Leserbrief #14

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Lieber Takis,

keine Sorge, das hier wird keine Anklage. Ich habe nicht die Absicht, dir irgendetwas vorzuwerfen. Weder Oberflächlichkeit, fehlende Sensibilität, Holocaust-Kitsch oder sonst noch was. Ich muss zugeben, ich habe die einschlägigen Artikel zu Stella nur überflogen. Was wurde denn sonst noch so gesagt? Wie ich gesehen habe, hast du für Feedback ja sogar deine Mail-Adresse im Buch angegeben. Ich kann mir vorstellen, darüber kam noch jede Menge krudes Zeug. Dinge, über die du lieber nicht reden möchtest. Kann ich verstehen. Musst du auch nicht. 

Um eines möchte ich dich aber bitten. Nimm dir das alles nicht so zu Herzen. Menschen sind nunmal so. Sie sagen Sachen, die sie später oftmals bereuen. Selbst Intellektuelle und alle, die so tun als ob, sind da keine Ausnahme. Auch sie lassen sich beeinflussen und mitreißen. Es braucht nur ein, zwei Leute, die den Anfang machen. Die draufhauen, mit ein paar präzisen Schlägen, die sitzen und Wirkung zeigen. Und dann wird geschaut was passiert. Wie reagiert das Opfer? Wie reagieren die anderen? Kommt Applaus oder Widerstand? Ein schmaler Grat, nur ein paar Sekunden, in denen sich entscheidet, wie es weitergeht.

Ja, du hast richtig gelesen. Ich habe Opfer gesagt. Ein blöder Begriff, ich weiß. Keiner will das sein, aber in der Rolle befindest du dich nunmal. Denn es passiert gerade etwas mit dir, oder besser gesagt: Es wird etwas mit dir gemacht, was du aktiv kaum noch beeinflussen kannst. Alles was dir bleibt, ist, es geschehen zu lassen, kopfschüttelnd und mit offenem Mund zuzuschauen, wie es sich entwickelt und in rasendem Tempo immer krasser wird. Du hast gemerkt, jetzt trauen sich auch die Mitläufer aus der Deckung; der Ton wird schärfer, die Anschuldigungen härter, verletzender. Hier und da ergreift mal einer Partei für dich, stellt sich gegen den Strom. Aber dann stellst du fest, dass er gar nicht auf deiner Seite ist, sondern nur die Aufmerksamkeit ausnutzt, um sich selbst in Szene zu setzen, Anschuldigungen entkräftet, um neue, eigene Vorwürfe in die Debatte einzubringen.

Für den Abverkauf des Titels ist so eine Skandal-Debatte natürlich optimal. Ich nehme an, Stella ist bereits Top-Seller in den Läden. Aber das wird dich nicht sonderlich trösten. Hast das Buch ja sicherlich nicht geschrieben, um damit Geld zu verdienen. Hauptsächlich geht es beim Schreiben ja um andere Dinge. Was genau dein Antrieb ist, weiß ich nicht. Vielleicht ja, ein berühmter Bestseller-Autor zu sein, dessen Stimme Gewicht hat, der geehrt und geachtet wird. Und nun? Jetzt kennt man dich als den Autor, der seicht, oberflächlich und seinem Thema intellektuell nicht gewachsen ist und infolgedessen ein laut Expertenmeinung schlechtes Buch geschrieben hat.

Aber hast du das wirklich? Ich habe Stella gelesen und bin nicht der Meinung, dass das Buch  schlecht ist. Ich würde vielmehr sagen, es ist zeitgemäß. Vergessen wir mal das Feuilleton und seine Online-Ableger mit all den akademischen Ansprüchen. Mir und den meisten Lesern ist es vollkommen egal, ob deine Protagonistin in allen Punkten der historischen Figur entspricht. Geschenkt auch, dass es irgendwo im ‚Antiquariat der Ladenhüter‘ einen längst vergessenen Roman gibt, der das Leben und Wirken der Stella Goldschlag wesentlich umfassender und facettenreicher dargestellt. Was mich interessiert ist, ob ich dir die Figur abkaufe, mir das Denken und Tun der Protagonisten plausibel erscheint, ich die Tragik dahinter erkenne und anfange, darüber nachzudenken, was jemanden zu solchen Taten veranlasst. Und ganz wichtig auch die Fragen: ob so eine Figur liebenswert dargestellt werden darf, wie man selbst reagiert hätte, damals und wie man wohl heute reagieren würde.

Das alles hast du geschafft. Auf das Wesentliche reduziert, auch sprachlich. Und trotzdem kommt alles rüber. Das Setting ist stimmig, man kann sich ohne Probleme hineinversetzen, kann mitfühlen, wird gut unterhalten. Was will man mehr? Ich verstehe den ganzen Aufstand nicht. Wer sagt eigentlich, dass Romane, die sich mit der Judenverfolgung im Dritten Reich befassen, immer schwer, epochal und ausufernd sein müssen? Solange nichts verharmlost oder in falschem Licht dargestellt wird, liegt es im freien künstlerischen Ermessen eines Autors, Dinge zusammenzufassen, Abläufe zu straffen und Nebensächliches entweder wegzulassen oder hervorzuheben. So funktioniert Literatur nunmal.

Und das ist auch damit gemeint, wenn ich sage, dein Roman ist zeitgemäß. In einer Zeit, in der sich immer weniger Menschen für Literatur und die Geschichten dahinter interessieren, ist es wichtig, zu unterhalten, die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne der noch verbliebenen Leserschaft möglichst effektiv zu nutzen und so viel Information, Stimmung und Gefühl rüberzubringen, wie es nur geht. Das hast du meiner Meinung nach perfekt gemacht. Stella ist jetzt nicht mein absolutes Lesehighlight gewesen, kein literarisches Meisterwerk, aber vollkommen ok, sprachlich gelungen, anregend und unterhaltend. Und solch einen Rant hat es echt nicht verdient. 

Also gräm dich nicht weiter und lass dir von jemandem sagen, der weiß wovon er spricht, wenn er sagt: ist der Ruf erst ruiniert, schreibt es sich völlig ungeniert.

Herzlich grüßt das Buchrevier.

Leserbrief #13

Zu diesem Leserbrief gab es bei Facebook und Twitter eine Menge sehr kritischer Kommentare. Besonders erschreckt hat mich, dass mir in einigen Posts mehr oder weniger direkt oder indirekt Antisemitismus vorgeworfen wurde. Das hat mich veranlasst, diesen Leserbrief für einen Tag offline zu schalten, und einen längeren Kommentarbeitrag dazu zu verfassen. In „Ein Wochenende mit Biller“ stelle ich mich den Vorwürfen in aller Ausführlichkeit und erläutere, warum ich diesen Text so und nicht anders formuliert habe. Auch auf die Gefahr hin, dass die Diskussion jetzt wieder losgeht, stelle ich den Leserbrief unverändert wieder ein, damit sich jeder ein Bild machen kann, worum es eigentlich ging.

 

Lieber Maxim,

sag mir doch bitte mal, wo du deine Brille her hast. Ich habe hier bei uns in der Stadt fast alle Geschäfte abgegrast und nirgendwo so ein Modell gefunden. Und frag mal einen Optiker nach einer Maxim-Biller-Brille. Der guckt dich nur fragend an und präsentiert dir stattdessen Modelle von Tommy Hilfiger und Wolfgang Joop. Einer meinte sogar, dass sie Biller-Brillen nicht führen. Ja, so ist das, wenn man mal im Fernsehen war. Eh du dich versiehst, bist du Stil-Ikone. Übrigens – die Jacke, die du neulich beim KiWi-Sommerfest in Berlin getragen hast, war auch ziemlich mega.

Aber zurück zur Literatur. Ziemlich viele Lobeshymnen, die dein neuer Roman gerade absahnt. Spiegel-Bestseller Nr. 17 und dazu noch eine Longlist-Nominierung – da kann man doch echt nicht klagen. Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste. Bist du denn sicher, dass einer der Preisträger davor nicht auch schon Jude war? Nicht jeder kehrt das ja so nach außen wie du. Dass Menasse Jude ist, höre ich jetzt übrigens zum ersten Mal. Und überhaupt: Mir ist es ziemlich egal, was für einen Glauben ein Schriftsteller hat. Hauptsache sein Buch ist gut.

Und jetzt mal ehrlich: Du weißt ja selbst, dass du dir mit deinen Auftritten im Literarischen Quartett nicht unbedingt viele Freunde gemacht hast. Einige betitelten dich ja sogar als Kotzbrocken. Sowas beeinflusst nun mal auch die Wahrnehmung als Autor. Dein TV-Abschied war daher ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn „Sechs Koffer“ also nicht auf der Shortlist landen sollte, dann könnte das viel eher an deinem negativen TV-Image liegen. Noch dazu – Lobeshymnen hin oder her – so besonders find ich deinen neuen Roman auch gar nicht. Ich hab mir das Hörbuch angehört, gesprochen von „The Voice“ Christian Brückner  höchstpersönlich, und war am Ende sogar ein wenig enttäuscht.

Ein Familienroman, ein autobiografischer sogar, mit Protagonisten, die du also eigentlich gut kennen solltest, die aber merkwürdig blass und oberflächlich bleiben. Sag mal, hast du nicht neulich erst eine Art Biografie geschrieben? Ok, der Roman hieß nur so. Aber trotzdem: Immer wieder im gleichen deutsch-jüdischen Geschichtensaft zu schmoren, ist auf die Dauer auch langweilig. Ich habe mir das trotzdem alles geduldig angehört, an einigen Stellen habe ich geschmunzelt, an anderen zustimmend genickt und mich insgesamt auch ganz passabel unterhalten gefühlt. Auch stilistisch gibt es nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil. Aber du weißt ja selber, dass du gut schreiben kannst. Am Ende hat mich die Geschichte um Onkel Dima, Onkel Lev und Tante Natalia aber doch ziemlich kalt gelassen, und so stand die Frage in Raum, was mir die Lektüre jetzt gebracht hat? Identifikationspotential gleich Null. Über dich, den Schriftsteller Maxim Biller, habe ich auch nicht so wirklich etwas erfahren. Und der eigentlich Spannung versprechende Plot rund um den Verrat an Großvater Biller und die Suche nach dem mutmaßlich Schuldigen schien am Ende gar nicht mehr wichtig zu sein. Jedes Familienmitglied hätte es gewesen sein können. Ist das die Botschaft? Dass Schuld immer eine Frage des Betrachtungswinkels ist? Dass jeder sowieso seine eigene Wahrheit hat, und dass es am Ende egal ist, warum etwas passiert, sondern wie man mit dem Geschehenen umgeht?

Kommen wir noch mal zurück auf dein zentrales Thema. Ich respektiere grundsätzlich jeden Glauben, habe aber ein Problem mit jeder Art von übersteigertem Sendungsbewusstsein. Daher befremdet es mich, wenn ein moderner Mensch wie du seine Religionszugehörigkeit so in den Mittelpunkt stellt. Schon im Literarischen Quartett ist mir das negativ aufgefallen. Immer wieder hast du dein Jüdisch-Sein als Begründung für irgendwas herangezogen. ‚Wir Juden können darüber nicht lachen, als Jude sehe ich das anders, Juden sagen immer die Wahrheit, ich als Jude meine dies und das.‘ Wenn das so eine Art Positionierung von dir ist, dein Alleinstellungsmerkmal im Literaturbetrieb, wenn du bewusst als jüdischer Autor wahrgenommen werden willst, als der deutsche Jonathan Safran Froer, dann, ja dann kannst du mit deiner Arbeit zufrieden sein. Das ist dir gelungen. Vielleicht geht es dir ja auch um Sichtbarkeit – seht her, ich bin Jude, ich schreibe, bin laut, nicht immer nett und nicht unauffällig. Ich provoziere und erlaube mir, eine Meinung zu haben, obwohl ich Jude bin. Vielleicht ist es das, was dich antreibt.

Egal, was es ist. Mein Maxim Biller-Bild ist und bleibt zwiegespalten. Einerseits finde ich dich cool, mutig und souverän. Anderseits gehen mir deine Ansichten manchmal gehörig auf die Nerven. Trotzdem schön, dass es dich gibt.  

Es grüßt dein immer noch nach dem Brillenmodell mit dem hellen Rand Ausschau haltender Fan aus dem Buchrevier  

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Foto: Gabriele Luger

Leserbrief #12

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Hey Nagel,

komm, halt mal mein Bier. Ich muss da mal eben was richtig stellen. Es wird ja gerade wieder viel geredet, hab hier und da was aufgeschnappt. Wo kommen die Gerüchte überhaupt her? Wer sagt denn sowas? Und jetzt mal unter uns: Ich habe ja eine ganz andere Theorie zu den Vorfällen, damals im Jahr 1999 in Rheine.

Ach übrigens, ist das ok, wenn ich dich Nagel nenne? Ich finde Thorsten passt irgendwie nicht zu dir. In meiner Schulklasse gab es gleich drei, die so hießen. Zwei mit und einer ohne H. Den einen haben wir Toasty, den anderen Torte genannt. Der ohne H hieß immer nur Schmidt. Das nur mal nur so am Rande. Kommen wir zur Sache. Du fragst dich sicherlich, was ich mit dieser Geschichte in Rheine zu tun habe. Schließlich komme ich ja gar nicht aus dem Kaff. Stimmt. Trotzdem weiß ich wahrscheinlich mehr als alle anderen. Hast ja Tommi, Richter, Nina, Laura und selbst Sascha schon gefragt. Und keiner kann sich mehr so richtig erinnern, hab ich recht? Ist ja auch schon ein paar Jahre her, und so einiges war damals ziemlich vernebelt – zu viel Alk, hier und da ein Tütchen – das Übliche halt.

Aber Gott sei Dank hast du ja alles aufgeschrieben, in deine bunten China-Kladden aus dem Dritte-Welt-Laden, die damals immer und überall mit dabei waren. Und was macht man aus circa zweihundert vollgeschriebenen Heften, wenn man schon so schmerzfrei ist, sich das alles nochmal durchzulesen? Natürlich einen Roman. Echt Nagel – das verdient meinen höchsten Respekt. Ich meine jetzt nicht, den Roman zu schreiben – ok, das vielleicht auch – aber noch mehr Achtung verdient, dass du dir den ganzen Schmonz nochmal durchgelesen hast. Hat das nicht richtig weh getan? Ich kenne das, hab damals selbst Tagebuch geschrieben und vor ein paar Jahren noch mal kurz reingeblättert. Aua! Das alles nach vielen Jahren wieder zu lesen, tut richtig weh. Habe mich vor mir selbst fremdgeschämt und nur ein paar Seiten geschafft. Was für ein kleiner Idiot man doch war. Und wie toll man sich trotzdem gefühlt hat. Keine Ahnung von nichts, aber dicke Hose.

Aber vielleicht hat dir das ja gar nicht so viel ausgemacht. Das Gefühl, sich selbst, der eigenen Gedankenwelt nach Jahren wieder zu begegnen, ist ja bestimmt auch bei jedem anders. Wie auch immer, weil du damals so „verhaltens“ warst und alles aufgeschrieben hast, konnte ich jetzt nachlesen, wie es so war, im Sommer 1999 in der Berninghofstraße, im Emsschlösschen, dem Stelskotteneck oder auf dem legendären Konzert in – wie hieß der Ort nochmal?

Trotzdem fragst du dich wahrscheinlich immer noch, warum ich hier so große Töne spucke und was ich an der Geschichte richtig zu stellen habe, obwohl ich doch gar nicht mit dabei war. Berechtigte Frage. Also, natürlich weiß ich nicht, was damals zwischen Nina und dir tatsächlich vorgefallen ist. Auch zu der Sache mit Laura kann ich nicht viel beisteuern, außer: Ich hätte nichts anders gemacht. Und Sascha hätte ich auch angelogen. Was ich aber eigentlich sagen will, ist, dass es einfach nicht stimmt, dass das hier einer dieser typischen 80er/90er-Nostalgie- und Rückbesinnungsromane ist, kein melancholisches „Früher-war-alles-cooler-Buch“, nicht so ein billiges Auerhaus-Remake, nichts, was einen in Gedanken noch mal jung und unvernünftig sein lässt.

Nein, dieser Vorwurf ist zwar nachvollziehbar – und auch ich bekenne mich zu diesem Vorurteil – aber jeder, der das Buch einmal angefangen hat, wird schnell merken, dass dem hier nicht so ist. Man spürt einfach, dass es dir um etwas anderes geht. Dass du nicht versuchst, krampfhaft irgendwelche Kohärenz stiftende Symbole ins Spiel zu bringen – Fernsehsendungen, Musik, Ereignisse, bei denen alle Zeitgenossen sofort sehnsuchtsvoll ausrufen: Ja, genau, das kenne ich auch noch. Es geht dir nicht um diesen Effekt, es geht dir vielmehr darum – bitte knorrigere mich, wenn ich das falsch sehe – eine der elementarsten menschlichen Fragen überhaupt zu beantworten. Nämlich: Was wäre wenn? Und weiter: Wo stünde ich heute? Was wäre jetzt anders?

Es klingt banal, aber ist es nicht so? Es sind nicht die großen Fragen, wie nach dem Ursprung des Lebens, der Existenz Gottes und was nach dem Tod passiert, die uns Menschen immer wieder umtreiben. Nein, es ist in der Regel immer etwas, was mit uns persönlich zu tun hat. Mit mir, mit dir. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich damals doch noch Abitur gemacht hätte? Wenn ich in eine andere Stadt gezogen wäre, mit meiner ersten Freundin nicht Schluß gemacht hätte, nicht Vater geworden wäre? Wäre ich jetzt sorgenfreier, erfolgreicher, glücklicher? Solche Fragen ergeben sich unweigerlich, wenn Lebensabschnitte hinter einem liegen. Antworten gibt es darauf entweder keine, oder aber unzählig viele. Was letztlich aufs Gleiche rausläuft. Denn alles wäre möglich gewesen, mein Leben hätte sich vielleicht total verändert oder aber auch nicht. Man weiß es nicht, wird es niemals erfahren und doch stellt man sich weiterhin genau diese Art von Fragen. Ein Teufelskreis.

Auch du wirst niemals erfahren, was passiert wäre, wenn du mit Nina zusammengeblieben wärst, wenn die Sache mit Laura gehalten hätte, wenn du Sascha von Anfang an die Wahrheit gesagt hättest. Da kann man noch so viel aufschreiben, versuchen jeden Gedanken festzuhalten, alles Jahre später nochmal zu rekapitulieren, ordnen, analysieren – es wird einem nicht gelingen. Denn Erinnerungen funktionieren nur, wenn wir gleichzeitig auch vergessen – den einen entscheidenen Satz, die eine verpatzte Gelegenheit, Namen, Gesichter, Ereignisse.

Auch deinen Roman würde ich irgendwann vergessen, wenn ich das hier nicht aufgeschrieben hätte. Ich würde vergessen, dass ich den Sound deiner Sätze so bemerkenswert fand, dass ich die Lesestimmung mochte, auch die vom Hörbuch, das ich mir parallel zum Buch reingezogen habe, dass mich die ganze Geschichte stellenweise an Frank Witzels manisch-depressiven Teenager erinnert hat – nur irgendwie besser, cooler, mehr meins. Aber auch Jan Brandt „Gegen die Welt“ kam mir in den Sinn. Kennst du den Jan? Der wohnt auch in Berlin. Ich glaube, ihr beiden würdet euch gut verstehen. Könnt ja mal ein Bier zusammen trinken gehen. Apropos – ist das mein Bier, das du da hälst? Hättest du ruhig austrinken können. Ach ja, ich vergaß – du trinkst ja kein Bier.

Siehste, es fängt schon an mit dem Vergessen. Also, dann mach’s erstmal gut. Und hau rein.

Es grüßt dein neuer Fan 
aus dem Buchrevier

 PS: Übrigens, wenn du magst kannst du mich auch Tobi nennen.

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Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen
Verlag: S. Fischer
448 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

    

Leserbrief #11

7

Liebste Mareike,

morgen ist der große Tag. Dann erscheint es endlich, 475 Seiten dick und knapp 600 Gramm schwer. Das dunkelgrüne Ding, das dir so viel Schlaf geraubt hat. Das, von dem alle denken, dass es einschlagen wird wie ein Böller auf dem Blechdach. Ich denke das im Übrigen auch. Ja wirklich, lach nicht, das musst du mir bitte glauben. Jetzt, nachdem ich es komplett gelesen habe, bin ich mir so gut wie sicher: Das Buch wird durch die Decke gehen.

Ich sehe deinen skeptischen Blick, und du hast allen Grund, so zu schauen. Ich will auch gar nicht leugnen, dass ich beim Entstehungsprozess dieses Buches alles andere als hilfreich war. Nur gut, dass du meinen Rat nicht angenommen hast und mit dem Schreiben daran aufgehört hast. Ich sehe mich noch mit den ersten 60 Seiten des Manuskripts im Garten sitzen und mit den Augen rollen. Du weißt, dass ich damals nicht besonders angetan war, dass mir die Figuren zu schwarz/weiß gezeichnet waren und mir dieser synästhetische Farbenkram auf den Geist ging. Um das rund zu machen, so meine damalige Auffassung, muss man noch jede Menge Arbeit reinstecken. Und wann bitteschön solltest du das noch tun? Mit zwei kleinen Kindern, einem fordernden Job als Selbständige und einem Blog für den du mehr als 100 Bücher im Jahr liest. Nur Wonderwoman könnte neben all diesen Aufgaben noch einen Roman schreiben.

„Lass es bleiben — kein Mensch wartet darauf“, lautete mein damaliger Rat. Aber du hast dich von meinem Geschwätz nicht aus dem Konzept bringen lassen, hast dein Ding durchgezogen und mir gezeigt, dass Wonderwoman tatsächlich existiert und mit Mann und zwei Kindern in der Nähe von Salzburg wohnt. Als ich dann auch noch erfahren habe, dass du nicht irgendwo, sondern auch noch bei meinem Lieblingsverlag unter Vertrag genommen wurdest, hab ich mich zwar sehr für dich gefreut, gleichzeitig aber auch an meiner literarischen Urteilsfähigkeit zu zweifeln begonnen. Ich sag nur: „Keine Ahnung, aber La Paloma pfeifen.

Vor einigen Monaten erhielt ich das Vorab-Leseexemplar, entdeckte bei den Danksagungen am Ende meinen Namen und konnte es nicht fassen. Wie souverän ist das denn, bitte? Ich bin schließlich der, der es dir ausreden wollte, der nicht an das Manuskript und letztlich auch nicht an dich glaubte. Und du? Was machst du? Du erwähnst mich dankend in dem Buch, das ich dir nicht zugetraut habe. Das ist wahre Größe, vor der ich mich beschämt verneige.

Als ich den Roman dann vor ein paar Wochen gelesen habe — in einem Rutsch innerhalb weniger Tage — war nichts mehr von dem da, was mich damals so gestört hat. Das mit den Farben hast du ja ein wenig zurückgenommen, was der Geschichte meiner Meinung nach gut getan hat. Auch die beiden Hauptfiguren, Moritz und Raffael, die ich zunächst holzschnittartig konstruiert empfand, haben im Verlauf der knapp 500 Seiten Kontur bekommen. Überhaupt ist alles dramaturgisch total stimmig aufgebaut und entwickelt einen unglaublichen Sog. Da kommt echtes Lesevergnügen auf, man fliegt praktisch durch die Seiten, und dafür werden dich deine Leser lieben.

Natürlich habe ich an einigen Stellen gedacht, ach guck mal: Marie ist wie Mareike. Aber auch bei Johanna habe ich was von dir entdeckt, einen Satz, eine Geste. Aber wahrscheinlich macht man das zwangsläufig, wenn man den Roman von jemandem liest, den man auch privat gut kennt. So häufig kommt das ja nicht vor.

Ja, was soll ich jetzt noch sagen? Morgen geht es los und eines ist jetzt schon klar: Über mangelnde Aufmerksamkeit wirst du dich nicht beklagen müssen. Dein Verlag hat ja im Vorfeld schon ganze Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass „Dunkelgrün fast Schwarz“ schon im Januar in aller Influencer-Munde war. Jetzt bin ich gespannt, was sich daraus ergibt. Ich rechne mit einer Flut an positiven Rezensionen und hoffe auch, dass sich auch das Feuilleton nicht lumpen lässt. Ein paar Pressetermine stehen ja in den nächsten Tagen schon an. Auch das Blaue Sofa und ein paar Literaturpreis-Nominierungen dürften machbar sein. Wenn nicht bei diesem, dann bei deinem nächsten Roman. Wonderwoman traue ich mittlerweile alles zu.

Es grüßt und umarmt dich herzlich,
dein Bloggerfreund aus dem Buchrevier

Leserbrief #10

4

 

Lieber Sven,

den ganzen Tag suche ich schon nach einem passenden Vergleich. Es gibt genügend Beispiele aus allen Lebensbereichen, passiert ja seit Jahrhunderten leider immer wieder, dass ein Ausnahmetalent, ein echter Hoffnungsträger seine Seele verkauft. Für den schnellen Erfolg, den schnöden Mammon, für was auch immer. Im Musikbereich denke ich sofort an Coldplay, beim Sport an Mario Götze und Lukas Podolski und all die anderen, die zum FC Bayern wechselten. In meinem persönlichen Umfeld denke ich da jetzt auch an dich.

Dein erster Roman ist seit Freitag auf dem Markt. Dunkels Gesetz, ein Krimi – oder wie der Verlag sagt: „Ein moderner Noir ― für alle Fans großer Spannungsliteratur; geschrieben in den Zeiten von True Detective und Breaking Bad.“ Ok, ich kenne weder True Detective noch Breaking Bad und stehe jetzt auch nicht unbedingt auf Spannungsliteratur. Dafür kenne ich deinen grandiosen Kurzgeschichtenband Asche und die Punchdrunk-Geschichten und weiß daher, was du drauf hast. Deswegen kann ich echt nicht nachvollziehen, wie das hier passieren konnte.

Wenn ich daran zurückdenke, wie begeistert ich war, als ich deine ersten Kurzgeschichten las. Selten hat mich etwas so aufgewühlt, ich hatte Gänsehaut, einen Kloß im Hals, Tränen in den Augen – alles. Ich musste allen davon erzählen, meine Begeisterung teilen und ich hab mich gefreut, dass andere das auch so sahen. Das ist alles noch gar nicht so lange her. Und jetzt das.

Natürlich war ich nicht gerade erfreut, als ich hörte, in welche Richtung es gehen würde. Nichts Literarisches, sondern Genre. Schade eigentlich, aber klar, mit Spannung kann man natürlich mehr Geld verdienen. Große Stadien statt kleine Clubs, Championsleague statt 2. Bundesliga. Kann ich verstehen, hätte ich vielleicht auch so gemacht. Außerdem kann man ja auch im Genre-Bereich durchaus literarisch unterwegs sein. Das war meine Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob du diesen Spagat überhaupt versucht hast. Wenn ja, dann ist dir das nicht gelungen. „Dunkels Gesetz“ ist weder spannend noch besonders literarisch und wirkt auf mich wie ein ambitionierter aber insgesamt doch schlechter Sonntagabend-Tatort. Der Plot mühsam konstruiert und letztlich lahm, viel zu viele nicht trennscharfe Charaktere, kryptische Macho-Slang-Dialoge, sinnloses Gemetzel und auch sprachlich konnte es mich diesmal nicht überzeugen. Ich weiß, dass du dich um einen reduzierten Sprachstil bemühst. Nichts Überflüssiges, kein Wort, kein Adjektiv zu viel. Subjekt, Prädikat, Objekt. Hauptsatz und maximal ein Nebensatz, keine weiteren Verschachtelungen. Derart skelettiert wirken die Sätze aber auch wie tot. Wenn dann noch jeder zweite Satz mit Er oder Sie anfängt, wirkt das schnell eintönig und leider auch einfallslos.

Nein, da waren deine Kurzgeschichten einfach besser. Man hat gemerkt, dass die Storys aus dem Bauch kommen, dass du fühlst, was du da schreibst. Diese Authentizität fehlt mir hier. Dieser Roman ist eine Kopfgeburt, auf ein Format getrimmt, wie eine Auftragsarbeit für eine bestimmte Zielgruppe getextet und daher irgendwie seelenlos. Vielleicht ist die längere Prosa aber auch einfach nur das falsche Format für dich.

Ich habe wirklich lange nachgedacht, ob ich dir das alles überhaupt schreiben soll. Denn ich mag dich ja und weiß, dass du das nicht gerne lesen wirst. Auf der anderen Seite ärgert mich dieses Romanprodukt so sehr, dass ich mir einfach den Ärger von der Seele schreiben musste. Was soll ich hier schweigen oder gute Miene zum schlechten Roman machen, wenn dem nicht so ist. Lieber direkt sagen, was Ambach ist. Und überhaupt: Wer von anderen mehr Authentizität einfordert, sollte sich dem nicht selber entziehen.

Lieber Sven, egal ob dich das interessiert und du das jetzt hören willst: ich habe dir jedenfalls offen und ehrlich gesagt, was ich zu deinem Debüt zu sagen hatte. Natürlich ist das alles sehr subjektiv und von meiner persönlichen Enttäuschung geprägt. Das gebe ich gerne zu. Daher auch keine Rezension, sondern dieser Leserbrief.

Also, nichts für ungut, alter Zosse.

Es grüßt vom Niederrhein ins Rheinland
dein immer noch größter Kurzgeschichten-Fan aus dem Buchrevier

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Leserbrief #9

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Lieber Thomas,

kennst du das auch noch von damals? Wenn man als Jugendlicher Fan einer Band war, hat man das auf seine Federmappe geschrieben. Einige haben auch den Schultisch mit Bandnamen vollgekritzelt oder sind mit dem Edding losgezogen und haben Telefonzellen und Häuserwände mit dem Namen ihrer Idole beschriftet. Ich hab mit zwölf, dreizehn zunächst für „Boney M.“ und später dann für „The Police“ geschwärmt. Irgendwann war mir das zu albern, und ich hab aufgehört, mich als Fan von irgendwas zu outen. Doch wenn ich heute noch so eine Federmappe hätte, würde dein Name darauf stehen.

Ich würde sämtliche Berichte über dich aus den Zeitschriften ausschneiden und in eine Kladde kleben. Dein Poster würde über meinem Bett hängen und wenn mich einer fragen sollte, was ich denn später einmal werden will, würde ich sagen: so ein toller Schriftsteller wie der Thomas. Ja, wenn….

Wenn doch heute alles noch so einfach wäre wie damals. Doch das ist längst vorbei. Heute ist selbst Fan-Sein kompliziert. Man erfährt so viel, blickt hinter die Fassaden und lernt seine Idole von Seiten kennen, von denen man besser nichts gewusst hätte. Niemand kann mehr in allen Bereichen Vorbild sein; erst recht nicht, wenn er oder sie sich ungesund ernährt, die falsche Partei wählt, Pelz trägt, seinen Partner betrügt, Steuern hinterzieht, Drogen nimmt oder irgendwie anderweitig verhaltensauffällig ist. Womit wir schon wieder bei dir sind.

Es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr ausblenden. Zu eindringlich und intensiv hast du es in deinem letzten Buch beschrieben. Wie es ist, du zu sein, wie es sich lebt mit deiner Krankheit. Das hat sich in mein Hirn eingebrannt; das ist jetzt immer da, schwingt mit, wenn ich an dich denke oder etwas von dir lese.

Gerade lese ich zum Beispiel deinen Debütroman, mit dem du vor sechs Jahren zum ersten Mal auf der Longlist des Buchpreises gelandet bist. Sprachlich bin ich wieder total begeistert, schwelge in deinen Sätzen, lese mir einige Passagen laut vor und freue mich einfach an deinem unglaublichen Schreibtalent. Und während ich noch denke, dass wirklich niemand persönliche Abgründe, Angst- und Rauschzustände besser beschreiben kann als du, sind auf einmal all die Bilder wieder da. Ich sehe dich vor mir, wie du dich damals beim Schreiben dieses Romans gequält hast, sehe all die dunklen Stunden am Schreibtisch, das anschließende Versteckspiel bei den öffentlichen Auftritten. Du wolltest das so, hattest keine Lust mehr, dich zu verstecken. Jetzt weiß jeder, warum du das alles so intensiv und eindringlich schildern kannst. Und schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass das ja dann auch keine große Kunst ist.

So etwas zu denken, ist derart billig, oberflächlich und hinterhältig, dass ich mich für einem Moment selber nicht leiden kann. Genau das ist eingetreten, was ich befürchtet habe. Weißt du noch, was ich damals zur ‚Welt im Rücken’ geschrieben habe? Dass in Zukunft der ganze Literaturbetrieb denken wird, was guckt der so komisch? Und jetzt bin ich selber keinen Deut besser. Kann Bilder nicht ausblenden, Literatur nicht unvoreingenommen wertschätzen, Romanhelden nicht getrennt vom Autor betrachten.

Auch wenn mir das bewusst ist und ich das ablehne – abstellen kann ich es nicht. Eingebrannt hat sich auch das Bild unserer ersten und einzigen Begegnung. Wie du an der Garderobe im Frankfurter Römer stehst und dir deinen Mantel geben lässt. Hinter dir wird noch der Gewinner des Buchpreises gefeiert, der in diesem Jahr zum dritten Mal nicht du bist. In diesem Augenblick hast du mir so furchtbar leid getan, ich hätte dich am liebsten umarmt und gedrückt. Lange blickte ich dir hinterher, wie du mit gesenkten Haupt zum Ausgang gingst. Aber kurz darauf musste ich schon wieder laut lachen, als ich bei Twitter sah, dass du jetzt als Leonardo DiCaprio des Deutschen Buchpreises bezeichnet wirst.

Ja, das Leben ist manchmal einfach ein großer Haufen Scheiße. Du hast definitiv das bessere Buch geschrieben, das weißt du, das weiß ich. Aber in diesem Jahr wurde nunmal ein Lebenswerk ausgezeichnet. Da kann man nichts machen. Der alte Herr war jetzt einfach mal dran. Irgendwann wirst du da oben stehen und deine Rede halten. Da bin ich mir ganz sicher. Guck doch – selbst Leo hat jetzt auch seinen Oscar bekommen.

Gewonnen hast du trotzdem. Und zwar einen neuen Bewunderer; einen der alles lesen wird, was du schon geschrieben hast und noch schreiben wirst, der auf deinen Lesungen in der ersten Reihe sitzen wird und wenn er nicht schon so alt wäre, sogar ein Poster von dir über seinem Bett aufhängen würde.

Herzlich grüßt

dein neuer, treuer Fan aus dem Buchrevier

Leserbrief #8

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Lieber T.,

bitte entschuldige, dass ich mich auf diesem Weg an dich wende. Aber irgendwie komme ich im Moment nicht anders an dich ran. Du wirkst so gehetzt, ungeduldig und irgendwie abwesend. Ich traue mich kaum, dich anzusprechen. Da scheint der Blog immer noch der beste Kontaktweg zu sein. Ich weiß, dort guckst auch noch drauf, wenn dich sonst schon gar nichts mehr interessiert.

Sag mal, wie lange haben wir uns nicht mehr ausgetauscht, ein wenig Quality Time gehabt? In irgendeinem Laden sitzen, gute Musik, ein paar Bier und einfach mal reden. Ich weiß ja gar nichts mehr über dich, vermisse die Gespräche über Gott und die Welt, über gute und schlechte Literatur. Was beschäftigt dich eigentlich momentan? Du lässt dir ja nichts anmerken, aber ich kenne dich doch. Wenn du dich so zurückziehst, dann ist irgend etwas.

Im Blog passiert ja ab und zu noch was. Nicht viel, aber hier und da eine Besprechung, Business as usual. Aber sonst? Was ist denn mit den ganzen Netz-Diskussionen? Professionalisierung, Blogger vs. Feuilleton, neue Königsklasse, Marketingkarren – hast du denn dazu gar nichts zu sagen? Was bist du eigentlich für eine Spezies? Ein bloggender Leser oder ein lesender Blogger? Äußere dich doch dazu mal.

Und überhaupt, hatte dein Blog nicht neulich zweiten Geburtstag? Andere machen da was draus, feiern sich und verlosen irgendwas. Letztes Jahr hast du das auch noch getan, aber jetzt? Noch nicht mal ein lausiger Tweet. Hast du keinen Bock mehr? Twitter scheint ja sowieso nicht so dein Ding zu sein. Hast du mal gesehen, was andere da machen? Drei, vier Tweets am Tag Minimum. Während du grad mal zwei oder drei in der Woche schaffst. Dafür hast du scheinbar Instagram wieder für dich entdeckt. Zumindest passiert da mal wieder was. Bin gespannt, ob du das durchhältst.

Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Wie ist das eigentlich für dich in deinem Alter mit den neuen Medien? Ich mein, du bist ja nicht gerade ein digital native, warst den Großteil seines Lebens analog unterwegs. Fällt einem das dann schwer, sich tagtäglich bei Facebook, Twitter und Instagram einzubringen? Ich habe das Gefühl, du machst da nicht mehr, als du unbedingt musst.  Ja klar, diese Netz-Diskussionen fressen Zeit und du hast ja auch noch einen Job, der dich fordert. Aber gehört dieser Dialog nicht irgendwie dazu, wenn man ein relevanter Blogger sein will? Es ist anstrengend, ich weiß, aber Bloggen ist nunmal keine Einbahnstraße.

Generell würde mich mal dein Standpunkt zur Flüchtlingspolitik interessieren. Da hast du bisher nicht ein Wort drüber verloren. Gerade du, wo du doch auch einen Migrationshintergrund hast. Warum äußerst du dich dann nicht mal dazu? Das wäre doch genau dein Thema. Fühlst du dich als Ausländer oder als Deutscher oder weder noch? Und beleidigt es dich eigentlich, wenn Menschen es bemerkenswert finden, dass gerade du dich so für deutschsprachige Literatur interessierst und dabei auch noch weitgehend fehlerfrei sprichst und schreibst? Eigentlich eine Unverschämtheit, ja, aber du musst auch die Leute verstehen. Schwarzer Kopp, ungewöhnlicher Name – da liegt das doch nahe.

Ach ja, was ich noch fragen wollte: Blogbuster läuft doch ganz gut, oder? Bist du zufrieden mit dem Rücklauf? Oder hast du dir mehr erwartet? Ich hab gehört 110 Manuskripte sind bisher eingegangen. Dafür, dass Genreliteratur ausgeschlossen ist, ist das doch ganz ordentlich, oder? Jetzt sag doch mal. Lass dir nicht immer jedes Wort aus der Nase ziehen. Freu dich doch, dass man sich für dich interessiert. Wenn nicht, wärst du doch auch nicht zufrieden.

Aber ich merk schon, ich komm nicht an dich ran. Ok, ok, wenn der Herr nicht will, dann will er nicht. Lies, schreib und mach, was du nicht lassen kannst. Ich verzieh mich jetzt und lass dich in Ruhe. Es war trotzdem ein tolles Jahr mit dir.

Es grüßt ganz herzlich, Dein nach wie vor größter Fan.

 

Leserbrief #7 (Longlist of Love)

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Liebe Buchpreisjury,

wie viele Stoßgebete wohl in den letzten Tagen gen Himmel gesendet wurden. Lieber Gott, bitte, bitte mach, dass mein Buch in diesem Jahr auf der Longlist steht. Und wenn denn tatsächlich gebetet wird, tun das bestimmt nicht nur die Autoren, sondern auch ihre Verleger. Nun weiß natürlich jeder, dass Gott im Moment ganz andere Sorgen hat, als die Longlist des Deutschen Buchpreises. Diesen Job habt ihr übernommen, und daher müsste so ein Stoßgebet auch eigentlich beginnen mit: Liebe Buchpreisjury, …

Das soll kein Gott-Vergleich sein, aber so willkürlich und unvorhersehbar wie die Titelauswahl immer wieder ist, hilft eigentlich nur noch beten. Und das ist auch gut so. Denn die Longlist wird ja nur deshalb so viel beachtet und lebhaft diskutiert, weil sie immer wieder überraschend ist. Das mag daran liegen, dass ihr als Jury euch jedes Jahr neu formiert. Andere Typen, andere Meinungen und dadurch unkalkulierbar. Ich vermute aber, dass Ihr das Überraschungsmoment ganz bewusst mit einplant. Habe ich recht?

Bestimmt habt ihr so eine geheime Quotenregelung, bei der genau festgelegt ist, wieviele Bücher gemäß der allgemeinen Erwartung und wieviele davon vollkommen überraschend auf die Longlist kommen. Ihr könnt es ruhig zugeben; ich schätze mal, gut ein Drittel der zwanzig Titel sind für den Aha-Effekt vorgesehen. Und dann sind da ja noch die anderen Vorgaben. Der Gender-Proporz, das optimale Verhältnis zwischen Indie- und Majorverlag, der Trendthemen-Bezug, nicht zu viel Suhrkamp, die Migrationsautoren-Quote und natürlich müssen die Österreicher und die Schweizer auch noch berücksichtigt werden.

Viele unterschiedliche Erwartungshaltungen, die eine Menge Druck erzeugen. Gott sei Dank hat Clemens Setz in diesem Jahr nichts Neues vorgelegt, so dass an dieser Front erstmal Ruhe ist. Dafür steht jetzt Christian Kracht zur Debatte. Wenn ihr den nicht wenigstens auf die Longlist packt, wird es im Feuilleton wieder einen #Aufschrei geben. Oh je – kein einfacher Job, den ihr da habt.

Und jetzt kommt auch noch einer dieser Blogger daher – eine Laus, die ihr euch selbst in den Pelz gesetzt habt – und der hat nicht nur eine Longlist-Wunschliste dabei, sondern auch noch ein paar schlaue Sprüche auf Lager. Einer davon lautet: Vergesst einfach mal alle Erwartungshaltungen von außen und folgt dem Bauchgefühl. Denn die Aufgabe des Deutschen Buchpreises ist nicht nur, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu küren, sondern auch für deutschsprachige Literatur und das Lesen an sich zu werben. Und hier wünsche ich mir in diesem Jahr eine Longlist mit Titeln, die einfach Spaß machen zu lesen, die einen verblüffen, fesseln, zum Nachdenken und zum Lachen bringen; auf die man sich als berufstätiger Mensch abends nach einem harten Arbeitstag einfach freuen kann, die einen fordern, aber nicht überfordern. Kein verquaster und sperriger Lesestoff für das literaturwissenschaftliche Proseminar, Keine tausendseitige Bleiwüste wie das Preisträgerbuch vom letzten Jahr. Ich meine, wir alle haben uns mit Frank Witzel gefreut, weil es so eine tolle Überraschung war und weil er ein netter Kerl ist. Aber mal ganz ehrlich, wer außer Jochen Kienbaum hat seinen manischen depressiven Teenager denn tatsächlich gelesen? Ich hab mal reingeblättert, festgestellt, dass ich für die Lektüre Monate brauchen würde und es dann ganz schnell wieder ins Regal gestellt. Damit wird man niemand Neues für die moderne deutschsprachige Gegenwartsliteratur begeistern können.

Nein, ich wünsche mir, dass in diesem Jahr Romane wie Unterleuten von Juli Zeh oder Der Goldene Handschuh von Heinz Strunk auf der Longlist stehen. Bücher, die ein beeindruckendes Leseerlebnis bieten. Romane, die man tief bewegt aus der Hand legt und mit leuchtenden Augen weiterempfiehlt. Und es ist egal, dass diese Titel schon seit Monaten die Bestsellerlisten anführen und keine weiteren Auszeichnungen mehr bedürfen. Denn der Buchpreis darf nicht als Entwicklungshilfe für literarische Schattengewächse verkommen. Der Leser darf nicht das Gefühl bekommen, hier zeichnet die Branche ein literarisches Meisterwerk aus, das irgendwie alles ist, nur nicht lesbar.

Ich habe mal meine ganz persönliche „Longlist of Love“ zusammengestellt. Alles Titel, die entweder andere Blogger oder ich schon mit großer Begeisterung gelesen haben oder denen wir mit großer Vorfreude entgegenfiebern. Bitte, bitte liebe Buchpreisjury, mach, dass davon möglichst viel am Dienstag auch auf der offiziellen Liste steht. Und wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr das einfach so locker aus dem Bauch heraus entscheiden könnt – ich habe neulich Gott gefragt, was er gerne lesen würde. Er meinte, meine Liste wäre ok.

Na also.  Hier ist sie: 

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Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp)

Charles Lewinsky – Andersen (Hanser)

Sabine Gruber – Daldossi oder das Leben des Augenblicks (C.H. Beck)

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Shida Bazyar, Nachts ist es Leise in Teheran (Kiepenheuer & Witsch)

Martin Mosebach – Mogador (Rowohlt)

Juli Zeh – Unterleuten (Luchterhand)

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Senthuran Varatharajah: “Vor der Zunahme der Zeichen” (S.Fischer)

Mireille Zindel – Kreuzfahrt (Kein & Aber)

Christoph Hein – Glückskind mit Vater (Suhrkamp)

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Thomas Melle – Die Welt im Rücken (Rowohlt)

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh (Rowohlt)

Lukas Bärfuss – Hagard (Wallstein)

Matthias Hirth – Lutra Lutra (Voland & Quist)

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Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex (S.Fischer)

Rasha Khayat – weil wir längst woanders sind (Dumont)

Silke Scheuermann – Wovon wir lebten (Schöffling)

Thea Dorn – Die Unglückseligen (Knaus)

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Christian Kracht – Die Toten (Kiepenheuer & Witsch)

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt)

Tilman Rammstedt – Morgen mehr (Hanser)

Leserbrief #6

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Lieber John,

wenn du wüsstest, was so alles über dich erzählt wird. Nicht nur über deine Bücher, sondern auch über deine Person; glaub mir, das willst du alles gar nicht wissen. Aber kein Wunder, du bist ja auch einer der ganz Großen, eine lebende Legende. Der ganze Klatsch, Spott und Hohn, Neid und Missgunst, das gehört wohl alles dazu, ist die Kehrseite des Ruhms, der Preis den man zu zahlen hat.

Stimmt es eigentlich, dass du ernsthaft erkrankt bist? Eine typische Alt-Männer-Krankheit soll es sein, eine an der man auch sterben kann. Woher ich das weiß? Du wirst es nicht glauben. Das habe ich auf einer öffentlichen Veranstaltung erfahren. Eine junge Bestseller-Autorin hat es erzählt. Eine, die angeblich jedes Tattoo auf deinem Körper kennt – woher auch immer. Bist du wirklich tätowiert? Hätte ich jetzt echt nicht gedacht, aber heutzutage haben ja Kreti und Pleti so ein Tattoo. Egal, ich sagte ja, dass du das alles wahrscheinlich gar nicht wissen willst. Was diese recht attraktive Autorin wohl noch so alles über dich weiß? Kennst du sie eigentlich oder hat sie das alles aus irgendeiner Frauenzeitschrift?

Wenn man erstmal so eine internationale Berühmtheit ist wie du, dann hat man sicherlich längst die Kontrolle über all die kursierenden Informationen zur eigenen Person verloren. Und ganz ehrlich, wen interessiert es schon, was so eine junge Frau aus Österreich so alles erzählt. Oder? Aber das mit der Krankheit, wenn es denn wahr ist, hat mich echt geschockt. Mittlerweile ist das ja alles gut therapierbar; man kann damit leben, aber schön ist das wohl nicht. Kürbiskerne! Ich habe gehört, die sollen helfen und schmecken gar nicht mal so übel. Kann man abends als kleinen Snack vor dem Fernseher nehmen, statt Chips.

Ach Mensch John, das tut mir alles so leid. Aber es ist nicht der einzige Grund, warum ich dir diesen Brief schreibe. Dein neuer Roman – das ist der eigentliche Grund. Du weißt, was ich sagen will? Es wird dir ja nicht entgangen sein, dass er jetzt nicht so super toll bewertet wird. Weder vom Feuilleton noch von deinen langjährigen und treuen Fans. Ein typisches Alterswerk, so sagt man; ein Buch von einem, der sich auserzählt hat, der sich nur noch wiederholt, im eigenen Saft schmort, vom vergangenen Ruhm zehrt. Zudem soll es verworren sein, sich schleppend lesen. Die alte Leichtigkeit, für die du bekannt warst, ist dir abhanden gekommen, so heißt es. Man muss sich durch die Seiten quälen und fragt sich am Ende: warum?

Das ist jetzt nichts, was einen aufbaut, wenn es einem sowieso schon nicht besonders gut geht, oder? Und es betrifft ja beileibe nicht nur dieses Werk. Seit ein paar Jahren ist das Tenor bei jedem neuen Roman von dir. Wenn ich daran denke, wie begeistert ich damals war, als ich mit 18 oder 19 das erste Buch von dir gelesen habe. Eine Familie, ein Hotel, ein furzender Hund, ein Bärenkostüm und Bruder und Schwester, die Sex haben. Grandios. Und auch auch die Bücher danach, alles Weltbestseller – zu Recht. Ich habe sie alle gelesen und mir natürlich auch die Verfilmungen angeschaut, mit Nastassja Kinski, Michael Caine und der bezaubernden Blonden, wie heißt sie noch mal, die mit Tobey Maguire auf der Apfelplantage rumgemacht hat? Egal, ich kannte das alles beinahe auswendig, habe mich auf jeden neuen Roman von dir gefreut, ihn am ersten Erscheinungstag gekauft und in einem Rutsch durchgelesen – damals in den Achtzigern.

In der Zeit hab ich nur Levi’s 501-Jeans getragen. Die hatten so einen Kniff am Arsch und waren die ultimative Jeans. Niemals im Leben, so dachte ich, würde ich je eine andere Jeans tragen. Und tatsächlich, ein paar davon habe ich immer noch. Ich ziehe sie zum Streichen an oder bei der Gartenarbeit; sie haben Löcher, sind voller Flecken und völlig aus der Mode. Im Spiegel betrachtet komme ich mir darin ziemlich verkleidet vor. Die sind für mich irgendwie voll Achtziger, so wie – und es tut mir leid, das sagen zu müssen – so wie deine Romane.

Ja, das ist leider so. Man muss es mal in aller Deutlichkeit sagen: du bist einfach nicht mehr in. Du hast deine Zeit gehabt, Erfolge gefeiert, den Diskurs bestimmt. Aber mittlerweile trägt man andere Jeans und liest andere Autoren. Das ist der Lauf der Zeit und überhaupt nichts, wofür man sich in irgendeiner Form schämen sollte. Aber man sollte auch die Augen nicht davor verschließen und einfach immer so weitermachen, nur weil es immer noch ein paar Menschen gibt, die deine Bücher kaufen. Guck mal: Status Quo und die Simple Minds geben auch immer noch Konzerte. Und würdest du da hingehen?

Das hast du doch alles gar nicht nötig. Du hast dein Geld verdient, erzählt, was du zu erzählen hattest und hoffentlich in all den Jahren des großen Erfolgs nichts anbrennen lassen und dein Leben in vollen Zügen genossen. Was musst du dich jetzt noch quälen, dir irgendwelche Geschichten aus den Fingern saugen, die kein Mensch mehr hören will? Diesen ganzen Spott, Verrisse von intellektuellen Grünschnäbeln oder unverschämte Leserbriefe von irgendwelchen Bloggern, willst du dir das in deinem Alter wirklich noch immer antun?

Ich werde dich immer in Ehren halten, auch wenn ich seit 15 Jahren nichts mehr von dir gelesen habe. Für mich wirst du immer einer der ganz Großen sein, einer zu dem man aufblickt. Aber auch einer, von dem ich definitiv keinen neuen Roman mehr lesen werde. Also kauf dir, wenn du das nicht schon längst gemacht hast, von den verdienten Millionen eine Yacht, und schippere damit durch die Karibik. Oder meinetwegen chille mit einer Schale Kürbiskerne vor dem Fernseher ab – Hauptsache du bist glücklich, so glücklich wie du mich mit deinen Büchern gemacht hast – damals.

Auf Verdacht wünsche ich mal gute Besserung und nichts für ungut.

Dein alter Fan aus den Achtzigern.

Leserbrief #5

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Lieber Daniel,

Mensch, wie die Zeit vergeht. Schon wieder zwei Monate her seit Leipzig. Wie geht es Dir? Alles klar soweit? Ich war ja im Urlaub. War klasse. Aber jetzt hat mich der Alltag schon wieder fest im Griff. Ja, so ist das… Aber das willst du gar nicht wissen, oder?

Dachte ich mir. Ich weiß ja, dass du wartest, dass du wissen möchtest, ob es mir gefallen hat, was ich davon halte und ob ich dein Buch weiterempfehlen würde. Wahrscheinlich ahnst du schon was. Denn seit ich dir vor ein paar Wochen mitgeteilt habe, dass ich jetzt mit der Lektüre beginne, kommt von mir nichts mehr. Kein begeisterter Post, keine Nachfrage, keine Mail mit der Mitteilung, dass mir etwas dazwischen gekommen ist und erst recht keine Besprechung. Andere Bücher werden hier besprochen, es wird empfohlen und abgeraten, aber deins ist nicht dabei. Still ruht der See.

Wenn es nicht dein Debüt wäre und du schon ganz viele positive Besprechungen hättest, wenn ich dich nicht kennen und vor allem auch noch sympathisch finden würde – dann, ja dann hätte ich kein Problem damit. Ich würde einfach sagen, dass mir dein Roman nicht gefallen hat. So wie ich das immer mache, nicht um den heißen Brei herum, nicht schön geredet, sondern klare Kante. Ich würde das überall einstellen und verlinken und auf möglichst viele Klicks hoffen. Ist doch gar nicht schlimm, sondern nur eine Meinung von vielen. Die wenigsten Autoren, deren Roman ich bisher verrissen habe, hat das groß interessiert. Ich glaube, die haben das noch nicht mal mitbekommen. Die hatten eine Empfehlung von Jonathan Franzen auf dem Backcover, waren auf der Shortlist des Buchpreises oder hatten sogar den Aspekte-Literaturpreis gewonnen. Wen interessiert da noch eine einzelne negative Bloggermeinung?

Aber du würdest das natürlich mitbekommen. Weil da noch kaum eine andere Meinung ist. Dann stünde das nicht nur hier auf dem Blog, sondern auch auf den ersten Seiten bei Google und damit auch zwischen uns. Du glaubst gar nicht, wie mich das beschäftigt. Seit Wochen überlege ich, was ich tun soll. Einfach gar nichts schreiben? Ja klar, das wäre der einfachste Weg. Eine kurze, erklärende Mail an dich und den Verlag und dann wäre die Sache gegessen. Doch irgendwann stand für mich fest, dass ich nicht einfach den Schwanz einziehe. Literatur ist nicht immer einfach, lebt vom Austausch und Diskurs. Und dein Roman ist zweifelsohne Literatur. Ein Text mit Anspruch, gefühlvoll komponierte Sätze, interessante Charaktere, ein abwechslungsreiches Setting und ein außergewöhnlicher Plot. Dazu ein interessanter Titel, ein cooles Cover, ein cooler Verlag und du als Autor – eloquent, gebildet und mit interessanter Vita.

Das alles ließ mich hoffnungsvoll starten. Doch schon bald fing ich an zu straucheln, habe mich in den verschiedenen Handlungssträngen, Zeitschienen, Settings verfangen und bin mit der Zuordnung der Protagonisten einfach nicht mehr klargekommen. Ich habe mich förmlich in deinem Roman verirrt, nicht nur einmal, sondern auf jeder Seite gleich mehrmals.

Sprachlich ist alles top, wirklich tolle Sätze hast du da geschaffen. Ich habe sofort gemerkt, dass da jemand schreiben kann. Und dann macht es nicht nur Spaß, sich die Sätze laut vorzulesen, es hilft mir auch dabei, mich besser zu konzentrieren. Aber all das hat diesmal nichts genutzt. Immer wenn ich glaubte, irgendetwas verstanden zu haben, zu wissen, um wen es hier auf der Seite jetzt geht, gab es einen Cut und eine neue Person betrat die Bühne. Und sie hieß nicht nur so ähnlich wie ein Charakter, der ein paar Seiten zuvor plötzlich auf- und wieder abgetaucht ist, nein sie ist auch noch mit dieser Person verwandt, ein Vorfahre, Nachkomme, Mann, Frau, Sohn oder Tochter. Weiß der Henker.

Ganz ehrlich, Daniel, was soll das? Man kann in ein Buch von zweihundert Seiten nicht ohne Unterlass Charaktere reinstopfen, sie ein paar Sätze lang aufbauen und dann wieder verschwinden lassen. Ich mag so etwas ja gar nicht. Dabei hätte ich vorgewarnt sein können. Auf dem Backcover steht etwas von losen Fäden und einem transkulturellen Klangteppich, vom Vergangenen, das drastisch in der Gegenwart aufschlägt. Wer soll das lesen? Doch ich bin sicher, es werden sich Fans finden. Welche, die sich besser konzentrieren können und kein Problem mit losen Fäden und Klangteppichen haben.

Ich habe wahrlich keinen Spaß daran, dir so etwas zu schreiben. Gerne hätte ich das genaue Gegenteil behauptet und noch lieber hätte ich ein Buch von dir gelesen, das mir gefällt. Besonders ärgerlich ist, dass du das sicherlich auch schreiben könntest. Denn das Talent ist da, nur verfolgst du damit irgendwie andere Ziele.

Wie auch immer. Vielleicht hätte ich einfach meine Klappe halten sollen. Vielleicht sollte ich mich auch gar nicht mit Autoren unterhalten, deren Buch ich noch besprechen will. Oder umgekehrt. Vielleicht musste ich aber früher oder später mit dem Blog genau an so einen Punkt mal ankommen. Wo ich mich entscheiden muss, was ich überhaupt will, worum es mir geht und ob ich bereit bin, dazu zu stehen. Und wenn ich auch dein Buch nicht verstanden habe, das habe ich kapiert. Ehrlich sein, Eier in der Hose haben und zu seiner Meinung stehen – das ist mir wichtig im Leben und genauso wichtig für den Blog.

Manchmal muss man für banale Erkenntnisse erst komplizierte Bücher lesen.

Und dafür dankt dir der Blogger aus dem Buchrevier

 

Leserbrief #4

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Lieber Jan,

na du Shootingstar? Hat sich der Hype schon etwas gelegt? Wie ist es dir ergangen, wie fühlt es sich an, Deutschlands neuer Dichterfürst zu sein? Ja, komm – das kannst du ruhig mal so stehen lassen. Musst nicht immer super nett und bescheiden sein. Auch wenn das alle an dir lieben. Bist nun mal ein sympathischer Kerl, das sagt wirklich jeder. Und noch dazu: der beste Botschafter für die Lyrik. Stimmt auch, kann ich bestätigen.

Aber du kannst das bestimmt schon nicht mehr hören, oder? Juckt es dir nicht manchmal in den Fingern, das Bild vom perfekten Schwiegersohn zu zerstören? Einfach mal den Wachholderbusch eine schnöde Pflanze sein zu lassen und stattdessen mal wie Houellebecq ungekämmt und mit fleckiger Hose auf die Bühne zu treten und irgendetwas Schweinisches, Verruchtes raushauen. Sowas wie – verzeih bitte den Ausdruck – eine Ode an die Möse. Und wenn keine Ode, dann meinetwegen ein Sonett – ich kenne da eh nicht den Unterschied. Aber das wäre doch mal was. Oh jeh, ich stell mir das gerade vor. Wie die Studienräte und Apothekerinnen im Publikum rote Ohren bekommen, wie sie sich anschauen und den Kopf schütteln. Wie sie denken, jetzt ist er übergeschnappt, der Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Das ist nicht mehr unser netter, sauberer Preisträger, mit den gewaschenen Haaren, dem Cordanzug und der schönen Stimme.

Aber wer dich kennt, weiß, dass du so etwas niemals machen würdest. Dass du nicht nur nett tust, dass du es auch bist. Und wenn einer jemals daran zweifeln sollte, wird er von mir sofort eines Besseren belehrt. Ach, du kennst den Jan?, werde ich dann gefragt. Und das ist der Augenblick, auf den ich nur gewartet habe, um ein wenig auf dicke Hose zu machen. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und zeige dieses eine Bild, das es von uns gibt. Du und ich in der Bloggerlounge. Wir haben mal so ein Projekt zusammen gemacht, sag ich dann mit gespielter Bescheidenheit. Er als Autor, ich als sein Pate. Habe ihn ein bisschen gepusht. Kein großes Ding, nur ein, zwei Texte auf dem Blog. Wurde oft geklickt und geteilt und ich will mal so sagen: Es hat ihm auf alle Fälle nicht geschadet. Zwei Wochen später hielt er dann den Preis in den Händen. Saubere Sache.

Mensch Jan, das kommt mir vor wie gestern. Ist aber jetzt schon wieder ein Jahr her, als wir zusammen in der Leipziger Glashalle saßen. Du vorne, ich irgendwo hinten auf den billigen Plätzen. Ich hab dir die Daumen gedrückt und dann auf einmal war die Sensation perfekt. Die Regentonnenvariationen hatten gewonnen und ich mit dir. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, ich hätte schreien können, versuchte aber cool zu bleiben, denn die Bloggerkollegen schauten in meine Richtung. Coole Sache, war klar, absolut richtige Entscheidung, habe ich doch gleich gesagt – ich geh mal eben gratulieren.

Du hast es vorgemacht. Hast es mit einem Lyrikband in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft und wahrscheinlich richtig Asche gemacht. Big Business, plötzlich Dichterfürst und so. Das freut mich für dich, ehrlich. Wenn es einer verdient hat, dann du. Endlich mal ein ordentliches Zeilenhonorar und kein Stipendiendruck mehr. Dieser Writer-In-Residence-Scheiß ist auf Dauer doch Kacke, oder? Jetzt hoffe ich, dass Du einen guten Steuerberater hast, sonst holen sich die Aaasgeier vom Finanzamt wieder ein richtig großes Stück vom Kuchen. Frag doch mal, ob du die Cordanzüge nicht als Arbeitskleidung absetzen kannst.

In diesem Jahr steht ja wieder ein Lyrikband auf der Shortlist. Aber nach deinem Erfolg im letzten Jahr hat Marion natürlich nicht die Spur einer Chance. Oder was meinst du? Ich glaube ja, dass der Heinz Strunk es machen wird. Der hätte bestimmt kein Problem mit einer Ode an die Möse. Haha, ja der würde das bringen, sicherlich auch als Sonett.

Ach ja, eins muss ich dir übrigens noch beichten. Das mit den Gedichten hat bei mir leider nicht geklappt. Nachdem wir damals auseinandergegangen sind, habe ich nie wieder einen Vers gelesen, weder einen rein noch unrein gereimten. Ich bin halt so ein alter Prosatyp. Lyrik ist für mich wie Sushi – ich finde die Idee ganz gut, mag das ganze Drumherum, aber es schmeckt mir einfach nicht.

Und deswegen wünsche ich mir nichts sehnlicher, als endlich einen Roman von dir. Oder wenigstens einen Band mit Kurzgeschichten, gerne auch lyrische Kurzgeschichten. Mein Gott, versuche es doch wenigstens mal. Der Lutz Seiler und die Marion Poschmann haben es doch auch gemacht. Kannst das ja unter Pseudonym veröffentlichen. Bitte, bitte Jan. Ich sage dann auch nie wieder etwas gegen Cordanzüge, versprochen.

Dein Patenonkel aus dem Buchrevier

 

 

Leserbrief #3

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Liebe Ronja,

Du, es tut mir leid, aber ich schaff es nächste Woche einfach nicht. Hier ist schon wieder der Teufel los, da kann ich mich nicht einfach so rausziehen. Dabei wäre ich total gerne auf deine Party gekommen, habe mich riesig gefreut, dass ich überhaupt eingeladen wurde. Ist ja auch ein toller Anlass zum Feiern – dein erstes Buch. Mensch, ich bin sowas von gespannt. Hoffe ja, dass es richtig gut wird. So gut, dass sich keiner mehr was zu sagen traut. Denn die Hater stehen ja schon in den Startlöchern. Scharren mit den Hufen und haben den fertigen Verriss bereits in der Schublade.

Aber das weißt du natürlich, musstest ja schon durch jede Menge virtuelle Scheiße waten. Ich nehme an, dich kann so schnell nichts mehr erschüttern, du bist kampferprobt und gewappnet, oder? Ich frage mich, kann man das als junger Mensch einfach so wegstecken? Das war ja ziemlich harter Tobak, was dir nach diesem Feminismus-Artikel an Spott, Hass und Häme so entgegengeschwappt ist. Ich mein, Du hast ja prinzipiell recht, aber musstest du denn unbedingt schreiben, dass dich der Feminismus anekelt? Hätte es nicht ausgereicht, wenn du gesagt hättest, dass dich der Feminismus nicht anspricht, langweilt oder einfach nur kalt lässt? Aber klar: Ekel haut mehr rein, ist der wesentlich aufmerksamkeitsstärkere Begriff. Wie stark Aufmerksamkeit sein kann, hast du dann ja mitbekommen.

Aber als PR-Mann kann ich dir bestätigen, der Autorenmarke RvR – verzeih – der AutorINNENmarke hat der Shitstorm natürlich richtig gut getan. Ohne das alles hätte auch ich dich überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt. Wir sind ja heutzutage alle so übersättigt, haben alles schon tausendfach gehört und bekommen außerhalb unserer Filterblase kaum noch etwas mit. Wer es aber trotzdem schafft, nicht nur Aufmerksamkeit zu erregen, sondern Menschen aus ihrer Komfortzone zu holen und gegen sich aufzubringen, der kann schon was.

Dabei muss man sagen, dass die permanent empörten, sogenannten Netzfeministen natürlich auch leicht zu provozieren sind. Alleine schon, dass ich jetzt nicht NetzfemnistINNEN geschrieben habe, ist eigentlich schon einen #Aufschrei wert. Ich weiß, wovon ich schreibe. Denn vor einiger Zeit hatte ich auch mal einen Beitrag, der, sagen wir mal, gendertechnisch nicht ganz so „pc“ war – und holla – da war ganz schön was los auf dem Blog. Ich dachte, provozier mal einen wenig und hau jetzt einen raus, und dann musste ich erfahren, dass es mittlerweile auch Männer gibt, die sich als Feministen, bzw. FeministINNEN, bezeichnen und nicht nur bei Altherrenwitzen so gar keinen Spaß verstehen. Wie auch immer – irgendwie bin ich das ja mittlerweile auch, ein alter Herr.

Aber lassen wir das Thema , bevor hier wieder ein/e NetzfeministIN irgendetwas in den falschen Hals bekommt. Noch mal zurück zur Party – also wie gesagt – ich wäre sehr gerne gekommen. Aber Berlin ist nun mal nicht eben nebenan. Und so mitten in der Woche, das geht leider gar nicht. In Frankfurt habe ich im letzten Jahr auf einer dieser Verlags-Partys – ich glaube das war bei Rowohlt – ja mal neben dir gestanden. Kurz habe ich überlegt, dich anzusprechen. Aber was hätte ich sagen sollen? Hey, Ronja, ich bin dein größter Fan? Von was eigentlich? Von zwei Artikeln in der WELT und ein paar Blogbeiträgen? Von deinem Gastauftritt in Wandas „Bussi-Baby“ Video?

Nee, da hat man doch jetzt mit einem Roman einen viel besseren Grund, Fan zu sein. Wenn er denn gut ist, wenn du es schaffst, den Charme deiner Single-Stories auf einen Longplayer zu übertragen. Wenn es authentisch und glaubwürdig ist, nicht zu heiter, aber auch nicht zu spannend, wenn der Plot nicht zu ausgelutscht ist und man nicht das Gefühl hat, das irgendwo schon mal gelesen zu haben, womöglich sogar besser, wenn, wenn, wenn… du weißt schon.

Mein Gott, mit diesen ganzen Erwartungshaltungen könnte ich nur schwer leben. Wie schaffst du das nur? Aber du bist ja eine starke, selbstbewusste Frau, und wenn es dir dann auch noch gelingt, mit deinem Romandebüt in der taz, dem Missy-Magazine und im Freitag eine halbwegs passable Besprechungen zu bekommen, dann gebe ich in Leipzig einen aus.

Bussi-Bussi vom
Altherren-Groupie aus dem Buchrevier

 

Leserbrief #2

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Lieber Benjamin,

nicht mehr lange, dann erscheint dein neuer Roman. Ist es überhaupt ein Roman? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ist ja auch egal. Ich habe mich auf alle Fälle tierisch gefreut, als ich davon erfahren habe. Panikherz soll er heißen. Richtig gut soll er sein. Wieder an die alten Zeiten anknüpfen. An damals, als du die Lesebühnen gerockt hast und ganz anders warst als die anderen. Mit Diaprojektor und Musik, mit jungen Mädchen, die kreischten, wenn du die Bühne betreten hast.

Ich weiß das noch zu gut, denn ich war dabei, habe dich mal gesehen. Damals in Düsseldorf im Zakk – ist jetzt bestimmt schon fast zwanzig Jahre her. Der Laden war brechend voll, und ich war so voller Missgunst. Ich habe dich bewundert und dich gleichzeitig gehasst. Aber in erster Linie bin ich fast gestorben vor Neid. Du warst Anfang zwanzig und hattest bereits alles erreicht, was ich aus meiner damaligen Sicht als erstrebenswert erachtet habe. Du hattest ein saucooles Buch geschrieben, du wurdest im Fernsehen und im Feuilleton als der deutsche Nick Hornby gefeiert, dir lag die Welt zu Füßen.

Und ich? Ich war zehn Jahre älter als du, hatte mit Müh und Not einen Babysitter für diesen Abend besorgt, bin um halb sechs von der Arbeit nach Hause geeilt, musste mich von Kollegen fragen lassen, ob ich einen halben Tag Urlaub genommen hätte und zu Hause, wo ich denn jetzt erst herkäme. Egal, wir haben es dann irgendwie doch noch pünktlich zu deiner Lesung geschafft. Nur umziehen konnte ich mich nicht mehr. Ich saß da also mit einem 90er-Jahre Anzug mitten im coolsten Szene-Publikum und konnte mir gerade noch die rotgestreifte Krawatte abnehmen. Nur um dann zu sehen, dass auch du mit Anzug und Krawatte auf die Bühne kamst. Aber mein Anzug und dein Anzug – dazwischen lagen in Sachen Coolness Welten – wie zwischen Roberto Blanco und David Bowie. „Guck mal“, sagte meine damalige Frau, „der hat das Gleiche an wie Du“. Und ich fragte mich, will sie mich nur trösten, oder sieht sie den Unterschied tatsächlich nicht?

Egal – diesen Abend habe ich bis heute nicht vergessen. Dich da stehen zu sehen, mit dieser ungeheuren Leichtigkeit, dieser Selbstsicherheit, dieser Eloquenz, dem Erfolg, den kreischenden Groupies und dem nicht zu leugnenden Talent – das hat mich nicht nur tief beeindruckt, das hat etwas in mir zerstört. Auf einmal war alles dahin, alle Hoffnung und Zuversicht, es irgendwann auch mal zu schaffen, mit meinem kleinen Talent, mit meinen bescheidenen, schriftstellerischen Ambitionen. Denn neben Beruf und Familie hatte ich da noch so ein kleines Manuskript, an dem ich nachts akribisch arbeitete. Aber nach diesem Abend war erst mal Schluss damit. Das ist alles Scheiße, das rockt nicht, das ist Roberto Blanco.

Erst Jahre später habe ich daran weitergearbeitet, habe es soweit gebracht, dass man es vorzeigen konnte, habe es zehnmal ausgedruckt, gebunden und bin damit zur Buchmesse nach Leipzig gefahren. Wie Blei lagen die Manuskripte in meiner Tasche. Ich bin durch die Messehallen getigert, habe hier und da mal vorgesprochen und bin natürlich kein einziges Manuskript losgeworden. Aber dich habe ich gesehen. Am Stand deines Verlages, im Gespräch mit Marcel Reif. Damals warst du schon drauf. Ich wusste das natürlich nicht und sah nur die ganzen Speichellecker um euch herum, den Hofstaat der VIPs. Ich sah dich lachen, sah deine Bücher im Regal stehen, deinen Namen in großen Lettern am Stand. Und dann sah ich zu, dass ich wieder nach Hause kam.

Seitdem ist das Thema Schriftsteller für mich ein für allemal gestorben. Die zehn Manuskripte habe ich neulich im Keller in einer alten Umzugskiste wiedergefunden. Sie einfach wegzuschmeißen, konnte ich nicht über mich bringen. Ich habe die Kiste einfach zugemacht und bin wieder hochgegangen.

Stattdessen mache ich jetzt das hier. Ich blogge über Bücher, ich erlaube mir ein Urteil über etwas, das ich selbst nie geschafft habe. Und was soll ich sagen? Es ist gar nicht mal so schlecht. Von Monat zu Monat klicken mehr Leute auf meine Seite. Jetzt im Januar waren es über 5.500 Klicks. Gar nicht so übel, oder? Ich frage mich, erreicht ein durchschnittlicher Debütautor überhaupt so viele Leser?

Du kannst über solche Zahlen natürlich nur lachen. Du bist da ganz anderes gewohnt. Aber ich weiß ja auch, dass dich das alles fertig gemacht hat. Dass Du dem Drogentod noch mal gerade so von der Schippe gesprungen bist. Und so fühlt sich Otto-Nomalverbraucher wieder halbwegs wohl in seiner Haut. Ich bin gar nicht mehr neidisch auf dich, sondern freue mich, dass es dir wieder gut geht, dass Du ein neues Buch geschrieben hast, dass ich es lesen und rezensieren darf. Und ganz besonders freue ich mich auf Deine Lesung in Düsseldorf. Am 19. April – natürlich wieder im Zakk. 

Sei bis dahin herzlich gegrüßt von
deinem alten Buddy aus dem Buchrevier

Leserbrief #1

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Lieber Martin,

entschuldigen Sie bitte, dass ich diese Abiturienten-Anrede verwende: Vorname und gleichzeitig Siezen. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Denn zum Einen sind sie mir seit Jahren so vertraut, dass der Vorname mir ganz selbstverständlich über die Lippen kommt. Gleichzeitig bin ich so voller Respekt – vor Ihrem Lebenswerk, ihrem Können und natürlich auch Ihrem Alter, dass das Siezen mir als die einzig angemessene Form der Anrede erscheint.

Nun ja, aber warum schreibe ich Ihnen? Beinahe hätte ich gesagt, dass ich Ihnen schon immer mal schreiben wollte, dass wir uns grundsätzlich alle viel zu wenig schreiben. Doch das stimmt gar nicht. Weder das eine, noch das andere. Eigentlich hatte ich noch nie das Bedürfnis, Ihnen zu schreiben. Ich bin keiner dieser Leserbriefschreiber, muss nicht immer alles kommentieren, allen meine Meinung aufdrängen. Auch wenn ich anderer Ansicht bin, kann ich Dinge einfach mal so stehen lassen. Ich spreche darüber mit meiner Frau, wir diskutieren ein wenig und dann ist es erledigt. Und seien wir mal ehrlich – schreiben tun wir ja alle heutzutage mehr als genug. Statt zu telefonieren, statt miteinander zu sprechen, posten und chatten wir uns um Kopf und Kragen.

Nein, ich kam auf die Idee, Ihnen zu schreiben, weil in Ihrem neuen Roman auch so viel geschrieben wird. Ich meine jetzt nicht Sie, Martin, natürlich nicht. Das ist ja klar, dass Sie das alles schreiben mussten. Sonst gäbe es für mich ja nichts zu lesen. Nein, ich meine natürlich Ihre Protagonisten, den Theo und die Sina, wie sie sich schreibend hochschaukeln, erst auf Papier, mit richtigen Briefen – Briefmarke drauf und ab in die Post. Danach, als sie langsam in Fahrt gekommen sind, nur noch per E-Mail und SMS, weil es schneller geht, weil die Erregung nach sofortiger Befriedigung verlangt.

Da dachte ich mir, schreib dem Martin mal einen Brief. Schreib ihm doch mal, wie sehr es dich langweilt, seit Jahren immer wieder den gleichen Roman von ihm zu lesen. Sprachlich gewohnt top, aber mit diesen alten Egos, die nicht zur Ruhe kommen und auch im hohen Alter ihren Hosenfrieden noch immer nicht gefunden haben. Uuups, ja so deutlich muss man es jetzt mal sagen. Richard Kämmerlings umschreibt es in der WELT ja ganz charmant und nennt Sie einen Erotomanen. Man könnte so jemanden aber auch weniger charmant als Lustgreis bezeichnen.

Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, lieber Martin, und es geht mich eigentlich ja auch gar nichts an. Aber ist es wirklich so? Hat man im hohen Alter nicht ein paar andere Themen, die einen beschäftigen? Hört das mit den Hormonen denn nie auf? Oder warum müssen in jedem ihrer letzten Romane immer wieder greise Protagonisten im Liebeswahn attraktiven Mitfünfzigerinnen hinterherhecheln? Ja, ich weiß, es ist eines Ihrer zentralen Themen: die Unmöglichkeit der Liebe. Ich habe dazu schon sehr viel von Ihnen gelesen und mittlerweile verstanden, dass lebenslange Liebe zwischen Mann und Frau nicht möglich ist, diese Unmöglichkeit aber wiederum vieles möglich macht. So verquer denken Sie, so schreiben Sie, so mag ich es ja eigentlich auch. Aber bitte nicht immer wieder jedes Jahr aufs Neue.

Als ich mir Ihr Buch gekauft habe, postete ich davon ein Foto auf Facebook. Darunter kommentierte ein Blogger, dass Sie vor zwanzig Jahren besser aufgehört hätten, Romane zu schreiben. Das hat mich natürlich sehr empört, ganz besonders, weil es dann mein Lieblingsbuch von Ihnen „Der Lebenslauf der Liebe“ nicht gegeben hätte. Aber nach der Lektüre Ihres aktuellen Werks, das ich wie auch die letzten drei Romane nach dem zweiten Drittel einfach nicht mehr weiterlesen wollte, muss ich zähneknirschend zugeben, dieser Facebook-Kommentator hat gar nicht mal unrecht.

Lieber Martin, eines noch: Der Titel ihres neuen Romans hat mich erschreckt. Auch, dass sich Ihr Protagonist in Suizidforen herumtreibt, erfüllt mich mit großer Sorge. Sie werden sich doch wohl nicht den alten Fritz J. zum Vorbild nehmen? Dabei fällt mir ein: mochten Sie sich eigentlich? Standen Sie sich nahe? Oder wurde auch da das Tischtusch schon vor Jahren zerschnitten?

Wenn ich mir eines noch von Ihnen wünschen dürfte, dann wäre es ein letzter, großer, bedeutender Abschiedsroman. Ein Roman, der die durchschnittlichen Machwerke der letzten Jahre einfach vergessen lässt. Mit einem jungen Protagonisten, der einen drei- oder wenigstens zweisilbigen Nachnamen hat und das Unmögliche möglich macht. Sie wieder dahin zu führen, wo sie eigentlich hingehören: in die Ruhmeshalle der deutschen Literatur.

Herzlichst grüßt Sie Ihr ergebenster

Leser aus dem Buchrevier