Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz

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Da ist also dieser Franz Bieberkopf, einsachtzig groß und kräftig. Einer mit ‘nem ganz normalen Leben, das nicht immer einfach war und weiß Gott nicht nach Plan verlief. Er hat sich durchboxen müssen, das sieht man ihm an. Das hat sich in seine Gesichtszüge eingebrannt. Einen Arm hat er verloren. Und die Ida und die Mieze, die hat er auch verloren. Und am Ende hat er auch noch sich selbst verloren. Und doch ist er geblieben; als Name im Gedächtnis einer ganzen Kulturnation. So wie ein Felix Krull, ein Oskar Matzerath und irgendwann vielleicht auch ein Gereon Rath. Literarische Ikonen, Namen, die stellvertretend für etwas stehen – eine Zeit, ein Gefühl, ein Schicksal.

Man liest dieses berühmte Buch, das es einem wahrlich nicht immer einfach macht, und sieht dabei unseren Franz Bieberkopf durch Berlin staksen, die Torstraße hoch zum Rosenthaler, dann mit der Elektrischen weiter in den Wedding, auf ein paar Mollen beim Emil einkehren, sich mit dem Reinhold, der hinterlistigen Sau, an einen Tisch setzen. Man hört den beiden zu, wie sie was ausbaldowern. Irgendeine krumme Nummer, ein Einbruch, ein wenig Hin- und Hergeschiebe von Klamotten. Nichts Großes, Herr Kriminalrat, nur ein wenig Taschengeld aufbessern. Von irgendwas muss man doch leben, wenn die Zeiten schon so hart sind.

Berlin in den Goldenen Zwanzigern – das ist seit Babylon Berlin wieder total en Vogue. Doch um Döblins ‚Berlin Alexanderplatz‘, eigentlich das Standardwerk und Must-Read für alle, die sich für diese Zeit interessieren, machen die meisten einen großen Bogen. Und auch ich hatte zunächst meine Schwierigkeiten. In meinen Zwanzigern hatte ich mich schon mal daran versucht und vor ein paar Jahren dann noch einmal. Beide Male habe ich es irgendwann dran gegeben, obwohl es mir prinzipiell ganz gut gefallen hat. Aber die vielen Schwenks zu Personen, die man nicht sofort zuordnen konnte, die zahlreichen Passagen freier Assoziation, die biblischen Vergleiche, die Schlachthof-Szenen, der nicht immer stringente Handlungsverlauf – das alles bedarf eines geduldigen Lesers. Und das bin ich nicht immer.

Jetzt also ein dritter Versuch, diesmal mit Unterstützung der Hörbuchversion – einen Teil hören, einen Teil lesen – und diesmal hat es geklappt. Passagen, die ich beim Lesen überaus beschwerlich und ermüdend empfand, und weswegen ich in der Vergangenheit die Lektüre immer wieder abgebrochen habe, erschienen mir beim Zuhören nicht nur erträglich, sondern geradezu grandios. Und das lag nicht zuletzt auch an der sehr gelungenen Interpretation von Hannes Messemer, dem bereits 1991 verstorbenen Schauspieler und Hörspielsprecher, der die für diesen Roman unerlässliche ‚Berliner Schnauze‘ besonders gut beherrscht.

Und so habe ich endlich erfahren, warum dieses Werk zu den ganz großen Romanen der deutschen Literatur gehört, das wirklich jeder, der sich für gute Literatur begeistern kann, unbedingt gehört oder gelesen haben sollte. Döblin zeichnet nicht nur das beklemmende Psychogramm eines Menschen, dem es trotz aller Mühen nicht gelingt, ein anständiges Leben zu führen, es gibt auch kaum einen Berlin-Roman (und ich habe schon viele gelesen), der einen die Stadt, die Zeit und die Menschen so eindrücklich erleben lässt. Am Ende war ich wie berauscht, freute mich wie Bolle, dass ich die Hindernisse überwunden habe und tief, ganz tief einsinken konnte in die Welt des Franz Bieberkopf.

Besonders beeindruckend sind die Dialoge. Hier hat Döblin den Barlinern janz jenau uff de Schnauze jekiekt und uffjeschrieben, wie die so sabbeln. Das liest sich am Anfang etwas schwierig, aber irgendwann ist man drin und dann ist das unglaublich lebendig und authentisch und in der Hörbuchversion der reinste Genuss.

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Foto: Gabriele Luger

Print: Fischer Klassik, dtv
Taschenbuch, 560 Seiten, 12,00 Euro

Hörbuch: Deutscher Audio Verlag 2018
Gesprochen von Hannes Messemer, 12:01 h

T.C. Boyle – Das Licht (Hörbuch)

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Ich gestehe, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von T.C. Boyle gelesen. Und warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Eine Zeitlang habe ich ihn mit William Boyd verwechselt, wahrscheinlich wegen dem ähnlich klingenden Nachnamen und dem Bestsellerautor-Status, den beide zweifelsohne haben. Und dann bin ich ja auch noch so ein furchtbar oberflächlicher Schubladen-Typ, der sich von Vorurteilen leiten lässt und alles und jeden nach dem ersten Anschein kategorisiert und wegsortiert. Und T.C. Boyle klang in meinen Ohren allein von Namen her immer irgendwie nach dem Pseudonym eines Trivialautors, so wie Perry Rhodan, Sidney Sheldon oder Poppy J. Anderson – also eher uninteressant.

Seit ich aber über Bücher blogge und mit vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern vernetzt bin, ist mir natürlich aufgefallen, dass Boyle weder Boyd noch trivial ist. Ich registriere sehr wohl den Hype, der um jedes neue Buch gemacht wird, die ausverkauften Lesearenen, die stolz im Social Web präsentierten Selfies mit Buch oder Autor. Natürlich hat das mein Interesse geweckt, doch irgendwie war mir der Aufstand, der um diesen Autor gemacht wird, schon wieder ein wenig ‚too much‘, so dass ich beschloss, jetzt nicht auch noch auf diesen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch dann kam wieder alles ganz anders. An dem Umstand, dass ich bis heute noch kein einziges Boyle-Buch gelesen habe, hat sich allerdings nichts geändert. Denn „Das Licht“ habe ich nicht gelesen, sondern mir von Florian Lukas vorlesen lassen. Und diese grandiose Erfahrung hat mich innerhalb von 14 Stunden zum absoluten T.C. Boyle-Fan gemacht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Roman alles in mir ausgelöst hat, welch intensive Gedanken mir beim Zuhören durch den Kopf gegangen sind. Auch jetzt, eine Woche nachdem ich es beendet habe, lassen mich ‚Set und Setting‘ der Geschichte nicht los. Erst habe ich bei Google nach Bildern von Timothy Leary, Dick Alpert und dem Hitchcock-Anwesen in Millbrook gesucht, dann bei Youtube die BBC-Dokumentation „Ein Professor auf LSD“ (siehe unten) angeschaut. Danach habe ich mir das erste Beatles-Album noch mal angehört und mir auch ein paar Sitar-Sessions von Ravi Shankar reingezogen. Nur eingeschmissen habe ich mir nichts. Das brauchte ich auch nicht, denn der Roman, für den Boyle historische Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft, hat mich allein schon total kirre gemacht.

Die Geschichte startet im Jahre 1943 in Basel, wo der beim Chemiekonzern Sandoz angestellte Grundlagenforscher Dr. Albert Hofmann den ersten Selbstversuch mit einer neuen Substanz namens Diethylamid LSD macht. Nach diesem bereits sehr stimmungsvollen Intro switched die Geschichte zwanzig Jahre weiter und landet in den 1960er Jahren in den USA, ganz konkret im Bostoner Vorort Cambridge. An der dortigen Harvard-University tritt der Psychologie-Student Fitz eine Promotionsstelle bei dem charismatischen Dr. Leary an. Leary experimentiert auf wissenschaftlicher Basis mit den psychoaktiven Substanzen Psilocybin und LSD 25, die er legal von Sandoz zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt bekommt. Er erforscht die Wirkung der Drogen nicht nur an studentischen Probanden, sondern in erster Linie auch an sich selbst und behauptet, dass ein einziger Trip mit diesen Substanzen ihm mehr über die menschliche Psyche verrät, als 5 Jahre Psychologie-Studium.

Leary ist eine beeindruckende Persönlichkeit und avanciert schnell zum Wissenschaftsstar, der viele Anhänger um sich schart. Auch Fitz und seine Frau Joannie werden in den inneren Kreis aufgenommen, womit sie an den regelmäßigen Drogen-Sessions teilnehmen können. Das ursprüngliche Forschungsprojekt entwickelt sich weiter, aus den Case-Studies wird eine Art Lebensentwurf. Auf Trip gehen heißt, sich selber finden, neue Dinge zu denken, neue Dinge zu sehen und in innere Sphären vorzudringen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die Gruppe um Leary und Alpert sieht sich als Entdecker neuer Welten, als Psychonauten und gilt als eine der weltweit ersten Hippie-Kommunen.

Die Beat-Generation, die Gruppe um Leary und später dann die Hippies – das alles klingt nach längst vergangenen, mittlerweile historischen Strömungen, die mit unseren heutigen Lebensrealitäten so gar nichts mehr zu tun haben. Doch an der Sehnsucht vieler Menschen nach einem selbstbestimmten und von allen Konventionen befreiten Leben hat sich auch heute nichts geändert. Und noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass bewusstseinserweiternde Substanzen jedweder Art, der Schlüssel dazu sind. Und so faszinierend sich die Berichte vom ungezwungenen Drogen-Camp im mexikanischen Zihuatanejo mit Sonne, Meer, Margerithas und freier Liebe auch anhören – ganz besonders im Vergleich zu unseren heutigen, eher puritanisch anmutenden Lebenswelten – all diese Projekte sind gescheitert und die Leben der Protagonisten sind weder freier noch einen Deut selbstbestimmter geworden.

Und so könnte es durchaus sein, dass das Fazit der ehemaligen Psychonauten Fitz, Joannie, Ken, Nancy, Lori und Fanchon am Ende wie eine dieser Sprüche-Tafeln bei Facebook klingt: Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Ja, war geil!

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Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Der Hörverlag, Spieldauer 14 h, 25,95 €
Gelesen von Florian Lukas

Print:
Verlag: Hanser
384 Seiten, 25,00 €

Für alle, die sich Hier die BBC-Dokumentation zu Timothy Leary:

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Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

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Ich dachte schon, es wäre vorbei mit dem Lesen. Dachte ich hätte es übertrieben, mir zu viel zugemutet, hätte das richtige Maß und dabei auch den Spaß an der Sache verloren. Vielleicht war ich aber auch irgendwie reizüberflutet. Im letzten Jahr gab es viele Störfeuer, berufliche Herausforderungen, kleinere und größere Probleme, die ich lösen musste. Es hat oftmals die Konzentration gefehlt und damit verbunden auch die Geduld, um mich auf fremde Geschichten, sprich: auf Literatur richtig einzulassen. Mein Lesejahr 2018 war daher eher mau. Ein paar halbwegs gute Bücher habe ich gelesen, richtig begeistert haben mich aber nur einige wenige und das meist auch nur in der Hörbuchversion. Doch auf den buchstäblich letzten Metern des Jahres hat mich dann doch ein Roman so richtig in den Bann gezogen. Mit „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ von Michel Faber habe ich tatsächlich noch mein Lieblingsbuch des Jahres 2018 gefunden.

Michel Faber war mir bisher vollkommen unbekannt. Ich habe ihn eher zufällig im Verlagsprogramm von Kein & Aber entdeckt. Der 1960 in den Niederlanden geborene, englischsprachige Autor ist ein Wanderer zwischen den Welten mit einer bewegten Vita. Im Alter von sieben Jahren emigrierte er zusammen mit seinen Eltern nach Australien. Er studierte in Melbourne Anglistik und wanderte Anfang der Achtziger nach England aus, scheiterte dort, wurde obdachlos und ging wieder zurück nach Australien. Weil ihm die klimatischen Bedingungen in Australien aber gesundheitlich zusetzten, versuchte er einige Jahre später mit seiner zweiten Frau noch einmal sein Glück – und diesmal klappte das Auswandern. Er lebt heute als Autor von mittlerweile neun Romanen, darunter einigen Weltbestsellern, in Schottland.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist 2014 im Original und letztes Jahr dann in der deutschen Übersetzung von Malte Krutzsch erschienen. Im Feuilleton und den Blogs ist es hier und da gut besprochen worden, aber nicht so häufig, dass es mir aufgefallen wäre. Also auf alle Fälle kein „Must Read“ – nichts, dass man gelesen haben muss, um mitzureden (wenn es so etwas außerhalb des Literaturbetriebes überhaupt noch gibt). Aber im Klappentext steht, dass die Zeitschrift ‚New Yorker‘ das Werk als eines der besten Bücher des Jahres bezeichnete und es in zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Und nachdem ich den knapp 680 Seiten dicken Roman nun wie in einem Rausch innerhalb von drei Tagen ausgelesen haben – kann ich nur sagen: der ‚New Yorker‘ hat recht. Es ist tatsächlich das beste Buch des Jahres und eigentlich doch ein absolutes „Must Read“.

Und ich will auch sagen warum. Weil es mich trotz unerfreulicher Ablenkungen, die mich auch zwischen den Jahren gedanklich nicht zur Ruhe kommen ließen, eingesogen, aus dem Alltag gerissen und in eine fremde Welt hat eintauchen lassen. Weil es mich niveauvoll und sprachlich jederzeit stimmig gefesselt, berührt und bewegt hat. Und weil dieser Zustand eigentlich genau das ist, was ich – und wahrscheinlich viele andere auch – von guter Literatur erwarten, wonach ich mich sehne, worauf ich bei jedem Buch insgeheim hoffe und was sich dieses Jahr beim Lesen leider so gut wie gar nicht einstellen wollte.

Das Buch ist nicht perfekt aber vielleicht gerade deswegen so gut. Immer wieder stößt man auf Dinge, die nicht so ganz zu passen scheinen bei diesem komischen Konstrukt eines gesellschaftskritischen Science-Fiction/Liebesromans. Ja, ich frage mich: ist das überhaupt Science Fiction? Denn mit Science, also in diesem Fall Weltraumwissenschaft, hat das hier augenscheinlich wenig zu tun. Die Handlung spielt zwar auf dem fernen Planeten Oasis, zu dem man per Raumshuttle ca. 30 Tage und Nächte unterwegs ist, aber mein rudimentäres, intergalaktisches Wissen reicht aus, um zumindest leise Zweifel an dieser Form der Fiktion anzumelden. Denn es gibt auf Oasis weder Schwerelosigkeit, noch Sauerstoffmangel und auch sonst kaum nennenswerte Unterschiede zu irdisch-öden Landstrichen wie in Jordanien oder der Sahara. Man fährt da oben (oder unten?) ganz normale Autos mit Navigationssystem, es gibt Strom und sogar sowas wie WLAN. Die Sonne scheint, ab und zu regnet es, es gibt Lebewesen, die wie Menschen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf haben, Landwirtschaft betreiben, und neben ihrer eigenen Sprache auch Englisch sprechen, aber Probleme mit der Aussprache von S- und T-Lauten haben. Aber warum eigentlich nicht? Soll erstmal einer beweisen, dass es das alles nicht gibt, da oben, viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Ist halt etwas weniger Science, dafür aber mehr Fiction.

Und gleichfalls kann man sich fragen, ob das überhaupt ein Liebesroman ist, wenn das Liebespaar auf unterschiedlichen Planeten lebt? Der Protgaonist Peter als christlicher Missionar auf Oasis und seine Frau Bea mit dem Kater Joshua in England. Auf dem Backcover steht: „Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überwinden“. Und es ist tatsächlich ziemlich bewegend, wie Faber diese räumliche Trennung begleitet. Wie die beiden Liebenden in unzähligen Mails versuchen, die große Distanz zu überwinden, die Gefühle am Leben zu halten, wie aber das Leben in unterschiedliche Welten – und hier ist das mal nicht metaphorisch gemeint – ihnen nach und nach die Basis entzieht.

Ich habe als Leser mitgelitten, sowohl mit Bea als auch mit Peter, und hätte gerne geholfen. Aber was will man tun, wenn der eine versucht auf einem fernen Planeten eine Kirche zu errichten, während das Leben auf der Erde immer mehr im Chaos versinkt und die Daheimgebliebene droht darin zu versinken? Wenn Kommunikation immer schwieriger wird, weil das Verbindende fehlt, die simpelsten Bezugspunkte, wie die Luft, die man atmet und der Himmel unter dem man lebt.

Was soll ich jetzt noch sagen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten? Lest einfach selber. Es ist ein wahrlich großes Lesevergnügen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kein & Aber

Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch

678 Seiten, 25 Euro

Robert Menasse – Die Hauptstadt (Hörbuch)

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Nicht immer war ich einverstanden. Doch im letzten Jahr schon. Da haben sie mal alles richtig gemacht, haben einen Roman prämiert, der, wie ich heute weiß, tatsächlich der beste des Jahres war. Denn darum geht es bei dem Wettbewerb. Nicht nur gut oder beliebt zu sein, sondern der Beste seiner Klasse. Dabei hat mich das Thema zunächst so gar nicht interessiert. Die europäische  Gemeinschaft, die Kommission, der Rat, das Parlament, Brüssel, ein alter Mann und ein Schwein. Also nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nie ein Fan von politischen Romanen. Und warum ein Schwein? Soll das etwa witzig sein?

Doch dann lachte mich das Hörbuch an. Du musst mich nicht lesen, flüsterte es mir zu. Hör mir einfach nur zu, solange du magst. Ein paar Minuten nur, vielleicht auch länger. Und dann entscheide, ob es dir gefällt, ob dir die Geschichte behagt, du Christian Berkels Stimme magst. Du weißt, das ist der Mann von der Sawatzki, der Kriminalist, immer Freitags im Zweiten – den magst du doch eigentlich, nicht wahr?

Und tatsächlich, den Berkel mag ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass er so gut lesen kann. Was heißt gut? Ich habe ja jetzt schon jede Menge gute Sprecher erlebt und Berkel ist definitiv einer der Besten. Nicht so prägnant wie Brückner und Noethen, einer, der sich nicht so in den Vordergrund drängt, den Text nicht toppen will. Ein in meinen Ohren sehr angenehmer Erzähler, in einer Liga mit David Nathan und Frank Arnold.

Und dann Menasse. Ich bin so beeindruckt von seinem Stil, dass ich mir bei Medimops jetzt alle Backlist-Titel von ihm bestellt habe. Der schreibt ja tatsächlich noch besser als seine Halbschwester Eva. Wenn ich einen Stift und ein echtes Buch auf den Knien gehabt hätte, statt einer Audiodatei und zwei Knöpfe im Ohr, ich hätte mir auf jeder zweiten Seite Sätze dick unterstrichen: bemerkenswerte Aussagen, treffende Personenbeschreibungen und beindruckende Dialoge. Man müsste sich solche Passagen eigentlich sofort notieren. Denn jetzt, wo ich das niederschreibe und versuche, mich wenigstens an einen dieser gehörten Sätze zu erinnern, gelingt es mir nicht. Zu flüchtig ist das gehörte Wort, zu begrenzt mein mentaler Arbeitsspeicher.

Aber auch wenn die Details verschwimmen, der positive Gesamteindruck bleibt. Und der ist so stark, dass ich mir vorgenommen habe, diesen Roman auch noch mal als echtes Buch zu lesen. Ich freue mich jetzt schon darauf, all die bemerkenswerten Sätze dann wiederzuentdecken und für alle Ewigkeit mit Bleistift zu markieren. Freuen tue ich mich auch auf ein Wiedersehen und -lesen mit den Protagonisten der Hauptstadt, die Menasse sehr detailfreudig aufgebaut hat. Der KZ-Überlebende David de Vriend, die Europa-Beamten Martin Susmann und Fenia Xenopoulou, der pensionierte Ökonomie-Professor Alois Erhart oder der kranke Kommissar Emile Brunfaut – sie alle hat man nach wenigen Sätzen leibhaftig vor dem inneren Auge und für immer ins Herz geschlossen.

Ich könnte mir sogar einen Fortsetzungsroman à la Vernon Subutex oder Elena Ferrante sehr gut vorstellen. Denn die von der Romanfigur Alois Erhart formulierte Idee einer europäischen Hauptstadt, womit – soviel sei verraten – nicht Brüssel oder irgendeine andere europäische Metropole gemeint ist, hat jede Menge Potenzial und bietet genügend Stoff für mindestens noch zwei weitere Bände der Hauptstadt.

Man merkt sicher, dass ich von diesem Roman ziemlich begeistert bin. Weil ich schon lange nicht mehr ein so intelligentes, hochaktuelles, berührendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch gelesen – pardon – gehört habe. Und das Bemerkenswerteste daran: Wenn ich jetzt Nachrichten über die EU sehe, höre oder lese, dann erreicht mich das ganz anders als vorher. Dann sehe ich hinter jeder Meldung Fenia, Martin und die ganze EU-Bürokratenschar – kleine, mittlere und große Rädchen im Getriebe der Macht.

Also, wenn Robert Menasse das hier lesen sollte: „Bitte schreiben Sie an der Hauptstadt weiter. Band 2 bestelle ich hiermit schon mal vor.“

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von Christian Berkel
14 h, 18 Minuten
Erhältlich bei audible: (Hörprobe)

Verlag Print: Suhrkamp
459 Seiten, 24 Euro gebunden, 12,00 Euro Taschenbuch

 

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

9

Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h

Daniel Kehlmann – Tyll (Hörbuch)

4

Ich hätte das Buch jetzt gerne in der Hand, um es durchzublättern, ein paar Absätze zu lesen und nochmal kurz in die Geschichte einzutauchen. So mache ich das immer, bevor ich etwas darüber schreibe. Das ist so eine Art Ritual, gehört einfach dazu. Während ich schreibe, liegt das Buch neben der Tastatur. Wenn ich nicht weiter weiß, gucke ich es an, nehme es zur Hand, blättere durch die Seiten. Aber in diesem Fall geht das leider nicht, denn ich besitze das Buch gar nicht. Den neuesten Kehlmann habe ich nämlich nicht gelesen, sondern nur gehört.

Und was soll ich sagen? Nun ja…, dieses Buch, …ääh, nein, dieses Hörbuch war…, irgendwie anders, …ein komplett neues Gefühl… es war …wie soll ich sagen… es war … und das sage ich jetzt nicht nur so…das meine ich, wie ich es sage…: es war einfach nur geil! Das Buch, die Atmosphäre, die Geschichte, diese beeindruckende Stimme. Gelesen von Ulrich Noethen. Dieser Sprecher ist wirklich nicht zu toppen. 11 Stunden und 17 Minuten habe ich an seinen Lippen gehangen und mich nicht eine einzige Sekunde gelangweilt. Während er las bin ich komplett in meinen Kopfhörern versunken, war unerreichbar für die Außenwelt, war nicht im Hier und Jetzt, sondern war mit allen Sinnen mitten im Romansetting von Tyll.

Und das spielt in Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges – von 1618 bis 1638 nichts als Elend, Hunger und Tod. Durchs Land ziehen abwechselnd marodierende Truppen des deutschen Kaisers, des Schwedenkönigs oder versprengte Söldner, die mal auf der einen, und mal auf der anderen Seite anheuern. Die Winter sind bitterkalt, es gibt kein Brennholz mehr, die Pest wütet, und zu allem Überfluss treibt auch die heilige Inquisition immer noch ihr Unwesen. Eines Tages gerät ein Müller namens Klaus Ulenspiegel in die Fänge zweier Hexen jagender Jesuiten. Ulenspiegel wird der Ketzerei angeklagt und hingerichtet. Die Familie zerbricht, sein schmächtiger und etwas absonderlicher Sohn Tyll flüchtet und schlägt sich als Gaukler durch die Lande.

Er ist sehr talentiert, hat ein loses Mundwerk, läuft sicher auf dem Hochseil und kann jonglieren wie der Teufel. Nach einiger Zeit spricht ganz Deutschland von ihm. „Seht, da ist der Tyll, der Tyll ist da, haha der Tyll, oh ja, der Tyll“, so erschallt es freudig überall, wo er mit seinem Wagen auftaucht. Ein paar Minuten das Elend vergessen, lachen, staunen, applaudieren. Das brauchen die Leute in dieser Zeit ganz dringend. Was ein Heinz Ehrhard im Wirtschaftswunder-Deutschland und Otto Waalkes in den 1970ern, war Tyll Ulenspiegel im finsteren 17. Jahrhundert: der absolute Megastar. Sein Ruf eilte ihm voraus, selbst Kurfürsten und Könige waren Fans und hielten ihre schützende Hand über ihn. Und so kam er irgendwie immer durch, überstand viele Jahre die Wirren des Krieges als fahrender Gaukler, als Hofnarr, als Schächte grabender Soldat unter Tage.

All das habe ich erlebt, als wäre ich selbst dabei gewesen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Hörbuch hören ein so intensives Erlebnis sein kann. In diesem Fall wirklich viel intensiver, als hätte ich das Buch selbst gelesen. Mit den Ohren war ich buchstäblich mittendrin im dreißigjährigen Krieg. Und nicht nur mit den Ohren. Ich habe all das Elend und die Krankheiten gerochen, die Kälte und den Hunger gespürt. Wenn mich einer fragen würde: Kennst Du den Ulenspiegel? Ja klar, würde ich sagen, das ist ein Kumpel von mir. Der Winterkönig? Kenn ich auch, ein Depp, der unter dem Pantoffel seiner Gemahlin steht. Und halte dich fern vom Pirmin, das ist ein richtig fieser Geselle.

Es ist unglaublich, wie intensiv das alles nachwirkt. Eigentlich stehe ich ja gar nicht auf historische Romane, sondern bekanntermaßen mehr auf Gegenwartsliteratur. Und auch die Person Tyll Ulenspiegel hat mich bisher nicht die Bohne interessiert. Deswegen war das Buch auch überhaupt nicht auf meiner Agenda. Umso bemerkenswerter, dass ich jetzt geradezu dafür brenne. Kehlmann knüpft hier an seinen zur ungefähr gleichen Zeit spielenden Megaseller „Die Vermessung der Welt“ an und übertrifft ihn noch. Tyll ist noch beeindruckender, noch sprachmächtiger, noch nachhaltiger. Warum stand dieser Roman im letzten Jahr eigentlich nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises?

So ganz traue ich meiner Empfindung noch nicht. Ich werde mir auf alle Fälle auch das gedruckte Buch noch besorgen und überprüfen, ob sich auf die althergebrachte Art und Weise, also richtig lesend, die gleiche Begeisterung einstellt. Ich schätze aber nicht, denn Ulrich Noethen liest einfach besser als ich, holt mehr aus den Sätzen heraus, schöpft das ganze literarische Potenzial dieses Werkes aus. Er rezitiert, proklamiert, intoniert, macht für mich die ganze Drecksarbeit, das Handwerkliche, während ich einfach nur zuhöre und mich entführen lasse.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch (ungekürzt):
Verlag: Argon Verlag
gesprochen von Ulrich Noethen
Länge: 11: 17 h, 23,95 €
Hörprobe bei Audible anhören.

Print:
Verlag: Rowohlt
480 Seiten, 22,95 €

Sina Pousset – Schwimmen

4

Dieses Buch ist mal wieder der Beweis. Man braucht nicht unbedingt eine Geschichte, die sich deutlich von anderen unterscheidet, nicht diese eine grandiose Idee, nichts, was es so in dieser Form noch nie gegeben hat. Nein, das braucht man nicht. Man kann es auch machen wie Sina Pousset und einen guten Roman schreiben, mit einem Standard-Plot und Figuren, die sich in jedem zweiten Buch finden lassen.

Die junge Frau und der junge Mann, die sich seit Kindertagen kennen. Beziehungsstatus: es ist kompliziert. Kennt man, hat man hundertmal gelesen. Eine zweite Frau kommt dazu, es wird noch ein wenig komplizierter: ménage à trois. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor. Man lässt sie gemeinsam in den Urlaub fahren, lange Gespräche am Strand führen, sich eifersüchtige Blicke zuwerfen. Gibt es da nicht sogar einen Film mit Romy Schneider?

Und auch alles andere am Debütroman von Sina Pousset ist nicht gerade unique. Er stirbt, beide Frauen trauern, eine zerbricht daran, die andere kommt irgendwie klar. Die eine ist von ihm schwanger, die andere zieht das Kind groß und nach ein paar Jahren sind beide dann soweit, sich der Vergangenheit zu stellen. Showdown!

 Das klingt zwar jetzt etwas abfällig, ist aber gar nicht so gemeint. Denn tatsächlich ist „Schwimmen“ einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Und das liegt wieder mal nicht daran, was da geschrieben wurde, sondern wie es geschrieben wurde. Ich habe es auf dieser Seite schon mehrfach behauptet und bleibe dabei: Gute Gegenwartsliteratur braucht keine fantasievollen Storys, keine außergewöhnlichen Locations und schräge Charaktere. Gute Gegenwartsliteratur braucht lediglich einen guten Autor, bzw. eine gute Autorin. Jemanden, der uns mit unserem Leben versöhnt, mit dem ewig Gleichen des Alltags, den Unvermeidlichkeiten des Zwischenmenschlichen, den immer wiederkehrenden Abläufen. Der uns unseren Frieden machen lässt mit den Hoffnungen und Ängsten, die unser Leben bestimmen, die wir für so einzigartig schicksalhaft halten, die aber in Wirklichkeit jeden Zweiten da draußen genauso umtreiben wie uns.

Das alles geschrieben zu sehen, von anderen Leben zu lesen, sie mit dem eigenen zu vergleichen, sich hineinzuversetzen, ein Stück des Weges mitgehen, zuhören und verstehen – das alles macht gute Gegenwartsliteratur aus. Menschen begegnen sich, verbringen Zeit miteinander, erleben ein paar wenige Momente des Glücks, bleiben zusammen oder trennen sich, finden neue Partner oder auch nicht, werden älter und sterben irgendwann. Das ist die Rahmenhandlung unserer Gegenwart. Meines Lebens, deines Lebens und auch des Lebens von Milla, Kristina und Jan, den Protagonisten dieses Romans. Und obwohl ihre Geschichte nur eine von Millionen traurigen Geschichten ist, die das Leben tagtäglich schreibt, ist sie es wert, erzählt zu werden. Wenn es denn jemand macht, der das kann. Der nicht nur Wörter aneinander reiht, Satz für Satz eine Handlung vorantreibt, sondern Stimmungen transportiert, Gefühle vermittelt, uns Leser mitfühlen lässt – den gleichen Schmerz, die gleiche Traurigkeit, wie sie die Romanfiguren auch empfinden. Dann entsteht etwas, was schon Aristoteles als den vollkommenen Kunstgenuss beschrieben hat: die Läuterung der Seele durch die Tragödie, die Katharsis.

Das alles schafft Sina Pousset durch ihre einzigartige, sprachliche Virtuosität. Man hat das Gefühl, jedes Wort, jeder Satz auf den 225 Seiten dieses Romans ist genau das Wort und der Satz, der da jetzt stehen muss – alternativlos. Es anders auszudrücken wäre nicht nur weniger gut, sondern schlichtweg falsch. Man gleitet beim Lesen dahin, Satz für Satz ergibt sich, es fließt, es ist rund. Es entsteht eine Melodie im Kopf, eine ganze Symphonie in Moll. Wer das beherrscht, wer so gut wie diese junge Autorin schreiben kann, braucht keine zündende Idee, keine spannende Story. Mit dieser Gabe kann Sina Pousset wahllos hineingreifen ins Leben, in den stinknormalen Alltag und eine der vielen tausend persönlichen Tragödien zu etwas ganz Besonderem machen: Gegenwartsliteratur vom Feinsten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein fünf
225 Seiten, 18,00 €

Weitere Rezensionen bei: Herzpotential und Paper und Poetry