ich hoffe, dass ich meinen Standpunkt klar machen konnte. Mehr habe ich dazu erstmal nicht zu sagen.

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Foto: Gabriele Luger