Moritz von Uslar – Nochmal Deutschboden (Hörbuch)

Der erste Teil aus dem Jahr 2009 hat mich schon nicht interessiert. Tendenziös und vorhersehbar, so mein Vorurteil. Was soll da schon anderes als das übliche Dunkeldeutschland-Bashing rauskommen, wenn sich ein westdeutscher Linksintellektueller unters Volk im Brandenburger Hinterland mischt? Und so war auch meine Haltung zum jüngst erschienenen Nachfolgeband ‚Nochmal Deutschboden – Meine Rückkehr in die Brandenburgische Provinz‘. Trotzdem habe ich mal ins Hörbuch reingehört, weil ich von Moritz von Uslar zwar schon viel gehört, aber außer ein paar Zeitungsartikeln noch nichts gelesen habe.

Es hat etwas gedauert, bis ich mich an den kehligen Bariton des Autors, der sein Buch selber liest und dabei immer wieder zwischen Ich- und Reporter-Perspektive wechselt, gewöhnt hatte. Aber schon nach zehn Minuten war ich drin und unendlich froh, dass meine Neugier mal wieder stärker war, als alle Vorurteile. Denn was von Uslar da abliefert, ist mehr als nur eine Reportage aus einer ostdeutschen Kleinstadt. Es ist eine Liebeserklärung an das normale, einfache Leben, an Menschen, die nicht perfekt sind und alles andere als pc, an einen Landstrich, der nicht viel mehr zu bieten hat, als weite Landschaft und beigefarbene Kratzputzfassaden. Nach acht Stunden Hörbuch bin ich nicht nur neuer Fan des Autors, der für mein Empfinden genau das richtige Maß an kritischer Distanz und Empathie zu seinen Protagonisten gefunden hat, sondern einmal mehr auch des Lebens in der Brandenburgischen Provinz.

Ich bin so alt, ich kenne noch die DDR, und zwar in echt und nicht nur aus Romanen. BRD und DDR, West und Ost, das war so grundverschieden – dass das jemals wieder eins wird, hätte ich bis zur Wende kaum für möglich gehalten. Und auch wenn die Staatsgrenze seit 30 Jahren verschwunden ist, die Unterschiede zwischen Ost und West sind immer noch da. In den Familiengeschichten, den Akten der Behörden und vor allem in den Köpfen der Menschen. Egal, ob man das nun gut findet oder nicht: in Castrop Rauxel ist man westdeutsch und in Zehdenick ist man ostdeutsch – es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber trotzdem liegen dazwischen Welten. Und wie es ist, zu 100 Prozent ostdeutsch zu sein, das kann man hier nachlesen und hören.

Bei Moritz von Uslar ist die Brandenburger Provinz vor allen Dingen eins: überwiegend männlich. 85 Prozent der handelnden Figuren sind Männer, trink- und schlagfest, und die meisten von ihnen haben grundsätzlich nichts gegen Ausländer, aber…! Die wenigen Frauen, die uns hier begegnen, sind entweder besorgte Mütter, hübsche Bäckereiverkäuferinnen oder alleinerziehende Barfrauen  – aber allesamt nicht mehr als dekorative Nebendarstellerinnen im Deutschboden-Setting. Was in Zehdenick gemacht und gedacht wird, das bestimmen größtenteils die Männer und das ist leider nicht immer klug und durchdacht.

Mich hat verwundert, dass der Reporter nach dem ersten Teil seiner teilnehmenden Beobachtung immer noch so gut gelitten ist. Dass er zehn Jahre danach wieder in Schröders Kneipe ein- und ausgehen kann, ohne angefeindet zu werden. Ganz im Gegenteil, er wurde von der Gemeinde begrüßt wie ein verlorener Sohn, einer der Ihrigen. Kaum einer trägt ihm etwas nach, ist sauer, weil er sich im Buch falsch dargestellt fühlte und nach der Veröffentlichung Probleme bekommen hat. Erst dachte ich, es könnte daran liegen, dass nicht alle das Buch gelesen haben. Aber die Verfilmung werden sich die Zehdenicker mit Sicherheit angeschaut haben, und genau das habe ich im Anschluss an das Hörbuch auch gemacht. Bei YouTube findet man einen Mitschnitt des Films in drei Teilen.

Und wenn man Moritz von Uslar da so betrachtet, wie er breitbeinig durch die trostlosen Straßen geht, mit Raoul und Eric und den anderen Kleinstadtfiguren im Ratskeller rumhängt, dann versteht man, warum er so gemocht wird. Der Reporter ist einfach ein netter Kerl, lustig und unterhaltsam, hat keine Hybris und lässt den Intellektuellen nicht raushängen, ganz im Gegenteil. Er verfügt über eine authentisch anmutende Proll-Credibility, vergleichbar mit Ben Becker, wodurch er sich nahezu unbeschadet in diesen Kreisen bewegen kann. Man spürt seine ehrliche Sympathie und das Interesse an den Menschen in der Kleinstadt, und auch wenn er immer wieder auf Rassismus und Rechtsradikalität trifft, sich viel dummes Geschwätz anhören muss, verliert er nie seine Zugewandtheit.

Seine Rolle ist weniger die eines Reporters, als viel mehr die eines Therapeuten. Jemand, der offen und ohne Vorurteil ist, sich interessiert, die Leute reden lässt und zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellt. Von Uslar wird vorgeworfen, dass er mit seiner Art der freundlich teilnehmenden Beobachtung, das Problem von Ausländerhass und Rechtsradikalismus zu sehr verharmlost. Aber ich bin mir sicher, dass er dadurch viel mehr erreicht, als diejenigen, die sich lautstark empören, anklagen und Menschen, deren Meinung ihnen nicht passt, an den Gesinnungs-Pranger stellen. Denn das verändert gar nichts, das verhärtet nur die Fronten und ist im Grunde auch nicht viel anders, geschweige denn besser, als das Verhalten, das man eigentlich verändern möchte.

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Foto:
Screenshot aus dem Film: Deutschboden

Hörbuch:
Verlag: tacheles! /ROOF Music GmbH
Sprecher: Moritz von Uslar
Dauer: 8h, 12 min
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
336 Seiten, 22,00 €

Stefanie de Velasco – Kein Teil der Welt

5

Wir leben in einer Welt, die immer radikaler wird. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr scheint mir das eine ganz natürliche Entwicklung zu sein; vollkommen ok, geradezu zwangsläufig und konsequent. Die einzig richtige Reaktion auf den Lauf der Zeit, auf den Überfluss, die schiere Masse an Meinungen und Überzeugungen. Wer eine Botschaft hat und damit wahrgenommen werden will, muss radikal sein. Nicht glattgebügelt, nett und gefällig, sondern deutlich drüber, kompromisslos und willensstark.

Greta Thunberg hat das vorgemacht und Millionen auf der der ganzen Welt folgen ihr. Etwas, wovon die Zeugen Jehovas derzeit nur träumen können. Obwohl sie nicht nur Freitags, sondern tagtäglich in den Fußgängerzonen herumstehen und über deutlich besser gestaltete Aufsteller und Werbemittel verfügen. Aber die bieder gekleideten Zeugen sind nicht unbedingt die coolsten Typen und ihr Jehova im Moment nicht so angesagt. Doch eines muss man ihnen lassen: radikal und kompromisslos sind auch sie. Und dass die Welt demnächst untergeht, wussten sie schon lange bevor der erste Eisberg zu schmelzen begann. Harmagedon is coming – und das schon seit mehr als fünfzig Jahren.

Warum ich das schreibe? Weil dieser Roman ein Coming-of-Age bei den Zeugen Jehovas beschreibt und mir all das seit der Lektüre dieses Buches permanent durch den Kopf geht. Weil ich zwischen Sympathie und Ablehnung hin- und hergerissen bin und nicht zuletzt, weil ich meine eigene Geschichte mit dieser Glaubensgemeinschaft habe.

Ich kann ja keine Bücher wegschmeißen, horte in einer Kiste auf dem Dachboden sogar noch meine alten Schulbücher. Aber dieses eine kleine rote Buch mit dem Titel „Mache deine Jugend zum Erfolg“ kann ich leider nicht mehr finden. So wie die Protagonistinnen dieses Romans, Esther und Sulamith, habe auch ich es geschenkt bekommen, als ich in die Pubertät kam. Denn meine Großeltern waren praktizierende Zeugen Jehovas. Und jetzt folgt kein Outing und auch keine Anklage, denn mit diesen beiden geliebten Menschen verbinde ich die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit.

Ich kann mich noch gut an all die Versammlungen und Bibelabende erinnern, zu denen sie mich ab und zu mitgenommen haben. An all die Brüder und Schwestern, die manchmal auf ein Gebet vorbei kamen, an die vielen spannenden Bibel-Geschichten und mein Jehova Gute-Nacht-Gebet. Und was in diesem kleinen roten Pubertätsleitfaden stand, daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Dass ich mich rasieren und regelmäßig unter den Armen und im Schritt waschen soll und dass Masturbation den Geist verwirrt. Ich habe das Buch damals mit in die Schule genommen, und obwohl ich meine Großeltern sehr geliebt habe, haben wir alle herzlich über diesen Blödsinn gelacht. Das gleiche höhnische Lachen, das auch die beiden Romanheldinnen Esther und Sulamith nur zu gut kennen. Die ganz normale Reaktion von allen, die in der Welt und außerhalb der Wahrheit leben.

Ich bin kein Experte, habe den Glauben niemals praktiziert, war immer nur Gast, aber für mich hat Stefanie de Velasco das Erwachsenwerden im Kreise der Zeugen sehr glaubwürdig, authentisch und ohne Übertreibungen beschrieben. Kein Wunder, denn sie hat das alles am eigenen Leib erfahren, nicht nur als Gast, sondern als Teil der Gemeinschaft. Und doch ist das hier kein Memoir, sondern eine konstruierte Geschichte mit erfundenen Charakteren, ausgedachten Orten und Situationen, die es so nie gegeben hat. Nicht genau so, aber so ähnlich.

Was soll ich sagen? Ich bin kein schneller Leser, aber die mehr als vierhundert Seiten dieses Romans habe ich innerhalb eines Wochenendes wie in einem Rausch weggelesen. Und das ist nicht nur meiner persönlichen Verquickung mit dem Thema geschuldet. Nein, weil dieser Roman einfach so perfekt konstruiert und atmosphärisch dicht ist, dass man in einen regelrechten Leserausch verfällt. Hier passiert, wovon alle Leseratten immer träumen. Man taucht komplett ein, identifiziert sich zu 100 Prozent, kann nicht aufhören zu lesen, fühlt sich am Ende ausgelaugt und leer aber auch so, als hätte man etwas ganz Besonderes erlebt.

Und vielleicht entschädigen ja diese überschwänglichen Zeilen all diejenigen, die diesen Blogbeitrag bis hierhin ausgehalten haben, in der vagen Hoffnung, doch noch zu erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Es tut mir leid, aber ich muss euch wieder mal enttäuschen und auf die einschlägigen Inhaltsangaben-Blogs verweisen. Trotzdem will, kann und muss ich eine echte Leseempfehlung aussprechen. Lest diesen Roman, lasst das Thema an euch ran, überlegt, wo ihr steht, woran ihr glaubt, was euch Halt gibt und wo ihr geistig und emotional zu Hause seid. Das sind alles ganz zentrale Fragen, die letztlich mit darüber entscheiden, was ein jeder von uns für ein ein Leben führt: entweder glattgebügelt, nett und gefällig, oder aber deutlich drüber, kompromisslos, willensstark und im besten Sinne radikal.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten, 22,00 €

 

Linktipp: Auf Zehnseiten.de liest die Autorin aus Ihrem Roman.

Jackie Thomae – Brüder

2

Ich frage mich, ob das Lesen eines Romans ausreicht, um nachzuempfinden, wie das ist, mit dunkler Hautfarbe in Deutschland aufzuwachsen? Ob ein Buch diese komplizierte Gefühlslage überhaupt abbilden kann? Wenn dir zum Beispiel das, was andere in deiner Person zu sehen glauben, selber fremd ist. Wie ist das, wenn dir ein Elternteil nicht mehr mitgegeben hat, als sein Anders-Sein? Nicht mehr als krauses Haar und dunkle Haut und einen Haufen damit verbundener Probleme. Keine alternative Identität, kein Fluchtort, keine Gemeinschaft von Menschen, die so denken, fühlen und so aussehen wie man selbst. Und vor allem auch, da abwesend: keinen Halt und keine Liebe.

Ijoma Mangold hat in „Das Deutsche Krokodil“ beschrieben, wie sich das in den Siebziger Jahren in Westdeutschland angefühlt hat. Jackie Thomae hat mit dem Roman „Brüder“ die ostdeutsche Variante beigesteuert. Beide Werke vereint die Erkenntnis, dass man die angeborene Andersartigkeit nie und niemals auflösen kann. Dass deutsch zu denken, zu fühlen und zu sprechen, eine deutsche Mutter, deutsche Großeltern und ein deutscher Pass dich nicht davor bewahren, im eigenen Land schräg angeschaut zu werden. Man kann sich noch so sehr bemühen und versuchen, deutscher als deutsch zu sein, wenn 50 Prozent von dir sichtbar anders sind, wird früher oder später die Frage nach deiner Herkunft kommen. Und sicher ist, dass die für dich einzig richtige Antwort für den Fragenden immer die Falsche sein wird. Aber damit haben sich nicht nur die Protagonisten dieses Romans, Mick und Gabriel, sondern alle Deutschen mit physiognomisch sichtbarem Migrationshintergrund abgefunden – auch ich.

Ich weiß nicht, wie stark meine eigene Herkunftsgeschichte in die positive Beurteilung dieses Romans hineinspielt. Mit einem ähnlichen Background liest man ja noch viel kritischer. Ich habe aber alle geschilderten Situationen, Stimmungen und Gefühle zu einhundert Prozent authentisch und glaubwürdig empfunden. Da ist nichts zu dick aufgetragen, nichts angesichts von Rechtsruck und Flüchtlingskrise unnötig aufgebauscht. Trotzdem oder gerade deswegen ist ‚Brüder‘ ein Roman, der in unsere Zeit passt. Herkunft und Familie sind nicht umsonst die aktuellen literarischen Top-Themen, weil sie angesichts der zahlreichen globalen Konflikte, der innerpolitischen Verwerfungen und Debatten für innere Ruhe und Ausgleich sorgen. Während die Welt brennt und uns Themen wie Klimakrise, Wohnungsnot und Mobilitätswende in Atem halten, suchen wir Antworten und Trost in Dingen, die wir halbwegs überschauen können. Vater-Mutter-Kind, das ist die Urform einer sozialen Gemeinschaft – und wenn man sich anschaut, was da schon alles im Argen liegt, wen wundern da noch die Probleme im großen Ganzen? Erst wenn Toleranz, Wertschätzung und Achtsamkeit im kleinen Kreis funktionieren, kann man das auch größer ausrollen.

Unabhängig von dieser komplexe Themengemengelage hat mir das Lesen dieses Romans sehr viel Spaß gemacht. Sowohl der erste Teil mit der Geschichte von Mick, einem partyfeiernden Womanizer im hippen Berlin, als auch der zweite Teil um den funktional denkenden Gabriel, einem global agierenden Star-Architekten mit Büro in London. Beide Romanhelden stammen aus der ehemaligen DDR, beide haben unterschiedliche deutsche Mütter und den gleichen afrikanischen Vater: einen Austauschstudenten aus dem Senegal, der in der DDR studiert hat, als fertiger Mediziner wieder in sein Heimatland zurückgekehrt ist und sich einen Scheißdreck um das gekümmert hat, was vom Studium übrig blieb.

In diesem Fall sind das Mick und Gabriel mit ihren Müttern Monika und Gabriele. Alle vier wissen nichts voneinander und leben ihr Leben. Erst in den engen Grenzen des real existierenden Sozialismus, nach dem Mauerfall nur noch begrenzt durch die eigenen Möglichkeiten. Und da ist Gabriel – weniger hipp und sportlich, dafür aber wesentlich zielstrebiger als sein Halbbruder Mick – eindeutig im Vorteil. Er legt eine internationale Vorzeige-Karriere als Architekt hin, während Mick es nach vielen Irrungen und Wirrungen und Ausflügen ins Berliner Party- und Musik-Business letztlich nur als Yoga-Coach zu einem halbwegs okayen Auskommen gebracht hat. Aber darum geht es gar nicht. Wenn man ohne Vater aufgewachsen ist und so ein Herkunfts-Päckchen zu tragen hat wie Mick und Gabriel, dann zählt letztlich nur, wer im Leben weniger unglücklich wird. Und hier liefern sich beide ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Mick schließlich für sich gewinnt.

Doch eigentlich ist nichts entschieden, alles kann sich noch wandeln. Denn wir Leser verlassen die beiden Romanhelden nicht am Ende, sondern in der Mitte ihres Lebens. Ihr Vater hat sich zurückgemeldet, will nach vierzig Jahren Abwesenheit noch ein wenig Ordnung in sein Leben bringen und bemüht sich um Kontakt. Ob das tatsächlich gelingt, und sich am Ende alle wie in der RTL-Doku-Soap “Vermisst“ weinend aber glücklich in den Armen liegen, soll hier nicht verraten werden.

Ich kann diesen Roman allen nur wärmsten ans Herz legen. Er ist handwerklich perfekt gemacht und auf über 400 Seiten niemals auch nur eine Spur von langweilig. Ich konnte mich mit den Protagonistenperfekt identifizieren und auch sehr gut in die Nebenfiguren hineindenken, flog nur so durch die Seiten und fühlte mich mehr als angeregt unterhalten. Sprachlich top, authentisch, stimmig aufgebaut und zeitgeschichtlich überaus relevant. Definitiv ein Must-Read des Jahres!

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
416 Seiten, 23,00 €

Eugen Ruge – Metropol

3

Mein Gott ist das alles schon lang her. Die UDSSR – wer von den unter Vierzigjährigen kennt überhaupt noch diese Abkürzung? Wer weiß noch, was ein Sowjet, ein Bolschewik, die NKWD, der Warschauer Pakt oder ein Gulag war? Alles Begriffe, die in meiner Jugend tagtäglich durch die Nachrichten gingen. Und nun – alles vorbei und vergessen. Der ganze Schrecken, die Ängste, die Toten, die existenziellen Nöte von Millionen Menschen sind mit einem Fingerschnipp verschwunden. Aber im Moskauer Hotel Metropol, dem Ort, wo Ende der 1930er Jahre Eugen Ruges neuester Roman spielt, ist dieser Schrecken noch allgegenwärtig. Stalin machte damals gerade reinen Tisch, die große Parteisäuberung stand an, der hunderttausende kleine und große Funktionäre zum Opfer fielen. Keiner war mehr sicher, jederzeit konnte die NKWD an deine Tür klopfen und dich mitnehmen. Verdacht auf volksfeindliche Aktivitäten, so lautete die Anklage. Und das Urteil: Tod durch Erschießen.

Am Anfang hatte ich Probleme reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause habe ich es als Hörbuch gehört (gelesen von Ulrich Noethen!!), abends auf dem Sofa dann im gedruckten Buch weitergelesen. Und am Ende war ich genauso begeistert, wie damals im Jahr 2011 von Ruges buchpreisgekröntem Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde. Andere OMS-Kollegen wurden nachts aus ihren Zimmern gezogen und waren fortan verschwunden. Charlotte und Wilhelm rechnen mit dem Schlimmsten, gehen jede Nacht angezogen und mit gepackten Koffern ins Bett. Horchen auf die Geräusche auf dem Flur, bangen, beten, wachen morgens erleichtert auf und schauen, wer von den Genossen nicht mehr zum Frühstück erscheint.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann, erlebt dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt mit niemand in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Wenn es einem Autor gelingt, mich als Leser so ins Setting zu ziehen, dass ich die geschilderten Stimmungen, Gefühle und Ängste, ja selbst die Kälte, den Regen und die Gerüche am eigenen Leib empfinde, hat er mehr als einen guten Job gemacht. Denn so leicht kriegt man mich normalerweise nicht. In den meisten Fällen bewahre ich mir eine gewisse kritische Distanz, bin gerne nur der Beobachter, einer der nur gucken will und nicht anfassen.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag : Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

Hörbuch: Argon Verlag
12:29 h, gelesen von Ulrich Noethen

Katja Oskamp – Marzahn, mon amour

3

Geschichten einer Fußpflegerin. 

Ich habe eine neue Schreibtechnik erlernt. Sie nennt sich Clustern, kommt im Prinzip noch vor dem eigentlichen Schreiben zum Einsatz und funktioniert in etwa so: Man nimmt sich ein Blatt Papier und notiert in der Mitte das Wort, das einem als allererstes zu dem Thema einfällt, über das man etwas schreiben will. Und dann fügt man drumherum weitere Begriffe hinzu, die sich aus dem bereits notierten Wörtern ergeben. Ist das Blatt voll, fängt man an, richtig zu schreiben – Assoziationsketten zu verbinden, aus den Wörtern ganze Sätze zu machen.

Das erste Wort, was ich zu „Marzahn, mon amour“ aufgeschrieben habe, war „Menschenliebe“ und dann als nächstes gleich „Herzensbuch“ und „Florian“. Wie gut, dass es solch einfache Methoden gibt, denn sonst hätte ich ich gar nicht gewusst, wo ich anfangen sollte, um meine Begeisterung für dieses Buch kundzutun. Eigentlich bin ich ja alles andere als ein Menschenfreund. Doch je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor dem Leben anderer Leute. So ein Leben muss nicht besonders herausragend, die Person nicht berühmt und bedeutend sein, um beachtet zu werden und Wertschätzung zu bekommen. Eigentlich das Mindeste, was man erwarten darf, zugleich aber auch das Kostbarste und für mich nach wie eine nicht ganz so einfache Übung.

Die meisten Menschen, die in den Plattenbauten in Berlin-Marzahn leben, sind weder berühmt noch bedeutend. Sie leben ihr Leben, sind entweder mittendrin oder schon fast damit durch, haben sich durchgebissen, kommen irgendwie klar und haben allesamt Füße, die sich freuen, wenn sich mal irgendwer richtig kümmert. Kümmern tut sich die Ich-Erzählerin dieses wunderbaren Buches, eine gescheiterte Schriftstellerin, die sich zur Fußpflegerin umschulen lässt und in einem Kosmetikstudio in Marzahn anfängt. Und sie macht das nicht nur einfach so als Plan B, sondern mit Herzblut. Und plötzlich sind bei ihr alle Selbstzweifel, ist ihre ganze Lebens-Unzufriedenheit wie weggefegt. Sie arbeitet mit Menschen, spricht mit ihnen, hört zu, beschäftigt sich – mit ihren Füßen, mit ihrem Leben.

Sollte ich jemals abschätzig über die Arbeit einer Fußpflegerin geurteilt haben, so leiste ich hiermit öffentlich Abbitte. Katja Oskamp schafft es, mir dieses Berufsbild aus einer vollkommen neuen Sicht zu präsentieren. Was hier geleistet wird, ist eine echter Dienst am Menschen. Und ich glaube, auch ich wäre froh, wenn sich mit Siebzig Plus noch jemanden findet, der sich meine langweiligen Buchblogger-Geschichten anhört, während er mir die Hornhaut von den Fersen hobelt.

Damit kann schon mal ein Haken an die ersten zwei Begriffe gesetzt werden: Menschenliebe und Herzensbuch – für mich eigentlich ein Unwort, aber hier passt es. Bleibt noch Florian. Den Namen habe ich notiert, weil er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Florian kennt man als literarischen Nerd von Instagram. Als Buchhändler ist es sein Job und als Bookstagramer sein Hobby, tagtäglich Bücher zu empfehlen. Und wenn er für einen Titel brennt, dann legt er sich richtig ins Zeug. Genau das hat er hier gemacht. Ohne seine leidenschaftliche Empfehlung wäre diese literarische Perle aus mehreren Gründen wohl komplett an mir vorübergegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil im Moment wieder so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es kurz vor der Herbstmesse in Frankfurt so viel andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt. Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

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Print:

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

Hörbuch:
tacheles! ROOF Music
Gesprochen von der Autorin
4 h, 06 min., 9,99 €
(Im Streaming Abo von Apple-Music)

 

 

 

Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Sibylle Berg – GRM Brainfuck (Hörbuch)

1

Der mittelalte Mann sitzt in seinem Sessel und schmunzelt. Gesundheitszustand: den Umständen entsprechend. Beruf: irgendwas mit Medien. Intelligenz: durchschnittlich. Ethnie: Migrationshintergrund. Hobbys: liest Bücher.

Er hat dieses zufriedene Grinsen im Gesicht, was sich immer einstellt, wenn er ein gutes Buch gelesen oder gehört hat. Wenn Literatur ihn catched, ihn in ihren Bann zieht, seine Gedanken kapert, sich in seine Träume schmuggelt – dann, ja dann ist er glücklich, fühlt sich wohl in seiner Haut. Dabei ist das, was er da gerade gehört hat, alles andere als ein Wohlfühl-Szenario. Gegenwart 2.0, Dystopie reloaded, Schwarzmalerei in 4K. Geschrieben von einer mittelalten Autorin. Herkunft: DDR. Status: etabliert, aber keine Preise. Typ: schräger Vogel mit Hochsteckfrisur.

Er kennt die Autorin vom Hörensagen schon seit Jahren, hat aber bisher noch nie etwas von ihr gelesen. Ihren letzten Roman hat er mal seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt. Die war empört. Wie kommst du darauf, dass mir so ein Schweinkram gefällt? Er hat nur mit den Schultern gezuckt und meinte, dass die Blogs voll des Lobes wären. Aber das muss ja nichts heißen, wie er mittlerweile weiß.

Ihr aktuelles Buch hat er vor ein paar Wochen beim Verlag als Rezensionsexemplar angefragt, aber bis heute ist es nicht angekommen. Die sind doch wohl nicht sauer wegen dem Verriss zu Bret Easton Ellis? Dessen Status: ehemaliger Kult-Autor. Gefährderpotential: alt, weiß, männlich. Letzte Buch-Veröffentlichung: grottig.

Egal, abgehakt. Dann eben GRM als Hörbuch. Ist bei diesem Titel – dessen Lektüre, wie er schon von verschiedenen Seiten gehört hat, ziemlich fordernd sein soll – wahrscheinlich eh die bessere Wahl. Und dann noch Torben Kessler und Lisa Hrdina. Zwei Sprecher, die es wirklich können. Was soll da noch schief gehen? Knapp 17 Stunden hat er sich das alles angehört, hat Hannah, Don, Peter und Karen durch ihren Alltag begleitet, genauso wie die achtjährige Nutte, den russischen Oligarchen, den MI5-Agenten und den britischen Aristrokratenspross. Und mit der Zeit sind ihm all diese kranken Protagonisten ans Herz gewachsen. Der mittelalte Mann leidet mit. Jeder Tritt in den Magen, jeder brechende Knochen tut auch ihm weh – zunächst. Doch irgendwann setzt auch bei ihm der Abstumpfungsprozess ein. Wieder einer tot, ja nun.

Sybille Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat, 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Dystopien boomen, und das tun sie vollkommen zurecht. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle nochmal mit einem blauen Auge aus diesem aktuellen Gemengelage von Neoliberalismus, Genderwar, Migration und Rassismus, Digitalisierung, Datenflut, Brexit, Nationalismus und künstlicher Intelligenz herauskommen, ist eher gering. Und so tief wie der Karren schon im Dreck steckt – da ist sich der mittelalte Mann mit der mittelalten Autorin einig – wäre ein Happy End auch mehr als unglaubwürdig. Nein, wer noch einen Funken Verstand und Weitsicht hat, wird ahnen, dass das alles nicht gut gehen kann, dass wir Menschen so ziemlich am Ende sind. Und das nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern schon bald. In fünf oder zehn Jahren.

Und warum auch nicht? War es nicht schon immer so? Alte Ordnungssysteme lösen sich auf und etwas Neues entsteht. Was da kommen wird, an die Stelle des Jetzigen tritt und wann genau das sein wird, weiß keiner. Aber das ist auch egal, denn wir werden dabei sowieso keine Rolle mehr spielen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Argon Hörbuch
Sprecher: Torben Kessler, Lisa Hrdina
16h, 55 min, 19,95 €
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €