Die zehn besten deutschen Hörbuchsprecher*innen

11

Ich habe die Headline zwar brav gegendert, aber wenn man sich die folgende Liste mit meinen liebsten Hörbuchstimmen anschaut, findet man da hauptsächlich Männer. Ich sage das vorher, um den üblichen Kommentaren vorzugreifen. Dabei habe ich mich wirklich bemüht, mehr weibliche Hörbuchsprecherinnen herauszusuchen. Aber es ist mir nicht gelungen. Anders sähe es aus, wenn ich irgendwann mal eine Liste mit den in meinen Ohren gräuslichsten Hörbuchstimmen zusammenstellen würde; hier würde die Frauenquote deutlich höher liegen. Es ist nun mal so, Stimme ist Geschmackssache und ich mag bei Hörbüchern einfach lieber Männerstimmen zuhören. Und da auch Erzählungen mit weiblichen Protagonisten mit männlichen Sprechern funktionieren und das hier mein ganz persönliches Ranking ist, nehme ich das einfach mal als gegeben hin.

Hier also die zehn besten Hörbuchstimmen des Buchreviers:
(Ich habe zu jeder Person ein passendes Video herausgesucht und verlinkt. Einfach auf die Screenshots klicken.)

1. Frank Arnold

Er ist mit Abstand meine Nummer Eins. Es gibt in meinen Ohren keinen besseren, eleganteren, wacheren Sprecher. Keinen, der mir mehr vertraut ist, weil ich fast alles höre, was er spricht. Seine Stimme ist klar und akzentuiert, fast schneidend, aber trotzdem warm und variantenreich –  und man erkennt sie sofort. Und er ist immer auf den Punkt, hochkonzentriert, erlaubt sich keine Hänger und Schludrigkeiten. Und was nur wenige können: Er wertet mit seiner Performance sogar durchschnittliche Bücher deutlich auf. Unübertrefflich meisterhaft ist er als Sprecher der Romane von Anthony Powell und Julian Barnes.

Zuletzt gehört:
Romanzyklus: Der Tanz zur Musik unserer Zeit – Antony Powell
Die einzige Geschichte – Julian Barnes
Der Empfänger – Ulla Lenze

2. Ulrich Noethen

Den Namen und das Gesicht kennt man aus Funk und Fernsehen. Ich mag ihn als Schauspieler, aber noch besser ist er als Hörbuchsprecher. Noethen hat eine Charakterstimme, sehr prägnant, nicht zu tief und nicht zu hoch, mit einem leichten Schnarren. Er kann sie wunderbar modulieren, die Tonlage und Klangfarbe wechseln und verleiht dadurch Dialogen eine sehr lebendige Anmutung. Grandios ist sein Talent, Akzente und Dialekte zu imitieren, wie z.B. den Berliner Dialekt, wunderbar nachzuhören in seiner Version von Falladas „Ein Mann will nach oben“. Wahrlich Meisterhaft ist seine Lesung des Romans „Tyll“ von Daniel Kehlmann.

Zuletzt gehört:

Metropol – Eugen Ruge
Ein untadeliger Mann – Jane Gardam

3. Eva Mattes

Mit Eva Mattes verbinde ich eines der schönsten Hörbucherlebnisse überhaupt. Als Sprecherin der vierbändigen neapolitanischen Saga von Elena Ferrante hat sich die Tatortkommissarin aus Konstanz für immer in mein Herz gelesen. Warm und weich, einfühlsam und sensibel, fordernd und aufbrausend, zänkisch und zeternd – so vielfältig wie die Figuren dieses grandiosen Weltbestsellers, so variantenreich ist das stimmliche Repertoire dieser Sprecherin. Vielleicht liegt es an ihrer für eine Frau eher tiefen Stimmlage, dass ich ihr nahezu unbegrenzt zuhören kann. Sie scheint spezialisiert auf weibliche Autoren. Neben den Romanen von Elena Ferrante leiht sie auch denen von Jane Austen und Siri Hustvedt ihre schöne Stimme.

Zuletzt gehört:
Elena Ferrante – Die neapolitanische Saga Band 1-4
Jane Austen – Stolz und Vorurteil

4. Johann von Bülow

Er ist ein entfernter Verwandter von Loriot und darüber hinaus ein Schauspieler, den man schon in unzähligen TV-Filmen gesehen hat. Derzeit ist er super angesagt und gut gebucht. Man erkennt ihn stimmlich nicht sofort, denn er ist eher der neutrale Erzähler-Typ und hat eine moderne, junge Stimme. Zum Fan bin ich durch seine Interpretation der drei Bände von Vernon Subutex geworden, aber er schafft es auch, Sachbuchthemen wie „Das Evangelium der Aale“ gekonnt in Szene zu setzen.

Zuletzt gehört:
Vernon Subutex – Virginie Despentes
Das Evangelium der Aale – Patrick Svenson
Gott wohnt im Wedding- – Regina Scheeer

5. Torben Kessler

Wie die meisten Hörbuchsprecher ist auch Kessler Schauspieler, mir als solcher aber noch nie aufgefallen. Sein Äußeres ist nicht besonders prägnant, gleiches gilt für seine Stimme, die  angenehm und variantenreich ist, aber nichts wirklich Typisches hat. Und ich glaube, das ist es, was ihn auszeichnet, als Schauspieler und als Hörbuchsprecher. Er steht nicht im Vordergrund, drängt sich nicht auf, will nicht vereinnahmen und dem Text seinen Stempel aufdrücken. Nicht der Sprecher soll wirken, sondern das Buch. Er ist lediglich Interpret, eine Stimme, die Inhalte transportiert – das Medium.

Zuletzt gehört:
Die Nikelboys – Colson Whitehead
GRM Brainfuck – Sibylle Berg
Unter der Drachenwand – Arno Geiger

6. Christian Brückner

 Ich habe lange nachgedacht, ob ich Christian Brückner auf diese Liste setzen soll. Denn ein richtiger Fan dieses wohl berühmtesten und profiliertesten Hörbuch- und Synchronsprechers, der in der Presse auch „The Voice“ genannt wird, bin ich nicht. Aber natürlich gehört er zu den besten Sprechern des Landes und daher darf er hier nicht fehlen. Stimmlich erkennt man ihn sofort und genau da liegt mein Problem. Wann immer ich den Fernseher einschalte, stoße ich beim Zappen irgendwann auf seine sehr männliche, leicht heisere Stimme. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich Robert de Niro, Donald Sutherland und Robert Redford vor mir. Diese Omnipräsenz kombiniert mit seiner sehr prägnanten und akzentuierten Art zu lesen, machen es den Texten schwer, sich gegen ihren Sprecher durchzusetzen.

Zuletzt gehört:

Zeiten des Aufruhrs – Richard Yates
Sechs Koffer – Maxim Biller

7. Burghart Klaußner

Klaußner ist ein sehr klassischer Sprecher. Seine Stimme ist voll und kräftig, und man kann ihn sich auch gut als Shakespeare-Darsteller auf der Bühne vorstellen. Wie er manche Sätze und Wörter betont, Kunstpausen macht und die Lautstärke variiert, das hat schon etwas leicht Altmodisches. Ich mag das ja, aber nur bei Büchern, die auch eher klassisch konstruiert sind, wie zum Beispiel Entwicklungsromane und Familienchroniken. Klaußner schreibt auch selber. Seine kleine Novelle über die letzten Tage des zweiten Weltkrieges hat er natürlich selber eingelesen und ist sehr hörenswert.

Zuletzt gehört:
Olga – Bernhard Schlink
Makarionissi – Vea Kaiser
Vor dem Anfang – Burghart Klaußner

8. Sophie Rois

Diese Stimme polarisiert. Begeisterung oder Ablehnung – dazwischen gibt es nichts. Ich finde sie toll. Eine absolute Charakterstimme, die man sofort erkennt. Sie hat etwas jugendlich Vorwurfsvolles und irgendwie Schnoddriges an sich, wirkt aber gleichzeitig auch auf eine gewisse Weise alt und verlebt. Ich kann es nur schwer beschreiben, aber ich finde diesen Gegensatz äußerst reizvoll und interessant und würde mich freuen, in Zukunft mehr von ihr zu hören.

Der Zopf meiner Großmutter – Alina Bronsky
Baba Dunja letzte Liebe – Alina Bronsky

9. Gert Heidenreich

Er ist der Sprecher für die ganz großen Romane. Ob Tolkien, Eco, Hesse oder Suter – Heidenreich leiht allen seine volle, ruhige Stimme. Mein erstes von ihm gesprochenes Hörbuch war Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrigblieb“ und damit hat er mich sofort überzeugt. Er hat die distinguierte, elegante und sehr beherrschte Stimmung dieses Romans perfekt wiedergegeben. Heidenreich ist selber Autor und spricht natürlich die Hörbuchfassungen seiner Romane selbst.  Gelesen oder gehört habe ich davon aber bisher noch nichts. Er ist übrigens der Ehemann von Elke Heidenreich.

Zuletzt gehört:

Der begrabene Riese – Kazuo Ishiguro
Was vom Tage übrig blieb – Kazuo Ishiguro
Die Zeit, die Zeit – Martin Suter

10. Britta Steffenhagen

Steffenhagen ist Journalistin und Radiomoderatorin und eine der weiblichen Sprechstimmen, die ich zwar nicht besonders bemerkenswert finde, aber gerne mag. Sie wirkt sehr ernst und konzentriert, wenn sie spricht und hat eine gewisse Strenge und Kälte in ihrer Stimme. Das passt perfekt zu den beiden Hörbüchern von Celeste Ng, die ich mir sehr gerne von ihr habe vorlesen lassen. Mehr habe ich von ihr bisher noch nicht gehört, denn sie leiht ihre Stimme überwiegend Krimis und Unterhaltungsliteratur.

Zuletzt gehört:
Kleine Feuer überall – Celeste Ng
Was ich Euch nicht erzählte – Celeste Ng

___________

Und als Zugabe, hier noch eine kleine Extraliste:

Beste Autorenstimmen

Man sollte denken, dass Autor/innen ihr Werk selbst am besten interpretieren können. Doch wer öfter auf Autorenlesungen geht, weiß, dass gut schreiben zu können nicht unbedingt bedeutet, auch gut vorlesen zu können. Diese sechs Autor/innen aber können es und sind die perfekten Sprecher/innen ihres eigenen Hörbuchs.

Felix Lobrecht – Sonne und Beton
Karen Köhler – Miroloi
Katja Oskamp – Marzahn mon Amour
Matthias Brandt – Blackbird
Benjamin von Stuckradt-Barre – Panikherz
Lutz Seiler – Stern 111

__________

Titelfoto: Gabriele Luger

7 Gründe warum die Corona-Krise eine Chance für die Buchbranche sein kann

3

(1) Weil jede Krise eine Chance ist
Eine Krise verändert Menschen. Wer sie übersteht, blickt anschließend anders auf die Welt – ist vorausschauender,  sensibler und vielleicht auch achtsamer geworden. Eines kann man jetzt schon sagen: Corona hat was mit uns Menschen gemacht und hinterlässt bleibende Spuren. Unser Leben wird danach ein anderes sein. Und ganz sicher ist: Auch die Buchbranche wird sich durch Corona massiv verändern – vielleicht gar nicht mal zu ihrem Nachteil.

(2) Weil Verzicht neue Begehrlichkeiten schafft
Das kennt man aus Kindheitstagen: All das, was verboten ist und man nicht haben kann, will man plötzlich unbedingt und sofort. Und natürlich überkommt einen der unbändige Wunsch, ein gutes Buch zu kaufen, gerade dann, wenn alle Buchhandlungen geschlossen sind. Seit einer Woche erwische ich mich mehrmals am Tag bei dem Gedanken, wie schön es jetzt wäre, einfach in die Stadt zu fahren, in meinen Lieblingsbuchladen zu gehen, um ein bisschen zu schmökern. Lasst uns dieses Verlangen konservieren für die Zeit danach.

(3) Weil Langeweile der Anfang von allem ist
Shut Down und das Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden hat etwas wieder hervorgebracht, was man seit Playstation, Internet und Netflix eigentlich für ausgestorben hielt: die Langeweile. Plötzlich haben wir alle wieder Zeit ohne Ende, die irgendwie gefüllt werden muss. Nach einer oder höchstens zwei Stunden hat man das Internet erstmal ausgelesen und auch von der besten TV-Serien schafft kaum einer mehr fünf Folgen am Stück. Was macht man also mit dem Rest des Tages? Die Chance ist groß, dass man vor lauter Langeweile wieder einmal zu einem Buch greift und feststellt, dass damit nicht nur die Zeit wie im Fug vergeht, sondern man beim Lesen in ferne Länder reisen und Menschen nahe kommen kann, ohne sich zu infizieren.

(4) Weil Amazon gar nicht dein größter Feind ist
Jahrelang galt Amazon als Feindbild in der Buchbranche und Jeff Bezos als der Mann, der den deutschen Buchhandel in den Abgrund gestürzt hat. Und jetzt? Jetzt, wo der Buchhandel durch Corona am Boden liegt und Bezos richtig profitieren könnte, zieht er sich aus dem Buchgeschäft zurück und verkündet, dass sich Amazon in dieser Situation lieber auf Haushaltswaren konzentriert. Und da wird auf einmal zweierlei deutlich: wie überlebenswichtig Amazon für die Verlage und Autoren mittlerweile ist und wie groß auf der anderen Seite das Versagen des Buchhandels, dem es mit all seiner Branchenexpertise in all den Jahren noch immer nicht gelungen ist, einen gleichwertig attraktiven Onlinehandel aufzuziehen. Höchste Zeit also, dass sich das endlich ändert.

(5) Weil Buchmesse nicht online geht
Vor einem Monat habe ich noch Witze über Corona und Leipzig gemacht. Doch schon kurz danach war mir gar nicht mehr nach Satire, denn ein Bücherfrühling ohne Buchmesse ist ein ziemliches Trauerspiel.  Wie stark Leipzig fehlt, wird einem erst recht durch die verzweifelten Versuche bewusst, im Netz einen wie auch immer gearteten Ersatz zu schaffen. Hier bewahrheitet sich wieder einmal, was auch für Journalismus und Literaturkritik gilt: online ist immer nur eine Ergänzung aber kein Ersatz.

(6) Weil die Krise immer schon da war
Wenn eine Branche sich mit Krisen auskennt, dann die Buchbranche. Die fetten Jahre kennen viele nur noch vom Hörensagen. Zuletzt war eigentlich immer nur noch Krise, mal mehr und mal weniger. Man hat sich in der Flaute eingerichtet, von der Hand-in-den-Mund gelebt und einen ganz eigenen, prekären Charme ausgebildet. Die Branche hat über die Jahre gelernt, mit wenig auszukommen und das Beste daraus zu machen. Alle wussten, dass es nicht klug und sinnvoll ist, Jahr für Jahr immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu produzieren. Doch es wurde trotzdem gemacht, und bisher ist das auch immer gut gegangen.

(7) Weil auch Hoffnung systemrelevant ist
Zweckoptimismus ist gut und gerade jetzt sehr wichtig. Aber machen wir uns nichts vor: Nicht alle werden den Shut Down unbeschadet überstehen. Und den nicht systemrelevanten Kulturbetrieb wird es besonders hart treffen. Dienstleister, Verlage, Buchhandlungen, die schon zuvor nur gerade so klar gekommen sind, sich von Monat zu Monat durchgehangelt haben, all die werden nach der Corona-Krise trotz staatlicher Hilfen wohl nicht mehr da sein. Das ist brutal und schmerzhaft, aber darauf müssen wir uns wohl einstellen. Die Welt verändert sich und mit ihr der Buchmarkt. Und trotzdem bin ich hoffnungsfroh. Vielleicht finden in diesen schweren Zeiten ja doch wieder mehr Menschen einen neuen Zugang zur Literatur. Denn Bücher geben Trost, Kraft und Hoffnung, und das ist in Krisenzeiten dann doch irgendwie systemrelevant.

__________________

Foto: Gabriele Luger

Die besten Romane 2019 (Teil 2: Autoren)

Von männlichen Autoren haben es in diesem Jahr nur sechs Titel auf meine Bestenliste geschafft.

 

Michel Houellebecq – Serotonin

Das Rennen um den besten Roman des Jahres war im Prinzip schon entschieden, als am 07. Januar Serotonin in die Buchläden kam. Wieder ein echter Houellebecq, mit allem was dazu gehört: altbekannte, depressive Grundstimmung, ewig gleiches Alt-Männer-Gejammer, mit einer ordentlichen Portion Sexismus und Rassismus – so kennt man den immer mehr verwahrlosenden Kettenraucher. Selbst der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem mit seinem Themenmix. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art.

Verlag: DuMont
330 Seiten, 24,00 €

________________________________

 

Matthias Brandt – Blackbird

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Schauspieler meinen, auch noch ein Buch schreiben zu müssen? Ist das pure Hybris, einem übergroßem Ego geschuldet oder einfach nur kaufmännisch klever gedacht? Wie auch immer, nur selten kommt dabei was Vernünftiges raus. Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist Matthias Brandt.

Schon der Erzählband Raumpatrouille hat mir sehr gut gefallen, und sein erster Roman Blackbird steht dem in nichts nach. Beide Bücher habe ich regelrecht inhaliert und mich geärgert, dass sie nicht doppelt so dick waren. Das mag daran liegen, dass ich wie Brandt ein Babyboomer bin und es mir ein sentimentales Vergnügen bereitet, mit seinen Figuren zurück in die Siebziger zu reisen. Es ist aber in erster Linie die Lässigkeit, mit der Brandt seine Geschichte erzählt. Ohne auf Teufel komm raus cool, witzig und originell erscheinen zu wollen oder übertrieben literarisch und pathetisch.

Nein, das alles will Brandt nicht sein, und trotzdem ist sein erster Roman Blackbird all das, aber in genau dem richtigen Maß: cool und witzig, ein wenig pathetisch, unterhaltsam und  literarisch anspruchsvoll. Genretechnisch ein Coming-of-Age-Roman für Best Ager, vergleichbar mit Auerhaus und Tschik, doch hat mich Blackbird emotional wesentlich stärker gepackt. An manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich dann dazu entschieden, diesen Roman in allen Facetten einfach nur grandios zu finden.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
288 Seiten, 22,00 €

___________________________________

 

Saša Stanišić – Herkunft

Eigentlich wollte ich den mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman nicht auf die Liste setzen. Denn nach wie vor finde ich es blöd, dass Stanišić dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert. Aber cooler wäre es gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Die Herkunft-Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „Ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man dem latenten Rassismus all derer, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln, sondern „ursprünglich“ herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Trotzdem: Was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage des Talents, das man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt Stanišić besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig.

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 22,00 €

____________________________

 

Friedemann Karig – Dschungel

Ich war nie in Kambodscha, und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig.

Karigs Themen sind Suche und Freundschaft. Klingt erstmal nicht besonders unique.  Doch wer es als Autor schafft, ein Allerweltsthema wie Freundschaft so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden Protagonisten persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an gemeinsame Jahre, die Entwicklung einer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt, ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

_________________________

 

Eugen Ruge – Metropol

Am Anfang hatte ich Probleme, reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann. Man erlebt, dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt gar nicht in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

Verlag: Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

_____________________________

 

Norbert Scheuer – Winterbienen

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman auszeichnen. Zum einen ist es die Geschichte an sich; sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Der Routinier Nobert Scheuer führt seine Leser mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings.

Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Verlag: C.H. Beck
319 Seiten, 22,00 €

___________________________

Titelfoto: Gabriele Luger

Die besten Romane 2019 (Teil 1: Autorinnen)

Ich habe in diesem Jahr viele tolle Romane von Frauen gelesen. Hier meine sieben besten Bücher des Jahres:

Isabel Bogdan – Laufen 

Was mir aufgefallen ist: Schreiben ist gar nicht so viel anders als Laufen. Bei beidem gilt: einfach anfangen, alle Stop-Signale von Körper und Geist ignorieren und stur auf das tägliche Ziel zusteuern. Und irgendwann – man muss nur daran glauben – fällt all die Schwere von einem ab und es läuft. Auf der Straße, auf dem Papier.

Wer Isabel Bogdan auf Facebook abonniert hat, weiß, dass sie es beim Schreiben von „Laufen“ genauso gemacht hat. Hinsetzen, machen. Alles ausblenden, sich abschotten, fokussieren und durchbeißen. Ein Ziel haben und drauf losstürmen. Zweifel und Blockaden einfach wegschreiben. Ein ein aus aus aus. Nicht denken, nur atmen und schreiben. Luft wird bewegt, immer wieder rein und raus aus dem Körper. Und mit jedem Atemzug kommen schließlich die Sätze, kommen von ganz allein; ein Gedanke folgt dem nächsten und am Ende ist es vollbracht: ein 200-seitiger Bewusstseinsstrom, atemlos, wuchtig und voll mit den stärksten Emotionen am Markt: Liebe, Trauer, Ängste, Verzweiflung. Und damit es nicht nicht unerträglich wird, kommen irgendwann auch Hoffnung, Zuversicht und schlussendlich auch wieder Liebe dazu. The Circle of Life.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Spiegel Bestseller-Autorin mit ihrem zweiten Roman ein echtes literarisches Meisterstück gelungen ist. Ganz anders als ihr seichtes Schmunzel-Debüt, hat mich „Laufen“ tief bewegt. Ich war oft den Tränen nah, bin Seite für Seite atemlos mitgelaufen; immer wieder die Runde um die Außenalster, bis auch mir alles weh tat. Ein rauschhaftes Leseerlebnis, das man nur schwer beschreiben kann. Man muss schon selber laufen, äh… lesen.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
208 Seiten, 20,00 €

________________________________________

Elena Ferrante – Tage des Verlassenwerdens

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Ferrante-Fan, und ich steh dazu. Doch das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren gehörte auch ich zu denen, die den aufkommenden Hype mit Kopfschütteln und verschränkten Armen verweigerten. Aber über den Umweg Hörbuch hat mich das #ferrantefever dann doch noch gepackt und seither bin ich infiziert. Und dieser Roman hier, von dem ich gar nicht weiß, ob er jetzt ein Früh- oder Spätwerk ist, vor oder nach der neapolitanischen Saga geschrieben wurde, hat mich noch mal mehr in meinem Urteil bestätigt. Elena Ferrante ist eine der ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit und für mich persönlich die Autorin, die mir die weibliche Sichtweise auf die kleinen und großen Dinge im Leben bisher am eindringlichsten und sympathischsten vermittelt hat.

Und während ich das schreibe, frage ich mich, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, von einer weiblichen Sichtweise zu sprechen. Gerade Ferrante bricht in ihren Romanen doch immer wieder mit dem traditionellen Frauenbild der warmherzigen, Pasta kochenden Mama. Auch in diesem Roman ist die Protagonistin Olga, die von ihrem Mann für eine zwanzig Jahre jüngere Frau verlassen wird, alles andere als warmherzig, sondern einfach nur enttäuscht, wütend und verzweifelt. Und wie tief man in so einer Situation fallen kann, wie egal einem alles wird, selbst die eigenen Kinder, das vermittelt einem Ferrante mit solch einer eindringlichen Kraft, dass es einen beim Lesen nahezu umhaut. Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil ich die beklemmende Stimmung kaum ertragen konnte. Keine zwei Minuten später hatte ich es wieder in der Hand und las weiter. Ein zutiefst verstörender Roman, der von einigen jungen Rezensenten als übertrieben und grenzüberschreitend bezeichnet wurde. Ich dagegen finde dieses Buch einfach nur grandios, weil es so mutig und kompromisslos ehrlich ist.

Verlag: Suhrkamp
252 Seiten, 22,00 €

________________________________________

Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Ich glaube, ich bin einer der wenigen Männer in meinem Umfeld (online und offline sowieso), die dieses Buch gelesen haben. Denn Titel, Aufmachung und Inhalt erwecken den Eindruck, dass es sich hier um ein typisches Frauenbuch handelt. Das wird nochmals verstärkt, wenn im Buchhandel Daniela Kriens blumig gestalteter Vorgängerroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ direkt daneben liegt. Aber weit gefehlt.

Denn obwohl es in den fünf geschilderten Frauenschicksalen dieses Romans immer wieder um die Liebe an sich und die verschiedenste Arten, an ihr zu scheitern geht, ist dies alles andere als ein herkömmlicher Liebesroman. Und das allein schon deshalb, weil nichts an diesen Geschichten trivial ist. Keine Klischees, keine Plattitüden, keine Allerwelts-Figuren, sondern starke und interessante Frauencharaktere, die eigentlich nichts gemeinsam haben, außer sich überschneidende Lebenslinien. Beim Lesen habe ich mich nacheinander in jede einzelne dieser fünf Frauen verliebt. In die traurige Paula genauso wie in die einsame Judith, die anstrengende Brida, die weiche Malika und auch die erfolgreiche Jorinde. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, ich habe mit ihnen gelacht und gelitten, und doch weiß ich ganz genau: Auch ich hätte sie als Mann nicht wirklich glücklich gemacht.

Verlag: Diogenes
288 Seiten, 22,00 €

______________________________________

Karen Köhler – Miroloi

Wer bei Miroloi erwartet hat, einen feministischen Roman zu lesen, wird zweifellos enttäuscht sein. Ich weiß gar nicht, woher diese vielfach geäußerte Erwartungshaltung kommt, aber es ist definitiv kein feministisches Buch. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es in Miroloi um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich selbst nicht verliert.

Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Und ist der Schalter erst einmal umgelegt, dann packt es einen mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

Verlag: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

________________________________________

Katja Oskamp – Marzahn, mon Amour

Ohne meine kleine literarische Online-Blase, wäre dieses wunderbare Buch wohl komplett an mir vorbeigegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil alle sechs Monate so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es doch so viele andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt.

Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

_________________________________________

Leila Slimani – All das zu verlieren

Und natürlich darf Leila Slimani mit ihrem neuesten Roman in dieser Liste nicht fehlen. Denn diese Autorin hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Wie schon beim Vorgängertitel hat man nach der Lektüre  auch dieses Romans das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück.

Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin.

Verlag: Luchterhand
224 Seiten, 22,00 €

__________________________________________

Sibylle Berg – GRM: Brainfuck.

Sibylle Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

_______________

Titelfoto: Gabriele Luger

Fünf Gründe, den neuen Houellebecq zu lesen — fünf Gründe dagegen

12

Du musst ihn lesen:

1. Aus Respekt vor dem Hype.

Früher gab es das häufiger — eine riesige mediale Welle, wenn einer der ganz Großen einen neuen Roman herausgebracht hat. Ein neuer Irving, ein neuer Walser oder Hornby. Das war schon was. Alle sprachen darüber. Im Fernsehen, in den Zeitungen, am Arbeitsplatz. Das ist aber mehr als zehn Jahre her. Heute gelingt das nur noch einem einzigen Schriftsteller. Fragt euch mal, warum.

2. Weil er sich treu bleibt.

Ein häufig gelesener Kritikpunkt an Serotonin ist, dass es mal wieder ein typischer Houellebecq ist. Altbekannte Grundstimmung, ewig gleiches Gejammer. Wie langweilig, wie einfallslos. Kennst du einen, kennst du alle. Warum erfindet er sich nicht einfach mal neu? So wie Madonna es seit Jahren macht: aktuell mit Kim-Kardashian-Implantat. Oder Juli Zeh — mit immer wieder neuen Romanideen, die dann alle enttäuschen (außer mich). Nein, das macht er nicht. Houellebecq bleibt sich treu. Ich lese seine Bücher, weil ich sie gut finde. Und zwar genau so wie sie sind. Die Grundstimmung, das Gejammer. Nicht einfallslos und niemals langweilig.

3. Weil ihm alles egal ist.

Im literaturaffinen Netz und in den Buchläden herrscht ein gesellschaftspolitischer Konformismus. Houellebecqs Helden scheren sich dagegen einen Scheißdreck darum. Sie sind sexististisch, rassistisch und rechtskonservativ. Und das weder unabsichtlich noch verschämt, sondern grad so, wie es ihnen in den Sinn kommt und ohne Reue. Und der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem damit. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

4. Weil die Grenzen verschwimmen.

Es gilt als im höchsten Maße unprofessionell, einen Autor mit den fiktiven Charakteren seiner Romane gleichzusetzen. Doch bei Houellebecq machen das alle. Er entspricht auf so ideale Weise dem Bild, was man sich beim Lesen seiner Romane von den Protagonisten macht, dass es schier unmöglich scheint zu denken, dass der Autor in irgendeinem Punkt anderer Ansicht ist, als seine kettenrauchenden Helden. Das ist natürlich Kalkül und sorgt für eine angenehme Verwirrung beim Leser. Aus kopfschüttelndem Unverständnis sowie Ekel und Ablehnung beim Lesen entsteht so etwas wie Mitleid, Sorge und Sympathie für den Autor. Total strange.

5. Weil Serotonin ein richtig guter Roman ist.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art. Für mich schon jetzt der beste Roman des Jahres.

 

Du solltest ihn nicht lesen,

1. … wenn dich die obigen 5 Punkte nicht überzeugt haben.

2. … wenn du militanter Nichtraucher bist.

3. … wenn du Spaß daran hast, öffentlich zu bekunden, dass du nicht jeden Hype mitmachst.

4. …wenn du meinst, die spinnen sowieso alle, die Franzosen

5. … wenn du die 24 Euro für das Buch sparen willst, um dir stattdessen den neuen Roman von Takis Würger zu kaufen.

________

Foto: Gabriele Luger

Worst of 2017

14

Jetzt ist wieder die Zeit der Jahresrückblicke. Überall findet man Empfehlungslisten mit den Must-Reads des Jahres, persönlichen Highlights und Entdeckungen. Aber was sind eigentlich die schlechtesten Bücher des Jahres? Titel, von denen man lieber die Finger lassen sollte, die entweder unerträglich, unlesbar, ärgerlich oder aber so belanglos sind, dass man sie nach zwei Sekunden vergessen hat.

Hier eine Zusammenfassung meiner ganz persönlichen Dislikes des Jahres:

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

ARTK_CT0_9783446254718_0001

Dieses Buch war definitiv der Marketing-Hype des Jahres. Mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung bin ich in diesen Tausendseiter eingestiegen. Doch entgegen aller Marketing-Versprechen hat mich nichts sonderlich berührt oder gar aufgewühlt. Irgendwann habe ich die Geduld verloren und angefangen, nur noch quer zu lesen. Nichts an dieser Geschichte empfand ich richtig stimmig. Eine Männerwelt, die entweder nur brutal verletzend oder aber übertrieben liebevoll und mitfühlend ist. Nichts dazwischen, reine Schwarz-Weiß-Malerei.

Auch das typisch Amerikanische an der Geschichte hat mich genervt. Alle vier Freunde sind am Ende maximal erfolgreich und reich. Kein Mittelmaß, nein alles ganz tolle Superstars, die Stiftungen gründen und so. Und das Ende – ich will hier gar nicht spoilern – ist so was von kitschig, Tränendrüsen-melancholisch und Hollywoodtauglich, dass einem schlecht wird.

Éduard Louis – Im Herzen der Gewalt

u1_978-3-10-397242-9

Und wo wir schon mal dabei sind, hier noch so ein gehyptes Buch über den Missbrauch unter Männern. In diesem Fall sogar mit autobiografischem Hintergrund. Ich finde solche persönlichen Geschichten ja immer etwas übergriffig. Da lässt einer die Hosen runter, erzählt schonungslos von einem schrecklichen Erlebnis, von Demütigung, Raub, Vergewaltigung, versuchtem Mord. Er beschreibt seine Todesangst, die Schmerzen, das Davor und das Danach, die Konsequenzen, die Rückblenden, die quälenden Gedanken und Erinnerungen. Für ihn ist danach nichts mehr so, wie es vorher war. Das alles schreibt er auf, macht sich nackig, lässt nichts aus, schont und schützt sich nicht.

Darf man so eine persönliche Beichte, einen Therapieroman überhaupt kritisieren? Den Aufbau, die Lesestimmung, die Dramaturgie? Ist es legitim, dem Autor vorzuwerfen, dass die vielen Erzählperspektiven sich nicht stimmig zusammenfügen? Dass man es übertrieben, langatmig, aufgeblasen, nervtötend, kalkuliert und in höchstem Maße übergriffig findet? Darf man sich überhaupt ein Urteil erlauben, wenn man selber nichts vergleichbar Schreckliches erlebt hat? Ich finde ja – das darf man.

Tijan Sila – Tierchen Unlimited

9783462050264

„Was war das denn?“, fragte ich mich nach der Lektüre und konnte gar nicht glauben, dass so ein dünnes Geschichtchen bei einem namhaften Verlag wie KiWi eine Chance bekommen hat. Dabei zieht Tijan Sila mit seinem Debütroman thematisch alle Register. Es geht um Krieg, Flucht, Integration und Rechtsradikalität. Themen, die aktuell, interessant und durchaus erzählenswert sind.Doch sie werden nur gestreift und kollidieren mit dem augenscheinlichen Anspruch des Autors, daraus ein cooles Stück Popliteratur zu schaffen.

Einige Szenen könnten aus dem Drehbuch des neuen Til Schweiger Films sein, andere erinnern in ihrer locker, flockigen Art an die frühen Sketche von Didi Hallervorden. Mich hat der Roman aufgrund dieser Flapsigkeit nicht überzeugt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Fans von Tschick und Auerhaus daran Gefallen finden. Auch bei diesen Romanen habe ich nie verstanden, wie man sich so dafür begeistern kann. Vielleicht passe ich auch einfach nicht zur Zielgruppe und bin mittlerweile zu alt für Popliteratur. Vielleicht aber auch nicht, und „Tierchen Unlimited“ ist einfach nichts weiter als ein belangloses Geschichtchen.

Jan Schomburg – Das Licht und die Geräusche

9783423281089

Schomburg erzählt die Geschichte von Jugendlichen, die zur Schule gehen, abends Party machen, auf Klassenfahrt nach Barcelona fahren, andere Schüler mobben, sich verlieben und das Leben infrage stellen, bevor es überhaupt angefangen hat. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman also – mit einer jugendlichen Erzählstimme, ein paar interessanten Zeitsprüngen und ein wenig Drama und Erotik.

Für ein Jugendbuch ganz ok, aber als literarisches Werk für ältere Generationen funktioniert das nur, wenn da noch ein wenig mehr passiert: eine andere Ebene, Platz für Assoziationen, Bezüge, sprachliche Feinheiten — irgendwas in der Art. Doch nichts davon. Stattdessen lauscht man diesem typischen Jungmädchenton, der immer irgendwas Wütendes und Vorwurfsvolles an sich hat. Zunächst fand ich das ganz reizvoll, aber irgendwann nicht mehr. Dann fehlte mir auf einmal alles.

Stephan Lohse – Ein fauler Gott

42587

Was versprechen sich Menschen eigentlich davon, ein Buch zu schreiben? Wenn man wirklich etwas zu erzählen hat – irgendetwas Originelles, bisher noch nicht Dagewesenes, meinetwegen auch Witziges – wenn man seit Jahren schon mit der ultimativen Idee für einen Roman schwanger geht oder aber wirklich gut schreiben kann, einen eigenen, ganz besonderen Erzählstil hat, dann, ja dann kann ich verstehen, dass man unbedingt einen Roman schreiben will. Weshalb Stephan Lohse das getan hat, verstehe ich nicht.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Roman jetzt grottenschlecht ist, die Geschichte überhaupt nicht erzählenswert und sprachlich komplett daneben. Aber leider ist „Der faule Gott“ auch nicht richtig gut oder besonders bemerkenswert. Eben nur ganz ok; literarische Durchschnittsware, kann man lesen, muss man aber nicht.

José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

getimage

Ich habe seit jeher ein Problem mit Literatur aus Spanien, Portugal oder Lateinamerika. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann mal – so meine Hoffnung – wenn ich endlich mal ein wirklich gutes Buch aus einem dieser Länder gelesen habe. Eines, das sich nicht wie ein Märchen für Erwachsene anhört. Eine Geschichte, die keine Allegorie für irgendetwas sein will, nicht gefühlsüberladen oder kitschig-sentimental.

Leider war auch dieser Roman keine Ausnahme, obwohl der Titel „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ und die Story vielversprechend klangen. Da mauert sich eine Frau am Vorabend der angolanischen Revolution im Penthouse eines Hochhauses ein und lebt dort dreißig Jahre unentdeckt. Doch Agualusa kann sich leider nicht darauf beschränken, nur die Geschichte seiner Hauptfigur zu erzählen. Nein, er lässt noch eine ganze Reihe holzschnittartig gezeichneter Figuren auftauchen, die alle entweder gut oder böse, bettelarm oder steinreich sind. Und natürlich darf in der kitschig-schwülstigen Welt auch eine große Bibliothek mit mehreren tausend Büchern nicht fehlen. Märchen für Erwachsene.

_____________________

Disclaimer: Es gibt zahlreiche Blogger und Journalisten, die eine ganz andere Meinung zu den Büchern auf dieser Liste haben. Einige fanden die genannten Titel sogar richtig gut. Und vollkommen schlecht sind sie auch nicht. Immerhin habe ich sie komplett gelesen und damit sind sie immer noch besser als die Bücher, die ich bereits nach wenigen Seiten enttäuscht, entsetzt, augenrollend oder genervt abgebrochen habe und die hier noch nicht mal genannt werden.
P.S.: Ich habe in diesem Jahr auch viele gute Bücher gelesen. Die Liste mit den „Best of 2017“ findet man auf der Buchrevier-Startseite in der rechten Spalte (Desktop-Ansicht).

Die zehn Gebote des Bloggens

2

1. Gebot: Du sollst nicht langweilen

Als Leser kannst du alles sein: der einsame Held, der feurige Liebhaber, eine Frau, ein Mann, mutig, verzweifelt, arm oder reich. Alles, worauf du Lust hast. Trau dich, schlüpf in diese und jene Rolle und schreib auf, wie es sich anfühlt. Nimm uns mit auf deine Reise durchs Buch, lass uns teilhaben und mitfiebern. Aber bitte enttäusche uns nicht. Verschone uns mit ausufernden Inhaltsangaben, unwichtigen Details, Allgemeinplätzen, Bonmots und Geschwätzigkeiten. Als Leser kannst du ungestraft alles sein. Als Blogger auch, nur eben nicht langweilig.

2. Gebot: Du sollst nicht deines Nächsten Stil imitieren

Wer bist du eigentlich? Was macht dich aus? Wie sehen dich die anderen? Was haben sie für ein Bild von dir? Von dir und deinem Blog? Ja, genau, dein Blog. Denn das, was da steht, bist du. Eigentlich ziemlich einfache Fragen und doch so schwer. Man kann 1000 Beiträge schreiben und seinen Stil immer noch nicht gefunden haben. Das ist ok, solange man nicht den Fehler macht, den eines anderen zu imitieren. Hol dir Anregungen, lass dich inspirieren, aber mach dann dein eigenes Ding daraus. Sei ein Original und keine Kopie.

3. Gebot: Du sollst nicht unprofessionell sein

„Was sagt man“, fragt die Mutter im strengen Ton, wenn das Kind beim Metzger eine Scheibe Schinkenwurst über den Tresen gereicht bekommt? Wir alle haben gelernt, uns in solchen Fällen artig zu bedanken. Das ist auch richtig so. Doch jeder weiß, der Metzger macht das nicht, weil er so freundlich ist. Er hat Hintergedanken, er ist ein Profi. Genauso wie Verlage. Ihre Scheibe Wurst ist das Rezensionsexemplar. All die Jahre waren sie verschlossen, haben Blogger nicht beachtet. Jetzt sind sie auf einmal nett, schleimen rum und bieten einem ihre schmierigen Schwarten an. Doch auch sie machen das nicht, weil sie so freundlich sind. Sie haben Hintergedanken, sie sind Profis. Sei auch du ein Profi und nicht in falscher Dankbarkeit gefangen. Spei ihnen die Wurst vor die Füße, wenn sie dir nicht schmeckt.

4. Gebot: Du sollst nicht klüger scheinen wollen als du bist

Mit Büchern kann man gut was hermachen. Brille, Buch und ein konzentrierter Blick. Ein paar Dinge hinterfragen, zur richtigen Zeit ein paar Namen fallen lassen – Derrida, Bourdieu, Habermas – fertig ist der Salon-Intellektuelle. Und so eine prall gefüllte Bücherwand tut ihr Übriges dazu. Doch hinter einem aufgeklappten Buch steckt nicht zwangsläufig immer auch ein kluger Kopf. Und nichts ist peinlicher, als mit Wissen zu prahlen, dem man nicht gewachsen ist. Das Fatale daran ist, du merkst es selber nicht. Aber alle anderen merken es.

5. Gebot: Du sollst keinen anderen Blog neben diesem haben

Buddhisten machen es, große Konzerne auch, und der gemeine Blogger wäre gut beraten, es ebenfalls zu tun. Was genau? Ganz einfach. Sich fokussieren, aufs Kerngeschäft konzentrieren, ein Ziel ins Auge fassen und darauf hinarbeiten. Nicht zwei Ziele und zwei Wege. Ein Ziel und ein Weg! Die Kräfte nicht aufteilen, sondern bündeln. Für sich ganz klar sein, alles geben. Keine Staus. Keine Termine. Keine Hektik. Kein Stress. Keine Kompromisse. Kein anderer Blog.

 6. Gebot: Du sollst stets das schreiben, was du selbst gern lesen würdest

Lies nochmal durch, was du gerade geschrieben hast. Gefällt es dir? Hat es was? Ist da ein Sound, eine zweite Ebene? Hat es was von dir? Kommt die Botschaft rüber? Versteht man es auch, wenn man nicht – so wie du jetzt gerade – besoffen ist? Und ganz wichtig: Kommt das Buch, über das du eigentlich schreiben wolltest am Ende auch nicht zu kurz? Sei nicht zufrieden, wenn du nicht mindestens fünfmal Ja und am Ende einmal Nein sagen kannst. Mach dir noch ein Bier auf, geh noch mal ran, mach es rund. Und dann lies nochmal durch, was du gerade geschrieben hast. Gefällt es dir? Hat es was? Ist da ein Sound, eine zweite Ebene?

7. Gebot: Du sollst stets das lesen, worüber du gern schreiben würdest

Jeder, der schon mal Tischtennis, Tennis oder meinetwegen auch Badminton gespielt hat, kennt diesen Effekt. Man kann ein noch so guter Spieler sein; hat man einen schlecht spielenden Gegner, spielt man automatisch auch schlecht. Genauso kann es einem beim Schreiben über ein schlechtes Buch ergehen. Oftmals ist die Rezension genauso bescheiden wie das Buch. Wie soll es auch anders sein? Auf einen laschen Aufschlag folgt ein ebensolcher Return. Ganz anders bei stärkeren oder ebenbürtigen Gegnern. Sprachmächtige Romane lassen auch den Rezensenten seine Worte mit Bedacht wählen, inspirierte Texte inspirieren, und ein kluger Plot ist die halbe Miete für einen ebensolchen Blogbeitrag.

8. Gebot: Du sollst dich nicht von der Blogstatistik leiten lassen

Natürlich weißt du mit der Zeit Bescheid, kennst die Mechanismen von Stimulus und Response. It’s just a jump to the left and then a step to the right. Und tatsächlich ist die Versuchung groß, was gut läuft, immer wieder genauso zu machen. Warum soll das nicht noch einmal funktionieren? Und siehe da, es funktioniert. Wieder der gleiche Effekt. Und noch einmal, nur ein wenig anders. Dann immer wieder – ein paar kennen es ja noch nicht ­ und es funktioniert tatsächlich jedes mal aufs Neue. Langsam verlierst du den Respekt vor deinem Publikum. Und noch schlimmer, es fängt an, dich zu langweilen. Höchste Zeit, mal wieder was Neues auszuprobieren. Try to put your hands on you hips, but don’t do the Time Warp again.

9. Gebot: Du sollst nicht den Spaß am Bloggen verlieren

Wir haben es gerade gelesen. Man kann beim Bloggen so viel falsch machen. Entweder langweilt man seine Leser mit uninspirierten Texten zu Tode oder macht sich als Pseudo-Intellektueller zum totalen Depp und merkt es noch nicht einmal. Und trotzdem – jeden verdammten neuen Tag stehen wieder knapp tausend Buchblogger auf, putzen sich die Zähne und stellen einen neuen Beitrag ins Netz. Und keiner davon ist so schlecht, dass er nicht von irgendwoher wenigstens ein paar Likes bekommt. Das ist das Schöne an der ganzen Geschichte: Das Netz ist groß und geduldig, da können wir alle sein, uns ausprobieren und jeder auf seine Art seinen Spaß haben.

10. Gebot: Du sollst dich nicht von den Geboten anderer leiten lassen

Wer bist du denn, dass du dir von anderen sagen lässt, was du zu tun oder zu lassen hast? Erst recht bei deinem liebsten Hobby, dem Bloggen. Also, wenn du willst, vergiss das alles hier. Brich die Gebote und stelle deine eigenen Regeln auf. Sei ein Original und keine Kopie.

_________

Foto: Gabriele Luger

Blogger-Relations: Die zehn besten Verlage

3

Im PR-Bereich gibt es das schon lange: Journalisten bewerten die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen und Verbänden und heraus kommt jedes Jahr ein Ranking mit den besten Presseabteilungen Deutschlands. Warum, so dachte ich mir, sollte man das eigentlich nicht auch mal für die Blogger- oder Influencer Relations der Verlage machen? Welcher Verlag hat hier die Nase vorn, kommuniziert und arbeitet am professionellsten mit Bloggern zusammen?

Wenn ich das jetzt mache, ist das natürlich keine repräsentative Studie, sondern zunächst einmal nur meine ganz persönliche Wertung. Und da so eine Bewertung nach Bauchgefühl überhaupt nichts bringt, habe ich mir halbwegs objektive Bewertungskriterien überlegt. Was ist wichtig in der Zusammenarbeit zwischen Blogger und Verlag? Wann fühlt man sich gut betreut und ernst genommen? Welche Angebote, Veranstaltungen helfen einem weiter? Mit welchen Verlagen macht die Zusammenarbeit Spaß und wo hakt es immer wieder?

Ich mache jetzt mal den Anfang, stelle die Kriterien vor und bewerte danach meine bestehenden Verlagskontakte. Vielleicht schließen sich ja andere Blogger an, bewerten ihre Kontakte ebenfalls wir machen daraus irgendwann mal ein valides Ranking.

Blogger-Relations ist Beziehungsmanagement, und das wichtigste Kriterium ist daher der persönliche Kontakt. Ein mir namentlich bekannter Ansprechpartner ist die Grundvoraussetzung für alles Weitere. Jeder Blogger will wissen, wen er ansprechen kann, wenn er mal eine Frage hat, ein Interview mit einem Autor führen möchte oder ein Rezensionsexemplar zugeschickt bekommen will. Das klingt selbstverständlich – ist aber nicht bei allen Verlagen gegeben.

Entscheidend ist auch das WIE der Kommunikation. Gibt es eine persönliche Ebene, wird man individuell angesprochen oder ist man nur eine Adresse im Mail-Verteiler? Wichtig ist mir persönlich auch – Achtung jetzt kommt ein Buzz-Word – eine gewisse Achtsamkeit. Darunter verstehe ich, dass der Ansprechpartner im Verlag meinen Blog nicht nur kennt, sondern die Beiträge auch liest (oder mir zumindest das Gefühl gibt, es zu tun). Im besten Fall nicht nur die Rezensionen, die seinen Verlag betreffen. Wichtig ist auch, dass der Blogger-Relations-Manager auch selber im Netz unterwegs ist, die Diskussionen verfolgt; weiß, was uns Blogger gerade bewegt, ärgert, fasziniert.

Und dann ist natürlich auch die Position des Ansprechpartners im Verlag für die Zusammenarbeit entscheidend. Das weiß ich natürlich nicht im Detail von jedem und kann es dann auch nicht bewerten. Aber wichtig ist das schon. Hat er oder sie Entscheidungsbefugnis und verfügt im besten Fall auch über einen eigenen Etat? Besteht bei dem Verlag die Bereitschaft, mit dem Blogger mal über Gewinnspiele, Leseraktionen, Sponsored Posts oder Werbebanner nachzudenken? Und abschließend die Frage, ob Blogger auch zu allgemeinen Verlagsveranstaltungen eingeladen werden oder aber interessante Veranstaltungen für Blogger außerhalb der Messen organisiert werden, vielleicht sogar auch mal zusammen mit der Presse.

Nach diesen Kriterien habe ich alle Verlage, mit denen ich Kontakt habe, bzw. deren Programm mich interessiert, bewertet. Für jeden zutreffenden Aspekt, gab es einen Punkt. Hier das Ergebnis:

 

  1. Suhrkamp: 16 Punkte
  2. Frankfurter Verlagsanstalt: 14 Punkte
  3. Ullstein: 13 Punkte
  4. Diogenes: 12 Punkte
  5. Hanser: 11 Punkte
  6. Klett-Cotta: 11 Punkte
  7. Kiepenheuer & Witsch: 10 Punkte
  8. DVA: 10 Punkte
  9. Rowohlt: 9 Punkte
  10. Aufbau: 9 Punkte

 

Disclaimer:
Dieses Ranking basiert auf einer rein subjektiven Einschätzung und Bewertung nach den aufgezeigten Kriterien. Wie genau sich die Bewertungspunkte zusammensetzen, kann in der unten stehenden Tabelle eingesehen werden. Bewertet wurden nur die Verlage, zu denen Kontakt besteht, bzw. deren Verlagsprogramm für Buchrevier relevant ist. Der Subjektivität des Autors ist es geschuldet, wenn einige Punkte nicht erfasst oder falsch bewertet wurden. Allgemeine Aussagen über die Qualität und Leistung der Arbeit von Verlagsmitarbeitern sind daher nicht zulässig. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 😉

Auswertung im Detail:

Bildschirmfoto 2017-08-06 um 11.43.15

 

Bildschirmfoto 2017-08-06 um 13.00.09_____________
Titelfoto: Gabriele Luger

 

 

5 Tipps für mehr Lesezeit im Urlaub

11

Sie wollen im Urlaub viele Bücher lesen? Dann sollten sie unbedingt folgende Punkte beachten.

1. Bereits zu Hause starten

Es empfiehlt sich, nicht erst am Ferienort mit der Urlaubslektüre zu starten. Der letzte Arbeitstag sollte immer auch der erste Urlaubslesetag sein. Bitten Sie doch einfach Ihren Partner, wenn er schon dabei ist, den Koffer doch auch gleich für Sie mit zu packen. So entspannen Sie von Anfang an und starten mit dem guten Gefühl, schon ein gutes Stück des vorgenommenen Lesepensum geschafft zu haben. Gewonnene Lesezeit: bis zu acht Stunden.

2. Das richtige Reiseziel

Wer im Urlaub viel Lesen will, sollte nicht in die Berge fahren, keinen Aktivurlaub und keine Städtetour unternehmen. Je weniger es zu entdecken gibt, desto besser. Sonne, Meer und eine karge, steinige Landschaft bieten ideale Voraussetzungen für einen geruhsamen Leseurlaub. Noch besser ist es, wenn das Wetter unbeständig ist, es idealerweise viel regnet und man gezwungen ist, den ganzen Tag im Hotel oder Appartement zu verbringen. Beste Bedingungen bieten hierfür Reiseziele an der Nord- und Ostsee in der Vor- und Nachsaison. Achten Sie auch darauf, dass Sie sich nicht selbst verpflegen müssen. Denn man glaubt gar nicht, wieviel Zeit fürs Einkaufen, Kochen und Abwaschen draufgeht. Gewonnene Lesezeit: ca. 20 Stunden.

 3. Anreise genau planen

Reisen Sie auf keinen Fall mit dem Auto, Motorrad oder Wohnmobil, denn wer selber steuert, kann nicht lesen. Wenn sie fliegen, fliegen sie nachts. Wenn das nicht geht, reservieren Sie sich einen Gang- oder Mittelplatz, dann droht keine Ablenkungen durch einen Blick aus dem Fenster. Seien Sie nicht erst zwei Stunden vor Abflug, sondern bereits drei oder vier Stunden vor dem Boarding am Gate. Wenn sich dann der Start noch um zwei Stunden verzögert, haben Sie gute Chancen, die erste Reiselektüre noch vor Ankunft am Urlaubsort ausgelesen zu haben. Prüfen Sie, ob der Urlaubsort nicht auch per Zug, Bus oder noch besser per Schiff erreichen ist. Gewonnene Lesezeit: bis zu 30 Stunden und mehr.

 4. Der richtige Reisepartner

Wieviel sie im Urlaub letztendlich lesen können, hängt ganz entscheidend davon ab, mit wem sie verreisen. Die Auswahl der zur Verfügung stehenden Reisepartner ist aber oftmals sehr eingeschränkt und meist alternativlos. Wer einen festen Partner hat, verreist in der Regel mit ihm. Langjährige Partnerschaften sind hier zu bevorzugen. Je weniger geredet wird, desto mehr Zeit bleibt für die Lektüre. Mit einer neuen, erst wenige Monate andauernden Beziehung in den Urlaub zu fahren, ist dagegen nicht so ratsam. Da kann alles mögliche passieren, nur gelesen wird in diesen Fällen eher weniger. Genauso wenig empfiehlt es sich, mit einem befreundeten Ehepaar oder Familie zu verreisen. Ständig sitzt man dann zusammen, erzählt, unternimmt zwanghaft irgendetwas. Wer also Wert darauf legt, bereits am Frühstückstisch ungestört zu lesen, fährt am besten alleine in den Urlaub. Single-Reisen sind die ultimativen Lesereisen. Gewonnene Lesezeit: bis zu 400 Stunden.

 5. Nervfaktor Kinder

Kinder sind ja schon daheim die größten Lektüreverhinderer. Ständig wird irgendetwas gefragt, andauernd ist ihnen langweilig, immer wieder weigern sie sich, einfach mal ein paar Stunden so zu tun, als wären sie gar nicht da. Im Urlaub können sie mit ihrer unselbständigen Vergnügungssucht die zur Verfügung stehende Lesezeit der Eltern auf Null reduzieren. Daher gilt: Wer im Urlaub viel lesen will, sollte ohne Kinder verreisen. Wenn das nicht geht, bleibt nur der Ausweg eines All-Inklusive-Resorts mit einer rund um die Uhr Kinderbespaßung. Auf keinen Fall sollte man im Urlaub den Versuch wagen, dem computerspielsüchtigen Nachwuchs eine digitale Auszeit zu verordnen, um ihn für das analoge Medium Buch zu begeistern. Stattdessen gehören die Playstation, ein Stapel neue Ballerspiele und ein Set Kopfhörer unbedingt in jeden Familienreisekoffer. Gewonnene Lesezeit: ca. 50-80 Stunden.

Wenn Sie diese fünf Tipps beachten, können Sie das Maximum an Lesezeit aus Ihrem Urlaub herausholen. Ach ja, das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen: Reservieren Sie sich möglichst früh am Morgen mit einem Handtuch Ihre persönliche Leseliege am Pool.

Buchrevier wünscht einen schönen Urlaub.

_________
Foto: Gabriele Luger

7 Dinge, die ich durch den Blogbuster-Preis gelernt habe

8

 

Das eigene Buch.
Es scheint immer noch ein Traum zu sein. Schöner noch als einen Baum zu pflanzen oder ein Haus zu bauen. Doch was bringt es einem? Es hat kein Dach und spendet keinen Schatten, kostet Arbeit und viel Zeit. Trotzdem sitzen jeden Abend tausende Menschen allein am Schreibtisch und schreiben. Und hoffen.

Es gibt kein gültiges Maß für Literatur.
Fünf Menschen in der Jury, fünf Meinungen zu ein und demselben Buch. Von grandios über belanglos bis komplett indiskutabel reicht die Spanne. Alles ist möglich und begründbar. Ist der Literaturbetrieb also doch total subjektiv?

Lesen kann harte Arbeit sein.
Wenn sich 14 Bücher stapeln und man zum Stichtag ein Urteil fällen muss. Wenn nicht alles gut geschrieben ist; wenn da noch ein anderes Leben ist und die Augen irgendwann den Schleier zuziehen. Aber dann kommt die eine Geschichte und man ist auf einmal wieder hellwach. Welche Anstrengung, welche Arbeit?

Die Zielgruppe schlägt zurück.
Das Internet hat uns die Tore geöffnet, und wir Leser erobern den Betrieb. Wir sagen unsere Meinung, nehmen Einfluss. Es ändert sich gerade alles. Nicht so schnell wie erhofft, aber doch stetig. Blogbuster hat gezeigt, dass wir es können und dass noch vieles möglich ist.

Unternehmer unternehmen etwas.
Verlage brauchen Unternehmertum.  Persönlichkeiten, die etwas etwas wagen und mutig sind, die sich begeistern lassen und andere begeistern können. Die auch Wege gehen, die nicht asphaltiert sein müssen. Die den Menschen ins Gesicht schauen und Vertrauen haben. Ohne Benchmark, ohne Referenz – einfach so.

Online ist unsere Homebase.
Das Netz ist voll mit Blogbuster, doch in den Zeitungen steht nichts davon. Und trotzdem hatten wir jede Menge Aufmerksamkeit. Wir haben das Ding durchgezogen, haben gezeigt, dass es klappt, auch ohne das Feuilleton. Bevor die alten Männer die Meldung aus dem Fax gezogen haben, hatten wir die Story schon tausendfach verbreitet.

Blogger sind Familie.
Wir sitzen die meiste Zeit allein in unseren Zimmern. Wir lesen, schreiben und schauen auf unsere Handys. Wir begegnen uns in virtuellen Gruppen, empfehlen Plugins und Ansprechpartner, liken unsere Beiträge und sind uns gegenseitig das treueste Publikum. Und doch zieht jeder sein eigenes Ding durch, versucht sich abzugrenzen, eine etwas andere Sicht auf das gleiche Buch zu bieten. Und trotz aller Unterschiede sind wir ein Projekt, halten zusammen, bewegen das Netz.

5 Wahrheiten über den Literaturbetrieb

1

 

…, die man in David Foenkinos Roman ‚Das geheime Leben des Monsieur Pick‘ findet.

Der französische Bestseller-Autor David Foenkinos hat einen sehr unterhaltsamen Roman über ein geheimnisvolles Buchmanuskript geschrieben, das aufgrund der Umstände seiner Entdeckung zum internationalen Bestseller wird. Eine schöne Geschichte, die viele Wahrheiten über das Lesen, Schreiben und den Literaturbetrieb offenbart. Ich habe mal ein paar herausgepickt.

 

1) Wer nicht liest, kann auch nicht schreiben.

Foenkinos-Zitat Seite 64: “ ‚Hat er gern gelesen?‘ ….. ‚Henri? Gelesen?“ antwortete sie lächelnd. ‚Nein, ich hab ihn nie mit einem Buch in der Hand gesehen. Außer dem Fernsehprogramm hat er nie etwas gelesen.'“

Dass der mutmaßliche Bestsellerautor in Foenkinos Geschichte niemals etwas gelesen hat, führt zu ernsthaften Zweifeln an dessen Urheberschaft. Zu Recht – wer taub ist, kann nur selten gut singen und wer nicht liest, kann in der Regel auch nicht schreiben. Zumindest nicht gut. Es geht dabei nicht um literarische Vorbilder, es geht um eine ungefähre Ahnung, was mit Sprache überhaupt machbar ist. Wie Gedanken klingen könnten, wie man einen roten Faden durch eine Geschichte webt, Zugänge zu anderen Ebenen schafft. Sprich – wie man einen richtig guten Roman schreibt. Das kann man nur, wenn man schon mal einen gelesen hat. Wenigstens einen.

2) Erfolgreiche Bücher brauchen einen Aufhänger

Foenkinos-Zitat Seite 130: „Der Text an sich zählt überhaupt nicht mehr. Man braucht nur noch einen einzigen guten Gedanken herauszustellen. Einen Gedanken, der die Diskussion schürt.“

Eigentlich ist es so einfach, ein erfolgreiches Buch zu schreiben. Man muss im Prinzip nur einen guten Aufhänger finden. Und dafür geht man am besten in den Buchladen und schaut, wie Bücher verkauft werden. Da wird nicht lang und breit eine Geschichte erzählt, da wird verschlagwortet: ‚Dieses Buch ist ganz aktuell, behandelt die Flüchtlingsproblematik, dies hier ist sehr bewegend, da wird ein Kind jahrelang brutal misshandelt, hier ist der Vater ein Hochstapler, hier kloppen sich Hooligans aus Hannover, hier leidet ein Autor an bipolaren Störungen und hier findet eine junge Lektorin ein geheimnisvolles Romanmanuskript‘. Schnelle Empfehlung, schneller Verkaufserfolg, schnell wieder vergessen.

3) Ein Flop ist schlimmer als jahrelange Ablehnung

Foenkinos-Zitat Seite 33: „..es gibt Schlimmeres als das Leid, nicht veröffentlichen zu können: das Leid, überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Nach ein paar Tagen verschwinden die Titel wieder aus den Regalen und man rennt verzweifelt von einer Buchhandlung zur anderen, auf der Suche nach einem Belegexemplar der eigenen Existenz.“

Ja, lieber ein Leben lang von sämtlichen Verlagen abgelehnt werden, als mit dem Debüt sang- und klanglos untergehen. Im ersten Fall kann man die Schuld auf die Unfähigkeit der Verlage oder das System schieben und behält immer noch ein Fünkchen Hoffnung, es vielleicht eines Tages doch noch zu schaffen. Im zweiten Fall weiß man, dass man komplett gescheitert ist, dass letztlich niemanden wirklich interessiert, was man da geschrieben hat, dass all die Verlage recht hatten, als sie das Manuskript ablehnten, dass der Verlag, der es letztlich angenommen hat, sich jetzt wahrscheinlich über seinen Fehler wahnsinnig ärgert und schon überlegt, wie er dich schnell wieder loswerden kann. Vernünftig wäre, mit dem Schreiben einfach aufzuhören, doch die meisten Autoren sind scheinbar Masochisten und tun sich die Demütigung immer wieder und wieder an.

4) Gutes Marketing verkauft auch schlechte Bücher

Foenkinos-Zitat Seite 155/156: „Der Erste, der auf die Idee kam, das Scheitern als Marketinginstrument einzusetzen, war Richard Ducousset…Einige Wochen später erschien das Buch mit folgendem Werbespruch: ‚Von 32 Verlagen abgelehnt.‘ …es gingen mehr als 20.000 Exemplare über den Tisch.

Manchmal frage ich mich, wer legt eigentlich fest, was ein gutes Buch ist? Schaut man sich Diskussionen im Feuilleton an, sieht man, dass auch die Experten sich nur selten einig sind. Ein und dasselbe Buch wird von dem Einen als Meisterwerk und vom Anderen als absoluter Schund betitelt. Das macht den Reiz von Literatursendungen im Fernsehen aus, die Sache aber auch irgendwie beliebig. Wo ist der Maßstab, was ist Qualität? Gut ist, was gefällt. Was andere, die diesen Titel gelesen haben, als nächstes gekauft haben, was auf der Bestseller-Liste steht, einen Preis gewonnen, was der Buchhändler ins Schaufenster legt. Und nicht selten stellt man dann beim Lesen fest, die schlechtesten Bücher haben oftmals das beste Marketing.

5) Es gibt mehr Schriftsteller als Leser

Foenkinos-Zitat Seite 158: „Eine Umfrage der Zeitung Le Parisienne ergab, dass jeder dritte Franzose schrieb oder vom Schreiben träumte. …Man muss sagen, dass es heutzutage eigentlich mehr Schriftsteller als Leser gibt“

Meine Rede seit vielen Jahren. Ordentlich, tüchtig oder fleißig zählt heute nicht mehr. Stattdessen wäre jeder gerne irgendwie begabt und kreativ. Und wenn schon nicht selber, dann zumindest der Nachwuchs. Jedes zweite Kind ist mittlerweile hochbegabt oder künstlerisch besonders talentiert. Das heisst, da kommen in Zukunft noch jede Menge neue Schreiberlinge auf uns zu, die alle noch nie ein Buch gelesen haben, aber unbedingt eins schreiben wollen. Hilfe!

____________

Foto: Gabriele Luger

 

Ach du dickes Buch.

6

 

Fünf literarische Eintausender-Empfehlungen. 

Schon den ganzen Februar läuft auf der Social-Reading-Plattform LovelyBooks die Aktion „Buchblogger empfehlen“. Jeden Tag stellt dort ein ausgewählter Literaturblogger eine Themenliste mit fünf Büchern vor. Heute ist Buchrevier an der Reihe, und ich habe mich für das Thema „Dicke Dinger“ entschieden – sprich: Bücher mit bis zu 1.000 Seiten und mehr.

Dicke Bücher spalten ja die Gemüter. Für einige fängt das Lesevergnügen erst ab 500 Seiten an, andere empfinden derart ausufernde Lektüre als Zumutung. Ich persönlich kann beide Standpunkte nachvollziehen. Nicht jede Geschichte wird besser, wenn man sie zu einem dicken Schinken auswalzt. Manchmal hat man sogar das Gefühl, dass Marketing-Kalkül dahinter steckt. Denn wer als Autor einen Tausendseiter veröffentlicht, macht allein deswegen schon auf sich aufmerksam. Dünne Literatur können viele, dicke Literatur nur wenige. Hinzu kommt: Wenn ein Buch dick ist, ist es oftmals nicht literarisch, sondern eher unterhaltend. Also gilt die Gleichung: dick + literarisch = wertvoll.

Wie dem auch sei, für die LovelyBooks-Rubrik habe ich mein Bücherregal durchforstet und fünf dicke Schinken herausgesucht, die ich gerne und mit Gewinn gelesen habe und bei denen ich zu keiner Zeit das Gefühl hatte, da will ein Autor nur Seiten schinden. Hier also meine fünf Eintausender-Empfehlungen: 


1280 Seiten: Nino Haratischwili – Das achte Leben (für Brilka)

Ich glaube jeder, der ein wenig Sinn für gute Geschichten und eine gute Schreibe hat, wird merken, was er hier in den Händen hält. Nicht irgendeinen Schmöker, keine x-beliebige Familiensaga, kein Buch für eine Saison. Nein, was Nino Haratischwili hier abgeliefert hat, wird bleiben und die Zeit überdauern. Ich scheue mich ein wenig vor dem großen Wort, frage mich, ob das, was mir auf der Zunge liegt, nicht zu hochgegriffen ist. Ob ich das überhaupt beurteilen kann. Aber warum eigentlich nicht? Ich habe schon viel gelesen, darunter auch vergleichbar dicke Familien-Epen wie Tolstois „Krieg & Frieden“, die Buddenbrooks oder Jonathan Franzens „Korrekturen“. Und genau in diese Reihe möchte ich auch „Das achte Leben“ stellen. In meinen Augen ist dieser Roman Weltliteratur, nicht mehr und nicht weniger.

923 Seiten: Jan Brandt – Gegen die Welt

Das, was Jan Brandt da im Jahr 2013 als Erstlingswerk abgeliefert hat, ist wirklich mehr als erstaunlich und verdient höchsten Respekt. Nicht umsonst ist er damit prompt auf der Shortlist des deutschen Buchpreises gelandet. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, was er da abgeliefert hat. Einen Entwicklungsroman? Eine Familiensaga? Ein mit ein wenig Science-Fiction aufgepepptes Epos über die jüngste deutsche Vergangenheit? Ich würde sagen, von allem etwas und das auch noch sehr unterhaltsam. Es erinnert mich ein wenig an Murakami. Klare einfache Sätze, lange Beschreibungen, einsame Helden und zum Auflockern ein wenig Surreales. Klar hätte man das Buch auch halb so dick machen können, die Geschichte hat einige Längen, aber die Lektüre lohnt sich trotzdem.

1.024 Seiten: Haruki Murakami – 1Q84

Wie macht er das nur? Mit diesen einfachen Sätzen. Subjekt, Prädikat, Objekt. Keine Verschachtelungen, keine kunstvollen Allegorien. So, wie es eigentlich jeder könnte. Und doch kommt schon auf der ersten Seite diese einzigartige Lesestimmung auf. So eine verträumte Spannung, leicht und unbeschwert. 1024 Seiten – ein dicker Wälzer. Und doch ist die Lektüre so entspannend wie ein Nachmittags-Spaziergang an einem sonnigen Herbsttag. Typisch Murakami.

So einfach und reduziert wie der Schreibstil ist auch der Inhalt des Romans. Viel passiert nicht auf den edlen Dünndruck-Seiten. Zwei Protagonisten, zwei Biografien voller Einsamkeit, zwei Morde und zwei Monde. Man könnte die Geschichte auch auf maximal zehn Seiten erzählen. Und trotzdem kommt nicht eine Sekunde Ungeduld auf. Als Lektor würde ich nicht einen Satz streichen. Denn jeder Satz ist Gefühl. Und alle zusammen kreieren diese Lesestimmung, geben dem Buch eine Seele.

1024 Seiten: Donna Tartt – Der Distelfink

Ich glaube, den Distelfink von Donna Tartt haben vor drei Jahren wirklich fast alle gelesen. Und wer es nicht getan hat, weil er oder sie entweder dicke Bücher oder extrem gehypte Bücher meidet (in diesem Fall kommt beides zusammen), sollte es jetzt unbedingt nachholen. Denn hier bekommt man alles, was man für einen erfüllenden Lesemarathon braucht. Eine spannende Geschichte, glaubwürdige Protagonisten, interessante Erzählperspektiven und eine sprachlich saubere Umsetzung. Da stört nichts, da ist alles stimmig und wohldurchdacht, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Kein Wunder, denn Donna Tart überlässt bei Ihren Büchern nichts dem Zufall, lässt sich Zeit, sehr viel Zeit. Immerhin hat sie bis zu 10 Jahre an diesem Roman geschrieben, korrigiert, verbessert und gefeilt – bis alles perfekt war. Und das merkt man.

1392 Seiten: Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Als ich mich für das Thema „Ach du dickes Buch“ entschieden habe, war ich gerade mittendrin in Hanya Yanagiharas dickem Wälzer “Ein wenig Leben“. Ich wollte es hier als fünften Titel empfehlen, war aber am Ende so enttäuscht, dass ich von der Lektüre mittlerweile abrate. Stattdessen möchte ich auf ein echtes Schwergewicht verweisen, das sich alles andere als leicht und locker liest. Jonathan Littel hat mit seinem knapp 1.400 Seiten dicken Werk „Die Wohlgesinnten“ im Jahre 2008 für einen riesigen Medienwirbel gesorgt. Alle Welt hat von dem Buch gesprochen, nur wenige haben es tatsächlich ganz gelesen. Denn die Lektüre tut weh, schockiert und ist kaum zu ertragen. Litell schildert auf schonungslose Weise die Gräueltaten der SS und der deutschen Wehrmacht an den Juden in Osteuropa. Es ist schrecklich, bedrückend und nichts für zartbesaitete Gemüter. Ich habe mehrere Monate für die Lektüre gebraucht, das Buch immer wieder unterbrechen müssen. Aber es ist auch eine Lektüre, die man nie vergisst.

Was wäre wenn … ich nicht so viel lesen würde?

7

7 Dinge, die dann anders wären.

1. Ich wäre schlanker

Wenn ich nicht so viel lesen würde, hätte ich bestimmt zehn Kilo weniger auf den Rippen. Ich würde dann abends nach der Arbeit noch laufen gehen und mir im Fitnesscenter ein sauber definiertes Sixpack antrainieren. Stattdessen bewege ich mich kaum noch, sitze nur und lese. Und wenn ich nicht lese, dann schreibe ich. Dazu ein kühles Bier und eine Handvoll Cashewnüsse. Von den zehn Anzügen in meinem Schrank passen mir nur noch zwei. Und die habe ich mir letzte Woche neu gekauft.

2. Ich hätte mehr Freunde

Irgendwann muss man sich im Leben entscheiden. Entweder viele Freunde haben oder viele Bücher lesen. Beides zusammen geht nicht. Zumindest ich bekomme das nicht hin. Ein geselliger Abend unter Freunden ist ja mal ganz nett, aber prinzipiell wird mir da zu viel gequatscht und gelacht. Und meine Frau meint, es wäre unhöflich, wenn einen das Gespräch nicht interessiert, einfach aufzustehen und zu sagen: Ich gehe jetzt noch was lesen.

3. Ich wäre erfolgreicher

Ich könnte es wieder machen wie damals, Anfang dreißig. Zu dieser Zeit habe ich relativ wenig gelesen. Stattdessen habe ich Karriere gemacht. Ich kannte keinen Feierabend, hab mich reingehängt und jeden Abend noch Arbeit mit nach Hause genommen. Ganze Nächte habe ich dann an irgendwelchen Texten und Konzepten gefeilt, bis ich todmüde ins Bett gefallen bin. Heute sitze ich manchmal im Büro und freue mich schon auf den Feierabend. Drei, vier Stunden lang einfach nichts anderes tun, als zu lesen. Abschalten, mal nicht an den Job denken, den Kopf wieder frei bekommen und anschließend nächtelang an irgendwelchen Blogbeiträgen feilen.

4. Ich hätte mehr Zeit für die Familie gehabt

Die Kinder sind jetzt aus dem Haus. Keiner mehr da, den man abends mit einer Geschichte ins Bett bringen kann. Jetzt ist es zu spät, noch irgendetwas anders zu machen. Zum Beispiel weniger arbeiten, früher nach Hause kommen und auch weniger lesen. Statt wortkarg mit einem Buch auf dem Sofa zu sitzen – Papa braucht mal fünf Minuten für sich – hätte ich mich mehr kümmern können. Draußen Fußball spielen oder einfach öfter mal in den Urlaub fahren. Vielleicht habe ich ja als Opa noch mal eine Chance.

5. Ich wäre kreativer

Lesen ist ja kein besonders produktiver Akt. Man sitzt eine Zeit lang irgendwo rum, schaut auf einen Stapel bedrucktes Papier, den man dann irgendwann zurück ins Regal stellt und in der Regel wieder vergisst. Für Außenstehende kommt da kaum was bei rum, zumindest nichts, was man vorzeigen kann und die Zeit überdauert. Würde ich malen oder fotografieren, im Keller irgendetwas löten oder Vogelhäuschen bauen, könnten meine Kinder später mal sagen, der hat seine Zeit sinnvoll genutzt, war kreativ und hat etwas Bleibendes geschaffen. Habe ich aber nicht. Ich habe nur rumgesessen und gelesen.

6. Ich wäre kein Blogger

Worüber sollte ich bloggen, wenn ich nicht so viel lesen würde? Ich führe ein ganz normales Leben, habe einen geregelten Bürojob, esse am liebsten gutbürgerlich und gehe zweimal am Tag Gassi mit dem Hund. Wer will so etwas lesen? Ich wäre auch ein sauschlechter Mode- oder Reiseblogger, weil mich weder Klamotten noch fremde Länder sonderlich interessieren. Nein, wenn ich nicht so viel lesen würde, hätte ich kein Thema, worüber es sich zu bloggen lohnt. Und noch etwas wäre anders:

7. Ich wäre nicht ich.

________
Foto: Gabriele Luger

Die 10 besten Bücher des Jahres

10

 

Ausgewählte Buchrevier-Kommentare zu den Lesehighlights des Jahres. 


Thomas Melle – Die Welt im Rücken

JetztU1_978-3-87134-170-0.indd heißt es überall zunächst einmal: Was? Der Melle ist irre? Und ich so: Hab ich mir doch gleich gedacht. Und mein Über-Ich sofort: Ach komm, hör auf. Aber es ist tatsächlich wahr. „Die Welt im Rücken“ ist autobiografisch, Melle ist Melle und keine Romanfigur. Er hat das Versteckspiel satt und sagt es frei heraus: Ja, ich bin krank, manisch-depressiv oder neudeutsch: bipolar gestört. Und er ist es immer noch, wird das nie wieder los, kann keine Entwarnung geben, uns kein Happy End anbieten.

 

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

9783462048919-cover-lShida Bazyar kann nicht nur wahnsinnig gut schreiben. Nein, das können viele, das trifft es nicht. Sie ist so etwas wie ein literarisches Megatalent. Eine Akrobatin, jemand, der mit Wörtern jongliert, sie ohne große Mühe zu kunstvollen Satzgebirgen aufstapelt, sie wieder einstürzen lässt und im freien Fall neu auf der Seite verteilt. Sie formt Sätze, die geschliffen, präzise und vollkommen sind und an keiner Stelle mehr verbesserbar. Lange Sätze, kurze Sätze, Satzfragmente. Alles ist sehr verschachtelt, es gibt kaum Absätze und keine wörtliche Rede.

 

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

9783462044812-cover-lAm Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

 

Philipp Winkler – Hool

Winkler-Hool-SUNatürlich ist es in erster Linie das Thema, das zieht. Hooligans – da läuft es jedem Bildungsbürger erstmal kalt den Rücken runter. Man kennt sie nur als amorphe, grölende Masse, hinter den Absperrgittern der Nord- oder Südkurve, an Spieltagen von einer Hundertschaft durch die Stadt zum Stadion eskortiert. Wer mit so einer bierseligen Horde schon mal im selben Zug gesessen hat, weiß Bescheid. Jetzt gibt es also den ersten literarisch anspruchsvollen Roman, der in dieser Szene spielt. Wobei von der Kritik nicht nur der literarische Anspruch in Frage gestellt wird, sondern auch, dass das Thema wirklich neu sei.

 

Julian Maclaren-Ross – Von Liebe und Hunger.

 MacLaren-Ross_Von Liebe und Hunger#2.inddAlles in allem ist dies eine wunderbare literarische Wiederentdeckung, ein tolles Lesevergnügen und eine besondere Empfehlung für die letzten lesenden Männer. Dieser Roman ist ehrlich und authentisch, klar auf den Punkt und dabei lässig und entspannt – so wie Männer insgeheim alle gerne wären, wenn ihnen da nicht immer irgendetwas dazwischen kommen würde: Frauen, Kriege oder einfach nur die eigenen Unzulänglichkeiten. Maclaren-Ross ist der Alkohol und dann schließlich mit 52 Jahren ein Herzinfarkt dazwischen gekommen. Zu jung zum Sterben und zu alt, um unsterblich zu werden.

 

David Vann – Aquarium.

9783518425367-cover-lAls Leser lässt einen die Geschichte auch deswegen schon nicht kalt, weil sich parallel eine zweite Ebene aufbaut. Die eigene Geschichte, meine Kindheit, all das was ich meinen Eltern nicht verzeihen kann, das, was mich heute noch blockiert, was ich mir anders gewünscht hätte, was man aber einfach nicht mehr rückgängig machen kann. Wenn man nachdenkt, findet sicherlich jeder Ereignisse im Leben, an denen sich etwas entschieden hat. Wo auf einmal klar war, das ist jetzt der Weg, den du gehen musst, ob dir das nun gefällt oder nicht.

 

 

Juli Zeh – Unterleuten

Unterleuten von Juli ZehSo lass ich mir Gesellschaftskritik gerne gefallen. Gekonnt und intelligent in Szene gesetzt. Natürlich werden auch hier Klischees bedient – der Computernerd, der Investor aus Rüsselsheim, der Möchtegernschriftssteller – aber Juli Zeh verschont uns mit ausgelutschten Phrasen und verknüpft jede Position in der Unterleutener Windkraft-Debatte mit einem persönlichen Schicksal. So durchlebt man mit jeder Figur alle Argumente und versteht auf einmal jeden einzelnen Standpunkt. Das ist grandios und prinzipiell genau das, was uns bei allen öffentlichen Debatten immer wieder fehlt: Verständnis für die Sichtweise des jeweils anders Denkenden. Eigentlich ganz einfach und trotzdem unglaublich schwer.

 

Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

9783462048858-cover-lVielleicht musste es so weit mit ihm kommen, damit er genau dieses eine Buch schreiben konnte. Das deswegen so gut ist, weil es nicht ausgedacht, nicht konstruiert ist. Weil er den Absturz aus dem Popolymp ins Hamburger Bahnhofsviertel wirklich praktiziert hat, weil er auf seine eigene Person keine Rücksicht genommen hat, nichts beschönigt und jede einzelne Schwäche offenbart hat. Und es ist ganz besonders gut, weil BSB einfach schon immer ein großes Schreibtalent war und sich diese Fähigkeit nicht nur bewahrt, sondern verfeinert hat. Wie ein alter Wein, hat er jetzt noch mehr Ausdrucksstärke und Charakter. Es macht einfach Spaß, seinen Sätzen zu folgen, dieses Wechselspiel aus distanzierter Überheblichkeit und dem schonungslosen Alle-Karten-Offenlegen.

 

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

9783498064365-cover-lUnd wenn du gar nichts mehr hast, kein Zuhause, keine Hoffnung, nichts als eine Plastiktüte voller Habseligkeiten und einen nicht zu stillenden Durst auf Alk, dann gehst du für eine Flasche Korn wahrscheinlich überall mit hin. Auch mitten ins sichere Verderben – in diesem Fall Honkas stinkende Mansardenwohnung in Altona.

 

 

 

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

9783462048285-cover-lJa, es kommt vor, dass ich ein Buch lese und nichts darüber schreibe. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht gut finde. Dieses hier zum Beispiel: Meyerhoffs dritten biografischen Roman finde ich nicht nur gut, ich finde ihn super gut. Ich weiß gar nicht, warum ich darüber nichts geschrieben habe. Wahrscheinlich weil schon so viele andere das getan haben, weil alle immer nur begeistert sind, weil jedem beim Lesen einfach warm ums Herz werden muss und ich nicht zugeben wollte, dass es mir genauso ergangen ist.

 

 

______
Titelfoto: Gabriele Luger

 

10 Fragen an einen Literaturblogger, die sonst niemand stellt.

7

 

Deswegen stell ich sie mir selbst und beantworte sie auch gleich*.

1.Bist du Literaturblogger geworden, weil dein Talent zum Bücherschreiben nicht gereicht hat?

Es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass mangelndes Talent Menschen nicht davon abhält, ein Buch zu schreiben oder meinetwegen auch einen Buchblog zu betreiben. Das Schlimme an mangelndem Talent ist ja, dass einem meistens auch das Talent fehlt, fehlendes Talent zu erkennen. Ein Teufelskreis.

1. a) Du hast die Frage nicht beantwortet.

Stimmt. Ja.

2. Geht dir einer dabei ab, wenn du ein Buch so richtig verreißt?

Haha! Ja, als junger Mann – so Anfang Zwanzig – hätte mir das durchaus passieren können. Da fand ich Streitgespräche und Debatten total cool, hatte Spaß daran, mich intellektuell zu messen, andere herauszufordern und ihnen meine Meinung unverblümt ins Gesicht zu sagen. Mittlerweile bin ich etwas milder und freundlicher und in vielerlei Hinsicht nicht mehr so schnell erregbar.

3. Haben Literaturblogger Groupies?

Fans, die kreischen und Selfies mit einem machen wollen? Nein, so weit wie Youtube-Stars sind Buchblogger noch nicht. Leider.

4. Hättest du gerne welche?

Groupies? Moment, ich frage mal meine Frau. ‚Schatz, hast du was dagegen, wenn ich…okay…ja, kann ich verstehen…alles klar’. Also nein, wir wollen keine Groupies. Aber ich habe ziemlich viele Follower bei Facebook. Zählt das auch? 90 Prozent davon sind weiblich. Wenn ich manchmal allein zu Hause bin, klicke ich hin und wieder durch die Liste und denke mir: Holla!

5. Gibt es etwas, was du an anderen männlichen Bloggern gut findest?

Ja, gibt es. Ich wäre gerne so groß wie Tilman Winterling, so beliebt wie Uwe Kalkowski und so smart wie Leander Wattig.

6. Hast du Freunde im Feuilleton?

Ja, ich bin sehr gut mit Ijoma Mangold, Julia Encke und Richard Kämmerlings befreundet. Leider ist die Beziehung etwas einseitig, denn sie sind nicht mit mir befreundet.

7. Können lesende Männer eigentlich auch Männersachen, wie einen tropfenden Wasserhahn reparieren?

Klar, aber sie machen es nur in Notfällen. Wenn man einmal mit diesen Männersachen angefangen hat, hört das nie mehr auf. Dann ist da noch ein Baum, der gefällt, ein Stuhl, der geleimt, eine Gardinenstange, die angebracht werden muss. Und was ist mit dem Buch, das noch gelesen werden muss?

8. Deine Meinung zu Maxim Biller?

Ich mag seine Brille und seinen jüdischen Humor.

9. Hast du schon mal ein Buch besprochen, dass du gar nicht gelesen hast?

Ich lese jedes Buch zumindest an. Aber ja, manchmal reichen mir zwanzig oder dreißig Seiten, um zu wissen, dass ein Buch einfach nur nervt, dass das nichts für mich ist und mir das Lesen einfach keinen Spaß macht. Dann höre ich damit auf und schreibe meine Gründe auf. Manche Blogger quälen sich bis zum Schluss durch und schreiben dann noch nicht mal einen Verriss, weil sie nur Bücher vorstellen, die sie auch gut finden. So einer bin ich nicht.

10. Hat dir ein Verlag oder ein Autor schon mal ein unmoralisches Angebot gemacht?

Ich warte seit Monaten darauf, dass mir ein Verlag Geld dafür bietet, bestimmte Bücher nicht zu lesen. Aber auf diese Idee kommt wieder keiner.

 

_______
Foto: Gabriele Luger

*) Wer Lust dazu hat, diese Fragen ebenfalls zu beantworten, ist herzlich eingeladen. Auf der Buchrevier-Facebookseite gibt es auch eine weibliche Version der Fragen.

 

 

 

Das ist anspruchslos, das lese ich nicht.

26

Worin unterscheidet sich anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungsliteratur? Der Versuch einer Kriterienliste.

Immer wieder werde ich gefragt: Was liest du denn so für Bücher? Anfangs sagte ich noch „Belletristik“. Aber dieser Begriff hilft einem nicht weiter, er ist viel zu weit gefasst. Da fällt alles rein, was nicht ganz klar Genre ist. Günter Grass oder Jojo Moyes – beides Belletristik. Neuerdings sage ich daher „anspruchsvolle Gegenwartsliteratur“, aber das klingt irgendwie schnöselig und eingebildet. Und prompt wird man gefragt: Wo ist denn der Unterscheid zwischen anspruchsvoll und weniger anspruchsvoll?

Ich habe gedacht, das wäre klar geregelt. Habe nie daran gezweifelt und bin davon ausgegangen, dass es Definitionen gibt – anerkannte Kriterien, nach denen man eine Zuordnung vornimmt, um ganz klar sagen zu können: Das ist Literatur und das ist Unterhaltung; das ist Nische und das ist Masse; das ist gut fürs Image und das gut fürs Geschäft.

Aber so einfach ist das nicht. Ich habe bei Verlagen nachgefragt, wie sie das handhaben und festgestellt, dass darum viel gestritten wird, dass nicht nur jeder Verlag, sondern auch jeder Entscheider seine eigenen Kriterien hat. Also woher weiß ich, ob ein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gehört oder in den Urlaubskoffer als leichte Strandlektüre? Oder schließt das eine das andere gar nicht aus?

Ich habe mir Gedanken gemacht und meine eigene Kriterienliste zusammengestellt.

1. Die Motivation des Autors

Jedes Buch beginnt mit einem weißen Blatt Papier und einem ersten Satz. Aber entscheidend ist, was davor geschieht, noch bevor der erste Satz überhaupt geschrieben wird. Was hat den Autor bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was treibt ihn an? Will er damit Geld verdienen, einen Bestseller landen und aller Sorgen ledig sein? Für wen schreibt er? Für sich oder für eine bestimmte Zielgruppe? Ist das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis oder eine Pflicht, lediglich Mittel zum Zweck? Ich bilde mir ein, das alles zu spüren, die Motivation des Autors zwischen den Zeilen lesen zu können. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur noch Zielgruppe bin und eine nach gängigem Erfolgsmuster konstruierte Geschichte vorgesetzt bekomme, bin ich raus.

2. Der Plot ist nicht wichtig

Um mich für einen Roman zu begeistern, bedarf es weder einer erzählenswerten Handlung, noch interessanter oder spannender Verwicklungen. Gute Literatur braucht nicht zwingend einen Plot. Ganz im Gegenteil, je mehr Handlung ein Roman hat, desto flacher ist er in der Regel. An dieser Eindimensionalität erkennt man die reine Unterhaltungsliteratur. Hier geht es nur um die zu erzählende Geschichte, nichts weiter. Da schwingt nichts mit, öffnet sich keine zweite oder dritte Ebene, da ist kein Platz für Assoziationen, Identifikation, schweifende Gedanken, Erkenntnisse, überraschende Gefühle. Da ist nur diese eine Geschichte, mehr nicht. Für gute Literatur ist mir das entschieden zu wenig.

3. Klischees und Stereotypen

Am einfachsten erkennt man billige Unterhaltungsliteratur an abgedroschenen Phrasen, Stereotypen und Klischees. Der Arzt ist in solchen Romanen wie man sich einen Arzt eben so vorstellt, mit Stethoskop und weißem Kittel , der jugendliche Liebhaber jugendlich und liebend, der fiese Verbrecher fies und verbrecherisch. Eindimensionalität auch hier. Das hat natürlich seine Vorteile. Klischees muss man nicht groß einführen, die sind bekannt und können gleich in die Handlung integriert werden. Ich will so etwas aber nicht lesen. Das langweilt mich und zeigt deutlich, dass der Autor sich keine Mühe gegeben hat oder noch schlimmer – es einfach nicht besser kann.

4. Ecken und Kanten

Wenn wir Literatur als Kunstform begreifen, dann gehören Ecken, Kanten und Längen einfach dazu. Es ist durchaus ok, sich an Passagen zu reiben, an Formulierungen zu stoßen und über Sätze zu stolpern. Nur dann lebt ein Text, zeigt Charakter und Profil. Begeisterung und Ablehnung – literarische Texte erzeugen bei der Leserschaft immer beides. Sie leben in der Diskussion, in der Nachbetrachtung weiter. Das erhebt sie letztlich zur Kunstform. Unterhaltungsliteratur ist dagegen ein reines Konsumprodukt, nicht mehr als eine Trägerlösung für Geschichten. Glattgebügelt wie ein Song von Dieter Bohlen oder ein Hemd von C&A – einfacher Mainstream to go.

5. Sprache und Melodie

Wenn über Literatur gesprochen wird, stehen eher die Themen und nicht die Sprache im Vordergrund. Worüber ein Autor schreibt, scheint immer noch wichtiger zu sein, als wie ein Autor schreibt. Doch mir nicht. Literatur ist für mich in erster Linie Sprache und Gefühl. Ein Rhythmus, eine Melodie, die beim Lesen im Kopf entsteht. Ob kurz und prägnant oder lang und verschachtelt – ich habe da keine Präferenzen. Beides kann gut sein, wenn der Autor seine Texte nicht einfach nur niederschreibt, sondern komponiert. Und auch hier ist Mehrdimensionalität gefragt. Nicht ein Stilelement konsequent durchknüppeln, bis es dem Leser zum Hals heraushängt, sondern Texte so komponieren, dass sie klingen und etwas zum Klingen bringen.

6. Ein Gefühl für Literatur

Menschen, die nicht lesen, können auch nicht schreiben. Es gibt bestimmt hier und da mal Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen ist das so. Wenn sich also jemand hinsetzt, um ein Buch zu schreiben, ohne jemals eines gelesen zu haben, dann entsteht daraus nur selten große Literatur. Und wenn doch, dann ist dieser Autor wohl ein großes Talent. Mir ist es wichtig, dass Autoren belesen sind. Denn Literatur ist ein Geben und Nehmen. Es geht nicht darum, Vorbilder zu haben und diese zu imitieren. Es geht darum, ein Gefühl für gute Literatur zu bekommen; zu wissen, was beim Lesen passieren kann, welche Empfindungen und Gedanken freigesetzt werden. Wer das nicht kennt und niemals selber erfahren hat, wird bei seinen eigenen Texten immer nur im Nebel stochern.

7. Persönlicher Stil

Es gibt nur wenige Autoren, von denen ich behaupten würde, sie sofort am Schreibstil zu erkennen. Haruki Murakami und Martin Walser könnte ich ziemlich sicher identifizieren, doch bei allen anderen hätte ich Probleme. Aber das ist auch wirklich die Königsdisziplin – nicht nur gut schreiben zu können, sondern auch noch einen unverwechselbaren Schreibstil zu haben. Bei Walser sind es seine Wortschöpfungen, das Kosige und Gurren, seine emotional aufgeladenen Satzkonstruktionen. Bei Murakami das genaue Gegenteil: einfache Sätze, karg und schlicht, fast schon unterkühlt. Ich habe das Gefühl, beide Autoren sehr gut zu kennen, ihnen nah zu sein, zu wissen, was sie bewegt, wie sie über bestimmte Dinge denken. Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwie auch ein schöner Blödsinn.

IMG_8528

8. Cover, Titel und Verlag

Wer mit all diesen Kriterien überhaupt nichts anfangen kann und trotzdem schnell anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungs-Mainstream unterscheiden will, der schaue einfach auf das Buchcover. Manche Verlage haben überhaupt keine anspruchsvolle Gegenwartsliteratur im Angebot, sondern beschränken sich ausschließlich auf seichte Unterhaltungsliteratur. Man erkennt sie schnell am wild-romantisch illustrierten Cover, sprechenden Titeln und liebevoll arrangierten Angebotstischen im Buchhandel – ganz vorne in der Nähe des Eingangs. Anspruchsvolle Gegenwartsliteratur dann weiter hinten im Laden. Und wenn nicht, dann kann’s bestellt werden.

Titelfoto: Gabriele Luger

Fünf Gründe, warum man Benedict Wells lesen sollte, …

8

 

… obwohl alle „Vom Ende der Einsamkeit“ schon gelesen haben und begeistert sind und obwohl Bücher, von denen alle begeistert sind, ja meistens sch… nicht so klasse sind.

1) Der erste Satz

Ich gehöre ja nicht zu den Menschen, die dem ersten Satz eines Romans so eine große Bedeutung zugestehen, aber dieser hier ist schon richtig klasse. „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“. Der perfekte Einstieg, tiefsinnig und gleichzeitig beiläufig. Verspricht große Gefühle, ist sprachlich reduziert, pathetisch aber nicht kitschig. Und so hängt man von Anfang an am Haken, liest und verliert sich dabei, bis man plötzlich nach 350 Seiten beim letzten Satz angekommen ist und der Roman einen  mit folgenden Worten wieder ins Leben entlässt:“Ich bin bereit.“

2) Erzählen im besten Sinne

Es gibt Autoren, die wollen nur schreiben. Auch wenn sie nichts zu erzählen haben, Hauptsache schreiben. Benedict Wells schreibt, um zu erzählen. Er hat eine Geschichte im Kopf, ein Gefühl, das er vermitteln will. Und wer ihn wie ich mal live erlebt hat, weiß, mit welcher Freude und Leidenschaft er das macht. Es macht Spaß zu sehen, wie er sich und sein Leben der zu erzählenden Geschichte unterordnet, wie er alles daran setzt, die perfekte Form und das passende Gefühl zu kreieren. Der Autor als Werkzeug einer Geschichte, die erzählt werden will. So muss es sein und nicht umgekehrt.

3) Einsame Identifikation

Schreiben ist ein einsames Geschäft. Gleiches gilt für das Lesen. Und daher hat Einsamkeit für alle, die sich dem Einen oder dem Anderen verschrieben haben, keinen Schrecken. Für Büchermenschen ist Einsamkeit sogar ein guter Freund. Und jede einsame Romanfigur ist folglich die perfekte Identifikationsfigur. Dieser Roman ist voll von solchen Charakteren, mit denen man sich herrlich identifizieren, leben, lachen, leiden und gemeinsam einsam sein kann.

4) Rote Haare, lesend

Jeder, der gerne liest, wünscht sich einen Partner, der auch gerne liest. Männern, die prinzipiell ja eher weniger lesen, sind andere Dinge wichtig. Zum Beispiel weiße Haut, rote Haare und stechend blaue oder grüne Augen. Für einen lesenden Mann wie mich, ist die Kombination aus beidem nahezu unwiderstehlich. Und daher habe ich mich auch in die weibliche Hauptfigur Alva verliebt. Eine Liebesgeschichte mit einer attraktiven, lesenden Frau – das kann ich nachvollziehen, das ist in meinen Augen 100 Prozent authentisch.

5) Gratwanderung

Es ist ein schmaler Grat zwischen Traurigkeit und Pathos, Schönheit und Kitsch, Benedict Wells und Paulo Coelho. Auch wenn „Vom Ende der Einsamkeit“ manchmal haarscharf an der Grenze ist – überschritten wird sie nicht. Ich hatte beim Lesen oft einen Kloß im Hals, dieser Roman ist erschütternd und todtraurig aber zu keinem Zeitpunkt pathetisch. Die Liebe zwischen Jules und Alva, von der Kindheit bis zum Tod, ist wunderschön und herzergreifend aber nicht kitschig. Manchmal ist es nur ein Satz, der fehlt oder eine nicht bemühte Metapher, die Wells von Coelho unterscheidet, den Bestseller vom Weltbestseller und den Mainstream vom Trivialen.

Titelfoto: Gabriele Luger

5 Themen, mit denen ein Romanautor immer richtig liegt

11

 

Wer meint, Mode und Kosmetik wären ein oberflächliches Geschäft, kennt den Literaturbetrieb noch nicht. Hier ist die Halbwertzeit von Themen und Trends, Stars und Sternchen noch geringer, der Wandel noch rasanter, die Gier nach dem neuesten heißen Scheiß einfach unermesslich. Was im Frühjahr in Leipzig noch hipp und trendy ist, wird in Frankfurt nur noch mit langen Fingern aus dem letzten Regal gezogen. Und umgekehrt.

Aber so ein paar Themen sind dabei, die haben sich etabliert, die hat man im letzten Jahr gelesen, die wird man auch in diesem und vielleicht sogar im nächsten Jahr noch lesen. Wer also gerade einen Roman schreibt und auf Nummer sicher gehen will, sollte mal einen Blick auf diese Liste werfen.

1.Migration

Das derzeit ultimative Topthema. Morgens ist es die erste Meldung im Radiowecker, abends die letzte im Nachtjournal. Europa baut wieder Grenzzäune, die Stammtische haben Schaum vor dem Mund, und der tolerante und weltoffene Bildungsbürger braucht dringend Content für seine Überzeugungsarbeit. Schon im letzten Herbst kamen die ersten Bücher auf den Markt, und jetzt im Frühjahr ist es der Megatrend schlechthin. Bücher von Migranten, Bücher über Migranten, Flüchtlinge von heute, Flüchtlinge von gestern. Die bunte Republik Deutschland braucht Geschichten, Anschauungsmaterial, Trost- und Mutmach-Storys, Futter für die kulturpolitischen Debatten. Und wer in seinem Umfeld überhaupt noch keinen Flüchtling bewusst wahrgenommen hat, kann wenigstens sagen: Ich habe ein Buch darüber gelesen. Ich weiß Bescheid.

2.Dystopie

Ist es nur ein dummer Zufall, dass mit dem Thema Migration auch das Thema Dystopien zu trenden scheint? Ich habe allein im letzten halben Jahr drei handfeste literarische Weltuntergangsszenarien gelesen, und drei weitere liegen noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Na klar, Weltuntergänge haben was und sind eigentlich das Megathema seit es Bücher gibt. Bereits in der ersten Ausgabe der Bibel, dem sogenannten Alten Testament, gibt es diese krasse Blockbuster-Geschichte, wo ein Vorfahre von Bruce Willis uns allen mit einer selbstgebauten Arche noch mal in letzter Minute den Arsch rettet. Aber das Thema funktioniert nur, wenn die Dystopie schön allgemein gehalten wird. Wer zu konkret wird, macht sich angreifbar. Warum und wieso ist egal. Die Welt geht unter. Punkt.

3.Ängste

Wir sind alle verschieden, leben unterschiedliche Lebensentwürfe, sind jung, sind alt, Mann oder Frau – aber an einem Punkt sind wir alle gleich: Wir alle haben Ängste. Kleine Ängste, große Ängste, bewusste und unbewusste Ängste. Welche, die wir täglich überwinden und welche, die uns immer wieder blockieren. Die Angst zu versagen, die Angst zu sterben, die Angst vor der Angst. Das ist natürlich ein herrliches Thema für die Literatur. Besonders bei jungen Frauen sind Ängste jeder Art als Topic sehr beliebt. Julia Wolf, Simone Lappert, Judith Herrmann, Sarah Kuttner – sie alle haben im letzten Jahr einen Ängste-Roman geschrieben. Und das sind nur die, die ich gelesen habe. Während bei den Frauen die Ängste oft sehr diffus, individuell und allumfassend sind, sind männliche Ängste dagegen sehr konkret. Ob Walser, Kirchhoff, Kundera oder Houellebecq – die Protagonisten dieser großen Romanciers kennen prinzipiell alle nur die eine Angst: irgendwann keinen mehr hoch zu bekommen. Gänsehaut pur.

4. Wehmut

Migration, Dystopie, Ängste – das sind alles sehr gewichtige Themen. Dementsprechend schwer liegt einem die Lektüre solcher Bücher im Magen. Zur Abwechslung brauche ich dann mal etwas Leichtes. Ein Buch, bei dem ich auch mal unkonzentriert sein darf, mich verlieren kann und ein paar Seiten später schmunzelnd wiederfinde. Und was ist da besser geeignet, als ein paar Jahre zurückzureisen. In eine Zeit, die noch gar nicht so lange her zu sein scheint, an einen Sehnsuchtsort, den wir immer noch wie unsere Westentasche kennen und zu Menschen, die uns nicht aus dem Kopf gehen, obwohl wir sie seit Jahren nicht gesehen haben. Je älter man wird, desto stärker bewegt einen die Wehmut nach der eigenen Vergangenheit. Und daher gibt es in letzter Zeit auch jede Menge solcher Tom Sawyer-Geschichten für Erwachsene. Tschick und Auerhaus sind erfolgreiche Beispiele solcher Wehmuts-Literatur. Aber auch Knausgard und Andreas Meier bedienen diesen Markt und erzählen von Lausbubenstreichen, der ersten Liebe, dem ersten Joint und der Musik von damals. Als Autor muss man nur ein paar Impulse setzen, und schon startet beim Leser das Kopfkino. Und das hat mitunter so eine Kraft, dass selbst die härtesten Literaturkritiker butterweich werden, alles um sich herum vergessen und meinen, das wäre ein Buch, auf das sie ihr ganzes Leben schon gewartet hätten. Hallo? Bitte wieder aufwachen! Wir haben 2016 – leider.

5. Leere

Mit jedem Jahr Leseerfahrung fällt mir immer deutlicher auf, dass es eigentlich nur drei unterschiedliche Typen von Schriftstellern gibt. Die, die eine Geschichte zu erzählen haben und gut schreiben können – perfekt, so soll es sein. Die, die eine Geschichte zu erzählen haben und nicht ganz so gut schreiben können – na ja, es gibt ja Lektoren. Und die, die gut schreiben können, aber keine Geschichte zu erzählen haben – Katastrophe. Ich bin in der Vergangenheit immer wieder auf solche Blender hereingefallen, die eigentlich gar nichts anderes vermitteln wollen, außer wie toll, wie ausdrucksstark und kunstvoll verschachtelt sie schreiben können. Nicht, dass mir der Plot besonders wichtig wäre. Aber wenn ich beim Lesen eines Romans merke, da ist nichts, so rein gar nichts, außer einer großen Leere und einem noch größeren literarischen Ego – dann, ja dann wünsche ich mir, der Autor würde bei der Planung seines nächsten Buches mal einen Blick auf diese kleine Themenliste werfen.

_________

Foto: Gabriele Luger

 

Lesen – 7 Gründe warum es jetzt wichtiger ist denn je

7

 

Wer liest, lernt sich kennen.
Fragt man Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, nach den Gründen für ihre Tat, dann zucken sie oft nur mit den Schultern. Weiß nicht, habe es einfach gemacht. Enge Angehörige sagen später im Gerichtssaal aus: so kenne ich ihn gar nicht, und der Angeklagte nickt nur stumm dazu. Später auf der Couch des Gefängnispsychologen finden sie es dann heraus. Ach, das bin ja ich.

Wer liest, lernt andere kennen
Ich lebe mein kleines Leben, habe meine Routinen, habe mich eingerichtet. Hier geht es mir gut, hier kenn ich mich aus, hier kann ich sein. Ich weiß, dass dort, nicht weit von hier, viele andere Menschen sind. Ich kenne sie nicht, ich weiß nicht, was sie wollen, weiß nicht woher sie kommen, was sie antreibt. Sie kommen hierher, ich will das nicht. Sie kommen immer näher, jemand muss sie aufhalten.

Wer liest, hat keine Langeweile
So ein Tag kann unheimlich lang sein. Im Fernsehen kommt nur Scheiß und auf Youtube und GTA ist alles durchgespielt. Jetzt mal raus, schauen, was die Kumpels so machen. Da stehen sie rum, am alten Spielplatz mit Bier und Zigaretten. Jemand fragt, was so ansteht. Weiß nicht, sag was. Weiß auch nicht, sag du. Hey, guck mal wer da kommt. Alex, die alte Schwuchtel.

Wer liest, erlebt Abenteuer
Meine Personalnummer steht auf der Lohnabrechnung. Ich bin bei Facebook und Twitter. Meine Initialen und das Geburtsjahr stehen auf dem Autokennzeichen. Ja, das bin ich. Kein anderer hat das so. Ich meine, keiner hat so ein Kennzeichen. Ich fahre in Urlaub, ich habe Sex. Ich spreche mit Kollegen über Fußball und Frauen. Ich trinke Bier und werde nächstes Jahr 51. Und du, was machst du so?

Wer liest, empfindet mit
Frau Schröder von Gegenüber, ich kenne sie kaum. Sie lebt seit ein paar Jahren alleine im Haus. Es ist ein großes Haus. Viel zu groß für einen Menschen. Die Kinder sind schon lange weg und der Mann vor vier Jahren gestorben. Warum zieht die Alte nicht aus? Was will sie noch mit der Hütte? Stöhnt doch sowieso nur, dass alles so viel Arbeit macht. Der Garten, der Staub in den ungenutzten Zimmern, der Keller, der schon wieder feucht ist. Gestern erst stand sie im Vorgarten und hatte Tränen in den Augen.

Wer liest, ist sexy
Ich gehe ins Fitness-Center. Ich trainiere und definiere meinen Körper: Arme, Brustkorb, Bauch. Samstag bin ich dann shoppen. Eine neue Diesel-Jeans für 150 Euro. Dazu ein Shirt von Tommy Hilfiger. Gestern hatte ich das alles an, saß im Zug und schaute mich um. Zwei Männer mit der gleichen Hose, einer mit demselben Hilfiger-Shirt und Buch. Er sitzt da und liest. In der Reihe gegenüber sitzen zwei Frauen und tuscheln.

Wer liest, bereichert sein Leben
Immer dieses Einerlei, immer der gleiche Trott. Ich funktioniere, ich erfülle Ansprüche, lasse zu, dass alle an mir zerren. Ich sehe keine Perspektiven. Soll das noch ewig so weitergehen? Wo bitteschön ist da ein Sinn? Ich will etwas über mich und andere erfahren, will, dass die Tage nur so fliegen, Abenteuer erleben, tief empfinden und wahrgenommen werden, ich will Leben spüren.

Wer das alles will, muss lesen.

___________

Titelfoto: Gabriele Luger

 

5 Gründe, einen Roman vor dem Ende abzubrechen

18

 

1. Höre auf Dein Vorurteil – fang gar nicht erst an.

Wenn bei uns in der Familie eines der Kinder irgendetwas nicht essen wollte – Brokkoli, Rosenkohl oder Leber – musste es zumindest einmal probiert haben. Dahinter stand die Hoffnung, dass sich das geschmackliche Vorurteil nach den ersten Bissen in Wohlgefallen auflösen und Brokkoli fortan zur neuen Leibspeise avancieren würde. Aber das passierte natürlich nie. Stattdessen wurde widerwillig eine Gabelspitze in den Mund genommen, minutenlangen darauf rumgekaut und je länger gekaut wurde, desto mehr wurde es im Mund. Bis schließlich der Würgreflex nicht mehr unterdrückt werden konnte und alles wieder auf dem Teller landete.

So geht es mir auch, wenn ich Bücher lese, die mich eigentlich gar nicht interessieren. Die ich lese, weil sie mir jemand wärmstens ans Herz gelegt hat, weil ich mich habe beschwatzen lassen, weil ich denke, das müsstest du eigentlich auch mal gelesen haben. Dann geht es mir wie Maxim Biller bei Ilja Trojanow, dann weiß ich schon im Vorfeld, dass mir das Buch nicht gefallen wird. Und je mehr ich lese, desto mehr erinnert mich das an eine Gabel voll Brokkoli im Mund, die beim Kauen immer mehr wird und so eklig ist, dass man sie nicht runterschlucken, sondern nur noch erbrechen kann.

2. Hat das etwas mit Dir zu tun?

Auf jeder zweiten Party begegnet man ihnen. Meistens in der Küche, Leute, die einem beim kalten Buffet ein Ohr abkauen, über ihre Kinder, Krankheiten, Probleme in der Schule, den letzten Urlaub, veganes Essen, den Hund, die Oma und tausend andere spannende Dinge. Es gibt Menschen, da bin ich ganz Ohr, frage nach und unterhalte mich prächtig. Und bei anderen denke ich nur: wo ist der Senf?

Es gibt so viele Faktoren, weshalb mich auch in Büchern manche Botschaften nicht erreichen. Ich habe lange geforscht, woran das liegen könnte. Und so banal das klingt, die Antwort habe ich in einem von Dale Carnegies Tschaka-Büchern gefunden, das mir meine Mutter mal geschenkt hat. Da stand nicht viel drin, eigentlich nur dieser eine Satz: Jeder Mensch interessiert sich in erster Linie nur für sich selbst. Das klingt banal, aber es stimmt. Denn ich bin ein klassischer Identifikationsleser. Ob Gespräche am Salatbüffet oder dicke Romane – wenn es der Erzähler nicht schafft , dass ich mich irgendwo wiederfinde, sei es nur in einem Satz, einem Gedanken, einer Gebärde, dann erreicht er mich nicht, dann hat seine Geschichte nichts mit mir zu tun, dann höre ich nicht mehr zu und höre auf zu lesen.

3. Lass Dich nicht für doof verkaufen

Literatur darf viel. Sie darf schockieren, schwülstig und emotional sein, kalt und berechnend, hochtrabend und elitär, anstrengend und langatmig. Sie darf mich an meine Grenzen führen und mich sogar langweilen – nicht zu lang, nur ein paar Seiten – aber auch das darf Literatur, wenn sie gut ist. Doch eines darf sie nicht: mich für blöd verkaufen.

Wenn ich das Gefühl habe, als Wichsvorlage für einen sich inszenierenden, profilierungssüchtigen Autor missbraucht zu werden, bin ich raus. Wenn Unlesbarkeit als Stilelement eingesetzt wird, wenn für den Autor Schreiben eine nicht enden wollende Art von Assoziationstherapie ist. Wenn er es darauf anlegt, dass ich nicht folgen kann, dass ich kämpfe und mich mit ihm messe. Wenn er falsche Fährten legt, Handlungsstränge verknotet, einen elaborierten Code verwendet, dem ich nicht folgen kann, folgen will. Wenn er mir unbedingt zeigen will, dass er intelligenter ist als ich. Meinetwegen, sage ich mir, dann bist Du halt schlauer, wenn Dich das glücklich macht. Bitte sehr, du Arschloch! Dann lies doch deinen Scheiß alleine.

4. Schema F landet in Ablage P

In vielen kreativen Branchen gilt die Devise: warum das Rad neu erfinden, wo es doch so viele schöne Best-Practice-Beispiele gibt? Copy & Paste, ein paar Veränderungen hier und da und schon ist man mit etwas Eigenem am Markt.

Das gibt es natürlich auch im Buchmarkt. Viele Autoren schauen genau, was sich gut verkauft und schreiben einen neuen Roman nach einem bekannten Schema. Ein Liebesroman ist ein Liebesroman, ist ein Liebesroman. Was gibt es daran nicht zu verstehen? „Er und Sie“ oder neuerdings auch „Er und Er“, bzw. „Sie und Sie“ oder die ganz wilde Variante: „Sie mit Ihm und Ihm“ – oder Ihr. Anderes Setting, andere Haarfarben, andere Biografien – und schon ist man unique. Pustekuchen – der aufmerksame Leser merkt das natürlich sofort und rollt schon bei den ersten bekannten Typologien mit den Augen, klappt das Buch zu und legt es in die Ablage P.

5. Falsches Buch zur falschen Zeit

Aber eigentlich braucht man überhaupt gar keinen Grund, um ein Buch einfach wieder wegzulegen. Wenn es einen nicht packt, bewegt, begeistert, in irgendeiner Form am Lesen hält. Wenn es einen langweilt, die Seiten sich wie Blei umblättern, es sich zäh und tranig dahinzieht, wenn einem die Augen bei jedem zweiten Satz zufallen – dann ist es vollkommen ok, wenn man es einfach wieder weglegt. Falsches Buch zur falschen Zeit oder einfach nur schlecht – egal. Man darf sich dann ein anderes Buch greifen und sein Leseglück neu versuchen. Es gibt ja so viele schöne Bücher. Was man bei der Lektüre versäumt hat, kann man dann in den einschlägigen Blogs nachlesen. Denn irgendeiner von uns hat sich garantiert bis zum Ende durchgekaut, vollquatschen und missbrauchen lassen. Garantiert.

________

Titelfoto: Gabriele Luger