Sebastian 23 – Die Sonnenseite des Schneemanns

Ich kenne ihn schon lange und er ist so etwas wie ein Vorbild für mich. Oder halt, nein, nicht direkt Vorbild. Ich will ja gar nicht so sein wie er, würde nicht unbedingt mit ihm tauschen wollen. Denn im Prinzip und grundsätzlich betrachtet, bin ich ja ziemlich zufrieden mit mir. Aber sagen wir es mal so: Er hat ein paar Eigenschaften, die ich auch gern hätte. Ich spreche von Sebastian Rabsahl, alias Sebastian23, einem der erfolgreichsten deutschen Poetry Slammer. Er rockt jede Bühne, gewinnt Meisterschaften, sitzt in TV-Talkshows und hat jetzt seinen ersten Roman veröffentlicht.

Ich habe ihn schon immer für seine Lockerheit bewundert – damals, vor mehr als zehn Jahren, als auch ich mal für ein paar Monate mit eigenen Texten als Poetry Slammer unterwegs war. Mit mäßigem Erfolg und schon bald realisierend, dass ich gegen Sympathieträger und Rampensäue wie Sebastian nicht den Hauch einer Chance hatte. Wenn er die Bühne betritt, strahlt er wie kein Zweiter aus, dass er mit sich im Reinen ist. Egal, wie das Publikum am Ende entscheidet, er für sich ist immer der Gewinner. Mit dem sprichwörtlichen Schalk im Nacken und einem sympathischen Dauergrinsen fliegen ihm, wohin er auch kommt, sofort alle Herzen zu.

Das sind diese Eigenschaften von denen ich sprach. Ja, klar kann ich manchmal witzig sein – aber Sebastian23 ist immer noch etwas witziger. Ich kann ganz passabel schreiben, aber er kann es deutlich besser. Und – machen wir uns nichts vor – so richtig im Reinen bin ich mit mir eigentlich auch noch nie gewesen. Da war und ist bei mir immer noch ein Restzweifel, die Gewissheit, dass es eigentlich nicht genügt und dass Typen wie Sebastian23 so was eigentlich viel leichter fällt.

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich fatal, den Debütroman eines Mannes zu rezensieren, dem man bisher immer unterlegen war. Die Gefahr ist groß, es ihm auf diesem Wege endlich einmal heimzuzahlen. Für die drei, vier Niederlagen auf Poetry-Slam-Bühnen in Duisburg und Düsseldorf, für die souveränen Talkshow-Auftritte, den ganzen Fame, für sein selbstgefälliges Grinsen, dafür, dass er jetzt auch noch einen sehr passablen Debütroman geschrieben hat, für alles und nichts.

Ich könnte jetzt schreiben, dass Poetry Slammer im besten Fall auf der literarischen Kurzstrecke punkten können; ganz gut darin sind, innerhalb von fünf Minuten mindestens zwanzig Schenkelklopfer oder Schmunzler rauszuhauen, aber bei allem, was darüber hinaus geht, kläglich versagen. Hätte ich sagen können. Ist sicherlich auch oft zutreffend, aber in diesem Fall nicht. Die dauergrinsende Rampensau hat es doch tatsächlich geschafft, einen richtig guten Roman zu schreiben. Das wird jetzt nicht der Bestseller 2018 werden, dafür hat der kleine Lektora-Verlag einfach nicht genug Power, aber das Ding ist richtig geil. Es liest sich nicht nur gut und ist wie erwartet – Sebastian-like – sehr wortwitzig, aber Gott sei Dank nicht zu sehr, es folgt nicht wie bei der Nackten Kanone alle paar Sekunden ein Lacher oder Schmunzler.

Stattdessen hat Sebastian Rabsahl in „Die Sonnenseite des Schneemanns“ ein geradezu surrealistisch/futuristisches Setting geschaffen: krude Protagonisten, total überzeichnet, eine unkonventionelle Liebesgeschichte, schwungvoll und mitreißend. Ian, dessen Name „Jan“ ausgesprochen wird, einer dieser grauen Männer mit Aktentasche und dem langweiligsten Job der Welt – er malt schwarze Vierecke auf ein Flipboard trifft auf Luise, eine Großstadt-Punkerin, die sich vorgenommen hat, diesen Jan wieder ins Leben zurückzuführen.

Das ist alles nicht so einfach, denn da ist noch die eifersüchtige Punker-Freundin von Luise, der spießige Aktenkoffer-Freund von Ian, seine Mutter und eine Stadtrats-Abgeordnete. Doch trotz aller Widerstände gelingt Ian und Luise die Annäherung. Eine tolle Geschichte, die mich stellenweise an den skurrilen U-Bahn-Roman „Retter der Welt“ von John Wray erinnert hat, eine aberwitzige Paarung und ein literarisches Get-Together der anderen Art.

Jeder, der Sebastian23 bisher nicht auf dem Plan hatte, sollte sich diesen Namen unbedingt merken. Wenn er irgendwo in eurer Nähe auftreten sollte, dürft ihr das nicht verpassen. Ich habe weiter unten mal ein Video eines Taklshow-Auftrittes eingestellt, wo er ab Minute 5:30 sein geniales Slam-Gedichts „Zeit für Lyrik“ vorträgt. Die Sonnenseite des Schneemanns ist zwar der erste Roman, aber nicht das einzige Buch von Sebastian23. Mit Storys wie zum Beispiel dem neuesten Kurzgeschichtenband „Hinfallen ist wie anlehnen, nur später“ hat er sich auch außerhalb der Slammer-Szene eine große Fangemeinde erarbeitet.

Generell sind Poetry Slams und Spoken Word Veranstaltungen wesentlich interessanter als die oftmals schnarchigen Lesungen arrivierter Autoren. Es ist natürlich auch viel Schlechtes dabei, einiges ist pure Comedy; man will gefallen, sein Publikum unterhalten. Aber ich habe da auch schon beeindruckende Nachwuchs-Literaten entdeckt, die extrem starke Texte vortrugen.

Meine Poetry-Slam-Karriere dauerte nur kurz, weil ich es nicht ertragen konnte, von Standup-Comedians mit witzigen Texten ständig an die Wand gespielt zu werden. Doch mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht, gönne den witzigen Typen ihren Erfolg und erkenne an, dass auch Comedy-Texte literarisch sein können. Mit seinem Romandebüt hat Sebastian23 das eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ob er wirklich ein Vorbild für mich ist, darüber muss ich noch mal stark nachdenken. Ein kleines bisschen, vielleicht.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Lektora Verlag
279 Seiten, 17,80 Euro

 

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Sebastian 23 mit allerlei illustren Gästen in der NDR Talkshow. Ab Minute 5:30 trägt er seinen vitalen Hit „Zeit für Lyrik“ vor.

 

Die zehn Gebote des Bloggens

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1. Gebot: Du sollst nicht langweilen

Als Leser kannst du alles sein: der einsame Held, der feurige Liebhaber, eine Frau, ein Mann, mutig, verzweifelt, arm oder reich. Alles, worauf du Lust hast. Trau dich, schlüpf in diese und jene Rolle und schreib auf, wie es sich anfühlt. Nimm uns mit auf deine Reise durchs Buch, lass uns teilhaben und mitfiebern. Aber bitte enttäusche uns nicht. Verschone uns mit ausufernden Inhaltsangaben, unwichtigen Details, Allgemeinplätzen, Bonmots und Geschwätzigkeiten. Als Leser kannst du ungestraft alles sein. Als Blogger auch, nur eben nicht langweilig.

2. Gebot: Du sollst nicht deines Nächsten Stil imitieren

Wer bist du eigentlich? Was macht dich aus? Wie sehen dich die anderen? Was haben sie für ein Bild von dir? Von dir und deinem Blog? Ja, genau, dein Blog. Denn das, was da steht, bist du. Eigentlich ziemlich einfache Fragen und doch so schwer. Man kann 1000 Beiträge schreiben und seinen Stil immer noch nicht gefunden haben. Das ist ok, solange man nicht den Fehler macht, den eines anderen zu imitieren. Hol dir Anregungen, lass dich inspirieren, aber mach dann dein eigenes Ding daraus. Sei ein Original und keine Kopie.

3. Gebot: Du sollst nicht unprofessionell sein

„Was sagt man“, fragt die Mutter im strengen Ton, wenn das Kind beim Metzger eine Scheibe Schinkenwurst über den Tresen gereicht bekommt? Wir alle haben gelernt, uns in solchen Fällen artig zu bedanken. Das ist auch richtig so. Doch jeder weiß, der Metzger macht das nicht, weil er so freundlich ist. Er hat Hintergedanken, er ist ein Profi. Genauso wie Verlage. Ihre Scheibe Wurst ist das Rezensionsexemplar. All die Jahre waren sie verschlossen, haben Blogger nicht beachtet. Jetzt sind sie auf einmal nett, schleimen rum und bieten einem ihre schmierigen Schwarten an. Doch auch sie machen das nicht, weil sie so freundlich sind. Sie haben Hintergedanken, sie sind Profis. Sei auch du ein Profi und nicht in falscher Dankbarkeit gefangen. Spei ihnen die Wurst vor die Füße, wenn sie dir nicht schmeckt.

4. Gebot: Du sollst nicht klüger scheinen wollen als du bist

Mit Büchern kann man gut was hermachen. Brille, Buch und ein konzentrierter Blick. Ein paar Dinge hinterfragen, zur richtigen Zeit ein paar Namen fallen lassen – Derrida, Bourdieu, Habermas – fertig ist der Salon-Intellektuelle. Und so eine prall gefüllte Bücherwand tut ihr Übriges dazu. Doch hinter einem aufgeklappten Buch steckt nicht zwangsläufig immer auch ein kluger Kopf. Und nichts ist peinlicher, als mit Wissen zu prahlen, dem man nicht gewachsen ist. Das Fatale daran ist, du merkst es selber nicht. Aber alle anderen merken es.

5. Gebot: Du sollst keinen anderen Blog neben diesem haben

Buddhisten machen es, große Konzerne auch, und der gemeine Blogger wäre gut beraten, es ebenfalls zu tun. Was genau? Ganz einfach. Sich fokussieren, aufs Kerngeschäft konzentrieren, ein Ziel ins Auge fassen und darauf hinarbeiten. Nicht zwei Ziele und zwei Wege. Ein Ziel und ein Weg! Die Kräfte nicht aufteilen, sondern bündeln. Für sich ganz klar sein, alles geben. Keine Staus. Keine Termine. Keine Hektik. Kein Stress. Keine Kompromisse. Kein anderer Blog.

 6. Gebot: Du sollst stets das schreiben, was du selbst gern lesen würdest

Lies nochmal durch, was du gerade geschrieben hast. Gefällt es dir? Hat es was? Ist da ein Sound, eine zweite Ebene? Hat es was von dir? Kommt die Botschaft rüber? Versteht man es auch, wenn man nicht – so wie du jetzt gerade – besoffen ist? Und ganz wichtig: Kommt das Buch, über das du eigentlich schreiben wolltest am Ende auch nicht zu kurz? Sei nicht zufrieden, wenn du nicht mindestens fünfmal Ja und am Ende einmal Nein sagen kannst. Mach dir noch ein Bier auf, geh noch mal ran, mach es rund. Und dann lies nochmal durch, was du gerade geschrieben hast. Gefällt es dir? Hat es was? Ist da ein Sound, eine zweite Ebene?

7. Gebot: Du sollst stets das lesen, worüber du gern schreiben würdest

Jeder, der schon mal Tischtennis, Tennis oder meinetwegen auch Badminton gespielt hat, kennt diesen Effekt. Man kann ein noch so guter Spieler sein; hat man einen schlecht spielenden Gegner, spielt man automatisch auch schlecht. Genauso kann es einem beim Schreiben über ein schlechtes Buch ergehen. Oftmals ist die Rezension genauso bescheiden wie das Buch. Wie soll es auch anders sein? Auf einen laschen Aufschlag folgt ein ebensolcher Return. Ganz anders bei stärkeren oder ebenbürtigen Gegnern. Sprachmächtige Romane lassen auch den Rezensenten seine Worte mit Bedacht wählen, inspirierte Texte inspirieren, und ein kluger Plot ist die halbe Miete für einen ebensolchen Blogbeitrag.

8. Gebot: Du sollst dich nicht von der Blogstatistik leiten lassen

Natürlich weißt du mit der Zeit Bescheid, kennst die Mechanismen von Stimulus und Response. It’s just a jump to the left and then a step to the right. Und tatsächlich ist die Versuchung groß, was gut läuft, immer wieder genauso zu machen. Warum soll das nicht noch einmal funktionieren? Und siehe da, es funktioniert. Wieder der gleiche Effekt. Und noch einmal, nur ein wenig anders. Dann immer wieder – ein paar kennen es ja noch nicht ­ und es funktioniert tatsächlich jedes mal aufs Neue. Langsam verlierst du den Respekt vor deinem Publikum. Und noch schlimmer, es fängt an, dich zu langweilen. Höchste Zeit, mal wieder was Neues auszuprobieren. Try to put your hands on you hips, but don’t do the Time Warp again.

9. Gebot: Du sollst nicht den Spaß am Bloggen verlieren

Wir haben es gerade gelesen. Man kann beim Bloggen so viel falsch machen. Entweder langweilt man seine Leser mit uninspirierten Texten zu Tode oder macht sich als Pseudo-Intellektueller zum totalen Depp und merkt es noch nicht einmal. Und trotzdem – jeden verdammten neuen Tag stehen wieder knapp tausend Buchblogger auf, putzen sich die Zähne und stellen einen neuen Beitrag ins Netz. Und keiner davon ist so schlecht, dass er nicht von irgendwoher wenigstens ein paar Likes bekommt. Das ist das Schöne an der ganzen Geschichte: Das Netz ist groß und geduldig, da können wir alle sein, uns ausprobieren und jeder auf seine Art seinen Spaß haben.

10. Gebot: Du sollst dich nicht von den Geboten anderer leiten lassen

Wer bist du denn, dass du dir von anderen sagen lässt, was du zu tun oder zu lassen hast? Erst recht bei deinem liebsten Hobby, dem Bloggen. Also, wenn du willst, vergiss das alles hier. Brich die Gebote und stelle deine eigenen Regeln auf. Sei ein Original und keine Kopie.

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Foto: Gabriele Luger

Juli Zeh – Leere Herzen

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Es gibt so Standards in der Kulturkritik, von denen man weiß, dass sie funktionieren, die man bringen kann, wenn einem nichts Gescheites einfällt. Wenn zum Beispiel Madonna ein neues Album herausbringt, findet sich immer einer, der in bewährter Bullshit-Bingo-Manier diesen einen Kommentar ablässt: „Sie erfindet sich immer wieder neu.“ Damit ist alles oder nichts gesagt. Das kann Wertschätzung oder Befremden ausdrücken und ist perfekt, wenn man sich nicht festlegen will. Irgendeiner findet sich immer, der zustimmend nickt.

Was die sehnige Pop-Diva für das Musikbusiness, ist Juli Zeh für den deutschen Literaturbetrieb. Und jetzt ist es wahrscheinlich keine große Überraschung mehr, welcher Satz als nächstes folgen wird. Genau: Auch Juli Zeh erfindet sich mit jedem Buch immer wieder neu.

Erfolgreiche Künstler wissen: Nichts ist langweiliger, als immer nur spannend, inspirierend, aufwühlend oder was auch immer zu sein – sprich: all das, was vorhersehbar und berechenbar ist. Mal ein Move in die eine und ein Ausfallschritt in die andere Richtung hält die Kritiker bei der Stange – lässt die, die alles irgendwo schon mal gesehen, gehört oder eben gelesen haben, aufhorchen und interessiert nachfragen. Ach, diesmal nur 350 Seiten und keine Gegenwartsliteratur, sondern ein Politthriller, der in der nahen Zukunft spielt?

Aber was Kritikern gefällt, ist nicht automatisch auch das, was die Fans lesen wollen. So eine Fanbase mag ja in erster Linie Beständigkeit. Das, was einem gut gefällt, möglichst in Endlosschleife. Ein Leibgericht, auf das ich immer Appetit habe, Reproduktionen des ewig Gleichen. Und so wird ein Fan von Juli Zehs Bestseller „Unterleuten“ beim Lesen von „Leere Herzen“ zunächst vielleicht enttäuscht sein. Denn in ihrem neuen Roman ist nichts so wie im Vorgängerbuch. Keine Brandenburg-Idylle, sondern niedersächsische Kreisstadt-Tristesse, kein sich Einfinden in Bekanntes, sondern ein sich Abfinden, Hereindenken in ein mögliches Morgen ohne echte Sympathieträger, kalt und erschreckend.

Deutschland im Jahr 2025, Angela Merkel ist zurückgetreten, und die Partei der Besorgten Bürger stellt die Regierung. Auch Trump und Putin sind immer noch am Ruder und haben die Welt in ihrem Sinne verändert. Die Islamisierung des Abendlandes ist vorerst abgewendet, ebenso wie neoliberale oder linksalternative Tendenzen, auf deutschen Straßen herrschen wieder „Recht und Ordnung“. Aber natürlich sind nicht alle auf Spur und verfolgen ihre Ziele im Untergrund weiter. Umweltaktivisten, Tierschützer, Islamisten, Ultra-Linke, Veganer, was auch immer. Hier und da gibt es noch Terror-Anschläge, aber die sind bei weitem nicht mehr so verheerend wie früher. Denn in Juli Zehs Zukunftsszenario gibt es zertifizierte Attentäter.

Vorbei die Zeiten, wo sich Kreti und Pleti einen Sprengstoffgürtel umschnallen konnten und ohne Sinn und Verstand einfach irgendetwas mit sich in die Luft sprengten. Nein, seit es „Die Brücke“ gibt, eine Art Beratungsagentur für den verantwortungsvollen Terroranschlag, hat sich der Schrecken gelegt. Das StartUp garantiert nachhaltige Terroreffekte, bei minimalen Kollateralschäden. Dafür identifizieren und casten Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi mögliche Terror-Talente und führen sie nach einem mehrstufigen Qualifizierungsprozess ausgewählten Auftraggebern zu. Klingt verrückt? Ist es auch. Aber gut.

Leere Herzen ist ein radikales, aufwühlendes und nachdenklich stimmendes Buch. Nicht jeder wird es mögen. Die Protagonisten sind zynisch und eignen sich nicht zur Identifkation. Und überhaupt ­– man fühlt sich als Leser nicht wohl in dieser Geschichte und ist froh, wenn man es durch hat und endlich aus der Hand legen kann. Ganz anders als „Unterleuten“, das man am liebsten wieder von vorne beginnen möchte. Aber das heißt nicht, dass dieser Juli-Zeh-Roman kein besonderes Leseerlebnis darstellt. Ganz im Gegenteil. Leere Herzen ist ein echter Pageturner, der niemanden kalt lassen wird. Gar nicht mal so abwegig, was Juli Zeh da im Jahr 2025 antizipiert, zu nah ist das Zukunfts-Szenario, als dass man es einfach als krude Science Fiction abtun könnte.

Mich hat das sehr stark an Houellebecqs düsteres Zukunftsszenario „Unterwerfung“ erinnert. Die islamische Republik Frankreich – auch etwas, das gar nicht mal so abwegig ist und deswegen so angsteinflößend. Genau wie zertifizierte Terroristen und eine Gesellschaft kalter, leerer Herzen, angeführt von Politikern, die sich immer wieder neu erfinden.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
352 Seiten, 20,00 Euro

Nell Leyshon – Die Farbe von Milch

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Ich wollte dieses Buch nicht, hatte nicht danach gefragt, kannte weder Absender, Autorin noch Verlag. Es lag eines Tages einfach in meinem Briefkasten. Normalerweise verschenke ich ja ungefragt eingesandte Bücher sofort an Freunde und Kollegen. Dieses aber nicht. Und obwohl Cover und Titel eher auf „the last woman reading“ als auf mich abzielten, las ich eines Tages einfach mal rein.

Männer-, bzw. Frauencover hin oder her – wer die erste Seite dieses Romans gelesen hat, will auch die zweite und die dritte lesen. Und plötzlich ist man mitten drin in der Geschichte und kann nicht mehr aufhören. Mir ist die Protagonistin Mary sofort ans Herz gewachsen, wie sie mit ihrem unerschütterlich trockenem Humor, all der Lieblosigkeit und Härte begegnet, die sie umgibt. Als jüngste Tochter eines Bergbauern, mit einem verkrüppelten Bein geboren, hat sie es nicht leicht. Harte Arbeit, ein brutaler Vater, eine Mutter, die wegschaut und Schwestern, die auch keinen Ausweg wissen. Liebe und Zuneigung bekommt sie nur vom bettlägerigen Großvater.

Der Vater verschachert sie eines Tages als Haushaltshilfe an den Dorf-Pfarrer, dessen Frau ernsthaft erkrankt ist. Mary nimmt auch dieses Schicksal klaglos an, verabschiedet sich von ihren Schwestern und vom Großvater und zieht ins Haus des Pastors. Harte Arbeit gewohnt, macht sie auch da einen guten Job und wird von der Pastorenfamilie auch für ihre forsche und offene Art geschätzt. Irgendwann stirbt die Frau des Pastors, und Marys Anwesenheit wäre eigentlich nicht mehr notwendig. Doch der Pastor will sie nicht gehen lassen, entlässt lieber die langjährige Haushälterin und lebt fortan mit Mary allein im Pfarrhaus. Wer jetzt schon die Nachtigall trapsen hört, liegt nicht verkehrt. Mehr will ich nicht verraten, nur so viel: Ein Happy End gibt es leider nicht.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman so besonders machen. Es wird eine Geschichte aus dem 19. oder 20. Jahrhundert erzählt und trotzdem ist alles so topaktuell, dass es ohne Weiteres mit einem #metoo-Hashtag in heutigen Facebook- oder Twitter-Timelines auftauchen könnte. Die abhängige Frau und der unterdrückende Patriarch. Seit Jahrtausenden die gleiche Geschichte, das gleiche Schema, tausendmal passiert, tausend erlittene Traumata, tausendmal ohne Konsequenzen. Vielleicht ist jetzt ja endlich die Zeit gekommen, dass sich daran etwas ändert.

Und andererseits fällt einem beim Lesen auf, dass sich seit damals doch schon viel getan hat. Dass zum Beispiel heutzutage jeder mittels Bildung eine realistische Chance hat, aus seinen Verhältnissen auszubrechen und ein besseres Leben zu führen – Männer wie Frauen gleichermaßen. Mary hatte diese Chance nicht, ihre Stärke hat ihr nichts genutzt. Sie konnte da nicht raus, es war alles einfach noch nicht soweit.

Ich habe das Buch innerhalb weniger Stunden durchgelesen und es anschließend meiner Frau mit dem Hinweis in die Hand gedrückt, „das musst du unbedingt lesen“ – und auch sie war begeistert. Als besonders gelungen habe ich die sehr authentische Erzählstimme empfunden. Einfache, schnörkellose Sätze und Dialoge, die perfekt zur Protagonistin passen. Von der Lesestimmung erinnert es mich an Robert Seethalers Alpen-Novelle „Ein ganzes Leben“ oder auch Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“. Einsame Dörfer, einsame Menschen und tiefe Abgründe.

Ich bin wahnsinnig froh, dass dieses Buch, das ich zunächst nicht haben wollte, doch noch zu mir gefunden hat. Dass ich es behalten und gelesen habe. Ich will irgendetwas nicht, aber dieses Irgendetwas will mich. Und so entdecke ich immer wieder Dinge, von denen ich nicht geahnt hätte, dass sie mir gefallen.

So eine Entdeckung ist zum Beispiel auch der Verlag dieses Titels. Von der ehemaligen Piper-Programmchefin Julia Eisele erst in diesem Jahr gegründet, hat es der Eisele-Verlag geschafft, dass Nell Leyshons Roman bereits überall im Buchhandel zu finden ist. Ich weiß nicht, wie der kleine Indie-Verlag das gemacht hat, tippe aber darauf, dass sie die Buchhändler gebeten haben, nur eine Seite dieses Buches zu lesen. Und dann ist wahrscheinlich das gleiche passiert wie bei mir – man liest auch die zweite und die dritte Seite und hört mit dem Lesen erst wieder auf der letzten Seite auf – tief bewegt und leseglücklich.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele
208 Seiten, 18,00 Euro

Marc-Uwe Kling – QualityLand

2

Kennst du die Känguru-Chroniken?
Nee, kenne ich nicht.
Echt nicht? Die kennt doch jeder.
Kann sein, ich aber nicht.
Da hast du aber was verpasst, ist echt lustig.
Ach ja? Ich steh eigentlich nicht so auf lustig.
Kennst du dann überhaupt Marc-Uwe Kling?
Nein, nie gehört.
Aber sein neues Buch willst du trotzdem lesen?
Ja, möchte ich.
Warum?
Es soll ganz lustig sein.

Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass es ungefähr so abgelaufen wäre, ist sehr hoch. Wer meine Blogbeiträge, meine Likes und Dislikes der letzten Monate, den Anteil humoriger Werke unter den positiven Besprechungen in Relation zu meinen Grundüberzeugungen und meiner Wankelmütigkeit setzt – sprich, all das machen würde, was Google, WordPress, Facebook, Twitter & Co. mit meinen freiwillig zur Verfügung gestellten persönlichen Daten jetzt schon machen kann – wer also so viel Rechenleistung hat, wird sich über dieses fiktive Gespräch zu Quality Land genauso wenig wundern, wie über das, was ich im Folgenden dazu noch schreiben werde.

Die Algorithmen wissen Bescheid. Heute schon und in Marc-Uwe Klings Zukunftsvision erst recht. Seine satirische Dystopie führt vor Augen, wie es mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre, wenn sich die Digitalisierung unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren genauso schnell weiter entwickeln würde wie bisher. Aus Parship ist Quality Partner geworden, Amazon heißt TheShop,Deutschland hat umfirmiert und nennt sich jetzt Quality Land. Menschen und Maschinen leben in friedlicher Koexistenz, Autos fahren alleine in der Stadt herum, jeder hat einen kleinen Mann im Ohr und alle finden das ziemlich OK.

Diese Welt hat sich der Autor sehr schön ausgedacht. Ein wunderbares Zukunftsszenario, welches natürlich reichlich übertrieben anmutet, aber trotzdem sehr stimmig und nachvollziehbar aufgebaut ist. Marc Uwe Kling beschreibt den Alltag des Maschinenverschrotters Peter Arbeitsloser. Seinen Nachnamen verdankt er, wie alle in Quality Land Geborenen, der beruflichen Tätigkeit von Vater oder Mutter zum Zeitpunkt der Geburt. So gibt es einen David Fitnesstrainer, eine Melissa Sexarbeiterin, einen Hendrik Vorstand – lustige Vorstellung. Überhaupt ist ziemlich viel in diesem Buch recht witzig; insofern stimmt schon mal meine im obigen Gespräch geäußerte Vermutung.  Ich habe am Anfang oft geschmunzelt und mir gedacht: Ja, so könnte es irgendwann tatsächlich mal aussehen, unser Leben in einem fiktiven Jahr 2Q84.

Das Vergnügen an dieser gut gemachten Zukunftssatire hielt aber nur so lange, bis eines Tages eine Drohne von TheShop an der Tür von Peter Arbeitsloser klingelte und ihm ein Paket mit einem rosafarbenen Vibrator in Delfinform überreichte. Eine Bestellung, die von TheShop auf Basis von Peters Wünschen, wozu selbstverständlich auch die geheimen Wünsche zählen, automatisch ausgelöst wurde. Aber Peter ist sich sicher: Niemals hat er sich einen rosafarbenen Delfinvibrator gewünscht, auch nicht unbewusst. Er versucht, die Lieferung zu reklamieren – aber das ist nicht möglich. Da beginnt Peter Arbeitsloser zu revoltieren und die Geschichte mich zu nerven.

Der pinke Delfinvibrator ist augenscheinlich ein Fehler in der Datenmatrix. Zusammen mit ein paar schrottreifen Maschinen, wie einer Drohne mit Flugangst (*lol*) und einem Kampfroboter mit posttraumatischen Belastungsstörung (*kicher*) kämpft Peter für die Korrektur der ihn betreffenden Algorithmen. Wie er da mit seinen Roboter-Freunden von einem Abenteuer zum nächsten zieht, erinnert mich das stellenweise an den Kinderfernseh-Klassiker ‚Robbi-Tobbi und das Fliewatüüt‘, oder neuzeitlicher: eine Szene aus Toy-Story 3. Das ist nicht mehr originell und witzig, das ist zum größten Teil albern. Und plötzlich ist alles dahin, das anfängliche Lesevergnügen vorbei. Die Sache mit dem falsch gelieferten Delfinvibrator ist genau das eine Ding zu viel. Die eine Metapher, wodurch eine gut gemachte Zukunftssatire plötzlich zu einem infantilen Klamaukstück wird.

Kommen wir nochmal zurück zum fiktiven Gespräch vom Anfang:

Ich hätte dir das ja gleich sagen können.
Ach ja? Und warum?
Weil Kunden, die die Känguru-Chroniken nicht kennen und Quality Land trotzdem gelesen haben, es überwiegend negativ bewerten.
Sagt wer?
Sagt die Statistik.
Und wie viele Kunden sind das genau?
Im Moment genau einer.
Lass mich raten – ich?
Genau.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 18,00 €

 

George Watsky – Wie man es vermasselt

7

Wenn einem ein Diogenes-Buchcover mal ins Auge fällt, weil es angenehm anders ist – zwar nach wie vor im bekannten weißen Corporate Design mit Rahmen, aber trotzdem eigenständig – irgendwie deutlich cooler als der Rest, oder sagen wir mal so: überhaupt mal cool – denn das ist ja nicht gerade das, wofür der schweizer Traditions-Verlag bekannt ist – dann greife ich natürlich sofort zu. Das Cover passt zum Autor. Auch George Watsky ist augenscheinlich ein cooler Typ. Ich kannte ihn bisher nicht, er scheint aber irgendwie die männlich/amerikanische Version von Kate Tempest zu sein: Spoken Word-Artist, Hip-Hop Musiker und Poetry Slammer. Bühnen-Prosa kann als Buch funktionieren, aber auch voll in die Hose gehen – wie zum Beispiel das Romandebüt von Kate Tempest.

Aber um diesen Kalauer zum Titel jetzt auch noch mal zum bringen: Watsky es nicht vermasselt. Im Vergleich zu anderen seiner Zunft hat er mit seinem Prosa-Debüt recht ordentlich abgeliefert. Und es sind auch keine Bühnentexte, sondern 13 sehr lesbare Erzählungen rund um … – ja was eigentlich? Ich habe das Buch vor gerade mal zwei Wochen gelesen und jetzt schon Schwierigkeiten, mich zu erinnern. Entschuldigung, ich muss daher eben mal den Klappentext bemühen. Da steht es: „Brutal ehrlich und brüllend komisch erzählt der Rapper und Autor George Watsky aus seinem Leben als junger Mann, als Musiker, als Freund und als Sohn, von Peinlichkeiten, Fehlstarts, Abfuhren und kleinen Triumphen.“

Ja, genau – darum geht es in Watskys Erzählungen. Jetzt erinnere ich mich auch wieder. Zum Beispiel an die Geschichte mit dem Narwal-Stoßzahn, den der Autor zusammen mit einem Freund für irgendeine alte Tante von Kanada in die USA schaffen sollte. Das ist natürlich illegal, weil Elfenbein, und deswegen nicht ganz ohne Risiko. Mit einigem Hin und Her haben sie den alten Hauer dann über die Grenze geschmuggelt, die Tante hat sich gefreut und wollte sie gleich für den nächsten Job engagieren. Aber daraus wurden dann nichts. Ende der Geschichte. Ach ja und dann fand ich noch die Story ganz nett, wo er versucht hat, sich mit deutlich älteren Frauen zu treffen und es beinahe auch schafft, wenn sie denn nicht im letzten Moment immer wieder abgesagt hätten. Brutal ehrlich – ja, irgendwie schon, aber brüllend komisch? Geht so. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir gewünscht, dass er sich tatsächlich mal mit so einer Sugar Mama getroffen hätte. Ist nicht gerade mein Fetisch, hätte mich aber trotzdem mal interessiert.

Also die Dates mit den älteren Frauen hat er in der Tat total vermasselt und auch bei all den anderen Geschichten, an die ich mich wirklich nur noch sehr schwach erinnern kann – so wenig Eindruck haben sie gemacht – läuft irgendeine Kleinigkeit nicht richtig rund. Das ist die inhaltliche Klammer, die die Storys in diesem Band zusammenhalten soll. Aber das ist alles so schwach ausgearbeitet, dass es schon jeder Menge Interpretations-Wohlwollen bedarf, um dem roten Faden auf die Spur zu kommen.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die Geschichten sind nicht schlecht. Ich habe sie gern gelesen und wenn ich diese Zeilen jetzt nicht mit zweiwöchiger Verspätung sondern unmittelbar nach der Lektüre geschrieben hätte, würde ich mich sicherlich noch an ein paar mehr der 13 Storys erinnern. Aber trotzdem – es zeigt schon eine Tendenz. Watskys Prosa ist nicht schlecht, sie ist aber auch nicht wirklich gut. Das ist alles so lala, liest sich ganz gut, haut mich aber weder sprachlich noch inhaltlich vom Hocker. Ich habe keine wirklich neue Idee oder Sichtweise entdecken können und auch emotional hat es mich nicht gepackt. Die ideale Lektüre also für halbstündige Fahrten mit der Bahn zur Arbeit oder so. Morgens eine Geschichte auf dem Hinweg und abends eine auf dem Rückweg. Literarischer Muzak, funktionale Gebrauchs-Prosa, die einen wie Kaufhaus- oder Fahrstuhl-Musik nicht sonderlich fordert, belastet oder aufwühlt und schon bald nach dem Zuklappen des Buches wieder vergessen ist.

Solche Texte können auf einer Spoken-Word-Bühne in irgendwelchen Uni-Mensen funktionieren, aber für ein literarisches Debüt ist das definitiv zu wenig. Da sind selbst  in diversen Online-Schreibforen deutlich bessere Geschichten zu finden. Und wenn man dann noch den Vergleich, zu den anderen amerikanischen Erzählern wagt, deren Short-Storys zum Teil auch bei Diogenes erschienen sind, wie z.B. Henry Slesar, Ray Bradbury, F. Scott Fitzgerald oder auch Miranda July, dann – ja dann ist man doch geneigt zu behaupten, dass Watsky es vermasselt hat.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Diogenes 
336 Seiten, 22,00 Euro

Ellen Dunne – Harte Landung

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Ich muss mal wieder meine Vorurteile updaten. Denn je älter ich werde, desto aufgeschlossener begegne ich Dingen, die ich früher kategorisch abgelehnt habe. Wie zum Beispiel Krimis. Früher habe ich mal Chandler, Hammet und Simenon gelesen, aber das ist lange her. Spätere Versuche endeten fast alle mit einer Enttäuschung. Zu eindimensional, zu plot-driven, zu sehr Schema F – so mein Pauschalurteil. Ein düsterer Hinterhof, ein wenig Halbwelt, eine Leiche, ein Ermittler mit kaputtem Privatleben – das hat nichts mit mir zu tun, dafür muss ich keine wertvolle Lesezeit opfern, das kann ich mir auch Sonntags beim Tatort im Ersten anschauen.

Ich sag ja: Vorurteile. Natürlich weiß ich, dass es jede Menge Kriminalromane gibt, die anders sind. Ohne die gängigen Klischees, mit Anspruch, mehrdimensional und sprachlich hohem Niveau. Aber die muss man erst mal aus dem ganzen Krimi-Wust herausfiltern, der Jahr für Jahr auf den Markt geschwemmt wird. Über 4000 Titel waren es allein im vergangenen Jahr, überwiegend Taschenbücher mit teilweise fürchterlichen Covern, reißerischen Headlines und amerikanisch klingenden Fantasie-Autorennamen à la Jerry Cotton. Spannende Unterhaltung, so lautet unisono das Verlagsversprechen, und viel mehr wird von den Käufern auch nicht erwartet. Wenn es spannend ist, ist es gut. So einfach kann Literatur sein.

Nach diesen Ausführungen wird sich natürlich jeder fragen: und warum jetzt ausgerechnet dieses Buch? Was an dem Kriminalroman „Harte Landung – ein Fall für Patsy Logan“ von Ellen Dunne ist bitteschön so anders? Das 08/15-Taschenbuchcover mit Regionalbezug und der martialische Titel schon mal nicht, auch nicht der konstruiert klingende Autorinnen-Name und erst recht nicht das, was auf dem Backcover steht: „Eine Managerin wurde tot aufgefunden. Mord? Der interne Druck, den Fall vom Tisch zu schaffen, ist enorm. Für die auch privat angeschlagene Patsy Logan keine ideale Situation“. Ein Satz zum Augenrollen. Warum? Siehe oben. Mein Vorurteil schon auf dem Umschlagklapper bestätigt. Unter normalen Umständen hätte ich also dieses Taschenbuch niemals in die Hand genommen, geschweige denn gelesen.

Aber die Autorin bewegt sich in meiner Filterblase, liked und kommentiert schon mal Beiträge von mir. Auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich sie kennenlernen, und dann gab es noch diese grandiose Rezension, die mich mehr als neugierig gemacht hat. Kurz nach der Messe sah ich das Buch dann in einer Flughafen-Buchhandlung auf dem Krimi-Tisch liegen (ich gebe zu: ich hab danach gesucht) und einfach kurzerhand gekauft.

Zuerst hat meine Frau es mit ziemlicher Begeisterung gelesen. Ich konnte kaum abwarten bis sie damit durch war und habe mich nach zwei verquasten und langweiligen Büchern in Folge drauf gestürzt wie ein hungriger Wolf. Ich wollte auch mal wieder das, was alle immer wollen. Spannung pur, lesen und mir dabei die Fingernägel abkauen, einen echten Page-Turner in den Händen halten und dabei die Zeit vergessen. Genau das habe ich bekommen und noch einiges mehr.

Normalerweise brauche ich für ein 430 Seiten starkes Buch eineinhalb bis zwei Wochen, dieses habe ich in knapp drei Tagen durchgelesen – komplett ohne mit den Augen zu rollen und die eingangs erwähnten Vorurteile bestätigt zu bekommen. Denn alles, was Cover, Titel und Klappentext an Ungemach versprachen, hat sich nicht im Geringsten eingestellt. Stattdessen: ein intelligenter Plot, ein stimmiges Setting und starke, authentische Charaktere. Die Autorin ist eine feine Beobachterin, ihre Personenbeschreibungen oftmals bitterbös aber immer treffend – man hat sofort ein Bild im Kopf.

Natürlich geht es in erster Linie darum, den Todesfall der New-Economy-Managerin Carolin Höller aufzuklären. Der Fall ist mäßig kompliziert, zahlreiche Verdächtige kommen infrage. Das wird von der Münchener Kommissarin alles sauber und für uns Leser gut nachvollziehbar abgearbeitet. Am Ende ist der Fall gelöst, alle sind erleichtert, und auch ich bin angenehm überrascht, denn mit der/die Täter*in hatte ich jetzt nicht gerechnet.

Was mir besonders gut gefallen hat, sind die Einblicke in die hippe Welt der Internet-StartUps. Man bekommt ein ziemlich gutes Bild von der Szene, angefangen bei der Büroarchitektur, den vielen kleinen Mitarbeiter-Benefits, den Hoffnungen und Befindlichkeiten, dem sogenannten Corporate-Behavior, Machtkämpfen und Leistungsdruck. Hier konnte die Autorin aus ihrer Zeit als Angestellte bei Google zehren und ein authentisches Bild zeichnen.

Gefallen hat mir auch die Hauptfigur Patsy Logan. Sie hat wie alle Krimiermittler ihre privaten Baustellen, ist impulsiv und verletzlich, innerlich zerrissen und nach all den Jahren im Job auch irgendwie desillusioniert und auf. Aber anders als bei so manchem Tatort-Kommissar wirkt das alles an keinem Punkt aufgesetzt, konstruiert oder dem Umstand geschuldet, jetzt unbedingt rund um die Ermittlerfigur noch eine interessante Nebenhandlung aufzubauen, auch wenn das wahrscheinlich genau die Intention war.

Alles in allem ist „Harte Landung“ eben doch ein typischer Krimi, mit allen stilistischen Genre-Klischees, nur eben gut gemacht. Gute Story, gut recherchiert und gut geschrieben. Eigentlich kein Wunder, schließlich kommt die Autorin ja aus Österreich. Und da können ja bekanntlich viele sehr gut schreiben.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Suhrkamp/ Insel Taschenbuch
430 Seiten, 10,95 €