Terézia Mora – Auf dem Seil

Der Literaturbetrieb freut sich, denn Darius Kopp ist wieder da. Und alle anderen so: Darius wer? Kopp, Darius. Kennst du nicht? Das Ungeheuer und der einzige Mann auf dem Kontinent, literarischer Serienstar und mehrfach ausgezeichneter Protagonist. Man könnte ihn auch Mr. Burnout nennen, den Mann mit der Urne oder neuerdings auch den deutschen Pizzabäcker vom Ätna. Oder war das der Stromboli?  Auf alle Fälle Sizilien, denn da ist der Ex-IT-Experte im Verlauf seiner Mir-ist-alles-egal-ich-lass-mich-einfach-treiben-Odyssee schließlich gelandet. Und dort treffen ihn die treuen Leser von Terezia Mora am Anfang des letzten Teils der Darius Kopp-Trilogie wieder.

Jetzt werden wahrscheinlich alle aussteigen, die Band 1 und 2 nicht kennen. Doch halt! Das hier ist keine Netflix-Serie. Man kann ohne Probleme nur diesen einen Roman lesen, ohne Gefahr zu laufen, den Plot nicht zu verstehen, weil wesentliche Informationen aus vorherigen Bänden fehlen. Ich selbst habe nur ‚Das Ungeheuer‘ gelesenen. Den mit dem Deutschen Buchpreis 2013 prämierten zweiten Band der Reihe.  Und ich kann mich nach all den Jahren an überhaupt nichts mehr erinnern, außer dass mir der Roman sehr gut gefallen hat. Damals habe ich noch nicht gebloggt, also kann ich auch nichts mehr nachlesen. Wenn im Klapper dieses Bandes also nicht gestanden hätte, dass der Protagonist immer der gleiche ist, ich hätte es vermutlich noch nicht einmal bemerkt.

Soviel zu meinen Unzulänglichkeiten als Leser. Kommen wir zu denen von Darius Kopp als Romanheld. Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ein Held ist er schon mal nicht. Wenn, dann ein Antiheld; einer, der sich allem entzieht, sich in die Trauer über den Tod seiner Frau und einen komplizierten Mix an Befindlichkeiten flüchtet. Wer wissen will, was genau ihn so zerstört und aus der Bahn geworfen hat, müsste wahrscheinlich tatsächlich noch Band 1 und 2 der Trilogie lesen. Mir reicht das, was ich zu Beginn von Band 3 vorgefunden habe: einen gebrochenen Mann, einen der die Achtung und den Respekt vor sich und seinem Leben verloren hat. Denn Darius ist nicht nur einmal grandios gescheitert, sondern scheitert seitdem jeden Tag aufs Neue. Er lebt vom Wohlwollen anderer, schnorrt und buckelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt von irgendwelchen Tagelöhnerjobs und suhlt sich in seinem Elend.

Ich finde so eine Apathie ganz fürchterlich, will Darius eigentlich permanent schütteln und zurufen, er solle sich verdammt nochmal endlich zusammenreißen. Und doch habe ich für solche Abstürze vollstes Verständnis und weiß, dass dergleichen jederzeit jedem von uns passieren kann. Und der plötzliche Tod der geliebten Partnerin ist allemal ein mehr als nachvollziehbarer Grund dafür. Nicht wenige verlieren in solchen Momenten jeglichen Lebensmut, sehen keinen Ausweg und flüchten in den Freitod. Aber wenn man schon alles fallen lässt, warum dann in den Tod fallen und nicht ins Leben? Dann natürlich in ein ganz anderes Leben, eines, das sich komplett unterscheidet. Weit weg von all dem, mit dem man gescheitert ist. Keine Ziele mehr, nichts mehr wollen, kein Plan B und auch kein Plan A, überhaupt nichts mehr planen, einfach nur da sein und sehen, was kommt.

Und irgendwas kommt mit Sicherheit, früher oder später. Entweder das endgültige Aus, oder ein neuer Weg, eine Herausforderung, ein neues Ziel. Bei Darius Kopp kam seine Nichte Lorelei und mit ihr der Wunsch zurück, wieder Verantwortung zu übernehmen. Augenscheinlich erstmal für sie und dann irgendwann auch wieder für sich selbst. Das ist fast schon ein wenig zu banal, klingt wie simple Küchenpsychologie, der gut gemeinte Ratschlag eines Bekannten, sich bei mentalen Problemen doch einfach eine Aufgabe oder ein Hobby zu suchen, dann würde es einem mit Sicherheit schon bald wieder besser gehen. Und bestimmt funktioniert so etwas genauso häufig, wie es eben nicht funktioniert. Bei Darius Kopp hat es funktioniert. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft. Und so wird er am Ende doch noch zum Romanhelden. Ein ziemlich trauriger zwar, aber dafür ein sehr sympathischer. Und ich bin sehr dankbar, dass ich seine Bekanntschaft machen konnte.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 24,00 €

Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

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Da bildet man sich ein, man würde sich im Literaturbetrieb ein wenig auskennen, wüsste was gerade angesagt ist, welche Autorin, welcher Autor eine gewisse Relevanz hat, welche man zumindest vom Namen her kennen sollte und von wem man unbedingt noch etwas lesen muss. Und dann fällt einem zufällig dieser Roman in die Hände und man fragt sich: warum habe ich bisher eigentlich noch nie etwas von Regina Scheer gehört?

Wer dieses Gefühl kennt und ebenfalls von der 1950 in Ost-Berlin geborenen Historikerin und Publizistin noch nichts gehört hat, obwohl ihr in 2014 erschienener Debütroman  ‚Machandel‘ mehrfach ausgezeichnet wurde und sie seitdem von ihrem Verlag als Bestsellerautorin geführt wird, sollte das schnellstens nachholen und jetzt unbedingt „Gott wohnt im Wedding“ lesen.

Eine dringende Leseempfehlung auch für all diejenigen, die wie ich der Meinung sind, schon genug Berlin-Romane gelesen zu haben, in denen die wechselvolle Geschichte der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart geschildert wird. Denn Scheers Idee, ein Wohnhaus im Berliner Arbeiterbezirk Wedding zum Protagonisten ihres neuesten Romans zu machen, ist nicht nur auf eine charmante Art anders und überaus unterhaltsam, sondern angesichts einer beeindruckenden Detailkenntnis historischer Fakten auch unglaublich lehrreich.

Ein Thema, das mich literarisch beispielsweise bisher überhaupt noch nicht erreicht hat, ist die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Ich muss zugegeben, es hat mich auch noch nie besonders interessiert, denn wie ich beim Lesen selbstkritisch festgestellt habe, war auch ich nicht vorurteilsfrei. Doch hier habe ich mal was anderes als die gängigen Klischees über diese Volksgruppe erfahren, denn im Haus in der Utrechter Straße sind sie alle ein- und ausgegangen: Kommunisten, die dem „Roten Wedding“ seinen Namen gaben, Juden, Nazis, Russen und eben auch Sinti und Roma. Menschen in Zwei- und Dreiraumwohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Nachbarn, denen man im Hausflur begegnet, die man in der Wohnung über einem streiten, lachen und weinen hört. Und auf einmal erweitert sich der Horizont, man lernt dazu und versteht.

Der Roman ist sehr vielschichtig aufgebaut. Zahlreiche Personen, häufige Zeitsprünge und wechselnde Erzählperspektiven lassen den unkonzentrierten Leser leicht den Überblick verlieren. Aber durch den episodenhaften Aufbau dieses Romans findet man schnell wieder rein. Und wenn ich mit einigen der zahlreichen Erzählstränge auch weniger anfangen konnte, so freute ich mich doch umso mehr, wenn meine Lieblingsfiguren wieder ins Spiel kamen. Allen voran Gertrud Rhomberg, weit über 90 Jahre alt und seit Ihrer Geburt Mieterin in der Utrechter Straße.

Sie und das Haus haben viel erlebt: wie ein SA-Mann direkt vor der Tür ermordet und zum Märtyrer stilisiert wurde, wie sich zwei jüdische Jungs in ihrer Wohnung versteckten, wie der, den sie liebte, von den Nazis entdeckt und in ein Vernichtungslager verschleppt wurde, wie ein SS-Mann sie vergewaltigte, wie die Russen kamen und wieder gingen, die schwere Zeit des Wiederaufbaus, wie irgendwann die ersten Türken, Jugoslawen und danach auch Sinti einzogen und ganz am Ende, siebzig Jahre später, der andere der beiden jüdischen Jungs wieder unten im Hof steht und zu ihrer Wohnung hochschaut.

Ein Leben, ein Schicksal, das sich oberflächlich betrachtet nicht besonders von all denen unterscheidet, die zur selben Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Unzählige Geschichten, die es auch wert gewesen wären, erzählt, aufgeschrieben und nicht vergessen zu werden. Große Häuser, kleine Häuser, die irgendwann entstanden sind und wieder wieder verschwanden. So wie wir alle, irgendwann.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardover
416 Seiten, 24,00 €

Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch:
Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von: Johann von Bülow
Länge: 14 h, 21 min
Hörprobe

Jackie Thomae – Brüder

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Ich frage mich, ob das Lesen eines Romans ausreicht, um nachzuempfinden, wie das ist, mit dunkler Hautfarbe in Deutschland aufzuwachsen? Ob ein Buch diese komplizierte Gefühlslage überhaupt abbilden kann? Wenn dir zum Beispiel das, was andere in deiner Person zu sehen glauben, selber fremd ist. Wie ist das, wenn dir ein Elternteil nicht mehr mitgegeben hat, als sein Anders-Sein? Nicht mehr als krauses Haar und dunkle Haut und einen Haufen damit verbundener Probleme. Keine alternative Identität, kein Fluchtort, keine Gemeinschaft von Menschen, die so denken, fühlen und so aussehen wie man selbst. Und vor allem auch, da abwesend: keinen Halt und keine Liebe.

Ijoma Mangold hat in „Das Deutsche Krokodil“ beschrieben, wie sich das in den Siebziger Jahren in Westdeutschland angefühlt hat. Jackie Thomae hat mit dem Roman „Brüder“ die ostdeutsche Variante beigesteuert. Beide Werke vereint die Erkenntnis, dass man die angeborene Andersartigkeit nie und niemals auflösen kann. Dass deutsch zu denken, zu fühlen und zu sprechen, eine deutsche Mutter, deutsche Großeltern und ein deutscher Pass dich nicht davor bewahren, im eigenen Land schräg angeschaut zu werden. Man kann sich noch so sehr bemühen und versuchen, deutscher als deutsch zu sein, wenn 50 Prozent von dir sichtbar anders sind, wird früher oder später die Frage nach deiner Herkunft kommen. Und sicher ist, dass die für dich einzig richtige Antwort für den Fragenden immer die Falsche sein wird. Aber damit haben sich nicht nur die Protagonisten dieses Romans, Mick und Gabriel, sondern alle Deutschen mit physiognomisch sichtbarem Migrationshintergrund abgefunden – auch ich.

Ich weiß nicht, wie stark meine eigene Herkunftsgeschichte in die positive Beurteilung dieses Romans hineinspielt. Mit einem ähnlichen Background liest man ja noch viel kritischer. Ich habe aber alle geschilderten Situationen, Stimmungen und Gefühle zu einhundert Prozent authentisch und glaubwürdig empfunden. Da ist nichts zu dick aufgetragen, nichts angesichts von Rechtsruck und Flüchtlingskrise unnötig aufgebauscht. Trotzdem oder gerade deswegen ist ‚Brüder‘ ein Roman, der in unsere Zeit passt. Herkunft und Familie sind nicht umsonst die aktuellen literarischen Top-Themen, weil sie angesichts der zahlreichen globalen Konflikte, der innerpolitischen Verwerfungen und Debatten für innere Ruhe und Ausgleich sorgen. Während die Welt brennt und uns Themen wie Klimakrise, Wohnungsnot und Mobilitätswende in Atem halten, suchen wir Antworten und Trost in Dingen, die wir halbwegs überschauen können. Vater-Mutter-Kind, das ist die Urform einer sozialen Gemeinschaft – und wenn man sich anschaut, was da schon alles im Argen liegt, wen wundern da noch die Probleme im großen Ganzen? Erst wenn Toleranz, Wertschätzung und Achtsamkeit im kleinen Kreis funktionieren, kann man das auch größer ausrollen.

Unabhängig von dieser komplexe Themengemengelage hat mir das Lesen dieses Romans sehr viel Spaß gemacht. Sowohl der erste Teil mit der Geschichte von Mick, einem partyfeiernden Womanizer im hippen Berlin, als auch der zweite Teil um den funktional denkenden Gabriel, einem global agierenden Star-Architekten mit Büro in London. Beide Romanhelden stammen aus der ehemaligen DDR, beide haben unterschiedliche deutsche Mütter und den gleichen afrikanischen Vater: einen Austauschstudenten aus dem Senegal, der in der DDR studiert hat, als fertiger Mediziner wieder in sein Heimatland zurückgekehrt ist und sich einen Scheißdreck um das gekümmert hat, was vom Studium übrig blieb.

In diesem Fall sind das Mick und Gabriel mit ihren Müttern Monika und Gabriele. Alle vier wissen nichts voneinander und leben ihr Leben. Erst in den engen Grenzen des real existierenden Sozialismus, nach dem Mauerfall nur noch begrenzt durch die eigenen Möglichkeiten. Und da ist Gabriel – weniger hipp und sportlich, dafür aber wesentlich zielstrebiger als sein Halbbruder Mick – eindeutig im Vorteil. Er legt eine internationale Vorzeige-Karriere als Architekt hin, während Mick es nach vielen Irrungen und Wirrungen und Ausflügen ins Berliner Party- und Musik-Business letztlich nur als Yoga-Coach zu einem halbwegs okayen Auskommen gebracht hat. Aber darum geht es gar nicht. Wenn man ohne Vater aufgewachsen ist und so ein Herkunfts-Päckchen zu tragen hat wie Mick und Gabriel, dann zählt letztlich nur, wer im Leben weniger unglücklich wird. Und hier liefern sich beide ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Mick schließlich für sich gewinnt.

Doch eigentlich ist nichts entschieden, alles kann sich noch wandeln. Denn wir Leser verlassen die beiden Romanhelden nicht am Ende, sondern in der Mitte ihres Lebens. Ihr Vater hat sich zurückgemeldet, will nach vierzig Jahren Abwesenheit noch ein wenig Ordnung in sein Leben bringen und bemüht sich um Kontakt. Ob das tatsächlich gelingt, und sich am Ende alle wie in der RTL-Doku-Soap “Vermisst“ weinend aber glücklich in den Armen liegen, soll hier nicht verraten werden.

Ich kann diesen Roman allen nur wärmsten ans Herz legen. Er ist handwerklich perfekt gemacht und auf über 400 Seiten niemals auch nur eine Spur von langweilig. Ich konnte mich mit den Protagonistenperfekt identifizieren und auch sehr gut in die Nebenfiguren hineindenken, flog nur so durch die Seiten und fühlte mich mehr als angeregt unterhalten. Sprachlich top, authentisch, stimmig aufgebaut und zeitgeschichtlich überaus relevant. Definitiv ein Must-Read des Jahres!

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
416 Seiten, 23,00 €

Warum Buchgeschenke problematisch sind

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Ich habe hier schon viel über meine Leseleidenschaft geschrieben. Über Bücher, über das Lesen und das Über-Bücher-Schreiben. Nach fünf Jahren ist alles nicht mehr ganz so aufregend und spektakulär wie noch zu den Hype-Zeiten. Vieles ist schon gesagt und hat sich eingespielt, die Fronten sind geklärt: zwischen Print und Online, zwischen den Literaturblogs und den Bücherblogs, zwischen Instagram und WordPress. Jeder weiß mittlerweile, was geht und was nicht, welche Texte geklickt werden und welche dümpeln. Und oft muss man sich noch nicht mal was Neues ausdenken, denn manche Themen funktionieren einfach immer wieder. So krame ich zur Weihnachtszeit schon seit Jahren meinen Text „Bitte schenkt mir keine Bücher“ aus dem Archiv und schmunzele innerlich, dass er immer noch die Gemüter erregt. Jahr für Jahr die gleichen zustimmenden und ablehnenden Kommentare.

Ich antworte zwar nicht darauf, aber ich lese sie mir alle durch und frage mich, wer denn nun recht hat. Als ich den Text vor fünf Jahren geschrieben habe, war er überspitzt formuliert und ironisch gemeint. Und ich weiß natürlich, dass Bücher immer noch zu den beliebtesten Geschenken unterm Weihnachtsbaum zählen, dass es jede Menge Menschen gibt, die sich über geschenkte Bücher freuen und es der Buchhandel ohne das Weihnachtsgeschäft noch schwerer hätte als ohnehin schon. Trotzdem ist ein Buch nicht immer die beste Geschenkidee, und je länger ich darüber nachdenke, desto problematischer finde ich es sogar, Bücher zu verschenken. Ich will mal versuchen zu erklären, warum.

Man muss zunächst unterscheiden zwischen Buchgeschenken für Menschen, die gerne lesen und solchen, die das eher nicht tun. Personen, die nicht gerne lesen, ein Buch zu schenken, finde ich  unsensibel und fast schon übergriffig. Was denken sich die Schenkenden eigentlich? Dass der Beschenkte nur nicht liest, weil er bisher noch nicht das Buch gefunden hat, das diesen Zustand von Grund auf ändert? Da muss erst das ultimative Buch kommen, was einen zum überzeugten Bücherwurm und Vielleser werden lässt und was der Schenkende ihm nun feierlich überreicht? Ist das pure Gedankenlosigkeit, Selbstüberschätzung oder ein unverschämter Wink mit dem Zaunpfahl? Nun lies doch mal was, du Spacken!

Büchermenschen sind ja oftmals missionarisch unterwegs und wollen Nicht-Leser unbedingt ans Buch heranführen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass das, was sie in ihrer Freizeit tun, viel sinn- und wertvoller ist, als das, was andere so machen. Dass Menschen, die nicht lesen, ihre Zeit und ihr Leben verschwenden und mithilfe von Büchern viel glücklicher und erfüllter leben könnten. Ich denke das zwar auch, aber ich respektiere, wenn es jemand anders sieht. Wenn er nicht gerne liest, sondern in seiner freien Zeit lieber Netflix guckt, gesellig ist, bastelt oder Sport macht. Für mich wäre das nichts, aber jeder wie er mag. Ich habe kein Interesse daran, Menschen zu verändern.

Aber bei Büchern schwingt das immer mit. Schenke ich jemandem ein Sachbuch, einen wie auch immer gearteten Ratgeber, dann will ich ihm damit nicht nur eine Freude bereiten, sondern auch etwas mitteilen: Ich habe mir gedacht, das könnte (Subtext: sollte) dich interessieren. In meiner Jugend habe ich zu Weihnachten immer Lebensratgeber bekommen. „Werde Nr. 1“, „Wie man Freunde gewinnt“, „Sorge dich nicht, lebe“. Die Botschaft, die bei mir angekommen ist, lautete: ‚Verändere dich, denn so wie du bist, bist du nicht in Ordnung.‘ Und natürlich habe ich diese Bücher deshalb alle nicht gelesen. Aus jugendlichem Trotz und weil ich mich eigentlich ganz ok fand, als Durchschnittstyp ohne viele Freunde.

Die Crux ist, dass Bücher nicht einfach nur Gegenstände sind, die ein zu Beschenkender gut gebrauchen kann, so wie Socken oder warme Handschuhe. Bücher sind Handlungsaufforderungen. Der Schenkende erwartet mehr als nur ein freudiges Dankeschön, er erwartet, dass sich der Beschenkte fünf bis zehn Stunden Zeit nimmt, das Buch liest, sich mit den Inhalten beschäftigt und im Idealfall dem Schenkenden dazu noch eine Rückmeldung gibt. Wenn man dieser Handlungsaufforderung nicht nachkommt, ist das Geschenk wertlos, nichts als ein nutzloser Stapel Papier. Ein Buch ist daher immer nur ein halbfertiges Geschenk, das erst dann vollständig und wertvoll wird, wenn der Beschenkte etwas dazu gibt: seine Zeit.

Bei jedem Buch, das unter dem Weihnachtsbaum liegt, zahlt der Beschenkte also noch mal drauf. Er investiert wertvolle Lebenszeit und damit weit mehr, als er bekommt, wenn man den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 €/h zugrunde legt. Das rechnet sich daher erst, wenn das Buch auch wirklich gut ist und die Lesezeit damit nicht verschwendet.

Anders sieht es aus, wenn man einer Person, die nachweislich gerne liest, ein Buch schenkt. Da kann man zwar sicher sein, dass ein Buch an sich schon das passenden Geschenk sein könnte, aber nur theoretisch. Praktisch kann man hier noch weit mehr Fehler machen, nachzulesen im besagten Blogbeitrag „Bitte schenkt mir keine Bücher“. Man tut daher gut daran, sich im Vorfeld beim zu Beschenkenden eine Wunschliste zu besorgen und sich dann strikt daran zu halten. Also kein anderer Titel des gleichen Autors, keine andere Ausgabe und keine Bücher von Autoren, die so ähnlich sind – dann ist alles gut.

Aber kaum einer mag nach Wunschliste schenken. Das ist ja langweilig und keine Überraschung mehr. Nein, der Beschenkte soll merken, dass man sich Gedanken gemacht hat, und vielleicht ist es ja das ultimative Buch. Eines, das sein Leben von Grund auf verändert, es glücklicher und leichter macht. Das hat bei mir bisher nur ein Geschenk wirklich geschafft. Und das war kein Buch, sondern ein Akkuschrauber.

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Foto: Gabriele Luger

Die besten Romane 2019 (Teil 2: Autoren)

Von männlichen Autoren haben es in diesem Jahr nur sechs Titel auf meine Bestenliste geschafft.

 

Michel Houellebecq – Serotonin

Das Rennen um den besten Roman des Jahres war im Prinzip schon entschieden, als am 07. Januar Serotonin in die Buchläden kam. Wieder ein echter Houellebecq, mit allem was dazu gehört: altbekannte, depressive Grundstimmung, ewig gleiches Alt-Männer-Gejammer, mit einer ordentlichen Portion Sexismus und Rassismus – so kennt man den immer mehr verwahrlosenden Kettenraucher. Selbst der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem mit seinem Themenmix. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art.

Verlag: DuMont
330 Seiten, 24,00 €

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Matthias Brandt – Blackbird

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Schauspieler meinen, auch noch ein Buch schreiben zu müssen? Ist das pure Hybris, einem übergroßem Ego geschuldet oder einfach nur kaufmännisch klever gedacht? Wie auch immer, nur selten kommt dabei was Vernünftiges raus. Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist Matthias Brandt.

Schon der Erzählband Raumpatrouille hat mir sehr gut gefallen, und sein erster Roman Blackbird steht dem in nichts nach. Beide Bücher habe ich regelrecht inhaliert und mich geärgert, dass sie nicht doppelt so dick waren. Das mag daran liegen, dass ich wie Brandt ein Babyboomer bin und es mir ein sentimentales Vergnügen bereitet, mit seinen Figuren zurück in die Siebziger zu reisen. Es ist aber in erster Linie die Lässigkeit, mit der Brandt seine Geschichte erzählt. Ohne auf Teufel komm raus cool, witzig und originell erscheinen zu wollen oder übertrieben literarisch und pathetisch.

Nein, das alles will Brandt nicht sein, und trotzdem ist sein erster Roman Blackbird all das, aber in genau dem richtigen Maß: cool und witzig, ein wenig pathetisch, unterhaltsam und  literarisch anspruchsvoll. Genretechnisch ein Coming-of-Age-Roman für Best Ager, vergleichbar mit Auerhaus und Tschik, doch hat mich Blackbird emotional wesentlich stärker gepackt. An manchen Stellen wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich habe mich dann dazu entschieden, diesen Roman in allen Facetten einfach nur grandios zu finden.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
288 Seiten, 22,00 €

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Saša Stanišić – Herkunft

Eigentlich wollte ich den mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman nicht auf die Liste setzen. Denn nach wie vor finde ich es blöd, dass Stanišić dieses Buch geschrieben hat. Nicht, dass es nicht gut wäre. Nein, das nicht. Das kann er wahrscheinlich gar nicht: schlechte Bücher schreiben. Dafür ist Stanišić zu talentiert. Aber cooler wäre es gewesen, wenn er sich zu diesem Thema nicht geäußert hätte. Die Herkunft-Karte zu ziehen, das hat er doch gar nicht nötig. Sollen sich doch alle ruhig weiter fragen, wie ein Nicht-Muttersprachler, ein Migrant, der erst im Alter von 14 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam und unsere Sprache neu lernte, heute einer der profiliertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren werden konnte.

Könnte das nicht einfach unbeantwortet bleiben? Wäre ein „Ist so, kann passieren, Talent ist nunmal Talent“ nicht die einzig richtige Antwort auf diese Frage? Warum diese Neugier, warum dieser Zwang, sich auf jedem Lesebühnensofa immer wieder zu den gleichen Fragen zu erklären? Warum ist Herkunft eigentlich immer noch so wichtig? Und spielt man dem latenten Rassismus all derer, die nicht wissen wollen, ob man aus Hamburg, Heidelberg oder Hameln, sondern „ursprünglich“ herkommt, nicht unbewusst in die Karten, indem man allzu willfährig Auskunft gibt?

Trotzdem: Was er sprachlich abliefert, ist wirklich beeindruckend (Subtext: für einen Nicht-Muttersprachler erst recht). Ich glaube, das ist einfach eine Frage des Talents, das man entweder hat oder eben nicht, wenn man Sätze formuliert, die eine Melodie in sich tragen und eine Erzählstimmung erzeugen, die von einer sanften, beinahe fröhlich anmutenden Melancholie geprägt ist. Seine sprachliche Virtuosität zeigt Stanišić besonders auf den letzten hundert Seiten, wo er in freier Assoziation das Entgleiten seiner Großmutter in wirre Traumwelten schildert. Das liest sich zwar etwas anstrengend, kommt dem geschilderten Geisteszustand aber sehr nah und ist von ergreifender Emotionalität. Und darüber hinaus ist er auch noch witzig.

Verlag: Luchterhand
368 Seiten, 22,00 €

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Friedemann Karig – Dschungel

Ich war nie in Kambodscha, und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig.

Karigs Themen sind Suche und Freundschaft. Klingt erstmal nicht besonders unique.  Doch wer es als Autor schafft, ein Allerweltsthema wie Freundschaft so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden Protagonisten persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an gemeinsame Jahre, die Entwicklung einer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt, ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

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Eugen Ruge – Metropol

Am Anfang hatte ich Probleme, reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann. Man erlebt, dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt gar nicht in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

Verlag: Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

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Norbert Scheuer – Winterbienen

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat.

Es sind viele Aspekte, die diesen Roman auszeichnen. Zum einen ist es die Geschichte an sich; sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Der Routinier Nobert Scheuer führt seine Leser mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings.

Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Verlag: C.H. Beck
319 Seiten, 22,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Die besten Romane 2019 (Teil 1: Autorinnen)

Ich habe in diesem Jahr viele tolle Romane von Frauen gelesen. Hier meine sieben besten Bücher des Jahres:

Isabel Bogdan – Laufen 

Was mir aufgefallen ist: Schreiben ist gar nicht so viel anders als Laufen. Bei beidem gilt: einfach anfangen, alle Stop-Signale von Körper und Geist ignorieren und stur auf das tägliche Ziel zusteuern. Und irgendwann – man muss nur daran glauben – fällt all die Schwere von einem ab und es läuft. Auf der Straße, auf dem Papier.

Wer Isabel Bogdan auf Facebook abonniert hat, weiß, dass sie es beim Schreiben von „Laufen“ genauso gemacht hat. Hinsetzen, machen. Alles ausblenden, sich abschotten, fokussieren und durchbeißen. Ein Ziel haben und drauf losstürmen. Zweifel und Blockaden einfach wegschreiben. Ein ein aus aus aus. Nicht denken, nur atmen und schreiben. Luft wird bewegt, immer wieder rein und raus aus dem Körper. Und mit jedem Atemzug kommen schließlich die Sätze, kommen von ganz allein; ein Gedanke folgt dem nächsten und am Ende ist es vollbracht: ein 200-seitiger Bewusstseinsstrom, atemlos, wuchtig und voll mit den stärksten Emotionen am Markt: Liebe, Trauer, Ängste, Verzweiflung. Und damit es nicht nicht unerträglich wird, kommen irgendwann auch Hoffnung, Zuversicht und schlussendlich auch wieder Liebe dazu. The Circle of Life.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Spiegel Bestseller-Autorin mit ihrem zweiten Roman ein echtes literarisches Meisterstück gelungen ist. Ganz anders als ihr seichtes Schmunzel-Debüt, hat mich „Laufen“ tief bewegt. Ich war oft den Tränen nah, bin Seite für Seite atemlos mitgelaufen; immer wieder die Runde um die Außenalster, bis auch mir alles weh tat. Ein rauschhaftes Leseerlebnis, das man nur schwer beschreiben kann. Man muss schon selber laufen, äh… lesen.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
208 Seiten, 20,00 €

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Elena Ferrante – Tage des Verlassenwerdens

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Ferrante-Fan, und ich steh dazu. Doch das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren gehörte auch ich zu denen, die den aufkommenden Hype mit Kopfschütteln und verschränkten Armen verweigerten. Aber über den Umweg Hörbuch hat mich das #ferrantefever dann doch noch gepackt und seither bin ich infiziert. Und dieser Roman hier, von dem ich gar nicht weiß, ob er jetzt ein Früh- oder Spätwerk ist, vor oder nach der neapolitanischen Saga geschrieben wurde, hat mich noch mal mehr in meinem Urteil bestätigt. Elena Ferrante ist eine der ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit und für mich persönlich die Autorin, die mir die weibliche Sichtweise auf die kleinen und großen Dinge im Leben bisher am eindringlichsten und sympathischsten vermittelt hat.

Und während ich das schreibe, frage ich mich, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, von einer weiblichen Sichtweise zu sprechen. Gerade Ferrante bricht in ihren Romanen doch immer wieder mit dem traditionellen Frauenbild der warmherzigen, Pasta kochenden Mama. Auch in diesem Roman ist die Protagonistin Olga, die von ihrem Mann für eine zwanzig Jahre jüngere Frau verlassen wird, alles andere als warmherzig, sondern einfach nur enttäuscht, wütend und verzweifelt. Und wie tief man in so einer Situation fallen kann, wie egal einem alles wird, selbst die eigenen Kinder, das vermittelt einem Ferrante mit solch einer eindringlichen Kraft, dass es einen beim Lesen nahezu umhaut. Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil ich die beklemmende Stimmung kaum ertragen konnte. Keine zwei Minuten später hatte ich es wieder in der Hand und las weiter. Ein zutiefst verstörender Roman, der von einigen jungen Rezensenten als übertrieben und grenzüberschreitend bezeichnet wurde. Ich dagegen finde dieses Buch einfach nur grandios, weil es so mutig und kompromisslos ehrlich ist.

Verlag: Suhrkamp
252 Seiten, 22,00 €

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Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Ich glaube, ich bin einer der wenigen Männer in meinem Umfeld (online und offline sowieso), die dieses Buch gelesen haben. Denn Titel, Aufmachung und Inhalt erwecken den Eindruck, dass es sich hier um ein typisches Frauenbuch handelt. Das wird nochmals verstärkt, wenn im Buchhandel Daniela Kriens blumig gestalteter Vorgängerroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ direkt daneben liegt. Aber weit gefehlt.

Denn obwohl es in den fünf geschilderten Frauenschicksalen dieses Romans immer wieder um die Liebe an sich und die verschiedenste Arten, an ihr zu scheitern geht, ist dies alles andere als ein herkömmlicher Liebesroman. Und das allein schon deshalb, weil nichts an diesen Geschichten trivial ist. Keine Klischees, keine Plattitüden, keine Allerwelts-Figuren, sondern starke und interessante Frauencharaktere, die eigentlich nichts gemeinsam haben, außer sich überschneidende Lebenslinien. Beim Lesen habe ich mich nacheinander in jede einzelne dieser fünf Frauen verliebt. In die traurige Paula genauso wie in die einsame Judith, die anstrengende Brida, die weiche Malika und auch die erfolgreiche Jorinde. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, ich habe mit ihnen gelacht und gelitten, und doch weiß ich ganz genau: Auch ich hätte sie als Mann nicht wirklich glücklich gemacht.

Verlag: Diogenes
288 Seiten, 22,00 €

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Karen Köhler – Miroloi

Wer bei Miroloi erwartet hat, einen feministischen Roman zu lesen, wird zweifellos enttäuscht sein. Ich weiß gar nicht, woher diese vielfach geäußerte Erwartungshaltung kommt, aber es ist definitiv kein feministisches Buch. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es in Miroloi um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich selbst nicht verliert.

Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Und ist der Schalter erst einmal umgelegt, dann packt es einen mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

Verlag: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

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Katja Oskamp – Marzahn, mon Amour

Ohne meine kleine literarische Online-Blase, wäre dieses wunderbare Buch wohl komplett an mir vorbeigegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil alle sechs Monate so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es doch so viele andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt.

Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

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Leila Slimani – All das zu verlieren

Und natürlich darf Leila Slimani mit ihrem neuesten Roman in dieser Liste nicht fehlen. Denn diese Autorin hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Wie schon beim Vorgängertitel hat man nach der Lektüre  auch dieses Romans das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück.

Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin.

Verlag: Luchterhand
224 Seiten, 22,00 €

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Sibylle Berg – GRM: Brainfuck.

Sibylle Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Eugen Ruge – Metropol

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Mein Gott ist das alles schon lang her. Die UDSSR – wer von den unter Vierzigjährigen kennt überhaupt noch diese Abkürzung? Wer weiß noch, was ein Sowjet, ein Bolschewik, die NKWD, der Warschauer Pakt oder ein Gulag war? Alles Begriffe, die in meiner Jugend tagtäglich durch die Nachrichten gingen. Und nun – alles vorbei und vergessen. Der ganze Schrecken, die Ängste, die Toten, die existenziellen Nöte von Millionen Menschen sind mit einem Fingerschnipp verschwunden. Aber im Moskauer Hotel Metropol, dem Ort, wo Ende der 1930er Jahre Eugen Ruges neuester Roman spielt, ist dieser Schrecken noch allgegenwärtig. Stalin machte damals gerade reinen Tisch, die große Parteisäuberung stand an, der hunderttausende kleine und große Funktionäre zum Opfer fielen. Keiner war mehr sicher, jederzeit konnte die NKWD an deine Tür klopfen und dich mitnehmen. Verdacht auf volksfeindliche Aktivitäten, so lautete die Anklage. Und das Urteil: Tod durch Erschießen.

Am Anfang hatte ich Probleme reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause habe ich es als Hörbuch gehört (gelesen von Ulrich Noethen!!), abends auf dem Sofa dann im gedruckten Buch weitergelesen. Und am Ende war ich genauso begeistert, wie damals im Jahr 2011 von Ruges buchpreisgekröntem Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde. Andere OMS-Kollegen wurden nachts aus ihren Zimmern gezogen und waren fortan verschwunden. Charlotte und Wilhelm rechnen mit dem Schlimmsten, gehen jede Nacht angezogen und mit gepackten Koffern ins Bett. Horchen auf die Geräusche auf dem Flur, bangen, beten, wachen morgens erleichtert auf und schauen, wer von den Genossen nicht mehr zum Frühstück erscheint.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann, erlebt dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt mit niemand in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Wenn es einem Autor gelingt, mich als Leser so ins Setting zu ziehen, dass ich die geschilderten Stimmungen, Gefühle und Ängste, ja selbst die Kälte, den Regen und die Gerüche am eigenen Leib empfinde, hat er mehr als einen guten Job gemacht. Denn so leicht kriegt man mich normalerweise nicht. In den meisten Fällen bewahre ich mir eine gewisse kritische Distanz, bin gerne nur der Beobachter, einer der nur gucken will und nicht anfassen.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag : Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

Hörbuch: Argon Verlag
12:29 h, gelesen von Ulrich Noethen