Emily Ruskovich – Idaho

Manches Buch ist wie ein nasses Stück Seife. Zunächst formschön, handschmeichelnd, wohlriechend und sanft dahingleitend. Doch ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügt, und schon glitscht es einem aus der Hand, rutscht am Boden wild umher, lässt sich nur schwer wieder greifen, und wenn man es nach viel Hin und Her wieder im Griff hat, ist es angeschlagen, schmutzig und komplett aus der Form. Genauso habe ich auch „Idaho“ empfunden, den Debütroman der jungen Amerikanerin Emily Ruskovich.

Dieses Buch konnte ich beim besten Willen nicht greifen. Es hat mich stellenweise fasziniert und begeistert, dann wieder genervt und gelangweilt. Aber nicht am Anfang einmal so und zum Ende hin wieder anders, sondern immer schön abwechselnd. Immer wenn ich dachte, geil, das macht ja gerade richtig Spaß, flaute es ab, verfranste sich die Handlung, wurde alles zäh und tranig. Und kurz bevor ich es abbrechen und enttäuscht zurück ins Regal stellen wollte, zog es wieder an, wurde treibend, spannend, interessant – um ein paar Seiten später wieder abzuflauen.

Zunächst dachte ich: Wie kann das sein? Haben zwei unterschiedliche Menschen diesen Roman geschrieben? Doch dann erkannte ich das Muster. Die Geschichte wurde einfach nur auf knapp 400 Seiten aufgeblasen. Der Plot an sich bietet gerade mal Futter für die Hälfte. Und das entspricht ungefähr dem Teil des Buches, der mir richtig gut gefallen hat. Aber der Rest ist wie einer dieser mit Stickstoff aufgeblasenen Frischkäse, die als luftig, leicht und lecker gepriesen werden, sich aber bei genauer Betrachtung geschmacklich und überhaupt als Luftnummer erweisen.

Ich erzähle vielleicht kurz mal, worum es geht. Wade und Jenny leben irgendwo in Idaho auf einem Berg. Sie führen ein einfaches, naturverbundenes Leben, haben zwei Töchter, sind zufrieden. Plötzlich tötet Jenny im Affekt die jüngste Tochter mit einem Beil, die andere Tochter läuft weg und wird nie wieder gefunden. Jenny kommt lebenslänglich ins Gefängnis, Wade bleibt allein auf dem Berg zurück. In dieses zerstörte Leben tritt die junge Musiklehrerin Ann. Sie heiratet Wade bereits ein Jahr nach dem Mord, zieht in das Haus auf dem Berg und lebt mit Wade bis er – wie bereits sein Vater und Großvater – Anfang Fünfzig an Demenz erkrankt. Während der Tod seiner Tochter und der Verlust seiner kompletten Familie anfangs noch wie ein schwerer Schleier über allem liegt und die Beziehung von Ann und Wade nie wirklich unbeschwert werden lässt, bessert sich die Situation, Wades beginnender Demenz geschuldet, nach und nach immer mehr. Der Schmerz erlischt, wird einfach vergessen, und erst als alles Vergangene in ihm erloschen ist, hat Ann zum ersten Mal das Gefühl, ihrem Mann wirklich nahe zu sein.

Das ist zwar einerseits eine simple Crime-Story, andererseits erwächst daraus aber auch ein ziemlich starker Plot aus allerlei Zwischenmenschlichem. Wade und seine erste Frau Jenny, die beiden Töchter June und May, Wade und seinen zweite Frau Ann, Jenny und ihre Zellengenossin im Gefängnis – das alles sind schon ziemlich starke Zweierkonstellationen, die Ruskovich auch gekonnt in Szene setzt.

Aber wie gesagt, immer wieder flutscht einem die Geschichte aus der Hand, zerfasert sich in Nebensächlichkeiten, werden Personen eingeführt, die für die Geschichte überhaupt nicht wichtig sind, wie der Musikschüler Eliot, der in einem kaputten Holzsteg ein Bein verliert. Oder der Mann, der die Phantomzeichnungen des vermissten Mädchens fertigt und schließlich sogar der Bluthund, der die Spur der vermissten Tochter verfolgt.

Das ist zwar, wie alles Übrige auch, gut geschrieben, sprachlich sehr überzeugend, aber dennoch überflüssig und genau das, was den Gesamteindruck dieses Buches so trübt. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Und so kann mich eine augenscheinlich talentierte Autorin leider doch nicht überzeugen, und ich frage mich: ist das Lektorat dafür verantwortlich, dass diese Geschichte wie ein Frischkäse aufgeblasen und dadurch schlussendlich verhunzt wurde oder hat das die Autorin komplett allein geschafft?

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Foto Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
384 Seiten, 24,00 €
Übersetzt von Stefanie Jacobs

Elena Ferrante – Die Neapolitanische Saga Band 1-4 (Hörbuch)

7

Gestern Abend hieß es Abschied nehmen. Zum letzten Mal bin ich den Stradone entlanggegangen, vorbei an der ehemaligen Salumeria, der geschlossenen Bar der Solaras bis zum Tunnel, wo einst Carmen und ihr Mann die Tankstelle betrieben. Ich weiß, wenn ich weitergehen würde, käme ich zur Piazza dei Martiri, mit dem alten Schuhgeschäft und noch weiter dann zur Via Tasso. Mit einem wehmütigen Blick verabschiede ich mich von all diesen Orten. 

Noch einmal erklingen im Kopfhörer die vertrauten Namen: Gigliola, Enzo, Pinuccia, Genaro, Dede, Imma, Nino, Elena und natürlich Lila. Menschen, die mir in den letzten Wochen ans Herz gewachsen sind, die ich von klein auf kannte und durchs Leben begleitet habe, die ich habe lachen und weinen sehen. Menschen, die auch mich begleitet haben, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück, im Flugzeug zu irgendwelchen Terminen, beim Rasenmähen im Garten. 

Als ich zum unwiederbringlich letzten Mal die schöne, warme Stimme von Eva Mattes hörte, danach den Abspann und mir klar wurde, es gibt keinen fünften Band, das ist jetzt wirklich das Ende, ging mir ein Stich durchs Herz. Es ist doch nur eine Geschichte, sagte ich mir, den Schmerz bekämpfend, aber es half alles nichts. Ich bin immer noch in Trauer, vermisse den Rione, dieses  pralle neapolitanische Leben, das Geschrei und Geschimpfe auf den Straßen, die ganzen italienischen Hitzköpfe, ihre Kämpfe und Leidenschaften. 

Wann hatte ich das zuletzt? Ich kann mich nicht erinnern. Seit meiner Kindheit, seit „Rasmus und der Landstreicher“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ habe ich mich nicht mehr so in eine Geschichte hineinfallen lassen, meine Gegenwart verlassen, um für ein paar Stunden am Tag  

in einer anderen Welt zu versinken. Ich habe diese Augenblicke so genossen, meine italienischen Momente. Ein paar Kapitel Elena Ferrante und der Tag war gerettet. Und so habe ich es möglichst lange hinausgezögert, habe mir die ingesamt 67 Stunden der vier Hörbücher so eingeteilt, dass ich möglichst lange was davon hatte. 

Dabei war ich am Anfang noch skeptisch bis ablehnend. Als der Suhrkamp-Verlag vor zwei Jahren ein paar Blogger nach Berlin eingeladen hat, um uns für die neapolitanische Saga zu begeistern und mit dem #ferrantefever zu infizieren, habe ich mich noch standhaft geweigert, vor diesen Marketing-Karren gespannt zu werden. Was da an Superlativen geäußert wurde, die angeblich kollektive Begeisterung des kompletten Verlages, der ganze weltweite Hype, das mysteriöse Versteckspiel der Autorin — all das missfiel mir aufs Äußerste. Ich dachte, dass das doch eigentlich ein Frauenroman sei, dachte, dass die Cover ziemlich kitschig sind, dachte, dass die Anonymität der Autorin ein billiger PR-Gag sei, dachte, dass mich Neapel eigentlich noch nie interessiert hatte, dachte, dass mir Romane mit so vielen handelnden Personen immer schon missfallen haben, dachte, dass ich das niemals lesen werden. 

In der Tat habe ich nicht eine Seite der vier Ferrante-Bände gelesen. Aber warum hätte ich das auch tun sollen, wenn ich mir das alles auch von der grandiosen Eva Mattes vorlesen lassen kann? Und ganz ehrlich — mir die vier Hörbücher zu besorgen, war eine der besten Entscheidungen seit langem. Eva Mattes als Sprecherin ist die Idealbesetzung gewesen. Nicht eine Sekunde hat mich ihre Stimme genervt, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht passt, ein Ausdruck, eine Betonung, ein Gefühl. Wie sie mit klitzekleinen Veränderungen in der Stimme in andere Personen schlüpft, Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, gebildet, ungebildet — das ist schon eine ganz große Kunst. 

Was soll ich noch sagen? Zum Phänomen Ferrante, zu der Sogkraft dieser vier Romane, ihrer literarischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist schon viel gesagt worden. Und so weit ich das überblicken kann, ist alles wahr. Ja, das ist ein Jahrhundertroman, ja das ist Weltliteratur, ja, der weltweite Erfolg ist berechtigt, ja, das ist der perfekte Mix aus Anspruch und Unterhaltung. Und nein, das ist kein Frauenroman. Und ja, ich war ein Idiot, dass ich das alles nicht sofort erkannt habe. 

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Italienischen: Karin Krieger
Verlag Print: Suhrkamp
Verlag Hörbuch: Der Hörverlag
Band 1: 17:02 h, Band 2: 18:11 h, Band 3: 15:08 h, Band 4: 17:02 h

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man stelle sich vor, Simon Strauss hätte zwanzig Jahre nach „Sieben Nächte“ noch einmal einen Roman geschrieben. Was könnte das für ein Buch sein? Wo könnte der namenlose Protagonist, der sich Ende zwanzig den sieben Todsünden gestellt hat, mit Ende vierzig angekommen sein? Gut möglich, dass er Vorstand und Partner einer Investmentbank wäre, mit einem beeindruckenden Haus im Taunus, mehreren Millionen auf dem Konto und einem Porsche mit Elektroantrieb. Da aber Simon Strauss noch nicht so weit ist, hat Alexander Schimmelbusch jetzt diesen Roman geschrieben und ihn „Hochdeutschland“ genannt.

Es ist dieser hedonistische Grundton, das Selbstverliebte, der latente Größenwahn, der mich den Vergleich zwischen diesen beiden Büchern ziehen lässt. Genau wie bei Strauss hat auch Schimmelbuschs Romanheld diese Hybris, und das macht für mich den Reiz dieser beiden Romane aus. Und da wir grad beim Vergleichen sind, will ich in bewährter Amazon-Algorithmus-Manier nicht verheimlichen, woran mich das alles noch erinnert hat. Wer den Lifestyle der Protagonisten von Bret Easton Ellis mag, die Detailverliebtheit, mit der die Helden von Haruki Murakami sich eine warme Mahlzeit zubereiten und auch das Setting von Juli Zehs letztem Roman „Leere Herzen“, der wird auch „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch gut finden.

Doch worum geht es eigentlich? Dieser oben bereits erwähnte Investmentbanker namens Victor hat alles erreicht, was man in seiner Profession erreichen kann. Top-Studium, Karrierestationen bei den ersten Finanzhäusern der Branche und danach Gesellschafter einer erfolgreichen Investmentbank. Geld ist im Übermaß vorhanden. So viel, dass er im Leben nie mehr alles wird ausgeben können. Der Stress im Job ist zur Routine geworden, doch die 100 Stunden-Woche muss er nicht mehr abreißen, dafür hat er Angestellte. Er muss niemandem mehr etwas beweisen, kann sich etwas Quality-Time mit seiner Tochter gönnen und sich mal eben zwei Wochen rausziehen, um einen Roman zu schreiben.

Nebenher entwirft er auch noch eine Art politisches Pamphlet, in dem er auf der einen Seite linke Positionen vertritt, eine staatliche Regulierung von Privatvermögen, die Etablierung einer volkseigenen Fondsgesellschaft zur Förderung von Zukunftstechnologien. Andererseits artikuliert er darin aber auch nahezu rechtspopulistische, ausländerfeindliche Thesen. Am Ende gründet er mit dem Spross einer Kreuzberger Döner-Dynastie eine neue Partei, die bei den Wahlen auf Anhieb zweite Kraft wird.

Ich weiß nicht so recht, was ich von diesem Werk halten soll. Vielleicht liegt es an der Hybris, dem Machtstreben, dem Porsche, dass ich das Gefühl habe, Hochdeutschland ist ein eher männliches Buch. Schimmelbuschs Protagonist Victor erklärt uns, wie die Welt funktioniert und hat dafür den Hashtag #mansplaining mehr als verdient. Ich schätze mal, dass der Roman auch überwiegend von Männern gekauft und gelesen werden wird, was schon mal nicht so gut für den Umsatz ist. Und als ich gerade das Wort ‚männlich’ geschrieben habe, kamen mir doch tatsächlich noch zwei weitere Parallelen in den Sinn. Und zwar einerseits Houellebecq und irgendwie auch Glavinic. Der Franzose wegen seiner Desillusioniertheit und der Österreicher wegen seiner Maßlosigkeit und Prinzipienuntreue. Alles Charaktereigenschaften, die auch Schimmelbuschs Protagonisten anhaften, die aber vielleicht auch wieder typisch für Männer in einer gehobenen Position und ab einem gewissen Alter sind.

Am besten wird die Intention dieses Werkes noch durch das Zitat von McKinsey & Company beschrieben, das der Autor seinem Roman voranstellt hat: „Unser Anliegen ist es, eine Faktenbasis und einen Interpretationsrahmen für notwendige Diskussionen zu liefern. Dabei geht es uns nicht darum, ein fertiges Rezept oder ein bestimmtes Zielbild vorzugeben, sondern Optionsräume zu skizzieren.“

Der Optionsraum in diesem Fall heißt: dieses Buch lesen oder nicht lesen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Entscheidung jetzt leichter gemacht habe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Tropen/Klett-Cotta
214 Seiten, 20,00 €

 

Kein Tag wie jeder andere

8

Heute ist mal wieder einer dieser nervigen Aktionstage. So etwas denken sich findige PR-Leute aus, wenn irgendetwas zusehends an Bedeutung verliert und mal wieder dringend ein wenig Aufmerksamkeit benötigt. Deswegen gibt es den Tag des Schulbrotes, den Tag der aufgehängten Wäsche, den Welt-Pfeifenrauchertag und heute, am 23. April, den Tag des Kirchkäsekuchens, des Bieres und natürlich den Welttag des Buches. Für Menschen wie mich, die all das gerne mögen, gleich drei Gründe, um zu feiern.

Aber mal ehrlich: Wie armselig ist das eigentlich? Das Buch, ein Medium, dem die Menschheit eigentlich alles verdankt – Religion, Weltanschauung, Wissenschaft und Kultur – in einem Atemzug genannt mit so profanen Genussmitteln wie Kirschkäsekuchen und Bier? Und doch passt es leider nur zu gut. Alle drei Produkte verlieren in dramatischem Ausmaß Marktanteile. Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig. Von den zahlreichen Brauereien, die es vor dreißig, vierzig Jahren noch in jeder mittleren deutschen Stadt gab, ist kaum noch eine übriggeblieben. In der Kirchkäsekuchen-Branche kenne ich mich nicht so aus, schätze aber, dass die leckere Kalorienbombe von den aktuellen Ernährungstrends eher weniger profitiert. Und von der Buch- und Verlagsbranche, die in den letzten vier Jahren über 6 Millionen Käufer verloren hat, wollen wir gar nicht erst reden. Fakt ist: Alle drei Branchen haben im Prinzip so einen Impulstag dringend nötig.

Doch aufhalten wird man den schleichenden Bedeutungsverlust mit solch verzweifelt anmutenden Aktionstagen natürlich nicht. Im Gegenteil, der gemeine Konsument sieht sich in seiner Abkehr vom Produkt dadurch eher noch bestätigt. Falls ihm das bisher noch nicht aufgefallen ist, stellt er spätestens heute fest, dass mit dem Produkt Buch irgendetwas nicht in Ordnung sein muss, wenn es schon solcher Marketingaktionen bedarf. Und wer sich daraufhin mal wachen Auges umschaut, nach Büchern in den eigenen vier Wänden und in der Nachbarschaft Ausschau hält, einfach mal darauf achtet, wer in U-Bahn oder Bus überhaupt noch ein Buch in den Händen hält und dann vielleicht bemerkt, wie wenig über Bücher noch in den Zeitungen steht und wie sich das Sortiment in den Buchhandlungen verändert hat – der, ja der wird sich über gar nichts mehr wundern.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man überhaupt noch etwas gegen den schleichenden Verfall der Lesekultur und die schwindende Bedeutung des Kulturgutes Buch tun kann. Wir Blogger schreiben uns seit Jahren die Finger wund, fotografieren Buchcover mit Heißgetränken auf Bettdecken, versuchen verzweifelt andere mit unserer Lese-Begeisterung anzustecken, doch vergebens. Die Masse guckt lieber Bibis Beautytipps und amerikanische Serien auf Netflix.

Man muss nur mal auf eine durchschnittliche Buchlesung gehen, da weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Auch bei jungen Autoren ist das Durchschnittsalter im Publikum weit über Fünfzig. Wenn da nichts Junges nachwächst, ist in zwanzig Jahren auch damit Schluss. Im Prinzip hat der US-Medienwissenschaftler Neil Postman diesen Trend in den späten Achtzigern schon vorausgesehen. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat er bereits von einer Vermüllung mit Informationen, einer zunehmenden Orientierungslosigkeit des Einzelnen und einer Erkrankung der Gesellschaft an „kulturellem Aids“ gesprochen.

Vermüllung ist das richtige Stichwort. Wir werden nicht nur mit Informationen zugemüllt, sondern auch mit Büchern. Das Einzige, was der Literaturbetrieb dem stetigen Verlust von Lesern entgegenzusetzen hat, ist immer noch mehr Bücher herauszubringen. Und zwar so viele, dass selbst buchverrückte Menschen wie ich nicht mehr nachkommen. Ich habe hier einen Stapel von zwanzig aktuellen Frühjahrstiteln liegen, noch keinen davon gelesen, da bekomme ich schon wieder die Vorschauen für das Herbstprogramm zugeschickt. Wer um Himmels Willen soll das alles noch lesen, wertschätzen, weiterempfehlen? Irgendwann wird es einfach zu viel. Erst verliert man den Überblick und irgendwann die Lust.

Liebe Verlage, hört bitte auf mit diesem Neuerscheinungswahn. Das ist blinder Aktionismus und in meinen Augen der falsche Weg. Immer weniger Leser brauchen nicht immer mehr neue Bücher. Lasst uns Zeit, das alles zu lesen, auch mal wieder Backlisttitel und den einen oder anderen Klassiker. Gebt uns ein paar Monate, uns eine Meinung zu bilden, einen Autor, eine Autorin richtig kennenzulernen, uns auch mal auf sperrige Bücher einzulassen und auch mal ein paar neue Verlage zu erkunden. Das hat auch was mit Respekt zu tun. Respekt vor der Arbeit des Autors, der Autorin. Denn was sind denn Schriftsteller heute noch? Eine Herde Kühe, die entweder im Frühjahr oder Herbst für drei Monate durchs Dorf gejagt wird, wenn überhaupt.

Darf ich mir etwas wünschen? Um noch mehr Spaß mit Literatur zu haben, wünsche ich mir etwas weniger Literatur. Maximal vier bis fünf neue Titel pro Verlag und Programm. Und warum nicht nur ein Programm und eine Buchmesse im Jahr? Jedes Jahr im Wechsel entweder Leipzig oder Frankfurt, so wie es auch andere Branchen machen. Das alles wünsche ich mir, weil heute nicht nur der Welttag des Buches, sondern auch mein Geburtstag ist. Ein schöner Grund zum Feiern. Kommt alle vorbei. Es gibt Kirchkäsekuchen und Bier.

Foto: Gabriele Luger

Frank Witzel – Die Erfindung der Roten Armee Fraktion… (Hörbuch)

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…durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969.

Das Buch habe ich schon seit mehr als zwei Jahren im Regal stehen. Es war damals mein Favorit beim großen Wettbewerb und ich habe mich sehr gefreut, dass es den Preis bekommen hat. Warum kann ich gar nicht so genau sagen, denn gelesen hatte ich es nicht. Der Autor war mir irgendwie sympathisch, die anderen Nominierten eher weniger, die Geschichte klang interessant, und diesen knapp Tausendseiter zu lesen, erschien mir als ein spannendes Projekt, eine Herausforderung der man sich mal stellen sollte.

Es gib ja Menschen, die vertreten den Standpunkt, dass man sich auf Literatur einlassen sollte; dass es der Leser ist, der sich annähern muss und nicht das Werk. Dass ein Buch sich sträuben und Böcke schlagen darf wie ein Wildpferd. Solche Menschen sind vielleicht auch davon überzeugt, dass es eine Kunst des Lesens gibt und dass der, der diese Kunst nicht nur irgendwie, sondern wahrhaft beherrscht, dass sich dieser Meisterleser alles erschließen kann – den Ulysses, den Mann ohne Eigenschaften, Zettels Traum und natürlich auch den manisch depressiven Teenager. Das kann man so sehen, und bis zu einem gewissen Punkt teile ich diese Meinung sogar. Nur leider bin ich trotz jahrelanger Übung in dieser besonderen Kunst des Lesens keinen Schritt weitergekommen. Ich lese immer noch irgendwie, lasse mich von sperrigen und Kapriolen schwingenden Seiten aus der Bahn werfen, von endlos nichtssagenden Passagen zu Tode langweilen, von wirren, unzusammenhängenden Sätzen zum Aufgeben und Scheitern provozieren.

Und so war es beinahe auch bei Witzels preisgekröntem „Teenager“. Nur diesmal bin ich nicht gescheitert. Ich habe mich von diesem wilden und sperrigen Buch nicht abwerfen lassen und mir von vorne bis hinten alles reingezogen. Natürlich habe ich gelitten, zweitausendmal mit den Augen gerollt, hatte schwache Momente und war dem Scheitern nah. Aber es gab auch ein paar Passagen, die mich aufatmen ließen, die stellenweise richtig gut und einige, die gar nicht so schlecht waren, aber eben auch nicht wirklich gut. Wie ich schon auf Instagram schrieb, macht es aber keinen echten Spaß, es packt einen nicht, es fordert nur, macht Arbeit. Frank Witzels „Teenager“ ist eine echte literarische Zumutung. Ich tippe mal, dass nur ca. 10 Prozent derjenigen, die das Buch angefangen haben, es letztlich auch zu Ende gelesen haben. Ich habe es gar nicht erst mit dem gedruckten Buch probiert, sondern mich gleich für das Hörbuch entschieden. Gekürzt auf knapp 13 Stunden und vom Autor höchstpersönlich gelesen. An die eintönig lispelnde Autorenstimme konnte ich mich bis zum Schluss nicht gewöhnen, aber ich habe mich gefügt, es zugelassen, so wie ich auch alles andere an diesem Werk zugelassen habe: den fehlenden roten Faden, die unklaren Zeitsprünge, diesen nicht enden wollenden, nervtötenden Monolog. Aber ich habe durchgehalten, habe mich gezwungen dran zu bleiben, wollte wissen, ob ich am Ende für meine Hörarbeit belohnt werde, ob sich irgendeine Art von Katharsis einstellt. Aber nichts davon. Kein Genuss, keine Erkenntnis. Es waren einfach nur dreizehn sich ins Endlose ziehende Stunden mit einem Text, der mich nicht erreicht hat und einem Autor mit einem Sprachfehler.

Das war also der beste Roman des Jahres 2015. Und ich kleiner Idiot stehe da, schüttele nur mit dem Kopf und frage mich mal wieder, ob ich einfach zu schlicht und zu grob gestrickt bin, um das Besondere, das Preiswürdige an solchen Werken zu erkennen. Fehlt mir das Fachwissen, die Ausbildung, die künstlerische Aufgeschlossenheit? Ist es eine besondere Gabe, ja vielleicht diese oben beschriebene Kunst des Lesens, die mir abgeht? Oder fehlt mir einfach die Zeit, mich mit dieser Sülze zu beschäftigen, nur um am Ende sagen zu können: Oh, was für ein grandios megalomanisches Stück Literatur, geschrieben in einem knapp 15 Jahre dauernden, existenziellen Furor; ein Werk, das eine ganze Epoche einfängt, in disparaten Formen, im maßlosen Wechselspiel zwischen Wahn und Witz.

Das blöde ist, wenn ein Buch erstmal derart ausgezeichnet wurde, sich die gesamte Intelligenzia damit beschäftigt und in Lobeshymnen ergangen hat, steht man schon als ziemlicher Depp da, wenn man so gar nichts damit anzufangen weiß. Vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit, für diese Art von Literatur, stecke noch zu sehr in dieser Business-Denke, wonach alles, mit dem man sich beschäftigt, für irgendetwas nützlich sein muss. Time is money – komm zum Punkt und labere nicht rum. Wenn du mir was zu sagen hast, lieber Frank Witzel, dann sag es, aber raub mir nicht meine kostbare Zeit. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht eitel genug, mich mit so einem Angeberbuch zu schmücken, es mir ins Regal zu stellen, neben den Ulysses und den Mann ohne Eigenschaften und scheinheilig zu behaupten, dass es natürlich keine einfache Lektüre und nicht für jedermann geeignet ist, dass man sich schon einlassen muss auf diesen megalomanischen Roman und seinen existenziellen Furor.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein blöder Blogger, der keine Ahnung hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Mattes & Seitz
817 Seiten, 29,90 €

Hörbuch: Audiobuch Verlag OHG
12 h, 40 min, gekürzte Version, gesprochen von Frank Witzel
erhältlich bei Audible

Matthew Weiner – Alles über Heather (Hörbuch)

Es gibt in der Literatur kaum ein spannenderes und gleichzeitig dankbareres Thema als die Familie. Dort hat alles seinen Ursprung, nimmt seinen Lauf, gibt Halt und Geborgenheit, hält gefangen, verstößt, versaut und versöhnt. Daher kommen wir, und daraus flüchten wir. In der Familie finden wir das höchste Glück und erfahrenen den tiefsten Schmerz. Es gibt so viele Facetten, so viel daraus resultierendes Schicksal, dass das Thema niemals langweilig wird und jeder sich damit beschäftigende Roman seine Berechtigung hat. So auch Matthew Weiners kleiner Familienroman „Alles über Heather“.

Vorweg sei gesagt, dass das, was immer ehrfurchtsvoll erwähnt wird, wenn über diesen Autor gesprochen wird – dass Matthew Weiner nämlich der Erfinder, Produzent und Regisseur der Fernsehserie „Mad Man“ sein soll – mir so gar nichts sagt. Ich lehne ja TV-Serien aus Prinzip ab und konnte mich daher vollkommen ehrfurchtslos, wenn auch nicht ganz vorurteilsfrei mit diesem Werk beschäftigen. Und was soll ich sagen? Ich fand’s richtig gut.

Man lauscht der Geschichte von Mark und Karen Breakstone, einem New Yorker Upper-Class Pärchen, das mit seiner Tochter Heather in einem vornehmen Appartementhaus am Central Park wohnt. Wie es heutzutage in modernen Bildungsbürger-Kleinfamilien üblich ist, dreht sich auch bei Familie Breakstone alles um den Nachwuchs. Heathers Ansprüchen muss sich jeder unterordnen; nichts ist Mark und Karen wichtiger, als alles für das Wohlergehen und die Entwicklung ihrer Tochter zu tun. Wenn nicht mehr der Partner, sondern eine kleine zickige Prinzessin im Mittelpunkt steht, die gekonnt Vater gegen Mutter ausspielt, wundert es kaum, dass irgendwann die Ehe in die Brüche geht. Aber Mark und Karen bleiben zusammen – natürlich wegen Heather. Lieber unglücklich zusammen sein, als dem Kind die Familie nehmen.

Und dann ist da noch eine Parallelhandlung, die eine ganz andere Welt aufzeigt. Irgendwo im benachbarten New Jersey bricht ein junger Kerl namens Bobby Klasky aus seiner Familie aus, weil sie asozial, verkommen, unerträglich und schädlich ist. Ausbrechen ist eigentlich nicht der richtige Begriff. Bobby entledigt sich vielmehr seiner Familie. Und natürlich wird dadurch nicht alles gut, denn er nimmt alles Schlechte und Unerträgliche, was er bisher kennengelernt hat, mit in sein neues Leben. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn was soll schon aus einem Menschen werden, der weder geliebt noch gehasst wurde, der immer nur im Weg und überflüssig war? Dieser Bobby trifft eines Tages auf die wohlbehütete Heather. Und wie ihre Eltern darauf reagieren, kann man sich vielleicht denken, wird hier aber nicht verraten.

Eines möchte ich aber nicht unerwähnt lassen: Wer beim Bücherkauf darauf Wert legt, möglichst viel Literatur für sein Geld zu bekommen, wird hier definitiv enttäuscht. Beim gedruckten Produkt stehen einem Ladenpreis von 16 Euro gerade mal 144 magere Seiten gegenüber, was 11 Cent pro Seite entspricht. Nur mal zum Vergleich: Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ würde mit 1250 Seiten beim gleichen Seitenpreis sage und schreibe 137,50 Euro kosten. Das Hörbuch, das von Ulrich Matthes sehr passabel eingesprochen wurde, ist mit 3 Stunden Spieldauer (ungekürzt) für 13.95 € auch nicht gerade ein Schnäppchen.

Aber wer guckt schon bei guter Literatur auf den Preis? Wenn sie denn auch gut ist. Ich würde in diesem Fall sagen: Ja, sie ist es.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Random House Audio
03:01 h, 13,95 €
gesprochen von Ulrich Matthes

Printausgabe:
Verlag: Rowohlt
144 Seiten, 16,00 €
übersetzt von Bernhard Robben

Leserbrief #11

7

Liebste Mareike,

morgen ist der große Tag. Dann erscheint es endlich, 475 Seiten dick und knapp 600 Gramm schwer. Das dunkelgrüne Ding, das dir so viel Schlaf geraubt hat. Das, von dem alle denken, dass es einschlagen wird wie ein Böller auf dem Blechdach. Ich denke das im Übrigen auch. Ja wirklich, lach nicht, das musst du mir bitte glauben. Jetzt, nachdem ich es komplett gelesen habe, bin ich mir so gut wie sicher: Das Buch wird durch die Decke gehen.

Ich sehe deinen skeptischen Blick, und du hast allen Grund, so zu schauen. Ich will auch gar nicht leugnen, dass ich beim Entstehungsprozess dieses Buches alles andere als hilfreich war. Nur gut, dass du meinen Rat nicht angenommen hast und mit dem Schreiben daran aufgehört hast. Ich sehe mich noch mit den ersten 60 Seiten des Manuskripts im Garten sitzen und mit den Augen rollen. Du weißt, dass ich damals nicht besonders angetan war, dass mir die Figuren zu schwarz/weiß gezeichnet waren und mir dieser synästhetische Farbenkram auf den Geist ging. Um das rund zu machen, so meine damalige Auffassung, muss man noch jede Menge Arbeit reinstecken. Und wann bitteschön solltest du das noch tun? Mit zwei kleinen Kindern, einem fordernden Job als Selbständige und einem Blog für den du mehr als 100 Bücher im Jahr liest. Nur Wonderwoman könnte neben all diesen Aufgaben noch einen Roman schreiben.

„Lass es bleiben — kein Mensch wartet darauf“, lautete mein damaliger Rat. Aber du hast dich von meinem Geschwätz nicht aus dem Konzept bringen lassen, hast dein Ding durchgezogen und mir gezeigt, dass Wonderwoman tatsächlich existiert und mit Mann und zwei Kindern in der Nähe von Salzburg wohnt. Als ich dann auch noch erfahren habe, dass du nicht irgendwo, sondern auch noch bei meinem Lieblingsverlag unter Vertrag genommen wurdest, hab ich mich zwar sehr für dich gefreut, gleichzeitig aber auch an meiner literarischen Urteilsfähigkeit zu zweifeln begonnen. Ich sag nur: „Keine Ahnung, aber La Paloma pfeifen.

Vor einigen Monaten erhielt ich das Vorab-Leseexemplar, entdeckte bei den Danksagungen am Ende meinen Namen und konnte es nicht fassen. Wie souverän ist das denn, bitte? Ich bin schließlich der, der es dir ausreden wollte, der nicht an das Manuskript und letztlich auch nicht an dich glaubte. Und du? Was machst du? Du erwähnst mich dankend in dem Buch, das ich dir nicht zugetraut habe. Das ist wahre Größe, vor der ich mich beschämt verneige.

Als ich den Roman dann vor ein paar Wochen gelesen habe — in einem Rutsch innerhalb weniger Tage — war nichts mehr von dem da, was mich damals so gestört hat. Das mit den Farben hast du ja ein wenig zurückgenommen, was der Geschichte meiner Meinung nach gut getan hat. Auch die beiden Hauptfiguren, Moritz und Raffael, die ich zunächst holzschnittartig konstruiert empfand, haben im Verlauf der knapp 500 Seiten Kontur bekommen. Überhaupt ist alles dramaturgisch total stimmig aufgebaut und entwickelt einen unglaublichen Sog. Da kommt echtes Lesevergnügen auf, man fliegt praktisch durch die Seiten, und dafür werden dich deine Leser lieben.

Natürlich habe ich an einigen Stellen gedacht, ach guck mal: Marie ist wie Mareike. Aber auch bei Johanna habe ich was von dir entdeckt, einen Satz, eine Geste. Aber wahrscheinlich macht man das zwangsläufig, wenn man den Roman von jemandem liest, den man auch privat gut kennt. So häufig kommt das ja nicht vor.

Ja, was soll ich jetzt noch sagen? Morgen geht es los und eines ist jetzt schon klar: Über mangelnde Aufmerksamkeit wirst du dich nicht beklagen müssen. Dein Verlag hat ja im Vorfeld schon ganze Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass „Dunkelgrün fast Schwarz“ schon im Januar in aller Influencer-Munde war. Jetzt bin ich gespannt, was sich daraus ergibt. Ich rechne mit einer Flut an positiven Rezensionen und hoffe auch, dass sich auch das Feuilleton nicht lumpen lässt. Ein paar Pressetermine stehen ja in den nächsten Tagen schon an. Auch das Blaue Sofa und ein paar Literaturpreis-Nominierungen dürften machbar sein. Wenn nicht bei diesem, dann bei deinem nächsten Roman. Wonderwoman traue ich mittlerweile alles zu.

Es grüßt und umarmt dich herzlich,
dein Bloggerfreund aus dem Buchrevier