Nachhaltige Promiskuität

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11728825_997689866931774_4345637043014539420_o Adelle Waldman – Das Liebesleben des Nathaniel P. Kann sich eine Frau beim Schreiben in einen Mann hineinversetzen? Ja, prinzipiell geht das. Die Literatur ist voll von gelungenen Beispielen. Andersherum gelingt das übrigens genauso regelmäßig. So fremd sind sich die Geschlechter nämlich gar nicht. Und daher finde ich es auch nicht besonders erwähnenswert. Doch bei den Amis scheint das ein großes Ding zu sein. Die Los Angeles Times findet es laut Klappentext fast schon unheimlich, wie gut sich Adelle Waldman als Frau in einen Mann hineinversetzen kann. In einen modernen, zeitgenössischen Mann wohlgemerkt – urban, jung, gebildet, intellektuell, kreativ, wohnhaft in dem weltweit angesagtesten Hotspot ever – Brooklyn, New York. Da wo die hippen Typen keinen Meter ohne einen Chai-Latte-To Go unterwegs sein können. Der Titel dieses in den USA angeblich vieldiskutierten Debütromans der jungen Journalistin Adelle Waldman ist verkaufsstark. „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ – da erwartet man als letzter lesender Mann deftig promiskuitive Kost, eine hippe Neuauflage von Casanovas Liebschaften. Aber weit gefehlt – der moderne, intellektuelle Single-Mann in New York hat ein ziemlich kompliziertes und eher langweiliges Liebesleben. Da wird viel geredet, sehr viel geredet bevor es irgendwann endlich zur Sache geht. Und wenn der gute Nate dann endlich eine Frau ins Bett gequatscht hat, beweist Adelle Waldmann leider, dass sie sich doch nicht so gut in einen Mann hineinversetzen kann. Weder in ihren Protagonisten Nate, noch in den lesenden Mann, der sich durch Seiten langweiliger präkoitaler Anbahnungsgespräche gequält hat, um dann mit einem knappen Satz über den Vollzug des Beischlafs informiert zu werden. Und gleich darauf wird schon wieder geredet – diesmal dann postkoital. Geschwätzig – das ist es, was mir als erstes einfallen würde, um dieses Buch zu beschreiben. Und hier sind wir wieder da, wo die Los Angeles Times in Ihrer Einschätzung zu diesem Roman grundlegend falsch liegt. Denn wenn es Frau Waldman tatsächlich gelungen wäre, sich so perfekt in einen Mann hinein zu versetzen, dann wäre diese Geschwätzigkeit zumindest zielführender gewesen. Aber so erinnert dieses Buch doch stark an so beliebte New Yorker Serien, wie „How I Met your Mother“ und „Sex and the City“. Die Protagonisten treffen sich in irgendwelchen angesagten Bistros und Restaurants oder auf einer Party und quatschen. Über Berufliches und Privates, über dies und das, über Freunde, über ihr kompliziertes Liebesleben. Und so ist es auch in diesem Roman. Als Leser sitzt man ständig irgendwo als dritter, unsichtbarer Gast mit am Tisch, steht auf irgendwelchen Partys in New Yorker Küchen rum und hört lesend irgendwelchen Gesprächen zu. Am Anfang war ich noch recht interessiert, war gespannt auf den neuzeitlichen Casanova, wollte wissen, wie die hippe, politisch korrekte und nachhaltige Version eines Womanizers funktioniert. Aber irgendwann, so ab Seite 150, bin ich mental ausgestiegen, fühlte mich zugelullt. Mir fielen mitten in einem Streitgespräch zwischen Nate und Hannah die Augen zu. Ich wusste ja gleich, dass das nichts wird mit den beiden. Das sieht so ein lebenserfahrener Mann wie ich sofort. Aber Nate musste erst noch stundenlang rumlabern und die Geschichte mit Freunden besprechen und von allen Seiten erörtern. http://media.buchhandel.de/cover/9783954380480/9783954380480-cover-m.jpg Wenn es denn wenigstens sprachlich besonders bemerkenswert gewesen wäre, dann hätte ich der gepflegten Langeweile ja noch irgendwas Positives abgewinnen können. Aber auch hier bietet Adelle Waldmann nicht wirklich Bemerkenswertes. Saubere Sätze, einfach konstruiert, zweckmäßig und funktional – aber nichts, was einen vom Hocker haut. Und so hab ich ab Seite 150 in den Querlesemodus geschaltet. Eine Seite lesen, zehn Seiten vorblättern, dann wieder ein, zwei Seiten lesen, sich auf einer Party mit dazu stellen, kurz checken, worum es geht, wieder ein paar Seiten vorblättern und so fort. Und am Ende hat es mich natürlich nicht gewundert, dass aus Nate und Hannah nichts wurde und die scharfe, aber etwas einfach strukturierte Greer das Rennen gemacht hat. Mein Fazit: Wer wissen will, wie sehr geschwätzige Frauen sich das langweilige Liebesleben eines modernen Casanovas vorstellen, sollte dieses Buch lesen. Man könnte aber auch einfach eine Folge „Sex and the City“ schauen. ______________________________ Verlag: Liebeskind Verlagsbuchhandlung 304 Seiten, 19,90 Euro Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Zimmermann Hier klicken und auf Buchhandel.de bestellen. Titelfoto: Gabriele Luger