Eva Menasse – Tiere für Fortgeschrittene

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Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die besten deutschsprachigen Autoren Österreicher sind. Ein Thomas Glavinic, eine Ruth Cerha, Valerie Fritsch, ein Clemens Setz, Daniel Kehlmann oder eine Eva Menasse – die sind einfach eine Klasse für sich. Die können schreiben, was sie wollen – es ist immer irgendwie gut. Ich meine, man muss einem Österreicher ja nur mal zuhören: dieser Singsang, das melodische Artikulieren, die alpenländischen Sprachschnitzer und Verniedlichungen. Das Spielen mit der Sprache ist dort unten Kulturgut, wird jedem Bub und Mädel praktisch direkt in die Wiege gelegt.

Kein Wunder also, dass die österreichische Autorin Eva Menasse mit ihrem aktuellen Kurzgeschichtenband vor allem sprachlich begeistert. Jede Geschichte in „Tiere für Fortgeschrittene“ ist ein kleines Juwel, fein geschliffen und funkelnd. Wer sie sich laut vorliest, hört die Melodie, spürt den Rhythmus der Komposition. Noch dazu beherrscht Menasse, was beim Schreiben von Kurzgeschichten besonders wichtig ist: das Weglassen, Abwerfen von Ballast und auf den Punkt kommen. Denn der Raum ist begrenzt. Dreißig, vierzig Seiten für eine ganze Welt – für den Einstieg, die Hinführung und das Finale. Für die komplette Katharsis, das Kennenlernen der Protagonisten, für Identifikation oder Abgrenzung. Da ist kein Platz für Überflüssiges, da verliest sich nichts. Da muss alles passen und sitzen.

Das können nicht viele. Die meisten Kurzgeschichten-Autoren überfrachten, verquatschen oder verzetteln sich. Gerne wird auch bedeutungsschwanger abgebrochen und eine halbgare Geschichte der Phantasie des Lesers überlassen. Das alles passiert hier nicht. Tiere für Fortgeschrittene bietet Kurzgeschichten wie sie sein sollen. Zwei bis maximal vier handelnde Personen, ein überschaubares Setting und ein konsequent verfolgter Handlungsstrang. Eva Menasse ist ein Vollprofi, verliert nie die Kontrolle über den Plot und hat ihre Leser vom ersten bis zu letzten Satz am Haken.

Jede der acht Geschichten beginnt mit einer Tiergeschichte, kurze Zeitungsmeldungen, ‚Wussten-Sie-schon‘- Randnotizen über Haie, Igel, Raupen, Schafe, Schlangen und Enten. Das ist der rote Faden dieses Buches. Die Geschichten sind alle von diesen Tiergeschichten inspiriert, mal mehr, mal weniger. Da taucht der Igel, dessen Kopf in einem Eisbecher von McDonalds feststeckt, plötzlich direkt in der Geschichte auf. Dann wieder steht die Schlange, die sich einen Baum hochschlängelt, symbolisch für den Alltag einer Kleinfamilie in der multikulturellen Großstadt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen roten Faden überhaupt bräuchte. Ohne das wären die Geschichten nicht einen Deut schlechter. Aber es würde dann auch etwas fehlen.

Eigentlich ist jede der acht Erzählungen ein kleines Meisterwerk. Aber zwei haben mich ganz besonders bewegt. In „Raupen“ wird die Geschichte eines älteren Ehepaars erzählt. Sie dement und pflegebedürftig, er desillusioniert und gezwungen, sich zu kümmern. Die Kinder mit Ihren Sorgen und Ansprüchen, der Enkel mit seiner Unbedarftheit, die ganzen Rückblenden, Erinnerungsschnipsel, der Abgleich zwischen damals und jetzt. Schließlich das ernüchternde Fazit – Leben ist nichts anderes als der Anfang vom Sterben. Wie die Tabakschwärmer-Raupen, die sich beim Fressen ihr eigenes Grab schaufeln.

Ein anderes Geschichten-Highlight beschäftigt sich mit einem Typ Frau, dem man besonders im Kulturbetrieb häufig begegnet. Micol, „ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als zu einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht“. In wenigen Sätzen skizziert Menasse diesen Typ Frau. Ich kann Micol regelrecht greifen, höre das Geplapper, sehe ihre Mimik, die ausdrucksstarken Gesten, den kecken Augenaufschlag.

Natürlich braucht jede Geschichte ihre Entsprechung beim Leser. Wenn ich nicht schon so alt wäre und das alles nicht irgendwie kennen würde – entweder selbst erlebt, schon mal gedacht oder erträumt hätte – dann würde ich trotz aller sprachlichen Brillanz vielleicht anders urteilen. Ob Menasses Kurzgeschichten auch eine jüngere Zielgruppe begeistern können? So wie Karen Köhler oder die damals noch junge Judith Hermann? Aber das muss auch nicht. Wie der Titel schon sagt, geht es hier schließlich um „Tiere für Fortgeschrittene“.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 20,00 €

 

Svenja Gräfen – Das Rauschen in unseren Köpfen

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Wer noch nie geliebt hat – und zwar so richtig, so dass es weh tut; diese eine Liebe, von der man später sagen wird, das war die Liebe meines Lebens – wer so etwas noch nie erlebt hat, wer immer nur Beziehungen hatte, die ok waren, in denen man sich eine Zeitlang gut verstanden und vielleicht sogar geliebt hat, dann aber irgendwann nicht mehr, weil das nunmal der Lauf der Dinge ist – für den also Liebe und Leid nicht untrennbar miteinander verbunden sind, nicht zwei Seiten einer Medaille – der wird mit diesem Buch nichts anfangen können.

Der wird mit den Augen rollen, das alles unglaubwürdig und aufgesetzt finden. Der wird denken, dass sich die Protagonisten aus Svenja Gräfens Debütroman mal nicht so anstellen und nicht jeden beiläufigen Blick und Unterton auf die Goldwaage legen sollen, dass jede Partnerschaft Freiräume braucht, man gar nicht immer alles von dem Anderen zu wissen braucht. Wer also die symbiotische Liebe, dieses Nicht-Miteinander- und Nicht-Ohneeinander-Können nicht schon mal am eigenen Leib erlebt hat, wird wahrscheinlich auch die Qualität dieses Romans gar nicht erkennen.

So zumindest meine Vermutung. Aber vielleicht liege ich auch falsch und es ist genau anders herum, und man blickt fasziniert auf das, was man nicht kennt. Ist ja auch egal. Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber, was andere bei der Lektüre dieses Romans empfinden könnten und erzähle nicht einfach, wie es mir selbst beim Lesen von „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ergangen ist? Wie ich schon auf den ersten Seiten gemerkt habe, dass ich ein ganz besonderes Buch in den Händen halte; wieder so ein sprachliches Juwel, das man eigentlich vom Anfang bis zum Ende laut lesen möchte. Mit wunderschönen Sätzen – manchmal lang und verschachtelt, manchmal kurz und knapp – immer in der richtigen Taktung für das, was da gerade beschrieben wird.

Aber worum geht es eigentlich? Svenja Gräfen erzählt die Liebesgeschichte von Lene und Hendrik, beide Anfang/Mitte Zwanzig, die sich zufällig in der U-Bahn über den Weg laufen. Nach einem gemeinsam verbrachten Nachmittag ist ihnen sofort klar: Das ist die große Liebe. Vom ersten Tag an geht es bereits nicht mehr ohne den anderen. Im Englischen heißt es: „Falling in Love“. Und genau das ist, was Lene tut. Sie fällt aus ihrem bisherigen Leben, hinein in diese neue Liebe und verliert sich dabei in einer bodenlosen Tiefe, die Hendrik mit in die Beziehung gebracht hat.

Lene gefällt Hendriks Schwermut, sein tiefer wissender Blick, seine zurückhaltende und schweigsame Art. Sie ahnt nicht, dass es mehr ist als nur ein Charakterzug, dass man so wird, wenn der depressive Vater monatelang das Bett nicht verlässt, um dann irgendwann aufzustehen, sich Anzug und Krawatte anzuziehen und mit dem Auto gegen einen Betonpfeiler zu fahren. Lene wusste auch nicht, dass Hendrik so etwas wie mit ihr schon mal erlebt hat. Die Erkenntnis ist zwar der absolute Romantikkiller, aber es ist leider so: Manchmal begegnet einem die Liebe des Lebens auch zum zweiten Mal.

Hendrik war vor Lene bereits mit Klara zusammen, seiner ersten großen Liebe. Und wenn die Krankheit des Vaters nicht schon genug Leid über Hendrik gebracht hätte, so eliminierten Klaras depressive Schübe das letzte Bisschen von Hendriks Unbeschwertheit. Hendrik stand Klara bei, begleitete sie mit seiner Liebe durch ihre dunklen Tage. Und als es ihr schließlich wieder besser ging, verließ sie ihn. Er zog von Hamburg nach Berlin, traf dort Lene in der U-Bahn, und die zweite große Liebe nahm ihren Lauf.

Doch natürlich kann so etwas nicht gut gehen. Manche Menschen können gar nicht anders als mit diesem Absolutheitsanspruch zu lieben. Immer wieder ganz oder gar nicht. Hendrik scheint so ein Mensch zu sein. Und dazu gehört auch, dass so eine Liebe, auch wenn sie offiziell vorbei ist, niemals so ganz erlischt. Klara meldet sich wieder, signalisiert, dass es ihr nicht gut geht; Hendrik weiß nicht mehr weiter, und es passiert, was passieren muss. Die Liebe des Lebens zerbricht, weil es eben doch nur eine geben kann.

Svenja Gräfen ist erst 27 Jahre alt. Ich bin schwer beeindruckt, wie man in so jungen Jahren, schon ein so reifes Werk vorlegen kann. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis mit jeder Menge Gänsehautmomenten und das ideale Buch für Sprachverliebte, Großstadt-Melancholiker und natürlich für alle Liebenden.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Ullstein Fünf
236 Siten, 16,00 €

Emma Braslavsky – Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Wie schön das ist, wenn man ab und zu mal über den eigenen Schatten springt, all die halbgaren Einschätzungen und Ressentiments und das ach so wertvolle Erfahrungswissen einfach mal ausblendet und sich frei und unvoreingenommen ein Urteil bildet. Ich gebe zu, das passiert mir nicht oft, denn ich bin so ein verdammt bequemer Schubladen-Typ und fahre damit eigentlich gar nicht schlecht. Oftmals bestätigen sich die Vorurteile ja. Aber ab und zu eben auch nicht, und das ist dann immer wieder richtig toll.

So geschehen bei diesem Buch von Emma Braslavsky, einer Autorin, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, obwohl es bereits ihr drittes Werk ist. Seit einem halben Jahr lag dieser Roman mit dem etwas merkwürdigen Titel „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ bei mir zu Hause rum, und ich verspürte all die Zeit nur wenig Lust, mich überhaupt damit zu beschäftigen. Das ist so ein überdrehtes und neunmalkluges Gesellschafts- und Umweltpolitik-Ding mit erhobenem Zeigefinger und einem ganzen Schwung sendungsbewusster Charaktere, so mein Vorurteil. Als ich dann noch sah, dass tatsächlich unzählige Akteure diesen Roman bevölkern – so viele, dass dem Roman eine zweiseitige Personenübersicht vorangestellt wird – fühlte ich mich in meinem Schubladendenken bestätigt.

Aber all meine Vorurteile lösten sich innerhalb weniger Minuten in Luft auf. Nach den ersten drei, vier Seiten hatte mich der Braslavskysche Plauderton in seinen Bann gezogen. Ich machte es mir bequem und las das 460 Seiten dicke Buch innerhalb von drei Tagen durch. Ok, ich hatte Urlaub und somit Zeit, aber es war auch wirklich ein tolles Leseerlebnis. Natürlich geht es um Gesellschafts- und Umweltpolitik, um all die hippen Weltverbesserer und Überzeugungstäter, um die unzähligen kleinen und großen Projekte, die unsere Welt retten und zu einem besseren Ort machen wollen. Aber da ist weit und breit kein erhobener Zeigefinger, die Autorin schafft es, dem Thema die Schwere zu nehmen und auch den verbissensten und humorlosesten Öko-Fundamentalisten mit seinen Schwächen und Selbstzweifeln mit einem liebevoll, ironischen Abstand darzustellen.

Die ganze Geschichte spielt irgendwann in der nahen Zukunft und ist eine Mischung aus Utopie, Dystopie und Realsatire. Das klingt interessant, kann aber auch schnell in die Hose gehen. Denn der Wechsel zwischen den einzelnen Stilen, Stimmungen und Ansichten bedarf sowohl jeder Menge Einfühlungsvermögen und Know-how als auch einer großen schriftstellerischen Bandbreite. Emma Braslavsky gelingt dies spielend, beinahe leichtfüßig und virtuos wechselt sie zwischen den zahlreichen Erzählstimmen, switcht zwischen jung und alt, Nachrichtenblog und Dialog und leitet den Leser durch die von ihr geschaffene, schöne neue Endzeit-Welt.

Aber am meisten gefallen hat mir, dass ich so etwas wirklich noch nie gelesen habe. Gerade Vielleser haben ja irgendwann das Gefühl, jede Geschichte so oder so ähnlich schon mal an anderer Stelle, mit anderen Worten und anderen Charakteren erzählt bekommen zu haben. Aber das hier ist wirklich einzigartig. Die Idee für den Roman, der Aufbau, die Charaktere, die ganzen vielen Einschübe, Theorien, Visionen, Orte – all das in dieser Kombination ist wirklich unique, kreativ und außerordentlich gelungen. Man merkt genau, dass die Autorin es sich nicht leicht gemacht hat. Sie hat sich Zeit gelassen, vieles genau recherchiert und hinterfragt. Über acht Jahre hat sie an diesem Roman geschrieben, mit vielen Wissenschaftlern und Experten gesprochen und alles abgesichert. Ich fühlte mich durch die Lektüre auf einem hohen Niveau und sehr intelligent unterhalten und habe an keiner Stelle auch nur ansatzweise irgendeine der kruden Theorien infrage gestellt, obwohl es sicherlich zig Kritikpunkte und Antithesen dazu geben wird. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um die Geschichte, die da erzählt wird. Und da hat alles wunderbar gepasst, ein herrliches Endzeit/Jetztzeit-Spektakel, aktuell, inspirierend und genau das Richtige, um Schubladentypen wie mich mal wieder so richtig aus dem Trott zu bringen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
462 seiten, 24,00 €

Zu dem Roman gibt es auch eine interessante Webseite mit Filmen und Zusatzmaterial: http://www.leben-ist-keine-art.de

Weitere Blogger-Rezensionen bei: Zeilensprünge

 

 

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

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Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 19,99 €

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

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Das Erste, was mir beim Melle-Lesen auffiel ist, dass das ja ein bisschen wie Stuckrad-Barres Panikherz ist, nur besser, nur ohne Udo, ohne diesen ganzen Show-Biz-Kram, irgendwie noch abgefahrener und ehrlicher. Da lässt einer die Hosen runter, aber jetzt mal so richtig, ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht wie Stuckiman, der schon beim Schreiben die entsprechende Premierenlesung mit Playlist und Gastauftritt von Udo und Konsorten im Hinterkopf hatte. Melle hat gar nichts im Hinterkopf. Melle will reinen Tisch machen. Diesen ganzen Psycho-Scheiß endlich hinter sich lassen. Es aufschreiben, sich freischreiben, die Meute sich jetzt noch einmal das Maul über ihn zerreißen lassen und dann war es das, dann ist er damit durch. So der Plan. „Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein.“

Jetzt heißt es überall zunächst einmal: Was? Der Melle ist irre? Und ich so: Hab ich mir doch gleich gedacht. Und mein Über-Ich sofort: Ach komm, hör auf. Aber es ist tatsächlich wahr. „Die Welt im Rücken“ ist autobiografisch, Melle ist Melle und keine Romanfigur. Er hat das Versteckspiel satt und sagt es frei heraus: Ja, ich bin krank, manisch-depressiv oder neudeutsch: bipolar gestört. Und er ist es immer noch, wird das nie wieder los, kann keine Entwarnung geben, uns kein Happy End anbieten.

Wie das so ist, wie es einem damit geht, das beschreibt er in diesem Buch. Und das macht er so gut, so intensiv und literarisch bemerkenswert, dass er damit schon wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Auch diese Nominierungs-Meriten scheinen ihn wie seine Krankheits-Schübe immer wieder zu ereilen. Nach „Sickster“ in 2010 und „3000 Euro“ im Jahr 2014 jetzt also schon wieder. Warum? Weil Melle einfach ein unglaubliches Talent ist, sprachlich virtuos, ein hochintelligenter Kopf und einer, der etwas zu erzählen hat.

Und hier hat er es sogar vergleichsweise einfach gehabt. Er musste sich nichts ausdenken, nicht in Charaktere schlüpfen, sich nicht hinter ihnen verstecken. Er musste keinen Plot aufbauen, sondern einfach nur dem Durchlittenen eine lesbare Struktur geben. Und das ist die große Stärke dieses Buches, das sich nicht Roman nennt und trotzdem sehr gute Chancen hat, der beste des Jahres zu werden. Es ist einfach schonungslos offen, ehrlich und authentisch. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Mut, die Bereitschaft, auch das Intimste preiszugeben; die manischen Höhenflüge mit allen Peinlichkeiten, Arroganz- und Wutanfällen, sowie die tiefen Abstürze ins schwarze Loch der Depression.

Ich finde, es ist noch etwas anderes und wesentlich schwerer zuzugeben, dass alles aus einem selber kommt und nicht die Folge irgendeines Drogenmissbrauchs ist. Stuckrad-Barre hatte in seiner Panikherz-Drogenbeichte eine Exit-Option, konnte sich jederzeit von sich selber distanzieren und sagen: ‚Das bin nicht ich, das hat die Droge aus mir gemacht. Aber jetzt bin ich clean, alles ist vorbei‘. So eine Exit-Strategie gibt es für Thomas Melle nicht. Weder im Buch noch im wirklichen Leben. Das, was er da beschreibt, ist immer er, er und die Krankheit, beide untrennbar miteinander verbunden. Er ist die Krankheit und die Krankheit ist er. Als das ist er jetzt bekannt. Biopolarität wird der Literaturbetrieb zukünftig mit seinem Namen verbinden. Und dann heißt es vielleicht auf irgendeiner Lesung: Du, der Melle guckt so komisch. Ob er wieder einen Schub hat?

All das wird Thomas Melle vermutlich durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschieden hat, dieses Buch zu schreiben. „Da muss ich, da will ich jetzt durch“, wird er sich gedacht und insgeheim geschworen haben, es so intensiv und bemerkenswert zu machen, dass manche Autoren bereit wären, ihr Schicksal mit seinem zu tauschen, wenn sie nur auch so ein Werk schaffen könnten.

Und genau so ist es geworden. Ich habe dieses Buch wie im Rausch innerhalb eines Wochenendes durchgelesen, habe Melle mit wachsender Begeisterung durch alle mentalen Berge und Täler begleitet, mir mehr als die Hälfte des Buches laut vorgelesen, um den Flow und den einzigartigen Sprachrhythmus noch intensiver zu erleben und das Buch am Ende tief beeindruckt aus der Hand gelegt.

Auch wenn ich erst zwei Titel von der diesjährigen Longlist gelesen habe: Melle ist jetzt schon mein absoluter Favorit auf den Titel. Und wenn ich mir das Autorenfoto im Umschlapklapper anschauen, dann habe ich das Gefühl, er rechnet selber auch damit. Oder warum guckt er sonst so komisch?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt Berlin
352 Seiten, 19,95 €

Auch Sophie Weigand vom Blog Literaturen hat diesen Titel besprochen und war begeistert.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

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Kheyli mamnun“ ist persisch und heißt: Vielen Dank. Wer diese zwei Wörter beherrscht, kommt im Iran schon ziemlich weit. Denn der Iraner an sich ist ein freundlicher Mensch. Jeder, der mal in den Genuss persischer Gastfreundschaft gekommen ist, wird dies bestätigen können. Man lächelt, ist höflich, zuvorkommend und bedankt sich unglaublich viel. Und da auch in mir zur Hälfte persisches Blut fließt, habe ich nach der Lektüre dieses Romans auch ganz spontan das Bedürfnis, mich zu bedanken.

Kheyli mamnun, liebe Shida Bazyar, für diesen Roman. Vielen Dank für ein Buch, das noch vor einem Jahr sicherlich nur wenige interessiert hätte. Denn das, worüber die deutsch-iranische Autorin schreibt, ist lange her. 1979 – der Schah geht, Khomeini kommt, und eine Familie muss ihr Heimatland verlassen. An diese Zeit kann sich kaum einer mehr erinnern. Das klingt langweilig und verstaubt und hat nichts mit uns zu tun. Aber jetzt – jetzt ist das Thema plötzlich wieder voll en vogue, surft ganz oben mit auf der Flüchtlingswelle. Weil immer mehr ins Land kommen, interessiert sich ganz Deutschland wieder für seine Migranten. Wer ist in den letzten Jahren schon alles gekommen und geblieben? Und wie ist uns die Integration gelungen? Muss man sich Sorgen machen, oder ist alles gut?

Im Fall der aus dem Iran immigrierten Familie Bazyar scheint alles gut verlaufen zu sein. Ihre Tochter Shida ist 1988 in Deutschland geboren, hat bereits mit 16 Jahren ihren ersten Schreibwettbewerb gewonnen und gerade eben ihren ersten Roman bei einem renommierten Großverlag veröffentlicht. Und was soll ich sagen? Wir haben zwar erst Februar, aber für mich ist dieser Roman schon jetzt das Debüt des Jahres. Dieses Buch ist so phänomenal gut, legt die literarische Latte so hoch, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass da im Verlauf des Jahres noch irgendetwas Besseres kommen wird.

Und das liegt nicht am Top-Thema Migration, nicht am Romanplot, nicht an der iranischen Familiengeschichte, die uns vier Jahrzehnte aus Sicht eines jeweils anderen Familienmitglieds schildert. Nein, das ist nicht das Besondere, solche Romanaufbauten gibt es zuhauf, das haben wir alle schon in den verschiedensten Variationen gelesen. Nein, das Besondere an diesem Roman ist die Sprache. Selten, sehr selten habe ich in letzter Zeit ein Buch gelesen, was mich sprachlich so beeindruckt hat. Selbst Valerie Fritschs „Winters Garten,“ ein Roman dessen Sprachgewalt mich letztes Jahr regelrecht umgehauen hat, kann hier nicht mehr mithalten.

Mir selbst fehlt das Sprachvermögen, das angemessen zu beschreiben. Aber ich versuche es mal. Shida Bazyar kann nicht nur wahnsinnig gut schreiben. Nein, das können viele, das trifft es nicht. Sie ist so etwas wie ein literarisches Megatalent. Eine Akrobatin, jemand, der mit Wörtern jongliert, sie ohne große Mühe zu kunstvollen Satzgebirgen aufstapelt, sie wieder einstürzen lässt und im freien Fall neu auf der Seite verteilt. Sie formt Sätze, die geschliffen, präzise und vollkommen sind und an keiner Stelle mehr verbesserbar. Lange Sätze, kurze Sätze, Satzfragmente. Alles ist sehr verschachtelt, es gibt kaum Absätze und keine wörtliche Rede.

Wenn man beiläufig und nichtsahnend in das Buch reinliest, ist man schnell überfordert. Sprachlich ist das alles so verdichtet, dass man bei mangelnder Konzentration schnell den Faden verliert. Aber nicht nur das. Man bringt sich selbst um den literarischen Hochgenuss. Als ich irgendwann auf Seite dreißig oder vierzig merkte, was für ein Kunstwerk ich hier in den Händen hielt, habe ich angefangen, das Buch laut zu lesen. Das mache ich seit meinem Coming Out in Sachen Lyrik sonst nur bei Gedichten. Doch diesen Roman habe ich komplett laut gelesen und dabei jeden Satz doppelt genossen. Einmal beim Lesen und einmal beim Hören. Und plötzlich ist gar nichts mehr fordernd und anstrengend, sondern alles ganz leicht und fließend. Man badet in schöner Sprache und kann sich in die Geschichte fallen lassen.

Und auch hier kann ich aufgrund meines persönlichen Hintergrunds sagen: Ja, genau so war und ist es. Shida Bayzar tischt uns nicht irgendeine Geschichte auf, nur um etwas zu haben, worüber sie schön schreiben kann. Nein, ihr geht es auch um die Sache. Wie sie die persische Mentalität beschreibt, das zu Besuch sein in der Großfamilie, die unzähligen Cousins und Cousinen, die vielen Onkel und Tanten, den Tee, das Obst, die Pistazien, den schweren Reis, die tagelang köchelnden Eintöpfe. Die Frauen, die sich mit zwei dünnen Fäden die Körperhaare epilieren, die Nächte auf dem Dach, die Geräusche der Metropole – das alles habe ich genauso erlebt und empfunden wie in diesem Roman beschrieben. Und auch ich hatte Verwandte, die sich wie Behsad, der Vater der Romanfamilie, nach dem Sturz des Schahs Hoffnung machten, im Iran eine Republik nach sozialistischem Vorbild zu errichten. Und auch in meiner Familie hat man resigniert und ist in den Westen emigriert, ohne aber jemals die Hoffnung zu verlieren, irgendwann in ein von allen Zwängen befreites Land zurückzukehren.

Und obwohl ich persönlich einen großen Groll gegen fundamentalistische Ansichten hege, den Islam in all seinen Ausprägungen mehr als kritisch sehe, habe ich mich beim Lesen dieses Romans auf sehr angenehme Art weder bestätigt noch widerlegt gefühlt. Auch wenn beim Thema „Iran“ immer auch Politik und Religion eine große Rolle spielen, ist dies in erster Linie ein Familienroman. Es geht um Träume, um Zwänge, um Anpassung, um Scheitern, um Neuorientierung, um Hoffnung und um Liebe. Die ganz großen Menschheits-Themen, eindrucksvoll dargestellt in einem ganz großen Romandebüt.

Bitte lesen. Bitte weitersagen. Bitte Danke sagen.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
275 Seiten, 19,99 €
Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Die Autorin liest zehn Seiten:

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Frank Rudkoffsky – Dezemberfieber

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Ich hatte ein wenig Bammel vor diesem Buch. Denn ich kenne den Autor und mag ihn sehr. Schon virtuell auf WordPress, Facebook und Twitter haben wir Gemeinsamkeiten festgestellt. Wir mögen die gleichen Autoren und haben einen ähnlichen Musikgeschmack. Auf seiner ersten Lesung in Essen habe ich ihn dann auch real kennen und noch mehr schätzen gelernt. Und zuletzt sind wir auf der Frankfurter Buchmesse ein paar Stunden gemeinsam durch die Gänge gelaufen. Seinen Roman hatte ich im Messerucksack dabei, bisher aber nur darin geblättert. „Ich will keine Jubel-Perser*)“, sagte er. „Kannst ruhig schreiben, wenn Du es nicht gut findest“. Ich nickte nur und schluckte.

So fing ich nach der Messe also an zu lesen, beinahe ängstlich nach Unzulänglichkeiten Ausschau haltend, nach Ungereimtheiten, sprachlichen Schnitzern, Brüchen im Erzählstil – Anfängerfehlern, die man aber auch bei etablierten Autoren immer wieder findet. Auf gar keinen Fall wollte ich den Jubel-Perser geben. Mach dich frei von allem Persönlichen – sagte ich mir. Sei professionell! Und wenn es Scheiße ist, dann ist es eben so. Hier also mein Urteil:

Dezemberfieber ist ein handliches Paperback des neugegründeten Verlags duotincta aus Berlin. Neben Frank Rudkoffsky hat der Verlag noch zwei weitere Debütanten im Angebot. Oh jeh, dachte ich mir, alles Anfänger – Autoren und Verlag – kann das gut gehen? Aber das Cover von Dezemberfieber ist schon mal super – professionelle Gestaltung, niveau- und geschmackvolle Aufmachung. Auch der Klappentext, der eine Geschichte voller Melancholie und trotzigem Humor verspricht, macht prinzipiell Lust auf mehr. Generell scheinen bei duotincta keine Anfänger am Werk zu sein. Das Startprogramm zeugt von einem guten Händchen. Anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Belletristik wollen sie anbieten und sowohl Frank Rudkoffsky als auch die anderen beiden Autoren des Verlags passen da augenscheinlich gut ins Bild.

Aber können diese Newcomer auch schreiben? Nach den ersten Seiten von Dezemberfieber atmete ich befreit durch. Ja, zumindest Frank Rudkoffsky kann es. Sehr gut sogar. Eigentlich wusste ich es ja schon vorher. Ich hatte schon Texte auf seinem Blog gelesen und wusste, dass er einen hohen Anspruch hat. „Ich habe versucht einen Roman zu schreiben, den ich auch selber gerne lesen würde“, sagte er bei seiner Premierenlesung. Das sind schon mal die besten Voraussetzungen. Sprachlich also alles gut. Ich habe eigentlich nur eine einzige Stelle gefunden, die ein wenig knirscht. Alles andere ist von hoher sprachlicher Qualität.

Kommen wir zum Plot. Ich bin ja kein großer Freund von Inhaltsangaben. Kürzen wir es daher ab: Dezemberfieber ist ein klassischer Familienroman. Mit einer stimmungsvollen Rahmenhandlung – der Protagonist Bastian mit seiner Freundin Nina auf Thailand-Reise – und zeitlichen Rückblenden in die nahe Vergangenheit, die Kindheit, Pubertät in Nordenham und die Studentenjahre in Tübingen. Das Problem der Familie ist die psychisch kranke Mutter, die von Jahr zu Jahr immer tiefer in ihrer Depression versinkt und nach zehn Jahren daran stirbt. Wieder zehn Jahre später stirbt auch der Vater und Bastian kehrt ins leere Elternhaus zurück, um es auszuräumen. Dabei findet er ein Notizbuch, in das Mutter und Vater, weil sie nicht miteinander reden konnten, über viele Jahre Nachrichten und Briefe geschrieben haben. Und die Lektüre dieser Korrespondenz haut nicht nur Bastian aus den Socken, sondern auch mich als Leser.

Lieber Frank,
ich habe mehrmals einen dicken Kloß im Hals herunterschlucken müssen, so sehr sind mir die Briefe von Anke und Gert nahe gegangen. Was da geschildert wird, kann einen nicht kalt lassen. So viel Liebe und gleichzeitig so viel Verzweiflung zwischen den Zeilen. Da stellt sich sofort die Frage, was ist Liebe wert? Kann sie einen retten, kann sie einen durchs Leben führen, wenn alles andere verloren ist? Wenn Krankheit, Verfall, Abhängigkeit und Hoffnungslosigkeit ins Leben treten? Anke und Gert haben es nicht geschafft. Trotz ihrer Liebe. Sie haben sich in ihren Briefen verloren. Haben ihr Glück, haben ihren Sohn, haben alles verloren. Geht es uns nicht allen irgendwann so? Ich habe beim Lesen immer wieder auch über mein Leben nachgedacht. An Menschen, die ich mal geliebt und verloren habe. An früher, meine jungen Jahre und an meine Eltern, meine Kinder, meine Frau und das was bleibt, wenn ich mal nicht mehr bin. Und der Kloß im Hals wurde dabei immer größer.
Dein T.

Im jedem der zehn Kapitel dieses Romans garniert Frank Rudkoffsky die in Thailand spielende Rahmenhandlung mit der bedrückenden Korrespondenz aus dem elterlichen Notizbuch. Nach dem Tod der Mutter schreibt der Vater alleine weiter ins Buch, spricht mit seiner Frau als wäre sie noch da und berichtet ihr von seinen Sorgen um Bastian. Das ist unglaublich anrührend und zerreißt einem beim Lesen fast das Herz. Nach dem Tod des Vaters schreibt auch Bastian ins elterliche Buch. Über seine Odyssee durch Thailand auf der Suche nach Ablenkung, Hoffnung, Liebe und irgendetwas Sinnvollem. Er weiß selber nicht, was er eigentlich sucht. Eigentlich ist alles in der Person seiner Freundin Nina vorhanden. Doch er kann es nicht sehen. Ihre Liebe kann ihn nicht retten. Und so schließt sich der Kreis. Eine hoffnungslose Familie ist eine hoffnungslose Familie. Das Scheitern am Leben im Erbgut verankert. Da kannst du nichts machen. Das musst du so hinnehmen. Dein Leben, dein Schicksal.

Bisher dachte ich, Rolf Lapperts Roman „Über den Winter“ wäre das traurigste Buch, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Ein Mittfünfziger resigniert und kann die drückende Last der Vergangenheit und die Anforderungen der Gegenwart nicht mehr stemmen. Aber Frank O. Rudkoffsky, Mitte Dreißig, hat das getoppt und einen noch traurigeren Roman geschrieben. Ich habe das Buch am Ende tief bewegt aus der Hand gelegt und gedacht. Mist, das wird jetzt leider doch eine typische Jubel-Perser-Rezension.

*) https://de.wikipedia.org/wiki/Jubelperser

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Hier geht es zum Blog des Autors: http://rudkoffsky.com