Dörte Hansen – Mittagsstunde

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Auch ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Etwas größer als Dörte Hansens Brinkebüll, aber auch norddeutsch, mit einer Dorfschule, zwei Bäckern, einem Postamt und zwei Lebensmittelläden. Und während der Lektüre von ‚Mittagsstunde‘ war ich in Gedanken die ganze Zeit wieder genau dort, bin mit dem Fahrrad durch die  Straßen meines niedersächsischen Heimatdorfes gefahren, habe all die Leute wieder vor mir gesehen, den Sportlehrer, der uns Jungs immer an den Ohren gezogen hat, die Bäuerin, bei der ich mit der Blechkanne die Milch geholt habe, die alten Kumpels mit den Bonanza-Rädern. Es hat ein bisschen weh getan – so ein Kloß in der Brust, gespeist von Wehmut und einem ganz warmen Gefühl, das ich nicht näher bestimmen kann, sich aber gut anfühlte.

Und jetzt mal ehrlich – ist dies nicht genau das, was wir alle erwarten, wenn wir ein Buch aufschlagen? Dass das Gelesene Assoziationen weckt, tief in uns drin etwas anstößt. Dass sich im Kopf des Lesers neue Ebenen auftun, dass sich weitere Handlungsstränge entspinnen, dass Romanhandlung und persönliche Erinnerungen sich gegenseitig befeuern, einen in die Zange nehmen, bis man am Ende nicht mehr unterscheiden kann, zwischen dem wahren Leben und Literatur.

Ok, vielleicht sollte ich nicht immer von mir auf andere schließen. Ich weiß natürlich, dass das tatsächlich nicht alle wollen. Zum Beispiel Menschen mit einem komplett anderen Literaturverständnis, die keine Identifikation mit Romanfiguren wollen oder brauchen, keine zweite oder dritte Ebene, keine individuell angereicherte Durchmischung. Stattdessen die reine Literatur – objektiv betrachtet, unabhängig von der Vita des Lesers, einzig am geschriebenen Wort gemessen und bewertet. Wer so etwas von mir erwartet, ist hier sowieso komplett falsch. Objektiv kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht. Mein lesendes Ich schwebt über allem. Literatur muss sich an mir reiben, darf mich nicht kalt lassen. Und Dörte Hansens Mittagsstunde hat genau das getan. Sich gerieben und mich nicht kalt gelassen.

Dabei dachte ich zunächst: was für eine lahme, unzeitgemäße Hinterwäldler-Story. Aber weit gefehlt. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass Dörte Hansen hier eigentlich das derzeit am meisten diskutierte Thema überhaupt abhandelt: Heimat. Aktuell geht es in jeder zweiten gesellschaftspolitischen Debatte früher oder später immer wieder nur um eins: Heimat. Um Fragen der nationalen und regionalen Identität, um Zugehörigkeitsempfinden, kulturelles Erbe, Integration und Ausgrenzung – Heimat. Ein Mega-Thema auch in der aktuellen Gegenwartsliteratur. Flucht, Vertreibung, Familie, Herkunft, Vater, Mutter, Kind – Heimat. Und auch die klassischen Fragen: Wo gehöre ich hin, was macht mich aus, was hat mich geprägt?Alles immer wieder nur dieses eine Mega-Thema: Heimat.

Heimat ist Umgebung, ist Landschaft, ist der scharfe Wind, der über die flurbereinigten Felder zieht. Heimat ist aber auch das tuckernde Mofa von Hanni Thomsen, das Geräusch der klappernden Holzlatschen von Marret Ünnegang oder die schallende Ohrfeige vom Dorflehrer Steensen. Heimat ist so viel und immer wieder anders. Und so wenig literaturkritisch das jetzt auch wieder klingen mag – ich habe mich einfach daheim gefühlt in Brinkebüll. Ich habe dieses nordfriesische Geestdorf, das die Autorin in ihrem Roman über einen Zeitraum von knapp 60 Jahren beschreibt, beinahe bildlich vor mir gesehen und ein paar sehr angenehme Lesetage dort verbracht.

Gestern bin ich zufällig auf eine Kritik zu diesem Buch gestoßen. Birgit Bollinger vom Literaturblog Sätze & Schätze moniert in ihrer Besprechung die vielen Klischees, aus denen sich das Bild vom Brinkebüller Dorfleben zusammensetzt. Ich kann nachvollziehen, was sie meint. Diese knorrigen Stereotypen scheint es in jedem Dorf zu geben. Auch in meinem Heimatdorf gab es eine tüdelige Marret, einen Hanni mit seinem Mofa, einen Ingwer Feddersen, der den Absprung in ein anderes Leben geschafft hat. In jedem Dorf gibt es Menschen, wie die aus Brinkebüll. Aber das macht diesen Roman noch lange nicht klischeehaft. Dann wären Juli Zehs „Unterleuten“ und Jan Brandts „Gegen die Welt“ – zwei Heimatromane an die ich bei der Lektüre von „Mittagsstunde“ oft denken musste – das auch. Nein, Stereotype sind nicht immer auch Klischees, genauso wenig wie Muster Wiederholungen sein müssen. Gute Autoren – und Dörte Hansen gehört zweifellos dazu – können hier differenzieren.

Und so schließe ich mit einer nicht ganz uneingeschränkten Leseempfehlung für einen leisen Heimatroman, der kein Pageturner ist, einige Längen hat, mich aber sowohl sprachlich als auch atmosphärisch sehr überzeugt hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardcover
320 Seiten, 22,00 €

Charles Dickens – Große Erwartungen (Hörbuch)

Als ich den Sprecher, dessen Name mir zunächst gar nichts sagte, die ersten zwei Sätze vorlesen hörte, war es um mich geschehen. Das gibt es doch gar nicht. Das ist Hans Paetsch? Natürlich kenne ich den. Mit dieser Stimme bin ich groß geworden! Der Struwwelpeter, Hänsel & Gretel und Rumpelstilzchen – der sonore Klang dieses großen deutschen Märchenonkels war auf nahezu all meinen Lieblings-Hörspielplatten zu hören. Ich habe sie rauf und runter gespielt, kenne jeden Satz noch immer auswendig und verbinde damit so viel Schönes. Ich sehe mich im Wohnzimmer meiner Großeltern sitzen, sehe den Plattenspieler, der mit den Röhrenradio verbunden war, höre meine Oma den Abwasch machen, meinen Opa mit der Bild-Zeitung rascheln.

Und jetzt nach all den Jahren begegne ich dieser so vertrauten und geliebten Stimme also wieder und weiß gar nicht, ob ich das so gut finde. Denn ich kann das gar nicht trennen von all den Erinnerungen. Für mich ist und bleibt das mein Märchenonkel. Und tatsächlich brauchte ich eine Weile, bis ich meine Kindheitserinnerungen wieder wegpacken und mich auf Hans Paetsch als Sprecher von Charles Dickens großem Entwicklungsroman einlassen konnte. Er macht das gut, keine Frage, wenn auch etwas überakzentuiert, was in heutigen Ohren ein wenig oldschool klingt. Aber die Aufnahme ist ja auch von 1989 und Hans Paetsch schon seit nunmehr 17 Jahren tot.

In „Große Erwartungen“ erzählt Dickens die Geschichte von Pip, einem Waisenjungen, der bei seiner älteren Schwester und ihrem Mann, einem Schmied aufwächst. Von einem unbekannten Wohltäter wird ihm vollkommen unerwartet ein hohes Vermögen vermacht, verknüpft mit der Bedingung, sich in London zum Gentleman ausbilden zu lassen. Pip ergreift die Chance, müht sich redlich, ein feiner Herr zu werden, bleibt aber innerlich zerrissen. Hier seine einfache Herkunft, dort die großen Erwartungen.

Als Leser leidet man richtig mit, fühlt die Zerrissenheit des Helden am eigenen Leibe. Aber noch beeindruckender als dieses Gefühl sind die tragenden Figuren dieses Romans, die einem nach über 21 Stunden Hörgenuss nahezu bildlich und gestochen scharf vor dem inneren Auge erscheinen. Von Hans Paetsch so eindrucksvoll zu Gehör gebracht, dass man glaubt, sie nie wieder vergessen zu können. Wie zum Beispiel die alte Miss Havisham, Pips vermeintliche Wohltäterin, die nach einer enttäuschten Liebe den Rest ihres Lebens im Dunkeln verbringt. Oder die eiskalte Schönheit Estrella, die seine Liebe aufgrund ihrer Kaltherzigkeit nicht erwidern kann. Und nicht zuletzt sein liebevoller Ziehvater Joe Gargerey, der Schmied, den Pip trotz aller Liebe als nicht mehr standesgemäß empfindet und zurückweist.

Es ist ein wunderbarer Roman, der nicht umsonst zu den großen Klassikern der Weltliteratur zählt. Man lauscht der Märchenonkel-Stimme und taucht regelrecht ein ins England des 19. Jahrhunderts, hört die Kutschen durch die Straßen fahren, riecht den Dreck in der Gosse. Perfekt aufgebaut, erzählerisch grandios, nicht eine Minute langweilig und im Vergleich zu den oftmals enttäuschenden neuzeitlichen Gesellschaftsromanen einfach um Längen besser.

Also: Lest und hört wieder mehr Dickens. Es lohnt sich.

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Foto: Gabriele Luger

Deutscher Audio-Verlag / NDR 1989
2 Bände: 21 Stunden
Gesprochen von Hans Paetsch

 

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Sehenswert: Ein NDR-Bericht über Deutschland großen Märchenonkel Hans Paetsch aus dem Jahre 1998.

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Auch sehenswert: Der Trailer zur Neuverfilmung des Dickens-Klassikers aus dem Jahr 2012 mit Jeremy Irvine in der Hauptrolle.

Leserbrief #14

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Lieber Takis,

keine Sorge, das hier wird keine Anklage. Ich habe nicht die Absicht, dir irgendetwas vorzuwerfen. Weder Oberflächlichkeit, fehlende Sensibilität, Holocaust-Kitsch oder sonst noch was. Ich muss zugeben, ich habe die einschlägigen Artikel zu Stella nur überflogen. Was wurde denn sonst noch so gesagt? Wie ich gesehen habe, hast du für Feedback ja sogar deine Mail-Adresse im Buch angegeben. Ich kann mir vorstellen, darüber kam noch jede Menge krudes Zeug. Dinge, über die du lieber nicht reden möchtest. Kann ich verstehen. Musst du auch nicht. 

Um eines möchte ich dich aber bitten. Nimm dir das alles nicht so zu Herzen. Menschen sind nunmal so. Sie sagen Sachen, die sie später oftmals bereuen. Selbst Intellektuelle und alle, die so tun als ob, sind da keine Ausnahme. Auch sie lassen sich beeinflussen und mitreißen. Es braucht nur ein, zwei Leute, die den Anfang machen. Die draufhauen, mit ein paar präzisen Schlägen, die sitzen und Wirkung zeigen. Und dann wird geschaut was passiert. Wie reagiert das Opfer? Wie reagieren die anderen? Kommt Applaus oder Widerstand? Ein schmaler Grat, nur ein paar Sekunden, in denen sich entscheidet, wie es weitergeht.

Ja, du hast richtig gelesen. Ich habe Opfer gesagt. Ein blöder Begriff, ich weiß. Keiner will das sein, aber in der Rolle befindest du dich nunmal. Denn es passiert gerade etwas mit dir, oder besser gesagt: Es wird etwas mit dir gemacht, was du aktiv kaum noch beeinflussen kannst. Alles was dir bleibt, ist, es geschehen zu lassen, kopfschüttelnd und mit offenem Mund zuzuschauen, wie es sich entwickelt und in rasendem Tempo immer krasser wird. Du hast gemerkt, jetzt trauen sich auch die Mitläufer aus der Deckung; der Ton wird schärfer, die Anschuldigungen härter, verletzender. Hier und da ergreift mal einer Partei für dich, stellt sich gegen den Strom. Aber dann stellst du fest, dass er gar nicht auf deiner Seite ist, sondern nur die Aufmerksamkeit ausnutzt, um sich selbst in Szene zu setzen, Anschuldigungen entkräftet, um neue, eigene Vorwürfe in die Debatte einzubringen.

Für den Abverkauf des Titels ist so eine Skandal-Debatte natürlich optimal. Ich nehme an, Stella ist bereits Top-Seller in den Läden. Aber das wird dich nicht sonderlich trösten. Hast das Buch ja sicherlich nicht geschrieben, um damit Geld zu verdienen. Hauptsächlich geht es beim Schreiben ja um andere Dinge. Was genau dein Antrieb ist, weiß ich nicht. Vielleicht ja, ein berühmter Bestseller-Autor zu sein, dessen Stimme Gewicht hat, der geehrt und geachtet wird. Und nun? Jetzt kennt man dich als den Autor, der seicht, oberflächlich und seinem Thema intellektuell nicht gewachsen ist und infolgedessen ein laut Expertenmeinung schlechtes Buch geschrieben hat.

Aber hast du das wirklich? Ich habe Stella gelesen und bin nicht der Meinung, dass das Buch  schlecht ist. Ich würde vielmehr sagen, es ist zeitgemäß. Vergessen wir mal das Feuilleton und seine Online-Ableger mit all den akademischen Ansprüchen. Mir und den meisten Lesern ist es vollkommen egal, ob deine Protagonistin in allen Punkten der historischen Figur entspricht. Geschenkt auch, dass es irgendwo im ‚Antiquariat der Ladenhüter‘ einen längst vergessenen Roman gibt, der das Leben und Wirken der Stella Goldschlag wesentlich umfassender und facettenreicher dargestellt. Was mich interessiert ist, ob ich dir die Figur abkaufe, mir das Denken und Tun der Protagonisten plausibel erscheint, ich die Tragik dahinter erkenne und anfange, darüber nachzudenken, was jemanden zu solchen Taten veranlasst. Und ganz wichtig auch die Fragen: ob so eine Figur liebenswert dargestellt werden darf, wie man selbst reagiert hätte, damals und wie man wohl heute reagieren würde.

Das alles hast du geschafft. Auf das Wesentliche reduziert, auch sprachlich. Und trotzdem kommt alles rüber. Das Setting ist stimmig, man kann sich ohne Probleme hineinversetzen, kann mitfühlen, wird gut unterhalten. Was will man mehr? Ich verstehe den ganzen Aufstand nicht. Wer sagt eigentlich, dass Romane, die sich mit der Judenverfolgung im Dritten Reich befassen, immer schwer, epochal und ausufernd sein müssen? Solange nichts verharmlost oder in falschem Licht dargestellt wird, liegt es im freien künstlerischen Ermessen eines Autors, Dinge zusammenzufassen, Abläufe zu straffen und Nebensächliches entweder wegzulassen oder hervorzuheben. So funktioniert Literatur nunmal.

Und das ist auch damit gemeint, wenn ich sage, dein Roman ist zeitgemäß. In einer Zeit, in der sich immer weniger Menschen für Literatur und die Geschichten dahinter interessieren, ist es wichtig, zu unterhalten, die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne der noch verbliebenen Leserschaft möglichst effektiv zu nutzen und so viel Information, Stimmung und Gefühl rüberzubringen, wie es nur geht. Das hast du meiner Meinung nach perfekt gemacht. Stella ist jetzt nicht mein absolutes Lesehighlight gewesen, kein literarisches Meisterwerk, aber vollkommen ok, sprachlich gelungen, anregend und unterhaltend. Und solch einen Rant hat es echt nicht verdient. 

Also gräm dich nicht weiter und lass dir von jemandem sagen, der weiß wovon er spricht, wenn er sagt: ist der Ruf erst ruiniert, schreibt es sich völlig ungeniert.

Herzlich grüßt das Buchrevier.

Juli Zeh – Neujahr

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Nein, das ist wahrlich kein Traumberuf, Schriftsteller zu sein. Gerade jetzt, wo es eh bergab geht und weder Ehre, Ruhm noch viel Geld zu erwarten sind. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland ein grundsätzliches Problem mit unseren Leistungsträgern haben. Erfolg – ganz gleich ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur errungen – ist zunächst erstmal verdächtig. Wer es im Buchmarkt tatsächlich bis ganz nach oben geschafft hat, darf weder Anerkennung, Respekt noch Stolz erwarten, dafür aber jede Menge kritisches Hinterfragen und den geweckten Ehrgeiz all derer, die Spaß an der Demontage haben.

Und was bringt einem unbedeutenden Rezensenten mehr Aufmerksamkeit, als einer unserer besten und zugleich erfolgreichsten literarischen Autorinnen ans Bein zu pinkeln. Sich gegen den Mainstream und Tausende von Fans zu stellen und vollmundig zu behaupten, dass das letzte Buch jetzt wahrlich kein Meisterwerk war. Und wer jetzt denkt, das muss der Herr Buchrevier grad sagen, hat natürlich recht. Ich bin ja selbst einer, der an solch despektierlichem Tun seine Freude hat. Doch bei Juli Zeh würde ich das niemals machen. Denn es wäre nicht nur grundsätzlich nicht richtig, sondern auch ganz konkret falsch.

Doch warum schreibe ich das überhaupt? Weil ich bei Facebook und Instagram ein Foto vom besagten Buch mit dem mittlerweile berühmten Backcover-Blurb von Volker Weidermann gepostet habe, wo er behauptet, Juli Zeh sei genau die Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen. Ein Zitat, das zwangsläufig die kritischen Mainstream-Hinterfrager, Großverlags-Verweigerer und notorischen Denkmalstürzer auf den Plan ruft. Und da man auf dem Backcover eines Buches nichts kommentieren kann, tut man es eben im Netz. Soweit so normal. Dafür gibt es ja die sozialen Medien, und ich würde es auch nicht erwähnenswert finden, wenn die kritisch-spöttischen Kommentare mich nicht all das denken ließen, was ich gerade versucht habe, in Worte zu fassen.

Ich bin kein Fan von Volker Weidermann, aber bei dem, was er über Juli Zeh sagt, hat er vollkommen recht. Auch in meinen Augen ist sie eine nahezu perfekte Schriftstellerin und völlig zurecht so erfolgreich. Unter einem der Facebook-Kommentare habe ich erläutert, warum ich das so sehe. „Weil Juli Zeh das Handwerk eines Romanciers beherrscht wie keine Zweite, weil sie es immer wieder schafft, ihre Leser mit neuen Themen zu überraschen, weil sie Anspruch und Unterhaltung aufs Feinste kombiniert. Weil ihre Charaktere immer authentisch sind und mich ihre Bücher bisher niemals kalt gelassen haben. ‚Unterleuten‘ ist herausragend gewesen, ‚Leere Herzen‘ war thematisch verblüffend und in ‚Neujahr‘ hat sie wieder mal gezeigt, wie gut sie sich in ihre Figuren hineinfühlen kann.“

Man kann gut und gerne darüber streiten, ob Neujahr jetzt einer ihrer besseren oder schlechteren Romane ist und auch nur annähernd an ihren Besteller Unterleuten heranreicht. Meinetwegen. Fakt ist aber, dass auch ein schlechter Roman von Juli Zeh immer noch besser ist, als 80 Prozent von dem, was der Literaturbetrieb sonst so auf den Markt wirft.

Und natürlich weiß ich, dass diese Aussage genau so viel Widerspruch erzeugen wird, wie der Blurb von Volker Weidermann. Aber so ist das nunmal, wenn man Fan ist. Dann stellt man sich schützend vor seinen Star, nimmt Spott und Häme gerne auf sich, auch wenn man die Kritik in Ansätzen verstehen kann. Aber darum geht es nicht. Natürlich ist Neujahr nicht mit Unterleuten vergleichbar. Unterleuten ist ein epochales Werk mit einem starken Setting, beeindruckenden Charakteren und dem für mein Empfinden genau richtigen Quäntchen Gesellschaftskritik. Neujahr ist dagegen alles andere als ein Epos, sondern vielmehr eine Art Kammerspiel mit dem engen Fokus auf den Nukleus Kleinfamilie, aus dem alles erwächst, was uns Menschen prägt.

Gerade überlege ich, ob es jetzt nicht an der Zeit wäre, mal auf das Buch einzugehen. Wer bis hierhin durchgehalten hat, sollte zumindest ansatzweise erfahren, worum es in diesem Roman überhaupt geht. Vielleicht so viel, dass es darin um Henning geht, der mit seiner Familie nach Lanzarote in den Urlaub fliegt. Dass dieser Henning mit seiner Vaterrolle hadert, dass er seinen Ansprüchen und denen seines Umfeldes in Bezug auf Familie und Beruf nicht gerecht zu werden scheint. Dass ihn Angstzustände plagen und er bei einer Neujahrs-Fahrradtour in den Bergen Lanzarotes plötzlich erkennt, dass diese Angstzustände ihren Ursprung in seiner Kindheit haben. Und zwar genau genommen in einem Urlaub auf Lanzarote mit seinen Eltern vor ca. dreißig Jahren.

Viel mehr muss man im Vorfeld gar nicht wissen, außer dass dieser Roman nicht wie Unterleuten über 600 Seiten, sondern gerade mal 190 hat, die Charaktere aber genauso intensiv und vielschichtig verwoben sind, die Geschichte wieder ultraspannend ist und auf hohem Niveau unterhält und man diesen Roman in einem Rutsch innerhalb weniger Stunden durchgelesen hat. Dass man ihn am Ende emotional aufgewühlt und mit einem Kloß im Hals zurück ins Regal stellt und sich ab sofort bereits auf den nächsten Roman dieser grandiosen Autorin freut.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Luchterhand
191 Seiten, 20,00 €

Fünf Gründe, den neuen Houellebecq zu lesen — fünf Gründe dagegen

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Du musst ihn lesen:

1. Aus Respekt vor dem Hype.

Früher gab es das häufiger — eine riesige mediale Welle, wenn einer der ganz Großen einen neuen Roman herausgebracht hat. Ein neuer Irving, ein neuer Walser oder Hornby. Das war schon was. Alle sprachen darüber. Im Fernsehen, in den Zeitungen, am Arbeitsplatz. Das ist aber mehr als zehn Jahre her. Heute gelingt das nur noch einem einzigen Schriftsteller. Fragt euch mal, warum.

2. Weil er sich treu bleibt.

Ein häufig gelesener Kritikpunkt an Serotonin ist, dass es mal wieder ein typischer Houellebecq ist. Altbekannte Grundstimmung, ewig gleiches Gejammer. Wie langweilig, wie einfallslos. Kennst du einen, kennst du alle. Warum erfindet er sich nicht einfach mal neu? So wie Madonna es seit Jahren macht: aktuell mit Kim-Kardashian-Implantat. Oder Juli Zeh — mit immer wieder neuen Romanideen, die dann alle enttäuschen (außer mich). Nein, das macht er nicht. Houellebecq bleibt sich treu. Ich lese seine Bücher, weil ich sie gut finde. Und zwar genau so wie sie sind. Die Grundstimmung, das Gejammer. Nicht einfallslos und niemals langweilig.

3. Weil ihm alles egal ist.

Im literaturaffinen Netz und in den Buchläden herrscht ein gesellschaftspolitischer Konformismus. Houellebecqs Helden scheren sich dagegen einen Scheißdreck darum. Sie sind sexististisch, rassistisch und rechtskonservativ. Und das weder unabsichtlich noch verschämt, sondern grad so, wie es ihnen in den Sinn kommt und ohne Reue. Und der vornehmlich linksalternative Literaturbetrieb hat absolut kein Problem damit. Kein Aufschrei, keine Distanzierung, keine Ignoranz oder Verunglimpfung, sondern lebhafte Auseinandersetzung, ernsthafter Austausch und Diskussion. Das schafft nur Houellebecq.

4. Weil die Grenzen verschwimmen.

Es gilt als im höchsten Maße unprofessionell, einen Autor mit den fiktiven Charakteren seiner Romane gleichzusetzen. Doch bei Houellebecq machen das alle. Er entspricht auf so ideale Weise dem Bild, was man sich beim Lesen seiner Romane von den Protagonisten macht, dass es schier unmöglich scheint zu denken, dass der Autor in irgendeinem Punkt anderer Ansicht ist, als seine kettenrauchenden Helden. Das ist natürlich Kalkül und sorgt für eine angenehme Verwirrung beim Leser. Aus kopfschüttelndem Unverständnis sowie Ekel und Ablehnung beim Lesen entsteht so etwas wie Mitleid, Sorge und Sympathie für den Autor. Total strange.

5. Weil Serotonin ein richtig guter Roman ist.

Der Hype kommt nicht von ungefähr. Houellebecq ist und bleibt einer der weltweit besten Gegenwartsautoren. Er beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Idee, Plot-Aufbau, Charaktere, Umsetzung – alles ist immer stimmig und tadellos. Ich habe noch keinen Roman von ihm gelesen, der mich diesbezüglich enttäuscht hat. Und Serotonin ist einer seiner besten. Ein echtes Meisterwerk, ein Pageturner, ein Liebesroman der etwas anderen Art. Für mich schon jetzt der beste Roman des Jahres.

 

Du solltest ihn nicht lesen,

1. … wenn dich die obigen 5 Punkte nicht überzeugt haben.

2. … wenn du militanter Nichtraucher bist.

3. … wenn du Spaß daran hast, öffentlich zu bekunden, dass du nicht jeden Hype mitmachst.

4. …wenn du meinst, die spinnen sowieso alle, die Franzosen

5. … wenn du die 24 Euro für das Buch sparen willst, um dir stattdessen den neuen Roman von Takis Würger zu kaufen.

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Foto: Gabriele Luger

Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

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Ich dachte schon, es wäre vorbei mit dem Lesen. Dachte ich hätte es übertrieben, mir zu viel zugemutet, hätte das richtige Maß und dabei auch den Spaß an der Sache verloren. Vielleicht war ich aber auch irgendwie reizüberflutet. Im letzten Jahr gab es viele Störfeuer, berufliche Herausforderungen, kleinere und größere Probleme, die ich lösen musste. Es hat oftmals die Konzentration gefehlt und damit verbunden auch die Geduld, um mich auf fremde Geschichten, sprich: auf Literatur richtig einzulassen. Mein Lesejahr 2018 war daher eher mau. Ein paar halbwegs gute Bücher habe ich gelesen, richtig begeistert haben mich aber nur einige wenige und das meist auch nur in der Hörbuchversion. Doch auf den buchstäblich letzten Metern des Jahres hat mich dann doch ein Roman so richtig in den Bann gezogen. Mit „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ von Michel Faber habe ich tatsächlich noch mein Lieblingsbuch des Jahres 2018 gefunden.

Michel Faber war mir bisher vollkommen unbekannt. Ich habe ihn eher zufällig im Verlagsprogramm von Kein & Aber entdeckt. Der 1960 in den Niederlanden geborene, englischsprachige Autor ist ein Wanderer zwischen den Welten mit einer bewegten Vita. Im Alter von sieben Jahren emigrierte er zusammen mit seinen Eltern nach Australien. Er studierte in Melbourne Anglistik und wanderte Anfang der Achtziger nach England aus, scheiterte dort, wurde obdachlos und ging wieder zurück nach Australien. Weil ihm die klimatischen Bedingungen in Australien aber gesundheitlich zusetzten, versuchte er einige Jahre später mit seiner zweiten Frau noch einmal sein Glück – und diesmal klappte das Auswandern. Er lebt heute als Autor von mittlerweile neun Romanen, darunter einigen Weltbestsellern, in Schottland.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist 2014 im Original und letztes Jahr dann in der deutschen Übersetzung von Malte Krutzsch erschienen. Im Feuilleton und den Blogs ist es hier und da gut besprochen worden, aber nicht so häufig, dass es mir aufgefallen wäre. Also auf alle Fälle kein „Must Read“ – nichts, dass man gelesen haben muss, um mitzureden (wenn es so etwas außerhalb des Literaturbetriebes überhaupt noch gibt). Aber im Klappentext steht, dass die Zeitschrift ‚New Yorker‘ das Werk als eines der besten Bücher des Jahres bezeichnete und es in zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Und nachdem ich den knapp 680 Seiten dicken Roman nun wie in einem Rausch innerhalb von drei Tagen ausgelesen haben – kann ich nur sagen: der ‚New Yorker‘ hat recht. Es ist tatsächlich das beste Buch des Jahres und eigentlich doch ein absolutes „Must Read“.

Und ich will auch sagen warum. Weil es mich trotz unerfreulicher Ablenkungen, die mich auch zwischen den Jahren gedanklich nicht zur Ruhe kommen ließen, eingesogen, aus dem Alltag gerissen und in eine fremde Welt hat eintauchen lassen. Weil es mich niveauvoll und sprachlich jederzeit stimmig gefesselt, berührt und bewegt hat. Und weil dieser Zustand eigentlich genau das ist, was ich – und wahrscheinlich viele andere auch – von guter Literatur erwarten, wonach ich mich sehne, worauf ich bei jedem Buch insgeheim hoffe und was sich dieses Jahr beim Lesen leider so gut wie gar nicht einstellen wollte.

Das Buch ist nicht perfekt aber vielleicht gerade deswegen so gut. Immer wieder stößt man auf Dinge, die nicht so ganz zu passen scheinen bei diesem komischen Konstrukt eines gesellschaftskritischen Science-Fiction/Liebesromans. Ja, ich frage mich: ist das überhaupt Science Fiction? Denn mit Science, also in diesem Fall Weltraumwissenschaft, hat das hier augenscheinlich wenig zu tun. Die Handlung spielt zwar auf dem fernen Planeten Oasis, zu dem man per Raumshuttle ca. 30 Tage und Nächte unterwegs ist, aber mein rudimentäres, intergalaktisches Wissen reicht aus, um zumindest leise Zweifel an dieser Form der Fiktion anzumelden. Denn es gibt auf Oasis weder Schwerelosigkeit, noch Sauerstoffmangel und auch sonst kaum nennenswerte Unterschiede zu irdisch-öden Landstrichen wie in Jordanien oder der Sahara. Man fährt da oben (oder unten?) ganz normale Autos mit Navigationssystem, es gibt Strom und sogar sowas wie WLAN. Die Sonne scheint, ab und zu regnet es, es gibt Lebewesen, die wie Menschen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf haben, Landwirtschaft betreiben, und neben ihrer eigenen Sprache auch Englisch sprechen, aber Probleme mit der Aussprache von S- und T-Lauten haben. Aber warum eigentlich nicht? Soll erstmal einer beweisen, dass es das alles nicht gibt, da oben, viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Ist halt etwas weniger Science, dafür aber mehr Fiction.

Und gleichfalls kann man sich fragen, ob das überhaupt ein Liebesroman ist, wenn das Liebespaar auf unterschiedlichen Planeten lebt? Der Protgaonist Peter als christlicher Missionar auf Oasis und seine Frau Bea mit dem Kater Joshua in England. Auf dem Backcover steht: „Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überwinden“. Und es ist tatsächlich ziemlich bewegend, wie Faber diese räumliche Trennung begleitet. Wie die beiden Liebenden in unzähligen Mails versuchen, die große Distanz zu überwinden, die Gefühle am Leben zu halten, wie aber das Leben in unterschiedliche Welten – und hier ist das mal nicht metaphorisch gemeint – ihnen nach und nach die Basis entzieht.

Ich habe als Leser mitgelitten, sowohl mit Bea als auch mit Peter, und hätte gerne geholfen. Aber was will man tun, wenn der eine versucht auf einem fernen Planeten eine Kirche zu errichten, während das Leben auf der Erde immer mehr im Chaos versinkt und die Daheimgebliebene droht darin zu versinken? Wenn Kommunikation immer schwieriger wird, weil das Verbindende fehlt, die simpelsten Bezugspunkte, wie die Luft, die man atmet und der Himmel unter dem man lebt.

Was soll ich jetzt noch sagen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten? Lest einfach selber. Es ist ein wahrlich großes Lesevergnügen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kein & Aber

Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch

678 Seiten, 25 Euro

Achtung: Das ändert sich für Blogger in 2019

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Bei all den innerpolitischen Wirren, mit denen die Groko im letzten Jahr für Aufsehen gesorgt hat, ist ein Thema in der Nachrichtenflut scheinbar untergegangen. Im November letzten Jahres wurde aufgrund eines Eilantrages von CDU/CSU und Grünen eine deutliche Verschärfung der Influencer-Gesetze beschlossen, die bereits seit dem ersten Januar 2019 gelten. Bei Verstößen drohen auch Buchbloggern saftige Strafen. Hier die wichtigsten Änderungen.

Namensnennung in Posts und Blogbeiträgen
Die strengen Auflagen der DSGVO zum Schutz persönlicher Daten ist jetzt auch auf literarische Erzeugnisse ausgeweitet worden. Konkret bedeutet dies, dass der Name eines Autors oder einer Autorin in Blogbeiträgen nicht mehr ohne vorherige Genehmigung des Betreffenden genannt werden darf. Liegt eine schriftliche Einwilligung des Künstlers nicht vor, darf nur der Romantitel mit den Namensplatzhaltern Erika Schreiber für weibliche und Horst Texter für männliche Autoren genannt werden. Gleiches soll ab 2020 auch für die namentliche Erwähnung von Romanfiguren in Blogbeiträgen gelten.

Neue Rezensionsbestimmungen
Ab diesem Jahr gelten auch strengere Rezensionsregeln. Die von der Stiftung zur Erhaltung der Literaturkritik ausgearbeiteten Auflagen sehen vor, dass Texte, die sich mit Literaturerzeugnissen auseinandersetzen, nur noch Rezension genannt werden dürfen, wenn sie keine klar erkennbare Leseempfehlung aussprechen und ausschließlich der intellektuellen Selbstbeweihräucherung des Rezensenten dienen. Texte mit Formulierungen wie „lest dieses Buch“ oder „mein Lesehighlight des Jahres“ dürfen in Zukunft nur noch als „Rezensionsersatz-Text“ oder „Billo-Büchertipp“ bezeichnet werden.

Kennzeichnung von Werbung
Bereits im letzten Jahr galt, dass Posts und Blogbeiträge als Anzeige gekennzeichnet werden müssen, wenn Namen oder Orte genannt werden. Diese Regelung gilt ab sofort auch für nicht digitale Formen der Einflussnahme. Blogger, Bookstagrammer und Booktuber müssen daher in Zukunft auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt gelbe Warnwesten mit der Aufschrift „bibliophiler Werbetreibender“ tragen. Die Warnwesten berechtigen den Träger zum Empfang von Leseexemplaren und die Benutzung des ÖPNV an allen Messetagen. Das Tragen der Warnwesten ist auch bei Besuchen im Buchhandel am sogenannten Indiebookday vorgeschrieben. Bei einer Nichtbeachtung droht Hausverbot.

Bezeichnungen
Die neue Gesetzgebung bringt zum Jahresbeginn auch Klarheit in die oftmals verwirrenden und nicht trennscharfen Begrifflichkeiten und Formen der digitalen Literaturvermittlung. „Blogger“ darf sich in Zukunft nur noch nennen, wer auch einen Blog betreibt. Influencer darf sich ein Blogger erst nennen, wenn er auch ein Instagram-Profil hat. Instagrammer ohne Blog gelten wiederrum erst ab 5.000 Followern als Influencer. Twitter und Facebook-Profile werden in der neuen Gesetzgebung nicht mehr berücksichtigt.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass sich der zuletzt unkontrolliert ausbreitende Markt unqualifizierter Online-Bewertungen durch die neue Gesetzgebung von alleine regulieren wird. Bis Verstöße gegen die neuen Bestimmungen tatsächlich geahndet werden, gilt eine Übergangsfrist von sechs Monaten. Spätestens zur Frankfurter Buchmesse im Herbst dürfte dann aber mit einem geballten Auftritt von bibliophilen Gelbwesten zu rechnen sein.  

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Foto: Gabriele Luger