Keine Angst vor Corona: Leipzig ist safe

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Mehr als 230 Messen weltweit wurden aufgrund der Corona-Epidemie schon abgesagt. Zahlreiche weitere Großveranstaltungen stehen zur Disposition. Nur aus Leipzig heißt es weiterhin: Die Buchmesse findet auf jeden Fall statt. Allerdings mit zahlreichen Einschränkungen und speziellen Sicherheits-Vorkehrungen, die zusammen mit sächsischen Hygiene-Experten erarbeitet wurden, um die Ansteckungsgefahr bei Ausstellern und Besuchern auf ein Minimum zu reduzieren. Hier die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen im Überblick: 

Die schärfsten Restriktionen betreffen die Aussteller und Besucher der beliebten Manga-Comic Con, die auch dieses Jahr wieder in Halle 1 stattfinden wird, allerdings diesmal in deutlich veränderter Form. Alle asiatischen Bezüge, d.h. Comics, Kostüme, Devotionalien aus China, Japan und dem asiatischen Raum, dem Hauptverbreitungsgebiet des Corona Virus, sind in diesem Jahr verboten.  Messebesuchern, die als asiatische Manga-Comic-Charaktere verkleidet sind, wird der Messezutritt verwehrt. Erlaubt sind ausschließlich deutsche oder europäische Comic-Charaktere wie Fix & Foxi, Asterix und Obelix oder Tim und Struppi. Vereinzelte Einschränkungen gibt es auch bei Figuren aus Nord-Italien. Die Messeleitung bittet die Cos-Player, sich im Vorfeld über die Herkunft der Figuren, die sie darstellen, zu informieren und entsprechende Herkunftsnachweise bei sich zu führen. 

Doch das sind nicht die einzigen Veränderungen. Da das Buch in gedruckter Form auf Papier ein idealer Überträger für Viren und Krankheitserreger jeglicher Art ist, wird die Leipziger Buchmesse dieses Jahr als reine eBook- und Hörbuchmesse stattfinden. Bücherregale mit echten Büchern, in denen Tausende von Messebesuchern blättern, lesen, hineinatmen und -husten wird es in diesem Jahr nicht mehr geben. Zu hoch ist die Ansteckungsgefahr. Wie die Hygiene-Experten in zahlreichen Tests herausgefunden haben, bleiben je nach Papierbeschaffenheit auch nach gründlicher Desinfektion auf einzelnen Seiten noch Krankheitserreger zurück. Insbesondere die unteren Seitenecken der Messeexponate sind durch die weit verbreitete Unsitte des Umblätterns mittels eines mit Spucke angefeuchteten Fingers, hochansteckend. E-Book-Reader und Abspielgeräte für Hörbücher lassen sich dagegen leicht mit handelsüblichen Desinfektionsmitteln säubern. Spezielle Desinfektionsbeausftragte an den Ständen der Verlage sorgen dafür, dass eine Reinigung der Geräte nach jedem Besucherkontakt erfolgt. 

Durch diese Vorkehrungen bietet die Leipziger Buchmesse Besuchern und Ausstellern nicht nur ein Optimum an Sicherheit, sondern auch ein völlig neues, multimediales Messeerlebnis. Dafür wird jedem Besucher am Eingang ein Hygiene-Set übergeben, bestehend aus Mundschutz, Latexhandschuhen und keimfrei verpackten Bluetooth-Kopfhörern, die während des gesamten Aufenthalts in den Hallen getragen werden müssen. Das bisher auf Buchmessen von vielen als störend empfundene und zudem hochansteckende ‚Socialising‘ entfällt damit komplett, und die Messebesucher können sich voll und ganz auf die literarischen Frühjahrskollektion der Verlage konzentrieren. 

Auch wenn das neue Messekonzept aus der Not geboren wurde, könnten sich zahlreiche  Aussteller durchaus vorstellen, das auch in den kommenden Jahren so weiterzuführen. „Es hat uns schon immer arg gestört, dass die Buchmesse für viele Besucher eigentlich nur ein Ort der Begegnung, des intensiven Austauschs und des hemmungslosen Party-Machens war. Die Literatur kam dabei leider immer zu kurz“, sagt der Verleger eines großen Publikumsverlages, der  nicht namentlich genannt werden möchte. Andere Verlags-Repräsentanten äußerten sich ähnlich.

Besonders positiv wird diese Entwicklung natürlich von den eBook- und Hörbuchverlagen gesehen, die in Leipzig aus ihrer Nische treten und erstmals die Branche als Ganzes repräsentieren. „Corona ist erst der Anfang“, sagt eine führende Hörbuchverlegerin. „Klimawandel, Natur-Katastrophen und globale Epidemien spielen uns in die Karten und zeigen allen, dass digitale Literatur auch dann noch funktioniert, wenn die analoge Welt komplett zusammenbricht.“ 

Ob in Zukunft dann überhaupt noch eine Reise nach Leipzig oder Frankfurt notwendig sein wird, weil man eine Messe wesentlich besser, effektiver und vor allen Dingen gesünder mit einer 3D-Brille im Netz erkunden kann, bleibt erstmal dahingestellt. Die Erfahrungen mit der neuen #lbm2020 werden es zeigen. 

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Disclaimer: Wer berechtigte Zweifel am Wahrheitsgehalt dieses Beitrages hegt, klicke bitte hier für weitere Informationen. 

Uns geht’s ja noch gold

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Schönwetterfront aus Leipzig beflügelt die Branche.

Was ist in letzter Zeit nicht alles geschrieben worden. Von schlechten Zahlen und düsteren Aussichten, von Millionen neuen Nicht-Lesern und vom bösen Netflix. Jede Woche ein neuer Abgesang und nicht zuletzt die Insolvenz des Großhandels. Also noch mal schnell nach Leipzig fahren, bevor es da demnächst keine Buchmesse mehr gibt. Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Vielleicht lag es an dem herrlichen Frühlingswetter oder daran, dass Totgesagte bekanntlich länger leben, doch von Untergangsstimmung war in Leipzig 2019 überhaupt nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. „Das Buch ist tot, es lebe das Buch“, so könnte das neue Motto lauten, mit dem die Branche die schlechten Nachrichten einfach weg lächelt. Krise? Welche Krise? Noch einen Prosecco?

Natürlich sind die Probleme nach wie vor da und richtige gute Lösungen für eine wirtschaftliche Gesundung des Buchmarktes immer noch nicht in Sicht. Um Kosten zu sparen, verzichtet zum Beispiel ein Großverlag jetzt komplett auf Vorschau-Kataloge. Weder gedruckt noch digital, es gibt sie einfach gar nicht mehr. Die Buchhändler können sich ja im Online-Bestellportal über das Programm informieren. Und ob man tatsächlich unbedingt innerhalb von 24 Stunden jeden Buchtitel liefern muss, ist auch so ein Ding, über das man mal nachdenken sollte. Es kommt einem vor, als hätte die Branche beschlossen, sich von schlechten Nachrichten nicht mehr länger runterziehen zu lassen. Die Veränderungen akzeptieren, den Gürtel enger schnallen und einfach weiter gute Arbeit machen. Irgendwann geht es schon wieder bergauf. Und in der Zwischenzeit genießen wir einfach das schöne Wetter in Leipzig.

Ja, warum eigentlich nicht? Wieso immer auf das Schlechte und nicht auch mal auf das Gute schauen? Gerade hat die Messe ihren Schlussbericht veröffentlich: 286.000 Besucher, 15.000 mehr als im Vorjahr! Na bitte, geht doch. Dass im letzten Jahr aufgrund des Wintereinbruchs der komplette Nah- und Fernverkehr ausgefallen war und man weder nach Leipzig rein noch raus kam, bleibt unerwähnt. Und auch nur Spielverderber und Dauernörgler würden jetzt anmerken, dass die Messegesellschaft den Begriff ‚Besucher‘ dieses Jahr etwas schwammig formuliert und die Zahlen von „Leipzig liest“ einfach dazu addiert hat. Wer mag angesichts solcher Steigerungsraten noch von Krise sprechen?

Und auch bei den Bloggern hat sich die Stimmung wieder deutlich verbessert. Der Hype ist definitiv vorbei, die großen Illusionen und Hoffnungen auf eine stetig steigende Reichweite sowie eine angemessene Monetarisierung unserer Leistungen sind längst begraben. Alle, die noch dabei sind, haben sich mit der Situation arrangiert. Auch die zunächst als Leichtgewichte belächelten Bookstagrammer, bei denen es sich zu einem großen Teil um das Verkaufspersonal des Buchhandels handelt, sind mittlerweile in den Kreis der relevanten Blogger aufgenommen worden. Und andersrum genauso.

Was vieles einfacher macht: Heißgetränke-Bookselfies mit ein paar Zeilen Text und den richtigen Hashtags gehen bei den Verlagen mittlerweile als Rezensionen durch. Das reduziert den Aufwand ungemein. Aber natürlich trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen. Denn einfach nur mit dem Handy ein Foto machen und vom Klapper die Inhaltsangabe abschreiben, bringt noch keine Reichweite. Erst hier und da ein nacktes Körperteil, überbordende Bücherhaufen oder zu Drachenflügeln dekorierte Einbände machen aus einem einfachen Bookstagrammer einen ernstzunehmenden Influencer. Und um solche Fotos zu machen, braucht man mitunter länger, als für eine ausführliche Rezension.

Aber auch hier gilt: Es ist halt so. Der große Elfenbeinturm ist längst eingestürzt. Was soll also erst die professionelle Literaturkritik sagen, die mit ihren Analysen und geistreichen Ergüssen Jahr für Jahr immer weniger Menschen erreicht und sich nicht nur das Pressezentrum in Leipzig, sondern auch die schwindende Aufmerksamkeit für das Medium Buch mit all den Möchtegern-Kritikern teilen muss.

Die großen und kleinen Probleme der gebeutelten Buchbranche scheinen dieses Jahr unter der gleißenden Frühlingssonne von Leipzig einfach so dahingeschmolzen zu sein. Die Zeiten sind nach wie vor hart, wir haben noch viel zu tun, aber seien wir doch mal ehrlich: Im Vergleich zu anderen Branchen geht’s uns ja noch gold. Oder?

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Foto: Gabriele Luger