Leserbrief #13

Zu diesem Leserbrief gab es bei Facebook und Twitter eine Menge sehr kritischer Kommentare. Besonders erschreckt hat mich, dass mir in einigen Posts mehr oder weniger direkt oder indirekt Antisemitismus vorgeworfen wurde. Das hat mich veranlasst, diesen Leserbrief für einen Tag offline zu schalten, und einen längeren Kommentarbeitrag dazu zu verfassen. In „Ein Wochenende mit Biller“ stelle ich mich den Vorwürfen in aller Ausführlichkeit und erläutere, warum ich diesen Text so und nicht anders formuliert habe. Auch auf die Gefahr hin, dass die Diskussion jetzt wieder losgeht, stelle ich den Leserbrief unverändert wieder ein, damit sich jeder ein Bild machen kann, worum es eigentlich ging.

 

Lieber Maxim,

sag mir doch bitte mal, wo du deine Brille her hast. Ich habe hier bei uns in der Stadt fast alle Geschäfte abgegrast und nirgendwo so ein Modell gefunden. Und frag mal einen Optiker nach einer Maxim-Biller-Brille. Der guckt dich nur fragend an und präsentiert dir stattdessen Modelle von Tommy Hilfiger und Wolfgang Joop. Einer meinte sogar, dass sie Biller-Brillen nicht führen. Ja, so ist das, wenn man mal im Fernsehen war. Eh du dich versiehst, bist du Stil-Ikone. Übrigens – die Jacke, die du neulich beim KiWi-Sommerfest in Berlin getragen hast, war auch ziemlich mega.

Aber zurück zur Literatur. Ziemlich viele Lobeshymnen, die dein neuer Roman gerade absahnt. Spiegel-Bestseller Nr. 17 und dazu noch eine Longlist-Nominierung – da kann man doch echt nicht klagen. Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste. Bist du denn sicher, dass einer der Preisträger davor nicht auch schon Jude war? Nicht jeder kehrt das ja so nach außen wie du. Dass Menasse Jude ist, höre ich jetzt übrigens zum ersten Mal. Und überhaupt: Mir ist es ziemlich egal, was für einen Glauben ein Schriftsteller hat. Hauptsache sein Buch ist gut.

Und jetzt mal ehrlich: Du weißt ja selbst, dass du dir mit deinen Auftritten im Literarischen Quartett nicht unbedingt viele Freunde gemacht hast. Einige betitelten dich ja sogar als Kotzbrocken. Sowas beeinflusst nun mal auch die Wahrnehmung als Autor. Dein TV-Abschied war daher ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn „Sechs Koffer“ also nicht auf der Shortlist landen sollte, dann könnte das viel eher an deinem negativen TV-Image liegen. Noch dazu – Lobeshymnen hin oder her – so besonders find ich deinen neuen Roman auch gar nicht. Ich hab mir das Hörbuch angehört, gesprochen von „The Voice“ Christian Brückner  höchstpersönlich, und war am Ende sogar ein wenig enttäuscht.

Ein Familienroman, ein autobiografischer sogar, mit Protagonisten, die du also eigentlich gut kennen solltest, die aber merkwürdig blass und oberflächlich bleiben. Sag mal, hast du nicht neulich erst eine Art Biografie geschrieben? Ok, der Roman hieß nur so. Aber trotzdem: Immer wieder im gleichen deutsch-jüdischen Geschichtensaft zu schmoren, ist auf die Dauer auch langweilig. Ich habe mir das trotzdem alles geduldig angehört, an einigen Stellen habe ich geschmunzelt, an anderen zustimmend genickt und mich insgesamt auch ganz passabel unterhalten gefühlt. Auch stilistisch gibt es nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil. Aber du weißt ja selber, dass du gut schreiben kannst. Am Ende hat mich die Geschichte um Onkel Dima, Onkel Lev und Tante Natalia aber doch ziemlich kalt gelassen, und so stand die Frage in Raum, was mir die Lektüre jetzt gebracht hat? Identifikationspotential gleich Null. Über dich, den Schriftsteller Maxim Biller, habe ich auch nicht so wirklich etwas erfahren. Und der eigentlich Spannung versprechende Plot rund um den Verrat an Großvater Biller und die Suche nach dem mutmaßlich Schuldigen schien am Ende gar nicht mehr wichtig zu sein. Jedes Familienmitglied hätte es gewesen sein können. Ist das die Botschaft? Dass Schuld immer eine Frage des Betrachtungswinkels ist? Dass jeder sowieso seine eigene Wahrheit hat, und dass es am Ende egal ist, warum etwas passiert, sondern wie man mit dem Geschehenen umgeht?

Kommen wir noch mal zurück auf dein zentrales Thema. Ich respektiere grundsätzlich jeden Glauben, habe aber ein Problem mit jeder Art von übersteigertem Sendungsbewusstsein. Daher befremdet es mich, wenn ein moderner Mensch wie du seine Religionszugehörigkeit so in den Mittelpunkt stellt. Schon im Literarischen Quartett ist mir das negativ aufgefallen. Immer wieder hast du dein Jüdisch-Sein als Begründung für irgendwas herangezogen. ‚Wir Juden können darüber nicht lachen, als Jude sehe ich das anders, Juden sagen immer die Wahrheit, ich als Jude meine dies und das.‘ Wenn das so eine Art Positionierung von dir ist, dein Alleinstellungsmerkmal im Literaturbetrieb, wenn du bewusst als jüdischer Autor wahrgenommen werden willst, als der deutsche Jonathan Safran Froer, dann, ja dann kannst du mit deiner Arbeit zufrieden sein. Das ist dir gelungen. Vielleicht geht es dir ja auch um Sichtbarkeit – seht her, ich bin Jude, ich schreibe, bin laut, nicht immer nett und nicht unauffällig. Ich provoziere und erlaube mir, eine Meinung zu haben, obwohl ich Jude bin. Vielleicht ist es das, was dich antreibt.

Egal, was es ist. Mein Maxim Biller-Bild ist und bleibt zwiegespalten. Einerseits finde ich dich cool, mutig und souverän. Anderseits gehen mir deine Ansichten manchmal gehörig auf die Nerven. Trotzdem schön, dass es dich gibt.  

Es grüßt dein immer noch nach dem Brillenmodell mit dem hellen Rand Ausschau haltender Fan aus dem Buchrevier  

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Foto: Gabriele Luger

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