Leserbrief #10

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Lieber Sven,

den ganzen Tag suche ich schon nach einem passenden Vergleich. Es gibt genügend Beispiele aus allen Lebensbereichen, passiert ja seit Jahrhunderten leider immer wieder, dass ein Ausnahmetalent, ein echter Hoffnungsträger seine Seele verkauft. Für den schnellen Erfolg, den schnöden Mammon, für was auch immer. Im Musikbereich denke ich sofort an Coldplay, beim Sport an Mario Götze und Lukas Podolski und all die anderen, die zum FC Bayern wechselten. In meinem persönlichen Umfeld denke ich da jetzt auch an dich.

Dein erster Roman ist seit Freitag auf dem Markt. Dunkels Gesetz, ein Krimi – oder wie der Verlag sagt: „Ein moderner Noir ― für alle Fans großer Spannungsliteratur; geschrieben in den Zeiten von True Detective und Breaking Bad.“ Ok, ich kenne weder True Detective noch Breaking Bad und stehe jetzt auch nicht unbedingt auf Spannungsliteratur. Dafür kenne ich deinen grandiosen Kurzgeschichtenband Asche und die Punchdrunk-Geschichten und weiß daher, was du drauf hast. Deswegen kann ich echt nicht nachvollziehen, wie das hier passieren konnte.

Wenn ich daran zurückdenke, wie begeistert ich war, als ich deine ersten Kurzgeschichten las. Selten hat mich etwas so aufgewühlt, ich hatte Gänsehaut, einen Kloß im Hals, Tränen in den Augen – alles. Ich musste allen davon erzählen, meine Begeisterung teilen und ich hab mich gefreut, dass andere das auch so sahen. Das ist alles noch gar nicht so lange her. Und jetzt das.

Natürlich war ich nicht gerade erfreut, als ich hörte, in welche Richtung es gehen würde. Nichts Literarisches, sondern Genre. Schade eigentlich, aber klar, mit Spannung kann man natürlich mehr Geld verdienen. Große Stadien statt kleine Clubs, Championsleague statt 2. Bundesliga. Kann ich verstehen, hätte ich vielleicht auch so gemacht. Außerdem kann man ja auch im Genre-Bereich durchaus literarisch unterwegs sein. Das war meine Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob du diesen Spagat überhaupt versucht hast. Wenn ja, dann ist dir das nicht gelungen. „Dunkels Gesetz“ ist weder spannend noch besonders literarisch und wirkt auf mich wie ein ambitionierter aber insgesamt doch schlechter Sonntagabend-Tatort. Der Plot mühsam konstruiert und letztlich lahm, viel zu viele nicht trennscharfe Charaktere, kryptische Macho-Slang-Dialoge, sinnloses Gemetzel und auch sprachlich konnte es mich diesmal nicht überzeugen. Ich weiß, dass du dich um einen reduzierten Sprachstil bemühst. Nichts Überflüssiges, kein Wort, kein Adjektiv zu viel. Subjekt, Prädikat, Objekt. Hauptsatz und maximal ein Nebensatz, keine weiteren Verschachtelungen. Derart skelettiert wirken die Sätze aber auch wie tot. Wenn dann noch jeder zweite Satz mit Er oder Sie anfängt, wirkt das schnell eintönig und leider auch einfallslos.

Nein, da waren deine Kurzgeschichten einfach besser. Man hat gemerkt, dass die Storys aus dem Bauch kommen, dass du fühlst, was du da schreibst. Diese Authentizität fehlt mir hier. Dieser Roman ist eine Kopfgeburt, auf ein Format getrimmt, wie eine Auftragsarbeit für eine bestimmte Zielgruppe getextet und daher irgendwie seelenlos. Vielleicht ist die längere Prosa aber auch einfach nur das falsche Format für dich.

Ich habe wirklich lange nachgedacht, ob ich dir das alles überhaupt schreiben soll. Denn ich mag dich ja und weiß, dass du das nicht gerne lesen wirst. Auf der anderen Seite ärgert mich dieses Romanprodukt so sehr, dass ich mir einfach den Ärger von der Seele schreiben musste. Was soll ich hier schweigen oder gute Miene zum schlechten Roman machen, wenn dem nicht so ist. Lieber direkt sagen, was Ambach ist. Und überhaupt: Wer von anderen mehr Authentizität einfordert, sollte sich dem nicht selber entziehen.

Lieber Sven, egal ob dich das interessiert und du das jetzt hören willst: ich habe dir jedenfalls offen und ehrlich gesagt, was ich zu deinem Debüt zu sagen hatte. Natürlich ist das alles sehr subjektiv und von meiner persönlichen Enttäuschung geprägt. Das gebe ich gerne zu. Daher auch keine Rezension, sondern dieser Leserbrief.

Also, nichts für ungut, alter Zosse.

Es grüßt vom Niederrhein ins Rheinland
dein immer noch größter Kurzgeschichten-Fan aus dem Buchrevier

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Leserbrief #9

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Lieber Thomas,

kennst du das auch noch von damals? Wenn man als Jugendlicher Fan einer Band war, hat man das auf seine Federmappe geschrieben. Einige haben auch den Schultisch mit Bandnamen vollgekritzelt oder sind mit dem Edding losgezogen und haben Telefonzellen und Häuserwände mit dem Namen ihrer Idole beschriftet. Ich hab mit zwölf, dreizehn zunächst für „Boney M.“ und später dann für „The Police“ geschwärmt. Irgendwann war mir das zu albern, und ich hab aufgehört, mich als Fan von irgendwas zu outen. Doch wenn ich heute noch so eine Federmappe hätte, würde dein Name darauf stehen.

Ich würde sämtliche Berichte über dich aus den Zeitschriften ausschneiden und in eine Kladde kleben. Dein Poster würde über meinem Bett hängen und wenn mich einer fragen sollte, was ich denn später einmal werden will, würde ich sagen: so ein toller Schriftsteller wie der Thomas. Ja, wenn….

Wenn doch heute alles noch so einfach wäre wie damals. Doch das ist längst vorbei. Heute ist selbst Fan-Sein kompliziert. Man erfährt so viel, blickt hinter die Fassaden und lernt seine Idole von Seiten kennen, von denen man besser nichts gewusst hätte. Niemand kann mehr in allen Bereichen Vorbild sein; erst recht nicht, wenn er oder sie sich ungesund ernährt, die falsche Partei wählt, Pelz trägt, seinen Partner betrügt, Steuern hinterzieht, Drogen nimmt oder irgendwie anderweitig verhaltensauffällig ist. Womit wir schon wieder bei dir sind.

Es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr ausblenden. Zu eindringlich und intensiv hast du es in deinem letzten Buch beschrieben. Wie es ist, du zu sein, wie es sich lebt mit deiner Krankheit. Das hat sich in mein Hirn eingebrannt; das ist jetzt immer da, schwingt mit, wenn ich an dich denke oder etwas von dir lese.

Gerade lese ich zum Beispiel deinen Debütroman, mit dem du vor sechs Jahren zum ersten Mal auf der Longlist des Buchpreises gelandet bist. Sprachlich bin ich wieder total begeistert, schwelge in deinen Sätzen, lese mir einige Passagen laut vor und freue mich einfach an deinem unglaublichen Schreibtalent. Und während ich noch denke, dass wirklich niemand persönliche Abgründe, Angst- und Rauschzustände besser beschreiben kann als du, sind auf einmal all die Bilder wieder da. Ich sehe dich vor mir, wie du dich damals beim Schreiben dieses Romans gequält hast, sehe all die dunklen Stunden am Schreibtisch, das anschließende Versteckspiel bei den öffentlichen Auftritten. Du wolltest das so, hattest keine Lust mehr, dich zu verstecken. Jetzt weiß jeder, warum du das alles so intensiv und eindringlich schildern kannst. Und schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass das ja dann auch keine große Kunst ist.

So etwas zu denken, ist derart billig, oberflächlich und hinterhältig, dass ich mich für einem Moment selber nicht leiden kann. Genau das ist eingetreten, was ich befürchtet habe. Weißt du noch, was ich damals zur ‚Welt im Rücken’ geschrieben habe? Dass in Zukunft der ganze Literaturbetrieb denken wird, was guckt der so komisch? Und jetzt bin ich selber keinen Deut besser. Kann Bilder nicht ausblenden, Literatur nicht unvoreingenommen wertschätzen, Romanhelden nicht getrennt vom Autor betrachten.

Auch wenn mir das bewusst ist und ich das ablehne – abstellen kann ich es nicht. Eingebrannt hat sich auch das Bild unserer ersten und einzigen Begegnung. Wie du an der Garderobe im Frankfurter Römer stehst und dir deinen Mantel geben lässt. Hinter dir wird noch der Gewinner des Buchpreises gefeiert, der in diesem Jahr zum dritten Mal nicht du bist. In diesem Augenblick hast du mir so furchtbar leid getan, ich hätte dich am liebsten umarmt und gedrückt. Lange blickte ich dir hinterher, wie du mit gesenkten Haupt zum Ausgang gingst. Aber kurz darauf musste ich schon wieder laut lachen, als ich bei Twitter sah, dass du jetzt als Leonardo DiCaprio des Deutschen Buchpreises bezeichnet wirst.

Ja, das Leben ist manchmal einfach ein großer Haufen Scheiße. Du hast definitiv das bessere Buch geschrieben, das weißt du, das weiß ich. Aber in diesem Jahr wurde nunmal ein Lebenswerk ausgezeichnet. Da kann man nichts machen. Der alte Herr war jetzt einfach mal dran. Irgendwann wirst du da oben stehen und deine Rede halten. Da bin ich mir ganz sicher. Guck doch – selbst Leo hat jetzt auch seinen Oscar bekommen.

Gewonnen hast du trotzdem. Und zwar einen neuen Bewunderer; einen der alles lesen wird, was du schon geschrieben hast und noch schreiben wirst, der auf deinen Lesungen in der ersten Reihe sitzen wird und wenn er nicht schon so alt wäre, sogar ein Poster von dir über seinem Bett aufhängen würde.

Herzlich grüßt

dein neuer, treuer Fan aus dem Buchrevier

Leserbrief #8

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Lieber T.,

bitte entschuldige, dass ich mich auf diesem Weg an dich wende. Aber irgendwie komme ich im Moment nicht anders an dich ran. Du wirkst so gehetzt, ungeduldig und irgendwie abwesend. Ich traue mich kaum, dich anzusprechen. Da scheint der Blog immer noch der beste Kontaktweg zu sein. Ich weiß, dort guckst auch noch drauf, wenn dich sonst schon gar nichts mehr interessiert.

Sag mal, wie lange haben wir uns nicht mehr ausgetauscht, ein wenig Quality Time gehabt? In irgendeinem Laden sitzen, gute Musik, ein paar Bier und einfach mal reden. Ich weiß ja gar nichts mehr über dich, vermisse die Gespräche über Gott und die Welt, über gute und schlechte Literatur. Was beschäftigt dich eigentlich momentan? Du lässt dir ja nichts anmerken, aber ich kenne dich doch. Wenn du dich so zurückziehst, dann ist irgend etwas.

Im Blog passiert ja ab und zu noch was. Nicht viel, aber hier und da eine Besprechung, Business as usual. Aber sonst? Was ist denn mit den ganzen Netz-Diskussionen? Professionalisierung, Blogger vs. Feuilleton, neue Königsklasse, Marketingkarren – hast du denn dazu gar nichts zu sagen? Was bist du eigentlich für eine Spezies? Ein bloggender Leser oder ein lesender Blogger? Äußere dich doch dazu mal.

Und überhaupt, hatte dein Blog nicht neulich zweiten Geburtstag? Andere machen da was draus, feiern sich und verlosen irgendwas. Letztes Jahr hast du das auch noch getan, aber jetzt? Noch nicht mal ein lausiger Tweet. Hast du keinen Bock mehr? Twitter scheint ja sowieso nicht so dein Ding zu sein. Hast du mal gesehen, was andere da machen? Drei, vier Tweets am Tag Minimum. Während du grad mal zwei oder drei in der Woche schaffst. Dafür hast du scheinbar Instagram wieder für dich entdeckt. Zumindest passiert da mal wieder was. Bin gespannt, ob du das durchhältst.

Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Wie ist das eigentlich für dich in deinem Alter mit den neuen Medien? Ich mein, du bist ja nicht gerade ein digital native, warst den Großteil seines Lebens analog unterwegs. Fällt einem das dann schwer, sich tagtäglich bei Facebook, Twitter und Instagram einzubringen? Ich habe das Gefühl, du machst da nicht mehr, als du unbedingt musst.  Ja klar, diese Netz-Diskussionen fressen Zeit und du hast ja auch noch einen Job, der dich fordert. Aber gehört dieser Dialog nicht irgendwie dazu, wenn man ein relevanter Blogger sein will? Es ist anstrengend, ich weiß, aber Bloggen ist nunmal keine Einbahnstraße.

Generell würde mich mal dein Standpunkt zur Flüchtlingspolitik interessieren. Da hast du bisher nicht ein Wort drüber verloren. Gerade du, wo du doch auch einen Migrationshintergrund hast. Warum äußerst du dich dann nicht mal dazu? Das wäre doch genau dein Thema. Fühlst du dich als Ausländer oder als Deutscher oder weder noch? Und beleidigt es dich eigentlich, wenn Menschen es bemerkenswert finden, dass gerade du dich so für deutschsprachige Literatur interessierst und dabei auch noch weitgehend fehlerfrei sprichst und schreibst? Eigentlich eine Unverschämtheit, ja, aber du musst auch die Leute verstehen. Schwarzer Kopp, ungewöhnlicher Name – da liegt das doch nahe.

Ach ja, was ich noch fragen wollte: Blogbuster läuft doch ganz gut, oder? Bist du zufrieden mit dem Rücklauf? Oder hast du dir mehr erwartet? Ich hab gehört 110 Manuskripte sind bisher eingegangen. Dafür, dass Genreliteratur ausgeschlossen ist, ist das doch ganz ordentlich, oder? Jetzt sag doch mal. Lass dir nicht immer jedes Wort aus der Nase ziehen. Freu dich doch, dass man sich für dich interessiert. Wenn nicht, wärst du doch auch nicht zufrieden.

Aber ich merk schon, ich komm nicht an dich ran. Ok, ok, wenn der Herr nicht will, dann will er nicht. Lies, schreib und mach, was du nicht lassen kannst. Ich verzieh mich jetzt und lass dich in Ruhe. Es war trotzdem ein tolles Jahr mit dir.

Es grüßt ganz herzlich, Dein nach wie vor größter Fan.

 

Leserbrief #7 (Longlist of Love)

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Liebe Buchpreisjury,

wie viele Stoßgebete wohl in den letzten Tagen gen Himmel gesendet wurden. Lieber Gott, bitte, bitte mach, dass mein Buch in diesem Jahr auf der Longlist steht. Und wenn denn tatsächlich gebetet wird, tun das bestimmt nicht nur die Autoren, sondern auch ihre Verleger. Nun weiß natürlich jeder, dass Gott im Moment ganz andere Sorgen hat, als die Longlist des Deutschen Buchpreises. Diesen Job habt ihr übernommen, und daher müsste so ein Stoßgebet auch eigentlich beginnen mit: Liebe Buchpreisjury, …

Das soll kein Gott-Vergleich sein, aber so willkürlich und unvorhersehbar wie die Titelauswahl immer wieder ist, hilft eigentlich nur noch beten. Und das ist auch gut so. Denn die Longlist wird ja nur deshalb so viel beachtet und lebhaft diskutiert, weil sie immer wieder überraschend ist. Das mag daran liegen, dass ihr als Jury euch jedes Jahr neu formiert. Andere Typen, andere Meinungen und dadurch unkalkulierbar. Ich vermute aber, dass Ihr das Überraschungsmoment ganz bewusst mit einplant. Habe ich recht?

Bestimmt habt ihr so eine geheime Quotenregelung, bei der genau festgelegt ist, wieviele Bücher gemäß der allgemeinen Erwartung und wieviele davon vollkommen überraschend auf die Longlist kommen. Ihr könnt es ruhig zugeben; ich schätze mal, gut ein Drittel der zwanzig Titel sind für den Aha-Effekt vorgesehen. Und dann sind da ja noch die anderen Vorgaben. Der Gender-Proporz, das optimale Verhältnis zwischen Indie- und Majorverlag, der Trendthemen-Bezug, nicht zu viel Suhrkamp, die Migrationsautoren-Quote und natürlich müssen die Österreicher und die Schweizer auch noch berücksichtigt werden.

Viele unterschiedliche Erwartungshaltungen, die eine Menge Druck erzeugen. Gott sei Dank hat Clemens Setz in diesem Jahr nichts Neues vorgelegt, so dass an dieser Front erstmal Ruhe ist. Dafür steht jetzt Christian Kracht zur Debatte. Wenn ihr den nicht wenigstens auf die Longlist packt, wird es im Feuilleton wieder einen #Aufschrei geben. Oh je – kein einfacher Job, den ihr da habt.

Und jetzt kommt auch noch einer dieser Blogger daher – eine Laus, die ihr euch selbst in den Pelz gesetzt habt – und der hat nicht nur eine Longlist-Wunschliste dabei, sondern auch noch ein paar schlaue Sprüche auf Lager. Einer davon lautet: Vergesst einfach mal alle Erwartungshaltungen von außen und folgt dem Bauchgefühl. Denn die Aufgabe des Deutschen Buchpreises ist nicht nur, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren, sondern auch für deutschsprachige Literatur und das Lesen an sich zu werben. Und hier wünsche ich mir in diesem Jahr eine Longlist mit Titeln, die einfach Spaß machen zu lesen, die einen verblüffen, fesseln, zum Nachdenken und zum Lachen bringen; auf die man sich als berufstätiger Mensch abends nach einem harten Arbeitstag einfach freuen kann, die einen fordern, aber nicht überfordern. Kein verquaster und sperriger Lesestoff für das literaturwissenschaftliche Proseminar, Keine tausendseitige Bleiwüste wie das Preisträgerbuch vom letzten Jahr. Ich meine, wir alle haben uns mit Frank Witzel gefreut, weil es so eine tolle Überraschung war und weil er ein netter Kerl ist. Aber mal ganz ehrlich, wer außer Jochen Kienbaum hat seinen manischen depressiven Teenager denn tatsächlich gelesen? Ich hab mal reingeblättert, festgestellt, dass ich für die Lektüre Monate brauchen würde und es dann ganz schnell wieder ins Regal gestellt. Damit wird man niemand Neues für die moderne deutschsprachige Gegenwartsliteratur begeistern können.

Nein, ich wünsche mir, dass in diesem Jahr Romane wie Unterleuten von Juli Zeh oder Der Goldene Handschuh von Heinz Strunk auf der Longlist stehen. Bücher, die ein beeindruckendes Leseerlebnis bieten. Romane, die man tief bewegt aus der Hand legt und mit leuchtenden Augen weiterempfiehlt. Und es ist egal, dass diese Titel schon seit Monaten die Bestsellerlisten anführen und keine weiteren Auszeichnungen mehr bedürfen. Denn der Buchpreis darf nicht als Entwicklungshilfe für literarische Schattengewächse verkommen. Der Leser darf nicht das Gefühl bekommen, hier zeichnet die Branche ein literarisches Meisterwerk aus, das irgendwie alles ist, nur nicht lesbar.

Ich habe mal meine ganz persönliche „Longlist of Love“ zusammengestellt. Alles Titel, die entweder andere Blogger oder ich schon mit großer Begeisterung gelesen haben oder denen wir mit großer Vorfreude entgegenfiebern. Bitte, bitte liebe Buchpreisjury, mach, dass davon möglichst viel am Dienstag auch auf der offiziellen Liste steht. Und wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr das einfach so locker aus dem Bauch heraus entscheiden könnt – ich habe neulich Gott gefragt, was er gerne lesen würde. Er meinte, meine Liste wäre ok.

Na also.  Hier ist sie: 

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Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp)

Charles Lewinsky – Andersen (Hanser)

Sabine Gruber – Daldossi oder das Leben des Augenblicks (C.H. Beck)

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Shida Bazyar, Nachts ist es Leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch)

Martin Mosebach – Mogador (Rowohlt)

Juli Zeh – Unterleuten (Luchterhand)

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Senthuran Varatharajah: “Vor der Zunahme der Zeichen” (S.Fischer)

Mireille Zindel – Kreuzfahrt (Kein & Aber)

Christoph Hein – Glückskind mit Vater (Suhrkamp)

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Thomas Melle – Die Welt im Rücken (Rowohlt)

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh (Rowohlt)

Lukas Bärfuss – Hagard (Wallstein)

Matthias Hirth – Lutra Lutra (Voland & Quist)

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Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex (S.Fischer)

Rasha Khayat – weil wir längst woanders sind (Dumont)

Silke Scheuermann – Wovon wir lebten (Schöffling)

Thea Dorn – Die Unglückseligen (Knaus)

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Christian Kracht – Die Toten (Kiepenheuer & Witsch)

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt)

Tilman Rammstedt – Morgen mehr (Hanser)

Leserbrief #6

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Lieber John,

wenn du wüsstest, was so alles über dich erzählt wird. Nicht nur über deine Bücher, sondern auch über deine Person; glaub mir, das willst du alles gar nicht wissen. Aber kein Wunder, du bist ja auch einer der ganz Großen, eine lebende Legende. Der ganze Klatsch, Spott und Hohn, Neid und Missgunst, das gehört wohl alles dazu, ist die Kehrseite des Ruhms, der Preis den man zu zahlen hat.

Stimmt es eigentlich, dass du ernsthaft erkrankt bist? Eine typische Alt-Männer-Krankheit soll es sein, eine an der man auch sterben kann. Woher ich das weiß? Du wirst es nicht glauben. Das habe ich auf einer öffentlichen Veranstaltung erfahren. Eine junge Bestseller-Autorin hat es erzählt. Eine, die angeblich jedes Tattoo auf deinem Körper kennt – woher auch immer. Bist du wirklich tätowiert? Hätte ich jetzt echt nicht gedacht, aber heutzutage haben ja Kreti und Pleti so ein Tattoo. Egal, ich sagte ja, dass du das alles wahrscheinlich gar nicht wissen willst. Was diese recht attraktive Autorin wohl noch so alles über dich weiß? Kennst du sie eigentlich oder hat sie das alles aus irgendeiner Frauenzeitschrift?

Wenn man erstmal so eine internationale Berühmtheit ist wie du, dann hat man sicherlich längst die Kontrolle über all die kursierenden Informationen zur eigenen Person verloren. Und ganz ehrlich, wen interessiert es schon, was so eine junge Frau aus Österreich so alles erzählt. Oder? Aber das mit der Krankheit, wenn es denn wahr ist, hat mich echt geschockt. Mittlerweile ist das ja alles gut therapierbar; man kann damit leben, aber schön ist das wohl nicht. Kürbiskerne! Ich habe gehört, die sollen helfen und schmecken gar nicht mal so übel. Kann man abends als kleinen Snack vor dem Fernseher nehmen, statt Chips.

Ach Mensch John, das tut mir alles so leid. Aber es ist nicht der einzige Grund, warum ich dir diesen Brief schreibe. Dein neuer Roman – das ist der eigentliche Grund. Du weißt, was ich sagen will? Es wird dir ja nicht entgangen sein, dass er jetzt nicht so super toll bewertet wird. Weder vom Feuilleton noch von deinen langjährigen und treuen Fans. Ein typisches Alterswerk, so sagt man; ein Buch von einem, der sich auserzählt hat, der sich nur noch wiederholt, im eigenen Saft schmort, vom vergangenen Ruhm zehrt. Zudem soll es verworren sein, sich schleppend lesen. Die alte Leichtigkeit, für die du bekannt warst, ist dir abhanden gekommen, so heißt es. Man muss sich durch die Seiten quälen und fragt sich am Ende: warum?

Das ist jetzt nichts, was einen aufbaut, wenn es einem sowieso schon nicht besonders gut geht, oder? Und es betrifft ja beileibe nicht nur dieses Werk. Seit ein paar Jahren ist das Tenor bei jedem neuen Roman von dir. Wenn ich daran denke, wie begeistert ich damals war, als ich mit 18 oder 19 das erste Buch von dir gelesen habe. Eine Familie, ein Hotel, ein furzender Hund, ein Bärenkostüm und Bruder und Schwester, die Sex haben. Grandios. Und auch auch die Bücher danach, alles Weltbestseller – zu Recht. Ich habe sie alle gelesen und mir natürlich auch die Verfilmungen angeschaut, mit Nastassja Kinski, Michael Caine und der bezaubernden Blonden, wie heißt sie noch mal, die mit Tobey Maguire auf der Apfelplantage rumgemacht hat? Egal, ich kannte das alles beinahe auswendig, habe mich auf jeden neuen Roman von dir gefreut, ihn am ersten Erscheinungstag gekauft und in einem Rutsch durchgelesen – damals in den Achtzigern.

In der Zeit hab ich nur Levi’s 501-Jeans getragen. Die hatten so einen Kniff am Arsch und waren die ultimative Jeans. Niemals im Leben, so dachte ich, würde ich je eine andere Jeans tragen. Und tatsächlich, ein paar davon habe ich immer noch. Ich ziehe sie zum Streichen an oder bei der Gartenarbeit; sie haben Löcher, sind voller Flecken und völlig aus der Mode. Im Spiegel betrachtet komme ich mir darin ziemlich verkleidet vor. Die sind für mich irgendwie voll Achtziger, so wie – und es tut mir leid, das sagen zu müssen – so wie deine Romane.

Ja, das ist leider so. Man muss es mal in aller Deutlichkeit sagen: du bist einfach nicht mehr in. Du hast deine Zeit gehabt, Erfolge gefeiert, den Diskurs bestimmt. Aber mittlerweile trägt man andere Jeans und liest andere Autoren. Das ist der Lauf der Zeit und überhaupt nichts, wofür man sich in irgendeiner Form schämen sollte. Aber man sollte auch die Augen nicht davor verschließen und einfach immer so weitermachen, nur weil es immer noch ein paar Menschen gibt, die deine Bücher kaufen. Guck mal: Status Quo und die Simple Minds geben auch immer noch Konzerte. Und würdest du da hingehen?

Das hast du doch alles gar nicht nötig. Du hast dein Geld verdient, erzählt, was du zu erzählen hattest und hoffentlich in all den Jahren des großen Erfolgs nichts anbrennen lassen und dein Leben in vollen Zügen genossen. Was musst du dich jetzt noch quälen, dir irgendwelche Geschichten aus den Fingern saugen, die kein Mensch mehr hören will? Diesen ganzen Spott, Verrisse von intellektuellen Grünschnäbeln oder unverschämte Leserbriefe von irgendwelchen Bloggern, willst du dir das in deinem Alter wirklich noch immer antun?

Ich werde dich immer in Ehren halten, auch wenn ich seit 15 Jahren nichts mehr von dir gelesen habe. Für mich wirst du immer einer der ganz Großen sein, einer zu dem man aufblickt. Aber auch einer, von dem ich definitiv keinen neuen Roman mehr lesen werde. Also kauf dir, wenn du das nicht schon längst gemacht hast, von den verdienten Millionen eine Yacht, und schippere damit durch die Karibik. Oder meinetwegen chille mit einer Schale Kürbiskerne vor dem Fernseher ab – Hauptsache du bist glücklich, so glücklich wie du mich mit deinen Büchern gemacht hast – damals.

Auf Verdacht wünsche ich mal gute Besserung und nichts für ungut.

Dein alter Fan aus den Achtzigern.

Leserbrief #5

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Lieber Daniel,

Mensch, wie die Zeit vergeht. Schon wieder zwei Monate her seit Leipzig. Wie geht es Dir? Alles klar soweit? Ich war ja im Urlaub. War klasse. Aber jetzt hat mich der Alltag schon wieder fest im Griff. Ja, so ist das… Aber das willst du gar nicht wissen, oder?

Dachte ich mir. Ich weiß ja, dass du wartest, dass du wissen möchtest, ob es mir gefallen hat, was ich davon halte und ob ich dein Buch weiterempfehlen würde. Wahrscheinlich ahnst du schon was. Denn seit ich dir vor ein paar Wochen mitgeteilt habe, dass ich jetzt mit der Lektüre beginne, kommt von mir nichts mehr. Kein begeisterter Post, keine Nachfrage, keine Mail mit der Mitteilung, dass mir etwas dazwischen gekommen ist und erst recht keine Besprechung. Andere Bücher werden hier besprochen, es wird empfohlen und abgeraten, aber deins ist nicht dabei. Still ruht der See.

Wenn es nicht dein Debüt wäre und du schon ganz viele positive Besprechungen hättest, wenn ich dich nicht kennen und vor allem auch noch sympathisch finden würde – dann, ja dann hätte ich kein Problem damit. Ich würde einfach sagen, dass mir dein Roman nicht gefallen hat. So wie ich das immer mache, nicht um den heißen Brei herum, nicht schön geredet, sondern klare Kante. Ich würde das überall einstellen und verlinken und auf möglichst viele Klicks hoffen. Ist doch gar nicht schlimm, sondern nur eine Meinung von vielen. Die wenigsten Autoren, deren Roman ich bisher verrissen habe, hat das groß interessiert. Ich glaube, die haben das noch nicht mal mitbekommen. Die hatten eine Empfehlung von Jonathan Franzen auf dem Backcover, waren auf der Shortlist des Buchpreises oder hatten sogar den Aspekte-Literaturpreis gewonnen. Wen interessiert da noch eine einzelne negative Bloggermeinung?

Aber du würdest das natürlich mitbekommen. Weil da noch kaum eine andere Meinung ist. Dann stünde das nicht nur hier auf dem Blog, sondern auch auf den ersten Seiten bei Google und damit auch zwischen uns. Du glaubst gar nicht, wie mich das beschäftigt. Seit Wochen überlege ich, was ich tun soll. Einfach gar nichts schreiben? Ja klar, das wäre der einfachste Weg. Eine kurze, erklärende Mail an dich und den Verlag und dann wäre die Sache gegessen. Doch irgendwann stand für mich fest, dass ich nicht einfach den Schwanz einziehe. Literatur ist nicht immer einfach, lebt vom Austausch und Diskurs. Und dein Roman ist zweifelsohne Literatur. Ein Text mit Anspruch, gefühlvoll komponierte Sätze, interessante Charaktere, ein abwechslungsreiches Setting und ein außergewöhnlicher Plot. Dazu ein interessanter Titel, ein cooles Cover, ein cooler Verlag und du als Autor – eloquent, gebildet und mit interessanter Vita.

Das alles ließ mich hoffnungsvoll starten. Doch schon bald fing ich an zu straucheln, habe mich in den verschiedenen Handlungssträngen, Zeitschienen, Settings verfangen und bin mit der Zuordnung der Protagonisten einfach nicht mehr klargekommen. Ich habe mich förmlich in deinem Roman verirrt, nicht nur einmal, sondern auf jeder Seite gleich mehrmals.

Sprachlich ist alles top, wirklich tolle Sätze hast du da geschaffen. Ich habe sofort gemerkt, dass da jemand schreiben kann. Und dann macht es nicht nur Spaß, sich die Sätze laut vorzulesen, es hilft mir auch dabei, mich besser zu konzentrieren. Aber all das hat diesmal nichts genutzt. Immer wenn ich glaubte, irgendetwas verstanden zu haben, zu wissen, um wen es hier auf der Seite jetzt geht, gab es einen Cut und eine neue Person betrat die Bühne. Und sie hieß nicht nur so ähnlich wie ein Charakter, der ein paar Seiten zuvor plötzlich auf- und wieder abgetaucht ist, nein sie ist auch noch mit dieser Person verwandt, ein Vorfahre, Nachkomme, Mann, Frau, Sohn oder Tochter. Weiß der Henker.

Ganz ehrlich, Daniel, was soll das? Man kann in ein Buch von zweihundert Seiten nicht ohne Unterlass Charaktere reinstopfen, sie ein paar Sätze lang aufbauen und dann wieder verschwinden lassen. Ich mag so etwas ja gar nicht. Dabei hätte ich vorgewarnt sein können. Auf dem Backcover steht etwas von losen Fäden und einem transkulturellen Klangteppich, vom Vergangenen, das drastisch in der Gegenwart aufschlägt. Wer soll das lesen? Doch ich bin sicher, es werden sich Fans finden. Welche, die sich besser konzentrieren können und kein Problem mit losen Fäden und Klangteppichen haben.

Ich habe wahrlich keinen Spaß daran, dir so etwas zu schreiben. Gerne hätte ich das genaue Gegenteil behauptet und noch lieber hätte ich ein Buch von dir gelesen, das mir gefällt. Besonders ärgerlich ist, dass du das sicherlich auch schreiben könntest. Denn das Talent ist da, nur verfolgst du damit irgendwie andere Ziele.

Wie auch immer. Vielleicht hätte ich einfach meine Klappe halten sollen. Vielleicht sollte ich mich auch gar nicht mit Autoren unterhalten, deren Buch ich noch besprechen will. Oder umgekehrt. Vielleicht musste ich aber früher oder später mit dem Blog genau an so einen Punkt mal ankommen. Wo ich mich entscheiden muss, was ich überhaupt will, worum es mir geht und ob ich bereit bin, dazu zu stehen. Und wenn ich auch dein Buch nicht verstanden habe, das habe ich kapiert. Ehrlich sein, Eier in der Hose haben und zu seiner Meinung stehen – das ist mir wichtig im Leben und genauso wichtig für den Blog.

Manchmal muss man für banale Erkenntnisse erst komplizierte Bücher lesen.

Und dafür dankt dir der Blogger aus dem Buchrevier

 

Leserbrief #4

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Lieber Jan,

na du Shootingstar? Hat sich der Hype schon etwas gelegt? Wie ist es dir ergangen, wie fühlt es sich an, Deutschlands neuer Dichterfürst zu sein? Ja, komm – das kannst du ruhig mal so stehen lassen. Musst nicht immer super nett und bescheiden sein. Auch wenn das alle an dir lieben. Bist nun mal ein sympathischer Kerl, das sagt wirklich jeder. Und noch dazu: der beste Botschafter für die Lyrik. Stimmt auch, kann ich bestätigen.

Aber du kannst das bestimmt schon nicht mehr hören, oder? Juckt es dir nicht manchmal in den Fingern, das Bild vom perfekten Schwiegersohn zu zerstören? Einfach mal den Wachholderbusch eine schnöde Pflanze sein zu lassen und stattdessen mal wie Houellebecq ungekämmt und mit fleckiger Hose auf die Bühne zu treten und irgendetwas Schweinisches, Verruchtes raushauen. Sowas wie – verzeih bitte den Ausdruck – eine Ode an die Möse. Und wenn keine Ode, dann meinetwegen ein Sonett – ich kenne da eh nicht den Unterschied. Aber das wäre doch mal was. Oh jeh, ich stell mir das gerade vor. Wie die Studienräte und Apothekerinnen im Publikum rote Ohren bekommen, wie sie sich anschauen und den Kopf schütteln. Wie sie denken, jetzt ist er übergeschnappt, der Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Das ist nicht mehr unser netter, sauberer Preisträger, mit den gewaschenen Haaren, dem Cordanzug und der schönen Stimme.

Aber wer dich kennt, weiß, dass du so etwas niemals machen würdest. Dass du nicht nur nett tust, dass du es auch bist. Und wenn einer jemals daran zweifeln sollte, wird er von mir sofort eines Besseren belehrt. Ach, du kennst den Jan?, werde ich dann gefragt. Und das ist der Augenblick, auf den ich nur gewartet habe, um ein wenig auf dicke Hose zu machen. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und zeige dieses eine Bild, das es von uns gibt. Du und ich in der Bloggerlounge. Wir haben mal so ein Projekt zusammen gemacht, sag ich dann mit gespielter Bescheidenheit. Er als Autor, ich als sein Pate. Habe ihn ein bisschen gepusht. Kein großes Ding, nur ein, zwei Texte auf dem Blog. Wurde oft geklickt und geteilt und ich will mal so sagen: Es hat ihm auf alle Fälle nicht geschadet. Zwei Wochen später hielt er dann den Preis in den Händen. Saubere Sache.

Mensch Jan, das kommt mir vor wie gestern. Ist aber jetzt schon wieder ein Jahr her, als wir zusammen in der Leipziger Glashalle saßen. Du vorne, ich irgendwo hinten auf den billigen Plätzen. Ich hab dir die Daumen gedrückt und dann auf einmal war die Sensation perfekt. Die Regentonnenvariationen hatten gewonnen und ich mit dir. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, ich hätte schreien können, versuchte aber cool zu bleiben, denn die Bloggerkollegen schauten in meine Richtung. Coole Sache, war klar, absolut richtige Entscheidung, habe ich doch gleich gesagt – ich geh mal eben gratulieren.

Du hast es vorgemacht. Hast es mit einem Lyrikband in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft und wahrscheinlich richtig Asche gemacht. Big Business, plötzlich Dichterfürst und so. Das freut mich für dich, ehrlich. Wenn es einer verdient hat, dann du. Endlich mal ein ordentliches Zeilenhonorar und kein Stipendiendruck mehr. Dieser Writer-In-Residence-Scheiß ist auf Dauer doch Kacke, oder? Jetzt hoffe ich, dass Du einen guten Steuerberater hast, sonst holen sich die Aaasgeier vom Finanzamt wieder ein richtig großes Stück vom Kuchen. Frag doch mal, ob du die Cordanzüge nicht als Arbeitskleidung absetzen kannst.

In diesem Jahr steht ja wieder ein Lyrikband auf der Shortlist. Aber nach deinem Erfolg im letzten Jahr hat Marion natürlich nicht die Spur einer Chance. Oder was meinst du? Ich glaube ja, dass der Heinz Strunk es machen wird. Der hätte bestimmt kein Problem mit einer Ode an die Möse. Haha, ja der würde das bringen, sicherlich auch als Sonett.

Ach ja, eins muss ich dir übrigens noch beichten. Das mit den Gedichten hat bei mir leider nicht geklappt. Nachdem wir damals auseinandergegangen sind, habe ich nie wieder einen Vers gelesen, weder einen rein noch unrein gereimten. Ich bin halt so ein alter Prosatyp. Lyrik ist für mich wie Sushi – ich finde die Idee ganz gut, mag das ganze Drumherum, aber es schmeckt mir einfach nicht.

Und deswegen wünsche ich mir nichts sehnlicher, als endlich einen Roman von dir. Oder wenigstens einen Band mit Kurzgeschichten, gerne auch lyrische Kurzgeschichten. Mein Gott, versuche es doch wenigstens mal. Der Lutz Seiler und die Marion Poschmann haben es doch auch gemacht. Kannst das ja unter Pseudonym veröffentlichen. Bitte, bitte Jan. Ich sage dann auch nie wieder etwas gegen Cordanzüge, versprochen.

Dein Patenonkel aus dem Buchrevier