Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann (Hörbuch)

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So schrecklich ist es nun auch wieder nicht, entschied ich und hörte auch noch die restlichen vier Stunden vom Hörbuch. Vor einem Monat hatte ich es mittendrin schimpfend und entnervt abgebrochen, fand alles an diesem Werk vollkommen unerträglich – die Geschichte an sich, die Erzählweise, die billigen Metaphern und Wortspiele, die einfallslose Sprache. Und auch Sandra Hüller als Sprecherin hat mich nicht überzeugt.

Dabei hatte ich mir anfänglich so viel davon versprochen. Denn meiner Wahrnehmung nach schien Marianna Lekys Westerwaldroman das ultimative Lieblingsbuch der Blogs im Jahr 2017 zu sein. Immer wieder wurde in Verbindung mit diesem Titel der Begriff „Herzensbuch“ bemüht. Das allein hätte mich eigentlich schon aufhorchen lassen müssen, aber wie das nunmal so ist – nicht immer ist man voll konzentriert bei der Sache und so hängt man mir-nichts, dir-nichts in etwas drin, bei dem man sich unwillkürlich fragt: Was habe ich hier eigentlich verloren?

Hinzu kommt, dass ich als Hörbuch-Neuling immer noch etwas unsicher und skeptisch meinem eigenen Urteil gegenüber bin. Ist es das Medium an sich, die Sprecherin, meine Unkonzentriertheit beim Zuhören oder ist es doch das geschriebene Buch, das nicht funktioniert oder gefällt? Während ich beim Lesen nach ca. 50-100 Seiten Bescheid weiß, brauche ich beim Hören etwas länger für ein erstes Urteil. Als ich dieses Hörbuch vor ein paar Wochen nach der Hälfte unterbrach und bei Facebook offen meine Verwunderung über das Machwerk zum Ausdruck brachte, wurden erstmals auch kritische Stimmen laut. Das wunderte mich einerseits, beruhigte mich aber auch, stand ich doch demnach nicht allein mit meinem Urteil. Komischerweise habe ich aber bisher noch keinen echten Verriss gelesen.

Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Hört denn zum Beispiel keiner, dass Frau Leky überhaupt keine Dialoge schreiben kann? Das ganze Buch hindurch ist es ein quälend-hölzernes Hin und Her. Wie ein Schulkind fügt die Autorin eine wörtliche Rede an die andere, säuberlich getrennt von den ewig gleichen Zuordnungen in Form von ‚sagte er‘ und ‚sagte sie‘. „Das stimmt doch gar nicht“, sagte Selma. „Natürlich stimmt das“, sagte Luise. „Ich kann das nicht beurteilen“, sagte der Optiker. So geht es in einer Tour. Der eine sagt dieses, der andere sagt jenes. Keiner behauptet mal etwas, meint, führt an oder widerspricht – nein alle Romanfiguren können ausschließlich nur etwas ‚sagen‘.

Und dann diese peinlichen Metaphern. Allen voran das alberne Okapi, die knarzende Lederjacke des Therapeuten oder das Herz des Blauwals. Man muss das alles nur oft genug wiederholen, dann ist es mit soviel Bedeutung aufgeladen, dass das Bild auch den letzten Herzensbuch-Leser erreicht. Oder diese elenden Wortspiele: „Der Optiker verlor die Stimmen nicht, aber die Stimmen verloren den Optiker“. Da will man sofort eines dieser farbigen Post-It-Fähnchen an die Stelle kleben, damit einem dieses Bonmot auch ja nie mehr verloren geht.

Ich weiß nicht, warum ich überhaupt nach einem Monat Pause noch einmal reingehört und das Elend tatsächlich bis zum Ende durchgehalten habe. Es wurde noch viel gesagt, aber es wurde nicht besser. Für zusätzlichen Verdruss sorgte die Sprecherin des Hörbuchs, die einem bedeutungsschwanger mit den Metaphern winkend, einen Satz nach dem anderen mit tiefer Betroffenheit aufgeladenen ins Ohr träufelte.

Nach ca 10 bis 15 guten Erfahrungen war dies meine erste Hörbuchpleite. Ich bin sicher, dass dieses Westerwald-Märchen auch in der Printversion kein Herzensbuch von mir geworden wäre.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Printausgabe: DuMont
Hörbuch: tacheles!/Roof Music.  Erhältlich bei Audible
Länger: 8 h, 1 min
Gelesen von Sandra Hüller