Ein Wochenende mit Biller

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Jetzt bin ich also Antisemit. Und dazu noch dumm. Einer, der scheinbar nicht weiß, was er da schreibt. Der für ein wenig Fame andere diffamiert. Der aus der deutschen Geschichte nichts gelernt hat. Sprich: einer, der keinen Deut besser ist, als die braune Brut, die derzeit in Chemnitz mit ausgestrecktem Arm rechte Parolen brüllt.

Bin ich das wirklich? Lass ich das auf mir sitzen? Nein. Auf gar keinen Fall bin ich das. Und das lasse ich auch nicht auf mir sitzen. Das macht mich wütend.

Wer nicht ständig im Netz herumhängt, wird sich jetzt fragen: Was ist passiert? Denn den fraglichen Text, auf den sich die bei Facebook und besonders auf Twitter kursierenden Vorwürfe beziehen, habe ich erstmal offline genommen. Das ist kein Schuldeingeständnis, sondern der Tatsache geschuldet, dass ich gestern mit dem Auto auf der Rückreise von Südtirol nach Hause war und keine Zeit hatte, mich zu den Vorwürfen zu äußern. Das will ich aber hiermit in aller Ausführlichkeit tun.

Stein des Anstoßes war einer meiner Leserbriefe, ausgerechnet der Dreizehnte in der Reihe hier auf dem Blog. Diesmal war der Adressat Maxim Biller, dessen neuer Roman „Sechs Koffer“ derzeit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Ich habe mir in der vergangenen Woche die Hörbuchversion angehört und war nur mäßig begeistert von dem Werk. Was mir manchmal schwer fällt – und bei diesem Roman aufgrund seines autobiografischen Hintergrundes ganz besonders – ist, den Autor von seinem Werk zu trennen. In solchen Fällen greife ich zum Stilmittel des Leserbriefs.

Da kann ich schreiben, was in einer normalen Buchbesprechung, selbst in solch subjektiv verfassten wie meinen, nichts zu suchen hat. Ob Martin Walser, John Irving, Thomas Melle oder Sven Heuchert – jeder bekommt von mir offen und ehrlich gesagt, was mir zu ihm und seinem Werk durch den Kopf geht. Wer sich die Briefe hier auf dem Blog anschaut, wird feststellen, dass sie immer etwas launig geschrieben, stellenweise respektlos und übergriffig sind. Da wird eine persönliche Nähe simuliert, die so in der Form natürlich nicht besteht. Ich stelle Vermutungen an, lege den Adressaten etwas in den Mund, führe fiktive Zwiegespräche. Das ist das Konzept dahinter.

Das habe ich auch diesmal wieder gemacht. Ich habe mein gespaltenes Verhältnis zum Autor Maxim Biller dargestellt, den ich für seinen Mut zur Polemik bewundere, für seine souveränen Auftritte und für seine Textvirtuosität. Weil er so herrlich polarisiert, ist er eine der wenigen wirklich schillernden Persönlichkeiten im Literaturgeschäft. Trotzdem hatte und habe ich immer noch mit einigen seiner im ‚Literarischen Quartett‘ geäußerten Ansichten ein echtes Problem. Besonders negativ in Erinnerung geblieben ist mir seine vollkommen haltlose Kritik an Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischem Roman „Panikherz“. So sagte er dazu in der Sendung vom 26.02.2016 „Die Geschichte, die dieser Mensch hat ist klüger, als der, der sie aufschreibt.“ Das ist natürlich eine herrlich provokante Unverschämtheit, die auch mit einem Raunen im Publikum quittiert wird. Was mich aber aufregt ist das, was er direkt danach sagt: „Moment, ich will‘s begründen. Wir Juden begründen immer das, was wir sagen.

Bildschirmfoto 2018-09-02 um 20.50.56https://youtu.be/HdXFHlrRcA8 (ab Minute 25:00)

Als wenn Christen, Moslems oder Buddhisten niemals begründen würden, was sie sagen. Und so geht es bei ihm in einer Tour. Ständig, an den unpassendsten Stellen bringt er einen jüdischen Bezug ins Spiel. Anderes Beispiel: ebenfalls legendär, die Sendung vom 14.Oktober 2016, mit Billers nahezu unerträglichem Rant auf Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“. Als der Gast Thomas Glavinic meint, dass Melle das Thema mit einem schönen Humor behandelt, fragt Biller dazwischen: „Was ist das für ein Humor? Österreichischer, deutscher, jüdischer?“ In der Stuckrad-Barre Diskussion meinte er hingegen noch: “Es gibt nur einen Humor.

Was ich damit aufzeigen will: Biller ist kein Anlass zu profan, keine Situation unpassend genug, um deutlich zu machen, dass er Jude ist. Das ist sein gutes Recht. Damit unterscheidet er sich deutlich von anderen jüdischen Autoren, wie z.B. Robert Menasse oder Literaturkritikern wie Marcel Reich-Ranicki, die das, wie ich im Leserbrief anmerkte „nicht so raushängen lassen“. Weiter schrieb ich dazu:

Wenn das so eine Art Positionierung von dir ist, dein Alleinstellungsmerkmal im Literaturbetrieb, wenn du bewusst als jüdischer Autor wahrgenommen werden willst, als der deutsche Jonathan Safran Froer, dann, ja dann kannst du mit deiner Arbeit zufrieden sein. Das ist dir gelungen. Vielleicht geht es dir ja auch um Sichtbarkeit – seht her, ich bin Jude, ich schreibe, bin laut, nicht immer nett und nicht unauffällig. Ich provoziere und erlaube mir, eine Meinung zu haben, obwohl ich Jude bin. Vielleicht ist es das, was dich antreibt.“

Ich glaube tatsächlich, dass die Sichtbarkeit von Juden in unserer Gesellschaft, ein zentrales Anliegen von Biller ist. Und das finde ich grundsätzlich gut. Sich nicht verstecken, nicht wegducken, Gesicht zeigen. Aber wenn dieses fortwährende Bekenntnis zum Judentum, wie in obigen Beispielen aufgezeigt, aufgesetzt, unpassend und zwanghaft rüberkommt, dann ist das kontraproduktiv, und dann darf man das kritisieren. Ob jetzt „übersteigertes jüdisches Sendungsbewusstsein“ die richtige Bezeichnung dafür ist, wie ich das in meinem Facebook-Post zum Leserbrief bezeichnete, weiß ich nicht. Ein Begriff der von Björn Jager auch sofort hinterfragt und kritisiert wurde. Ich wollte es erst „missionarisch“ nennen, aber das trifft es auch nicht. Biller will nicht missionieren, nicht andere von seinem Glauben überzeugen. Er will Sichtbarkeit als deutscher Jude, jüdischer Autor. Das ist die Botschaft, die er vermitteln will und daher finde ich „Sendungsbewusstsein“ nach wie vor passend.

Ist es aber anscheinend nicht. Der von mir sehr geschätzte Florian Kessler kommentierte:

‘Jüdisches Sendungsbewusstsein‘ behauptet, Juden hätten andere Eigenschaften als andere Menschen. Das ist ein antisemitisches Konzept.“ Und weiter: „Der gesamte Text nimmt den Autor nicht als Individuum, sondern als Angehörigen eines konstruierten Kollektivs namens „Juden“ wahr – auch hier gilt: exakt so funktioniert Antisemitismus“. 

Damit war er da, der Antisemitismus-Vorwurf. Eine harsche Kritik, eine schwerwiegende Anklage und ein Stichwort, auf das einige bei Twitter scheinbar nur gewartet haben, um mich an den Ppranger zu stellen und lustvoll zum Shitstorm zu blasen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie solche Prozesse funktionieren. Einige Zeit steht der Text relativ unwidersprochen im Raum, wird angeklickt und bekommt Likes wie jeder andere Blogbeitrag auch. Erst, wenn eine anerkannte Autorität wie Kessler den Beitrag wie oben zitiert als wirklich schlimmen Text bezeichnet, traut sich die Herde aus der Deckung.

Schnell war mir klar, dass es nichts bringt, jetzt mit irgendwelchen auf der Autobahnraststätte ins Handy getippten Gegenargumenten zu reagieren. Der Vorwurf ist so  schwerwiegend und rufschädigend, dass es einer wohlüberlegten Antwort darauf bedarf. Denn eines war mir sofort klar: Das lasse ich auf keinen Fall auf mir sitzen. Also habe ich erstmal am Autobahnrasthof Sandhausen den Beitrag offline geschaltet. Das mit der wohlüberlegten Antwort versuche ich gerade. Katharina Herrmann hat mir davon abgeraten und meinte:

Lies dich doch bitte erst ein bisschen ins Thema Antisemitismus ein, bevor du dich zu so einem komplexen Thema äußerst, ich mach mir echt Sorgen, ob da was rauskommen kann, das dir nicht begründet um die Ohren fliegt.“ Meine Frau sagte: „Meiner Meinung nach musst du dich überhaupt nicht rechtfertigen. Aber wenn du unbedingt etwas dazu schreiben willst, dann nur kurz.“

Auf beide habe ich nicht gehört. Ich folge auch hier meinem Bauchgefühl und argumentiere, ohne mich irgendwo eingelesen zu haben, in einer für meine Verhältnisse ungewöhnlichen Ausführlichkeit. Als ich heute morgen mit einer Mordswut im Bauch aufgewacht bin, habe ich einen weiteren Kommentar von Björn Jager auf Facebook entdeckt, der mir Kraft gegeben hat, das hier alles zu schreiben:

Was mich aber wirklich interessiert: Nehmen wir Folgendes an. Nämlich dass man genervt ist von einem ganz bestimmten Thema, dass ein Autor immer wieder extensiv behandelt. Nehmen wir als Beispiel Genazino, bei dem die Hälfte der Kritik mittlerweile sagt: Immer dieselbe Chose, immer dieselben mittelalten Loser mit mittelschlimmen Problemen und mittelguten Beziehungen, immer dieselben Streifzüge durch mittelschöne Innenstädte. Da kann man das benennen, ohne Probleme zu bekommen. Man darf bei Walsers oder Roths erotischen Phantasien mit Frauen, die 60 Jahre jünger sind als die Protagonisten, mit den Augen rollen und sagen, wie sehr einen das anödet. Wie aber kann man das thematisieren, wenn einen die andauernde Thematisierung jüdischer Kultur bei Biller langweilt – denn ich hatte den Eindruck, genau das wollte der Text, so verunglückt er dann auch geraten ist. Die Frage ist also vielleicht: Geht das mit ausreichend Fingerspitzengefühl oder ist das Thema so komplex und so mit Politik, Geschichte, moralischen Standpunkten aufgeladen, dass es kaum kritisierbar ist?“

Ein wichtiger Aspekt und eine Frage, die ich mir natürlich auch gestellt habe. Wenn ja, dann auf alle Fälle mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl und nicht so schnoddrig wie ich das im Biller-Leserbrief getan habe: „Immer wieder im gleichen deutsch-jüdischen Geschichtensaft zu schmoren, ist auf die Dauer auch langweilig.“ Aber von der Form mal abgesehen, ich würde eine christliche oder muslimische Monothematik bei einem Autor doch genauso kritisieren. Hier mache ich zwischen Religionen und Weltanschauungen eigentlich keinen Unterschied. Denn wer Juden andere Rechte zugesteht als Christen oder Moslems, grenzt sie doch schon aus. Und obwohl ich mich mit dem Thema nicht beschäftigt habe, sagt mir der gesunde Menschenverstand, dass auch das ein antisemitisches Konzept ist.

Apropos – ich wollte noch mal auf die Kritik von Florian Kessler zurückkommen. Wenn es antisemitisch ist, zu behaupten, Juden hätten andere Eigenschaften als andere, was ich – wie ich betonen möchte – nie getan habe, wie ist dann Billers Aussage zu werten, der sagt: „Wir Juden begründen immer das, was wir sagen“? Bedient er dann nicht selbst ein antisemitisches Konzept? Und wenn es Biller so wichtig ist, als jüdischer Autor wahrgenommen zu werden, entzieht er sich damit nicht selber der individuellen Betrachtung und ordnet sich ein in ein, wie Florian es nennt: ‚konstruiertes Kollektiv‘? Eigentlich ein genialer Schachzug. Denn damit riskiert jeder, der Biller den Spiegel vorhält und ihn mit seinen eigenen Aussagen konfrontiert, Antisemitismus vorgeworfen zu bekommen. Biller wird dadurch nahezu unangreifbar. Und die Kritiker können sehen, wie sie da wieder rauskommen.

Wo Florian Kessler aber in seiner Kritik absolut recht hat, ist Folgendes: „ ‚Jüdisch-sein‘ ist keine Religion und kein Glaube.“ Ja, das stimmt, das habe ich tatsächlich bisher immer falsch betrachtet. Und das ist vielleicht der Knackpunkt und mit einer der Gründe für die harsche Kritik an dem Leserbrief. Jüdisch-sein ist nochmal was anderes als Christ zu sein. Jüdisch-sein ist eine Identität. Und das ganz besonders vor dem historischen Hintergrund, der Verfolgung durch die Nazis und die vielen Jahrhunderte der Vertreibung und dem Leben in der Diaspora. Der Glaube wurde für die Juden zur Identität. Und ist daher meine verwunderte Frage, warum Biller als modern denkender Mensch seine Religionszugehörigkeit und seinen Glauben so in den in den Mittelpunkt stellt, natürlich absoluter Blödsinn. Denn die Identität eines Menschen steht immer im Mittelpunkt.

Ja, ich weiß. Für den einen oder anderen mag das so klingen, als würde ich mich rauswinden, der reinen Form halber hier und da ein wenig von der Kritik annehmen, ansonsten aber alles weit von mir weisen. Aber so sehr ich mich mit der Thematik beschäftige – und das umfasst jetzt schon den gesamten Sonntag – desto mehr Seiten tun sich auf. Das Thema ist so komplex, so vielschichtig, dass es sehr, sehr schwierig ist, zwischen richtig oder falsch zu unterscheiden. Ich sehe mich in meinen Aussagen zum Teil bestätigt, sehe aber auch die andere Seite und erkenne die Problematik, die Florian, Katharina und Björn aufgezeigt haben. Die letzte Frage, die ich mir stelle, ist, ob dieser Leserbrief jetzt unbedingt hätte geschrieben werden müssen. Manche Dinge denkt man sich besser im Stillen und hält seine Klappe. Aber wir Blogger sind nun mal irgendwie ein mitteilungsbedürftiges, um nicht zu sagen geschwätziges Volk und Katharina Herrmann hat schon recht, wenn sie sagt:

„Du selbst siehst deinen USP darin, dich als „letzter lesender Mann“ zu inszenieren. Das ist also ok für dich, Selbstinszenierung über Männlichkeit, was du aber nicht ok findest, denn darüber schreibst du ja hier ausführlich, ist: „Selbstinszenierung“ (ich benutze schon das Wort echt ungern dafür) als Jude.“

Doch natürlich, das ist ok. Jeder so wie er mag.

Ach ja, ein letzter Punkt noch: Bei Twitter fand ich unter Florian Kesslers Tweet einen Kommentar von Berit Glanz, die auf einen Text des literaturkritischen Blogs Buchdruck verwies, der zeigt, …“wie man sich kritisch mit Biller befassen kann ohne in antisemitische Denkmuster zu verfallen.“ In dem in der Tat sehr eindrucksvollen Text von Simon Sahner, der sich sehr intensiv mit Billers erstem Teil seiner Heidelberger Poetik-Vorlesung auseinandersetzt, fand ich folgende Passage:

 Da Maxim Biller vermutlich selbst weiß, dass seine eigene Literatur kaum als Gegenbeispiel für die von ihm kritisierte blutleere Gegenwartsliteratur taugt, hebt Biller auf das Argument ab, dass die Nichtbeachtung, die ihm zuteil wird, mit seinem Jüdischsein zusammenhängt. Nicht nur in der Heidelberg Vorlesung, sondern bereits in einem Beitrag für die ZEIT nach Erscheinen seines aktuellen Romans Biografie, macht er Antisemitismus dafür verantwortlich, dass er literarisch nicht anerkannt wird.“  

Das zeigt mir, dass ich nicht so ganz falsch gelegen habe, als ich im Leserbrief Biller folgende Aussage in den Mund gelegt habe: „Ziemlich viele Lobeshymnen, die dein neuer Roman gerade absahnt. Spiegel-Bestseller Nr. 17 und dazu noch eine Longlist-Nominierung  – da kann man doch echt nicht klagen. Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste!“

Jetzt habe ich einen der längsten, jemals auf Buchrevier erschienen Blogbbeiträge geschrieben. Aber das Thema war mir wichtig und ich hoffe, dass ich meinen Standpunkt klar machen konnte. Mehr habe ich dazu erstmal nicht zu sagen.

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bibliotopia

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Mit Volldampf raus aus der Buchkrise. Wie eine Branche sich neu erfindet.  

Wir schreiben das Jahr 2030. Vom Schock, als vor zehn Jahren die Preisbindung für Bücher aufgehoben wurde, hat sich der Buchmarkt mittlerweile wieder erholt. Die verbliebenen Verlage, der Geschenke-, Schreib- und Buchwarenhandel, sowie die Vereinigung der Bahnhofskioske melden erstmals wieder steigende Umsätze. Branchenexperten sprechen bereits von einer Renaissance des Buches und bezeichnen den Beinahe-Zusammenbruch des Marktes in 2020 als ein längst überfälliges und reinigendes Gewitter, als einen dringend notwendigen Aderlass für einen ballastfreien Neuanfang.

Die Pleitewelle, der knapp 50 Prozent der Verlage und zwei Drittel des stationären Buchhandels zum Opfer gefallen sind, hat auch den Bildungsdünkel und die überfrachteten Kulturdebatten, die dem Medium Buch seit jeher anhafteten, mit ausgelöscht. Befreit vom antiquierten Bildungsballast konnte das Lesen von Büchern in den letzten Jahren einen enormen Imagewandel verzeichnen und erreicht neuerdings wieder Zielgruppen, die seit Generationen keine einzige Seite mehr gelesen haben.

In Bussen und Bahnen sieht man mittlerweile immer mehr Menschen, die tatsächlich ein Buch in den Händen halten und darin lesen, statt mit verklärtem Bick auf Handhelds und durch Smart-Glasses zu starren. Das liegt zum einen daran, dass billige Unterhaltungsliteratur, die nach wie vor über 80 Prozent des Buchmarktes ausmacht, endlich auch das kostet, was sie wert ist und somit wieder für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich ist. Romane sind statt für 20 Euro jetzt für durchschnittlich 99 Cent oder alternativ zehn Payback-Punkte zu haben. Um der gestiegenen Nachfrage zu begegnen, hat die Thalia-Douglas-Bahnhofskiosk AG ihre Verkaufsflächen in den letzten zwei Jahren um über 200.000 qm erweitert. In den Hauptbahnhöfen von Metropolen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg und München sind die modernen 24/7-Filialen mittlerweile rund um die Uhr geöffnet.

Generell hat die Aufhebung der Buchpreisbindung dem Buch völlig neue Absatzkanäle eröffnet. Für viel Aufmerksamkeit hat zum Beispiel die Entscheidung der Edeka-Gruppe gesorgt, die begehrten Treuepunkte durch Treuebücher zu ersetzen. Ab einem Einkauf von 10 Euro gibt es an der Lebensmittelkasse einen Fitzek-Backlisttitel und ab 20 Euro einen Elfen-Roman von Bernhard Hennen dazu. Ganz neu und nur so lange der Vorrat reicht: Von August bis Oktober wird es ab 50 Euro Einkaufswert sogar einen Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises zu jedem Einkauf mit dazu geben. Bereits jetzt gilt die Edeka-Treuebücher-Aktion als die erfolgreichste Zugabe-Aktion in der Firmengeschichte des Lebensmittelhandels. Im Netz werden einzelne Edeka-Treuebücher bereits zu Spitzenpreisen gehandelt. Für Edeka Marketing-Vorstand Joachim Ländle ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Buch quer durch alle Bevölkerungsschichten immer noch eine hohe Attraktivität besitzt. „Die Treuebücher sind um ein Vielfaches begehrter, als zum Beispiel Bratpfannen oder Kugelgrills“, so Ländle. Durch den Erfolg der Aktion beflügelt, plant die Edeka-Gruppe bereits die Gründung eines eigenen Verlages. Erste Gespräche mit einer Münchener Literaturagentur, die ihren gesamten Autorenstamm bei Edeka einbringen will, haben bereits stattgefunden.

Für Aufmerksamkeit in bibliophilen Kreisen sorgt auch Heiner Kamps, ehemaliger Eigentümer der Kamps-Bäckereien, der in Düsseldorf ein komplett neues Buchhandlungs-Frischekonzept etabliert hat, das bald auch bundesweit durchstarten soll. In Kamps`neuer Book’n go-Filliale wird Literatur jeden Tag frisch produziert. Im wöchentlichen Wechsel steht dafür immer ein Autor oder eine Autorin vor Ort zur Verfügung, die im Schaufenster neue Kurzgeschichten, Romankapitel und auf Wunsch auch Lyrik und kleinere Essays tastaturwarm produzieren. Gerade mal 4,95 Euro kostet der Coffee to go mit einer Single-Hero-Kurzgeschichte. Für jeden weiteren Protagonisten muss der Kunde einen Euro zusätzlich investieren. Auch ein zweiter Handlungsstrang kann für drei Euro dazu gebucht werden. Heiner Kamps ist vom Erfolg seiner Book’n go-Filialen überzeugt. „Eine gute Geschichte und ein guter Kaffee haben eines gemeinsam – aufgewärmt schmecken sie nicht. Bei uns gibt es beides täglich frisch“, sagt der mittlerweile 95-jährige Franchise-Papst. Ein Konzept, das aufzugehen scheint. Täglich bilden sich vor dem Geschäft lange Schlangen kaffee- und literaturbegeisterter Kunden. Auch namhafte Schriftsteller reißen sich mittlerweile darum, eines der begehrten Wochen-Engagements bei Book‘n go zu bekommen. Kamps ist bis weit ins nächste Jahr ausgebucht. Kein Wunder, verdient man doch in einer Woche als Kaffeeshopschreiber mehr als sonst im ganzen Jahr.

Überhaupt hat sich die ehemals prekäre Lage der Autoren in den letzten Jahren stark gewandelt. Wer es geschafft hat, einen Titel im Edeka Treueprogramm zu platzieren, kann sich als mehrfacher Auflagen-Millionär zu den Besserverdienenden im Lande zählen. Aber mittlerweile lassen sich auch mit weniger massentauglicher Literatur und Mini-Auflagen gute Gewinne erzielen. Bestes Beispiel ist Daniel Lamper, ein Verleger-Urgestein, der als einer der wenigen den abzusehenden Wegfall der Buchpreisbindung nicht als Katastrophe, sondern als Chance gesehen hat. Der Schweizer Lamper-Verlag war der einzige, dessen Bücher nach 2020 nicht billiger, sondern teurer wurden, sehr viel teurer. Der derzeitige Spitzentitel aus dem Frühjahrsprogramm kostet knapp tausend Euro. Über zweihundert Exemplare hat er davon bereits verkauft. An Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Haushaltsnettoeinkommen, deren persönliche Vita laut Inbound-Analyse deutliche Parallelen zum Plot des Titels aufweist und deren Einrichtungsstil farblich zum Cover des Buches passt.

Alles in allem blickt der Buchmarkt wieder positiv in die Zukunft. Seit drei Jahren steigt die  Zahl der Buchleser wieder kontinuierlich an. Die Verlage suchen händeringend nach Mitarbeitern, und in der Liste der 100 reichsten Deutschen befinden sich seit letztem Jahr drei Verleger und sechs Autoren. Letztlich hat sich bewahrheitet, was Personen wie Daniel Lamper bereits vor der Krise immer wieder behauptet haben. „Das Buch ist nicht tot, es hat nur eine Weile sehr tief geschlafen.“

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Foto: Gabriele Luger

 

To cut a long story short

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Sie sagen, dass ein Kulturgut wie das Buch niemals sterben wird. Dass sie immer noch ganz viele Leute kennen, die leidenschaftlich gerne lesen und man nur an die Kraft der Literatur glauben muss. Ein kleines Leistungstief sollte man nicht überbewerten, sagen sie. Nach jedem Tief folgt immer auch das nächste Hoch. Und überhaupt, heißt es nicht: Totgesagte leben länger? Also was soll die Panikmache? Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Die sechs Millionen verlorenen Leser gleichen wir schon irgendwie wieder aus.

Sie, das sind die deutschen Verlage und dieses „Irgendwie“ sieht momentan so aus: interne und externe Kosten einsparen, Marketingausgaben kürzen und noch ein paar mehr Titel raushauen. In der Hoffnung, dass einer davon zündet und zwar so richtig, mit sechsstelliger Auflage sowie Film- und Auslandslizenzen. Dann hätte man wieder etwas Luft, könnte die Löcher stopfen und mit ein wenig Glück noch ein paar Jahre so weiter machen.

Mehr als eine Das-Wird-Schon-Wieder-Strategie hat die Buchbranche den desaströsen Marktzahlen, die die GfK im Auftrag des Börsenvereins erhoben hat, scheinbar nicht entgegenzusetzen. Gelegentlich wird der Ruf nach staatlicher Unterstützung laut. Ist ja schließlich Kultur, was da produziert wird. Und deswegen: Finger weg von der Buchpreisbindung.

Als bibliophiler Mensch beklage ich natürlich diese Entwicklung zutiefst und kann auch nicht glauben, dass das Buch tatsächlich von so profanen Dingen wir dem Smartphone und Netflix verdrängt werden soll. Aber ich befürchte, wenn außer diesem Weiter-So nichts passiert, wird genau das eintreten.

Wenn das Gros der Leser sich nicht mehr auf längere Texte einlassen kann und will, weil sie alle 18 Minuten aufs Handy schauen müssen; wenn sie lieber Serien als Filme gucken, lieber Instagram-Posts  als Zeitschriftenartikel und Blogbeiträge lesen; wenn sie all das in der Befragung als Gründe angeben, warum sie sich keine Bücher mehr kaufen – warum zieht dann die Verlagsbranche nicht den einzigen plausiblen Rückschluss aus dieser Markterhebung und setzt nach wie vor auf lange Texte? Warum besteht das Gros der literarischen Neuerscheinungen immer noch aus Romanen, 300 Seiten dick und mehr?

Ich frage mich, mit wieviel Zaunpfählen der Konsument noch wedeln soll, damit die Verlagsbranche endlich kapiert, wo die Reise hingeht. Aber nein, sagen sie – wir glauben an den Roman, wir sind schließlich nicht in den USA, haben da jahrelange Erfahrungswerte, Kurzgeschichten laufen in Deutschland einfach nicht, sagen sie.

Und warum laufen sie nicht? Weil es kaum welche gibt. Weil talentierte Debütautoren mit ihren Kurzgeschichten, und wenn sie noch so gut sind, bei den etablierten Verlagen keine Chance auf Veröffentlichung haben. Sprechen sie uns wieder an, wenn sie einen Roman haben, sagen sie und merken noch nicht mal, dass sie da gerade das eigene Grab einen Spatenstich tiefer graben.

Natürlich gibt es hier und da immer mal wieder Bände mit Kurzgeschichten. Und natürlich laufen sie nicht so gut. Und warum? Weil nichts für sie getan wird. Weil Verlage immer noch romanfixiert sind, weil kein Band mit Kurzgeschichten es jemals schaffen würde, Verlags-Spitzentitel zu werden, mit einem fetten Marketing-Budget und all der Vertriebsunterstützung, die ein entsprechender Roman bekommen würde.

Aber der Markt ist im Wandel. Und wenn immer mehr ehemalige Leser angeben, dass sie keine Zeit und Muße mehr für lange Texte haben, warum bieten Verlage dann nicht einfach mehr Literatur in Kurzform? Warum lässt die Buchbranche sechs Millionen Leser achselzuckend einfach zu Facebook, Twitter, Instagram und Netflix abwandern, anstatt mit einer konzertierten Aktion den Markt für Kurztexte aller Art nach vorne zu bringen? Warum gibt es den Deutschen Buchpreis nur für Romane? Warum wird immer noch an einer literarischen Form festgehalten, die aus der Zeit zu fallen droht?

Und warum weiß ich jetzt schon, was sie dazu sagen werden?

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Blonde, zornige Bücherkrähe und das Mimimi

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Wir haben beide das gleiche Hobby: Lesen und Bloggen. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit, zwischen mir und Mareike Hansen, besser bekannt als Bücherkrähe vom Blog „Crow and Kraken“  (Crowandkraken.de). Im März hat Mareike in einem vieldiskutierten Blogbeitrag einen Auftritt von Jochen Kienbaum, Katharina Herrmann und mir auf den Blogger Sessions in Leipzig stark kritisiert und mich dabei als einen alten weißen Mann bezeichnet, der über die Qualität von Literatur-, bzw. Buchblogs doziert und die Deutungshoheit darüber beansprucht. Ziemlich dreister Vorwurf, dachte ich mir. Wer ist das? Was will die?

Doch als der erste Ärger verraucht war, habe ich mir den Blogeitrag etwas genauer durchgelesen. Er war gut geschrieben, die Kritik nachvollziehbar und so dachte ich mir, setzt dich doch mal mit der Autorin auseinander. Und so haben wir, statt uns weiter anzugiften, einfach ein gegenseitiges Telefoninterview vereinbart, um mal ein paar Dinge zu klären. Und siehe da: so unterschiedlich ticken wir gar nicht.

Hier nun das Ergebnis dieses Austauschs. Auf Buchrevier antwortet Mareike auf meine Fragen und auf ihrem Blog Crow and Kraken findet man meine Antworten auf ihre. So bekommen unsere Leser mal einen kleinen Einblick in eine andere Filterblase. Mareike und ich wünschen viel Spaß beim gegenseitigen Kennenlernen.

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Buchrevier: Du liest Bücher, die mich überhaupt nicht interessieren. Für mich ist das stellenweise billigste Unterhaltungsliteratur. Auf der anderen Seite hast Du einen hohen Anspruch, bist sehr kritisch und hinterfragst vieles. Das passt in meinen Augen nicht zusammen.

Mareike: In meinen Augen passt das hervorragend zusammen, ich kann dir auch sagen warum: mein Kopf steht nie still. Er funktioniert wie ein Flipper mit drei Kugeln gleichzeitig, ständig fallen mir neue Sachen ein, habe Ideen, verarbeite neue Informationen und auch der kritische Blick ist im Grunde nie aus. Da brauche ich regelmäßig Pause. Manche machen den Fernseher an und gucken Unterhaltungsshows, andere gehen mit dem Hund spazieren und ich lese das, was du billigste Unterhaltungsliteratur nennst. Man kann aber auch in dieser Sparte sehr interessante Ansätze finden, die zum Nachdenken anregen und die in einem nachwirken 😉

Hast Du jemals etwas auf meinem Blog gelesen?

Mareike: Habe ich in der Tat, aber bin irgendwie nie hängen geblieben.

Warum, nicht? Zu langweilig?

Mareike: Ich lese generell nicht so gerne Buchrezensionen. Und wenn, dann über Bücher, die mich auch interessieren. Da gibt es bei uns in der Tat wenig Überschneidungen. Deine Meinungsartikel habe ich gelesen, muss aber sagen, die sind auch nicht unbedingt mein Ding. Ich bin da eher an anderen Themen interessiert.

Ein Aspekt, den Du in deinem Beitrag kritisiert hast, ist die Differenzierung zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern. Wie würdest Du den Unterschied zwischen unseren beiden Blogs, der ohne Zweifel da ist, sonst benennen?

Mareike: Natürlich gibt es Unterschiede, zwischen unseren Blogs, aber auch zwischen all den anderen. Der Begriff „Buchblogger“ wird, so mein Eindruck, immer irgendwie abwertend benutzt. Vornehmlich von denen, die sich als Literaturblogger bezeichnen und wie Du ja auch vor allem „anspruchsvolle“ (Gegenwarts-)Literatur lesen. Dabei sind laut Definition Thriller und Romanzen ebenso Literatur wie Thomas Mann, Philip Winkler oder Thomas von Steinaecker. Blogger*innen, die sich mit Thrillern und Graphic Novels wohler fühlen, per se als qualitativ schlechter zu bewerten, finde ich falsch.

In der Musik ist das doch ähnlich. Überspitzt ausgedrückt: Es gibt Leute die hören Helene Fischer und welche, die hören Radiohead. Beides ist Musik. Trotzdem liegen Welten dazwischen.

Mareike: Natürlich! Jeder Mensch setzt sich anders mit Literatur auseinander. Manche eher oberflächlich, manche tiefergehend, und manche wenden alle Tricks an, die sie im Germanistikstudium gelernt haben. Doch bedeutet Letzteres automatisch Qualität? Oder die Auswahl der Bücher? Es gibt Leute, die lesen die Buchpreislisten rauf und runter und geben darüber nichts als heiße Luft von sich. Andere Blogs setzen sich kritisch mit Jugendfantasy auseinander oder mit bestimmten Tropes im Genre Thriller. Das ist eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Literatur – auch ohne Feuilletonbestseller.

Meinst Du nicht, dass Qualitätskriterien und eine Genre-Trennung gut und notwendig wären, um die Relevanz von Buchblogs in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken?  

Mareike: Ich denke nicht, dass Genre und Qualität miteinander korrelieren. Ein Liebesroman ist nicht automatisch seichte Unterhaltung und Julie Zeh ist nicht automatisch das literarische Non-Plus-Ultra, nur weil sie Literaturpreise gewonnen hat. Qualitätskriterien sollten sich an anderen Dingen orientieren. Schreibt da jemand in einer Rezension nur „Cover ist hübsch, die Liebesgeschichte ist soooo süß, lest das!“, oder kommt da mehr? Wie setzt sich die Bloggerin oder der Blogger überhaupt mit Literatur auseinander? Gibt es eine kritische Haltung oder geht es schlicht um das blinde Konsumieren von Geschichten? Blindes Konsumieren ist nichts schlechtes, manche nehmen das einfach als Flucht aus dem Alltag und das ist absolut in Ordnung. Allerdings ist mir erfahrungsgemäß die Auseinandersetzung auf dem Blog dann zu oberflächlich und – sorry – auch zu langweilig.

Die Blogger*innen, die sich intensiver mit dem Gelesenen auseinandersetzen und/oder auch eine gewisse Expertise in bestimmten Genres erreichen, werden auch diejenigen sein, die für die Buchbranche relevanter werden. Im Moment wird bei größeren Aktionen noch viel auf Reichweite gesetzt, aber es gibt auch schon welche, bei denen Blogger angefragt werden, die auch richtig viel Ahnung vom jeweiligen Thema haben.

Ich denke, da wird sich noch viel entwickeln. Und natürlich werden da auch Qualitätskriterien eine Rolle spielen.

Wie wichtig ist dir überhaupt Resonanz und Relevanz?

Mareike: Sagen wir so: Das, was ich schreibe, muss in der Regel einfach aus dem Kopf raus. Ich würde allerdings lügen, wenn ich behaupte, bei bestimmten Anliegen ist mir Resonanz und Relevanz nicht wichtig. Gerade was Feminismus, Sexismus und Rape Culture angeht sind mir meine Artikel und Rezensionen sehr wichtig. Ich komme aus einem politisch aktiven Umfeld, natürlich will ich was bewegen. Ich merke aber auch, dass mir Resonanz und Relevanz in den letzten Monaten wichtiger geworden sind. Ich blogge immer noch über Themen und Bücher die mir wichtig sind und fange nicht an, meinen Leser*innen nach dem Mund zu schreiben. Trotzdem bewege ich mich aus der „Mir egal wer das liest“-Einstellung weg.

Du hast ein starkes politisch/soziales Sendungsbewusstsein (Feminismus, Antirassismus, LGBT, etc.). Wäre da nicht eine andere Art Blog besser für Dich?

Mareike: Hahaha, nein. Ich hatte bis Anfang des Jahres tatsächlich zwei Blogs, einmal Die Bücherkrähe für Literatur und den Black Kraken für Politik. Ich habe es aber nicht geschafft, zwei Blogs gleichzeitig zu betreuen und habe sie deswegen im Januar zusammengezogen. Deswegen Crow and Kraken. Die Bücherkrähe war von jeher schon politisch und kritisch, eigentlich war es nur ein logischer Schritt. Und jetzt kann ich über beide Themen bloggen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob ich genug Bezug zur Literatur habe, um es auf dem Literaturblog zu posten.

Warum greifen wir uns an, anstatt gemeinsam etwas dafür zu tun, dass Lesen wieder sexy wird? Könntest Du dir irgendetwas Gemeinsames vorstellen?

Mareike: Das erste Gemeinsame haben wir ja gerade geschafft: wir haben uns an den telefonischen runden Tisch gesetzt und über unsere Differenzen und Unterschiede, aber auch über unsere Gemeinsamkeiten gesprochen. Wenn mich eine Aktion oder eine Zusammenarbeit reizt bin ich sowieso für jede Schandtat zu haben – solange ich eben mit Blog und Blogger zurechtkomme.

Ich denke, der restliche Streit, der zwischen Blogger*innen immer mal wieder auftaucht, liegt viel an den unterschiedlichen Auffassungen, was Lesen und darüber bloggen eigentlich aussagen soll, aber auch an vielen Missverständnissen. Ich habe bei dir z.B. gelernt, dass du den Begriff „Literaturblogger“ nicht am Genre ausmachst, sondern wie jemand über Literatur bloggt. Das finde ich sehr spannend, und ich bin froh, dass wir uns zusammengesetzt haben. Und zukünftig habe ich bestimmt auch noch ein paar andere Ideen für gemeinsame Sachen!

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Kein Tag wie jeder andere

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Heute ist mal wieder einer dieser nervigen Aktionstage. So etwas denken sich findige PR-Leute aus, wenn irgendetwas zusehends an Bedeutung verliert und mal wieder dringend ein wenig Aufmerksamkeit benötigt. Deswegen gibt es den Tag des Schulbrotes, den Tag der aufgehängten Wäsche, den Welt-Pfeifenrauchertag und heute, am 23. April, den Tag des Kirchkäsekuchens, des Bieres und natürlich den Welttag des Buches. Für Menschen wie mich, die all das gerne mögen, gleich drei Gründe, um zu feiern.

Aber mal ehrlich: Wie armselig ist das eigentlich? Das Buch, ein Medium, dem die Menschheit eigentlich alles verdankt – Religion, Weltanschauung, Wissenschaft und Kultur – in einem Atemzug genannt mit so profanen Genussmitteln wie Kirschkäsekuchen und Bier? Und doch passt es leider nur zu gut. Alle drei Produkte verlieren in dramatischem Ausmaß Marktanteile. Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig. Von den zahlreichen Brauereien, die es vor dreißig, vierzig Jahren noch in jeder mittleren deutschen Stadt gab, ist kaum noch eine übriggeblieben. In der Kirchkäsekuchen-Branche kenne ich mich nicht so aus, schätze aber, dass die leckere Kalorienbombe von den aktuellen Ernährungstrends eher weniger profitiert. Und von der Buch- und Verlagsbranche, die in den letzten vier Jahren über 6 Millionen Käufer verloren hat, wollen wir gar nicht erst reden. Fakt ist: Alle drei Branchen haben im Prinzip so einen Impulstag dringend nötig.

Doch aufhalten wird man den schleichenden Bedeutungsverlust mit solch verzweifelt anmutenden Aktionstagen natürlich nicht. Im Gegenteil, der gemeine Konsument sieht sich in seiner Abkehr vom Produkt dadurch eher noch bestätigt. Falls ihm das bisher noch nicht aufgefallen ist, stellt er spätestens heute fest, dass mit dem Produkt Buch irgendetwas nicht in Ordnung sein muss, wenn es schon solcher Marketingaktionen bedarf. Und wer sich daraufhin mal wachen Auges umschaut, nach Büchern in den eigenen vier Wänden und in der Nachbarschaft Ausschau hält, einfach mal darauf achtet, wer in U-Bahn oder Bus überhaupt noch ein Buch in den Händen hält und dann vielleicht bemerkt, wie wenig über Bücher noch in den Zeitungen steht und wie sich das Sortiment in den Buchhandlungen verändert hat – der, ja der wird sich über gar nichts mehr wundern.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man überhaupt noch etwas gegen den schleichenden Verfall der Lesekultur und die schwindende Bedeutung des Kulturgutes Buch tun kann. Wir Blogger schreiben uns seit Jahren die Finger wund, fotografieren Buchcover mit Heißgetränken auf Bettdecken, versuchen verzweifelt andere mit unserer Lese-Begeisterung anzustecken, doch vergebens. Die Masse guckt lieber Bibis Beautytipps und amerikanische Serien auf Netflix.

Man muss nur mal auf eine durchschnittliche Buchlesung gehen, da weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Auch bei jungen Autoren ist das Durchschnittsalter im Publikum weit über Fünfzig. Wenn da nichts Junges nachwächst, ist in zwanzig Jahren auch damit Schluss. Im Prinzip hat der US-Medienwissenschaftler Neil Postman diesen Trend in den späten Achtzigern schon vorausgesehen. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat er bereits von einer Vermüllung mit Informationen, einer zunehmenden Orientierungslosigkeit des Einzelnen und einer Erkrankung der Gesellschaft an „kulturellem Aids“ gesprochen.

Vermüllung ist das richtige Stichwort. Wir werden nicht nur mit Informationen zugemüllt, sondern auch mit Büchern. Das Einzige, was der Literaturbetrieb dem stetigen Verlust von Lesern entgegenzusetzen hat, ist immer noch mehr Bücher herauszubringen. Und zwar so viele, dass selbst buchverrückte Menschen wie ich nicht mehr nachkommen. Ich habe hier einen Stapel von zwanzig aktuellen Frühjahrstiteln liegen, noch keinen davon gelesen, da bekomme ich schon wieder die Vorschauen für das Herbstprogramm zugeschickt. Wer um Himmels Willen soll das alles noch lesen, wertschätzen, weiterempfehlen? Irgendwann wird es einfach zu viel. Erst verliert man den Überblick und irgendwann die Lust.

Liebe Verlage, hört bitte auf mit diesem Neuerscheinungswahn. Das ist blinder Aktionismus und in meinen Augen der falsche Weg. Immer weniger Leser brauchen nicht immer mehr neue Bücher. Lasst uns Zeit, das alles zu lesen, auch mal wieder Backlisttitel und den einen oder anderen Klassiker. Gebt uns ein paar Monate, uns eine Meinung zu bilden, einen Autor, eine Autorin richtig kennenzulernen, uns auch mal auf sperrige Bücher einzulassen und auch mal ein paar neue Verlage zu erkunden. Das hat auch was mit Respekt zu tun. Respekt vor der Arbeit des Autors, der Autorin. Denn was sind denn Schriftsteller heute noch? Eine Herde Kühe, die entweder im Frühjahr oder Herbst für drei Monate durchs Dorf gejagt wird, wenn überhaupt.

Darf ich mir etwas wünschen? Um noch mehr Spaß mit Literatur zu haben, wünsche ich mir etwas weniger Literatur. Maximal vier bis fünf neue Titel pro Verlag und Programm. Und warum nicht nur ein Programm und eine Buchmesse im Jahr? Jedes Jahr im Wechsel entweder Leipzig oder Frankfurt, so wie es auch andere Branchen machen. Das alles wünsche ich mir, weil heute nicht nur der Welttag des Buches, sondern auch mein Geburtstag ist. Ein schöner Grund zum Feiern. Kommt alle vorbei. Es gibt Kirchkäsekuchen und Bier.

Foto: Gabriele Luger

Blogger unter Leistungsdruck

18

19.00 Uhr – ich bin endlich zu Hause, begrüße Frau und Hund. Zum Abendessen gibts gebratene Hühnerbrust mit Salat, danach noch ein paar Sätze über dies und das. Kurz vor acht gehe ich dann hoch und setze mich in meinen Sessel. Die aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Da passiert nicht viel. Introspektiv eigentlich schon, aber eine echte Handlung ist das nicht. Und in letzter Zeit bin ich abends ziemlich platt. Kann mich schwer konzentrieren. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig. Also noch zwei Abende zum Lesen und einen zum Schreiben. Dann darf aber nichts mehr dazwischen kommen. Keine Einladung bei Freunden, keine familiäre Verpflichtung, keine Projekte im Garten. Klappt schon irgendwie.

Also los jetzt. Nicht Facebook gucken, Handy aus und lesen. Vielleicht packt mich das Buch ja doch und ich schaff heute noch 50 oder 100 Seiten. Dann wäre ich wieder voll im Zeitplan. Und wenn nicht, muss ich mir was anderes überlegen. Vielleicht mal wieder ‘ne Liste, irgendetwas Witziges. Könnte diesen Monat eh noch ein paar Klicks gebrauchen. Nur mit Besprechungen kann man ja nichts reißen. Das wird zur Kenntnis genommen, aber viel mehr passiert da nicht. Ich glaube, bei den anderen ist es ähnlich. Irgendwie stagniert im Moment alles. Der Markt scheint gesättigt. Wachstum ist kaum noch möglich, es sei denn durch Verdrängung. Die Erfolgskonzepte von gestern funktionieren nicht mehr. Kaum einer kann mit Sicherheit sagen, was gut und was weniger gut läuft. Eines steht aber fest: Auf die Bücher kommt es nicht an. Egal ob total angesagt oder vollkommen unbekannt – ich hatte schon Tops und Flops in beiden Bereichen. Selbst böse Verrisse oder das beliebte Blogger-Bashing sorgen nur noch für ein müdes Schulterzucken.

Ehrlich gesagt bin ich grad komplett ratlos und glaube langsam, dass viraler Erfolg so ein Random-Ding ist. Man kann es nicht beeinflussen, sondern nur immer wieder probieren. So wie die traurigen Gestalten von gegenüber, die jeden Tag aufs Neue die Spielhalle betreten und die Automaten mit Münzen füllen. Irgendwann kommt der Jackpot, ganz bestimmt sogar, man darf nur nicht aufhören, daran zu glauben. Einfach Weitermachen – so lautet das Mantra. Geduld und Stehvermögen haben und den Frust einfach runterschlucken. Irgendwann zahlt sich das dann aus. Und stell dir bloß mal vor, du hörst kurz vorher auf. Der letzte Heiermann, der den Jackpot bringen würde, den sparst du dir und kaufst dir dafür stattdessen ein Bier und ne Bratwurst. Das tut gut im Magen, aber dann hörst du es im Hintergrund auf einmal klackern. Dein Automat spuckt den Hauptgewinn aus, aber ein anderer steht davor und kann sein Glück kaum fassen. Dein Glück in anderen Händen. Kann passieren. Warum hast du auch aufgehört? Noch ein Fünfer und der Automat wär fällig gewesen. Aber du, du hattest ja Hunger.

Ich ertappe mich beim Träumen. Habe mal wieder drei, vier Seiten gelesen und an etwas ganz anderes gedacht. Also noch mal zurückblättern und schauen, wo sie mich verlassen hat, diese Geschichte, die nicht meine ist. Die sich zieht, wie Kaugummi, nichts mit mir zu tun hat, mich langweilt, mich wegträumen lässt. Was tue ich mir hier eigentlich an? Jeden verdammten Abend in diesem Sessel sitzen, mich konzentrieren, zuhören, in fremde Leben eintauchen. Als wenn ich kein eigenes hätte, keine Probleme und Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. Habe ich aber. Da ist ganz viel Introspektives, auch in mir drin. Könnte ich ja auch mal einfach so rauslassen, runterschreiben und irgendein armer Hund müsste das dann lesen und versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Würde mir das gefallen? Wäre das der Jackpot?

Sei doch mal locker. Nicht immer so grumpy. Eigentlich ist doch alles gut. Wenn am Wochenende nichts online geht, ist auch egal. Das stört keinen großen Geist. Lass mal chillen, lass mal Leben an dich ran. Nicht aufgewärmt, nicht Second Hand. Eigenes Leben.

Wer sagt mir das? Bin ich das? Ich höre mich ja schon an, wie die da draußen. Wie die, die jetzt kommentieren würden, dass ich mal ne Pause bauche, mich nicht zwingen sollte und dass es wichtigeres im Leben gibt als den Blog. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Nein, ich bin ok, mir geht es gut. Kein Chance Leute, mich werdet ihr nicht los. Ich schmeiße weiter Münzen in den Automaten und warte auf den Jackpot. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, meine aktuelle Lektüre hat noch ca. 150 Seiten, aber ich tue mich etwas schwer damit. Sprachlich grandios, aber auch anstrengend, weil nicht gerade spannend. Maximal 30-40 Seiten werde ich heute schaffen, bevor mir zum ersten Mal die Augen zufallen. Doch die Zeit drängt. Spätestens am Wochenende ist der nächste Beitrag fällig.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

Bitte schenkt mir keine Bücher!

21

 

Was schenkt man einem Mann, der augenscheinlich gerne liest, zu Weihnachten? Natürlich ein Buch, denken sich die lieben Freunde und Verwandten, gehen in eine Buchhandlung und lassen sich beraten. Dass dabei selten etwas Vernünftiges bei rumkommt, liegt nicht nur an den heutigen Buchhandelsketten und dem auf Kochbücher und Spiegelburg-Accessoires spezialisierten Personal. Nein, das liegt auch in der Natur der Sache. Nämlich dass man einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach kein Buch schenken darf. Weil, so paradox es klingen mag, er sich einfach nicht darüber freut. Weil ein geschenktes Buch immer und ohne Ausnahme das falsche Buch ist.

Auch wenn man als zu Beschenkender den Autor, den Titel, Verlag und Ausgabe genau notiert und betont, dass man sich darüber und nur darüber wirklich freuen würde, wird es in den seltensten Fällen klappen. Denn immer kommt irgendetwas dazwischen. Kleinigkeiten, die dem schenkenden Laien überhaupt nicht auffallen. Da hält man plötzlich so ne schlaffe Schwarte in den Händen. „Das gab es nur noch als Taschenbuch – ist doch nicht so schlimm, oder?“

Doch! Das ist schlimm. Aber das zu erklären, ist schwierig. Ich geh dann lieber noch mal selber los und besorg mir die gebundene Ausgabe. Gerne wird auch schon mal auf einen anderen Titel vom gleichen Autor zurückgegriffen. „Deins hatten sie nicht, aber das ist auch von ihm und soll auch sehr gut sein“. Oder noch besser. „Weder Autor noch Titel waren vorrätig, aber die Buchhändlerin hat den hier empfohlen, der schreibt so ähnlich!“

Auch wenn man meint, diesmal muss es klappen, denn der neue Roman von seinem absoluten Lieblingsautor – und das weiss man ganz genau – ist gerade erst diese Woche erschienen. Vergiss es. Ist es wirklich sein Lieblingsautor, dann hat er das Buch schon am Erscheinungstag gekauft. Und wenn nicht, dann ist er vielleicht gar nicht mehr sein Lieblingsautor. Frisch entliebt, enttäuscht von der letzten Lektüre, hat er sich geschworen, nie wieder ein Werk von ihm anzurühren. Und dann kommt der liebe Verwandte und der Schwur ist gebrochen. Danke schön, ja, das hatte ich noch nicht. Wunderbar, gut ausgewählt. Vielen Dank auch!

Nein, man sollte einem Mann, der gerne liest – und zwar richtig, leidenschaftlich gerne liest – einfach keine Bücher schenken*. Denn alles, was man sich als Lesender nicht selber ausgesucht hat, ist ausnahmslos immer das falsche Buch zur falschen Zeit. Lesegenuss entsteht nämlich auch aus der Entscheidung, welches Buch ich als nächstes lese. Und das ist ein ganz individueller Vorgang, der sich aus komplizierten Einzeleindrücken speist, aus vorangegangener Lektüre, aus Lesestimmungen, aus besprochenen Neuheiten, aus Bildern im Innenklapper, aus persönlichen Vorlieben, Stimmungen, Missstimmungen. Jede Einflussnahme von Außen in Form von Geschenken stört diesen empfindlichen Prozess und kann zu schweren Leseblockaden führen.

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Ich freue mich daher zu Weihnachten sehr über Socken, Krawatten oder eine Konzertkarte. Und wenn es denn unbedingt ein Buch sein muss, dann aber bitte ein Kochbuch mit Spiegelburg-Schürze dazu. Denn das lässt sich gut weiter verschenken. 😉

*Gleiches gilt – könnte ich mir vorstellen – auch für Frauen.