Stefanie de Velasco – Kein Teil der Welt

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Wir leben in einer Welt, die immer radikaler wird. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr scheint mir das eine ganz natürliche Entwicklung zu sein; vollkommen ok, geradezu zwangsläufig und konsequent. Die einzig richtige Reaktion auf den Lauf der Zeit, auf den Überfluss, die schiere Masse an Meinungen und Überzeugungen. Wer eine Botschaft hat und damit wahrgenommen werden will, muss radikal sein. Nicht glattgebügelt, nett und gefällig, sondern deutlich drüber, kompromisslos und willensstark.

Greta Thunberg hat das vorgemacht und Millionen auf der der ganzen Welt folgen ihr. Etwas, wovon die Zeugen Jehovas derzeit nur träumen können. Obwohl sie nicht nur Freitags, sondern tagtäglich in den Fußgängerzonen herumstehen und über deutlich besser gestaltete Aufsteller und Werbemittel verfügen. Aber die bieder gekleideten Zeugen sind nicht unbedingt die coolsten Typen und ihr Jehova im Moment nicht so angesagt. Doch eines muss man ihnen lassen: radikal und kompromisslos sind auch sie. Und dass die Welt demnächst untergeht, wussten sie schon lange bevor der erste Eisberg zu schmelzen begann. Harmagedon is coming – und das schon seit mehr als fünfzig Jahren.

Warum ich das schreibe? Weil dieser Roman ein Coming-of-Age bei den Zeugen Jehovas beschreibt und mir all das seit der Lektüre dieses Buches permanent durch den Kopf geht. Weil ich zwischen Sympathie und Ablehnung hin- und hergerissen bin und nicht zuletzt, weil ich meine eigene Geschichte mit dieser Glaubensgemeinschaft habe.

Ich kann ja keine Bücher wegschmeißen, horte in einer Kiste auf dem Dachboden sogar noch meine alten Schulbücher. Aber dieses eine kleine rote Buch mit dem Titel „Mache deine Jugend zum Erfolg“ kann ich leider nicht mehr finden. So wie die Protagonistinnen dieses Romans, Esther und Sulamith, habe auch ich es geschenkt bekommen, als ich in die Pubertät kam. Denn meine Großeltern waren praktizierende Zeugen Jehovas. Und jetzt folgt kein Outing und auch keine Anklage, denn mit diesen beiden geliebten Menschen verbinde ich die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit.

Ich kann mich noch gut an all die Versammlungen und Bibelabende erinnern, zu denen sie mich ab und zu mitgenommen haben. An all die Brüder und Schwestern, die manchmal auf ein Gebet vorbei kamen, an die vielen spannenden Bibel-Geschichten und mein Jehova Gute-Nacht-Gebet. Und was in diesem kleinen roten Pubertätsleitfaden stand, daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Dass ich mich rasieren und regelmäßig unter den Armen und im Schritt waschen soll und dass Masturbation den Geist verwirrt. Ich habe das Buch damals mit in die Schule genommen, und obwohl ich meine Großeltern sehr geliebt habe, haben wir alle herzlich über diesen Blödsinn gelacht. Das gleiche höhnische Lachen, das auch die beiden Romanheldinnen Esther und Sulamith nur zu gut kennen. Die ganz normale Reaktion von allen, die in der Welt und außerhalb der Wahrheit leben.

Ich bin kein Experte, habe den Glauben niemals praktiziert, war immer nur Gast, aber für mich hat Stefanie de Velasco das Erwachsenwerden im Kreise der Zeugen sehr glaubwürdig, authentisch und ohne Übertreibungen beschrieben. Kein Wunder, denn sie hat das alles am eigenen Leib erfahren, nicht nur als Gast, sondern als Teil der Gemeinschaft. Und doch ist das hier kein Memoir, sondern eine konstruierte Geschichte mit erfundenen Charakteren, ausgedachten Orten und Situationen, die es so nie gegeben hat. Nicht genau so, aber so ähnlich.

Was soll ich sagen? Ich bin kein schneller Leser, aber die mehr als vierhundert Seiten dieses Romans habe ich innerhalb eines Wochenendes wie in einem Rausch weggelesen. Und das ist nicht nur meiner persönlichen Verquickung mit dem Thema geschuldet. Nein, weil dieser Roman einfach so perfekt konstruiert und atmosphärisch dicht ist, dass man in einen regelrechten Leserausch verfällt. Hier passiert, wovon alle Leseratten immer träumen. Man taucht komplett ein, identifiziert sich zu 100 Prozent, kann nicht aufhören zu lesen, fühlt sich am Ende ausgelaugt und leer aber auch so, als hätte man etwas ganz Besonderes erlebt.

Und vielleicht entschädigen ja diese überschwänglichen Zeilen all diejenigen, die diesen Blogbeitrag bis hierhin ausgehalten haben, in der vagen Hoffnung, doch noch zu erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Es tut mir leid, aber ich muss euch wieder mal enttäuschen und auf die einschlägigen Inhaltsangaben-Blogs verweisen. Trotzdem will, kann und muss ich eine echte Leseempfehlung aussprechen. Lest diesen Roman, lasst das Thema an euch ran, überlegt, wo ihr steht, woran ihr glaubt, was euch Halt gibt und wo ihr geistig und emotional zu Hause seid. Das sind alles ganz zentrale Fragen, die letztlich mit darüber entscheiden, was ein jeder von uns für ein ein Leben führt: entweder glattgebügelt, nett und gefällig, oder aber deutlich drüber, kompromisslos, willensstark und im besten Sinne radikal.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten, 22,00 €

 

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