Corinna T. Sievers – Vor der Flut

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Oha! Dachte ich nur, als ich mitbekam, worum es in diesem Roman ging. Was soll man von einer Geschichte erwarten, bei der eine alternde, nymphomane Zahnärztin die Hauptrolle spielt? Zum Thema Nymphomanie fallen mir auf Anhieb eine  Handvoll schlechter Witze ein, aber kein einziges gutes Buch. Was nicht heißt, dass darüber nichts geschrieben wurde – ganz im Gegenteil. Es gibt wahrscheinlich unzählige schmierige Horny-Romance-Heftchen oder etwas anspruchsvoller: Softporno-Belletristik à la Fifty Shades of Grey – nur eben nichts Gutes. Bis jetzt, bis „Vor der Flut“ von Corinna T. Sievers.

Ich finde es gleich in mehrfacher Hinsicht mutig, sich a) als Frau an ein solches Sujet zu wagen, sich dabei b) von all den billigen, Männer-Fantasien bedienenden Klischees abzugrenzen und c) dem Ganzen einen literarisch anspruchsvollen Rahmen zu geben, der d) als solches auch vom Kulturbetrieb erkannt und gewürdigt wird. Und wenn man mich fragt, ob das Corinna Sievers gelungen ist, dann kann ich nur sagen: ja!

Ich weiß nicht, wieviele Männer davon träumen, von ihrer Zahnärztin auf dem Behandlungsstuhl einen geblasen zu bekommen. Es sind bestimmt nicht wenige. Und von der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass einem normalen Mann so etwas irgendwann tatsächlich einmal passiert, lebt einen ganze Industrie. Und jetzt fragt man sich vielleicht, was unterscheidet so eine Szene, die in Corinna Sievers Roman tatsächlich so vorkommt, von einem herkömmlichen Porno?

Schwer zu sagen. Das zu lesen, hat mich jedenfalls nicht erregt, eher im Gegenteil. Obwohl ich nicht prüde bin, fand ich die Vorstellung eher erschreckend. Vielleicht auch, weil ich das Ganze beim Lesen aus der Perspektive der Frau imaginierte, einer Frau, deren zwanghafte Triebhaftigkeit ich bereits als krankhaft und zerstörerisch wahrgenommen habe. Vielleicht ist das der hauptsächliche Unterschied zwischen Sexszenen in der Literatur und im Porno, dass man nicht nur kopulierende Körper wahrnimmt, sondern komplexe Persönlichkeiten, deren Antrieb, Vorgeschichte und Seelenlage man kennt.

Und die Seelenlage von Judith, einer auf einer Nord- oder Ostseesinsel praktizierenden Zahnärztin, verheiratet mit einem Psychoanalytiker, der sich ihr seit mehr als zwanzig Jahren sexuell verweigert, ist komplex. Da ist zum einen ihre extreme Promiskuität, ein stummer Schrei nach Liebe, oder wie ihr Mann Hovard diagnostiziert, ein Verstärker, um sich selbst zu spüren. Da ist aber auch ihr vorgeschrittenes Alter – über 50 und damit nach Judiths Meinung nicht unbedingt das, was sich ein durchschnittlicher Mann als Bettgespielin wünscht. Hinzu kommt ihr kleiner, bzw. fast nicht vorhandener Busen, ihr leptosomer Körper und diverse weitere körperliche Unzulänglichen, die sich nunmal im Laufe der Jahre so einstellen. Aber Judith kennt die Männer und weiß, was sie zu tun hat, damit sie auf ihre Kosten kommt.

Ich muss sagen, mich hat die Lektüre abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, was dazu geführt hat, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Nicht, weil ich gespannt auf die nächste Fickszene war, die übrigens alle von der Autorin sehr explizit, anschaulich und durchaus gekonnt geschildert werden, sondern weil man mit jeder Seite die Verzweiflung und Seelenpein der Protagonistin immer stärker spüren konnte. Ein Druck oder besser gesagt, eine Leere, die am Ende kein Schwanz mehr ausfüllen konnte. Ein Leben, das aus dem Ruder gerät, weil Sex keine Lösung ist und im Alter immer schwieriger wird.

Ein grandioses Buch, das sich sehr sensibel mit einem Thema beschäftigt, von dem wir Männer – auch wenn wir so tun als ob – nicht die leiseste Ahnung haben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (FVA)
225 Seiten, 20,00 €

Weitere Rezensionen bei: Bücherwurmloch 

 

Saša Stanišić – Herkunft

Irgendwie finde ich es blöd, dass er dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht – ich meine: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert und, wie Richard Kämmerlings auf dem Backcover ganz richtig sagt, einfach einer unserer besten Erzähler. Aber cooler wäre gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Es wird angesichts seiner Vita mit Sicherheit oft nachgefragt, ist ja auch naheliegend und marketingtechnisch eine todsichere Sache, aber leider auch sehr Mainstream. Diese Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man diesem latenten Rassismus, all denen, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln kommt, sondern – sie wissen schon, ich mein – ursprünglich herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Ijoma Mangold hat das jüngst gemacht und da fand ich es noch gut. Auch er hat sich seine Herkunft von der Seele geschrieben. Vielleicht, um das Thema für ein für allemal abzuschließen, um bei künftigen Fragen einfach sagen zu können: „Lesen Sie das Buch, dann wissen Sie wo ich herkomme.“ Eine Art Befreiungsschlag, Angriff statt Verteidigung. Einmal die Hose runterlassen, alles erzählen, und dann ist endlich Ruhe und man kann sich wieder anderen, wichtigeren Themen zuwenden. Jetzt hat es Saša Stanišić auch gemacht. Ganz anders als Mangold, in weiten Teilen sogar besser, doch auf einmal finde ich es gar nicht mehr gut. Und das hat nichts mit dem Werk zu tun, sondern mit dem Thema an sich.

Aber tue ich ihm da nicht Unrecht? Hat sich Literatur nicht immer schon mit Herkunft beschäftigt? Fragen wie: „Wo komme ich her und was macht mich aus?“ sind quer durch alle Epochen das zentrale Sujet zahlloser großer Romane. Und ist die Selbstverortung, das Sich-Finden in erzählten Geschichten nicht einer der Hauptanreize beim Lesen?

Aber kommen wir zurück zum Buch. Dass Stanišić  einer unserer ganz großen deutschsprachigen Autoren ist, wurde ja weiter oben schon erwähnt. Seit ich vor ca. sechs Jahren „Vor dem Fest“ gelesen habe, bin auch ich ein großer Fan. Ich habe ihn auf einer Lesung erlebt, war von seiner lebendigen Vortragsform beeindruckt und habe auch seinen Erzählband „Fallensteller“ sehr gemocht. Und natürlich ist auch „Herkunft“ alles andere als ein schlechtes Werk. Kein Roman, auch wenn er als solcher durchaus durchgehen würde, sondern ein Memoir. Stanišić blickt zurück. Auf seine Kindheit im ehemaligen Jugoslawien, auf die Umstände seines Fortgehens, auf sein Ankommen in Deutschland, die ersten Schritte in einer fremden Welt, auf neue und alte Freunde, auf all die vielen Stanišićs, die in der alten Heimat auf dem Friedhof liegen, auf Vater und Mutter und die demente Großmutter, die immer mehr von ihren Erinnerungen verliert, woraufhin er anfängt, Erinnerungen zu sammeln.

Man hört Stanišić gerne zu, weil er authentisch und ein netter Kerl ist. Und was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage von Talent, was man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt er besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig. Nicht diese Art Witz, den Lesebühnen-Autoren an sich haben – ein Schmunzler alle dreißig Sekunden und nach spätestens zweieinhalb Minuten ein Schenkelklopfer – nein, das nicht. Sein Humor ist eher beiläufig, nicht zwanghaft darauf aus, Lacher einzufordern und daher für meinen Geschmack sehr angenehm.

Alles in allem ist „Herkunft“ ein durchaus lesenswertes Buch, das seine Leser unterhält und sich sehr facettenreich und ausführlich mit dem literarischen Megathema „Wo komm ich her, was macht mich aus?“ beschäftigt. Doch wie gesagt – cooler wäre gewesen, hätte Stanišić dieses Buch nicht geschrieben.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
350 Seiten, 22,00 €

Uns geht’s ja noch gold

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Schönwetterfront aus Leipzig beflügelt die Branche.

Was ist in letzter Zeit nicht alles geschrieben worden. Von schlechten Zahlen und düsteren Aussichten, von Millionen neuen Nicht-Lesern und vom bösen Netflix. Jede Woche ein neuer Abgesang und nicht zuletzt die Insolvenz des Großhandels. Also noch mal schnell nach Leipzig fahren, bevor es da demnächst keine Buchmesse mehr gibt. Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Vielleicht lag es an dem herrlichen Frühlingswetter oder daran, dass Totgesagte bekanntlich länger leben, doch von Untergangsstimmung war in Leipzig 2019 überhaupt nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. „Das Buch ist tot, es lebe das Buch“, so könnte das neue Motto lauten, mit dem die Branche die schlechten Nachrichten einfach weg lächelt. Krise? Welche Krise? Noch einen Prosecco?

Natürlich sind die Probleme nach wie vor da und richtige gute Lösungen für eine wirtschaftliche Gesundung des Buchmarktes immer noch nicht in Sicht. Um Kosten zu sparen, verzichtet zum Beispiel ein Großverlag jetzt komplett auf Vorschau-Kataloge. Weder gedruckt noch digital, es gibt sie einfach gar nicht mehr. Die Buchhändler können sich ja im Online-Bestellportal über das Programm informieren. Und ob man tatsächlich unbedingt innerhalb von 24 Stunden jeden Buchtitel liefern muss, ist auch so ein Ding, über das man mal nachdenken sollte. Es kommt einem vor, als hätte die Branche beschlossen, sich von schlechten Nachrichten nicht mehr länger runterziehen zu lassen. Die Veränderungen akzeptieren, den Gürtel enger schnallen und einfach weiter gute Arbeit machen. Irgendwann geht es schon wieder bergauf. Und in der Zwischenzeit genießen wir einfach das schöne Wetter in Leipzig.

Ja, warum eigentlich nicht? Wieso immer auf das Schlechte und nicht auch mal auf das Gute schauen? Gerade hat die Messe ihren Schlussbericht veröffentlich: 286.000 Besucher, 15.000 mehr als im Vorjahr! Na bitte, geht doch. Dass im letzten Jahr aufgrund des Wintereinbruchs der komplette Nah- und Fernverkehr ausgefallen war und man weder nach Leipzig rein noch raus kam, bleibt unerwähnt. Und auch nur Spielverderber und Dauernörgler würden jetzt anmerken, dass die Messegesellschaft den Begriff ‚Besucher‘ dieses Jahr etwas schwammig formuliert und die Zahlen von „Leipzig liest“ einfach dazu addiert hat. Wer mag angesichts solcher Steigerungsraten noch von Krise sprechen?

Und auch bei den Bloggern hat sich die Stimmung wieder deutlich verbessert. Der Hype ist definitiv vorbei, die großen Illusionen und Hoffnungen auf eine stetig steigende Reichweite sowie eine angemessene Monetarisierung unserer Leistungen sind längst begraben. Alle, die noch dabei sind, haben sich mit der Situation arrangiert. Auch die zunächst als Leichtgewichte belächelten Bookstagrammer, bei denen es sich zu einem großen Teil um das Verkaufspersonal des Buchhandels handelt, sind mittlerweile in den Kreis der relevanten Blogger aufgenommen worden. Und andersrum genauso.

Was vieles einfacher macht: Heißgetränke-Bookselfies mit ein paar Zeilen Text und den richtigen Hashtags gehen bei den Verlagen mittlerweile als Rezensionen durch. Das reduziert den Aufwand ungemein. Aber natürlich trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen. Denn einfach nur mit dem Handy ein Foto machen und vom Klapper die Inhaltsangabe abschreiben, bringt noch keine Reichweite. Erst hier und da ein nacktes Körperteil, überbordende Bücherhaufen oder zu Drachenflügeln dekorierte Einbände machen aus einem einfachen Bookstagrammer einen ernstzunehmenden Influencer. Und um solche Fotos zu machen, braucht man mitunter länger, als für eine ausführliche Rezension.

Aber auch hier gilt: Es ist halt so. Der große Elfenbeinturm ist längst eingestürzt. Was soll also erst die professionelle Literaturkritik sagen, die mit ihren Analysen und geistreichen Ergüssen Jahr für Jahr immer weniger Menschen erreicht und sich nicht nur das Pressezentrum in Leipzig, sondern auch die schwindende Aufmerksamkeit für das Medium Buch mit all den Möchtegern-Kritikern teilen muss.

Die großen und kleinen Probleme der gebeutelten Buchbranche scheinen dieses Jahr unter der gleißenden Frühlingssonne von Leipzig einfach so dahingeschmolzen zu sein. Die Zeiten sind nach wie vor hart, wir haben noch viel zu tun, aber seien wir doch mal ehrlich: Im Vergleich zu anderen Branchen geht’s uns ja noch gold. Oder?

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Foto: Gabriele Luger

Sophie Passmann – Alte weiße Männer (Hörbuch)

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Ich wollte mal kurz reinhören, nur so zum Spaß und eigentlich auch nur, um meine Vorurteile gegenüber dem radikalen Feminismus bestätigt zu bekommen. Und natürlich fühlte ich mich auch vom Titel angesprochen, bzw. provoziert, denn dass ich als alter weißer Mann wahrgenommen werde und damit das erklärte Feindbild der Netzfeministinnen bin, das weiß ich schon lange. Natürlich kenne ich auch Sophie Passmann, allerdings nur dem Namen nach. Ich folge ihr weder auf Twitter noch habe ich sonst irgendetwas über sie gelesen. Ihre genauen Ansichten und Standpunkte kenne ich kaum. Alles was ich weiß, beziehungsweise mutmaße, ist, dass sie eine dieser unentspannten und dauerempörten, jungen Netzfeministinnen ist und man sich mit ihr lieber nicht anlegen sollte.

Maximal zehn Minuten, mehr Radikal-Feminismus hältst du sowieso nicht aus, dachte ich mir. Doch von wegen; am Ende habe ich mir das ganze Hörbuch angehört, und war weder augenrollend genervt, noch beleidigt und empört, sondern durchaus interessiert, angenehm überrascht, inspiriert und fühlte mich dazu noch sehr gut unterhalten. Das muss man erst mal schaffen, jemanden mit einer Antihaltung, wie ich sie hatte, abzuholen und wenn auch nicht komplett umzukehren, so doch zumindest mitzunehmen.

Und natürlich weiß ich auch, dass so ein von der falschen Seite kommender Applaus Gift für Passmanns Feministinnen-Credibility ist. Wenn einer wie ich, der zwar für Geschlechter-Gleichberechtigung einsteht, aber radikalen Feminismus eher unsympathisch findet – also aus Feminist*innen-Sicht ein Macho-Arschloch ist oder eben ein alter weißer Mann – wenn so jemandem dieses Buch gefällt, was tatsächlich der Fall ist, dann kann das ja nur Mainstream-Feminismus sein – zu lasch, zu wenig radikal, nicht fordernd genug, zu verständnisvoll und anbiedernd. Gut möglich, aber ich nehme mal an, dass es der Autorin nicht darum ging, Applaus aus der eigenen Blase zu bekommen, sondern auch mal die Gegenseite für bestimmte Botschaften empfänglich zu machen. Zum Beispiel, wie man es vermeiden kann, ein alter weißer Mann zu werden.

Und genau das hat sie erreicht. Zumindest bei mir und wahrscheinlich auch bei den 16 mehr oder weniger alten weißen Männern, mit denen sie im vergangenen Sommer gesprochen hat. Allein die Auswahl der Gesprächspartner hat mich begeistert. Von Sascha Lobo über Robert Habeck, Ulf Poschardt, Peter Tauber, Kevin Kühnert, Micky Beisenherz bis zu Rainer Langhans war alles dabei. Selbst ihren eigenen Vater hat Sophie Passman nicht verschont. Und obwohl es immer wieder um den Feminismus und die Rolle des alten weißen Mannes ging, gab es kaum Wiederholungen, hat jedes Gespräch wieder neue, interessante Aspekte aufgezeigt. Passmann hat sich nicht darauf beschränkt, die mit dem Diktiergerät protokollierten Interviews sauber zu transkribieren, sondern hat jeden Dialog, jeden Interviewpartner und auch die Gesprächsumgebung sehr persönlich und überaus humorvoll kommentiert. Das ist vielleicht journalistisch nicht ganz sauber, aber dem Buch hat es gut getan. Sehr gut sogar, denn von Kapitel zu Kapitel, von Gespräch zu Gespräch, wurde mir die Autorin immer sympathischer.

Was generell immer verständnisfördernd ist: wenn Menschen auch mal über sich selber lachen können. Passmann ist zwar mit vollem Ernst bei der feministischen Sache, nimmt sich als Person aber nicht so furchtbar wichtig und kommentiert ihre eigene Rolle mit einer angenehm ironischen Distanz. Bemerkenswert fand ich auch die Höflichkeit und den Respekt, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnete, auch wenn das Gegenüber politisch und weltanschaulich aus dem komplett anderen Lager kam und stellenweise abstruse Thesen wie Rainer Langhans vertrat. Das alles hat dazu geführt, dass ich im Verlauf des Hörbuches alle Vorbehalte und Ressentiments beiseite schob, mich offen auf die Argumentation einließ und bei dem ein oder anderen Gespräch in Gedanken sogar mit diskutierte. Ja, ich hatte auf einmal Spaß an der Feminismus-Debatte, verstehe bestimmte Standpunkte jetzt besser und kann sogar nachvollziehen, warum Feminismus manchmal auch radikal und kompromisslos sein muss.

Was für mich im Verlauf der Gespräche aber immer deutlicher wurde, ist, dass das Thema derart komplex und vielschichtig ist und von so vielen Faktoren wechselseitig beeinflusst wird, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Bestes Beispiel ist das Thema „Frauenquote“. Eigentlich eine gute Sache und angesichts der immer noch männlich dominierten Strukturen in den Unternehmen mehr als dringend notwendig. Andererseits stellt sich immer auch die Frage, ob durch gesetzliche Vorgaben und eine quasi erzwungene Gleichberechtigung per Quote, dem Feminismus nicht doch ein Bärendienst erwiesen wird. Oder die ständige Gefahr in eine der zahlreich ausliegenden Sexismus-Fallen zu tappen. Wie ist es, wenn man sagt, dass man im Job lieber mit Frauen als mit Männern zusammenarbeitet? Ist das schon sexistisch, wenn man überhaupt Unterschiede benennt, wie z.B. die bessere Team- und Kommunikationsfähigkeit von Frauen? Ist der Feminismus erst am Ziel, wenn Geschlechterunterschiede irgendwann überhaupt keine Rolle mehr spielen? Ist das überhaupt in allen Belangen sinnvoll? Und kann man das dann wieder trennen, wenn es privat wird und auf einmal sogar Liebe im Spiel ist?

Ich als Mann bin beim Thema Feminismus, wie einige andere auch, sehr verunsichert, habe viele Fragen und bekomme kaum Antworten. Das mag wohl auch daran liegen, dass Antworten gar nicht zu mir durchdringen, weil mich oftmals die Form und Rhetorik feministischer Argumentation schon abstößt. Bei diesem Buch war das anders. Ich habe erstmals richtig zugehört, einiges endlich verstanden, über Privilegien nachgedacht und mich selber gefragt, wieviel ich in meinem Leben wohl der Tatsache zu verdanken habe, dass ich ein Mann bin. Allein dafür bin ich Sophie Passmann schon dankbar.

Ich werde wohl niemals mehr Feminist, was für mich durchaus ok ist. Aber vielleicht kann ich in Zukunft etwas dafür tun, als Mann älter zu werden, ohne ein alter weißer Mann zu sein. Vielleicht.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
tacheles!/ Roof Music
Spieldauer: 5 h, 17 Min
Gesprochen von der Autorin

Print:
Verlag: KiWi-Taschenbuch
304 Seiten, 12,00 €

T.C. Boyle – Das Licht (Hörbuch)

9

Ich gestehe, ich habe tatsächlich noch nie ein Buch von T.C. Boyle gelesen. Und warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Eine Zeitlang habe ich ihn mit William Boyd verwechselt, wahrscheinlich wegen dem ähnlich klingenden Nachnamen und dem Bestsellerautor-Status, den beide zweifelsohne haben. Und dann bin ich ja auch noch so ein furchtbar oberflächlicher Schubladen-Typ, der sich von Vorurteilen leiten lässt und alles und jeden nach dem ersten Anschein kategorisiert und wegsortiert. Und T.C. Boyle klang in meinen Ohren allein von Namen her immer irgendwie nach dem Pseudonym eines Trivialautors, so wie Perry Rhodan, Sidney Sheldon oder Poppy J. Anderson – also eher uninteressant.

Seit ich aber über Bücher blogge und mit vielen anderen Bloggerinnen und Bloggern vernetzt bin, ist mir natürlich aufgefallen, dass Boyle weder Boyd noch trivial ist. Ich registriere sehr wohl den Hype, der um jedes neue Buch gemacht wird, die ausverkauften Lesearenen, die stolz im Social Web präsentierten Selfies mit Buch oder Autor. Natürlich hat das mein Interesse geweckt, doch irgendwie war mir der Aufstand, der um diesen Autor gemacht wird, schon wieder ein wenig ‚too much‘, so dass ich beschloss, jetzt nicht auch noch auf diesen bereits mit Volldampf fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch dann kam wieder alles ganz anders. An dem Umstand, dass ich bis heute noch kein einziges Boyle-Buch gelesen habe, hat sich allerdings nichts geändert. Denn „Das Licht“ habe ich nicht gelesen, sondern mir von Florian Lukas vorlesen lassen. Und diese grandiose Erfahrung hat mich innerhalb von 14 Stunden zum absoluten T.C. Boyle-Fan gemacht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Roman alles in mir ausgelöst hat, welch intensive Gedanken mir beim Zuhören durch den Kopf gegangen sind. Auch jetzt, eine Woche nachdem ich es beendet habe, lassen mich ‚Set und Setting‘ der Geschichte nicht los. Erst habe ich bei Google nach Bildern von Timothy Leary, Dick Alpert und dem Hitchcock-Anwesen in Millbrook gesucht, dann bei Youtube die BBC-Dokumentation „Ein Professor auf LSD“ (siehe unten) angeschaut. Danach habe ich mir das erste Beatles-Album noch mal angehört und mir auch ein paar Sitar-Sessions von Ravi Shankar reingezogen. Nur eingeschmissen habe ich mir nichts. Das brauchte ich auch nicht, denn der Roman, für den Boyle historische Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft, hat mich allein schon total kirre gemacht.

Die Geschichte startet im Jahre 1943 in Basel, wo der beim Chemiekonzern Sandoz angestellte Grundlagenforscher Dr. Albert Hofmann den ersten Selbstversuch mit einer neuen Substanz namens Diethylamid LSD macht. Nach diesem bereits sehr stimmungsvollen Intro switched die Geschichte zwanzig Jahre weiter und landet in den 1960er Jahren in den USA, ganz konkret im Bostoner Vorort Cambridge. An der dortigen Harvard-University tritt der Psychologie-Student Fitz eine Promotionsstelle bei dem charismatischen Dr. Leary an. Leary experimentiert auf wissenschaftlicher Basis mit den psychoaktiven Substanzen Psilocybin und LSD 25, die er legal von Sandoz zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt bekommt. Er erforscht die Wirkung der Drogen nicht nur an studentischen Probanden, sondern in erster Linie auch an sich selbst und behauptet, dass ein einziger Trip mit diesen Substanzen ihm mehr über die menschliche Psyche verrät, als 5 Jahre Psychologie-Studium.

Leary ist eine beeindruckende Persönlichkeit und avanciert schnell zum Wissenschaftsstar, der viele Anhänger um sich schart. Auch Fitz und seine Frau Joannie werden in den inneren Kreis aufgenommen, womit sie an den regelmäßigen Drogen-Sessions teilnehmen können. Das ursprüngliche Forschungsprojekt entwickelt sich weiter, aus den Case-Studies wird eine Art Lebensentwurf. Auf Trip gehen heißt, sich selber finden, neue Dinge zu denken, neue Dinge zu sehen und in innere Sphären vorzudringen, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die Gruppe um Leary und Alpert sieht sich als Entdecker neuer Welten, als Psychonauten und gilt als eine der weltweit ersten Hippie-Kommunen.

Die Beat-Generation, die Gruppe um Leary und später dann die Hippies – das alles klingt nach längst vergangenen, mittlerweile historischen Strömungen, die mit unseren heutigen Lebensrealitäten so gar nichts mehr zu tun haben. Doch an der Sehnsucht vieler Menschen nach einem selbstbestimmten und von allen Konventionen befreiten Leben hat sich auch heute nichts geändert. Und noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass bewusstseinserweiternde Substanzen jedweder Art, der Schlüssel dazu sind. Und so faszinierend sich die Berichte vom ungezwungenen Drogen-Camp im mexikanischen Zihuatanejo mit Sonne, Meer, Margerithas und freier Liebe auch anhören – ganz besonders im Vergleich zu unseren heutigen, eher puritanisch anmutenden Lebenswelten – all diese Projekte sind gescheitert und die Leben der Protagonisten sind weder freier noch einen Deut selbstbestimmter geworden.

Und so könnte es durchaus sein, dass das Fazit der ehemaligen Psychonauten Fitz, Joannie, Ken, Nancy, Lori und Fanchon am Ende wie eine dieser Sprüche-Tafeln bei Facebook klingt: Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Ja, war geil!

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Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Der Hörverlag, Spieldauer 14 h, 25,95 €
Gelesen von Florian Lukas

Print:
Verlag: Hanser
384 Seiten, 25,00 €

Für alle, die sich Hier die BBC-Dokumentation zu Timothy Leary:

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Vea Kaiser – Rückwärtswalzer

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Man tut diese Gattung allzu schnell als konventionell und rein unterhaltend ab, aber eigentlich ist das die Königsdisziplin der Literatur: der Familienroman. Wer als Schriftsteller oder Schriftstellerin unsterblich werden will, sollte in seiner Laufbahn wenigstens ein großes Familienepos geschrieben haben. Dann, ja nur dann besteht die Chance, einmal mit Fontane, Mann oder Fallada, Bronté oder Austen, Tolstoi oder Dostojewski in einem Atemzug genannt zu werden. Angesichts des schleichenden Bedeutungsverlusts der Literatur ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemals noch ein zeitgenössischer Autor in die Hall of Fame der großen Romanciers einziehen wird, aber trotzdem: der Familienroman ist und bleibt die Messlatte.

Die Familie als Ursprung allen Seins – als Heimat, Kraftquelle, Sehnsuchtsort oder aber Trauma und Last – das war immer schon ein zentrales Thema in der Literatur. Selbst Homer erzählt in seiner Odyssee nichts anderes als eine Familiengeschichte. Aber im Moment trendet das Thema wieder ganz besonders. Wohin man auch schaut, alles dreht sich momentan um Blutsbande, das Vater-Mutter-Kind-Ding in unendlichen Variationen. Vielleicht ist dies der zunehmenden Alltagskomplexität geschuldet, der Auflösung vertrauter Konventionen und Rollenbilder. Vielleicht sind wir alle schlichtweg überfordert mit den gesellschaftlichen Veränderungen und schauen deswegen mit sehnsüchtigem Blick so gerne auf vermeintlich einfache Zeiten zurück.

Gerade hat Vea Kaiser ihren dritten großen Familienroman in Folge vorgelegt und wenn man sich vergegenwärtigt, dass die österreichische Autorin gerade mal 30 Jahre alt ist, ist das eine wahrhaft beeindruckende Leistung. Wenn man dann noch bedenkt, dass beide Vorgängerromane, sowohl Blasmusikpop als auch Makarionissi, internationale Top-Bestseller waren, die sich nicht nur exzellent verkauften, sondern auch von der Literaturkritik sehr wohlwollend aufgenommen wurden, wird man vielleicht erahnen können, unter welchem Erwartungsdruck die Autorin mit ihrem dritten Roman steht. Sie hat sich vier Jahre Zeit gelassen, nebenher noch ihr Alt-Griechisch-Studium abgeschlossen, den Mann fürs Leben gefunden und geheiratet, und jetzt betritt sie mit „Rückwärtswalzer“ wieder die große Bühne. Und wer sie einmal live erlebt hat, weiß, dass sie genau dahin gehört. Vea Kaiser ist eine literarische Rampensau, die übersprudelnd und mit weit ausholenden Gesten ihre Zuhörer in den Bann zieht. Eine ihrer Lesungen sollte man sich daher nicht entgehen lassen.

Doch kommen wir zu Rückwärtswalzer. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie hat wieder abgeliefert. Großes Vea Kaiser-Familienepos Nr. 3 – und mit Sicherheit ein Bestseller in spe. Handwerklich gekonnt, emotional bewegend, pageturnend. Tolle, liebevoll skizzierte Charaktere, die wir Leser von der Wiege bis zur Bahre begleiten dürfen; von Montenegro nach Österreich und wieder zurück, vom Bauernhof in die Stadt, in Beziehungen hinein und wieder hinaus. Über Jahrzehnte beschreibt sie die Geschicke der Familie Prischinger. Fünf Geschwister, die in den vierziger und fünfziger Jahren auf einem Landgasthof aufgewachsen sind. Einer stirbt, die anderen wachsen heran, ziehen aus, machen alle auf ihre Art mehr oder weniger ihr Glück, verlieren sich aber nie aus den Augen und zumindest die drei Schwestern Mirl, Hedi und Wetti kommen in der Mitte ihres Lebens wieder zusammen. Ab da hängen sie tagein und tagaus bei Kaffee und Kuchen, panierten Schnitzeln, Tafelspitz, Grießnockerlsuppe und Kaiserschmarrn in Mirls oder Hedis Küche zusammen – streitend, lamentierend, aber wenn es drauf ankommt, stehen sie zusammen. Und dann is da noch ihr Neffe Lorenz Prischinger, semi-erfolgreicher Schauspieler in einer Schaffenskrise und dadurch in akuter Finanznot. Er zieht vorübergehend bei seinen Tanten ein, und gemeinsam erfüllen sie dem plötzlich verstorbenen Onkel einen letzten Wunsch, indem sie seinen Leichnam in seinen Geburtsort nach Montenegro transportieren. Und wer Ende der Achtziger die US-Kömödie „Immer Ärger mit Bernie“ gesehen hat, wird jetzt vielleicht erahnen, wie sie das gemacht haben.

Und obwohl ich erst dachte, jetzt bricht es, jetzt driftet die Geschichte ins slapstickhafte ab, fängt die Autorin das erzählerisch gekonnt auf und lässt es nicht ins allzu Humoreske entgleiten. Ok, am Ende wird es dann noch ein wenig kitschig, aber nur ein ganz kleines Bisschen. Das Happy End ist für meinen Geschmack ein wenig zu sehr Hollywood, aber auch das verzeiht man der Autorin nach über 400 Seiten hochmeisterlich erzählter Prosa allzu gerne. Ich glaube, Vea Kaisers Stärke ist, dass sie zu hundert Prozent in ihrer Geschichte ist, nicht irgend etwas fabuliert, antizipiert und sich auch nicht einfach nur in ihre Figuren hineinversetzt. Nein, im Moment des Erzählens ist sie tatsächlich jede einzelne Person ihres Romans – der Willi, der Lorenz, die Mirl und natürlich die Hedi. Und daher freue ich mich schon sehr, sie in Leipzig beim Lesen aus ihrem neuen Roman zu erleben, mit diesem typischen Wiener Timbre, übersprudelnd und mit weit ausholenden Gesten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten, 22,00 Euro

Franzobel – Rechtswalzer

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Nun ja, was soll ich zu diesem Buch sagen? Es ist gut gemeint, sicherlich auch wichtig, auf seine Art auch unterhaltsam, streckenweise sogar richtig spannend und humorig. Aber trotzdem hat es mich, obwohl ich es in einem Rutsch durchgelesen habe, nicht überzeugt. Zu naheliegend die ganze Geschichte, beinahe naiv anmutend, der Humor zu mainstream, die tragischen Verkettungen zu vorhersehbar, das Österreich-Bild zu klischeehaft. Franzobel als österreichischer Houellebecq. Das musste ja in die Hose gehen.

Wenn ich nicht vor ein paar Wochen Franzobels „Liebesgeschichte“ aus dem Jahr 2007 gelesen hätte, wäre mir dieser Houellebecq-Vergleich vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen. Aber in dem durchaus lesenswerten Backlist-Titel haben mich die kruden Sexfantasien schon sehr an den französischen Großmeister erinnert, und auch der Plot seines aktuellen Werks ließ mich nicht nur wegen des vorangestellten Zitats immer wieder an das dystopische Szenario von „Unterwerfung“ denken.

Dabei scheint Franzobel einen direkten Vergleich mit Houellebecqs Sujet schon allein dadurch umgehen zu wollen, dass er „Rechtswalzer“ als Kriminalroman tituliert und ihn der Verlag darin unterstützt, indem er den Titel als Paperback veröffentlicht. Doch für einen Kriminalroman ist die Story zu vielschichtig. Und das meine ich jetzt durchaus positiv. Rechtswalzer hat literarisches Potenzial, bietet viel mehr als die klassischen Ermittler-sucht-den-Mörder-Krimis und ist, wenn schon unbedingt Krimi, dann zumindest ein sehr literarischer.

Doch worum geht’s? Die Geschichte spielt im Wien des Jahres 2025. Die rechtspopulistische und islamophobe Partei LIMES ist seit wenigen Monaten an der Macht. Malte Dinger, Getränkehändler, Barbesitzer und Familienvater bringt morgens seinen Sohn Carvin in die Schule und gerät auf dem Rückweg in eine Fahrkartenkontrolle. Was dann passiert, hätte selbst Bastian Pastewka nicht besser hinbekommen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt schließlich dazu, dass Malte in Untersuchungshaft kommt und am Ende sogar für ein Kapitaldelikt angeklagt wird. Er wird aus seinem Leben gerissen und ist der Willkür des Machtapparates und der Brutalität des Gefängnisalltages ausgeliefert. Parallel ermittelt Kommissar Groschen in einem mysteriösen Mordfall, bei dem ein Unbekannter brutal gefoltert und mit kochend heißem Wasser sozusagen totgekocht wurde. Beide Erzählstränge nähern sich immer mehr an und kommen am Ende zusammen. Zum fulminanten Showdown kommt es dann beim traditionellen Wiener Opernball. Mehr möchte ich gar nicht verraten.

Natürlich ist es interessant und sehr zeitgemäß, die derzeitigen politischen Strömungen, die nicht nur in Europa sondern weltweit immer weiter nach rechts rücken, einfach mal weiterzudenken. Wo landen wir, wenn das so weitergeht und es keiner aufhält, wenn die Zeichen nicht erkannt werden, wenn Geschichte sich wiederholt. In Rechtswalzer kann man lesen, was passieren könnte. Hier vollzieht sich, was 1933 schon in Deutschland stattgefunden hat. Wenn Toleranz und Meinungsvielfalt verschwinden, wenn aus einem Rechtsstaat ein Unrechtsstaat, aus Demokratie Diktatur wird. Und wie schon 1933 ff. gibt es in diesem Prozess sowohl Gewinner als auch Verlierer. Malte Dinger scheint definitiv zu den Verlierern zu gehören, obwohl er gar nicht politisch ist und eigentlich nur sein ganz normales Leben führen will. Aber der Roman zeigt sehr anschaulich, dass in solch einer Situation keiner mehr nicht-politisch ist, die Veränderungen alle betreffen, und niemand sich raushalten kann.

So weit, so wichtig. Und doch erscheint mir das alles ein wenig zu banal, kommt mir vor wie spätpubertäre Antifa-Prosa – zu augenscheinlich, zu sehr nach Schema F. Unterstützt wird dieses Bild von einem, ich würde mal sagen, sehr einfach strukturierten Humor, der sich in so profanen Aussagen wie „Kein Geld ist auch keine Lösung“ und an Stand-up-Comedy erinnernden Schmunzlern äußert. Das alles relativiert das Bild und lässt mich zu dem Fazit kommen, dass  Rechtswalzer zwar durchaus gesellschaftspoltitische Relevanz und literarisches Potenzial hat, sich aber in dem Bemühen des Autors, dem Topic die Schwere zu nehmen, in unterhaltsamer Beliebigkeit verliert. Schade.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Zsolnay
416 Seiten, 19,00 €