Franzobel – Rechtswalzer

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Nun ja, was soll ich zu diesem Buch sagen? Es ist gut gemeint, sicherlich auch wichtig, auf seine Art auch unterhaltsam, streckenweise sogar richtig spannend und humorig. Aber trotzdem hat es mich, obwohl ich es in einem Rutsch durchgelesen habe, nicht überzeugt. Zu naheliegend die ganze Geschichte, beinahe naiv anmutend, der Humor zu mainstream, die tragischen Verkettungen zu vorhersehbar, das Österreich-Bild zu klischeehaft. Franzobel als österreichischer Houellebecq. Das musste ja in die Hose gehen.

Wenn ich nicht vor ein paar Wochen Franzobels „Liebesgeschichte“ aus dem Jahr 2007 gelesen hätte, wäre mir dieser Houellebecq-Vergleich vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen. Aber in dem durchaus lesenswerten Backlist-Titel haben mich die kruden Sexfantasien schon sehr an den französischen Großmeister erinnert, und auch der Plot seines aktuellen Werks ließ mich nicht nur wegen des vorangestellten Zitats immer wieder an das dystopische Szenario von „Unterwerfung“ denken.

Dabei scheint Franzobel einen direkten Vergleich mit Houellebecqs Sujet schon allein dadurch umgehen zu wollen, dass er „Rechtswalzer“ als Kriminalroman tituliert und ihn der Verlag darin unterstützt, indem er den Titel als Paperback veröffentlicht. Doch für einen Kriminalroman ist die Story zu vielschichtig. Und das meine ich jetzt durchaus positiv. Rechtswalzer hat literarisches Potenzial, bietet viel mehr als die klassischen Ermittler-sucht-den-Mörder-Krimis und ist, wenn schon unbedingt Krimi, dann zumindest ein sehr literarischer.

Doch worum geht’s? Die Geschichte spielt im Wien des Jahres 2025. Die rechtspopulistische und islamophobe Partei LIMES ist seit wenigen Monaten an der Macht. Malte Dinger, Getränkehändler, Barbesitzer und Familienvater bringt morgens seinen Sohn Carvin in die Schule und gerät auf dem Rückweg in eine Fahrkartenkontrolle. Was dann passiert, hätte selbst Bastian Pastewka nicht besser hinbekommen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt schließlich dazu, dass Malte in Untersuchungshaft kommt und am Ende sogar für ein Kapitaldelikt angeklagt wird. Er wird aus seinem Leben gerissen und ist der Willkür des Machtapparates und der Brutalität des Gefängnisalltages ausgeliefert. Parallel ermittelt Kommissar Groschen in einem mysteriösen Mordfall, bei dem ein Unbekannter brutal gefoltert und mit kochend heißem Wasser sozusagen totgekocht wurde. Beide Erzählstränge nähern sich immer mehr an und kommen am Ende zusammen. Zum fulminanten Showdown kommt es dann beim traditionellen Wiener Opernball. Mehr möchte ich gar nicht verraten.

Natürlich ist es interessant und sehr zeitgemäß, die derzeitigen politischen Strömungen, die nicht nur in Europa sondern weltweit immer weiter nach rechts rücken, einfach mal weiterzudenken. Wo landen wir, wenn das so weitergeht und es keiner aufhält, wenn die Zeichen nicht erkannt werden, wenn Geschichte sich wiederholt. In Rechtswalzer kann man lesen, was passieren könnte. Hier vollzieht sich, was 1933 schon in Deutschland stattgefunden hat. Wenn Toleranz und Meinungsvielfalt verschwinden, wenn aus einem Rechtsstaat ein Unrechtsstaat, aus Demokratie Diktatur wird. Und wie schon 1933 ff. gibt es in diesem Prozess sowohl Gewinner als auch Verlierer. Malte Dinger scheint definitiv zu den Verlierern zu gehören, obwohl er gar nicht politisch ist und eigentlich nur sein ganz normales Leben führen will. Aber der Roman zeigt sehr anschaulich, dass in solch einer Situation keiner mehr nicht-politisch ist, die Veränderungen alle betreffen, und niemand sich raushalten kann.

So weit, so wichtig. Und doch erscheint mir das alles ein wenig zu banal, kommt mir vor wie spätpubertäre Antifa-Prosa – zu augenscheinlich, zu sehr nach Schema F. Unterstützt wird dieses Bild von einem, ich würde mal sagen, sehr einfach strukturierten Humor, der sich in so profanen Aussagen wie „Kein Geld ist auch keine Lösung“ und an Stand-up-Comedy erinnernden Schmunzlern äußert. Das alles relativiert das Bild und lässt mich zu dem Fazit kommen, dass  Rechtswalzer zwar durchaus gesellschaftspoltitische Relevanz und literarisches Potenzial hat, sich aber in dem Bemühen des Autors, dem Topic die Schwere zu nehmen, in unterhaltsamer Beliebigkeit verliert. Schade.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Zsolnay
416 Seiten, 19,00 €