Lost in Translation

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Ich habe hier auf Buchrevier schon viel über meinen Lieblingsschriftsteller geschrieben. Wer will, kann hier, hier und hier nachlesen, wieso, warum und was ich an Haruki Murakami, dem ewigen Anwärter auf den Literaturnobelpreis, so mag. Diese Woche ist mit „Die Chroniken des Aufziehvogels“ wieder ein neuer Tausendseiter von Murakami erschienen. Kein neues Werk, sondern nur eine neue Übersetzung des bereits 1998 auf Deutsch erschienenen Romans mit dem Titel „Mister Aufziehvogel“. Das Besondere daran: Die neue Übersetzung ist Sage und Schreibe 300 Seiten länger als die Erstübersetzung. 

Normalerweise erregt die Neuübersetzung eines über zwanzig Jahre alten Romans keine große Aufmerksamkeit, aber bei Murakami ist das anders. Nach dem berühmten Streit im Literarischen Quartett über den im Jahr 2000 erschienenen Roman „Gefährliche Geliebte“ werden Murakamis Romane nicht mehr aus dem amerikanischen Englisch, sondern aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Damals wurde insbesondere von Sigrid Löffler die locker-flapsige, derbe und irgendwie „unjapanische“ Ausdrucksweise kritisiert. Seit „Naokos Lächeln“ ist daher Ursula Gräfe für die Übersetzung von Murakamis Werk aus dem japanischen Original ins Deutsche verantwortlich. Die Übersetzerin erfreut sich im Literaturbetrieb einer großen Wertschätzung, und wenn in meiner Bubble ihr Name genannt wird, dann immer mit dem Zusatz die „wunderbare“, „grandiose“ oder auch „bemerkenswerte“ Ursula Gräfe.

Ich habe die Frau nie erlebt und kann daher nicht beurteilen, ob eines dieser Attribute tatsächlich auf sie zutrifft. Ich kenne nur ihre Übersetzungen, und eigentlich kann ich auch diese nicht richtig  beurteilen, da ich wie die meisten deutschen Murakami-Leser kein Japanisch kann. Ich weiß nur, dass ich die Roman-Übersetzungen aus dem amerikanischen Englisch deutlich besser fand. 

Das zu behaupten, birgt die Gefahr, als einer dazustehen, der zu blöd und ungebildet ist, um die wahre Schönheit des Originals zu wertschätzen. Wie jemand, der gerne japanisch isst, aber bitte ohne Fisch und wenn, dann paniert und dem deutschen Gaumen angepasst. Mit dieser Aussage stelle ich nicht nur die Arbeit der wunderbaren Übersetzerin, sondern auch das Original als solches infrage. Aber so empfinde ich es nun mal, und nachdem ich wirklich alles von Murakami gelesen habe, bin ich der Meinung, mir ein solches Urteil auch erlauben zu können.

Die von Sigrid Löffler kritisierte sprachliche Lockerheit der Romane bis 2000 habe ich immer als besonders interessanten und lebendigen Kontrast zur oftmals spannungsarmen Handlung und den immer irgendwie depressiven und in sich gekehrten Protagonisten empfunden. Seit Gräfe Murakami aus dem Original übersetzt, ist diese Lebendigkeit nicht mehr da und die Sprache genauso „low“ wie die Gemütsverfassung der Romanhelden. Kann sein, dass das dem japanischen Original mehr entspricht, aber selbst Murakami kennt das Problem und hat in seinen Anfängen alle Texte zunächst in Englisch geschrieben und dann selber ins Japanische übersetzt. In seiner inoffiziellen Autobiografie „Von Beruf Schriftsteller“ (übersetzt von der unermüdlichen Ursula Gräfe, Seite 35 ff)) schreibt er dazu:

„Meine Beherrschung der englischen Sprache war natürlich nicht gerade berauschend. So stand mir nur eine begrenzte Anzahl an Vokabeln und Konstruktionen zur Verfügung und meine Sätze gerieten naturgemäß sehr kurz. Ganz gleich welch komplizierten Gedanken ich in meinem Kopf ausbrütete, auf Englisch konnte ich sie so nicht ausdrücken. Also formulierte ich ihren Inhalt in möglichst einfachen Worten, paraphrasierte leicht verständlich, entfernte alles Überflüssige aus meinen Schilderungen… Ein roher, sehr kompakter Text entstand. … Als ich entdeckte, welche interessanten Ergebnisse ich erzielte, wenn ich in einer fremden Sprache schrieb und mir einen eigenen Schreibrhythmus angeeignete hatte,… setzte ich mich mit Manuskriptpapier und Füller an den Schreibtisch und übersetzte das, was ich auf Englisch geschrieben hatte, ins Japanische…. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Auf diese Weise kam unweigerlich ein neuer japanischer Stil zustande, der zugleich mein eigener war. Der Stil, den ich selbst gefunden hatte.“ 

Dieser ganz besondere Stil war es, der mir an Murakami immer so gefallen hat. Der erste Roman, den ich von ihm las, war „Gefährliche Geliebte“, und dieses Buch begeisterte mich damals genauso wie Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki. Als dann im Jahr 2013 die Neuübersetzung aus dem japanischen Original unter dem Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ erschien, konnte ich diese Begeisterung nur noch schwer nachvollziehen. Natürlich – ich war 13 Jahre älter, in einer ganz anderen Lebensphase und hatte mittlerweile 7-8 andere Romane von Murakami gelesen – man stumpft ab und gewöhnt sich, aber die Neuübersetzung war in meinen Augen auch deutlich schwächer. 

Allein der Name des Buches verdeutlicht das. „Gefährliche Geliebte“ ist ein sprechender, verkaufsstarker Titel, den man sich gut merken kann und der dem Leser ein emotionsgeladenes Lesevergnügen verspricht. „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ ist natürlich poetischer und vielleicht auch japanischer, verströmt aber eine grenzenlose Langeweile und ist so wenig prägnant, dass man den Titel schon vergessen hat, nachdem man ihn ausgesprochen hat. Und auch der Einstieg ins Buch, die wichtigen ersten Sätze, sind in der Neuübersetzung deutlich schwächer, als in der Übersetzung aus dem Amerikanischen. „Gefährliche Geliebte“ in der Übersetzung von Giovanni Bandini und Ditte Bandini beginnt mit folgendem Satz: 

„Ich bin am vierten Januar 1951 geboren, in der ersten Woche des ersten Monats des ersten Jahres der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine denkwürdige Konstellation, nehme ich an, und darum gaben mir meine Eltern den Namen Hajime – Japanisch für „Beginn“.

In der Übersetzung von Ursula Gräfe hört sich die gleiche Passage so an: 

„Mein Geburtstag fiel auf den 4.Januar 1951, also in der ersten Woche des ersten Monats zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aufgrund dieses denkwürdigen Datums erhielt ich den Namen Hajime, was „Anfang“ bedeutet.

Erkennt ihr den Unterschied? Die Übersetzung aus dem Amerikanischen ist fließender und sprachlich deutlich eleganter, wohingegen die Übersetzung aus dem Japanischen merkwürdig ungelenk und hölzern klingt. Natürlich ist das kleinliche Wortklauberei, aber geht es in der Literatur nicht um genau das? Sind es nicht diese kleinen Nuancen, die darüber entscheiden, was gut und was weniger gut, was bedeutend und was profan ist?

Und nachdem ich bereits beim letzten Roman „Die Ermordung des Commendatore“ ziemlich ernüchtert war, stellt sich für mich die Frage: Ist Murakami am Ende seiner Karriere angekommen, oder braucht er einfach nur eine neue Übersetzerin? 

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Foto: Gabriele Luger