Hank Zerbolesch – Raw

Den Anfang machte eine E-Mail. Eine von diesen, die Buchblogger mittlerweile täglich von Autoren bekommen. Ich weiß nicht warum, aber bei dem, was und wie er schrieb, hatte ich sofort ein gutes Gefühl, war sehr zuversichtlich, dass das endlich mal wieder etwas sein könnte.  Etwas Gutes, Außergewöhnliches, was reinhaut und Spaß machen könnte. Und mein Gefühl hat mich nicht getäuscht. Was da mit der Post kam, war keine B-Ware, kein Machwerk eines Möchtegern-Autoren, sondern der ultimative Beweis, dass es da draußen immer noch jede Menge unentdeckte literarische Talente gibt.

Hank Zerbolesch ist ohne Zweifel so ein Talent. Keiner dieser schnöseligen Literaturinstituts-Zöglinge, weder Feuilleton-affin und hochakademisch noch besonders sprachelaboriert. Nein, das ist er nicht. Zerbolesch ist der Typ von der Straße, sehr tight und sehr real. Einer dieser Underground Poeten, die den Eindruck machen, keine Verträge mit irgendetwas zu haben und Debatten auch mal mit den Fäusten führen. Seine Sprache ist direkt und kraftvoll, seine Geschichten aus dem Leben gegriffen und seine Figuren sind so, wie auch sein Buch heißt: roh.

Raw ist kein klassischer Roman, sondern wie Zerbolesch es nennt: ein Antiroman. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die Erzählung keinem festgelegten Handlungsstrang folgt, sondern sich eher zufällig aus Einzelepisoden ergibt, die zum größten Teil für sich alleine stehen, hier und da aber auch Charaktere und Handlungen wieder aufgreifen, spiegeln und Geschichten weiterführen. Das ist als literarisches Stilelement jetzt nicht besonders außergewöhnlich, und den Begriff „Antiroman“ gibt es, wie eine schnelle Google-Recherche ergab, wohl auch schon länger, aber das tut dem frischen und unkonventionellen Auftritt keinen Abbruch.

Man darf nicht zart besaitet sein, wenn man sich auf Zerboleschs Antiroman einlässt. Es wird gesoffen, gefickt, gekokst, gefixt, geprügelt und gemordet. Wem das zu bäh und gewöhnlich ist, der sollte die Finger davon lassen. Und wer jetzt an Bukowski denkt, liegt nicht falsch, aber auch nicht richtig. Hier wird kein einzelner Dirty Old Man, sondern eine komplette Dirty Old Society vorgeführt, die alle darin lebenden einsam und traurig macht, aus Liebe Hass entstehen lässt, aus Angst Wut und Verzweiflung. Wer jetzt an Gangster-Rap denkt, ist schon nah dran. Man muss sich nicht gut mit diesem Genre auskennen, um bereits beim Buchcover zu erkennen, dass Zerbolesch dort seine Wurzeln hat, dass Moses Pelham, 2Pac und Haftbefehl seine Helden sind.

In Raw geht Zerbolesch der Frage nach, warum Menschen tun, was sie tun. Warum und woran sie verzweifeln, warum sie manchmal nicht anders können, als tatenlos zu erstarren oder aber in blinder Wut alles zu zerstören. Doch neben all der Brutalität und dem Hass, die in den erzählten Geschichten stecken, die sie antreiben und uns als Leser atemlos Seite um Seite umblättern lassen, finden sich immer wieder Momente voller Zärtlichkeit, Mitgefühl und echter Liebe. Und dieses Wechselspiel ist es, was einem den Boden beim Lesen wegzieht, Gänsehaut erzeugt und am Ende dankbar und reich beschenkt zurücklässt.

________

Foto: Gabriele Luger

Verlag: periplaneta
161 Seiten, 12.80 € (Paperback)

André Herrmann – Platzwechsel

Ich könnte mir vorstellen, dass jedem halbwegs erfolgreichen Poetry Slammer früher oder später die Frage gestellt wird, warum er eigentlich nicht mal ein Buch schreibt. Er könne doch so gut schreiben und er sollte doch mal drüber nachdenken. Also ich würde es kaufen, heißt es abschließend, unterstützt von einem motivierenden Lächeln. Und was wie eine Floskel oder ein billiges Kompliment klingt, ist in den allermeisten Fällen sogar grundehrlich, anerkennend und wertschätzend gemeint. Wer das als Poetry Slammer noch nie gefragt wurde, kann eigentlich sofort mit dem Quatsch aufhören.

Im anderen Fall ist so ein Autor allerdings auch schlecht beraten, das alles für bare Münze zu nehmen. Denn tatsächlich ist es meistens doch nur eine Floskel und der Tatsache geschuldet, dass sich die Menschen nicht vorstellen können, dass einer, der sich ernsthaft mit Texten beschäftigt, damit zufrieden ist, diese einfach nur vorzulesen und dem geneigten Publikum lediglich ein paar Schmunzler und Lacher zu entlocken.

Es ist scheinbar für viele immer noch schier unmöglich, dass ein Mann oder eine Frau des Wortes nicht scharf darauf ist, den eigenen Namen auf einem Buchdeckel gedruckt zu sehen. Vielleicht ist es immer noch dieses Unsterblichkeitsding, die Aufnahme in die ISBN-Hall of Fame, die zweifelhafte Ehre, sich Schriftsteller nennen zu können, was einen guten Bühnenautor nicht davon abzuhalten scheint, einen durchschnittlichen oder sogar schlechten Roman zu schreiben. So wie es der Poetry Slammer André Herrmann mit „Platzwechsel“ leider getan hat.

Ich will jetzt nicht so hart urteilen, denn letztlich hätte ich ja wissen können, auf was ich mich da einlasse. Alles, was mich an diesem Roman gestört hat, stand eigentlich schon im Klappentext. Wie zum Beispiel die Outline der seichten Story, die einen weder fordert noch sonderlich fesselt, sondern gefällig plätschert und wunderbar beiläufig konsumierbar ist wie ein Mittwochabend-Fernsehfilm auf ZDF. Der Held dieses Romans heißt André, ist Anfang 20 und wohnt noch bei seinen Eltern in Sachsen Anhalt. Die weiteren Themen: Selbstfindung, Provinz, Abnabelung, Demenz, Verantwortung, Thermomix, Behinderung, Freundschaft, Liebe.

Das alles könnte durchaus Tiefgang haben, ist aber so nervig humorig verpackt, dass jegliches Nachsinnen über das Erzählte mit dem obligatorischen Wortwitz und den Mainstream-Kalauern der Bühnenautoren sofort im Keim erstickt wird. Wie viele Poetry- bzw. Comedy-Slammer hat scheinbar auch André Herrmann irgendwann zu Beginn seiner Karriere einen Clown gefrühstückt, und der taucht in diesem Roman auf jeder zweiten Seite auf und treibt seinen unseligen Schabernack. Nur lachen konnte ich darüber nicht, sondern fand es eher peinlich. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich ein gestörtes Verhältnis zu gewollt humorigen Büchern habe und stehe da eher auf die subtileren Formen des Humors.

Ich habe diesen Roman tatsächlich bis zum Ende gelesen, denn er ist wirklich leicht und locker konsumierbar. Aber gefallen hat er mir nicht, und am Ende habe ich mich sogar geärgert. Denn es gibt so viele tolle Romane, bewegende Geschichten von Autoren, die was zu sagen haben, die sprachlich brillieren, mich zum Nachdenken bringen, zu Tränen rühren oder laut auflachen lassen. Und was mache ich? Ich verschwende meine Zeit mit diesem seichten Geschichtchen.

__________

Foto: Gabriele Luger

Verlag: Voland & Quist
304 Seiten, 20,00 €

 

Elena Ferrante – Lästige Liebe

Vergessen wir mal für einen Moment, wer Elena Ferrante ist. Lassen wir mal außer acht, dass sie mit Linu und Lila zwei unsterbliche Romanfiguren erschuf, deren Schicksal Millionen Menschen auf der ganzen Welt berührt hat. Ignorieren wir einfach die Tatsache, dass die vier Bände ihrer neapolitanischen Saga bereits jetzt zu den Klassikern der Weltliteratur gehören. Ja, nehmen wir an, wir könnten dieses Wissen einfach so beiseite schieben und völlig unvoreingenommen diesen kleinen Roman in die Hand nehmen und lesen. Was würden wir dann sagen?

Hätte dieses Romanmanuskript überhaupt einen Verlag gefunden? Wäre diese unfertige Fingerübung jemals außerhalb Neapels wahrgenommen, geschweigen denn übersetzt und in alle Welt verkauft worden? Wohl kaum. Denn so leid es mir tut, dieser Roman ist einfach nicht gut und hätte getrost weiter im Keller der vergessenen Backlist-Titel verbleiben können.

Aber natürlich kann keiner, der einmal mit dem #Ferrantefever infiziert war, der Versuchung widerstehen, nach einem Buch mit diesem Autorennamen zu greifen, es zu kaufen, zu lesen und es mit wohlwollender Nachsicht zu bewerten. Und natürlich ist es schön, überhaupt mal wieder in Neapel zu sein, auf den Straßen der Altstadt zu flanieren, sich die Auslagen in den Schaufenstern anzuschauen und diesen so merkwürdig vertrauten, leidenschaftlichen, impulsiv-grobschlächtigen, im Dialekt fluchenden Menschentyp wieder zu begegnen, der einen auf über 2000 Seiten so ans Herz gewachsen ist. Ja, das alles ist in „Lästige Liebe“ schon vorhanden, die schwüle Hitze der Stadt, die aus dem Fenster zeternden Mamas, die schmierigen alten Männer, wie Donato Sarratore, oder die aggressiven Jungspunde wie Michele Solara. Hier heißen sie Caserta und Polledro.

Ja, atmosphärisch ist einem das Setting schon sehr vertraut, man fühlt sich augenblicklich wohl, kuschelt sich ein und wartet darauf, eingesaugt und davon getragen zu werden, sich nochmal mit deutlich erhöhter Lesetemperatur dem Ferrantefieber zu ergeben. Aber nichts davon passiert. Hier und da flackert mal Wohlgefühl auf, aber dann humpelt und holpert es wieder dahin, verliert sich die Geschichte in wirren Reflektionen, Traumsequenzen und Rückblenden. Ich habe die letzten 50 Seiten nur noch quer gelesen und war froh, dass der Roman nur 200 Seiten umfasste und ich ihn nach zwei Tagen wieder ins Regal stellen konnte.

Dabei ist die Geschichte durchaus erzählenswert und auch voll im Trend, denn Mutter/Tochter-, Vater/Sohn-, Stiefvater/Stieftochter- und Familiengeschichten jeglicher Couleur stapeln sich geradezu im Neuheitenregal der Buchhandlungen. Irgendwie arbeiten sich alle gerade an ihren Eltern ab, laufen durch verlassene Wohnungen, ziehen Schubladen auf, kramen alte Brief-Bündel hervor und entdecken plötzlich verstörende Seiten an ihren engsten Angehörigen. So auch Delia, die nach dem Tod ihrer Mutter versucht, ihre letzten Tage und Wochen zu rekonstruieren und dabei immer weiter und tiefer in die verschütteten Untiefen ihrer gemeinsame Vergangenheit vordringt.

„Einer der fesselndsten, intensivsten Romane über Mütter und Töchter, die es gibt“, steht als Zitat aus „Le Monde“ auf dem Backcover. Das ist natürlich pure Verkaufsförderung und eine vollkommen subjektive und haltlose Behauptung, die in keinster Weise meinem Leseerlebnis entspricht. „Intensiv“ ist sowieso ein Begriff, der mich bei Buchbesprechungen aufhorchen und skeptisch werden lässt. Wie ein Immobilienmakler die direkte Nachbarschaft zur Autobahn gerne mal als verkehrsgünstige Lage tituliert, steht „intensiv“ im Feuilleton oftmals für eine wirre Introspektive, der man als Leser nur mit Mühe folgen kann. Hier hat sich das mal wieder bewahrheitet.

Und so muss ich leider sagen, dass „Lästige Liebe“ eine Lektüre war, die zwar an einigen Stellen den großen Wurf schon erahnen lässt, aber insgesamt doch eher enttäuschend und bei aller Nachsicht angesichts des großen Namens doch keine Leseempfehlung ist.

________

Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
206 Seiten, 22,00 Euro

 

 

Kazuo Ishiguro – Der begrabene Riese (Hörbuch)

Ja, es ist ein Märchen. Und noch nicht mal ein modernes, sondern eines, das im 5. Jahrhundert spielt; mit tapferen Rittern, wilden Kobolden, Menschenfressern und furchterregenden Drachen. Alles, was so gar nicht meins ist. Aber ich habe mir weder Augen und Ohren zugehalten noch bin ich schreiend weggerannt. Stattdessen habe ich mich für mehr als dreizehn Stunden entführen lassen, der beruhigenden und facettenreichen Stimme von Gert Heidenreich gelauscht und wieder einmal festgestellt, dass die Romane von Kazuo Ishiguro auf ganz besondere Art meine Seele berühren.

Ok, vielleicht ist das etwas zu vorschnell und pauschal geurteilt, denn ich kenne neben diesem Roman aus dem Jahr 2015, der jetzt bei Random House Audio als Hörbuch erschienen ist, eigentlich nur noch Ishiguros Klassiker „Was vom Tage übrig blieb“. Gerade habe ich mir noch mal die Verfilmung aus dem Jahr 1994 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen angesehen, die übrigens hervorragend und sehr nah am Buch ist, und auch hier musste ich wieder mit den Tränen kämpfen.

Vielleicht ist es Ishiguros Sprache, dieser disziplinierte, altmodisch-unaufgeregte Erzählton, der einen auch in „Der begrabene Riese“ durch die Geschichte trägt, die Figuren sich entwickeln, Kontur gewinnen und sie einen letztendlich ganz fest ins Herz schließen lässt. So sehr, dass man jede Gefühlsregung der Helden förmlich miterlebt und erleidet und sich am Ende nur wieder schwer von ihnen trennen kann. Vielleicht ist es aber auch die Liebe, die der Autor für seine Protagonisten zu empfinden scheint.  Wie sonst könnte er sie mit so viel emotionaler Tiefe ausstatten, dass man als Leser nahezu vergisst, dass es sich nicht um Menschen aus Fleisch und Blut, sondern nur um ausgedachte Romanfiguren handelt. Wie auch immer – Ishiguro bringt etwas in mir zum Klingen.

So schlägt mein Herz von Anfang an für die beiden Hauptfiguren Axl und Beatrice, die sich am Ende ihres Lebens noch mal aufmachen, um ihren gemeinsamen Sohn und mit ihm ihre verlorenen Erinnerungen wiederzufinden. Beides haben sie durch den sogenannten Nebel verloren, der sich seit vielen Jahren über das ganze Land gelegt und die Vergangenheit scheinbar ausgelöscht hat. Das ganze Land leidet unter einer kollektiven Demenz, die jeden nur noch im hier und jetzt leben lässt. Was früher war, davon gibt es nur noch ein vage Ahnung. Und das ist einerseits Segen und Fluch. Denn so schön es auch ist, alle Verluste und Niederlagen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, keine Lasten mehr auf seinen Schultern zu tragen und unbeschwert in den Tag hinein zu leben, so unvollständig ist ein Mensch auch ohne seine Vergangenheit, egal wie schwierig und belastend sie auch war.

Das Thema hat Potenzial, ist interessant und erzählenswert, aber ich habe nur Augen und Ohren für Axl und Beatrice. Wie liebevoll die beiden miteinander umgehen, das ist einfach wunderschön mit anzuhören. So, ja genau so muss eine Beziehung sein. Etwas altmodisch, althergebrachte Rollenbilder zwar, aber für mich trotzdem ein Ideal. Denn in jedem Satz, in jeder Bewegung und Geste ist 100 Prozent Liebe. Und trotzdem, und das ist das Tragische, sind beide voller Zweifel. Die unbekannte Vergangenheit liegt wie ein klaffender Abgrund zwischen ihnen. Was, wenn sie sich nicht immer so geliebt haben wie jetzt? Wenn sie einander wehgetan und Dinge passiert wären, die man sich nicht verzeihen kann. Weiß man es? Warum ist zum Beispiel ihr Sohn nicht mehr bei Ihnen? Was hat ihn veranlasst, sie zu verlassen? Und, wird er sie nach all der Zeit überhaupt wiedererkennen und freudig und die Arme schließen?

Am Ende besiegen sie den Nebel des Vergessens und mit Ihnen erwacht das ganze Land aus seinem Dämmer. Und sofort stellt sich die Frage: Ist es jetzt vorbei mit dem auskömmlichen Miteinander von Sachsen und Britanniern, der gelassenen Friedfertigkeit jedes Einzelnen und auch der Liebe des alten Ehepaars? Und wie bei jedem guten Märchen ergibt sich am Ende auch hier eine finale Erkenntnis, eine Lehre, die man aus dem Erzählten zieht: Dass man die Vergangenheit nicht unbedingt braucht, um gut zu leben, dass man ohne sie sogar wesentlich glücklicher wäre. Doch um zu realisieren, dass man jetzt gerade glücklich ist, dafür braucht man wiederum die Vergangenheit. Ein Teufelskreis.

_____________

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: Random House Audio
13 h, 25 Min, gesprochen von Gert Heidenreich

Print Hardcover: Blessing,  416 Seiten 22,90
Heyne Taschenbuch, 416 Seiten, 9,99 €

 

Nino Haratischwili – Die Katze und der General

21

Vier Jahre haben die Fans auf den Brilka-Nachfolger gewartet. Nun ist er endlich da, 760 Seiten dick und noch vor der Veröffentlichung für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Timing war perfekt. Die diesjährige Buchmesse mit dem Gastland Georgien war für Nino Haratischwili sozusagen ein Heimspiel. Kein Lesebühnensofa, auf dem die in Georgien geborene Ausnahmekünstlerin nicht gesessen hätte. Und über kein Buch wird derzeit mehr gesprochen, als über ihren neuen Roman „Die Katze und der General“.

Doch das, was so gesprochen wird, dürfte der Autorin und dem Verlag gar nicht gefallen. Und auch ich bin nicht sonderlich begeistert, um nicht zu sagen sehr enttäuscht von diesem Roman, auf den ich mich wie viele andere Nino-Fans auch sehr gefreut habe. Die Enttäuschung fing schon an, als ich im Sommer zum ersten Mal hörte, wie der Roman heißen sollte: „Die Katze und der General“. Ok, dachte ich, kann man machen, ist ja nur der Titel. Es gibt in der Literaturgeschichte viele erfolgreiche Beispiele, wo sowas gut funktioniert hat, wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Bei Büchern für eine junge Zielgruppe scheint es ein bewährtes Prinzip zu sein, die Geschichte einfach nach den beiden Hauptprotagonisten zu benennen. Aber für einen ernstzunehmenden Roman finde ich es irgendwie zu billig.

Man hätte den verunglückten Titel mit einer ansprechenden Covergestaltung auffangen können, aber das ist meiner Einschätzung nach nicht gerade die Stärke der Frankfurter Verlagsanstalt. Stattdessen wurde der bewährte Collage-Look von Brilka auf dieses Werk übertragen. Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wenn ich eines über Grafikdesign gelernt habe, dann, dass die Darstellung des allzu Offensichtlichen nicht unbedingt für eine hohe Kreativität des Entwurfs steht. Es zerschellen Hoffnungen wie ein Boot an Felsen, eine Romanfigur nennt sich Krähe, Rubiks Zauberwürfel kommt vor – und all das findet man dann auch bunt zusammengewürfelt auf dem Cover. Fehlen eigentlich nur noch eine stilisierte Katze und ein General.

Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten, und letztlich sind Titel und Cover zwar verkaufsentscheidend, aber auch Geschmackssache und sagen nichts über die eigentliche Qualität des Romans aus. Kommen wir also zum Inhalt.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Gleich zu Anfang des Romans lernen wir Nura kennen, die während des Tschetschenien-Krieges 1994/1995 Opfer eines Kriegsverbrechens wird. An der Vergewaltigung und Tötung von Nura sind vier russische Soldaten beteiligt, die eigentlich auf Fronturlaub sind. Mehr als zwanzig Jahre später ist einer der beteiligten Soldaten zum Oligarchen aufgestiegen. Durch einen familiären Schicksalsschlag geläutert, will der von allen nur General genannte Oligarch das Verbrechen sühnen und alle damals Beteiligten mit ihrer Schuld konfrontieren. Dafür engagiert er die Katze, eine Schauspielerin, die dem Opfer von damals zum Verwechseln ähnlich sieht. Es entwickelt sich, spitzt sich zu und kommt zu einem finalen Showdown, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Denn so sehr ich mich auch bemüht habe, ich habe den Roman nicht beendet, sondern nach ca. 300 Seiten endgültig abgebrochen.

Normalerweise gebe ich einem Buch ungefähr 50 bis 80 Seiten Zeit, mich als Leser aufzunehmen und in die Geschichte zu ziehen. Wenn ich bis dahin nicht drin bin, steige ich aus. Normalerweise. Aber da Nino Haratischwili eine meiner Lieblingsautorinnen ist, habe ich hier gleich mehrere Ausnahmen gemacht. Nach 100 Seiten legte ich das Buch zum ersten Mal frustriert für zwei Wochen zur Seite. Dann habe ich es mir noch mal vorgenommen und fühlte mich 100 Seiten später immer noch genauso fremd. So sehr ich mich auch bemühte, ich fand einfach keinen Zugang, bin zu keiner Zeit in die Geschichte reingekommen. Zu guter Letzt habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen, in der Hoffnung, darüber einen besseren Zugang zu finden. Doch auch das war vergeblich. Zwei, drei Stunden habe ich noch reingehört und es dann endgültig drangegeben.

Jetzt wird sich natürlich jeder fragen, was mich denn konkret gestört hat. Ich versuche es mal einzugrenzen. Der Plot ist nicht uninteressant und das Setting authentisch. Auch sprachlich habe ich bis auf ein paar reichlich dick aufgetragene Vergleiche nicht viel auszusetzen. Haratischwili schreibt halt opulent. Aber meiner Meinung nach sind Grundgerüst und Dramaturgie nicht stimmig. Zu viele ausufernd beschriebene Figuren, zu viele Schleifen führen dazu, dass der rote Faden der Geschichte immer wieder verloren geht. Folgendes Beispiel: Da sitzen fünf Leute um den Tisch einer Nebenfigur namens Tina, von der ich nach 200 Seiten immer noch nicht genau weiß, ob sie jetzt die Mutter oder die Schwester der Protagonistin ist. Kann ja sein, dass ich irgendwo nicht richtig aufgepasst habe. Aber statt, dass sich dies langsam aufklärt, wird mir auf den Folgeseiten zusätzlich noch die komplette Vita der fünf um den Tisch sitzenden Personen präsentiert, ausufernde Charaktersierungen, die auch Eltern und Großeltern mit einbeziehen. Vierzig Seiten später weiß ich immer noch nicht, wer genau jetzt Tina ist. Dafür kenne ich die komplette Lebensgeschichte der fünf neuen Nebenfiguren, die vom Tisch aufstehen und nie wieder gesehen werden. Vielleicht kommen sie 200 Seiten später ja nochmal ins Spiel, wenn man es denn bis dahin aushält. Und so mäandert die Geschichte Seite um Seite dahin, es kommt weder Spannung noch Wohlgefühl beim Lesen auf. Stattdessen Langeweile, Frustration und langsam sich steigender Groll über ein handwerklich so misslungenes Werk.

Es tut mir leid, das in dieser Deutlichkeit zu sagen. Wie ich im Netz gesehen habe, bin ich auch nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit diesem Buch hat. Die Nino-Fangemeinde, die Brilka noch uneingeschränkt gefeiert hat, ist sichtlich gespalten. Viele sind genauso enttäuscht wie ich, einige finden es ganz passabel, aber richtig begeistert ist – mit Ausnahme von ein paar Hardcore-Fans – keiner. Nicht ganz so rücksichtsvoll wie die eher freundlichen Blogger geht Denis Scheck mit diesem Roman ins Gericht. Komplett misslungen und eine Verschwendung von Lebenszeit, so sein harsches Urteil. Und so leid es mir tut, er hat recht. Wenn eine Autorin es nicht schafft, einen motivierten und um das Buch bemühten Leser in eine im Prinzip sehr spannende und erzählenswerte Geschichte zu ziehen, dann hat sie einfach ihren Job nicht gut gemacht.

Warum dieses Buch dann auch noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, erschließt sich mir wieder einmal nicht. Trotzdem ist und bleibt Nino Haratischwili eine sehr beachtenswerte Autorin, die mit dem Vorgängerroman „Das achte Leben (für Brilka)“ echte Weltliteratur geschrieben hat. Also: die Katze bitte auslassen und stattdessen Brilka lesen.

__________
Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
750 Seiten, 30,00 Euro

Hörbuch:
HörbuchHamburg HHV
Gelesen von: Peter Kaempfe, Torben Kessler, Luana Velis, Valery Tscheplanowa
Dauer: 23 h, 21 Min.

Michael Kumpfmüller – Tage mit Ora

7

Ich kann mir schon vorstellen, was einige meiner jüngeren Bloggerkollegen zu Michael Kumpfmüllers neuem Werk sagen würden, wenn sie es denn jemals lesen sollten. Sowas ähnliches wie: alter weißer Mann schreibt ein Buch über einen alten weißen Mann, der mit einer deutlich jüngeren Frau auf Reisen geht, seinen zweiten Frühling erlebt und gedanklich sein Leben noch mal Revue passieren lässt. Solche Geschichten, höre ich sie sagen, kennen wir von anderen alten weißen Männern wie Bodo Kirchhoff oder noch älter: Martin Walser. Das ist so gewöhnlich, so ausgelutscht, so wenig zeitgemäß. Kein debattentaugliches Thema, kein politisches Statement, kein LGBTQ, ja noch nicht mal irgendwas mit Georgien. Wer soll sowas lesen? Wo ist die Botschaft? Wem kann man heutzutage noch so ein langweiliges Buch verkaufen?

Mir zum Beispiel. Mittelalten Männern, die vorzugsweise unaufgeregte, leise Geschichten präferieren. Mit Protagonisten, die einem ähneln, die weniger Leben vor als hinter sich haben, die zwar enttäuscht und frustriert sind, aber ihren Lebensmut trotzdem nicht verloren haben. Oldschool-Typen, die Frauen noch als entzückende Wesen bezeichnen, sich Hotelzimmer für 200 Dollar mieten und junge Musik hören, um nur so alt zu erscheinen, wie sie sich fühlen. Solch gesettelten Kunden kann man auch ein Buch mit weniger als 180 großzügig formatierten Seiten für stolze 19 Euro verkaufen. Menschen, für die das Lesen von Büchern eine Art Trost ist; Ablenkung von, und ein Sich-Arrangieren mit Dingen, die nun mal so passiert sind.

Auch wenn die Twentysomething-Generation das in ihrer juvenilen Hybris nicht glauben mag, die meisten von uns mittelalten Knackern sind ganz zufrieden mit sich, wollen gar nicht mehr jung sein, sondern denken vielmehr mit Schrecken an die Irrungen und Wirrungen ihrer jungen Jahre zurück; all die verpassten Chancen, unausgegorenen Ansichten und Peinlichkeiten. Kein verkrampftes „ich will, ich muss, ich brauche unbedingt“ mehr, stattdessen lieber: „ich weiß, hab ich schon gehabt und schaun mer mal, was noch kommt“.

Genauso unaufgeregt und entspannt, wenn auch mit Unterstützung entsprechender Psychopharmaka, kommt der mittelalte Protagonist dieses kleinen sympathischen Romans daher. Mitten in einer Lebenskrise lernt der namenlose Erzähler die zehn Jahre jüngere Ora kennen. Und anstatt in seinem Lebensüberdruss vom Balkon zu springen, stürzt sich der über 50-jährige in eine Beziehung mit der für ihn so entzückenden Person. Auch Ora hat bereits ein vielfältiges Beziehungsleben hinter sich, hat ihre Blessuren davongetragen und ebenfalls Trost in kleinen bunten Pillen gefunden. Sie nähern sich zaghaft an und beschließen irgendwann, zu verreisen. Denn – so beider gemeinsame Lebenserfahrung – bei keiner Gelegenheit lernt man sein Gegenüber besser kennen,als beim gemeinsamen Reisen. Und so geht es noch vor dem ersten Sex auf einen Roadtrip durch die USA, den Spuren eines Songs der Band Bright Eyes folgend. Auf dieser Reise kann der erzählende Protagonist dann seinen größten Trumpf ausspielen: absolute Entspanntheit, sich selbst zurücknehmen, alles mitmachen und immer gute Laune haben. Eigenschaften, die auf Reisen mehr zählen als jede Bikini-Figur, die man aber erst im Alter richtig zu schätzen weiß.

Es war mir eine wahre Freude, diese beiden turtelnden BestAger auf ihrem Urlaubstrip zu begleiten, die zaghafte Annäherung und das respektvolle, wertschätzende Miteinander zu verfolgen, bei der die sexuelle Komponente zwar nicht ausgeschlossen ist, aber nicht im Vordergrund steht. Denn beide haben diesbezüglich schon genug erlebt, es an den ungewöhnlichsten Orten getrieben, alles ausprobiert – im Auto, im Wald und im Maisfeld – und letztlich festgestellt, dass es in einem bequemen Bett und mit einem liebevollen Menschen immer noch am schönsten ist.

Und das ist es auch schon, was als Erkenntnis nach dem Lesen dieses mit außerordentlicher Leichtigkeit geschriebenen Buches übrig bleibt. Dass man sich im Leben zwar viel vornehmen und erreichen kann, es aber alles nur halb so viel wert ist, wenn man es nicht teilen kann. Entweder auf Facebook oder Instagram oder eben auf althergebrachte Art: mit dem richtigen Partner an seiner Seite.

_______

Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
179 Seiten, 19,00 Euro

 

Heinz Helle – Die Überwindung der Schwerkraft

1

Wenn ein Autor zu langen Sätzen greift, zu nicht enden wollenden Konstruktionen, wenn sich das, was er zu sagen hat, in endlosen Schleifen aneinanderreiht, er dem Leser keine Pause gönnt, ihn rastlos, atemlos und treibend vor sich her hetzt, durch ein Meer an Haupt- und Nebensätzen, Strudeln mit Einschüben, Erweiterungen, Satzreihen und Satzgefügen schwimmen lässt, dazu noch keine Kapitel, ja, noch nicht mal Absätze als Leserastplätze anbietet, wenn kein Etappenziel sichtbar ist, vor einem nichts als eine zweihundert Seiten lange Bleiwüste, die man in Erwartung einer kathartischen Erlösung entweder bis zum bitteren Ende durchschreiten oder aber als Verlierer, Gescheiterter vorzeitig verlassen kann; wenn jemand so etwas macht, dann kann man davon ausgehen, dass dieser Jemand einen gewissen literarischen Anspruch hat, die Nominierung für mindestens zwei oder drei Literaturpreise bereits fest einplant, dass er nicht den gestressten und Entspannung suchenden Leser ansprechen will, sondern die, die so einen Anspruch goutieren, wertschätzen, die nicht den Kopf schütteln, sondern sich mit Wollust in dieses Meer an Sprache stürzen, sich laben, lautsprechen und begeisterte Rezensionen schreiben. Punkt. Kurze Pause. Weiter. Tatsächlich macht Heinz Helle in seinem neuen Roman auch immer mal wieder einen Punkt, mindestens einen pro Seite, aber Absätze macht er keine, da kennt er keine Gnade und jeder, der das hier liest, diesen Bandwurm bis hierher verfolgt und ertragen hat, weiß jetzt so in etwa, was bei „Die Überwindung der Schwerkraft“ auf ihn zukommt, natürlich um einiges besser und kunstvoller, als ich das hier vermag, aber vom Prinzip her gleich. Und obwohl ich eigentlich auch ein eher gestresster und Entspannung suchender Leser bin, hat mich dieser auf den ersten Blick leseunfreundliche Stil überhaupt nicht angestrengt, sondern auf sehr angenehme Weise in eine Art kontemplativen Leseflow versetzt, der mich geradezu wie auf Wolken durch die Geschichte der zwei Brüder, den Hauptfiguren dieses Romans, geführt hat, die genau genommen Halbbrüder sind, nur den Vater teilen, ein paar Jahre auseinander sind und auch sonst nicht viel gemeinsam haben, aber irgendwie doch aneinander hängen, denn sie sind ja schließlich Brüder, haben das gleiche Blut, zumindest zur Hälfte, und da verzeiht man so manches, hat Verständnis und kann den anderen, auch wenn man es gerne möchte, nie so ganz aus den Gedanken streichen, obwohl die Gedanken immer wieder assoziativ abschweifen, zum belgischen Kinderschänder Marc Dutroux, dem Förster, der ihn festgenommen hat, zu allerlei anderem Zeug, um dann am Ende wieder zurückzufinden, zu dem, was einen verbindet, beziehungsweise einst verbunden hat, denn der Bruder stirbt, ist eines Tages einfach nicht mehr da und zurück bleiben jede Menge ungeklärte Fragen, endlose Gedankenschleifen, verschwommene Bilder gemeinsam verbrachte Abende, letzte Eindrücke, ein letztes Bier und ein letzter langer Satz.

_________
Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
208 Seiten, 20,00 €

Heinz Helle liest „Zehn Seiten“

Bildschirmfoto 2018-10-02 um 07.49.38