Thorsten Nagelschmidt – Arbeit

Ich fand schon seinen letzten Roman richtig toll. Und auch sein neuer ist ziemlich gut, nicht unbedingt besser als „Der Abfall der Herzen“, ganz anders konstruiert, kein Coming-of-Age in der westdeutschen Provinz, sondern durch und durch Hauptstadt, erwachsen und aller Unschud beraubt. Aber so unterschiedlich dieser und sein letzter Roman auch sind, so unverkennbar sind doch beide echte Nagelschmidts. 

Müsste ich den Erzählstil dieses Autors mit nur einem Wort beschreiben, würde ich mich für ‚lässig‘ entscheiden. Ja, ich glaube, das trifft es ziemlich gut. Nicht angestrengt und bemüht, sondern locker aus der Hüfte. Nicht fleißig recherchiert, sondern selbst erlebt. Nicht auf cool gemacht und akademisch, keine Schreibschule aus Hildesheim oder Leipzig. Nein, Nagelschmidts Stil ist frei von allem Pseudotum. So kann nur einer schreiben, der nicht so tut, als wäre er cool, sondern es tatsächlich auch ist. Oder anders ausgedrückt: lässig. 

Als ich noch regelmäßig nachts unterwegs war, in Clubs, die damals noch Diskos hießen, habe ich diese lässigen Typen immer bewundert. Obwohl ich nie ein Wort mit ihnen gewechselt habe, kannte ich ihre Namen, denn sie waren entweder Sänger und Gitarristen einer kreisbekannten Indie-Band oder Redakteure eines lokalen Veranstaltungsmagazins. Und natürlich immer umringt von anderen coolen Typen und den interessantesten Mädchen, während Random-Typen wie ich verstohlene Blicke riskierten und einsam und frustriert an ihrer Cola nippten. Und ich glaube, nein, ich bin überzeugt: Thorsten Nagelschmidt – seines Zeichens nicht nur Schriftsteller, sondern auch noch Sänger der semi-erfolgreichen Band Muff-Potter – ist genau so ein Typ. 

Mittlerweile bin ich alt genug, dass ich solchen Menschen neidlos begegnen kann und bereit bin,  ihr Talent – wenn denn vorhanden – vorbehaltlos anzuerkennen und zu huldigen. Es gibt ja so einige Indie-Band Sänger, die sich als Romanautoren versucht haben und durchaus erfolgreich sind. Allen voran Sven Regener, der wohl bekannteste und profilierteste Singer/Bookwriter, oder auch Thees Uhlmann, Dirk von Lowtzow, Hendrik Otremba und Bela B. Obwohl Regener mit Bestsellern wie „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“ uneinholbar weit vorne liegt, ist ihm Nagelschmidt dicht auf den Fersen und für mein Empfinden literarisch deutlich überlegen. Und wenn ich schon dabei bin, zu vergleichen, dann möchte ich gleich noch ein paar Namen ähnlich  lässiger Autoren und Autorinnen nennen: Virgenie Despentes, Jörg Fauser und Wolfgang Welt  – alle haben diesen ganz speziellen, reflektierten Szene-Sound, der auch Nagelschmidts Werk auszeichnet. 

Kurz ein ein paar Worte zum Plot. ‚Arbeit‘ ist ein Episodenroman, erinnert mich von der Konstruktion ein wenig an Hank Zerboleschs Antiroman Raw, wo die Protagonisten einer vorhergehenden Episode in einer der nächsten als Neben- und Randfiguren wieder auftauchen. Nagelschmidt beschreibt das Berliner Nachtleben, beleuchtet zwölf Stunden eines beliebigen Tages und begleitet die Protagonisten seiner Episoden von 18.00 bis 06.00 Uhr morgens durch die Kreuzberger Nacht. Aber nicht die Partys und das Treiben in den Szeneclubs sind sein Thema, sondern die Menschen, die Nachts unterwegs sind, um zu arbeiten. Drogendealer, Taxifahrer, der Rettungsdienst, die Polizeistreife, Kiosk-Betreiber, Lieferando-Fahrradkuriere, Pfandflaschensammler, der Nachtportier im Hostel, der Türsteher vor dem Techno-Club und die Frau von der BSR, die mit ihrer Küpperweiser-Straßenreinigungsmaschine die Überreste der Nacht zusammenkehrt. 

Es gehört schon was dazu, einen Roman mit so vielen handelnden Figuren zu konstruieren, ohne die Leser zu verwirren oder zu ermüden. Mit wenigen Sätzen gelingt es Nagelschmidt, die Charaktere zu umreißen und das Episodensetting zu skizzieren, ohne den Erzählfluss zu unterbrechen oder Tempo zu verlieren. Man ist in jeder Geschichte sofort drin und freut sich, wenn man plötzlich Figuren vorheriger Kapitel wiedererkennt – die Flaschensammlerin und die beiden österreichischen Girlies aus dem Hostel, den Taxifahrer, die Rettungssanitäterin – und so setzt sich die Szenerie aus vielen kleinen Versatzstücken zu einem großen, beeindruckenden Gesellschaftsportrait zusammen. 

Und trotz seiner komplexen Eipsodenkonstruktion, wirkt nichts an diesem Roman konstruiert. Alles ist stimmig und authentisch: das Kreuzberger Setting, die Sprache, die Arbeitsabläufe der Nachtarbeiter. Ich kann ich das insofern beurteilen, als ich selber mal in Berlin am Hermannplatz gelebt habe, auch mal Rettungsdienst und Taxi gefahren bin und während des Studiums als Nachtwächter und beim Winterdienst gearbeitet habe. Auch deswegen habe ich mich in diesem Buch sofort wohl und heimisch gefühlt und kann jedem dieses außergewöhnliche Leseerlebnis nur wärmstens empfehlen.    

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Verlag: S. Fischer
334 Seiten, 22,00 €

Lutz Seiler – Stern 111

So ist das wohl, wenn man alt wird – man liest in einem Buch über eine Zeit, die man selber miterlebt hat und denkt: ist ja noch gar nicht so lange her. Denn im Kopf ist alles immer noch sehr präsent, die Erinnerungen lebendig und farbenfroh. Und dann sieht man Fotos aus dieser Zeit und wie die Orte von damals jetzt aussehen – man erschrickt, rechnet noch mal nach und fühlt sich schlagartig nicht nur so, sondern ist es auch: unsagbar alt.

Ich habe in der Zeit des Mauerfalls in Berlin gelebt und die Vor- und Nachwendezeit hautnah miterlebt. In Gedanken sehe ich mich noch immer mit meiner roten Vespa durch Ostberlin (sic) fahren, im Sommer 1990 mit Vollgas über den ehemaligen Todesstreifen und danach Fußball gucken auf der Museumsinsel, wo das erste Public Viewing zur Fußballweltmeisterschaft aufgebaut war. Und als die Deutschen dann tatsächlich Weltmeister wurden, ungläubig und euphorisch im hupenden Auto-Corso auf dem Ku’damm. Und natürlich bin ich damals auch durch die Oranienburger gefahren, habe mir das Tacheles und die Nutten mit ihren bunten Glitzer- Leggins angeschaut — einer der Schauplätze von Lutz Seilers grandiosem Nachwenderoman Stern 111.

Normalerweise kämen jetzt hier ein paar Infos zur Romanhandlung, aber das überlasse ich lieber dem Autor, der das in dem unten verlinkten Video sehr sympathisch und anschaulich erledigt. Nur soviel: Es gibt zwei Handlungsstränge, die Geschichte von Walter und Inge Bischoff und die Geschichte ihres gemeinsamen Sohns Carl. Die Eltern packen am zweiten Tag nach Maueröffnung ihre Wanderrucksäcke und machen sich auf in den Westen, während der Junior (zunächst) als Nachhut im Elternhaus in Gera verbleibt. Das allein schon – die Alten sind mutig und stürzen sich ins Ungewisse, die Jungen bewahren und halten die Stellung – ist so verkehrte Welt und trotzdem irgendwie symptomatisch im aktuellen Generationenkonflikt.

Mehr will ich dazu gar nicht sagen, trotzdem hat mich gerade dieser Aspekt sehr beschäftigt. Zum einen, weil ich damals in der Nachwendezeit ungefähr so alt war, wie Seilers Protagonist Carl Bischoff, zum anderen, weil ich heute ungefähr so alt bin wie Carls Eltern Inge und Walter damals waren und weiß, wie schwer die Last von fünfzig Jahren Leben auf den Schultern wiegen. Ich kann beide Seiten verstehen, mich voll und ganz identifizieren, wobei ich aus jetziger Sicht eine starke Sympathie-Präferenz für die ältere Generation habe. Mich würde mal interessieren, ob ich das damals, also vor ungefähr dreißig Jahren, auch so empfunden hätte. Ob ich dann nicht eher mit dem Gedichte schreibenden und sich ansonsten treibenlassenden Carl sympathisiert hätte. Ich glaube schon, denn auch wenn ich mit Carl wenig gemeinsam habe, Gedichte habe ich auch geschrieben.

Aber lassen wir diesen persönlichen Vergleich. Genauso wenig möchte ich hier die sehr naheliegende Frage nach Bezügen zur Autobiografie des Autors stellen, obwohl die erzählte Geschichte zweifelsohne viele Parallelen zum Leben von Lutz Seiler hat . Die Orte in dem Roman gibt es, die Eltern aus Gera und wahrscheinlich auch den russischen Schiguli. Man darf also nach Herzenslust spekulieren, ob Lutz Seiler hier tatsächlich seine eigene Geschichte erzählt und rätseln, was er weggelassen und was er dazu erfunden hat. Ein müßiges Unterfangen, weil im Prinzip jede erzählte Geschichte, egal ob real oder fiktiv, erst dann gut und authentisch ist, wenn sie ein Autor in sich aufgenommen und zu seiner eigenen Geschichte gemacht hat. Wenn sich Fiktion und Realität in seinem Inneren vermischen und ein Roman entsteht.

Ich habe Stern 111 jeweils zur Hälfte gelesen und zur Hälfte als Hörbuch gehört. Das Hörbuch liest Lutz Seiler selbst, und die Art, wie er seinen Roman liest, macht sehr schön deutlich, worum es ihm neben der zu erzählenden Geschichte in erster Linie geht. Um die Komposition des Textes, die Akustik des geschriebenen und gesprochenen Satzes, einen ganz speziellen Sound, den Takt, den auch sein Protagonist Carl – wie Seiler ein Lyriker – beim Schreiben seiner Gedichte braucht und den er durch das rhythmische Schlagen eines Werkzeugs auf den Handballen erzeugt. Der ganze Roman ist nach diesem Schema gestaltet, geradezu durchkomponiert. Jeder Satz folgt einer Melodie, die mit dem Erzählten korrespondiert, es begleitet, ergänzt und erhöht. Nichts stört, alles ist rund, stimmig und harmonisch. Als Leser kann man sich wohlig in ein Bett aus Worten fallen lassen und der vielschichtigen Handlung lauschen.

Die oftmals autobiografische Sicht auf einen im Werden begriffenen Autor, so ein poetisches Coming-of-Age, ist ja ein ziemliches häufig bedientes Motiv in der Literatur. Der Dichter im Kampf mit sich selbst, auf der Suche nach seinem Thema, einem eigenen Stil und dem Sinn seines Tuns – derartige Erzählungen finden sich in nahezu allen Epochen.

Von der sprachlichen Intensität, einzelnen Plotfragmenten und vor allem von der Erzählstimme her, hat mich „Stern 111“ einerseits  stark an Jörg Fausers „Rohstoff“ aber auch an Thorsten Nagelschmidts „Der Abfall der Herzen“ erinnert. Jeweils unterschiedliche Dekaden – Fausers Protagonist  Harry Gelb ringt Ende der Sechziger, Seilers Carl Bischoff Ende der Achtziger und Nagels alter Ego Ende der Neunziger nach Worten – doch auch, wenn die zeitgeschichtlichen Umstände immer wieder andere sind – scheitern tun alle drei schreibenden Romanhelden letztlich an nichts anderem, als an sich selbst.

Und seien wir ehrlich: Ist es nicht das, was wir gerne lesen wollen? Geschichten vom schönen Scheitern, der schier unerreichbaren Kunst, ein kreatives und zugleich erfülltes Leben zu führen. Vom Straucheln, Hinfallen, Wiederaufstehen, der ständigen Wiederholung, dem Nichtaufgeben – immer und immer wieder, bis dieses Elend selbst zur Kunstform wird. Das Ganze braucht man dann nur noch in Worte zu packen, Sätze zu formen und melodisch durchtakten – vorzugsweise mit leichten, rhythmischen Schlägen eines beliebigen Werkzeugs auf den Handballen.

Wenn es tatsächlich so einfach wäre, ich würde es machen.

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Verlag Print: Suhrkamp
528 Seiten, 24,00 €

Hörbuch: Der Audio Verlag
Gelesen vom Autor, Länge: 18h, 28 min
Hörprobe

Sehr empfehlenswertes Autorenvideo: Lutz Seiler und die Schauplatze seines Romans.

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

1

Wenn wir über dieses Buch reden, dann bitte nicht über die Geschichte, die es erzählt. Denn die ist ziemlich durchschnittlich und schnell erzählt. Eine Romanheldin namens Alma, die sich auf der Suche befindet – wie so oft in der erzählenden Literatur – in erster Linie nach sich selbst. Es geht mal wieder um Herkunft, um Kindheit und Erwachsenwerden, um Eltern und Großeltern. Da ist vieles unklar, Dinge, über die all die Jahre nicht viel gesprochen wurde. Vergangenheit, die totgeschwiegen wurde, wie die Rolle des Großvaters im Krieg, die Jahre in russischer Gefangenschaft, aus der er als schweigsamer und für den Rest seines Lebens in sich gekehrter Mann zurückkehrte. Im Reisegepäck die Schuld, die als dunkles Geheimnis von Generation zu Generation weitervererbt wird, mit Fragen zu Verantwortung und Sühne.

So weit, so konventionell. Über solche Themen habe ich gefühlt schon mehr als hundert Romane gelesen. Nein, wegen der erzählten Geschichte muss keiner dieses Buch lesen. Sie ist lediglich die Trägerlösung für etwas, das viel kostbarer und bereichernder ist und diesen Roman trotz des durchschnittlichen Plots zu einem Meisterwerk macht: die Sprache. Lasst uns daher, wenn wir über dieses Buch reden, nicht über das Was, sondern über das Wie reden.

Das, was bereits den ersten Roman von Valerie Fritsch auszeichnete, hat mich auch hier wieder zum Niederknien gebracht hat. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Sprachgefühl, vor dieser lässigen Virtuosität, die an keiner Stelle gewollt, aufgesetzt und gekünstelt wirkt. Jeder Satz sitzt, ist wohlüberlegt, aber niemals konstruiert. Mal kunstvoll verschachtelt, dann wieder kurz und auf den Punkt. Aneinander gefügt beginnen die Sätze zu klingen, formen sich zu einer Melodie, deren Schönheit man erst richtig erkennt, wenn man sie sich laut vorliest. Und so habe ich auch diesmal wieder ganz für mich allein oben in meinem Kämmerchen gesessen und mir diesen wunderbaren Roman laut vorgelesen.

Und ja, das ist natürlich ein ganz anderes Lesen: anstrengender, fordernder. Die Lektüre dauert länger, denn man braucht erst die richtige Lesestimmung, muss sich einlassen können, bereit und willens sein, sich in diese wattigen Sätzen fallen zu lassen, in das Meer aus Metaphern und Allegorien einzutauchen. Hier und da musste ich bemerkenswerte Sätze unterstreichen, besonders schöne Absätze zweimal lesen – auch das hindert beim Fortkommen, was in diesem Fall auch gar nicht das Ziel ist. Denn schon bald war klar, dass ich dieses Buch gar nicht beenden, sondern möglichst lange in diesem wunderschönen Sprachkosmos verharren wollte. Denn die Welt da draußen braucht gerade den Trost schöner Worte.

Auch zwei Wochen nachdem ich die Lektüre beendet habe, liegt dieser Roman immer noch griffbereit neben dem Lesesofa. Den Plot habe ich fast schon wieder vergessen, nicht aber den damit verbundenen Lesegenuss. Ab zu nehme ich das gerade mal 170 Seiten umfassende Buch in die Hand, schlage irgendeine Seite auf und lese nochmal einen Absatz. Egal wo man landet, es ist immer besonders, immer wunderschön.

Wenn ich das sprachlich-literarische Talent von Valerie Fritsch vergleichen sollte, dann würde ich sie in einem Atemzug mit Bodo Kirchhoff und Martin Walser nennen. Auch wenn diese beiden Männer auf der literarischen Langstrecke der jungen Österreicherin noch einiges voraus haben, so punktet Fritsch im Gegenzug mit ihrem frischen und ungekünstelten Stil. Ihre Sprachgewandtheit wirkt jung und modern, und bei ihr hat man zu keiner Zeit das Gefühl, dass da jemand seine Formulierungsfähigkeit unter Beweis stellen will und den ersten Preis im verschachtelten Sätzeklopfen gewinnen möchte.

Mein Fazit: kein Buch für Leser, die Plot-getriebene Bücher mögen, eine spannende Geschichte  oder ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema brauchen, um dran zu bleiben. Aber alle, für die Sprache eine Kunst ist, Worte Tiefe haben, Sätze eine Melodie und Seiten einen Klang – für die ist Valerie Fritsch die Königin, ein ganz besonderer Genuss und absolutes Must-read.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
175 Seiten, 20,00 €

Moritz von Uslar – Nochmal Deutschboden (Hörbuch)

Der erste Teil aus dem Jahr 2009 hat mich schon nicht interessiert. Tendenziös und vorhersehbar, so mein Vorurteil. Was soll da schon anderes als das übliche Dunkeldeutschland-Bashing rauskommen, wenn sich ein westdeutscher Linksintellektueller unters Volk im Brandenburger Hinterland mischt? Und so war auch meine Haltung zum jüngst erschienenen Nachfolgeband ‚Nochmal Deutschboden – Meine Rückkehr in die Brandenburgische Provinz‘. Trotzdem habe ich mal ins Hörbuch reingehört, weil ich von Moritz von Uslar zwar schon viel gehört, aber außer ein paar Zeitungsartikeln noch nichts gelesen habe.

Es hat etwas gedauert, bis ich mich an den kehligen Bariton des Autors, der sein Buch selber liest und dabei immer wieder zwischen Ich- und Reporter-Perspektive wechselt, gewöhnt hatte. Aber schon nach zehn Minuten war ich drin und unendlich froh, dass meine Neugier mal wieder stärker war, als alle Vorurteile. Denn was von Uslar da abliefert, ist mehr als nur eine Reportage aus einer ostdeutschen Kleinstadt. Es ist eine Liebeserklärung an das normale, einfache Leben, an Menschen, die nicht perfekt sind und alles andere als pc, an einen Landstrich, der nicht viel mehr zu bieten hat, als weite Landschaft und beigefarbene Kratzputzfassaden. Nach acht Stunden Hörbuch bin ich nicht nur neuer Fan des Autors, der für mein Empfinden genau das richtige Maß an kritischer Distanz und Empathie zu seinen Protagonisten gefunden hat, sondern einmal mehr auch des Lebens in der Brandenburgischen Provinz.

Ich bin so alt, ich kenne noch die DDR, und zwar in echt und nicht nur aus Romanen. BRD und DDR, West und Ost, das war so grundverschieden – dass das jemals wieder eins wird, hätte ich bis zur Wende kaum für möglich gehalten. Und auch wenn die Staatsgrenze seit 30 Jahren verschwunden ist, die Unterschiede zwischen Ost und West sind immer noch da. In den Familiengeschichten, den Akten der Behörden und vor allem in den Köpfen der Menschen. Egal, ob man das nun gut findet oder nicht: in Castrop Rauxel ist man westdeutsch und in Zehdenick ist man ostdeutsch – es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber trotzdem liegen dazwischen Welten. Und wie es ist, zu 100 Prozent ostdeutsch zu sein, das kann man hier nachlesen und hören.

Bei Moritz von Uslar ist die Brandenburger Provinz vor allen Dingen eins: überwiegend männlich. 85 Prozent der handelnden Figuren sind Männer, trink- und schlagfest, und die meisten von ihnen haben grundsätzlich nichts gegen Ausländer, aber…! Die wenigen Frauen, die uns hier begegnen, sind entweder besorgte Mütter, hübsche Bäckereiverkäuferinnen oder alleinerziehende Barfrauen  – aber allesamt nicht mehr als dekorative Nebendarstellerinnen im Deutschboden-Setting. Was in Zehdenick gemacht und gedacht wird, das bestimmen größtenteils die Männer und das ist leider nicht immer klug und durchdacht.

Mich hat verwundert, dass der Reporter nach dem ersten Teil seiner teilnehmenden Beobachtung immer noch so gut gelitten ist. Dass er zehn Jahre danach wieder in Schröders Kneipe ein- und ausgehen kann, ohne angefeindet zu werden. Ganz im Gegenteil, er wurde von der Gemeinde begrüßt wie ein verlorener Sohn, einer der Ihrigen. Kaum einer trägt ihm etwas nach, ist sauer, weil er sich im Buch falsch dargestellt fühlte und nach der Veröffentlichung Probleme bekommen hat. Erst dachte ich, es könnte daran liegen, dass nicht alle das Buch gelesen haben. Aber die Verfilmung werden sich die Zehdenicker mit Sicherheit angeschaut haben, und genau das habe ich im Anschluss an das Hörbuch auch gemacht. Bei YouTube findet man einen Mitschnitt des Films in drei Teilen.

Und wenn man Moritz von Uslar da so betrachtet, wie er breitbeinig durch die trostlosen Straßen geht, mit Raoul und Eric und den anderen Kleinstadtfiguren im Ratskeller rumhängt, dann versteht man, warum er so gemocht wird. Der Reporter ist einfach ein netter Kerl, lustig und unterhaltsam, hat keine Hybris und lässt den Intellektuellen nicht raushängen, ganz im Gegenteil. Er verfügt über eine authentisch anmutende Proll-Credibility, vergleichbar mit Ben Becker, wodurch er sich nahezu unbeschadet in diesen Kreisen bewegen kann. Man spürt seine ehrliche Sympathie und das Interesse an den Menschen in der Kleinstadt, und auch wenn er immer wieder auf Rassismus und Rechtsradikalität trifft, sich viel dummes Geschwätz anhören muss, verliert er nie seine Zugewandtheit.

Seine Rolle ist weniger die eines Reporters, als viel mehr die eines Therapeuten. Jemand, der offen und ohne Vorurteil ist, sich interessiert, die Leute reden lässt und zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellt. Von Uslar wird vorgeworfen, dass er mit seiner Art der freundlich teilnehmenden Beobachtung, das Problem von Ausländerhass und Rechtsradikalismus zu sehr verharmlost. Aber ich bin mir sicher, dass er dadurch viel mehr erreicht, als diejenigen, die sich lautstark empören, anklagen und Menschen, deren Meinung ihnen nicht passt, an den Gesinnungs-Pranger stellen. Denn das verändert gar nichts, das verhärtet nur die Fronten und ist im Grunde auch nicht viel anders, geschweige denn besser, als das Verhalten, das man eigentlich verändern möchte.

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Foto:
Screenshot aus dem Film: Deutschboden

Hörbuch:
Verlag: tacheles! /ROOF Music GmbH
Sprecher: Moritz von Uslar
Dauer: 8h, 12 min
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
336 Seiten, 22,00 €

Stefanie de Velasco – Kein Teil der Welt

5

Wir leben in einer Welt, die immer radikaler wird. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr scheint mir das eine ganz natürliche Entwicklung zu sein; vollkommen ok, geradezu zwangsläufig und konsequent. Die einzig richtige Reaktion auf den Lauf der Zeit, auf den Überfluss, die schiere Masse an Meinungen und Überzeugungen. Wer eine Botschaft hat und damit wahrgenommen werden will, muss radikal sein. Nicht glattgebügelt, nett und gefällig, sondern deutlich drüber, kompromisslos und willensstark.

Greta Thunberg hat das vorgemacht und Millionen auf der der ganzen Welt folgen ihr. Etwas, wovon die Zeugen Jehovas derzeit nur träumen können. Obwohl sie nicht nur Freitags, sondern tagtäglich in den Fußgängerzonen herumstehen und über deutlich besser gestaltete Aufsteller und Werbemittel verfügen. Aber die bieder gekleideten Zeugen sind nicht unbedingt die coolsten Typen und ihr Jehova im Moment nicht so angesagt. Doch eines muss man ihnen lassen: radikal und kompromisslos sind auch sie. Und dass die Welt demnächst untergeht, wussten sie schon lange bevor der erste Eisberg zu schmelzen begann. Harmagedon is coming – und das schon seit mehr als fünfzig Jahren.

Warum ich das schreibe? Weil dieser Roman ein Coming-of-Age bei den Zeugen Jehovas beschreibt und mir all das seit der Lektüre dieses Buches permanent durch den Kopf geht. Weil ich zwischen Sympathie und Ablehnung hin- und hergerissen bin und nicht zuletzt, weil ich meine eigene Geschichte mit dieser Glaubensgemeinschaft habe.

Ich kann ja keine Bücher wegschmeißen, horte in einer Kiste auf dem Dachboden sogar noch meine alten Schulbücher. Aber dieses eine kleine rote Buch mit dem Titel „Mache deine Jugend zum Erfolg“ kann ich leider nicht mehr finden. So wie die Protagonistinnen dieses Romans, Esther und Sulamith, habe auch ich es geschenkt bekommen, als ich in die Pubertät kam. Denn meine Großeltern waren praktizierende Zeugen Jehovas. Und jetzt folgt kein Outing und auch keine Anklage, denn mit diesen beiden geliebten Menschen verbinde ich die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit.

Ich kann mich noch gut an all die Versammlungen und Bibelabende erinnern, zu denen sie mich ab und zu mitgenommen haben. An all die Brüder und Schwestern, die manchmal auf ein Gebet vorbei kamen, an die vielen spannenden Bibel-Geschichten und mein Jehova Gute-Nacht-Gebet. Und was in diesem kleinen roten Pubertätsleitfaden stand, daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Dass ich mich rasieren und regelmäßig unter den Armen und im Schritt waschen soll und dass Masturbation den Geist verwirrt. Ich habe das Buch damals mit in die Schule genommen, und obwohl ich meine Großeltern sehr geliebt habe, haben wir alle herzlich über diesen Blödsinn gelacht. Das gleiche höhnische Lachen, das auch die beiden Romanheldinnen Esther und Sulamith nur zu gut kennen. Die ganz normale Reaktion von allen, die in der Welt und außerhalb der Wahrheit leben.

Ich bin kein Experte, habe den Glauben niemals praktiziert, war immer nur Gast, aber für mich hat Stefanie de Velasco das Erwachsenwerden im Kreise der Zeugen sehr glaubwürdig, authentisch und ohne Übertreibungen beschrieben. Kein Wunder, denn sie hat das alles am eigenen Leib erfahren, nicht nur als Gast, sondern als Teil der Gemeinschaft. Und doch ist das hier kein Memoir, sondern eine konstruierte Geschichte mit erfundenen Charakteren, ausgedachten Orten und Situationen, die es so nie gegeben hat. Nicht genau so, aber so ähnlich.

Was soll ich sagen? Ich bin kein schneller Leser, aber die mehr als vierhundert Seiten dieses Romans habe ich innerhalb eines Wochenendes wie in einem Rausch weggelesen. Und das ist nicht nur meiner persönlichen Verquickung mit dem Thema geschuldet. Nein, weil dieser Roman einfach so perfekt konstruiert und atmosphärisch dicht ist, dass man in einen regelrechten Leserausch verfällt. Hier passiert, wovon alle Leseratten immer träumen. Man taucht komplett ein, identifiziert sich zu 100 Prozent, kann nicht aufhören zu lesen, fühlt sich am Ende ausgelaugt und leer aber auch so, als hätte man etwas ganz Besonderes erlebt.

Und vielleicht entschädigen ja diese überschwänglichen Zeilen all diejenigen, die diesen Blogbeitrag bis hierhin ausgehalten haben, in der vagen Hoffnung, doch noch zu erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Es tut mir leid, aber ich muss euch wieder mal enttäuschen und auf die einschlägigen Inhaltsangaben-Blogs verweisen. Trotzdem will, kann und muss ich eine echte Leseempfehlung aussprechen. Lest diesen Roman, lasst das Thema an euch ran, überlegt, wo ihr steht, woran ihr glaubt, was euch Halt gibt und wo ihr geistig und emotional zu Hause seid. Das sind alles ganz zentrale Fragen, die letztlich mit darüber entscheiden, was ein jeder von uns für ein ein Leben führt: entweder glattgebügelt, nett und gefällig, oder aber deutlich drüber, kompromisslos, willensstark und im besten Sinne radikal.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten, 22,00 €

 

Linktipp: Auf Zehnseiten.de liest die Autorin aus Ihrem Roman.

Jackie Thomae – Brüder

2

Ich frage mich, ob das Lesen eines Romans ausreicht, um nachzuempfinden, wie das ist, mit dunkler Hautfarbe in Deutschland aufzuwachsen? Ob ein Buch diese komplizierte Gefühlslage überhaupt abbilden kann? Wenn dir zum Beispiel das, was andere in deiner Person zu sehen glauben, selber fremd ist. Wie ist das, wenn dir ein Elternteil nicht mehr mitgegeben hat, als sein Anders-Sein? Nicht mehr als krauses Haar und dunkle Haut und einen Haufen damit verbundener Probleme. Keine alternative Identität, kein Fluchtort, keine Gemeinschaft von Menschen, die so denken, fühlen und so aussehen wie man selbst. Und vor allem auch, da abwesend: keinen Halt und keine Liebe.

Ijoma Mangold hat in „Das Deutsche Krokodil“ beschrieben, wie sich das in den Siebziger Jahren in Westdeutschland angefühlt hat. Jackie Thomae hat mit dem Roman „Brüder“ die ostdeutsche Variante beigesteuert. Beide Werke vereint die Erkenntnis, dass man die angeborene Andersartigkeit nie und niemals auflösen kann. Dass deutsch zu denken, zu fühlen und zu sprechen, eine deutsche Mutter, deutsche Großeltern und ein deutscher Pass dich nicht davor bewahren, im eigenen Land schräg angeschaut zu werden. Man kann sich noch so sehr bemühen und versuchen, deutscher als deutsch zu sein, wenn 50 Prozent von dir sichtbar anders sind, wird früher oder später die Frage nach deiner Herkunft kommen. Und sicher ist, dass die für dich einzig richtige Antwort für den Fragenden immer die Falsche sein wird. Aber damit haben sich nicht nur die Protagonisten dieses Romans, Mick und Gabriel, sondern alle Deutschen mit physiognomisch sichtbarem Migrationshintergrund abgefunden – auch ich.

Ich weiß nicht, wie stark meine eigene Herkunftsgeschichte in die positive Beurteilung dieses Romans hineinspielt. Mit einem ähnlichen Background liest man ja noch viel kritischer. Ich habe aber alle geschilderten Situationen, Stimmungen und Gefühle zu einhundert Prozent authentisch und glaubwürdig empfunden. Da ist nichts zu dick aufgetragen, nichts angesichts von Rechtsruck und Flüchtlingskrise unnötig aufgebauscht. Trotzdem oder gerade deswegen ist ‚Brüder‘ ein Roman, der in unsere Zeit passt. Herkunft und Familie sind nicht umsonst die aktuellen literarischen Top-Themen, weil sie angesichts der zahlreichen globalen Konflikte, der innerpolitischen Verwerfungen und Debatten für innere Ruhe und Ausgleich sorgen. Während die Welt brennt und uns Themen wie Klimakrise, Wohnungsnot und Mobilitätswende in Atem halten, suchen wir Antworten und Trost in Dingen, die wir halbwegs überschauen können. Vater-Mutter-Kind, das ist die Urform einer sozialen Gemeinschaft – und wenn man sich anschaut, was da schon alles im Argen liegt, wen wundern da noch die Probleme im großen Ganzen? Erst wenn Toleranz, Wertschätzung und Achtsamkeit im kleinen Kreis funktionieren, kann man das auch größer ausrollen.

Unabhängig von dieser komplexe Themengemengelage hat mir das Lesen dieses Romans sehr viel Spaß gemacht. Sowohl der erste Teil mit der Geschichte von Mick, einem partyfeiernden Womanizer im hippen Berlin, als auch der zweite Teil um den funktional denkenden Gabriel, einem global agierenden Star-Architekten mit Büro in London. Beide Romanhelden stammen aus der ehemaligen DDR, beide haben unterschiedliche deutsche Mütter und den gleichen afrikanischen Vater: einen Austauschstudenten aus dem Senegal, der in der DDR studiert hat, als fertiger Mediziner wieder in sein Heimatland zurückgekehrt ist und sich einen Scheißdreck um das gekümmert hat, was vom Studium übrig blieb.

In diesem Fall sind das Mick und Gabriel mit ihren Müttern Monika und Gabriele. Alle vier wissen nichts voneinander und leben ihr Leben. Erst in den engen Grenzen des real existierenden Sozialismus, nach dem Mauerfall nur noch begrenzt durch die eigenen Möglichkeiten. Und da ist Gabriel – weniger hipp und sportlich, dafür aber wesentlich zielstrebiger als sein Halbbruder Mick – eindeutig im Vorteil. Er legt eine internationale Vorzeige-Karriere als Architekt hin, während Mick es nach vielen Irrungen und Wirrungen und Ausflügen ins Berliner Party- und Musik-Business letztlich nur als Yoga-Coach zu einem halbwegs okayen Auskommen gebracht hat. Aber darum geht es gar nicht. Wenn man ohne Vater aufgewachsen ist und so ein Herkunfts-Päckchen zu tragen hat wie Mick und Gabriel, dann zählt letztlich nur, wer im Leben weniger unglücklich wird. Und hier liefern sich beide ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Mick schließlich für sich gewinnt.

Doch eigentlich ist nichts entschieden, alles kann sich noch wandeln. Denn wir Leser verlassen die beiden Romanhelden nicht am Ende, sondern in der Mitte ihres Lebens. Ihr Vater hat sich zurückgemeldet, will nach vierzig Jahren Abwesenheit noch ein wenig Ordnung in sein Leben bringen und bemüht sich um Kontakt. Ob das tatsächlich gelingt, und sich am Ende alle wie in der RTL-Doku-Soap “Vermisst“ weinend aber glücklich in den Armen liegen, soll hier nicht verraten werden.

Ich kann diesen Roman allen nur wärmsten ans Herz legen. Er ist handwerklich perfekt gemacht und auf über 400 Seiten niemals auch nur eine Spur von langweilig. Ich konnte mich mit den Protagonistenperfekt identifizieren und auch sehr gut in die Nebenfiguren hineindenken, flog nur so durch die Seiten und fühlte mich mehr als angeregt unterhalten. Sprachlich top, authentisch, stimmig aufgebaut und zeitgeschichtlich überaus relevant. Definitiv ein Must-Read des Jahres!

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
416 Seiten, 23,00 €

Eugen Ruge – Metropol

3

Mein Gott ist das alles schon lang her. Die UDSSR – wer von den unter Vierzigjährigen kennt überhaupt noch diese Abkürzung? Wer weiß noch, was ein Sowjet, ein Bolschewik, die NKWD, der Warschauer Pakt oder ein Gulag war? Alles Begriffe, die in meiner Jugend tagtäglich durch die Nachrichten gingen. Und nun – alles vorbei und vergessen. Der ganze Schrecken, die Ängste, die Toten, die existenziellen Nöte von Millionen Menschen sind mit einem Fingerschnipp verschwunden. Aber im Moskauer Hotel Metropol, dem Ort, wo Ende der 1930er Jahre Eugen Ruges neuester Roman spielt, ist dieser Schrecken noch allgegenwärtig. Stalin machte damals gerade reinen Tisch, die große Parteisäuberung stand an, der hunderttausende kleine und große Funktionäre zum Opfer fielen. Keiner war mehr sicher, jederzeit konnte die NKWD an deine Tür klopfen und dich mitnehmen. Verdacht auf volksfeindliche Aktivitäten, so lautete die Anklage. Und das Urteil: Tod durch Erschießen.

Am Anfang hatte ich Probleme reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause habe ich es als Hörbuch gehört (gelesen von Ulrich Noethen!!), abends auf dem Sofa dann im gedruckten Buch weitergelesen. Und am Ende war ich genauso begeistert, wie damals im Jahr 2011 von Ruges buchpreisgekröntem Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde. Andere OMS-Kollegen wurden nachts aus ihren Zimmern gezogen und waren fortan verschwunden. Charlotte und Wilhelm rechnen mit dem Schlimmsten, gehen jede Nacht angezogen und mit gepackten Koffern ins Bett. Horchen auf die Geräusche auf dem Flur, bangen, beten, wachen morgens erleichtert auf und schauen, wer von den Genossen nicht mehr zum Frühstück erscheint.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann, erlebt dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt mit niemand in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Wenn es einem Autor gelingt, mich als Leser so ins Setting zu ziehen, dass ich die geschilderten Stimmungen, Gefühle und Ängste, ja selbst die Kälte, den Regen und die Gerüche am eigenen Leib empfinde, hat er mehr als einen guten Job gemacht. Denn so leicht kriegt man mich normalerweise nicht. In den meisten Fällen bewahre ich mir eine gewisse kritische Distanz, bin gerne nur der Beobachter, einer der nur gucken will und nicht anfassen.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag : Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

Hörbuch: Argon Verlag
12:29 h, gelesen von Ulrich Noethen

Katja Oskamp – Marzahn, mon amour

3

Geschichten einer Fußpflegerin. 

Ich habe eine neue Schreibtechnik erlernt. Sie nennt sich Clustern, kommt im Prinzip noch vor dem eigentlichen Schreiben zum Einsatz und funktioniert in etwa so: Man nimmt sich ein Blatt Papier und notiert in der Mitte das Wort, das einem als allererstes zu dem Thema einfällt, über das man etwas schreiben will. Und dann fügt man drumherum weitere Begriffe hinzu, die sich aus dem bereits notierten Wörtern ergeben. Ist das Blatt voll, fängt man an, richtig zu schreiben – Assoziationsketten zu verbinden, aus den Wörtern ganze Sätze zu machen.

Das erste Wort, was ich zu „Marzahn, mon amour“ aufgeschrieben habe, war „Menschenliebe“ und dann als nächstes gleich „Herzensbuch“ und „Florian“. Wie gut, dass es solch einfache Methoden gibt, denn sonst hätte ich ich gar nicht gewusst, wo ich anfangen sollte, um meine Begeisterung für dieses Buch kundzutun. Eigentlich bin ich ja alles andere als ein Menschenfreund. Doch je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor dem Leben anderer Leute. So ein Leben muss nicht besonders herausragend, die Person nicht berühmt und bedeutend sein, um beachtet zu werden und Wertschätzung zu bekommen. Eigentlich das Mindeste, was man erwarten darf, zugleich aber auch das Kostbarste und für mich nach wie eine nicht ganz so einfache Übung.

Die meisten Menschen, die in den Plattenbauten in Berlin-Marzahn leben, sind weder berühmt noch bedeutend. Sie leben ihr Leben, sind entweder mittendrin oder schon fast damit durch, haben sich durchgebissen, kommen irgendwie klar und haben allesamt Füße, die sich freuen, wenn sich mal irgendwer richtig kümmert. Kümmern tut sich die Ich-Erzählerin dieses wunderbaren Buches, eine gescheiterte Schriftstellerin, die sich zur Fußpflegerin umschulen lässt und in einem Kosmetikstudio in Marzahn anfängt. Und sie macht das nicht nur einfach so als Plan B, sondern mit Herzblut. Und plötzlich sind bei ihr alle Selbstzweifel, ist ihre ganze Lebens-Unzufriedenheit wie weggefegt. Sie arbeitet mit Menschen, spricht mit ihnen, hört zu, beschäftigt sich – mit ihren Füßen, mit ihrem Leben.

Sollte ich jemals abschätzig über die Arbeit einer Fußpflegerin geurteilt haben, so leiste ich hiermit öffentlich Abbitte. Katja Oskamp schafft es, mir dieses Berufsbild aus einer vollkommen neuen Sicht zu präsentieren. Was hier geleistet wird, ist eine echter Dienst am Menschen. Und ich glaube, auch ich wäre froh, wenn sich mit Siebzig Plus noch jemanden findet, der sich meine langweiligen Buchblogger-Geschichten anhört, während er mir die Hornhaut von den Fersen hobelt.

Damit kann schon mal ein Haken an die ersten zwei Begriffe gesetzt werden: Menschenliebe und Herzensbuch – für mich eigentlich ein Unwort, aber hier passt es. Bleibt noch Florian. Den Namen habe ich notiert, weil er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Florian kennt man als literarischen Nerd von Instagram. Als Buchhändler ist es sein Job und als Bookstagramer sein Hobby, tagtäglich Bücher zu empfehlen. Und wenn er für einen Titel brennt, dann legt er sich richtig ins Zeug. Genau das hat er hier gemacht. Ohne seine leidenschaftliche Empfehlung wäre diese literarische Perle aus mehreren Gründen wohl komplett an mir vorübergegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil im Moment wieder so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es kurz vor der Herbstmesse in Frankfurt so viel andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt. Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

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Print:

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

Hörbuch:
tacheles! ROOF Music
Gesprochen von der Autorin
4 h, 06 min., 9,99 €
(Im Streaming Abo von Apple-Music)

 

 

 

Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Sibylle Berg – GRM Brainfuck (Hörbuch)

1

Der mittelalte Mann sitzt in seinem Sessel und schmunzelt. Gesundheitszustand: den Umständen entsprechend. Beruf: irgendwas mit Medien. Intelligenz: durchschnittlich. Ethnie: Migrationshintergrund. Hobbys: liest Bücher.

Er hat dieses zufriedene Grinsen im Gesicht, was sich immer einstellt, wenn er ein gutes Buch gelesen oder gehört hat. Wenn Literatur ihn catched, ihn in ihren Bann zieht, seine Gedanken kapert, sich in seine Träume schmuggelt – dann, ja dann ist er glücklich, fühlt sich wohl in seiner Haut. Dabei ist das, was er da gerade gehört hat, alles andere als ein Wohlfühl-Szenario. Gegenwart 2.0, Dystopie reloaded, Schwarzmalerei in 4K. Geschrieben von einer mittelalten Autorin. Herkunft: DDR. Status: etabliert, aber keine Preise. Typ: schräger Vogel mit Hochsteckfrisur.

Er kennt die Autorin vom Hörensagen schon seit Jahren, hat aber bisher noch nie etwas von ihr gelesen. Ihren letzten Roman hat er mal seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt. Die war empört. Wie kommst du darauf, dass mir so ein Schweinkram gefällt? Er hat nur mit den Schultern gezuckt und meinte, dass die Blogs voll des Lobes wären. Aber das muss ja nichts heißen, wie er mittlerweile weiß.

Ihr aktuelles Buch hat er vor ein paar Wochen beim Verlag als Rezensionsexemplar angefragt, aber bis heute ist es nicht angekommen. Die sind doch wohl nicht sauer wegen dem Verriss zu Bret Easton Ellis? Dessen Status: ehemaliger Kult-Autor. Gefährderpotential: alt, weiß, männlich. Letzte Buch-Veröffentlichung: grottig.

Egal, abgehakt. Dann eben GRM als Hörbuch. Ist bei diesem Titel – dessen Lektüre, wie er schon von verschiedenen Seiten gehört hat, ziemlich fordernd sein soll – wahrscheinlich eh die bessere Wahl. Und dann noch Torben Kessler und Lisa Hrdina. Zwei Sprecher, die es wirklich können. Was soll da noch schief gehen? Knapp 17 Stunden hat er sich das alles angehört, hat Hannah, Don, Peter und Karen durch ihren Alltag begleitet, genauso wie die achtjährige Nutte, den russischen Oligarchen, den MI5-Agenten und den britischen Aristrokratenspross. Und mit der Zeit sind ihm all diese kranken Protagonisten ans Herz gewachsen. Der mittelalte Mann leidet mit. Jeder Tritt in den Magen, jeder brechende Knochen tut auch ihm weh – zunächst. Doch irgendwann setzt auch bei ihm der Abstumpfungsprozess ein. Wieder einer tot, ja nun.

Sybille Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat, 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Dystopien boomen, und das tun sie vollkommen zurecht. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle nochmal mit einem blauen Auge aus diesem aktuellen Gemengelage von Neoliberalismus, Genderwar, Migration und Rassismus, Digitalisierung, Datenflut, Brexit, Nationalismus und künstlicher Intelligenz herauskommen, ist eher gering. Und so tief wie der Karren schon im Dreck steckt – da ist sich der mittelalte Mann mit der mittelalten Autorin einig – wäre ein Happy End auch mehr als unglaubwürdig. Nein, wer noch einen Funken Verstand und Weitsicht hat, wird ahnen, dass das alles nicht gut gehen kann, dass wir Menschen so ziemlich am Ende sind. Und das nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern schon bald. In fünf oder zehn Jahren.

Und warum auch nicht? War es nicht schon immer so? Alte Ordnungssysteme lösen sich auf und etwas Neues entsteht. Was da kommen wird, an die Stelle des Jetzigen tritt und wann genau das sein wird, weiß keiner. Aber das ist auch egal, denn wir werden dabei sowieso keine Rolle mehr spielen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Argon Hörbuch
Sprecher: Torben Kessler, Lisa Hrdina
16h, 55 min, 19,95 €
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz

8

Da ist also dieser Franz Bieberkopf, einsachtzig groß und kräftig. Einer mit ‘nem ganz normalen Leben, das nicht immer einfach war und weiß Gott nicht nach Plan verlief. Er hat sich durchboxen müssen, das sieht man ihm an. Das hat sich in seine Gesichtszüge eingebrannt. Einen Arm hat er verloren. Und die Ida und die Mieze, die hat er auch verloren. Und am Ende hat er auch noch sich selbst verloren. Und doch ist er geblieben; als Name im Gedächtnis einer ganzen Kulturnation. So wie ein Felix Krull, ein Oskar Matzerath und irgendwann vielleicht auch ein Gereon Rath. Literarische Ikonen, Namen, die stellvertretend für etwas stehen – eine Zeit, ein Gefühl, ein Schicksal.

Man liest dieses berühmte Buch, das es einem wahrlich nicht immer einfach macht, und sieht dabei unseren Franz Bieberkopf durch Berlin staksen, die Torstraße hoch zum Rosenthaler, dann mit der Elektrischen weiter in den Wedding, auf ein paar Mollen beim Emil einkehren, sich mit dem Reinhold, der hinterlistigen Sau, an einen Tisch setzen. Man hört den beiden zu, wie sie was ausbaldowern. Irgendeine krumme Nummer, ein Einbruch, ein wenig Hin- und Hergeschiebe von Klamotten. Nichts Großes, Herr Kriminalrat, nur ein wenig Taschengeld aufbessern. Von irgendwas muss man doch leben, wenn die Zeiten schon so hart sind.

Berlin in den Goldenen Zwanzigern – das ist seit Babylon Berlin wieder total en Vogue. Doch um Döblins ‚Berlin Alexanderplatz‘, eigentlich das Standardwerk und Must-Read für alle, die sich für diese Zeit interessieren, machen die meisten einen großen Bogen. Und auch ich hatte zunächst meine Schwierigkeiten. In meinen Zwanzigern hatte ich mich schon mal daran versucht und vor ein paar Jahren dann noch einmal. Beide Male habe ich es irgendwann dran gegeben, obwohl es mir prinzipiell ganz gut gefallen hat. Aber die vielen Schwenks zu Personen, die man nicht sofort zuordnen konnte, die zahlreichen Passagen freier Assoziation, die biblischen Vergleiche, die Schlachthof-Szenen, der nicht immer stringente Handlungsverlauf – das alles bedarf eines geduldigen Lesers. Und das bin ich nicht immer.

Jetzt also ein dritter Versuch, diesmal mit Unterstützung der Hörbuchversion – einen Teil hören, einen Teil lesen – und diesmal hat es geklappt. Passagen, die ich beim Lesen überaus beschwerlich und ermüdend empfand, und weswegen ich in der Vergangenheit die Lektüre immer wieder abgebrochen habe, erschienen mir beim Zuhören nicht nur erträglich, sondern geradezu grandios. Und das lag nicht zuletzt auch an der sehr gelungenen Interpretation von Hannes Messemer, dem bereits 1991 verstorbenen Schauspieler und Hörspielsprecher, der die für diesen Roman unerlässliche ‚Berliner Schnauze‘ besonders gut beherrscht.

Und so habe ich endlich erfahren, warum dieses Werk zu den ganz großen Romanen der deutschen Literatur gehört, das wirklich jeder, der sich für gute Literatur begeistern kann, unbedingt gehört oder gelesen haben sollte. Döblin zeichnet nicht nur das beklemmende Psychogramm eines Menschen, dem es trotz aller Mühen nicht gelingt, ein anständiges Leben zu führen, es gibt auch kaum einen Berlin-Roman (und ich habe schon viele gelesen), der einen die Stadt, die Zeit und die Menschen so eindrücklich erleben lässt. Am Ende war ich wie berauscht, freute mich wie Bolle, dass ich die Hindernisse überwunden habe und tief, ganz tief einsinken konnte in die Welt des Franz Bieberkopf.

Besonders beeindruckend sind die Dialoge. Hier hat Döblin den Barlinern janz jenau uff de Schnauze jekiekt und uffjeschrieben, wie die so sabbeln. Das liest sich am Anfang etwas schwierig, aber irgendwann ist man drin und dann ist das unglaublich lebendig und authentisch und in der Hörbuchversion der reinste Genuss.

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Foto: Gabriele Luger

Print: Fischer Klassik, dtv
Taschenbuch, 560 Seiten, 12,00 Euro

Hörbuch: Deutscher Audio Verlag 2018
Gesprochen von Hannes Messemer, 12:01 h

T.C. Boyle – Das Licht (Hörbuch)

9

Ich gestehe, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von T.C. Boyle gelesen. Und warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Eine Zeitlang habe ich ihn mit William Boyd verwechselt, wahrscheinlich wegen dem ähnlich klingenden Nachnamen und dem Bestsellerautor-Status, den beide zweifelsohne haben. Und dann bin ich ja auch noch so ein furchtbar oberflächlicher Schubladen-Typ, der sich von Vorurteilen leiten lässt und alles und jeden nach dem ersten Anschein kategorisiert und wegsortiert. Und T.C. Boyle klang in meinen Ohren allein von Namen her immer irgendwie nach dem Pseudonym eines Trivialautors, so wie Perry Rhodan, Sidney Sheldon oder Poppy J. Anderson – also eher uninteressant.

Seit ich aber über Bücher blogge und mit vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern vernetzt bin, ist mir natürlich aufgefallen, dass Boyle weder Boyd noch trivial ist. Ich registriere sehr wohl den Hype, der um jedes neue Buch gemacht wird, die ausverkauften Lesearenen, die stolz im Social Web präsentierten Selfies mit Buch oder Autor. Natürlich hat das mein Interesse geweckt, doch irgendwie war mir der Aufstand, der um diesen Autor gemacht wird, schon wieder ein wenig ‚too much‘, so dass ich beschloss, jetzt nicht auch noch auf diesen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch dann kam wieder alles ganz anders. An dem Umstand, dass ich bis heute noch kein einziges Boyle-Buch gelesen habe, hat sich allerdings nichts geändert. Denn „Das Licht“ habe ich nicht gelesen, sondern mir von Florian Lukas vorlesen lassen. Und diese grandiose Erfahrung hat mich innerhalb von 14 Stunden zum absoluten T.C. Boyle-Fan gemacht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Roman alles in mir ausgelöst hat, welch intensive Gedanken mir beim Zuhören durch den Kopf gegangen sind. Auch jetzt, eine Woche nachdem ich es beendet habe, lassen mich ‚Set und Setting‘ der Geschichte nicht los. Erst habe ich bei Google nach Bildern von Timothy Leary, Dick Alpert und dem Hitchcock-Anwesen in Millbrook gesucht, dann bei Youtube die BBC-Dokumentation „Ein Professor auf LSD“ (siehe unten) angeschaut. Danach habe ich mir das erste Beatles-Album noch mal angehört und mir auch ein paar Sitar-Sessions von Ravi Shankar reingezogen. Nur eingeschmissen habe ich mir nichts. Das brauchte ich auch nicht, denn der Roman, für den Boyle historische Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft, hat mich allein schon total kirre gemacht.

Die Geschichte startet im Jahre 1943 in Basel, wo der beim Chemiekonzern Sandoz angestellte Grundlagenforscher Dr. Albert Hofmann den ersten Selbstversuch mit einer neuen Substanz namens Diethylamid LSD macht. Nach diesem bereits sehr stimmungsvollen Intro switched die Geschichte zwanzig Jahre weiter und landet in den 1960er Jahren in den USA, ganz konkret im Bostoner Vorort Cambridge. An der dortigen Harvard-University tritt der Psychologie-Student Fitz eine Promotionsstelle bei dem charismatischen Dr. Leary an. Leary experimentiert auf wissenschaftlicher Basis mit den psychoaktiven Substanzen Psilocybin und LSD 25, die er legal von Sandoz zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt bekommt. Er erforscht die Wirkung der Drogen nicht nur an studentischen Probanden, sondern in erster Linie auch an sich selbst und behauptet, dass ein einziger Trip mit diesen Substanzen ihm mehr über die menschliche Psyche verrät, als 5 Jahre Psychologie-Studium.

Leary ist eine beeindruckende Persönlichkeit und avanciert schnell zum Wissenschaftsstar, der viele Anhänger um sich schart. Auch Fitz und seine Frau Joannie werden in den inneren Kreis aufgenommen, womit sie an den regelmäßigen Drogen-Sessions teilnehmen können. Das ursprüngliche Forschungsprojekt entwickelt sich weiter, aus den Case-Studies wird eine Art Lebensentwurf. Auf Trip gehen heißt, sich selber finden, neue Dinge zu denken, neue Dinge zu sehen und in innere Sphären vorzudringen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die Gruppe um Leary und Alpert sieht sich als Entdecker neuer Welten, als Psychonauten und gilt als eine der weltweit ersten Hippie-Kommunen.

Die Beat-Generation, die Gruppe um Leary und später dann die Hippies – das alles klingt nach längst vergangenen, mittlerweile historischen Strömungen, die mit unseren heutigen Lebensrealitäten so gar nichts mehr zu tun haben. Doch an der Sehnsucht vieler Menschen nach einem selbstbestimmten und von allen Konventionen befreiten Leben hat sich auch heute nichts geändert. Und noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass bewusstseinserweiternde Substanzen jedweder Art, der Schlüssel dazu sind. Und so faszinierend sich die Berichte vom ungezwungenen Drogen-Camp im mexikanischen Zihuatanejo mit Sonne, Meer, Margerithas und freier Liebe auch anhören – ganz besonders im Vergleich zu unseren heutigen, eher puritanisch anmutenden Lebenswelten – all diese Projekte sind gescheitert und die Leben der Protagonisten sind weder freier noch einen Deut selbstbestimmter geworden.

Und so könnte es durchaus sein, dass das Fazit der ehemaligen Psychonauten Fitz, Joannie, Ken, Nancy, Lori und Fanchon am Ende wie eine dieser Sprüche-Tafeln bei Facebook klingt: Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Ja, war geil!

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Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Der Hörverlag, Spieldauer 14 h, 25,95 €
Gelesen von Florian Lukas

Print:
Verlag: Hanser
384 Seiten, 25,00 €

Für alle, die sich Hier die BBC-Dokumentation zu Timothy Leary:

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Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

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Ich dachte schon, es wäre vorbei mit dem Lesen. Dachte ich hätte es übertrieben, mir zu viel zugemutet, hätte das richtige Maß und dabei auch den Spaß an der Sache verloren. Vielleicht war ich aber auch irgendwie reizüberflutet. Im letzten Jahr gab es viele Störfeuer, berufliche Herausforderungen, kleinere und größere Probleme, die ich lösen musste. Es hat oftmals die Konzentration gefehlt und damit verbunden auch die Geduld, um mich auf fremde Geschichten, sprich: auf Literatur richtig einzulassen. Mein Lesejahr 2018 war daher eher mau. Ein paar halbwegs gute Bücher habe ich gelesen, richtig begeistert haben mich aber nur einige wenige und das meist auch nur in der Hörbuchversion. Doch auf den buchstäblich letzten Metern des Jahres hat mich dann doch ein Roman so richtig in den Bann gezogen. Mit „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ von Michel Faber habe ich tatsächlich noch mein Lieblingsbuch des Jahres 2018 gefunden.

Michel Faber war mir bisher vollkommen unbekannt. Ich habe ihn eher zufällig im Verlagsprogramm von Kein & Aber entdeckt. Der 1960 in den Niederlanden geborene, englischsprachige Autor ist ein Wanderer zwischen den Welten mit einer bewegten Vita. Im Alter von sieben Jahren emigrierte er zusammen mit seinen Eltern nach Australien. Er studierte in Melbourne Anglistik und wanderte Anfang der Achtziger nach England aus, scheiterte dort, wurde obdachlos und ging wieder zurück nach Australien. Weil ihm die klimatischen Bedingungen in Australien aber gesundheitlich zusetzten, versuchte er einige Jahre später mit seiner zweiten Frau noch einmal sein Glück – und diesmal klappte das Auswandern. Er lebt heute als Autor von mittlerweile neun Romanen, darunter einigen Weltbestsellern, in Schottland.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist 2014 im Original und letztes Jahr dann in der deutschen Übersetzung von Malte Krutzsch erschienen. Im Feuilleton und den Blogs ist es hier und da gut besprochen worden, aber nicht so häufig, dass es mir aufgefallen wäre. Also auf alle Fälle kein „Must Read“ – nichts, dass man gelesen haben muss, um mitzureden (wenn es so etwas außerhalb des Literaturbetriebes überhaupt noch gibt). Aber im Klappentext steht, dass die Zeitschrift ‚New Yorker‘ das Werk als eines der besten Bücher des Jahres bezeichnete und es in zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Und nachdem ich den knapp 680 Seiten dicken Roman nun wie in einem Rausch innerhalb von drei Tagen ausgelesen haben – kann ich nur sagen: der ‚New Yorker‘ hat recht. Es ist tatsächlich das beste Buch des Jahres und eigentlich doch ein absolutes „Must Read“.

Und ich will auch sagen warum. Weil es mich trotz unerfreulicher Ablenkungen, die mich auch zwischen den Jahren gedanklich nicht zur Ruhe kommen ließen, eingesogen, aus dem Alltag gerissen und in eine fremde Welt hat eintauchen lassen. Weil es mich niveauvoll und sprachlich jederzeit stimmig gefesselt, berührt und bewegt hat. Und weil dieser Zustand eigentlich genau das ist, was ich – und wahrscheinlich viele andere auch – von guter Literatur erwarten, wonach ich mich sehne, worauf ich bei jedem Buch insgeheim hoffe und was sich dieses Jahr beim Lesen leider so gut wie gar nicht einstellen wollte.

Das Buch ist nicht perfekt aber vielleicht gerade deswegen so gut. Immer wieder stößt man auf Dinge, die nicht so ganz zu passen scheinen bei diesem komischen Konstrukt eines gesellschaftskritischen Science-Fiction/Liebesromans. Ja, ich frage mich: ist das überhaupt Science Fiction? Denn mit Science, also in diesem Fall Weltraumwissenschaft, hat das hier augenscheinlich wenig zu tun. Die Handlung spielt zwar auf dem fernen Planeten Oasis, zu dem man per Raumshuttle ca. 30 Tage und Nächte unterwegs ist, aber mein rudimentäres, intergalaktisches Wissen reicht aus, um zumindest leise Zweifel an dieser Form der Fiktion anzumelden. Denn es gibt auf Oasis weder Schwerelosigkeit, noch Sauerstoffmangel und auch sonst kaum nennenswerte Unterschiede zu irdisch-öden Landstrichen wie in Jordanien oder der Sahara. Man fährt da oben (oder unten?) ganz normale Autos mit Navigationssystem, es gibt Strom und sogar sowas wie WLAN. Die Sonne scheint, ab und zu regnet es, es gibt Lebewesen, die wie Menschen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf haben, Landwirtschaft betreiben, und neben ihrer eigenen Sprache auch Englisch sprechen, aber Probleme mit der Aussprache von S- und T-Lauten haben. Aber warum eigentlich nicht? Soll erstmal einer beweisen, dass es das alles nicht gibt, da oben, viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Ist halt etwas weniger Science, dafür aber mehr Fiction.

Und gleichfalls kann man sich fragen, ob das überhaupt ein Liebesroman ist, wenn das Liebespaar auf unterschiedlichen Planeten lebt? Der Protgaonist Peter als christlicher Missionar auf Oasis und seine Frau Bea mit dem Kater Joshua in England. Auf dem Backcover steht: „Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überwinden“. Und es ist tatsächlich ziemlich bewegend, wie Faber diese räumliche Trennung begleitet. Wie die beiden Liebenden in unzähligen Mails versuchen, die große Distanz zu überwinden, die Gefühle am Leben zu halten, wie aber das Leben in unterschiedliche Welten – und hier ist das mal nicht metaphorisch gemeint – ihnen nach und nach die Basis entzieht.

Ich habe als Leser mitgelitten, sowohl mit Bea als auch mit Peter, und hätte gerne geholfen. Aber was will man tun, wenn der eine versucht auf einem fernen Planeten eine Kirche zu errichten, während das Leben auf der Erde immer mehr im Chaos versinkt und die Daheimgebliebene droht darin zu versinken? Wenn Kommunikation immer schwieriger wird, weil das Verbindende fehlt, die simpelsten Bezugspunkte, wie die Luft, die man atmet und der Himmel unter dem man lebt.

Was soll ich jetzt noch sagen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten? Lest einfach selber. Es ist ein wahrlich großes Lesevergnügen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kein & Aber

Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch

678 Seiten, 25 Euro

Robert Menasse – Die Hauptstadt (Hörbuch)

1

Nicht immer war ich einverstanden. Doch im letzten Jahr schon. Da haben sie mal alles richtig gemacht, haben einen Roman prämiert, der, wie ich heute weiß, tatsächlich der beste des Jahres war. Denn darum geht es bei dem Wettbewerb. Nicht nur gut oder beliebt zu sein, sondern der Beste seiner Klasse. Dabei hat mich das Thema zunächst so gar nicht interessiert. Die europäische  Gemeinschaft, die Kommission, der Rat, das Parlament, Brüssel, ein alter Mann und ein Schwein. Also nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nie ein Fan von politischen Romanen. Und warum ein Schwein? Soll das etwa witzig sein?

Doch dann lachte mich das Hörbuch an. Du musst mich nicht lesen, flüsterte es mir zu. Hör mir einfach nur zu, solange du magst. Ein paar Minuten nur, vielleicht auch länger. Und dann entscheide, ob es dir gefällt, ob dir die Geschichte behagt, du Christian Berkels Stimme magst. Du weißt, das ist der Mann von der Sawatzki, der Kriminalist, immer Freitags im Zweiten – den magst du doch eigentlich, nicht wahr?

Und tatsächlich, den Berkel mag ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass er so gut lesen kann. Was heißt gut? Ich habe ja jetzt schon jede Menge gute Sprecher erlebt und Berkel ist definitiv einer der Besten. Nicht so prägnant wie Brückner und Noethen, einer, der sich nicht so in den Vordergrund drängt, den Text nicht toppen will. Ein in meinen Ohren sehr angenehmer Erzähler, in einer Liga mit David Nathan und Frank Arnold.

Und dann Menasse. Ich bin so beeindruckt von seinem Stil, dass ich mir bei Medimops jetzt alle Backlist-Titel von ihm bestellt habe. Der schreibt ja tatsächlich noch besser als seine Halbschwester Eva. Wenn ich einen Stift und ein echtes Buch auf den Knien gehabt hätte, statt einer Audiodatei und zwei Knöpfe im Ohr, ich hätte mir auf jeder zweiten Seite Sätze dick unterstrichen: bemerkenswerte Aussagen, treffende Personenbeschreibungen und beindruckende Dialoge. Man müsste sich solche Passagen eigentlich sofort notieren. Denn jetzt, wo ich das niederschreibe und versuche, mich wenigstens an einen dieser gehörten Sätze zu erinnern, gelingt es mir nicht. Zu flüchtig ist das gehörte Wort, zu begrenzt mein mentaler Arbeitsspeicher.

Aber auch wenn die Details verschwimmen, der positive Gesamteindruck bleibt. Und der ist so stark, dass ich mir vorgenommen habe, diesen Roman auch noch mal als echtes Buch zu lesen. Ich freue mich jetzt schon darauf, all die bemerkenswerten Sätze dann wiederzuentdecken und für alle Ewigkeit mit Bleistift zu markieren. Freuen tue ich mich auch auf ein Wiedersehen und -lesen mit den Protagonisten der Hauptstadt, die Menasse sehr detailfreudig aufgebaut hat. Der KZ-Überlebende David de Vriend, die Europa-Beamten Martin Susmann und Fenia Xenopoulou, der pensionierte Ökonomie-Professor Alois Erhart oder der kranke Kommissar Emile Brunfaut – sie alle hat man nach wenigen Sätzen leibhaftig vor dem inneren Auge und für immer ins Herz geschlossen.

Ich könnte mir sogar einen Fortsetzungsroman à la Vernon Subutex oder Elena Ferrante sehr gut vorstellen. Denn die von der Romanfigur Alois Erhart formulierte Idee einer europäischen Hauptstadt, womit – soviel sei verraten – nicht Brüssel oder irgendeine andere europäische Metropole gemeint ist, hat jede Menge Potenzial und bietet genügend Stoff für mindestens noch zwei weitere Bände der Hauptstadt.

Man merkt sicher, dass ich von diesem Roman ziemlich begeistert bin. Weil ich schon lange nicht mehr ein so intelligentes, hochaktuelles, berührendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch gelesen – pardon – gehört habe. Und das Bemerkenswerteste daran: Wenn ich jetzt Nachrichten über die EU sehe, höre oder lese, dann erreicht mich das ganz anders als vorher. Dann sehe ich hinter jeder Meldung Fenia, Martin und die ganze EU-Bürokratenschar – kleine, mittlere und große Rädchen im Getriebe der Macht.

Also, wenn Robert Menasse das hier lesen sollte: „Bitte schreiben Sie an der Hauptstadt weiter. Band 2 bestelle ich hiermit schon mal vor.“

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von Christian Berkel
14 h, 18 Minuten
Erhältlich bei audible: (Hörprobe)

Verlag Print: Suhrkamp
459 Seiten, 24 Euro gebunden, 12,00 Euro Taschenbuch

 

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

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Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h

Daniel Kehlmann – Tyll (Hörbuch)

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Ich hätte das Buch jetzt gerne in der Hand, um es durchzublättern, ein paar Absätze zu lesen und nochmal kurz in die Geschichte einzutauchen. So mache ich das immer, bevor ich etwas darüber schreibe. Das ist so eine Art Ritual, gehört einfach dazu. Während ich schreibe, liegt das Buch neben der Tastatur. Wenn ich nicht weiter weiß, gucke ich es an, nehme es zur Hand, blättere durch die Seiten. Aber in diesem Fall geht das leider nicht, denn ich besitze das Buch gar nicht. Den neuesten Kehlmann habe ich nämlich nicht gelesen, sondern nur gehört.

Und was soll ich sagen? Nun ja…, dieses Buch, …ääh, nein, dieses Hörbuch war…, irgendwie anders, …ein komplett neues Gefühl… es war …wie soll ich sagen… es war … und das sage ich jetzt nicht nur so…das meine ich, wie ich es sage…: es war einfach nur geil! Das Buch, die Atmosphäre, die Geschichte, diese beeindruckende Stimme. Gelesen von Ulrich Noethen. Dieser Sprecher ist wirklich nicht zu toppen. 11 Stunden und 17 Minuten habe ich an seinen Lippen gehangen und mich nicht eine einzige Sekunde gelangweilt. Während er las bin ich komplett in meinen Kopfhörern versunken, war unerreichbar für die Außenwelt, war nicht im Hier und Jetzt, sondern war mit allen Sinnen mitten im Romansetting von Tyll.

Und das spielt in Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges – von 1618 bis 1638 nichts als Elend, Hunger und Tod. Durchs Land ziehen abwechselnd marodierende Truppen des deutschen Kaisers, des Schwedenkönigs oder versprengte Söldner, die mal auf der einen, und mal auf der anderen Seite anheuern. Die Winter sind bitterkalt, es gibt kein Brennholz mehr, die Pest wütet, und zu allem Überfluss treibt auch die heilige Inquisition immer noch ihr Unwesen. Eines Tages gerät ein Müller namens Klaus Ulenspiegel in die Fänge zweier Hexen jagender Jesuiten. Ulenspiegel wird der Ketzerei angeklagt und hingerichtet. Die Familie zerbricht, sein schmächtiger und etwas absonderlicher Sohn Tyll flüchtet und schlägt sich als Gaukler durch die Lande.

Er ist sehr talentiert, hat ein loses Mundwerk, läuft sicher auf dem Hochseil und kann jonglieren wie der Teufel. Nach einiger Zeit spricht ganz Deutschland von ihm. „Seht, da ist der Tyll, der Tyll ist da, haha der Tyll, oh ja, der Tyll“, so erschallt es freudig überall, wo er mit seinem Wagen auftaucht. Ein paar Minuten das Elend vergessen, lachen, staunen, applaudieren. Das brauchen die Leute in dieser Zeit ganz dringend. Was ein Heinz Ehrhard im Wirtschaftswunder-Deutschland und Otto Waalkes in den 1970ern, war Tyll Ulenspiegel im finsteren 17. Jahrhundert: der absolute Megastar. Sein Ruf eilte ihm voraus, selbst Kurfürsten und Könige waren Fans und hielten ihre schützende Hand über ihn. Und so kam er irgendwie immer durch, überstand viele Jahre die Wirren des Krieges als fahrender Gaukler, als Hofnarr, als Schächte grabender Soldat unter Tage.

All das habe ich erlebt, als wäre ich selbst dabei gewesen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Hörbuch hören ein so intensives Erlebnis sein kann. In diesem Fall wirklich viel intensiver, als hätte ich das Buch selbst gelesen. Mit den Ohren war ich buchstäblich mittendrin im dreißigjährigen Krieg. Und nicht nur mit den Ohren. Ich habe all das Elend und die Krankheiten gerochen, die Kälte und den Hunger gespürt. Wenn mich einer fragen würde: Kennst Du den Ulenspiegel? Ja klar, würde ich sagen, das ist ein Kumpel von mir. Der Winterkönig? Kenn ich auch, ein Depp, der unter dem Pantoffel seiner Gemahlin steht. Und halte dich fern vom Pirmin, das ist ein richtig fieser Geselle.

Es ist unglaublich, wie intensiv das alles nachwirkt. Eigentlich stehe ich ja gar nicht auf historische Romane, sondern bekanntermaßen mehr auf Gegenwartsliteratur. Und auch die Person Tyll Ulenspiegel hat mich bisher nicht die Bohne interessiert. Deswegen war das Buch auch überhaupt nicht auf meiner Agenda. Umso bemerkenswerter, dass ich jetzt geradezu dafür brenne. Kehlmann knüpft hier an seinen zur ungefähr gleichen Zeit spielenden Megaseller „Die Vermessung der Welt“ an und übertrifft ihn noch. Tyll ist noch beeindruckender, noch sprachmächtiger, noch nachhaltiger. Warum stand dieser Roman im letzten Jahr eigentlich nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises?

So ganz traue ich meiner Empfindung noch nicht. Ich werde mir auf alle Fälle auch das gedruckte Buch noch besorgen und überprüfen, ob sich auf die althergebrachte Art und Weise, also richtig lesend, die gleiche Begeisterung einstellt. Ich schätze aber nicht, denn Ulrich Noethen liest einfach besser als ich, holt mehr aus den Sätzen heraus, schöpft das ganze literarische Potenzial dieses Werkes aus. Er rezitiert, proklamiert, intoniert, macht für mich die ganze Drecksarbeit, das Handwerkliche, während ich einfach nur zuhöre und mich entführen lasse.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch (ungekürzt):
Verlag: Argon Verlag
gesprochen von Ulrich Noethen
Länge: 11: 17 h, 23,95 €
Hörprobe bei Audible anhören.

Print:
Verlag: Rowohlt
480 Seiten, 22,95 €

Sina Pousset – Schwimmen

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Dieses Buch ist mal wieder der Beweis. Man braucht nicht unbedingt eine Geschichte, die sich deutlich von anderen unterscheidet, nicht diese eine grandiose Idee, nichts, was es so in dieser Form noch nie gegeben hat. Nein, das braucht man nicht. Man kann es auch machen wie Sina Pousset und einen guten Roman schreiben, mit einem Standard-Plot und Figuren, die sich in jedem zweiten Buch finden lassen.

Die junge Frau und der junge Mann, die sich seit Kindertagen kennen. Beziehungsstatus: es ist kompliziert. Kennt man, hat man hundertmal gelesen. Eine zweite Frau kommt dazu, es wird noch ein wenig komplizierter: ménage à trois. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor. Man lässt sie gemeinsam in den Urlaub fahren, lange Gespräche am Strand führen, sich eifersüchtige Blicke zuwerfen. Gibt es da nicht sogar einen Film mit Romy Schneider?

Und auch alles andere am Debütroman von Sina Pousset ist nicht gerade unique. Er stirbt, beide Frauen trauern, eine zerbricht daran, die andere kommt irgendwie klar. Die eine ist von ihm schwanger, die andere zieht das Kind groß und nach ein paar Jahren sind beide dann soweit, sich der Vergangenheit zu stellen. Showdown!

 Das klingt zwar jetzt etwas abfällig, ist aber gar nicht so gemeint. Denn tatsächlich ist „Schwimmen“ einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Und das liegt wieder mal nicht daran, was da geschrieben wurde, sondern wie es geschrieben wurde. Ich habe es auf dieser Seite schon mehrfach behauptet und bleibe dabei: Gute Gegenwartsliteratur braucht keine fantasievollen Storys, keine außergewöhnlichen Locations und schräge Charaktere. Gute Gegenwartsliteratur braucht lediglich einen guten Autor, bzw. eine gute Autorin. Jemanden, der uns mit unserem Leben versöhnt, mit dem ewig Gleichen des Alltags, den Unvermeidlichkeiten des Zwischenmenschlichen, den immer wiederkehrenden Abläufen. Der uns unseren Frieden machen lässt mit den Hoffnungen und Ängsten, die unser Leben bestimmen, die wir für so einzigartig schicksalhaft halten, die aber in Wirklichkeit jeden Zweiten da draußen genauso umtreiben wie uns.

Das alles geschrieben zu sehen, von anderen Leben zu lesen, sie mit dem eigenen zu vergleichen, sich hineinzuversetzen, ein Stück des Weges mitgehen, zuhören und verstehen – das alles macht gute Gegenwartsliteratur aus. Menschen begegnen sich, verbringen Zeit miteinander, erleben ein paar wenige Momente des Glücks, bleiben zusammen oder trennen sich, finden neue Partner oder auch nicht, werden älter und sterben irgendwann. Das ist die Rahmenhandlung unserer Gegenwart. Meines Lebens, deines Lebens und auch des Lebens von Milla, Kristina und Jan, den Protagonisten dieses Romans. Und obwohl ihre Geschichte nur eine von Millionen traurigen Geschichten ist, die das Leben tagtäglich schreibt, ist sie es wert, erzählt zu werden. Wenn es denn jemand macht, der das kann. Der nicht nur Wörter aneinander reiht, Satz für Satz eine Handlung vorantreibt, sondern Stimmungen transportiert, Gefühle vermittelt, uns Leser mitfühlen lässt – den gleichen Schmerz, die gleiche Traurigkeit, wie sie die Romanfiguren auch empfinden. Dann entsteht etwas, was schon Aristoteles als den vollkommenen Kunstgenuss beschrieben hat: die Läuterung der Seele durch die Tragödie, die Katharsis.

Das alles schafft Sina Pousset durch ihre einzigartige, sprachliche Virtuosität. Man hat das Gefühl, jedes Wort, jeder Satz auf den 225 Seiten dieses Romans ist genau das Wort und der Satz, der da jetzt stehen muss – alternativlos. Es anders auszudrücken wäre nicht nur weniger gut, sondern schlichtweg falsch. Man gleitet beim Lesen dahin, Satz für Satz ergibt sich, es fließt, es ist rund. Es entsteht eine Melodie im Kopf, eine ganze Symphonie in Moll. Wer das beherrscht, wer so gut wie diese junge Autorin schreiben kann, braucht keine zündende Idee, keine spannende Story. Mit dieser Gabe kann Sina Pousset wahllos hineingreifen ins Leben, in den stinknormalen Alltag und eine der vielen tausend persönlichen Tragödien zu etwas ganz Besonderem machen: Gegenwartsliteratur vom Feinsten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein fünf
225 Seiten, 18,00 €

Weitere Rezensionen bei: Herzpotential und Paper und Poetry

Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Ganz lesen wollte ich es eigentlich nicht. Jedenfalls jetzt noch nicht. Nur mal reinschauen, bisschen schnuppern, blättern, ein paar Seiten anlesen. Ich schlage also die erste Seite auf, lese den ersten Satz, dann den zweiten und um den dritten zu beenden, musste ich bereits einmal umblättern. Bandwurmsätze! Es gibt sie also immer noch. Und es ist kein arrivierter Wortkünstler wie Martin Walser, der hier endlos Nebensatz an Nebensatz reiht, Aussagesätze gefolgt von Relativsätzen, Aufzählungen mit und ohne ‚und’ – nein, es ist ein junger Autor, zwar mit Schnauzbart, aber augenscheinlich trotzdem jung. Und er macht es richtig gut. Schon nach den ersten drei Seiten war ich nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen und nach zwei intensiven Lese-Abenden hatte ich den Roman durch und war restlos begeistert.

Ja, so kann es kommen. Auch wenn man gerade entnervt einen hochgelobten Shortlist-Titel abgebrochen hat und vom Lesen an sich mal wieder so richtig angepisst ist, wenn man aufs prall gefüllte Bücherregal schaut und denkt: eine ganze Wand mit nichts zu lesen und dann lustlos im Stapel ungelesener Bücher kramt und schließlich dieses hier rauszieht, weil es ein ästhetisches und ansprechendes Cover hat, aber von einem Verlag ist, der einen neulich erst mit einem total kitschigen Titel enttäuscht hat, man aber trotzdem mal reinblättert, weil man denkt, die können ja nicht nur schlechte Bücher im Programm haben, den ersten Satz liest, dann den zweiten und dritten und weil die alle so lang sind, sich schon mitten in der Geschichte befindet und deswegen immer weiter liest, mit wachsendem Genuss, Seite für Seite bis zum Schluß – ja, das sind dann schon richtige Sternstunden des Lesens.

Ohne etwas Substanzielles zu dem Buch gesagt zu haben, habe ich also mein Urteil schon mitgeteilt. „Das Glück meines Bruders“ ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, ein literarisches Kleinod und aufgrund seiner stimmigen Komposition und der außergewöhnlichen sprachlichen Brillanz eine der seltenen Top-Empfehlungen auf Buchrevier.

Dabei klingt die Geschichte in der Zusammenfassung ziemlich konventionell; der übliche Familienbeziehungs-Kram. Zwei Brüder fahren noch einmal nach Doel an die belgische Küste, den Wohnort ihrer Großeltern, wo sie als Kinder und Jugendliche Ihre Sommer verbracht haben. Die Großeltern sind bereits seit Jahren tot, und ihr altes Haus steht wie das gesamte Dorf zum Abriss bereit. Ein neuer Containerhafen soll dort entstehen. Nur noch ein paar letzte standhafte Alte sind noch da, der Rest hat diesen Ort ohne Zukunft längst verlassen. Botho und Arno brechen das bereits verrammelte Haus wieder auf und verbringen ein paar letzte Tage dort. Was unbeschwert und harmonisch begann, wird zu einer beklemmende Reise in die Vergangenheit.

Die beiden Brüder werden in Doel mit dem konfrontiert, was sie all die Jahre erfolgreich verdrängt haben. Botho mit den Erinnerungen an Lenie, seine allerersten Jugendliebe, die er in den pubertären Wirren irgendwann einfach vergessen hat. Und Arno mit unschönen Erinnerungen an den dominanten Großvater. Die morbide Atmosphäre des von seinen Bewohnern verlassenen Dorfes wirkt wie ein Katalysator auf den Gemütszustand der Brüder. Alles kommt wieder hoch und nahezu obsessiv verfolgen Botho und Arno die Spuren der Vergangenheit.

Im Verlauf der Geschichte wandelt sich das Rollenverhältnis der beiden Brüder. Wir lernen Botho als den Vernünftigen der beiden kennen, als den Starken, der sich aus der Enge und dem Mief seines Elternhauses gelöst hat, gegen alle Widerstände das Abitur nachholt, studiert, Lehrer an der Gesamtschule wird und sich all die Zeit auch noch liebevoll um seinen Bruder Arno kümmert, der wiederum mit seinem Leben überhaupt nicht zurecht kommt, sich in den Alkohol flüchtet und manisch-depressive Züge hat. Doch seit Arno mit Anja zusammen ist, kommt er wieder halbwegs auf Spur. Stattdessen gerät Bothos Leben nach dem Urlaub in Doel immer mehr aus den Fugen. Die Suche nach seiner Jugendliebe Lenie wird zur Obsession, er verliert seinen Job, weil er mit der Frau des Schuldirektors geschlafen hat, findet schließlich Lenie irgendwann nach langer Suche, stellt fest, dass auch sie ihn vergessen hat, aber anders als er, sich auch nicht mehr erinnern kann, stürzt in ein Loch und krempelt anschließend sein Leben vollständig um. Am Ende sind Arno und Anja die beiden Vernünftigen, die das Sorgenkind Botho an dem Ort besuchen, wohin er sich geflüchtet hat.

Also eigentlich der übliche ‚Familie-mit-Leichen-im-Keller-Kram‘, schon hundertmal gelesen, aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet, mal in Europa, USA oder sonstwo spielend, mal mit Brüdern, mal mit Schwestern, mal Vater und Sohn, Mutter und Tochter und so weiter und so fort. Und trotzdem: Die Lektüre von „Das Glück meines Bruders“ lohnt sich, weil das Leben nunmal genauso ist, immer wieder solche Geschichten schreibt und Stefan Ferdinand Etgeton das alles wunderbar stimmig aufgebaut hat.

Als wenn sich der Autor all die anderen Romane zu diesem Themenkomplex durchgelesen und genau analysiert hätte, wo es immer wieder hakt, wo Anschlüsse nicht passen, Längen entstehen, der Lesefluss stockt, es sprachlich beliebig und einfallslos wirkt –  um in seinem Werk genau diese Fehler zu vermeiden und es einfach besser machen. Ich finde das ist ihm voll und ganz gelungen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: C.H. Beck
240 seiten, 19,95 €

Der Autor mit Schnauzbart liest seine Bandwurmsätze auf Zehnseiten.de:

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Eva Menasse – Tiere für Fortgeschrittene

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Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die besten deutschsprachigen Autoren Österreicher sind. Ein Thomas Glavinic, eine Ruth Cerha, Valerie Fritsch, ein Clemens Setz, Daniel Kehlmann oder eine Eva Menasse – die sind einfach eine Klasse für sich. Die können schreiben, was sie wollen – es ist immer irgendwie gut. Ich meine, man muss einem Österreicher ja nur mal zuhören: dieser Singsang, das melodische Artikulieren, die alpenländischen Sprachschnitzer und Verniedlichungen. Das Spielen mit der Sprache ist dort unten Kulturgut, wird jedem Bub und Mädel praktisch direkt in die Wiege gelegt.

Kein Wunder also, dass die österreichische Autorin Eva Menasse mit ihrem aktuellen Kurzgeschichtenband vor allem sprachlich begeistert. Jede Geschichte in „Tiere für Fortgeschrittene“ ist ein kleines Juwel, fein geschliffen und funkelnd. Wer sie sich laut vorliest, hört die Melodie, spürt den Rhythmus der Komposition. Noch dazu beherrscht Menasse, was beim Schreiben von Kurzgeschichten besonders wichtig ist: das Weglassen, Abwerfen von Ballast und auf den Punkt kommen. Denn der Raum ist begrenzt. Dreißig, vierzig Seiten für eine ganze Welt – für den Einstieg, die Hinführung und das Finale. Für die komplette Katharsis, das Kennenlernen der Protagonisten, für Identifikation oder Abgrenzung. Da ist kein Platz für Überflüssiges, da verliest sich nichts. Da muss alles passen und sitzen.

Das können nicht viele. Die meisten Kurzgeschichten-Autoren überfrachten, verquatschen oder verzetteln sich. Gerne wird auch bedeutungsschwanger abgebrochen und eine halbgare Geschichte der Phantasie des Lesers überlassen. Das alles passiert hier nicht. Tiere für Fortgeschrittene bietet Kurzgeschichten wie sie sein sollen. Zwei bis maximal vier handelnde Personen, ein überschaubares Setting und ein konsequent verfolgter Handlungsstrang. Eva Menasse ist ein Vollprofi, verliert nie die Kontrolle über den Plot und hat ihre Leser vom ersten bis zu letzten Satz am Haken.

Jede der acht Geschichten beginnt mit einer Tiergeschichte, kurze Zeitungsmeldungen, ‚Wussten-Sie-schon‘- Randnotizen über Haie, Igel, Raupen, Schafe, Schlangen und Enten. Das ist der rote Faden dieses Buches. Die Geschichten sind alle von diesen Tiergeschichten inspiriert, mal mehr, mal weniger. Da taucht der Igel, dessen Kopf in einem Eisbecher von McDonalds feststeckt, plötzlich direkt in der Geschichte auf. Dann wieder steht die Schlange, die sich einen Baum hochschlängelt, symbolisch für den Alltag einer Kleinfamilie in der multikulturellen Großstadt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen roten Faden überhaupt bräuchte. Ohne das wären die Geschichten nicht einen Deut schlechter. Aber es würde dann auch etwas fehlen.

Eigentlich ist jede der acht Erzählungen ein kleines Meisterwerk. Aber zwei haben mich ganz besonders bewegt. In „Raupen“ wird die Geschichte eines älteren Ehepaars erzählt. Sie dement und pflegebedürftig, er desillusioniert und gezwungen, sich zu kümmern. Die Kinder mit Ihren Sorgen und Ansprüchen, der Enkel mit seiner Unbedarftheit, die ganzen Rückblenden, Erinnerungsschnipsel, der Abgleich zwischen damals und jetzt. Schließlich das ernüchternde Fazit – Leben ist nichts anderes als der Anfang vom Sterben. Wie die Tabakschwärmer-Raupen, die sich beim Fressen ihr eigenes Grab schaufeln.

Ein anderes Geschichten-Highlight beschäftigt sich mit einem Typ Frau, dem man besonders im Kulturbetrieb häufig begegnet. Micol, „ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als zu einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht“. In wenigen Sätzen skizziert Menasse diesen Typ Frau. Ich kann Micol regelrecht greifen, höre das Geplapper, sehe ihre Mimik, die ausdrucksstarken Gesten, den kecken Augenaufschlag.

Natürlich braucht jede Geschichte ihre Entsprechung beim Leser. Wenn ich nicht schon so alt wäre und das alles nicht irgendwie kennen würde – entweder selbst erlebt, schon mal gedacht oder erträumt hätte – dann würde ich trotz aller sprachlichen Brillanz vielleicht anders urteilen. Ob Menasses Kurzgeschichten auch eine jüngere Zielgruppe begeistern können? So wie Karen Köhler oder die damals noch junge Judith Hermann? Aber das muss auch nicht. Wie der Titel schon sagt, geht es hier schließlich um „Tiere für Fortgeschrittene“.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 20,00 €

 

Svenja Gräfen – Das Rauschen in unseren Köpfen

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Wer noch nie geliebt hat – und zwar so richtig, so dass es weh tut; diese eine Liebe, von der man später sagen wird, das war die Liebe meines Lebens – wer so etwas noch nie erlebt hat, wer immer nur Beziehungen hatte, die ok waren, in denen man sich eine Zeitlang gut verstanden und vielleicht sogar geliebt hat, dann aber irgendwann nicht mehr, weil das nunmal der Lauf der Dinge ist – für den also Liebe und Leid nicht untrennbar miteinander verbunden sind, nicht zwei Seiten einer Medaille – der wird mit diesem Buch nichts anfangen können.

Der wird mit den Augen rollen, das alles unglaubwürdig und aufgesetzt finden. Der wird denken, dass sich die Protagonisten aus Svenja Gräfens Debütroman mal nicht so anstellen und nicht jeden beiläufigen Blick und Unterton auf die Goldwaage legen sollen, dass jede Partnerschaft Freiräume braucht, man gar nicht immer alles von dem Anderen zu wissen braucht. Wer also die symbiotische Liebe, dieses Nicht-Miteinander- und Nicht-Ohneeinander-Können nicht schon mal am eigenen Leib erlebt hat, wird wahrscheinlich auch die Qualität dieses Romans gar nicht erkennen.

So zumindest meine Vermutung. Aber vielleicht liege ich auch falsch und es ist genau anders herum, und man blickt fasziniert auf das, was man nicht kennt. Ist ja auch egal. Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber, was andere bei der Lektüre dieses Romans empfinden könnten und erzähle nicht einfach, wie es mir selbst beim Lesen von „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ergangen ist? Wie ich schon auf den ersten Seiten gemerkt habe, dass ich ein ganz besonderes Buch in den Händen halte; wieder so ein sprachliches Juwel, das man eigentlich vom Anfang bis zum Ende laut lesen möchte. Mit wunderschönen Sätzen – manchmal lang und verschachtelt, manchmal kurz und knapp – immer in der richtigen Taktung für das, was da gerade beschrieben wird.

Aber worum geht es eigentlich? Svenja Gräfen erzählt die Liebesgeschichte von Lene und Hendrik, beide Anfang/Mitte Zwanzig, die sich zufällig in der U-Bahn über den Weg laufen. Nach einem gemeinsam verbrachten Nachmittag ist ihnen sofort klar: Das ist die große Liebe. Vom ersten Tag an geht es bereits nicht mehr ohne den anderen. Im Englischen heißt es: „Falling in Love“. Und genau das ist, was Lene tut. Sie fällt aus ihrem bisherigen Leben, hinein in diese neue Liebe und verliert sich dabei in einer bodenlosen Tiefe, die Hendrik mit in die Beziehung gebracht hat.

Lene gefällt Hendriks Schwermut, sein tiefer wissender Blick, seine zurückhaltende und schweigsame Art. Sie ahnt nicht, dass es mehr ist als nur ein Charakterzug, dass man so wird, wenn der depressive Vater monatelang das Bett nicht verlässt, um dann irgendwann aufzustehen, sich Anzug und Krawatte anzuziehen und mit dem Auto gegen einen Betonpfeiler zu fahren. Lene wusste auch nicht, dass Hendrik so etwas wie mit ihr schon mal erlebt hat. Die Erkenntnis ist zwar der absolute Romantikkiller, aber es ist leider so: Manchmal begegnet einem die Liebe des Lebens auch zum zweiten Mal.

Hendrik war vor Lene bereits mit Klara zusammen, seiner ersten großen Liebe. Und wenn die Krankheit des Vaters nicht schon genug Leid über Hendrik gebracht hätte, so eliminierten Klaras depressive Schübe das letzte Bisschen von Hendriks Unbeschwertheit. Hendrik stand Klara bei, begleitete sie mit seiner Liebe durch ihre dunklen Tage. Und als es ihr schließlich wieder besser ging, verließ sie ihn. Er zog von Hamburg nach Berlin, traf dort Lene in der U-Bahn, und die zweite große Liebe nahm ihren Lauf.

Doch natürlich kann so etwas nicht gut gehen. Manche Menschen können gar nicht anders als mit diesem Absolutheitsanspruch zu lieben. Immer wieder ganz oder gar nicht. Hendrik scheint so ein Mensch zu sein. Und dazu gehört auch, dass so eine Liebe, auch wenn sie offiziell vorbei ist, niemals so ganz erlischt. Klara meldet sich wieder, signalisiert, dass es ihr nicht gut geht; Hendrik weiß nicht mehr weiter, und es passiert, was passieren muss. Die Liebe des Lebens zerbricht, weil es eben doch nur eine geben kann.

Svenja Gräfen ist erst 27 Jahre alt. Ich bin schwer beeindruckt, wie man in so jungen Jahren, schon ein so reifes Werk vorlegen kann. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis mit jeder Menge Gänsehautmomenten und das ideale Buch für Sprachverliebte, Großstadt-Melancholiker und natürlich für alle Liebenden.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Ullstein Fünf
236 Siten, 16,00 €