Wie ich gelernt habe, zuzuhören (last man listening)

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Ich lese gern, aber ich bin oft müde. Das lässt sich nicht ändern – leider. Nicht mit Cola, nicht mit Kaffee. Diesen Preis muss ich zahlen; für ein übervolles Leben, das frühe Aufstehen, die ganzen vielen Jahre auf dem Buckel. Wenn ich abends das machen will, worauf ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe, ist oft schon nach wenigen Seiten Feierabend. Die Augen, die Lider, der Kopf, alles. Mein Körper will nicht mehr. Will nichts mehr halten, nichts mehr schauen, nicht mehr denken. Will nur noch schlafen.

Und jeden Morgen dann der erste Selbstvorwurf des Tages: „Aber ich wollte doch noch lesen!“ Wollte eintauchen, abschalten, mal was anderes, als nur mein Leben. So schaffe ich das niemals. Den Kanon, die Neuheiten, meine Backlist-Helden. Andere lesen über hundert Bücher im Jahr. Und ich? Warum schaffe ich das nicht? Fehlt mir der Ehrgeiz oder nur Zeit und Schlaf?

Lange war ich gefangen, fand keinen Ausweg aus der Misere. Allabendliche Kapitulation und morgendliche Anklage. Ein Teufelskreis. 50 Bücher im Jahr, mehr war beim besten Willen nicht nicht drin. Und das auch nur, wenn ich mich im Sommer aus der Gartenarbeit rauszog und auf jegliche Art von Sport verzichtete. Die Folge: vorwurfsvolle Blicke und zehn Kilo plus auf den Rippen.

Energy Drinks, nur noch halbtags arbeiten – alles angedacht, alles keine Lösung. Das Lesen komplett dran geben? Niemals!  Was wird dann aus mir? Wer bin ich dann noch? Eine arme Wurst – ausgeschlafen aber leer. Und plötzlich dann die Lösung. Warum mach ich es eigentlich nicht wie im Job? Was ich selber nicht schaffe, delegieren. An Kollegen, die vieles oftmals besser können als ich. Wenn also selber lesen nicht geht, warum dann nicht andere für einen lesen lassen? Nichts tun, einfach nur noch sitzen und zuhören – like a boss.

Zunächst war ich skeptisch. In meinem Umfeld bin ich nicht unbedingt als ein guter Zuhörer bekannt. Hören ist mir irgendwie zu passiv. Ich halte gerne das Heft in der Hand, bin viel lieber Protagonist als Rezipient. So gesehen müsste ich eigentlich eher schreiben als lesen. Und jetzt also keins von beiden, sondern einfach nur zuhören. Zurücktreten ins Glied und andere machen lassen. Ist das mein Ding?

Ja, ist es. Ich hab’s ausprobiert und für gut befunden. Angefangen habe ich mit was Leichtem, Dan Brown, „Origin“ war mein erstes Hörbuch. Hat gut geklappt, ich konnte mich konzentrieren, die Protagonisten zuordnen, der Handlung folgen. Und obwohl Dan Brown so überhaupt nicht mein Anspruch ist, hat mir das Zuhören Spaß gemacht. Und dann die nächsten Ausbaustufen: ein anspruchsvoller Krimi und ein Klassiker. Volker Kutschers „ Der nasse Fisch“ und Falladas „Kleiner Mann“ – beides klappte nicht nur problemlos, sondern konfrontierte mich mit einer eigentlich profanen aber dennoch für mich überraschend neuen Erkenntnis: Es gibt Menschen, die können deutlich besser lesen, als ich.

Zwischen dem, was ich mir so zurechtlese – mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht konzentriert – und dem, was professionelle Hörbuchsprecher*innen wie David Nathan, Eva Mattes oder Ulrich Noethen abliefern, liegen Welten. Und noch etwas habe ich in diesem Fall überhaupt nicht für möglich gehalten: Bücher vorgelesen zu bekommen, ist nicht nur praktisch und bequem, es erhöht sogar den Literaturgenuss deutlich. Ein durchschnittliches Buch, von einem Profi gut vorgelesen kommt bei mir oftmals besser weg, als ein gutes Buch, dem ich aufgrund von Übermüdung und Unkonzentriertheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit widmen kann. Ein Hörbuchsprecher ist nie übermüdet und unkonzentriert, sondern immer zu 100 Prozent im Text. Da bekommt jeder Satz, die Aufmerksamkeit und Betonung, die er verdient. Da werden keine Passagen geschludert, da wird nicht quer gelesen, da wird wird Wort für Wort wertgeschätzt. Eine solch konstant hohe Lese-Performance kann ich als Für-Mich-Leser natürlich nicht vorweisen.

Doch einen Haken hat die Sache schon. Ein Hörbuchsprecher kann noch so wach und konzentriert sein, wenn der Zuhörende das nicht auch ist, hat man nichts gewonnen. Beim Hören ist das Risiko des gedanklichen Abschweifens und Einnickens noch wesentlich höher als beim Lesen. Zuhören ist noch passiver, verbraucht noch weniger Kalorien. Man muss nichts halten, umblättern, die Augen nicht bewegen, ja noch nicht mal aufhalten. Abends auf dem Sofa noch ein paar Stunden Hörbuch hören, geht zum Beispiel gar nicht. Nach fünf Minuten bin ich eingeschlafen.

Hörbuch höre ich daher nur, wenn ich in Bewegung bin: Sport mache, im Garten arbeite, mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs bin. Statt auf dem Sofa herumzusitzen, suche ich mir Bewegung, um noch mehr Hörbuch zu hören. An einem durchschnittlichen Wochentag kommen da schon ein paar Stunden Hörbuchzeit zusammen, besonders seit ich fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre.

Und so schaffe ich jetzt doch noch an die 100 Bücher im Jahr – die eine Hälfte gelesen, die andere gehört – und freue mich über die gewonnene Zeit für den Kanon, die ganzen Neuerscheinungen und die Backlist meiner Helden. Der Wecker klingelt immer noch früh, das Leben ist nach wie vor übervoll, aber die Jahre auf dem Buckel wiegen weniger schwer. Und zwar ziemlich genau sieben Kilo, die ich seitdem weniger auf den Rippen habe.

 

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Foto: Gabriele Luger