Rafael Horzon – Das neue Buch

Ach, wie sehr habe ich dieses Buch gemocht und scheinbar auch gebraucht. Schon seit Wochen tue ich mich schwer mit dem Lesen, fange immer wieder neue Titel an und lege sie nach wenigen Seiten wieder weg. Momentan sind es bis zu vier Bücher, die ich parallel lese. Die alle nicht so gut sind, dass sie mich begeistern oder gar fesseln können, aber auch nicht so schlecht, dass ich sie einfach weglege. Doch das neue Buch des Unternehmers und Sachbuchautors Rafael Horzon ist anders. Erstmals habe ich mal wieder mit Genuss und Freude mehrere Stunden am Stück  gelesen. Samstag gekauft, Sonntag Abend schon ausgelesen und mit einem Gefühl großer Zufriedenheit ins Regal gestellt. 

Es ist wahrlich keine schwere Lektüre, hat aber trotzdem Tiefgang und hält, was der Aufkleber auf dem Cover verspricht: Es ist das Buch des Monats und es ist neu. Etwas, was man beileibe nicht von jedem in diesem Herbst erschienenen Buchtitel behaupten kann. Schaut man sich die zahlreichen Neuerscheinungen im Buchhandel genauer an, stellt man schnell fest, dass kein einziges davon als „Buch des Monats“ oder gar als „Das neue Buch“ geführt wird. Wer also in diesen Tagen nicht irgendein Buch lesen will, sondern das ultimative November-Buch und noch dazu Wert darauf legt, dass es auch wirklich neu ist, kommt an diesem Titel also nicht vorbei. 

Dabei weiß das neue Buch gleich auf mehreren Ebenen zu glänzen. Schon im Handel lockt es, augenscheinlich schlicht und einfarbig gehalten, je nach Ausleuchtung des Verkaufsraums den Sachbuch interessierten Leser in den schillerndsten Farben. Ein Eindruck, der sich weiter fortsetzt, wird die Schutzfolie im heimischen Lesezimmer entfernt. Wenn sich das Licht der Leselampe in den unzähligen Fingerabdrücken auf dem Cover bricht und in den Lochungen des Titels verliert, ist dies nicht nur ein interessanter optischer Effekt, sondern korrespondiert auch perfekt mit den inhaltlichen Glanzpunkten dieses epochalen Sachbuchklassikers. 

Horzon gelingt es auf trefflichste Weise, die Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung am Beispiel eines modernen Möbelunternehmers zu umreißen. Was gefällt und ist erfolgreich? Was ist Kunst und was Deko? Und vor allem: Was muss man tun, um für ein Buch den Nobelpreis zu bekommen? Fragen, die klassischerweise von Schriftstellern in herkömmlichen Romanen erörtert werden. Aber das ist nicht Horzons Anspruch. Fakten statt Fiktion, lautet sein Credo, und so nähert sich der routinierte Sachbuchautor diesen Themen auf eine wohltuend neutrale und faktenorientierte Weise.

Nichts wird hinzu erfunden, alle auftretenden Personen sind echt und googelbar. Noch dazu kann der wissbegierige Leser seine beim Lesen erworbenen Kenntnisse anhand zweier illustrierter Kapitel mit zahlreichen Dokumentationsfotografien überprüfen und weiter vertiefen. Alles in allem ein wertvolles Sachbuch und ein Must-Read für angehende Möbelunternehmer, Nobelpreisträger und natürlich alle Rafael Horzon-Fans. 

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp Nova
303 Seiten (Broschiert), 20,00 €

Lost in Translation

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Ich habe hier auf Buchrevier schon viel über meinen Lieblingsschriftsteller geschrieben. Wer will, kann hier, hier und hier nachlesen, wieso, warum und was ich an Haruki Murakami, dem ewigen Anwärter auf den Literaturnobelpreis, so mag. Diese Woche ist mit „Die Chroniken des Aufziehvogels“ wieder ein neuer Tausendseiter von Murakami erschienen. Kein neues Werk, sondern nur eine neue Übersetzung des bereits 1998 auf Deutsch erschienenen Romans mit dem Titel „Mister Aufziehvogel“. Das Besondere daran: Die neue Übersetzung ist Sage und Schreibe 300 Seiten länger als die Erstübersetzung. 

Normalerweise erregt die Neuübersetzung eines über zwanzig Jahre alten Romans keine große Aufmerksamkeit, aber bei Murakami ist das anders. Nach dem berühmten Streit im Literarischen Quartett über den im Jahr 2000 erschienenen Roman „Gefährliche Geliebte“ werden Murakamis Romane nicht mehr aus dem amerikanischen Englisch, sondern aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Damals wurde insbesondere von Sigrid Löffler die locker-flapsige, derbe und irgendwie „unjapanische“ Ausdrucksweise kritisiert. Seit „Naokos Lächeln“ ist daher Ursula Gräfe für die Übersetzung von Murakamis Werk aus dem japanischen Original ins Deutsche verantwortlich. Die Übersetzerin erfreut sich im Literaturbetrieb einer großen Wertschätzung, und wenn in meiner Bubble ihr Name genannt wird, dann immer mit dem Zusatz die „wunderbare“, „grandiose“ oder auch „bemerkenswerte“ Ursula Gräfe.

Ich habe die Frau nie erlebt und kann daher nicht beurteilen, ob eines dieser Attribute tatsächlich auf sie zutrifft. Ich kenne nur ihre Übersetzungen, und eigentlich kann ich auch diese nicht richtig  beurteilen, da ich wie die meisten deutschen Murakami-Leser kein Japanisch kann. Ich weiß nur, dass ich die Roman-Übersetzungen aus dem amerikanischen Englisch deutlich besser fand. 

Das zu behaupten, birgt die Gefahr, als einer dazustehen, der zu blöd und ungebildet ist, um die wahre Schönheit des Originals zu wertschätzen. Wie jemand, der gerne japanisch isst, aber bitte ohne Fisch und wenn, dann paniert und dem deutschen Gaumen angepasst. Mit dieser Aussage stelle ich nicht nur die Arbeit der wunderbaren Übersetzerin, sondern auch das Original als solches infrage. Aber so empfinde ich es nun mal, und nachdem ich wirklich alles von Murakami gelesen habe, bin ich der Meinung, mir ein solches Urteil auch erlauben zu können.

Die von Sigrid Löffler kritisierte sprachliche Lockerheit der Romane bis 2000 habe ich immer als besonders interessanten und lebendigen Kontrast zur oftmals spannungsarmen Handlung und den immer irgendwie depressiven und in sich gekehrten Protagonisten empfunden. Seit Gräfe Murakami aus dem Original übersetzt, ist diese Lebendigkeit nicht mehr da und die Sprache genauso „low“ wie die Gemütsverfassung der Romanhelden. Kann sein, dass das dem japanischen Original mehr entspricht, aber selbst Murakami kennt das Problem und hat in seinen Anfängen alle Texte zunächst in Englisch geschrieben und dann selber ins Japanische übersetzt. In seiner inoffiziellen Autobiografie „Von Beruf Schriftsteller“ (übersetzt von der unermüdlichen Ursula Gräfe, Seite 35 ff)) schreibt er dazu:

„Meine Beherrschung der englischen Sprache war natürlich nicht gerade berauschend. So stand mir nur eine begrenzte Anzahl an Vokabeln und Konstruktionen zur Verfügung und meine Sätze gerieten naturgemäß sehr kurz. Ganz gleich welch komplizierten Gedanken ich in meinem Kopf ausbrütete, auf Englisch konnte ich sie so nicht ausdrücken. Also formulierte ich ihren Inhalt in möglichst einfachen Worten, paraphrasierte leicht verständlich, entfernte alles Überflüssige aus meinen Schilderungen… Ein roher, sehr kompakter Text entstand. … Als ich entdeckte, welche interessanten Ergebnisse ich erzielte, wenn ich in einer fremden Sprache schrieb und mir einen eigenen Schreibrhythmus angeeignete hatte,… setzte ich mich mit Manuskriptpapier und Füller an den Schreibtisch und übersetzte das, was ich auf Englisch geschrieben hatte, ins Japanische…. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Auf diese Weise kam unweigerlich ein neuer japanischer Stil zustande, der zugleich mein eigener war. Der Stil, den ich selbst gefunden hatte.“ 

Dieser ganz besondere Stil war es, der mir an Murakami immer so gefallen hat. Der erste Roman, den ich von ihm las, war „Gefährliche Geliebte“, und dieses Buch begeisterte mich damals genauso wie Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki. Als dann im Jahr 2013 die Neuübersetzung aus dem japanischen Original unter dem Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ erschien, konnte ich diese Begeisterung nur noch schwer nachvollziehen. Natürlich – ich war 13 Jahre älter, in einer ganz anderen Lebensphase und hatte mittlerweile 7-8 andere Romane von Murakami gelesen – man stumpft ab und gewöhnt sich, aber die Neuübersetzung war in meinen Augen auch deutlich schwächer. 

Allein der Name des Buches verdeutlicht das. „Gefährliche Geliebte“ ist ein sprechender, verkaufsstarker Titel, den man sich gut merken kann und der dem Leser ein emotionsgeladenes Lesevergnügen verspricht. „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ ist natürlich poetischer und vielleicht auch japanischer, verströmt aber eine grenzenlose Langeweile und ist so wenig prägnant, dass man den Titel schon vergessen hat, nachdem man ihn ausgesprochen hat. Und auch der Einstieg ins Buch, die wichtigen ersten Sätze, sind in der Neuübersetzung deutlich schwächer, als in der Übersetzung aus dem Amerikanischen. „Gefährliche Geliebte“ in der Übersetzung von Giovanni Bandini und Ditte Bandini beginnt mit folgendem Satz: 

„Ich bin am vierten Januar 1951 geboren, in der ersten Woche des ersten Monats des ersten Jahres der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine denkwürdige Konstellation, nehme ich an, und darum gaben mir meine Eltern den Namen Hajime – Japanisch für „Beginn“.

In der Übersetzung von Ursula Gräfe hört sich die gleiche Passage so an: 

„Mein Geburtstag fiel auf den 4.Januar 1951, also in der ersten Woche des ersten Monats zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aufgrund dieses denkwürdigen Datums erhielt ich den Namen Hajime, was „Anfang“ bedeutet.

Erkennt ihr den Unterschied? Die Übersetzung aus dem Amerikanischen ist fließender und sprachlich deutlich eleganter, wohingegen die Übersetzung aus dem Japanischen merkwürdig ungelenk und hölzern klingt. Natürlich ist das kleinliche Wortklauberei, aber geht es in der Literatur nicht um genau das? Sind es nicht diese kleinen Nuancen, die darüber entscheiden, was gut und was weniger gut, was bedeutend und was profan ist?

Und nachdem ich bereits beim letzten Roman „Die Ermordung des Commendatore“ ziemlich ernüchtert war, stellt sich für mich die Frage: Ist Murakami am Ende seiner Karriere angekommen, oder braucht er einfach nur eine neue Übersetzerin? 

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Foto: Gabriele Luger

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

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Mittlerweile habe ich fast alles von ihr gelesen oder gehört, und sogar die ersten beiden Serien-Staffeln der neapolitanischen Saga habe ich mir angeschaut. Man kann also schon sagen, dass ich so etwas wie ein Fan von Elena Ferrante bin. Genauso bin ich aber mittlerweile auch Fan von Karin Krieger, ihrer einfühlsamen Übersetzerin, von Margherita Mazzucco, die die Elena in der HBO-Serie spielt und natürlich ganz besonderes von Eva Mattes, die auch den aktuellen Roman der großen Unbekannten der Weltliteratur wieder als Hörbuch eingesprochen hat. Wenn ich auf Ferrantes literarischen Kosmos schaue, fühle ich mich reich beschenkt. Ich bin dankbar, dass ich mich auf etwas eingelassen habe, was ich zunächst als reines Frauending abgetan hatte. 

Ich kenne tatsächlich nur zwei Männer, die auch Ferrante lesen. Einer wohnt in Hamburg, der andere in Trier. Und ich muss gestehen: Meinem männlichen Ego widerstrebt es noch immer ein wenig, mich auch als Ferrante-Leser zu outen – zu sentimental und gefühlig, zu viel Familie, zu viel weibliche Selbstfindung, zu bunt und gefällig die Buchcover. Und doch tauche ich immer wieder gerne in diese Welt ein, fühle mich beim Lesen wohl und geborgen. Vielleicht – nein, ganz bestimmt sogar – liegt es ja gerade an dieser typisch weiblichen Sichtweise auf Beziehungen, Freundschaften und natürlich auch auf Männer, die einem auch in „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ wieder erwartet. 

Wenn ich mir die Welt außerhalb der Literatur so anschaue, die breitbeinige Großmäuligkeit in Politik und Wirtschaft, das rücksichtslose männliche Dominanzgebaren in Familie und Gesellschaft, dann wünsche ich mir in allen Lebensbereichen deutlich mehr weibliche Sichtweisen. Etwas mehr Feinfühligkeit, Anteilnahme und Zusammenhalt – das würde fürs Erste schon reichen, um die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen. Ein Anfang wäre auch gemacht, wenn etwas mehr Männer Elena Ferrante lesen würden. 

Aber bitte nicht gerade „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“. Denn das ist zusammen mit „Lästige Liebe“ in meinen Augen einer ihrer eher schwächeren Romane. Ein deutlich empfehlenswerterer Einstieg in den Ferrante-Kosmos sind da „Tage des Verlassenwerdens“, „Frau im Dunkeln“ oder gleich die vier Bände der neapolitanischen Saga. Der aktuelle Roman, der im Gegensatz zu den zuletzt erschienenen nicht neu aufgelegt, sondern nach dem großen Durchbruch neu geschrieben wurde, ist eher etwas für eingefleischte Fans, die Sehnsucht nach diesem typisch neapolitanischen Setting haben, die einfach mal wieder in Gedanken durch die Via Soundso nach Posillipo schlendern und den derben Dialekt des Rione hören wollen. Ein Blurb auf dem Umschlagklapper bestätigt meine Einschätzung: „Diesen Roman zu lesen, das ist wie eine Heimkehr.“

Und in der Tat, es ist wieder alles drin, was in einen guten Ferrante-Roman hineingehört. Die weibliche Erzählstimme, der Familienfokus, Liebe, Lüge und Verrat, zeternde Frauen, mürrische und dominante Männer. Und natürlich blitzt auch Ferrantes Überthema zwischen den Zeilen immer wieder auf:  Wie man sich mithilfe von Bildung von den Zwängen seiner Herkunft befreien kann, um ein besseres und selbstbestimmtes Leben zu führen. Gerade für Frauen im patriarchalisch geprägten Italien ist das ein wichtiges Thema und oftmals die einzige Chance, etwas anderes zu werden, als eine Pasta kochende Mama. 

Ich mag es ja, wenn Autorinnen und Autoren sich nicht mit jedem Werk neu erfinden wollen, sondern ihren Themen treu bleiben und das abliefern, wofür man sie kennt und schätzt. Die Herausforderung und eigentliche Kunstfertigkeit besteht darin, den treuen Lesern genau das zu geben, was sie schon beim letzten Buch so toll gefunden haben, ohne sich selbst zu kopieren oder zu wiederholen. Und zunächst sah es so aus, als ob Ferrante das auch diesmal wieder gelingen sollte. Schon nach den ersten drei Sätzen war ich drin in der Story und bis ungefähr zur Hälfte des Buches im altbekannten Ferrantefever gefangen. Die Geschichte der pubertierenden Giovanna, deren glückliche Kindheit zu Ende geht, als sie dem lügenhaften Leben der Erwachsenen auf die Schliche kommt, hat mir zunächst sehr gut gefallen und viel Stoff zum Nachdenken geboten. Gibt es wahre Liebe ohne Lügen, Vertrauen ohne Kontrolle und eine zweite Chance auf Glück und eine unbeschwerte Zukunft, wenn man vorher ein anderes Glück zerstört hat? Was klingt wie ein kitschiger Schlagertext, sind altbekannte Fragen, die seit Adam und Eva zwischen Mann, Frau (und Divers) verhandelt werden. 

Doch nach etwa zweihundert Seiten war die Geschichte für mich auserzählt. Ich hatte die Botschaft verstanden und brauchte nicht noch eine Begebenheit, einen weiteren erzählerischen Schwenk, um zu verstehen, dass erwachsen zu werden heißt, Lügen zu lernen. Und so schleppte ich mich zusehends gelangweilt durch die Seiten. Um es nicht einfach abzubrechen, habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen und mich von Eva Mattes samtiger Stimme bis zum enttäuschenden Ende tragen lassen. 

Fazit: Dieses Buch ist wie ein Heimspiel von Schalke 04. Am Ende ist man zwar frustriert und enttäuscht, aber immer noch Fan.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
415 Seiten, 24,00 €

Buchrevier leaks: 2021 kommen die Instabooks

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Einer der Vorteile, die man als etablierter Buchblogger zweifelsohne hat, ist die Nähe zum Literaturbetrieb. Man wird vorab über Bücher informiert, hat die Möglichkeit, mit Autoren und Autorinnen persönlich zu sprechen und wird von den Verlagen mitunter auch in noch geheime strategische Überlegungen und Konzepte eingeweiht. Viele dieser Informationen sind vertraulich oder mit einer Sperrfrist versehen, aber hin und wieder werden von den PR-Profis der großen Verlagshäuser interne Information auch ganz bewusst ‚durchgestochen‘.

Blogger und Influencer sind hier gern genutzte Kanäle, um ein erstes Feedback einzuholen, Spannung aufzubauen und den Markt auf die geplante Neuerung vorzubereiten. Die überschaubare Reichweite der Literaturblogger ist ein idealer Testmarkt für Zukunftskonzepte und der ‚closed shop‘ der Blogger-Blase ein Garant dafür, dass nichts in breitere Bevölkerungsschichten durchsickert.

Und so geschah es, dass mir vor einigen Tagen ein Papier zugespielt wurde, dessen Inhalt mir so ungeheuerlich erschien, dass ich es zunächst für einen schlechten Scherz hielt. Aber schon bald begriff ich, dass dieses geheime Strategiekonzept, welches von einer internationalen PR-Agentur im Auftrag von vier großen Verlagshäusern erstellt wurde, todernst gemeint war und nichts Geringeres als das Ende des traditionellen Buches verkündete.

„Das gedruckte Buch ist seit Gutenberg nahezu unverändert und einfach nicht mehr zeitgemäß“, stand da in der Einleitung. „Wenn wir nicht wollen, dass mit dem Buch auch die Literatur als solches stirbt, müssen wir jetzt handeln.“ Und auf den folgenden Seiten wurde dann haarklein dargestellt, wie die Zukunft der Literatur ohne das Medium Buch aussehen wird. Wohlgemerkt: nicht könnte, sondern wird. Und der fehlende Konjunktiv hat mich am meisten geschockt. Denn scheinbar wurde da kein weit entferntes Zukunftsszenario skizziert, sondern ein konkreter Maßnahmenplan vorgelegt, dessen erste Punkte bereits im nächsten Jahr umgesetzt werden sollen.

Im Mittelpunkt der geplanten Veränderungen – und hier traute ich meinen Augen kaum, als ich das las – steht doch tatsächlich Instagram. „Aufgrund des großen Erfolgs der Social Media-Plattform Instagram bei der Buchcommunity wird im Mai 2021 auf der Leipziger Buchmesse eine literarische Neuheit vorgestellt, die dem Look & Feel der Online-Plattform entspricht und damit  auf zeitgemäße Weise den Konsumgewohnheiten einer modernen, digital geprägten Gesellschaft entspricht: das Instabook.“

Dabei handelt es sich um Romane, die gar nicht erst als gedrucktes Buch und auch nicht als E-Book erscheinen, sondern sofort und ausschließlich auf Instagram publiziert werden. Jedes Instabook bekommt ein eigenes Profil und einen Hashtag, mit dem es schnell aufgefunden und abonniert werden kann. Im Feed finden sich die Kapitel-Teaser und in der Story kann man, wie der Name schon sagt, die komplette Romanstory verfolgen. Die ersten Instabooks werden Unterhaltungsromane des Genres ‚Love /Romance‘ sein, die derzeit bereits geshootet werden. Im nächsten Schritt werden auch Krimis und Romane der Gegenwartsliteratur als Instabooks erscheinen. Bis 2025, so das Strategiepapier, sollen bereits 50 Prozent der Neuerscheinungen nur noch als Instabooks auf den Markt kommen. Im Jahr 2030 soll dann das gedruckte Buch komplett durch das Instabook ersetzt werden.

Natürlich müssen Bücher für eine Veröffentlichung auf Instagram grundsätzlich anders aufbereitet werden, denn Instagram ist ja in erster Linie ein visuelles Medium. „Gute Bücher und Geschichten lassen Bilder im Kopf entstehen. „Bei einem Instabook findet man diese Bilder schnell und unkompliziert im Feed und in der Story, und das entlastet den Leser von den oftmals komplizierten Identfikationsprozessen und führt schnell zu einem befriedigenden Leseerlebnis“, so das Strategiepapier.

Natürlich spielen bei diesen Planungen in erster Linie wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, denn das gedruckte Buch ist seit Jahren ein Minusgeschäft. Und auch unter ökologischen Gesichtspunkten stellen Bücher trotz FSC-Papier aus nachhaltiger Produktion eine unzeitgemäße Belastung des Ökosystems dar. Auch in einem weiteren Punkt haben die Verfasser des Strategiekonzeptes recht: Wenn Bücher sowieso fast ausschließlich nur noch bei Instagram stattfinden, warum dann noch den Umweg über den Buchhandel nehmen und die Titel nicht gleich auf diesem Kanal platzieren?

Und damit die Bookstagrammer, die so gerne Buchcover fotografieren, nicht plötzlich ohne Fotomotiv dastehen, gibt es eine Augmented Reality-App, die ein virtuelles Buchcover in eine Auswahl verschiedener Instagram-tauglicher Szenarien projiziert. Geplant ist auch, eine filigrane und am Handgelenk mit einem Buchmotiv tätowierte Hand als Fotoaccessoire anzubieten zusammen mit einer Auswahl unterschiedlicher Geschenkpapiere als Fotohintergrund.

Alles in allem erscheint mir das ein stimmiges und vielleicht sogar erfolgversprechendes Konzept zu sein. Ich frage mich nur, warum gerade ich dieses Strategiepapier zugespielt bekommen habe, da ich ja bekanntermaßen kein besonders großer Fan von Instagram bin. Meine Frau meint dazu: „Sie nutzen dich als Kanal, weil du deine Lügen immer als Wahrheit und deine Wahrheiten als Lügen verkaufst.“

Wahrscheinlich hat sie wieder einmal recht. Jetzt bleibt nur die Frage, was davon in diesem Falle zutrifft.

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Foto: Gabriele Luger

Warum ich nicht länger mit Verlagen über Reichweite spreche.

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Um es gleich vorweg zu nehmen: es fällt mir schwer. Das Lesen, das Bloggen – momentan eigentlich alles. Die alte Leichtigkeit, der gelegentliche Übermut, die Lust am Teilnehmen, Sticheln und Streiten, das alles ist mir in den letzten Monaten irgendwie abhanden gekommen. Meine Frau hat gesagt: Du brauchst mal eine Pause, das wird schon wieder.

Also habe ich eine Pause gemacht, bin viel Fahrrad gefahren, habe den Sommer und unseren Garten genossen und mich vorwiegend mit beruflichen Themen beschäftigt. Aber so schön und erfüllt jeder einzelne Tag auch gewesen sein mag, wenn ich abends ins Bett ging, spürte ich überdeutlich, dass etwas ganz Entscheidendes fehlte. Ich ohne das Buchrevier, das fühlte sich nicht richtig an.

Das ist schon mal gut zu wissen. Trotzdem macht es mir immer noch große Mühe, mich zu motivieren. Die Pause war gut und richtig, aber so wie früher wird es wohl nicht mehr werden. Denn nicht nur ich habe mich verändert, auch die Bloglandschaft hat sich gewandelt, und die Rollen sind neu verteilt. Instagram ist mittlerweile Leitmedium und hat die Weblogs in den Hintergrund gedrängt. Es gibt zwar immer mehr Menschen, die Buchcover fotografieren und im Netz hochladen, aber immer weniger, die das tatsächlich noch interessiert. Überall die gleichen Bücher, die gleichen Arrangements und meistens auch die gleiche Meinung – manchmal auch gar keine. Kein Wunder, dass das Interesse stagniert, denn das ist alles nicht nur nicht spannend, sondern auch nicht kreativ und folglich nicht besonders relevant.

Mittlerweile hat auch der Buchhandel Social Media entdeckt und flutet mit professionellem Eifer alle Kanäle mit ‚buchigem‘ Content. Ob Inhaber oder Azubi, alle engagieren sich für die gute Sache, halten tapfer Bücher in die Kamera und sagen dazu ein Verkaufssprüchlein auf. Kann man machen. Wenn es aber alle machen, gehen die wenigen Guten einfach unter. Gefühlt sind heute weit über die Hälfte der Buchblogger auf irgendeine Weise Teil des Literaturbetriebes. Und das verändert natürlich die Rahmenbedingungen. Wenn die Motivation für das Bloggen auch beruflicher Natur ist – sozusagen Teil der Jobbeschreibung – dann bleibt bei aller glaubhaft präsentierten Liebe zur Literatur ein Geschmäckle.

Und wo wir schon mal bei den harten Wahrheiten sind. Wer liest eigentlich all die Blogrezensionen und Bücherposts auf Insta und Facebook? In der überwiegenden Mehrzahl sind es Personen, die selber einen Buchblog betreiben oder Bookstagrammer sind; hin und wieder auch der Buchhandel, Verlagsmitarbeiter und manchmal auch Autoren. Ganz selten mal verirrt sich ein echter Leser in die Literaturblogosphäre, einer der mit dem ganzen Betrieb nichts am Hut hat und nur eine Lektüreempfehlung sucht. Es ist leider so: Blogger schreiben für andere Blogger und bewegen sich fast ausschließlich in ihrer Bücherblase. Mit Ausnahme von vielleicht einer Handvoll wirklicher Influencer, wie Florian Valerius oder Karla Paul, werden Buchblogger außerhalb des Literaturbetriebes überhaupt nicht wahrgenommen.

Von der anfänglichen Hoffnung, über Blogs und Social Media wieder mehr Menschen für das Lesen zu begeistern, ist nicht viel geblieben. Jetzt lautet die Devise, die verbliebenen Leser nicht auch noch zu verlieren. Dass man mit Literatur nicht die Reichweiten von Mode- und Lifestylebloggern erzielen kann, war allen von Anfang an klar. Das man aber noch nicht mal annähernd vergleichbare Zahlen erzielen kann und bei vielen Kanälen statt Reichweiten-Wachstum sogar Stagnation zu verzeichnen ist, ist schon eine herbe Enttäuschung.

Gestorben ist auch die Hoffnung, mit dem Bücherbloggen Geld zu verdienen oder sogar davon zu leben, wie andere Influencer es tun. Einige wenige schaffen es, nicht noch draufzuzahlen oder sich über den Blog für andere Tätigkeiten zu empfehlen. Die meisten aber freuen sich, wenn sie wenigstens die Bücher, die sie besprechen, nicht auch noch bezahlen müssen.

Beeindruckend finde ich, dass diese unattraktiven Rahmenbedingnen aber scheinbar niemanden wirklich abschrecken und ein wenig Applaus der Community schon ausreicht, um mit dem Bücherbloggen weiterzumachen. Und das findet sogar auf einem stellenweise sehr hohen Niveau statt, wie ambitionierte und kreative Projekte wie Tell, 54Books, Das Debüt oder Literaturpalast eindrucksvoll belegen.

Und in diesem bunten Gemengelage wurschtelt auch das Buchrevier mit – mittlerweile schon seit sechs Jahren. Die Aufmerksamkeit der Anfangszeit hat stark nachgelassen, womit ich anfänglich haderte, was aber der natürliche Verlauf der Dinge ist. Ich hatte meine Zeit, habe alles mitgenommen und jetzt stehen halt andere Personen im Fokus. Der positive Nebeneffekt ist: Ich kann jetzt machen, was ich will. Keine Verlagspromos, kein Rezensionsdruck – nichts, was ich unbedingt noch erledigen, lesen oder bewerten soll. Ich kann auch mal ein paar Wochen gar nichts machen und keinem fällt das auf.

Und dann ist da natürlich noch der Blogbuster-Preis, mit einer in diesem Jahr wieder ganz besonders starken Staffel. Auch wenn ich nicht mehr in der Jury bin, wirke ich im Hintergrund  immer noch kräftig mit, was mir nach wie vor große Freude bereitet. Am 24. September ist die Preisverleihung, und bin sicher, daß der Gewinnerin – in diesem Jahr stehen nur Frauen auf der Shortlist – noch eine große Zukunft als Autorin bevorsteht.

Wenn ich so nachdenke, was mir in meiner Zeit als Buchblogger am meisten Freude bereitet hat, dann ist es genau das, was mir im Moment am meisten fehlt: die persönlichen Begegnungen. Die gemeinsamen Messetage mit meinen Lieblings-Bloggern – mit Ilja, Tilman, Frank und Uwe, mit Vera, Mareike und Julia. Der Trubel in den Hallen, die Gespräche mit den Verlagen, das Kennenlernen von Autorinnen und Autoren, und nicht zuletzt: die Messepartys. Ich bin immer mit einem großen Glücksgefühl aus Frankfurt und Leipzig zurückgekommen, die Akkus prall gefüllt mit Energie und Motivation für die nächsten sechs Monate. Das alles fehlt in diesem Jahr. Der  Akku ist leer. Und Corona immer noch da.

Ich weiß nicht, wie häufig ich in den letzten sechs Monaten lesen musste, dass besondere Zeiten, besondere Maßnahmen erfordern. Das besondere an diesen Maßnahmen ist immer gleich und immer gleich enttäuschend: sie sind online. Viele sagen ja, dass durch und nach Corona digitale Kanäle an Relevanz gewinnen werden. Vielleicht passiert aber auch das genaue Gegenteil. Wenn der ganze Spuk erstmal vorbei sein wird, werden viele das Digitale genauso satt haben, wie den ungeliebten Mund-Nase-Schutz – und beides mit Wollust in die Tonne hauen. Wundern täte mich in dieser Zeit gar nichts mehr.

Dann will ich mal langsam zum Ende kommen. Vielleicht eines noch: Es gibt immer wieder Blogger, die mit ähnlichen Texten wie diesem hier ihren Abschied zelebrieren, dann aber doch nicht gehen oder kurze Zeit später wieder auftauchen. Keine Sorge, das wird hier nicht passieren. Wenn ich irgendwann mit dem Bloggen aufhören will, dann mache ich das einfach. Keine Ankündigungen und emotionalen Abschiede. Ich werde dann einfach nichts mehr schreiben und das war es dann. Aus, Ende, Feierabend. Irgendwann wird das so passieren, aber noch ist es nicht soweit.

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Foto: Gabriele Luger

Warum ich Blinkist nutze und mich nicht dafür schäme

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Ich mache es nicht häufig, aber hin und wieder lese ich auch Sachbücher. Zuletzt Maja Göpels ‚Die Welt neu denken‘. Ich habe es gekauft, weil ich wie viele andere Menschen auf der Suche nach Antworten bin. Wie es mit unserer Welt weitergehen kann, wie wir Problemen wie dem  Klimawandel, Überbevölkerung und Umweltzerstörung begegnen können. Und was jeder einzelne und ganz konkret ich tun kann, damit die Welt auch im Jahr 2050 noch ein lebenswerter Ort ist.

Ich habe diesen Sachbuch-Bestseller gerne gelesen, viele meiner Annahmen bestätigt bekommen, einige neue Aspekte erkannt und als Fazit mitgenommen, dass Shareholder Value und permanentes Wirtschaftswachstum entweder gestoppt oder besser kontrolliert werden müssen. Das ist alles, was ich nach vier Wochen noch von der Lektüre des Buches in Erinnerung habe. Und auch zu den anderen jüngst gelesenen Sachbüchern, wie Sasha Lobos ‚Realitätsschockund Richard David Prechts ‚Jäger, Hirten, Kritiker‘ könnte ich jetzt gerade mal noch ein paar magere Aussagen zusammenfassen.

Und jetzt stellt sich für mich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, so viel Lesezeit für so wenig Output zu investieren. Während das Lesen von Belletristik im besten Falle gute Unterhaltung, sprachlichen Genuss und geistige Erbauung verspricht, ist das Lesen von Sachbüchern für mich ein eher freudloses Unterfangen, dient lediglich der Information, ist im Prinzip wie Zeitung lesen, nur länger. Trotzdem habe ich den Anspruch, nicht gänzlich ins Private abzutauchen und in fikitiven Romanwelten zu verharren, sondern mich mit dem Zeitgeschehen auseinanderzusetzen. Und da sah ich eines Tages bei Facebook eine Anzeige, die behauptete, dass erfolgreiche Top-Manager über 50 Sachbücher im Monat lesen und wenn ich wollte, könnte ich das auch. Und zwar mit Blinkist, der „Lieblings-App aller Akademiker“.

Nun ja, normalerweise bin ich für solch profane Werbebotschaften nicht empfänglich. Aber nachdem ich einmal den Fehler gemacht habe, auf die Anzeige zu klicken, und sie mir daraufhin mehrmals täglich eingeblendet wurde, habe ich schließlich kapituliert und mir Blinkist doch mal aus dem AppStore geladen und eine Woche umsonst ausprobiert.

Blinkist ist schnell erklärt. Die kostenpflichtige App bietet Zusammenfassungen von derzeit über 3.000 Fachbüchern aus 27 verschiedenen Kategorien, wie z.B. Beruf & Karriere, Psychologie, Politik und Gesellschaft. Innerhalb von nur 15 Minuten werden einem die 5-10 Kernaussagen (Blinks) eines Fachbuches vermittelt. Also genau das, was man nach der Lektüre jedes Fachbuches nach drei bis vier Wochen im besten Falle noch im Kopf behält. Und ich kann auch noch auswählen, ob ich es lesen oder hören will.

Da mir das Lesen von Sachbüchern ohnehin nicht so viel Freude macht, sondern eher Arbeit ist, freue ich mich, wenn ich das auslagern kann. Ich muss mich nicht mehr durch die mitunter dicken und sprachlich oftmals eher bescheidenen Bücher quälen, um die relevanten Informationen und Aussagen aus den Seiten zu destillieren. Das hat Blinkist schon für mich erledigt. Dabei weiß ich jetzt nicht, ob da tatsächlich ein Mensch oder ein Algorithmus am Werke ist und ob das auch wirklich die Kernaussagen der Bücher sind. Man muss also schon etwas Vertrauen haben. Aber ein kleiner Cross-Check mit den Fachbüchern, die ich in Gänze gelesen habe, ergab, dass die Blinkist-Extrakte ziemlich exakt mit meiner Wahrnehmung der Kernaussagen übereinstimmen. Also Zeitersparnis pur.

In meiner kostenlosen Probewoche habe ich so jeden Tag ein bis zwei Fachbücher in extrahierter Form gelesen oder gehört, wie zum Beispiel Stokowskis  ‚Unten rum frei‘, Lewinas ‚Sie hat Bock‘, Stephen Hawkins ‚Kurze Antworten auf große Fragen‘ und allerlei Fachbücher zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Mittlerweile habe ich ein Jahresabo abgeschlossen und die täglichen 15 Minuten Fachbuchlektüre in meinen Tagesablauf integriert.

Jetzt kam man natürlich zu Recht sagen, dass das eine sehr oberflächliche Auseinandersetzung mit einem Fachthema ist. Ja, das stimmt. In den sozialen Medien wird ja viel über diese Art von Science-Snack oder Wissen light gelästert. Aber angesichts der jährlichen Flut an neuen Sachbuchtiteln und der immer noch großen Anzahl an Zeitungen und Fachzeitschriften, ist es eine Frage des Zeitmanagements, wenn man sich als vielseitig interessierter Mensch einen Überblick über die relevanten zeitgeschichtlichen Themen verschaffen will. Und da ist die App des Berliner StartUps eine wirklich nützliche Erfindung und verschafft mir im Alltag wesentlich mehr Zeit. Für Bücher, die vielleicht nicht wichtiger sind, deren Lektüre mir aber deutlich mehr Freude bereitet.

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Foto: Gabriele Luger

T.C. Boyle – Wassermusik (Hörbuch)

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In einem meiner schönsten Tagträume sitze ich als Kandidat in der Sendung „Wer wird Millionär“, schlage mich tapfer und komme tatsächlich bis zur 1-Million-Euro-Frage, die da lautet: Welcher schottische Entdecker hat den Verlauf des afrikanischen Flusses Niger erforscht? a – Luno Garden, b – Bilbo Forrest, c – Mungo Park oder d – Dodo Jungle?

Und dann schmunzele ich in mich hinein, tue so, als müsste ich überlegen, schließe Dodo Jungle schon mal aus, sage dann aber klar und bestimmt „c“. Und natürlich ist das richtig, die Fanfare ertönt, das Lametta kommt von der Decke, und ich bin tatsächlich Millionär. Und wem habe ich das zu verdanken? Niemand anderem als T.C. Boyle, ohne dessen Roman „Wassermusik“ ich niemals von Mungo Park, dem großen, aber ziemlich unbekannten schottischen Entdecker erfahren hätte.

Wassermusik ist 1981 erschienen und eines der ersten Bücher des US-amerikanischen Vielschreibers, wenn nicht sogar sein Debüt. Für mich war es erst mein zweiter Boyle. Wie schon „Das Licht“ habe ich auch diesen Roman nicht gelesen, sondern gehört. Und das waren über 20 Stunden Genuss pur, sehr angenehm und variantenreich gelesen von Stephan Kaminski.

Wieder hat Boyle eine historische Figur zum Romanhelden erkoren – bei seinem letzten Roman war es Timothy Leary und hier eben Mungo Park – ihr Leben nacherzählt, bisschen was weggelassen, bisschen was dazugedichtet und so ein überaus unterhaltsames und modernes Stück Prosa abgeliefert. Ich habe gerade mal bei Wikipedia geschaut; diese Herangehensweise scheint typisch für Boyles Themenfindung zu sein, womit er dem historischen Roman in den USA wieder zu neuem Ansehen verholfen haben soll.

Auch wenn das gattungstechnisch sicher richtig ist, aber „Wassermusik“ und auch „Das Licht“ haben beide so gar nichts von dem, was ich klassischerweise mit einem historischen Roman verbinde. Keine nüchterne Nacherzählung geschichtlicher Ereignisse, keine Reflektion von Gewesenem, sondern sehr lebendige Charakterstudien handelnder Figuren, die vom Typus immer noch zeitgemäß sind. So einen Mungo Park, der nach Ruhm und Anerkennung lechzt und dafür alles zu opfern bereit ist, oder ein Ned Rise, ein echtes Stehauf-Männchen, mehrfach totgeglaubt und immer wieder auferstanden. Solche Typen findet man auch heute noch überall. Und verbunden mit Boyles souverän schnörkelloser und lebendiger Erzählsprache hat man überhaupt nicht das Gefühl, sich mit etwas Unzeitgemäßem zu beschäftigen.

Aber bei aller Modernität – das Gefühl, sich beim Lesen oder Hören im späten achtzehnten Jahrhundert zu befinden, ist trotzdem da. Man riecht förmlich den Gestank in den Straßen des Senegals, spürt die Hitze der sengenden Sonne Afrikas genauso wie die feuchte und kühle Landschaft Schottlands und das lebhafte Treiben in Edinburgh und London. Die Lesestimmung von Wassermusik ist sehr vergleichbar mit den Romanen von Charles Dickens.

Ein 21,5 Stunden langes Hörbuch ist natürlich ein Brett und erfordert etwas Durchhaltevermögen. Doch aufgrund des sehr interessant konstruierten Erzählgerüstes, kommt zu keiner Minute Langeweile auf. Neben den beiden Hauptprotagonisten Mungo Park und dem kleinkriminellen Lebenskünstler Ned Rise erzählt Boyle auch die Geschichte zahlreicher Nebenfiguren, was einerseits sehr auflockernd ist, andererseits eine andere Sicht auf die Hauptcharaktere ermöglicht. Highlights sind natürlich die beiden Expeditionen nach Afrika mit beeindruckenden Beschreibungen von Landschaft und Natur, den Sitten und Gebräuchen der Einwohner, den Strapazen auf der Reise durch unbekanntes und feindliches Terrain, den vielen Missverständnissen, den daraus resultierender Katastrophen und natürlich dem extremen Rassismus auf beiden Seiten.

Fazit: ein tolles Buch, ein denkwürdiges Hörerlebnis und ganz bestimmt nicht mein letzter Boyle.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Sprecher: Stephan Kaminski
Übersetzt von Dirk van Gunsteren
21 h, 34 Min, 9,95 € bei Audible (Hörprobe)

 

Peter Prange – Eine Familie in Deutschland (Band 1 und 2)

2

In meiner Timeline ist Peter Prange noch nie aufgetaucht. Bisher scheint keiner der Bloggerinnen und Blogger, denen ich folge, schon mal irgendetwas von diesem Bestseller-Autor gelesen zu haben. Warum eigentlich nicht? Im Buchhandel ist der Autor dagegen sehr präsent. Man muss nicht lange suchen, im Bestseller-Regal und auf den Highlight-Tischen stapeln sich die beiden Bände von „Eine Familie in Deutschland“. Erst kürzlich habe ich ein Beratungsgespräch belauscht, bei dem die Buchhändlerin zu einer Kundin sagte: Damit können sie nichts falsch machen – das ist erstklassige Unterhaltungsliteratur, die man in einem Rutsch so wegliest.

Wenn von Unterhaltungsliteratur die Rede ist, bin ich normalerweise sofort raus, und daher hakte ich Prange zunächst auch für mich ab. Doch prinzipiell mag ich ja dicke Familienepen sehr, liebe es, wenn man von Seite zu Seite immer vertrauter mit den Figuren wird, bis man irgendwann wie ein altes Familienmitglied mit am Tisch sitzt und den Gesprächen lauscht. Ich erinnere mich an tolle Erlebnisse mit den Buddenbrooks und Kempowskis, mit der Familie von Nino Haratischwilis Brilka und zuletzt natürlich mit den Cerullos, Carraccis und Solaras in Ferrantes Neapel. Auch wenn es den einen oder anderen Leser vielleicht abschreckt, schiere Länge macht immer noch Eindruck.

Alleine die lange Zeit, die man mit in einer Geschichte verbringt – bei mir waren es in diesem Fall knapp drei Wochen für einmal 700 beim ersten Band und nochmal 800 Seiten beim zweiten – haben etwas Prägendes. So schnell werde ich diese langen, ereignislosen Sommerwochen im Corona-Jahr, die ich mit den Isings verbracht habe, wohl nicht vergessen. Eine Romanfamilie, wie sie für eine RTL Telenovela nicht besser hätte gecastet werden können. Prange hat in die 1.500 Seiten alles reingepackt, was das Schmonzetten- und Dramaherz begehrt, vom sympathischen Herzensbrecher und Lieblingssohn bis zum intriganten und lüsternen Onkel wurde jede Rolle besetzt. Und alle Figuren erfüllen genau das, was man von ihnen erwartet. Der Vater ist väterlich, die Mutter mütterlich, die beiden Söhne im ungleichen Hahnenkampf gefangen, die Töchter talentiert, erfolgreich aber unglücklich und dazu der kleine Willy, der immer fröhlich ist und mit jedem „Ei“ machen will. Alles spielt in der Zeit des Nationalsozialismus, erzählt von den Anfängen bis zum desaströsen Ende. In einer Zeit, die allen alles abverlangt, und gute und schlechte Eigenschaften schonungslos offenlegt. Das Scherenschnitthafte der Charaktere wird dadurch noch mehr verstärkt.

Prange fährt dick auf. Nahezu alles, was man als Nicht-Zeitzeuge aus der Nazizeit so kennt: den Kommisston der Sturmbannführer, die blonden Haarschnecken der gebärfreudigen Ehefrauen, die Arbeitslager, das Pervitin, die Propagandafilme bis hin zur Rampe und den Gaskammern in Ausschwitz – wirklich alles wird irgendwie in die Handlung eingebaut. Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit sind dabei fließend. Hitler, Göring, Ferdinand Porsche, Josef Goebbels, Leni Riefenstahl sind genauso mit von der Partie und interagieren mit den Isings, wie auch die Jüdin Stella Goldschmidt, deren nacherzählte Geschichte erst jüngst zu Takis Würgers literarischem Waterloo wurde.

Natürlich hat mich das gestört, natürlich habe ich beim Lesen immer wieder mit den Augen gerollt und in Gedanken schon eine vernichtende Rezension geschrieben, in der ich diesem Werk jeglichen literarischen Anspruch abspreche. Aber trotzdem konnte ich von diesem Buch nicht lassen, habe nach Band 1 sofort auch Band 2 hinterhergeschoben und mich dabei wunderbar unterhalten gefühlt.

Ja, dieser Roman ist voller Klischees und Nazikitsch, die Figuren sind sehr eindimensional und in ihrem Handeln vorhersehbar und zum krönenden Abschluss erwartet einen noch ein echtes Happy End aus der Hölle. Ja, das ist wahrlich keine große Literatur und doch wäre es eine Lüge zu behaupten, dass es mir nicht gefallen hat. Die Buchhändlerin aus Krefeld hat recht: Prange produziert erstklassige Unterhaltungsliteratur, die man in einem Rutsch so wegliest. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Fischer Scherz
Band 1: Zeit zu hoffen und zu leben,
672 Seiten, 13,00 Euro (Taschenbuch)

Band 2, Am Ende die Hoffnung,
811 Seiten, 24,00 Euro (Hardcover)

Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

4

Früher waren mehr Interviews. Hier und auf den anderen Blogs. Und früher ist noch gar nicht so lange her: gerade mal drei oder vier Jahre. Mittlerweile fragt mich keiner mehr was, und auch ich will von anderen kaum noch was wissen. Schade eigentlich. Könnte ich mal wieder ändern. Aber wenn schon Interviews, dann bitte nicht mehr diese weichgespülten und tausendmal abgestimmten Frage-und-Antwort-Floskeln. Wenn schon, dann offen und ehrlich, spontan und wahrheitsgetreu. Ok, versuchen wir es mal.

Vervollständigen Sie bitte diesen Satz: Die Wahrheit ist…

… das aktuelle Buch von Eshkol Nevo, einem israelischen Gegenwartsautor, von dem ich bisher noch gar nichts gehört oder gelesen habe. Er beantwortet in diesem autobiografisch anmutenden Roman die Fragen seiner Leser und schreibt sich mit seinen Antworten aus einer Schreibblockade. Dabei ist die eigentliche Frage nur ein Impuls für einen Gedankenstrom, den er immer weiter ausrollt, sich dabei seinen Lebenslügen und allerlei unangenehmen Wahrheiten stellt und auf diese Weise einen Roman von über 400 Seiten produziert.

Also eine Schreibblockaden-Therapie, aus der am Ende ein Roman entstanden ist?

Ja, schon, aber das ist in diesem Fall wirklich sehr gelungen. Und ist Schreiben nicht immer eine Art von Therapie? Ich wage sogar zu behaupten, dass alles was mehr sein will, als nur reine Unterhaltung, immer etwas Therapeutisches hat. Nur wer als Autor seine Leser ganz nah an sich ran lässt, sie durch die Aufdeckungen seiner Wahrheiten dazu bringt, über ihre eigenen nachzudenken, sprich: eine zweite Erzählebene im Kopf des Lesers erschafft, darf sich auch Literat nennen.

Und? Hat Eshkol Nevo Sie dazu gebracht, über Ihre eigenen Wahrheiten nachzudenken?

Absolut. Und nicht nur das. Wenn man sich erstmal mit seinen Wahrheiten beschäftigt, landet man ganz schnell auch bei seinen Lügen. Den vielen kleinen und großen Alltags-Unwahrheiten, den unzähligen Notlügen bis hin zu den gut verborgenen Lebenslügen. Ja, mir ging beim Lesen viel davon durch den Kopf. Und weil wir vorhin von Therapie gesprochen haben – was für den Autor das Schreiben, war für mich das Lesen: ein irgendwie heilsamer Prozess. Die Lektüre hat dadurch etwas länger gedauert, weil es viel zu erinnern und zu durchdenken gab. Am Ende des Romans fühlte ich mich aber irgendwie befreit und geläutert. Wenn man es so nennen will, eine Art von Katharsis.

Wow, das klingt gut. Hätten Sie das von einem israelischen Autor erwartet?

Dies ist wirklich eine sehr dumme Frage. Was hat das denn mit der Nationalität des Autors zu tun? So ein Effekt ist ausschließlich dem Können und Talent des jeweiligen Künstlers geschuldet, egal aus welchem Land er stammt.

Entschuldigung, aber sie werden doch nicht bestreiten, dass es in der Literatur spezifische Erzählmuster gibt, die typisch für einen bestimmten Kulturkreis, eine Region oder ein Land sind. Sie selbst haben doch schon gesagt, dass Sie keinen Zugang zu Autoren aus spanischsprachigen Ländern finden.  

Ja, das stimmt. Habe ich gesagt. Auch zu Literatur aus dem afrikanischen und arabischen Raum  finde ich nur selten einen Zugang. Trotzdem finde ich es falsch und geradezu rassistisch, Autorinnen und Autoren nach ihrer Herkunft zu klassifizieren. Wenn ich keinen Zugang zu Literatur finde, egal aus welchem Kulturkreis auch immer, dann hat das meistens mit den Themen zu tun, die mich nicht interessieren, mit überbordender Symbolik und einer Sprache, die mir zu kitschig und bildhaft ist.

Ok, lassen wir das Thema. Vielleicht ist Ihnen das Buch auch deswegen so nahe gegangen, weil der Protagonist – genau wie Sie auch – ein mittelalter Mann ist?

Das will ich nicht bestreiten. Ich bin ein typischer Identifikationsleser und freue mich immer, wenn das, was ich lese, in irgendeiner Form etwas mit mir zu tun hat. Wenn ich mich mit einer Person, einem Thema einer Situation identifizieren kann. Ob ich ein Buch mag oder nicht mag, hängt oftmals davon ab, ob ich mich in einem Setting zu Hause fühle und Gedanken und Gefühle der handelnden Personen nachvollziehen kann. Das konnte ich bei Eshkol Nevos Roman sehr gut. Ob das eine Frage des Alters, des Geschlechts oder der Herkunft ist, weiß ich nicht. Manchmal ist es auch einfach nur Sympathie und eine gewisse Art von Humor, die einen mit anderen Menschen verbindet – im echten Leben genauso wie in der Literatur.

Jetzt haben wir viel über Ihre persönlichen Leseeindrücke erfahren, aber kaum etwas über Handlung dieses Romans. Was passiert in „Die Wahrheit ist“ eigentlich?

Ja, stimmt. Das vergesse ich nur zu gerne. Für mich ist das Nacherzählen des Plots eine lästige Pflicht, der ich nur nachkomme, wenn mir sonst nicht viel zu einem Buch einfällt. Gerne verweise ich daher auf andere Quellen im Netz, wo man das alles gut nachlesen kann. In diesem Fall gibt der Text auf dem Buchrücken wunderbar Auskunft über das, was einen im Inneren erwartet. Ich lese mal eben vor: „Ein Mann Mitte vierzig steckt in der Krise: Seine Ehe steht vor dem Aus, seine älteste Tochter geht auf Distanz zu ihm, er arbeitet für einen fragwürdigen Politiker. Ein hoher Preis für seine Lebenslügen. Die Wahrheit ist: Sein einziger Ausweg ist die Flucht nach vorn. Zum ersten Mal in seinem Leben findet er den Mut, sich den Tatsachen zu stellen. Schonungslos, mitreißend und berührend.“

Und? Trifft es das?

Ja und Nein. Wie bei jeder Zusammenfassung fehlen auch hier wieder wichtige, prägende Details, die den besonderen Reiz der Geschichte ausmachen. Aber der letzte Satz trifft voll ins Schwarze: „schonungslos, mitreißend und berührend“ – ja, das ist dieses Buch in jedem Fall.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: dtv
Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke
430 Seiten, 22,00 €

Thorsten Nagelschmidt – Arbeit

Ich fand schon seinen letzten Roman richtig toll. Und auch sein neuer ist ziemlich gut, nicht unbedingt besser als „Der Abfall der Herzen“, ganz anders konstruiert, kein Coming-of-Age in der westdeutschen Provinz, sondern durch und durch Hauptstadt, erwachsen und aller Unschud beraubt. Aber so unterschiedlich dieser und sein letzter Roman auch sind, so unverkennbar sind doch beide echte Nagelschmidts. 

Müsste ich den Erzählstil dieses Autors mit nur einem Wort beschreiben, würde ich mich für ‚lässig‘ entscheiden. Ja, ich glaube, das trifft es ziemlich gut. Nicht angestrengt und bemüht, sondern locker aus der Hüfte. Nicht fleißig recherchiert, sondern selbst erlebt. Nicht auf cool gemacht und akademisch, keine Schreibschule aus Hildesheim oder Leipzig. Nein, Nagelschmidts Stil ist frei von allem Pseudotum. So kann nur einer schreiben, der nicht so tut, als wäre er cool, sondern es tatsächlich auch ist. Oder anders ausgedrückt: lässig. 

Als ich noch regelmäßig nachts unterwegs war, in Clubs, die damals noch Diskos hießen, habe ich diese lässigen Typen immer bewundert. Obwohl ich nie ein Wort mit ihnen gewechselt habe, kannte ich ihre Namen, denn sie waren entweder Sänger und Gitarristen einer kreisbekannten Indie-Band oder Redakteure eines lokalen Veranstaltungsmagazins. Und natürlich immer umringt von anderen coolen Typen und den interessantesten Mädchen, während Random-Typen wie ich verstohlene Blicke riskierten und einsam und frustriert an ihrer Cola nippten. Und ich glaube, nein, ich bin überzeugt: Thorsten Nagelschmidt – seines Zeichens nicht nur Schriftsteller, sondern auch noch Sänger der semi-erfolgreichen Band Muff-Potter – ist genau so ein Typ. 

Mittlerweile bin ich alt genug, dass ich solchen Menschen neidlos begegnen kann und bereit bin,  ihr Talent – wenn denn vorhanden – vorbehaltlos anzuerkennen und zu huldigen. Es gibt ja so einige Indie-Band Sänger, die sich als Romanautoren versucht haben und durchaus erfolgreich sind. Allen voran Sven Regener, der wohl bekannteste und profilierteste Singer/Bookwriter, oder auch Thees Uhlmann, Dirk von Lowtzow, Hendrik Otremba und Bela B. Obwohl Regener mit Bestsellern wie „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“ uneinholbar weit vorne liegt, ist ihm Nagelschmidt dicht auf den Fersen und für mein Empfinden literarisch deutlich überlegen. Und wenn ich schon dabei bin, zu vergleichen, dann möchte ich gleich noch ein paar Namen ähnlich  lässiger Autoren und Autorinnen nennen: Virgenie Despentes, Jörg Fauser und Wolfgang Welt  – alle haben diesen ganz speziellen, reflektierten Szene-Sound, der auch Nagelschmidts Werk auszeichnet. 

Kurz ein ein paar Worte zum Plot. ‚Arbeit‘ ist ein Episodenroman, erinnert mich von der Konstruktion ein wenig an Hank Zerboleschs Antiroman Raw, wo die Protagonisten einer vorhergehenden Episode in einer der nächsten als Neben- und Randfiguren wieder auftauchen. Nagelschmidt beschreibt das Berliner Nachtleben, beleuchtet zwölf Stunden eines beliebigen Tages und begleitet die Protagonisten seiner Episoden von 18.00 bis 06.00 Uhr morgens durch die Kreuzberger Nacht. Aber nicht die Partys und das Treiben in den Szeneclubs sind sein Thema, sondern die Menschen, die Nachts unterwegs sind, um zu arbeiten. Drogendealer, Taxifahrer, der Rettungsdienst, die Polizeistreife, Kiosk-Betreiber, Lieferando-Fahrradkuriere, Pfandflaschensammler, der Nachtportier im Hostel, der Türsteher vor dem Techno-Club und die Frau von der BSR, die mit ihrer Küpperweiser-Straßenreinigungsmaschine die Überreste der Nacht zusammenkehrt. 

Es gehört schon was dazu, einen Roman mit so vielen handelnden Figuren zu konstruieren, ohne die Leser zu verwirren oder zu ermüden. Mit wenigen Sätzen gelingt es Nagelschmidt, die Charaktere zu umreißen und das Episodensetting zu skizzieren, ohne den Erzählfluss zu unterbrechen oder Tempo zu verlieren. Man ist in jeder Geschichte sofort drin und freut sich, wenn man plötzlich Figuren vorheriger Kapitel wiedererkennt – die Flaschensammlerin und die beiden österreichischen Girlies aus dem Hostel, den Taxifahrer, die Rettungssanitäterin – und so setzt sich die Szenerie aus vielen kleinen Versatzstücken zu einem großen, beeindruckenden Gesellschaftsportrait zusammen. 

Und trotz seiner komplexen Eipsodenkonstruktion, wirkt nichts an diesem Roman konstruiert. Alles ist stimmig und authentisch: das Kreuzberger Setting, die Sprache, die Arbeitsabläufe der Nachtarbeiter. Ich kann ich das insofern beurteilen, als ich selber mal in Berlin am Hermannplatz gelebt habe, auch mal Rettungsdienst und Taxi gefahren bin und während des Studiums als Nachtwächter und beim Winterdienst gearbeitet habe. Auch deswegen habe ich mich in diesem Buch sofort wohl und heimisch gefühlt und kann jedem dieses außergewöhnliche Leseerlebnis nur wärmstens empfehlen.    

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Verlag: S. Fischer
334 Seiten, 22,00 €

Paul Auster – Winterjournal

3

Dieser Mann ist weltberühmt, seine Bücher sind in zig Sprachen übersetzt und globale Bestseller. Und was macht so ein Mensch, wenn er mit 64 Jahren auf sein bedeutendes Leben zurückblickt? Keine eitle Nabelschau, kein Namedropping, keine Auflistung seiner größten Erfolge auf dem Weg in den Bestseller-Olymp. Nein, er schaut auf seine Hände und zählt auf, was sie in all den Jahren schon angefasst, gehalten, gehoben, gewiegt, geschmiegt, berührt und gestreichelt haben. Wie viele andere Hände er mit ihnen schon geschüttelt, wie viele Türklinken er gedrückt, Zigaretten angesteckt und Telefonhörer abgenommen hat; wie oft er sich damit am Kopf und auch am Hintern gekratzt hat. Er erinnert sich an Mädchen und Frauen, die er geküsst, Wohnungen, in denen er gewohnt hat, Länder, in die er schon gereist ist. Und wo er war, als Oma und Opa, sein Vater und seine Mutter gestorben sind und als die Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme krachten.

Eine Handvoll prägender Momente auf der einen Seite und unzählige Alltäglichkeiten, Begegnungen und ein großer Batzen erinnerungsloser Zeit auf der anderen – so geht Leben. Deins, meins, und auch das von Paul Auster. Ein Leben, an dem er die Leser dieses Buches in allen Nebensächlichkeiten teilhaben lässt. Mittlerweile ist Auster nochmal zehn Jahre älter und erfreut sich meines Wissens immer noch bester Gesundheit. Und doch ist Winter Journal schon so etwas wie ein Vermächtnis. Ob mit 64, 74 oder 84 Jahren – was am Ende übrig bleibt, sind ein paar Erinnerungsschnipsel und Bilder, die als Film in Fast-Forward vor deinem inneren Augen ablaufen, während du auf das grelle Licht am Ende des Tunnels zugehst. Leben heißt zurücklassen. Orte, Menschen, Tätigkeiten. Das Einzige, das bleibt, bist du. Dein Körper, alt und krumm, mit Narben auf der Haut und der Seele.

Wir alle kennen das, wenn wir Fotos aus vergangenen Tagen betrachten. Das Erste, was uns ins Auge sticht, sind wir selbst. Nichts interessiert und fasziniert uns so sehr, wie wir selbst. Wie wir uns verändert haben, was die Zeit mit uns gemacht hat, und wie wir aus heutiger Sicht unser Ich von damals betrachten. Das ist weder hedonistisch, noch egoman – das ist einfach nur menschlich und natürlich. Auster hat das alles aufgeschrieben, hat haarklein beschrieben, was er in seinem Leben zurückgelassen hat und welche Narben geblieben sind. Menschen, Orte und Tätigkeiten, die ihn eine Zeit begleitet haben und die ohne dieses Buch irgendwann vergessen und spurlos verschwinden würden.

Und natürlich beschäftigt auch Auster die Frage, die sich früher oder später jeder stellt: Bist du zufrieden mit deinem Leben, war es die ganzen Anstrengungen überhaupt wert? Nach Alfred Adler, dem berühmten Psychotherapeuten, ist es rein gar nichts wert, wenn kein anderer als du selbst, es mit Bedeutung und Emotion auflädt. Wenn du nichts in anderen Menschen hinterlässt, wenn keiner sagt: Dieser Mensch hat mich beeindruckt. Seine Texte, seine Gedanken, sein auch im Alter noch volles Haar. Wenn nur du allein, dich gut findest und kein anderer – dann ist das alles gar nichts wert, dann bist du nicht mehr als ein Max Mustermann, ein leeres Abziehbild der Bedeutungslosigkeit.

Ein Schicksal, was Paul Auster niemals treffen wird. Denn er hat eine Menge bedeutender Romane geschrieben und damit viele Menschen beeindruckt und geprägt. Aber vor allen Dingen hat er ‚Winter Journal‘ geschrieben und damit reinen Tisch gemacht. Mit der Vergangenheit, mit dem Bild seiner selbst, mit dem Mythos, dem er nicht entsprechen wollte.

Und so bleibt mir nur, die letzten Sätze aus diesem Buch zu zitieren, die da lauten:

„Deine nackten Füße auf dem kalten Boden, wenn du aus dem Bett steigst und zum Fenster gehst. Du bist vierundsechszig Jahre alt. Draußen ist alles grau, fast weiß, die Sonne nicht sichtbar. Du fragst dich, wieviele Morgen bleiben noch? Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. Du bist im Winter deines Lebens eingetreten.“

Ich persönlich bin momentan erst im Herbst meines Lebens und habe noch ein wenig Zeit – wenn alles gut läuft. Vielleicht.

 

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Übersetzt von: Werner Schmitz
256 Seiten, 12,00 €

 

Übrigens, bei ARTE gibt es ein sehr sehenswertes Autorenportrait von Paul Auster. Kann ich nur empfehlen.

Die zehn besten deutschen Hörbuchsprecher*innen

11

Ich habe die Headline zwar brav gegendert, aber wenn man sich die folgende Liste mit meinen liebsten Hörbuchstimmen anschaut, findet man da hauptsächlich Männer. Ich sage das vorher, um den üblichen Kommentaren vorzugreifen. Dabei habe ich mich wirklich bemüht, mehr weibliche Hörbuchsprecherinnen herauszusuchen. Aber es ist mir nicht gelungen. Anders sähe es aus, wenn ich irgendwann mal eine Liste mit den in meinen Ohren gräuslichsten Hörbuchstimmen zusammenstellen würde; hier würde die Frauenquote deutlich höher liegen. Es ist nun mal so, Stimme ist Geschmackssache und ich mag bei Hörbüchern einfach lieber Männerstimmen zuhören. Und da auch Erzählungen mit weiblichen Protagonisten mit männlichen Sprechern funktionieren und das hier mein ganz persönliches Ranking ist, nehme ich das einfach mal als gegeben hin.

Hier also die zehn besten Hörbuchstimmen des Buchreviers:
(Ich habe zu jeder Person ein passendes Video herausgesucht und verlinkt. Einfach auf die Screenshots klicken.)

1. Frank Arnold

Er ist mit Abstand meine Nummer Eins. Es gibt in meinen Ohren keinen besseren, eleganteren, wacheren Sprecher. Keinen, der mir mehr vertraut ist, weil ich fast alles höre, was er spricht. Seine Stimme ist klar und akzentuiert, fast schneidend, aber trotzdem warm und variantenreich –  und man erkennt sie sofort. Und er ist immer auf den Punkt, hochkonzentriert, erlaubt sich keine Hänger und Schludrigkeiten. Und was nur wenige können: Er wertet mit seiner Performance sogar durchschnittliche Bücher deutlich auf. Unübertrefflich meisterhaft ist er als Sprecher der Romane von Anthony Powell und Julian Barnes.

Zuletzt gehört:
Romanzyklus: Der Tanz zur Musik unserer Zeit – Antony Powell
Die einzige Geschichte – Julian Barnes
Der Empfänger – Ulla Lenze

2. Ulrich Noethen

Den Namen und das Gesicht kennt man aus Funk und Fernsehen. Ich mag ihn als Schauspieler, aber noch besser ist er als Hörbuchsprecher. Noethen hat eine Charakterstimme, sehr prägnant, nicht zu tief und nicht zu hoch, mit einem leichten Schnarren. Er kann sie wunderbar modulieren, die Tonlage und Klangfarbe wechseln und verleiht dadurch Dialogen eine sehr lebendige Anmutung. Grandios ist sein Talent, Akzente und Dialekte zu imitieren, wie z.B. den Berliner Dialekt, wunderbar nachzuhören in seiner Version von Falladas „Ein Mann will nach oben“. Wahrlich Meisterhaft ist seine Lesung des Romans „Tyll“ von Daniel Kehlmann.

Zuletzt gehört:

Metropol – Eugen Ruge
Ein untadeliger Mann – Jane Gardam

3. Eva Mattes

Mit Eva Mattes verbinde ich eines der schönsten Hörbucherlebnisse überhaupt. Als Sprecherin der vierbändigen neapolitanischen Saga von Elena Ferrante hat sich die Tatortkommissarin aus Konstanz für immer in mein Herz gelesen. Warm und weich, einfühlsam und sensibel, fordernd und aufbrausend, zänkisch und zeternd – so vielfältig wie die Figuren dieses grandiosen Weltbestsellers, so variantenreich ist das stimmliche Repertoire dieser Sprecherin. Vielleicht liegt es an ihrer für eine Frau eher tiefen Stimmlage, dass ich ihr nahezu unbegrenzt zuhören kann. Sie scheint spezialisiert auf weibliche Autoren. Neben den Romanen von Elena Ferrante leiht sie auch denen von Jane Austen und Siri Hustvedt ihre schöne Stimme.

Zuletzt gehört:
Elena Ferrante – Die neapolitanische Saga Band 1-4
Jane Austen – Stolz und Vorurteil

4. Johann von Bülow

Er ist ein entfernter Verwandter von Loriot und darüber hinaus ein Schauspieler, den man schon in unzähligen TV-Filmen gesehen hat. Derzeit ist er super angesagt und gut gebucht. Man erkennt ihn stimmlich nicht sofort, denn er ist eher der neutrale Erzähler-Typ und hat eine moderne, junge Stimme. Zum Fan bin ich durch seine Interpretation der drei Bände von Vernon Subutex geworden, aber er schafft es auch, Sachbuchthemen wie „Das Evangelium der Aale“ gekonnt in Szene zu setzen.

Zuletzt gehört:
Vernon Subutex – Virginie Despentes
Das Evangelium der Aale – Patrick Svenson
Gott wohnt im Wedding- – Regina Scheeer

5. Torben Kessler

Wie die meisten Hörbuchsprecher ist auch Kessler Schauspieler, mir als solcher aber noch nie aufgefallen. Sein Äußeres ist nicht besonders prägnant, gleiches gilt für seine Stimme, die  angenehm und variantenreich ist, aber nichts wirklich Typisches hat. Und ich glaube, das ist es, was ihn auszeichnet, als Schauspieler und als Hörbuchsprecher. Er steht nicht im Vordergrund, drängt sich nicht auf, will nicht vereinnahmen und dem Text seinen Stempel aufdrücken. Nicht der Sprecher soll wirken, sondern das Buch. Er ist lediglich Interpret, eine Stimme, die Inhalte transportiert – das Medium.

Zuletzt gehört:
Die Nikelboys – Colson Whitehead
GRM Brainfuck – Sibylle Berg
Unter der Drachenwand – Arno Geiger

6. Christian Brückner

 Ich habe lange nachgedacht, ob ich Christian Brückner auf diese Liste setzen soll. Denn ein richtiger Fan dieses wohl berühmtesten und profiliertesten Hörbuch- und Synchronsprechers, der in der Presse auch „The Voice“ genannt wird, bin ich nicht. Aber natürlich gehört er zu den besten Sprechern des Landes und daher darf er hier nicht fehlen. Stimmlich erkennt man ihn sofort und genau da liegt mein Problem. Wann immer ich den Fernseher einschalte, stoße ich beim Zappen irgendwann auf seine sehr männliche, leicht heisere Stimme. Wenn ich ihn höre, dann sehe ich Robert de Niro, Donald Sutherland und Robert Redford vor mir. Diese Omnipräsenz kombiniert mit seiner sehr prägnanten und akzentuierten Art zu lesen, machen es den Texten schwer, sich gegen ihren Sprecher durchzusetzen.

Zuletzt gehört:

Zeiten des Aufruhrs – Richard Yates
Sechs Koffer – Maxim Biller

7. Burghart Klaußner

Klaußner ist ein sehr klassischer Sprecher. Seine Stimme ist voll und kräftig, und man kann ihn sich auch gut als Shakespeare-Darsteller auf der Bühne vorstellen. Wie er manche Sätze und Wörter betont, Kunstpausen macht und die Lautstärke variiert, das hat schon etwas leicht Altmodisches. Ich mag das ja, aber nur bei Büchern, die auch eher klassisch konstruiert sind, wie zum Beispiel Entwicklungsromane und Familienchroniken. Klaußner schreibt auch selber. Seine kleine Novelle über die letzten Tage des zweiten Weltkrieges hat er natürlich selber eingelesen und ist sehr hörenswert.

Zuletzt gehört:
Olga – Bernhard Schlink
Makarionissi – Vea Kaiser
Vor dem Anfang – Burghart Klaußner

8. Sophie Rois

Diese Stimme polarisiert. Begeisterung oder Ablehnung – dazwischen gibt es nichts. Ich finde sie toll. Eine absolute Charakterstimme, die man sofort erkennt. Sie hat etwas jugendlich Vorwurfsvolles und irgendwie Schnoddriges an sich, wirkt aber gleichzeitig auch auf eine gewisse Weise alt und verlebt. Ich kann es nur schwer beschreiben, aber ich finde diesen Gegensatz äußerst reizvoll und interessant und würde mich freuen, in Zukunft mehr von ihr zu hören.

Der Zopf meiner Großmutter – Alina Bronsky
Baba Dunja letzte Liebe – Alina Bronsky

9. Gert Heidenreich

Er ist der Sprecher für die ganz großen Romane. Ob Tolkien, Eco, Hesse oder Suter – Heidenreich leiht allen seine volle, ruhige Stimme. Mein erstes von ihm gesprochenes Hörbuch war Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrigblieb“ und damit hat er mich sofort überzeugt. Er hat die distinguierte, elegante und sehr beherrschte Stimmung dieses Romans perfekt wiedergegeben. Heidenreich ist selber Autor und spricht natürlich die Hörbuchfassungen seiner Romane selbst.  Gelesen oder gehört habe ich davon aber bisher noch nichts. Er ist übrigens der Ehemann von Elke Heidenreich.

Zuletzt gehört:

Der begrabene Riese – Kazuo Ishiguro
Was vom Tage übrig blieb – Kazuo Ishiguro
Die Zeit, die Zeit – Martin Suter

10. Britta Steffenhagen

Steffenhagen ist Journalistin und Radiomoderatorin und eine der weiblichen Sprechstimmen, die ich zwar nicht besonders bemerkenswert finde, aber gerne mag. Sie wirkt sehr ernst und konzentriert, wenn sie spricht und hat eine gewisse Strenge und Kälte in ihrer Stimme. Das passt perfekt zu den beiden Hörbüchern von Celeste Ng, die ich mir sehr gerne von ihr habe vorlesen lassen. Mehr habe ich von ihr bisher noch nicht gehört, denn sie leiht ihre Stimme überwiegend Krimis und Unterhaltungsliteratur.

Zuletzt gehört:
Kleine Feuer überall – Celeste Ng
Was ich Euch nicht erzählte – Celeste Ng

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Und als Zugabe, hier noch eine kleine Extraliste:

Beste Autorenstimmen

Man sollte denken, dass Autor/innen ihr Werk selbst am besten interpretieren können. Doch wer öfter auf Autorenlesungen geht, weiß, dass gut schreiben zu können nicht unbedingt bedeutet, auch gut vorlesen zu können. Diese sechs Autor/innen aber können es und sind die perfekten Sprecher/innen ihres eigenen Hörbuchs.

Felix Lobrecht – Sonne und Beton
Karen Köhler – Miroloi
Katja Oskamp – Marzahn mon Amour
Matthias Brandt – Blackbird
Benjamin von Stuckradt-Barre – Panikherz
Lutz Seiler – Stern 111

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Titelfoto: Gabriele Luger

Rebecca Makkai – Die Optimisten

3

Wenn ich so schaue, was Bloggerinnen und Blogger in diesem Frühjahr lesen und besprechen, dann ist dieses Buch in den allermeisten Fällen mit dabei. Und in der Regel wird es positiv oder sogar hymnisch besprochen: Da ist vom Herzensbuch die Rede, dem richtigen Buch zu richtigen Zeit, vom Pageturner, der Entdeckung des Jahres und so weiter und so fort. Kollektive Lobhudelei, wohin man auch schaut.

Nicht selten, dass ich in solchen Fällen die Lust an einem derart gehypten Buch verliere, es gar nicht mehr lesen und erst recht nichts drüber schreiben will. Aber diesmal habe ich mir die Mühe gemacht und es gelesen, bevor meine Timeline damit überschwemmt wurde. Und da das immerhin über 600 Seiten Lektüre waren, die mich zwei Wochen Zeit gekostet haben, will ich es nicht unter den Tisch fallen lassen. Zunächst einmal: Es hat keine Mühe gemacht, es zu lesen, sondern war ein wahres Vergnügen. Und ja, die anderen haben recht: Es ist in der Tat die Entdeckung des Jahres, ein Pageturner und meinetwegen auch ein Herzensbuch.

Und was habe ich darüber hinaus noch dazu zu sagen? Auf alle Fälle werde ich hier nicht mit einer Inhaltsangabe Zeilen schinden. Mache ich ja sowieso nur sehr ungern. Nein, ich möchte an dieser Stelle lieber über andere Dinge sprechen. Zum Beispiel über AIDS. Warum? Weil der Ausbruch von AIDS im Chicago der achtziger Jahre das zentrale Thema dieses Romans ist, weil daran immer noch Jahr für Jahr viele Tausend Menschen sterben, weil ich die Anfänge in den frühen Achtzigern selbst miterlebt habe und mich noch gut daran erinnere – und natürlich, weil sich sofort Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie aufdrängen. Ein Vergleich, der an vielen Stellen hinkt, aber in der aktuellen Situation geradezu zwangsläufig ist.

Beide Viren sind gefährlich. Corona, weil man sich aufgrund der Ansteckungswege viel schlechter gegen eine Infektion schützen kann. Und HIV, weil die Folgen einer Infektion wesentlich gravierender sind und es auch nach über 30 Jahren immer noch keinen Impfstoff gibt. Welches Virus als das schrecklichere und verheerendere in die Geschichtsbücher eingehen wird, lässt sich bis dato noch nicht sagen. Fakt ist, dass die Autorin so einen Bezug zu keiner Zeit eingeplant hat, als der Roman im Jahr 2018 in den USA erschien. Aber jetzt, im Frühjahr 2020, bei Erscheinen der deutschen Übersetzung, geht das natürlich vielen Lesern durch den Kopf. Und sicherlich ist diese ungewollte Inzidenz für den Abverkauf des Buches alles andere als negativ, so dass weder der Verlag noch die Autorin das besonders bedauern werden. In dieser Woche ist Rebecca Makkai auf Platz 44 in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. Und ich bin sicher, dass es in den nächsten Wochen weiter nach oben gehen wird. Eine Top 20-Platzierung müsste drin sein.

Eins noch, dann höre ich mit den Pandemie-Vergleichen auf. Während ein positiver Corona-Test für Menschen ohne Vorerkrankungen oftmals relativ folgenlos bleibt, bedeutete ein positiver HIV-Test für die Homosexuellen von Chicago im Jahr 1985, wo einer der beiden Handlungsstränge des Romans spielt, den sicheren Tod. Das ist keine neue Erkenntnis, aber trotzdem: Genau das ist es, was einem beim Lesen dieses Buchs so mitnimmt. Makkai schildert sehr eindringlich und emotional aufwühlend, wie das Virus als Gevatter Tod in diese Gemeinschaft einbricht und einen nach den anderen dahinrafft. Allesamt junge, lebensfrohe, talentierte Männer, wie Nico, Terrence, Julian, Charlie und Yale, denen die ganze Welt noch offen stand. Innerhalb weniger Wochen ist ihr Leben vorbei, mit einer brutalen Konsequenz, diskussions- und ausweglos. Und alles letztlich nur, weil keiner ein Kondom benutzt hat. Ein Pfennigartikel, dessen Fehlen das Leben kostet.

Aber das ist nur einer der Aspekte, die diesen Roman zu einer emotional aufwühlenden Lektüre machen. Dieses Buch ist voller kleiner und großer Geschichten, die alle für sich bereits genügend Stoff für weitere Romane ergeben würden. Wie der Kampf um den Nachlass von Nora, die in jungen Jahren in Paris Künstlern wie Amadeo Modigliani und Chaim Soutine Modell saß und dafür signierte Skizzen bekam. Die tragische Geschichte des Malers Ranko, für dessen Andenken und künstlerische Würdigung sich seine Freundin Nora auch mehr als 50 Jahre nach seinem Tod noch einsetzt. Die Tochter, die verschollen ist und von ihrer Mutter per Privatdetektiv über zwei Kontinente hinweg gesucht wird. Der ehemalige Pilot, dem seine an allen möglichen Orten liegen gelassene Brieftasche immer wieder nachgeschickt wird. Der Fotograf, der im Alter noch eine internationale Karriere macht und natürlich Yale, der Held und Sympathieträger dieses Romans, dessen Schicksal einem das Herz zerreißt. All diese Geschichten hängen mir nach und bleiben im Gedächtnis.

Was mir sonst noch zu diesem Buch einfällt? Nun ja, ein absoluter Glücksgriff ist zum Beispiel der Romantitel. Wer greift in einer Zeit, in der alle gängigen literarischen Dystopien scheinbar Realität geworden sind, nicht gerne zu einem Buch mit dem Titel „Die Optimisten“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und ist obendrein gerade sehr gefragt. Apropos Glücksgriff – mich wundert, wie ein vergleichsweise kleiner Indie-Verlag wie Eisele sich solch einen Spitzentitel unter den Nagel reißen kann. Die Optimisten, bzw. im Original „The Great Believer“, stand in den USA auf der Shortlist des Pulitzer-Preises, war ein New-York-Times Bestseller. Wer hat bei den großen Verlagen wie Hanser, Fischer oder Rowohlt eigentlich geschlafen, als die deutsche Lizenz verhandelt wurde?

Scheinbar alle. Obendrein schafft es die umtriebige Indie-Verlegerin mit dem Gespür für Bestseller immer wieder, dass nicht nur Blogger und Bookstagrammer, sondern auch der Buchhandel ihre Titel zu Herzensbüchern erklären und sich bereitwillig vor den Verkaufskarren spannen lassen. Und wenn ich auch manchmal gerne querschieße, in diesem Fall schließe ich mich an.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Eisele Verlag
Übersetzt von: Bettina Abarbanell
620 Seiten, 24,00 €

Margaret Atwood – Der Report der Magd

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Es war keine gute Idee, dieses Buch jetzt in dieser Zeit zu lesen. Nein, das hätte ich mal lieber sein gelassen. Ganz ehrlich? Ich habe Angst. Da ist so ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend, etwas, was mir sagt, dass ich da nicht nur irgendeine gut gemachte Dystopie gelesen habe, keinen dieser unzähligen Romane, in denen Menschen unterdrückt werden, sterben und die Welt ihr vertrautes Gesicht verliert. Nein, hier hatte ich beim Lesen das Gefühl, als schaute ich aus dem Fenster, auf das, was hier gerade direkt vor meinen Augen passiert. Kein wohliger Schauder beim Zuklappen nach der letzten Seite, keine Freude darüber, dass das ja nur eine fürchterliche Geschichte sei, dass so etwas nie und nimmer in meinem Leben passieren könnte. Nein, diesmal nicht. Man legt das Buch weg, aber die Beklemmung bleibt. 

Dabei war es gar nicht mal die aktuelle Krisenlage, die mich zu diesem Buch gebracht hat. Es war vielmehr eine Dokumentation auf ARTE über das Leben von Margaret Atwood, einer Autorin, die für mich seit jeher eher uninteressant war und von der ich folglich auch noch nie etwas gelesen habe. Und natürlich gab es für dieses Desinteresse keine auch nur ansatzweise nachvollziehbare,  rationale Begründung. Atwood war für mich eine Autorin, die mehr oder weniger anspruchsvolle Romane für Frauen schrieb. So wie Isabel Allende oder ganz früher Colette – alles Vorurteile, ich weiß, aber irgendwie muss man sich ja in diesem weiten Feld der Literatur orientieren. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht immer wieder auch bereit bin, meine Meinung zu ändern. So wie in diesem Fall. Nein, Atwood ist wirklich Spitze und sie schreibt Romane, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer interessieren (sollten). Zumindest dieser eine Roman sollte das.

Als ihr mit Abstand erfolgreichstes Buch war ‚Der Report der Magd‘ natürlich ein zentrales Thema in dem ARTE-Autorinnenportrait (ich habe die Sendung unten verlinkt). Mich hat in der wirklich sehr sehenswerten Dokumentation zweierlei verblüfft: zum einen, dass so ein weltweiter literarischer Erfolg komplett an mir vorbei gehen konnte und andererseits die Aussage Atwoods, dass sie bei dem Roman eigentlich nichts erfunden hat, sondern nur zusammengefügt hat, was überall auf der Welt entweder bereits geschehen ist oder aktuell gerade passiert. Drittes Reich, Stalinismus und Islamischer Gottesstaat nach iranischem Vorbild. Als der Roman Anfang der Achtziger entstanden ist, gab es noch keinen IS. Aber was die Ayatollahs mit den Frauen im Iran damals schon gemacht haben, den Entzug aller Freiheiten und einem Großteil ihrer Bürgerrechte, die Reduktion auf rein dienende Funktionen, die Uniformierung und Verhüllung, die drastischen Strafen für jegliche Abweichung vom starren Moralkodex, das kommt dem schon sehr nah, was Atwood in ihrem Roman schildert und was dreißig Jahre später von radikalen Islamisten noch   perfektioniert wurde. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich meine Geschlechtsgenossen für so ein Verhalten verachte. 

Und genau das ist es, was mich bei diesem Buch neben weiteren Parallelen zu den aktuellen Corona-Einschränkungen am meisten aufgeregt und bewegt hat. Das radikale Patriarchat, die systematische Unterdrückung von Frauen, ihre Reduktion auf Reproduktion und Arterhaltung, das ganze dumme männliche Machtgehabe. Es kotzt mich so an. Von Caligula über Dschingis Khan, Hitler, Stalin, bis hin zu Orban, Bolzenaro, Trump und Erdogan – immer schon waren und sind es Männer, die die Welt zu einem deutlich schlechteren Ort machten und immer noch machen. In diesem Zusammenhang muss ich an aktuelle Berichte denken, wonach sich Länder, die von Frauen geführt werden, am erfolgreichsten gegen die Corona-Pandemie stellen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. In puncto Politik, Bildung und Wirtschaft haben Frauen oftmals ein wesentlich besseres Händchen. Ist es generell nicht langsam Zeit für einen Wechsel? Zeit, sich  als Mann in die zweite Reihe zu stellen und die Welt in weibliche Hände zu geben? 

Aber kommen wir zurück zum eigentlich Thema. Nachdem die Welt Orwells Schicksalsjahr 1984 ohne Big-Brother-Diktatur unbeschadet überlebt hatte, musste dringend ein neues Worst-Case Szenario her. Atwoods Roman erschien1985 und schloß diese Lücke. Was im Report der Magd beschrieben wurde, musste für damalige Verhältnisse völlig utopisch klingen. Geschlossene Grenzen, wo sich doch Europa gerade öffnete, das Erstarken religiöser und partriachalischer Strukturen, staatliche Willkür und der Verlust persönlicher Freiheiten – in den westlichen Industrienationen glaubte man, das ein für allemal hinter sich gelassen zu haben. Man hatte das Gefühl, dass das Leben jeden Tag ein wenig freier, gleichberechtigter und friedlicher wurde.    

Und jetzt? In wenigen Wochen bekommen wir eine Big-Brother App, die jeden unserer Schritte überwacht, die Grenzen sind zu, in den Läden sind die Grundnahrungsmittel ausverkauft, und Ordnungsdienst und Polizei patrouillieren in den Straßen, um die Hygienevorschriften und Kontaktsperren zu überwachen. Klar, das ist alles nur vorübergehend so. Wenn Corona erstmal vorbei ist, normalisiert sich das alles und unser Leben wird wieder so wie vorher. 

Und wenn nicht?    

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Piper Taschenbuch
Übersetzung: Helga Pietsch
412 Seiten, 12,00 €

Hier geht es zu der sehr sehenswerten Dokumentation über Margaret Atwood auf ARTE:

Lutz Seiler – Stern 111

So ist das wohl, wenn man alt wird – man liest in einem Buch über eine Zeit, die man selber miterlebt hat und denkt: ist ja noch gar nicht so lange her. Denn im Kopf ist alles immer noch sehr präsent, die Erinnerungen lebendig und farbenfroh. Und dann sieht man Fotos aus dieser Zeit und wie die Orte von damals jetzt aussehen – man erschrickt, rechnet noch mal nach und fühlt sich schlagartig nicht nur so, sondern ist es auch: unsagbar alt.

Ich habe in der Zeit des Mauerfalls in Berlin gelebt und die Vor- und Nachwendezeit hautnah miterlebt. In Gedanken sehe ich mich noch immer mit meiner roten Vespa durch Ostberlin (sic) fahren, im Sommer 1990 mit Vollgas über den ehemaligen Todesstreifen und danach Fußball gucken auf der Museumsinsel, wo das erste Public Viewing zur Fußballweltmeisterschaft aufgebaut war. Und als die Deutschen dann tatsächlich Weltmeister wurden, ungläubig und euphorisch im hupenden Auto-Corso auf dem Ku’damm. Und natürlich bin ich damals auch durch die Oranienburger gefahren, habe mir das Tacheles und die Nutten mit ihren bunten Glitzer- Leggins angeschaut — einer der Schauplätze von Lutz Seilers grandiosem Nachwenderoman Stern 111.

Normalerweise kämen jetzt hier ein paar Infos zur Romanhandlung, aber das überlasse ich lieber dem Autor, der das in dem unten verlinkten Video sehr sympathisch und anschaulich erledigt. Nur soviel: Es gibt zwei Handlungsstränge, die Geschichte von Walter und Inge Bischoff und die Geschichte ihres gemeinsamen Sohns Carl. Die Eltern packen am zweiten Tag nach Maueröffnung ihre Wanderrucksäcke und machen sich auf in den Westen, während der Junior (zunächst) als Nachhut im Elternhaus in Gera verbleibt. Das allein schon – die Alten sind mutig und stürzen sich ins Ungewisse, die Jungen bewahren und halten die Stellung – ist so verkehrte Welt und trotzdem irgendwie symptomatisch im aktuellen Generationenkonflikt.

Mehr will ich dazu gar nicht sagen, trotzdem hat mich gerade dieser Aspekt sehr beschäftigt. Zum einen, weil ich damals in der Nachwendezeit ungefähr so alt war, wie Seilers Protagonist Carl Bischoff, zum anderen, weil ich heute ungefähr so alt bin wie Carls Eltern Inge und Walter damals waren und weiß, wie schwer die Last von fünfzig Jahren Leben auf den Schultern wiegen. Ich kann beide Seiten verstehen, mich voll und ganz identifizieren, wobei ich aus jetziger Sicht eine starke Sympathie-Präferenz für die ältere Generation habe. Mich würde mal interessieren, ob ich das damals, also vor ungefähr dreißig Jahren, auch so empfunden hätte. Ob ich dann nicht eher mit dem Gedichte schreibenden und sich ansonsten treibenlassenden Carl sympathisiert hätte. Ich glaube schon, denn auch wenn ich mit Carl wenig gemeinsam habe, Gedichte habe ich auch geschrieben.

Aber lassen wir diesen persönlichen Vergleich. Genauso wenig möchte ich hier die sehr naheliegende Frage nach Bezügen zur Autobiografie des Autors stellen, obwohl die erzählte Geschichte zweifelsohne viele Parallelen zum Leben von Lutz Seiler hat . Die Orte in dem Roman gibt es, die Eltern aus Gera und wahrscheinlich auch den russischen Schiguli. Man darf also nach Herzenslust spekulieren, ob Lutz Seiler hier tatsächlich seine eigene Geschichte erzählt und rätseln, was er weggelassen und was er dazu erfunden hat. Ein müßiges Unterfangen, weil im Prinzip jede erzählte Geschichte, egal ob real oder fiktiv, erst dann gut und authentisch ist, wenn sie ein Autor in sich aufgenommen und zu seiner eigenen Geschichte gemacht hat. Wenn sich Fiktion und Realität in seinem Inneren vermischen und ein Roman entsteht.

Ich habe Stern 111 jeweils zur Hälfte gelesen und zur Hälfte als Hörbuch gehört. Das Hörbuch liest Lutz Seiler selbst, und die Art, wie er seinen Roman liest, macht sehr schön deutlich, worum es ihm neben der zu erzählenden Geschichte in erster Linie geht. Um die Komposition des Textes, die Akustik des geschriebenen und gesprochenen Satzes, einen ganz speziellen Sound, den Takt, den auch sein Protagonist Carl – wie Seiler ein Lyriker – beim Schreiben seiner Gedichte braucht und den er durch das rhythmische Schlagen eines Werkzeugs auf den Handballen erzeugt. Der ganze Roman ist nach diesem Schema gestaltet, geradezu durchkomponiert. Jeder Satz folgt einer Melodie, die mit dem Erzählten korrespondiert, es begleitet, ergänzt und erhöht. Nichts stört, alles ist rund, stimmig und harmonisch. Als Leser kann man sich wohlig in ein Bett aus Worten fallen lassen und der vielschichtigen Handlung lauschen.

Die oftmals autobiografische Sicht auf einen im Werden begriffenen Autor, so ein poetisches Coming-of-Age, ist ja ein ziemliches häufig bedientes Motiv in der Literatur. Der Dichter im Kampf mit sich selbst, auf der Suche nach seinem Thema, einem eigenen Stil und dem Sinn seines Tuns – derartige Erzählungen finden sich in nahezu allen Epochen.

Von der sprachlichen Intensität, einzelnen Plotfragmenten und vor allem von der Erzählstimme her, hat mich „Stern 111“ einerseits  stark an Jörg Fausers „Rohstoff“ aber auch an Thorsten Nagelschmidts „Der Abfall der Herzen“ erinnert. Jeweils unterschiedliche Dekaden – Fausers Protagonist  Harry Gelb ringt Ende der Sechziger, Seilers Carl Bischoff Ende der Achtziger und Nagels alter Ego Ende der Neunziger nach Worten – doch auch, wenn die zeitgeschichtlichen Umstände immer wieder andere sind – scheitern tun alle drei schreibenden Romanhelden letztlich an nichts anderem, als an sich selbst.

Und seien wir ehrlich: Ist es nicht das, was wir gerne lesen wollen? Geschichten vom schönen Scheitern, der schier unerreichbaren Kunst, ein kreatives und zugleich erfülltes Leben zu führen. Vom Straucheln, Hinfallen, Wiederaufstehen, der ständigen Wiederholung, dem Nichtaufgeben – immer und immer wieder, bis dieses Elend selbst zur Kunstform wird. Das Ganze braucht man dann nur noch in Worte zu packen, Sätze zu formen und melodisch durchtakten – vorzugsweise mit leichten, rhythmischen Schlägen eines beliebigen Werkzeugs auf den Handballen.

Wenn es tatsächlich so einfach wäre, ich würde es machen.

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Verlag Print: Suhrkamp
528 Seiten, 24,00 €

Hörbuch: Der Audio Verlag
Gelesen vom Autor, Länge: 18h, 28 min
Hörprobe

Sehr empfehlenswertes Autorenvideo: Lutz Seiler und die Schauplatze seines Romans.

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

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Wenn wir über dieses Buch reden, dann bitte nicht über die Geschichte, die es erzählt. Denn die ist ziemlich durchschnittlich und schnell erzählt. Eine Romanheldin namens Alma, die sich auf der Suche befindet – wie so oft in der erzählenden Literatur – in erster Linie nach sich selbst. Es geht mal wieder um Herkunft, um Kindheit und Erwachsenwerden, um Eltern und Großeltern. Da ist vieles unklar, Dinge, über die all die Jahre nicht viel gesprochen wurde. Vergangenheit, die totgeschwiegen wurde, wie die Rolle des Großvaters im Krieg, die Jahre in russischer Gefangenschaft, aus der er als schweigsamer und für den Rest seines Lebens in sich gekehrter Mann zurückkehrte. Im Reisegepäck die Schuld, die als dunkles Geheimnis von Generation zu Generation weitervererbt wird, mit Fragen zu Verantwortung und Sühne.

So weit, so konventionell. Über solche Themen habe ich gefühlt schon mehr als hundert Romane gelesen. Nein, wegen der erzählten Geschichte muss keiner dieses Buch lesen. Sie ist lediglich die Trägerlösung für etwas, das viel kostbarer und bereichernder ist und diesen Roman trotz des durchschnittlichen Plots zu einem Meisterwerk macht: die Sprache. Lasst uns daher, wenn wir über dieses Buch reden, nicht über das Was, sondern über das Wie reden.

Das, was bereits den ersten Roman von Valerie Fritsch auszeichnete, hat mich auch hier wieder zum Niederknien gebracht hat. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Sprachgefühl, vor dieser lässigen Virtuosität, die an keiner Stelle gewollt, aufgesetzt und gekünstelt wirkt. Jeder Satz sitzt, ist wohlüberlegt, aber niemals konstruiert. Mal kunstvoll verschachtelt, dann wieder kurz und auf den Punkt. Aneinander gefügt beginnen die Sätze zu klingen, formen sich zu einer Melodie, deren Schönheit man erst richtig erkennt, wenn man sie sich laut vorliest. Und so habe ich auch diesmal wieder ganz für mich allein oben in meinem Kämmerchen gesessen und mir diesen wunderbaren Roman laut vorgelesen.

Und ja, das ist natürlich ein ganz anderes Lesen: anstrengender, fordernder. Die Lektüre dauert länger, denn man braucht erst die richtige Lesestimmung, muss sich einlassen können, bereit und willens sein, sich in diese wattigen Sätzen fallen zu lassen, in das Meer aus Metaphern und Allegorien einzutauchen. Hier und da musste ich bemerkenswerte Sätze unterstreichen, besonders schöne Absätze zweimal lesen – auch das hindert beim Fortkommen, was in diesem Fall auch gar nicht das Ziel ist. Denn schon bald war klar, dass ich dieses Buch gar nicht beenden, sondern möglichst lange in diesem wunderschönen Sprachkosmos verharren wollte. Denn die Welt da draußen braucht gerade den Trost schöner Worte.

Auch zwei Wochen nachdem ich die Lektüre beendet habe, liegt dieser Roman immer noch griffbereit neben dem Lesesofa. Den Plot habe ich fast schon wieder vergessen, nicht aber den damit verbundenen Lesegenuss. Ab zu nehme ich das gerade mal 170 Seiten umfassende Buch in die Hand, schlage irgendeine Seite auf und lese nochmal einen Absatz. Egal wo man landet, es ist immer besonders, immer wunderschön.

Wenn ich das sprachlich-literarische Talent von Valerie Fritsch vergleichen sollte, dann würde ich sie in einem Atemzug mit Bodo Kirchhoff und Martin Walser nennen. Auch wenn diese beiden Männer auf der literarischen Langstrecke der jungen Österreicherin noch einiges voraus haben, so punktet Fritsch im Gegenzug mit ihrem frischen und ungekünstelten Stil. Ihre Sprachgewandtheit wirkt jung und modern, und bei ihr hat man zu keiner Zeit das Gefühl, dass da jemand seine Formulierungsfähigkeit unter Beweis stellen will und den ersten Preis im verschachtelten Sätzeklopfen gewinnen möchte.

Mein Fazit: kein Buch für Leser, die Plot-getriebene Bücher mögen, eine spannende Geschichte  oder ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema brauchen, um dran zu bleiben. Aber alle, für die Sprache eine Kunst ist, Worte Tiefe haben, Sätze eine Melodie und Seiten einen Klang – für die ist Valerie Fritsch die Königin, ein ganz besonderer Genuss und absolutes Must-read.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
175 Seiten, 20,00 €

7 Gründe warum die Corona-Krise eine Chance für die Buchbranche sein kann

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(1) Weil jede Krise eine Chance ist
Eine Krise verändert Menschen. Wer sie übersteht, blickt anschließend anders auf die Welt – ist vorausschauender,  sensibler und vielleicht auch achtsamer geworden. Eines kann man jetzt schon sagen: Corona hat was mit uns Menschen gemacht und hinterlässt bleibende Spuren. Unser Leben wird danach ein anderes sein. Und ganz sicher ist: Auch die Buchbranche wird sich durch Corona massiv verändern – vielleicht gar nicht mal zu ihrem Nachteil.

(2) Weil Verzicht neue Begehrlichkeiten schafft
Das kennt man aus Kindheitstagen: All das, was verboten ist und man nicht haben kann, will man plötzlich unbedingt und sofort. Und natürlich überkommt einen der unbändige Wunsch, ein gutes Buch zu kaufen, gerade dann, wenn alle Buchhandlungen geschlossen sind. Seit einer Woche erwische ich mich mehrmals am Tag bei dem Gedanken, wie schön es jetzt wäre, einfach in die Stadt zu fahren, in meinen Lieblingsbuchladen zu gehen, um ein bisschen zu schmökern. Lasst uns dieses Verlangen konservieren für die Zeit danach.

(3) Weil Langeweile der Anfang von allem ist
Shut Down und das Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden hat etwas wieder hervorgebracht, was man seit Playstation, Internet und Netflix eigentlich für ausgestorben hielt: die Langeweile. Plötzlich haben wir alle wieder Zeit ohne Ende, die irgendwie gefüllt werden muss. Nach einer oder höchstens zwei Stunden hat man das Internet erstmal ausgelesen und auch von der besten TV-Serien schafft kaum einer mehr fünf Folgen am Stück. Was macht man also mit dem Rest des Tages? Die Chance ist groß, dass man vor lauter Langeweile wieder einmal zu einem Buch greift und feststellt, dass damit nicht nur die Zeit wie im Fug vergeht, sondern man beim Lesen in ferne Länder reisen und Menschen nahe kommen kann, ohne sich zu infizieren.

(4) Weil Amazon gar nicht dein größter Feind ist
Jahrelang galt Amazon als Feindbild in der Buchbranche und Jeff Bezos als der Mann, der den deutschen Buchhandel in den Abgrund gestürzt hat. Und jetzt? Jetzt, wo der Buchhandel durch Corona am Boden liegt und Bezos richtig profitieren könnte, zieht er sich aus dem Buchgeschäft zurück und verkündet, dass sich Amazon in dieser Situation lieber auf Haushaltswaren konzentriert. Und da wird auf einmal zweierlei deutlich: wie überlebenswichtig Amazon für die Verlage und Autoren mittlerweile ist und wie groß auf der anderen Seite das Versagen des Buchhandels, dem es mit all seiner Branchenexpertise in all den Jahren noch immer nicht gelungen ist, einen gleichwertig attraktiven Onlinehandel aufzuziehen. Höchste Zeit also, dass sich das endlich ändert.

(5) Weil Buchmesse nicht online geht
Vor einem Monat habe ich noch Witze über Corona und Leipzig gemacht. Doch schon kurz danach war mir gar nicht mehr nach Satire, denn ein Bücherfrühling ohne Buchmesse ist ein ziemliches Trauerspiel.  Wie stark Leipzig fehlt, wird einem erst recht durch die verzweifelten Versuche bewusst, im Netz einen wie auch immer gearteten Ersatz zu schaffen. Hier bewahrheitet sich wieder einmal, was auch für Journalismus und Literaturkritik gilt: online ist immer nur eine Ergänzung aber kein Ersatz.

(6) Weil die Krise immer schon da war
Wenn eine Branche sich mit Krisen auskennt, dann die Buchbranche. Die fetten Jahre kennen viele nur noch vom Hörensagen. Zuletzt war eigentlich immer nur noch Krise, mal mehr und mal weniger. Man hat sich in der Flaute eingerichtet, von der Hand-in-den-Mund gelebt und einen ganz eigenen, prekären Charme ausgebildet. Die Branche hat über die Jahre gelernt, mit wenig auszukommen und das Beste daraus zu machen. Alle wussten, dass es nicht klug und sinnvoll ist, Jahr für Jahr immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu produzieren. Doch es wurde trotzdem gemacht, und bisher ist das auch immer gut gegangen.

(7) Weil auch Hoffnung systemrelevant ist
Zweckoptimismus ist gut und gerade jetzt sehr wichtig. Aber machen wir uns nichts vor: Nicht alle werden den Shut Down unbeschadet überstehen. Und den nicht systemrelevanten Kulturbetrieb wird es besonders hart treffen. Dienstleister, Verlage, Buchhandlungen, die schon zuvor nur gerade so klar gekommen sind, sich von Monat zu Monat durchgehangelt haben, all die werden nach der Corona-Krise trotz staatlicher Hilfen wohl nicht mehr da sein. Das ist brutal und schmerzhaft, aber darauf müssen wir uns wohl einstellen. Die Welt verändert sich und mit ihr der Buchmarkt. Und trotzdem bin ich hoffnungsfroh. Vielleicht finden in diesen schweren Zeiten ja doch wieder mehr Menschen einen neuen Zugang zur Literatur. Denn Bücher geben Trost, Kraft und Hoffnung, und das ist in Krisenzeiten dann doch irgendwie systemrelevant.

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Foto: Gabriele Luger

Moritz von Uslar – Nochmal Deutschboden (Hörbuch)

Der erste Teil aus dem Jahr 2009 hat mich schon nicht interessiert. Tendenziös und vorhersehbar, so mein Vorurteil. Was soll da schon anderes als das übliche Dunkeldeutschland-Bashing rauskommen, wenn sich ein westdeutscher Linksintellektueller unters Volk im Brandenburger Hinterland mischt? Und so war auch meine Haltung zum jüngst erschienenen Nachfolgeband ‚Nochmal Deutschboden – Meine Rückkehr in die Brandenburgische Provinz‘. Trotzdem habe ich mal ins Hörbuch reingehört, weil ich von Moritz von Uslar zwar schon viel gehört, aber außer ein paar Zeitungsartikeln noch nichts gelesen habe.

Es hat etwas gedauert, bis ich mich an den kehligen Bariton des Autors, der sein Buch selber liest und dabei immer wieder zwischen Ich- und Reporter-Perspektive wechselt, gewöhnt hatte. Aber schon nach zehn Minuten war ich drin und unendlich froh, dass meine Neugier mal wieder stärker war, als alle Vorurteile. Denn was von Uslar da abliefert, ist mehr als nur eine Reportage aus einer ostdeutschen Kleinstadt. Es ist eine Liebeserklärung an das normale, einfache Leben, an Menschen, die nicht perfekt sind und alles andere als pc, an einen Landstrich, der nicht viel mehr zu bieten hat, als weite Landschaft und beigefarbene Kratzputzfassaden. Nach acht Stunden Hörbuch bin ich nicht nur neuer Fan des Autors, der für mein Empfinden genau das richtige Maß an kritischer Distanz und Empathie zu seinen Protagonisten gefunden hat, sondern einmal mehr auch des Lebens in der Brandenburgischen Provinz.

Ich bin so alt, ich kenne noch die DDR, und zwar in echt und nicht nur aus Romanen. BRD und DDR, West und Ost, das war so grundverschieden – dass das jemals wieder eins wird, hätte ich bis zur Wende kaum für möglich gehalten. Und auch wenn die Staatsgrenze seit 30 Jahren verschwunden ist, die Unterschiede zwischen Ost und West sind immer noch da. In den Familiengeschichten, den Akten der Behörden und vor allem in den Köpfen der Menschen. Egal, ob man das nun gut findet oder nicht: in Castrop Rauxel ist man westdeutsch und in Zehdenick ist man ostdeutsch – es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber trotzdem liegen dazwischen Welten. Und wie es ist, zu 100 Prozent ostdeutsch zu sein, das kann man hier nachlesen und hören.

Bei Moritz von Uslar ist die Brandenburger Provinz vor allen Dingen eins: überwiegend männlich. 85 Prozent der handelnden Figuren sind Männer, trink- und schlagfest, und die meisten von ihnen haben grundsätzlich nichts gegen Ausländer, aber…! Die wenigen Frauen, die uns hier begegnen, sind entweder besorgte Mütter, hübsche Bäckereiverkäuferinnen oder alleinerziehende Barfrauen  – aber allesamt nicht mehr als dekorative Nebendarstellerinnen im Deutschboden-Setting. Was in Zehdenick gemacht und gedacht wird, das bestimmen größtenteils die Männer und das ist leider nicht immer klug und durchdacht.

Mich hat verwundert, dass der Reporter nach dem ersten Teil seiner teilnehmenden Beobachtung immer noch so gut gelitten ist. Dass er zehn Jahre danach wieder in Schröders Kneipe ein- und ausgehen kann, ohne angefeindet zu werden. Ganz im Gegenteil, er wurde von der Gemeinde begrüßt wie ein verlorener Sohn, einer der Ihrigen. Kaum einer trägt ihm etwas nach, ist sauer, weil er sich im Buch falsch dargestellt fühlte und nach der Veröffentlichung Probleme bekommen hat. Erst dachte ich, es könnte daran liegen, dass nicht alle das Buch gelesen haben. Aber die Verfilmung werden sich die Zehdenicker mit Sicherheit angeschaut haben, und genau das habe ich im Anschluss an das Hörbuch auch gemacht. Bei YouTube findet man einen Mitschnitt des Films in drei Teilen.

Und wenn man Moritz von Uslar da so betrachtet, wie er breitbeinig durch die trostlosen Straßen geht, mit Raoul und Eric und den anderen Kleinstadtfiguren im Ratskeller rumhängt, dann versteht man, warum er so gemocht wird. Der Reporter ist einfach ein netter Kerl, lustig und unterhaltsam, hat keine Hybris und lässt den Intellektuellen nicht raushängen, ganz im Gegenteil. Er verfügt über eine authentisch anmutende Proll-Credibility, vergleichbar mit Ben Becker, wodurch er sich nahezu unbeschadet in diesen Kreisen bewegen kann. Man spürt seine ehrliche Sympathie und das Interesse an den Menschen in der Kleinstadt, und auch wenn er immer wieder auf Rassismus und Rechtsradikalität trifft, sich viel dummes Geschwätz anhören muss, verliert er nie seine Zugewandtheit.

Seine Rolle ist weniger die eines Reporters, als viel mehr die eines Therapeuten. Jemand, der offen und ohne Vorurteil ist, sich interessiert, die Leute reden lässt und zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellt. Von Uslar wird vorgeworfen, dass er mit seiner Art der freundlich teilnehmenden Beobachtung, das Problem von Ausländerhass und Rechtsradikalismus zu sehr verharmlost. Aber ich bin mir sicher, dass er dadurch viel mehr erreicht, als diejenigen, die sich lautstark empören, anklagen und Menschen, deren Meinung ihnen nicht passt, an den Gesinnungs-Pranger stellen. Denn das verändert gar nichts, das verhärtet nur die Fronten und ist im Grunde auch nicht viel anders, geschweige denn besser, als das Verhalten, das man eigentlich verändern möchte.

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Foto:
Screenshot aus dem Film: Deutschboden

Hörbuch:
Verlag: tacheles! /ROOF Music GmbH
Sprecher: Moritz von Uslar
Dauer: 8h, 12 min
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
336 Seiten, 22,00 €

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Ich kann vieles in diesem Buch sehr gut nachvollziehen. Ein Protagonist, der Bücher liebt und für nichts anderes als seine bibliophile Leidenschaft lebt, hat grundsätzlich meine vollste Sympathie. Literatur vor dem Vergessen zu bewahren, alte Schätze zusammenzutragen, sie bis an die Decke zu stapeln, mit den Fingerkuppen über die Einbände zu streichen und sich an den Regalreihen nicht sattsehen zu können – das kenne ich nur zu gut. Ein Bücherfreund wie Norbert Paulini, der Held dieses Romans, kann kein schlechter Mensch sein, denke ich – und weiß natürlich, wie naiv so eine Aussage ist.

„Was ist ein schlechter Mensch?“ lautet dann auch die berechtigte Frage gegen Ende dieses Romans. Die Antwort darauf ist simpel und ernüchternd: „Um herauszufinden, was gut ist und was schlecht ist … dafür brauchen wir unser ganzes Leben. Aber ob wir es herausfinden werden?“

Ja, was nützt dann die Lektüre mehrerer tausend Bücher, wenn man danach noch nicht mal so eine einfache Frage beantworten kann? Und überhaupt, welcher Maßstab gilt, wenn es um die politische Gesinnung geht? Ist man gut, wenn man links und schlecht, wenn man rechts von der Mitte steht? Wer legt das fest und fällt am Ende das Urteil? Die Geschichte hat gezeigt, dass das schon mal variiert, dass Gut oder Böse davon abhängen, wo man sich selbst verortet, geistig, moralisch und manchmal auch regional. Und wenn dieser Ort in Sachsen liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass rechts von der Mitte gut und alles andere eben schlecht ist.

Das sind die Gedanken, die mir beim Lesen dieses Romans durch den Kopf gegangen sind. Und die ganze Zeit während der ca. einwöchigen Lektüre war ich unschlüssig: Finde ich „Die rechtschaffenen Mörder“ nun gut oder eher nicht? Erst am Ende stand mein Urteil fest. Gut! Richtig gut. Und zwar gerade, weil es so ein langer Prozess war. Gerade, weil man immer wieder dachte: Was soll das jetzt? Ist das nicht zu billig, zu wenig hergeleitet, zu viel aktueller politischer Diskurs?

Aber während ich das hier schreibe, poppt in meiner Timleine wieder mal die Casa ‚Tellkamp‘ auf. Gleicher Ort, ebenfalls Literaturbetrieb, und wie im Roman von Ingo Schulze stellt sich auch hier die Frage nach der richtigen Gesinnung. Also von wegen konstruiert. Aktueller kann ein Romanthema wohl kaum sein.

Was ich anfangs etwas verwirrend, am Ende aber richtig gut fand, ist die Aufteilung des Romans in drei unterschiedliche Erzählebenen. Im ersten Teil wird die wechselvolle Geschichte des Antiquars Norbert Paulini aus Sicht eines scheinbar neutralen Erzählers geschildert. Die frühen Jahre in der DDR, der Aufbau des Antiquariats Paulini – die ersten Jahre nach der Wende werden sehr detailliert beschrieben. Als Paulini mit seinen Büchern in die sächsische Schweiz umzieht und sich politisch immer mehr rechts positioniert, bricht die Erzählung plötzlich ab. Dann wechselt die Perspektive, und der Erzähler des ersten Teils wird zum Ich-Erzähler des zweiten Teils. Zunächst rollte ich mit den Augen, weil ich dachte, jetzt wiederholt sich alles noch mal. Aber bis auf ein paar Überschneidungen war dem nicht so. Ganz neue Perspektiven, andere Einblicke und eine komplizierte Liebesgeschichte kamen hinzu. Schlussendlich übernimmt die Lektorin des Erzählers der ersten beiden Teile und führt die Geschichte im dritten Teil an ihren Schlusspunkt. Und so sehr ich zwischendurch auch haderte und immer wieder mit dem Gedanken spielte, die Lektüre einfach abzubrechen, so sehr hat es sich am Ende doch gelohnt.

Denn ob ein Roman in meinen Augen gut oder schlecht ist, hängt nicht davon ab, wie stimmig ich den Plot finde oder ob ich mich mit den Protagonisten identifizieren kann. Es hat auch nichts damit zu tun, wie schnell ich durchkomme, ob ich mich beim Lesen schwer getan habe, es spannend oder lustig fand. Nein, entscheidend ist, was sich an Gedanken parallel zum Lesen in meinem Kopf ergibt. Und das waren in diesem Fall eine ganze Menge.

Neben dem, was ich oben schon geschrieben habe, der Frage nämlich, wann ein Mensch gut und wann er schlecht ist, ist es aber vor allem die Figur des ambitionierten Lesers, die mich an diesem Werk fasziniert hat und bei der sich unweigerlich auch Parallelen zu meiner Person ergeben. Wie ist das, wenn einer viel liest? Entzieht sich so jemand der Welt, obwohl er sich doch gedanklich viel intensiver mit ihr beschäftigt, als jeder Nicht-Lesende das jemals tut? Nähert uns die Literatur dem Leben und den Menschen an, oder entfernt sie uns von ihnen?

Und nicht zuletzt, die entscheidende Frage, der sich jeder Literaturfreund einmal stellen muss. Ist mir das Lesen genug, reicht mir dieser Status? Will ich ein Leser sein oder lieber ein Schreiber? Akteur oder Konsument? In meinem Fall ist die Antwort klar: Ich bin Leser und kein Schreiber. Aber wenn man mich fragt, warum ich lese, ist die Antwort klar: um darüber zu schreiben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
318 Seiten, 21,00 Euro
nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse

„Ich habe nur gute Erfahrungen mit Bloggern gemacht.“

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Alexa Hennig von Lange ist eine der bekanntesten Autorinnen ihrer Generation und in diesem Jahr Mitglied der Fachjury beim Blogbuster-Preis. Ich habe mich mit ihr über das Schreiben, die Schwierigkeiten, den richtigen Verlag zu finden und die Rolle von Blogs und Social Media ausgetauscht. Bei ihrer Antwort auf die Frage, welche Blogs sie selber liest, stockte mir für einen Moment der Atem. Ich schwöre, sie hat das wirklich gesagt.  

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Buchrevier: Was hat dich an der Aufgabe gereizt, in der Jury des Blogbuster-Preises mitzumachen?

AHvL: Mich interessieren grundsätzlich erzählerische Texte. Ich finde es spannend, wie sich der jeweilige Autor seinem Thema nähert und daraus kann ich immer wieder auch für mich Erkenntnisse ableiten. Gleichzeitig fühle ich mich in meiner Funktion als Jurymitglied natürlich auch an meine schreiberische Anfangszeit erinnert, in der ich darauf hoffte, dass irgendjemand, der nicht meine Mutter oder mein Vater ist, mein Manuskript liest und mir mitleidlos seine Eindrücke mitteilt.

Wie war das in den Neunzigern, als du das Manuskript deines Debütromans Relax fertig hattest? Hast du damals sofort einen Verlag gefunden oder musstest du auch lange suchen?

Meine beste Freundin hat mir damals geholfen, einen geeigneten Verlag für mein Manuskript zu finden. Das heißt, meine Freundin hat sich die Programme von verschiedenen Verlagen angesehen und dann zu mir gesagt: „Da musst Du jetzt Deinen Text hinschicken.“ Ich selbst wäre nie so pfiffig gewesen. Auf diese Weise bin ich sehr zügig an meinen ersten Verlag gekommen. Ich bin meiner Freundin noch heute dankbar für diese Hilfe.

Ist es heutzutage eher leichter oder schwerer mit einem Romanmanuskript bei einem Verlag unterzukommen?

Ich denke, es ist genauso leicht oder schwer wie vor zweiundzwanzig Jahren. Ich bin sicher: ein ansprechendes Manuskript wird auch verlegt. Nur ist die Masse an Neuerscheinungen inzwischen enorm. Davon sollte man sich nicht beirren lassen.

Braucht man in Zeiten des Selfpublishings überhaupt noch einen Verlag?

Das kann ich ganz schwer beantworten. Dazu kenne ich mich einfach zu wenig mit Selfpublishing aus. In jedem Fall kann ich sagen: Ich liebe meinen Verlag und ich bin unendlich froh, dass ich bei Dumont mein schreiberisches Zuhause gefunden habe. So bin ich in ständiger Auseinandersetzung über meine Gedanken, Ideen und Überlegungen. Das ist natürlich ein sehr progressiver Prozess.

Der Buchmarkt hat sich extrem gewandelt. Ist es in deinen Augen überhaupt noch attraktiv (finanziell und in Sachen ‚fame‘) Buchautor/in zu sein? Würdest du deinen Kindern dazu raten?

Ich schreibe ja nicht zuerst für die Berühmtheit, sondern weil ich nicht anders kann. Das Schreiben ist so eng mit mir verwoben, dass ich es nicht von mir trennen kann. Daher muss ich unter Umständen auch damit leben, wenn ein Buch mal nicht so gut funktioniert. Als Schriftsteller lernt man sehr schnell, dass dieser Beruf absolut wechselhaft ist. Und mit dieser Wechselhaftigkeit lernt man zu existieren. Das hilft auch in anderen Lebensbereichen. Ich würde meinen Kindern immer dazu raten, wenn ich spüre, dass das Schreiben ihre Erfüllung ist.

Wie schätzt du generell die Bedeutung von Bloggern/Instagrammern/Youtubern bei der Literaturvermittlung ein?

Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht mit Bloggern, Instagrammern und Youtubern. Ich freue mich, dass es diese Verbreitungs- und vor allen Dingen Rezensionsmöglichkeiten gibt. Sie sind sehr direkt und geben mir als Schreiber schnell Rückmeldung dazu, wie meine Bücher empfunden und verstanden werden. Das sind für mich gute Reflektionshilfen, da sie oft spontan, ernsthaft und doch intuitiv sind.

Gibt es Blogs/Kanäle, die du selber verfolgst? Wenn ja, warum?

„Buchrevier“ lesen mein Mann und ich regelmäßig, weil dort die Bücher auftauchen, die uns interessieren, und die auf eine Art und Weise gelesen und rezensiert sind, dass die Besprechungen einen mehrschichtigen Eindruck vermitteln. Ansonsten lese ich auf Instagram immer wieder Kurzrezensionen, so bekomme ich noch allerhand Neuerscheinungen mit. Allerdings muss ich sagen, dass ich aus Zeitgründen generell begrenzte Lesekapazitäten habe.

Du bist als Autorin auf Social Media sehr aktiv. Ist das für Dich ein Marketing-Instrument? Oder, was ist Dein Antrieb dabei?

Interessante Frage. Auf der einen Seite ist es natürlich ein Marketing-Instrument, auf der anderen Seite ist es eine Möglichkeit, von meinen Leserinnen und Lesern zu erfahren, wie sie mein jeweiliges Buch gelesen und interpretiert haben. Das vergrößert mein Verständnis für mein Schreiben. Ähnlich wie die Fragerunden nach Lesungen. Für mich unverzichtbar. Da lerne ich eigentlich erst mein jeweiliges Buch richtig kennen.

Wie wichtig ist die Persönlichkeit des Autors für den Erfolg eines Buches? Sollte man sich politisch äußern, Themen besetzen, Gesicht zeigen?

Das muss jeder für sich selbst herausfinden und entscheiden. Früher kam es mir unerlässlich vor, ständig irgendwo aufzutauchen. Heute ist dieses Bedürfnis kaum noch vorhanden. Ich finde es schön, mich auf mein Schreiben konzentrieren zu können und mit meinen Büchern hoffentlich all das zu erzählen und zu reflektieren, was mich gedanklich wie gefühlsmäßig beschäftigt, somit gesellschaftliche Bewegungen zu erfassen und gleichzeitig meinen Leserinnen und Lesern in ihrem Erleben und Empfinden aus dem Herzen zu sprechen. Und mich darüber mit ihnen zu verbinden.