Nino Haratischwili – Die Katze und der General

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Vier Jahre haben die Fans auf den Brilka-Nachfolger gewartet. Nun ist er endlich da, 760 Seiten dick und noch vor der Veröffentlichung für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Timing war perfekt. Die diesjährige Buchmesse mit dem Gastland Georgien war für Nino Haratischwili sozusagen ein Heimspiel. Kein Lesebühnensofa, auf dem die in Georgien geborene Ausnahmekünstlerin nicht gesessen hätte. Und über kein Buch wird derzeit mehr gesprochen, als über ihren neuen Roman „Die Katze und der General“.

Doch das, was so gesprochen wird, dürfte der Autorin und dem Verlag gar nicht gefallen. Und auch ich bin nicht sonderlich begeistert, um nicht zu sagen sehr enttäuscht von diesem Roman, auf den ich mich wie viele andere Nino-Fans auch sehr gefreut habe. Die Enttäuschung fing schon an, als ich im Sommer zum ersten Mal hörte, wie der Roman heißen sollte: „Die Katze und der General“. Ok, dachte ich, kann man machen, ist ja nur der Titel. Es gibt in der Literaturgeschichte viele erfolgreiche Beispiele, wo sowas gut funktioniert hat, wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Bei Büchern für eine junge Zielgruppe scheint es ein bewährtes Prinzip zu sein, die Geschichte einfach nach den beiden Hauptprotagonisten zu benennen. Aber für einen ernstzunehmenden Roman finde ich es irgendwie zu billig.

Man hätte den verunglückten Titel mit einer ansprechenden Covergestaltung auffangen können, aber das ist meiner Einschätzung nach nicht gerade die Stärke der Frankfurter Verlagsanstalt. Stattdessen wurde der bewährte Collage-Look von Brilka auf dieses Werk übertragen. Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wenn ich eines über Grafikdesign gelernt habe, dann, dass die Darstellung des allzu Offensichtlichen nicht unbedingt für eine hohe Kreativität des Entwurfs steht. Es zerschellen Hoffnungen wie ein Boot an Felsen, eine Romanfigur nennt sich Krähe, Rubiks Zauberwürfel kommt vor – und all das findet man dann auch bunt zusammengewürfelt auf dem Cover. Fehlen eigentlich nur noch eine stilisierte Katze und ein General.

Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten, und letztlich sind Titel und Cover zwar verkaufsentscheidend, aber auch Geschmackssache und sagen nichts über die eigentliche Qualität des Romans aus. Kommen wir also zum Inhalt.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Gleich zu Anfang des Romans lernen wir Nura kennen, die während des Tschetschenien-Krieges 1994/1995 Opfer eines Kriegsverbrechens wird. An der Vergewaltigung und Tötung von Nura sind vier russische Soldaten beteiligt, die eigentlich auf Fronturlaub sind. Mehr als zwanzig Jahre später ist einer der beteiligten Soldaten zum Oligarchen aufgestiegen. Durch einen familiären Schicksalsschlag geläutert, will der von allen nur General genannte Oligarch das Verbrechen sühnen und alle damals Beteiligten mit ihrer Schuld konfrontieren. Dafür engagiert er die Katze, eine Schauspielerin, die dem Opfer von damals zum Verwechseln ähnlich sieht. Es entwickelt sich, spitzt sich zu und kommt zu einem finalen Showdown, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Denn so sehr ich mich auch bemüht habe, ich habe den Roman nicht beendet, sondern nach ca. 300 Seiten endgültig abgebrochen.

Normalerweise gebe ich einem Buch ungefähr 50 bis 80 Seiten Zeit, mich als Leser aufzunehmen und in die Geschichte zu ziehen. Wenn ich bis dahin nicht drin bin, steige ich aus. Normalerweise. Aber da Nino Haratischwili eine meiner Lieblingsautorinnen ist, habe ich hier gleich mehrere Ausnahmen gemacht. Nach 100 Seiten legte ich das Buch zum ersten Mal frustriert für zwei Wochen zur Seite. Dann habe ich es mir noch mal vorgenommen und fühlte mich 100 Seiten später immer noch genauso fremd. So sehr ich mich auch bemühte, ich fand einfach keinen Zugang, bin zu keiner Zeit in die Geschichte reingekommen. Zu guter Letzt habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen, in der Hoffnung, darüber einen besseren Zugang zu finden. Doch auch das war vergeblich. Zwei, drei Stunden habe ich noch reingehört und es dann endgültig drangegeben.

Jetzt wird sich natürlich jeder fragen, was mich denn konkret gestört hat. Ich versuche es mal einzugrenzen. Der Plot ist nicht uninteressant und das Setting authentisch. Auch sprachlich habe ich bis auf ein paar reichlich dick aufgetragene Vergleiche nicht viel auszusetzen. Haratischwili schreibt halt opulent. Aber meiner Meinung nach sind Grundgerüst und Dramaturgie nicht stimmig. Zu viele ausufernd beschriebene Figuren, zu viele Schleifen führen dazu, dass der rote Faden der Geschichte immer wieder verloren geht. Folgendes Beispiel: Da sitzen fünf Leute um den Tisch einer Nebenfigur namens Tina, von der ich nach 200 Seiten immer noch nicht genau weiß, ob sie jetzt die Mutter oder die Schwester der Protagonistin ist. Kann ja sein, dass ich irgendwo nicht richtig aufgepasst habe. Aber statt, dass sich dies langsam aufklärt, wird mir auf den Folgeseiten zusätzlich noch die komplette Vita der fünf um den Tisch sitzenden Personen präsentiert, ausufernde Charaktersierungen, die auch Eltern und Großeltern mit einbeziehen. Vierzig Seiten später weiß ich immer noch nicht, wer genau jetzt Tina ist. Dafür kenne ich die komplette Lebensgeschichte der fünf neuen Nebenfiguren, die vom Tisch aufstehen und nie wieder gesehen werden. Vielleicht kommen sie 200 Seiten später ja nochmal ins Spiel, wenn man es denn bis dahin aushält. Und so mäandert die Geschichte Seite um Seite dahin, es kommt weder Spannung noch Wohlgefühl beim Lesen auf. Stattdessen Langeweile, Frustration und langsam sich steigender Groll über ein handwerklich so misslungenes Werk.

Es tut mir leid, das in dieser Deutlichkeit zu sagen. Wie ich im Netz gesehen habe, bin ich auch nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit diesem Buch hat. Die Nino-Fangemeinde, die Brilka noch uneingeschränkt gefeiert hat, ist sichtlich gespalten. Viele sind genauso enttäuscht wie ich, einige finden es ganz passabel, aber richtig begeistert ist – mit Ausnahme von ein paar Hardcore-Fans – keiner. Nicht ganz so rücksichtsvoll wie die eher freundlichen Blogger geht Denis Scheck mit diesem Roman ins Gericht. Komplett misslungen und eine Verschwendung von Lebenszeit, so sein harsches Urteil. Und so leid es mir tut, er hat recht. Wenn eine Autorin es nicht schafft, einen motivierten und um das Buch bemühten Leser in eine im Prinzip sehr spannende und erzählenswerte Geschichte zu ziehen, dann hat sie einfach ihren Job nicht gut gemacht.

Warum dieses Buch dann auch noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, erschließt sich mir wieder einmal nicht. Trotzdem ist und bleibt Nino Haratischwili eine sehr beachtenswerte Autorin, die mit dem Vorgängerroman „Das achte Leben (für Brilka)“ echte Weltliteratur geschrieben hat. Also: die Katze bitte auslassen und stattdessen Brilka lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
750 Seiten, 30,00 Euro

Hörbuch:
HörbuchHamburg HHV
Gelesen von: Peter Kaempfe, Torben Kessler, Luana Velis, Valery Tscheplanowa
Dauer: 23 h, 21 Min.

Michael Kumpfmüller – Tage mit Ora

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Ich kann mir schon vorstellen, was einige meiner jüngeren Bloggerkollegen zu Michael Kumpfmüllers neuem Werk sagen würden, wenn sie es denn jemals lesen sollten. Sowas ähnliches wie: alter weißer Mann schreibt ein Buch über einen alten weißen Mann, der mit einer deutlich jüngeren Frau auf Reisen geht, seinen zweiten Frühling erlebt und gedanklich sein Leben noch mal Revue passieren lässt. Solche Geschichten, höre ich sie sagen, kennen wir von anderen alten weißen Männern wie Bodo Kirchhoff oder noch älter: Martin Walser. Das ist so gewöhnlich, so ausgelutscht, so wenig zeitgemäß. Kein debattentaugliches Thema, kein politisches Statement, kein LGBTQ, ja noch nicht mal irgendwas mit Georgien. Wer soll sowas lesen? Wo ist die Botschaft? Wem kann man heutzutage noch so ein langweiliges Buch verkaufen?

Mir zum Beispiel. Mittelalten Männern, die vorzugsweise unaufgeregte, leise Geschichten präferieren. Mit Protagonisten, die einem ähneln, die weniger Leben vor als hinter sich haben, die zwar enttäuscht und frustriert sind, aber ihren Lebensmut trotzdem nicht verloren haben. Oldschool-Typen, die Frauen noch als entzückende Wesen bezeichnen, sich Hotelzimmer für 200 Dollar mieten und junge Musik hören, um nur so alt zu erscheinen, wie sie sich fühlen. Solch gesettelten Kunden kann man auch ein Buch mit weniger als 180 großzügig formatierten Seiten für stolze 19 Euro verkaufen. Menschen, für die das Lesen von Büchern eine Art Trost ist; Ablenkung von, und ein Sich-Arrangieren mit Dingen, die nun mal so passiert sind.

Auch wenn die Twentysomething-Generation das in ihrer juvenilen Hybris nicht glauben mag, die meisten von uns mittelalten Knackern sind ganz zufrieden mit sich, wollen gar nicht mehr jung sein, sondern denken vielmehr mit Schrecken an die Irrungen und Wirrungen ihrer jungen Jahre zurück; all die verpassten Chancen, unausgegorenen Ansichten und Peinlichkeiten. Kein verkrampftes „ich will, ich muss, ich brauche unbedingt“ mehr, stattdessen lieber: „ich weiß, hab ich schon gehabt und schaun mer mal, was noch kommt“.

Genauso unaufgeregt und entspannt, wenn auch mit Unterstützung entsprechender Psychopharmaka, kommt der mittelalte Protagonist dieses kleinen sympathischen Romans daher. Mitten in einer Lebenskrise lernt der namenlose Erzähler die zehn Jahre jüngere Ora kennen. Und anstatt in seinem Lebensüberdruss vom Balkon zu springen, stürzt sich der über 50-jährige in eine Beziehung mit der für ihn so entzückenden Person. Auch Ora hat bereits ein vielfältiges Beziehungsleben hinter sich, hat ihre Blessuren davongetragen und ebenfalls Trost in kleinen bunten Pillen gefunden. Sie nähern sich zaghaft an und beschließen irgendwann, zu verreisen. Denn – so beider gemeinsame Lebenserfahrung – bei keiner Gelegenheit lernt man sein Gegenüber besser kennen,als beim gemeinsamen Reisen. Und so geht es noch vor dem ersten Sex auf einen Roadtrip durch die USA, den Spuren eines Songs der Band Bright Eyes folgend. Auf dieser Reise kann der erzählende Protagonist dann seinen größten Trumpf ausspielen: absolute Entspanntheit, sich selbst zurücknehmen, alles mitmachen und immer gute Laune haben. Eigenschaften, die auf Reisen mehr zählen als jede Bikini-Figur, die man aber erst im Alter richtig zu schätzen weiß.

Es war mir eine wahre Freude, diese beiden turtelnden BestAger auf ihrem Urlaubstrip zu begleiten, die zaghafte Annäherung und das respektvolle, wertschätzende Miteinander zu verfolgen, bei der die sexuelle Komponente zwar nicht ausgeschlossen ist, aber nicht im Vordergrund steht. Denn beide haben diesbezüglich schon genug erlebt, es an den ungewöhnlichsten Orten getrieben, alles ausprobiert – im Auto, im Wald und im Maisfeld – und letztlich festgestellt, dass es in einem bequemen Bett und mit einem liebevollen Menschen immer noch am schönsten ist.

Und das ist es auch schon, was als Erkenntnis nach dem Lesen dieses mit außerordentlicher Leichtigkeit geschriebenen Buches übrig bleibt. Dass man sich im Leben zwar viel vornehmen und erreichen kann, es aber alles nur halb so viel wert ist, wenn man es nicht teilen kann. Entweder auf Facebook oder Instagram oder eben auf althergebrachte Art: mit dem richtigen Partner an seiner Seite.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
179 Seiten, 19,00 Euro

 

Heinz Helle – Die Überwindung der Schwerkraft

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Wenn ein Autor zu langen Sätzen greift, zu nicht enden wollenden Konstruktionen, wenn sich das, was er zu sagen hat, in endlosen Schleifen aneinanderreiht, er dem Leser keine Pause gönnt, ihn rastlos, atemlos und treibend vor sich her hetzt, durch ein Meer an Haupt- und Nebensätzen, Strudeln mit Einschüben, Erweiterungen, Satzreihen und Satzgefügen schwimmen lässt, dazu noch keine Kapitel, ja, noch nicht mal Absätze als Leserastplätze anbietet, wenn kein Etappenziel sichtbar ist, vor einem nichts als eine zweihundert Seiten lange Bleiwüste, die man in Erwartung einer kathartischen Erlösung entweder bis zum bitteren Ende durchschreiten oder aber als Verlierer, Gescheiterter vorzeitig verlassen kann; wenn jemand so etwas macht, dann kann man davon ausgehen, dass dieser Jemand einen gewissen literarischen Anspruch hat, die Nominierung für mindestens zwei oder drei Literaturpreise bereits fest einplant, dass er nicht den gestressten und Entspannung suchenden Leser ansprechen will, sondern die, die so einen Anspruch goutieren, wertschätzen, die nicht den Kopf schütteln, sondern sich mit Wollust in dieses Meer an Sprache stürzen, sich laben, lautsprechen und begeisterte Rezensionen schreiben. Punkt. Kurze Pause. Weiter. Tatsächlich macht Heinz Helle in seinem neuen Roman auch immer mal wieder einen Punkt, mindestens einen pro Seite, aber Absätze macht er keine, da kennt er keine Gnade und jeder, der das hier liest, diesen Bandwurm bis hierher verfolgt und ertragen hat, weiß jetzt so in etwa, was bei „Die Überwindung der Schwerkraft“ auf ihn zukommt, natürlich um einiges besser und kunstvoller, als ich das hier vermag, aber vom Prinzip her gleich. Und obwohl ich eigentlich auch ein eher gestresster und Entspannung suchender Leser bin, hat mich dieser auf den ersten Blick leseunfreundliche Stil überhaupt nicht angestrengt, sondern auf sehr angenehme Weise in eine Art kontemplativen Leseflow versetzt, der mich geradezu wie auf Wolken durch die Geschichte der zwei Brüder, den Hauptfiguren dieses Romans, geführt hat, die genau genommen Halbbrüder sind, nur den Vater teilen, ein paar Jahre auseinander sind und auch sonst nicht viel gemeinsam haben, aber irgendwie doch aneinander hängen, denn sie sind ja schließlich Brüder, haben das gleiche Blut, zumindest zur Hälfte, und da verzeiht man so manches, hat Verständnis und kann den anderen, auch wenn man es gerne möchte, nie so ganz aus den Gedanken streichen, obwohl die Gedanken immer wieder assoziativ abschweifen, zum belgischen Kinderschänder Marc Dutroux, dem Förster, der ihn festgenommen hat, zu allerlei anderem Zeug, um dann am Ende wieder zurückzufinden, zu dem, was einen verbindet, beziehungsweise einst verbunden hat, denn der Bruder stirbt, ist eines Tages einfach nicht mehr da und zurück bleiben jede Menge ungeklärte Fragen, endlose Gedankenschleifen, verschwommene Bilder gemeinsam verbrachte Abende, letzte Eindrücke, ein letztes Bier und ein letzter langer Satz.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
208 Seiten, 20,00 €

Heinz Helle liest „Zehn Seiten“

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Robert Menasse – Die Hauptstadt (Hörbuch)

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Nicht immer war ich einverstanden. Doch im letzten Jahr schon. Da haben sie mal alles richtig gemacht, haben einen Roman prämiert, der, wie ich heute weiß, tatsächlich der beste des Jahres war. Denn darum geht es bei dem Wettbewerb. Nicht nur gut oder beliebt zu sein, sondern der Beste seiner Klasse. Dabei hat mich das Thema zunächst so gar nicht interessiert. Die europäische  Gemeinschaft, die Kommission, der Rat, das Parlament, Brüssel, ein alter Mann und ein Schwein. Also nein, beim besten Willen nicht. Ich war noch nie ein Fan von politischen Romanen. Und warum ein Schwein? Soll das etwa witzig sein?

Doch dann lachte mich das Hörbuch an. Du musst mich nicht lesen, flüsterte es mir zu. Hör mir einfach nur zu, solange du magst. Ein paar Minuten nur, vielleicht auch länger. Und dann entscheide, ob es dir gefällt, ob dir die Geschichte behagt, du Christian Berkels Stimme magst. Du weißt, das ist der Mann von der Sawatzki, der Kriminalist, immer Freitags im Zweiten – den magst du doch eigentlich, nicht wahr?

Und tatsächlich, den Berkel mag ich. Aber ich hätte nie gedacht, dass er so gut lesen kann. Was heißt gut? Ich habe ja jetzt schon jede Menge gute Sprecher erlebt und Berkel ist definitiv einer der Besten. Nicht so prägnant wie Brückner und Noethen, einer, der sich nicht so in den Vordergrund drängt, den Text nicht toppen will. Ein in meinen Ohren sehr angenehmer Erzähler, in einer Liga mit David Nathan und Frank Arnold.

Und dann Menasse. Ich bin so beeindruckt von seinem Stil, dass ich mir bei Medimops jetzt alle Backlist-Titel von ihm bestellt habe. Der schreibt ja tatsächlich noch besser als seine Halbschwester Eva. Wenn ich einen Stift und ein echtes Buch auf den Knien gehabt hätte, statt einer Audiodatei und zwei Knöpfe im Ohr, ich hätte mir auf jeder zweiten Seite Sätze dick unterstrichen: bemerkenswerte Aussagen, treffende Personenbeschreibungen und beindruckende Dialoge. Man müsste sich solche Passagen eigentlich sofort notieren. Denn jetzt, wo ich das niederschreibe und versuche, mich wenigstens an einen dieser gehörten Sätze zu erinnern, gelingt es mir nicht. Zu flüchtig ist das gehörte Wort, zu begrenzt mein mentaler Arbeitsspeicher.

Aber auch wenn die Details verschwimmen, der positive Gesamteindruck bleibt. Und der ist so stark, dass ich mir vorgenommen habe, diesen Roman auch noch mal als echtes Buch zu lesen. Ich freue mich jetzt schon darauf, all die bemerkenswerten Sätze dann wiederzuentdecken und für alle Ewigkeit mit Bleistift zu markieren. Freuen tue ich mich auch auf ein Wiedersehen und -lesen mit den Protagonisten der Hauptstadt, die Menasse sehr detailfreudig aufgebaut hat. Der KZ-Überlebende David de Vriend, die Europa-Beamten Martin Susmann und Fenia Xenopoulou, der pensionierte Ökonomie-Professor Alois Erhart oder der kranke Kommissar Emile Brunfaut – sie alle hat man nach wenigen Sätzen leibhaftig vor dem inneren Auge und für immer ins Herz geschlossen.

Ich könnte mir sogar einen Fortsetzungsroman à la Vernon Subutex oder Elena Ferrante sehr gut vorstellen. Denn die von der Romanfigur Alois Erhart formulierte Idee einer europäischen Hauptstadt, womit – soviel sei verraten – nicht Brüssel oder irgendeine andere europäische Metropole gemeint ist, hat jede Menge Potenzial und bietet genügend Stoff für mindestens noch zwei weitere Bände der Hauptstadt.

Man merkt sicher, dass ich von diesem Roman ziemlich begeistert bin. Weil ich schon lange nicht mehr ein so intelligentes, hochaktuelles, berührendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch gelesen – pardon – gehört habe. Und das Bemerkenswerteste daran: Wenn ich jetzt Nachrichten über die EU sehe, höre oder lese, dann erreicht mich das ganz anders als vorher. Dann sehe ich hinter jeder Meldung Fenia, Martin und die ganze EU-Bürokratenschar – kleine, mittlere und große Rädchen im Getriebe der Macht.

Also, wenn Robert Menasse das hier lesen sollte: „Bitte schreiben Sie an der Hauptstadt weiter. Band 2 bestelle ich hiermit schon mal vor.“

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von Christian Berkel
14 h, 18 Minuten
Erhältlich bei audible: (Hörprobe)

Verlag Print: Suhrkamp
459 Seiten, 24 Euro gebunden, 12,00 Euro Taschenbuch

 

Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

Kinder, eine eigene Familie, ein schönes Haus mit Garten und netten Nachbarn. Wer träumt nicht davon? Sehr viele tun das. Und das obwohl sie immer wieder hören, dass es nicht immer so idyllisch und harmonisch ist, wie man es sich in seiner Unerfahrenheit ausgemalt hat, dass es wahrlich kein Zuckerschlecken ist, dass es sogar manchmal ziemlich schlimm sein kann. Ja, man hört und liest so manches. Kann passieren, ja, durchaus – aber doch nicht bei mir. Nicht wir beide. Wir werden es allen zeigen, machen alles anders, alles besser, alles schön.

Menschen denken so, weil sie nicht anders können. Es ist ihnen angeboren, das zu denken, genau das zu wollen. Und das ist gut so. Denn würden sie das nicht tun, dann hätten wir alle keine Zukunft. Dann würde keiner mehr etwas anders, besser oder schön machen. Und ohne diese sich wider alle Vernunft ständig selbst nährende Hoffnung wäre alles aus. Kein Einfamilienhaus, keine gepflegten Gärten, keine SUVs in Garageneinfahrten, keine Nachbarn, die schon wieder in den Urlaub fahren. Nichts.

In ihrem ersten Nicht-Jugendbuch seit langer Zeit führt Alexa Hennig von Lange ihre Leser genau in diese Welt. In eine dieser klassischen Neubau-Siedlungen am Rande der Stadt, mit schicken Häusern, in denen schicke Menschen wohnen, die alles irgendwann mal auch anders, besser und schöner machen wollten. Bis sie irgendwann einsehen mussten, dass sich so eine Immobilienfinanzierung nicht von alleine trägt, dass man Karriere entweder ganz oder gar nicht und nicht nur ein bisschen machen kann, dass mit dem zweiten Kind die Probleme nicht abnehmen, sondern sich verdoppeln, dass man plötzlich weniger Sex hat, als ein verpickelter Teenager und man irgendwann realisiert, dass nichts auch nur annähernd anders, besser, geschweige denn schöner ist, als das was sie nie wollten.

Das ist das Setting, in dem Rita und Ulla mit Ihren Männern und den Kindern Johannes, Klara und Lexchen wohnen. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive des jeweiligen Kapitel-Protagonisten, was den Lesefluss immer wieder unterbricht. Es hat etwas gedauert, bis ich die Kinder und Männer den jeweiligen Müttern zuordnen konnte. Daher hat das Buch auch erst spät Fahrt aufgenommen, was ich aber gerne in Kauf genommen habe, da es sprachlich wirklich überzeugend ist und immer wieder mit Passagen aufwartet, die einen zustimmend nicken und schmunzeln lassen.

Man merkt, dass Alexa Hennig von Lange, die Ende der 90er-Jahre zusammen mit Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre und Judith Herrmann zu den erfolgreichsten deutschen Pop-Literaten zählte, weiß wovon sie schreibt. Mit mittlerweile fünf eigenen Kindern sollte sie das auch. Die wilden Zeiten, von denen ihr 1997 erschienener Debütroman „Relax“ handelt, sind genauso Vergangenheit wie die jungen Jahre ihrer Protagonistinnen Ulla und Rita. Die eine, eine talentierte und vielversprechende Architektin, die andere…, ja was? Ich habe es vergessen. Wahrscheinlich jung und hübsch und voller Tatendrang. Und dann landen beide mit Kind und Kegel in dieser Siedlung. Und plötzlich ist die Welt eine andere, fokussiert und zielgerichtet aber gleichzeitig auch eng und beklemmend. Die Kinder, das Haus und die Nachbarn, die das alles kritisch betrachten, vergleichen, bewerten. So wie es auch Ulla und Rita machen, so wie es alle machen, die sie kennen.

Was in dieser Siedlung passiert, ist nicht wirklich außergewöhnlich. Mitten durch die Reihen schicker Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten läuft auch hier der „Boulevard Of Broken Dreams“. Man blickt auf makellose Putzfassaden, hinter denen sich die üblichen kleinen und großen Familiendramen abspielen. Die üblichen Probleme mit Pubertierenden, jüngeren Geschwistern, die nebenher laufen, häuslicher Gewalt, junger Liebe, außerehelichen Begehrlichkeiten und sogar einer Vergewaltigung.

Der permanente Wechsel des Betrachtungswinkels von Figur zu Figur relativiert die Geschehnisse in einigen Punkten, lässt das Szenario aber nicht weniger bedrohlich erscheinen. Am Ende schüttelt der junge Leser wahrscheinlich nur noch den Kopf, um für sich zu beschließen, es später einmal ganz anders, besser und schöner zu machen. Und der ältere Leser denkt, dass er es im Vergleich zu Rita und Ulla ja noch ganz gut hinbekommen hat, mit den Kindern, der Familie, dem schönen Haus und den Nachbarn. Und so kann und wird es ewig weitergehen. Immer wieder und immer wieder neu.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Dumont
224 Seiten, 20,00 Euro

 

 

 

 

 

Bibliotopia

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Mit Volldampf raus aus der Buchkrise. Wie eine Branche sich neu erfindet.  

Wir schreiben das Jahr 2030. Vom Schock, als vor zehn Jahren die Preisbindung für Bücher aufgehoben wurde, hat sich der Buchmarkt mittlerweile wieder erholt. Die verbliebenen Verlage, der Geschenke-, Schreib- und Buchwarenhandel, sowie die Vereinigung der Bahnhofskioske melden erstmals wieder steigende Umsätze. Branchenexperten sprechen bereits von einer Renaissance des Buches und bezeichnen den Beinahe-Zusammenbruch des Marktes in 2020 als ein längst überfälliges und reinigendes Gewitter, als einen dringend notwendigen Aderlass für einen ballastfreien Neuanfang.

Die Pleitewelle, der knapp 50 Prozent der Verlage und zwei Drittel des stationären Buchhandels zum Opfer gefallen sind, hat auch den Bildungsdünkel und die überfrachteten Kulturdebatten, die dem Medium Buch seit jeher anhafteten, mit ausgelöscht. Befreit vom antiquierten Bildungsballast konnte das Lesen von Büchern in den letzten Jahren einen enormen Imagewandel verzeichnen und erreicht neuerdings wieder Zielgruppen, die seit Generationen keine einzige Seite mehr gelesen haben.

In Bussen und Bahnen sieht man mittlerweile immer mehr Menschen, die tatsächlich ein Buch in den Händen halten und darin lesen, statt mit verklärtem Bick auf Handhelds und durch Smart-Glasses zu starren. Das liegt zum einen daran, dass billige Unterhaltungsliteratur, die nach wie vor über 80 Prozent des Buchmarktes ausmacht, endlich auch das kostet, was sie wert ist und somit wieder für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich ist. Romane sind statt für 20 Euro jetzt für durchschnittlich 99 Cent oder alternativ zehn Payback-Punkte zu haben. Um der gestiegenen Nachfrage zu begegnen, hat die Thalia-Douglas-Bahnhofskiosk AG ihre Verkaufsflächen in den letzten zwei Jahren um über 200.000 qm erweitert. In den Hauptbahnhöfen von Metropolen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg und München sind die modernen 24/7-Filialen mittlerweile rund um die Uhr geöffnet.

Generell hat die Aufhebung der Buchpreisbindung dem Buch völlig neue Absatzkanäle eröffnet. Für viel Aufmerksamkeit hat zum Beispiel die Entscheidung der Edeka-Gruppe gesorgt, die begehrten Treuepunkte durch Treuebücher zu ersetzen. Ab einem Einkauf von 10 Euro gibt es an der Lebensmittelkasse einen Fitzek-Backlisttitel und ab 20 Euro einen Elfen-Roman von Bernhard Hennen dazu. Ganz neu und nur so lange der Vorrat reicht: Von August bis Oktober wird es ab 50 Euro Einkaufswert sogar einen Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises zu jedem Einkauf mit dazu geben. Bereits jetzt gilt die Edeka-Treuebücher-Aktion als die erfolgreichste Zugabe-Aktion in der Firmengeschichte des Lebensmittelhandels. Im Netz werden einzelne Edeka-Treuebücher bereits zu Spitzenpreisen gehandelt. Für Edeka Marketing-Vorstand Joachim Ländle ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Buch quer durch alle Bevölkerungsschichten immer noch eine hohe Attraktivität besitzt. „Die Treuebücher sind um ein Vielfaches begehrter, als zum Beispiel Bratpfannen oder Kugelgrills“, so Ländle. Durch den Erfolg der Aktion beflügelt, plant die Edeka-Gruppe bereits die Gründung eines eigenen Verlages. Erste Gespräche mit einer Münchener Literaturagentur, die ihren gesamten Autorenstamm bei Edeka einbringen will, haben bereits stattgefunden.

Für Aufmerksamkeit in bibliophilen Kreisen sorgt auch Heiner Kamps, ehemaliger Eigentümer der Kamps-Bäckereien, der in Düsseldorf ein komplett neues Buchhandlungs-Frischekonzept etabliert hat, das bald auch bundesweit durchstarten soll. In Kamps`neuer Book’n go-Filliale wird Literatur jeden Tag frisch produziert. Im wöchentlichen Wechsel steht dafür immer ein Autor oder eine Autorin vor Ort zur Verfügung, die im Schaufenster neue Kurzgeschichten, Romankapitel und auf Wunsch auch Lyrik und kleinere Essays tastaturwarm produzieren. Gerade mal 4,95 Euro kostet der Coffee to go mit einer Single-Hero-Kurzgeschichte. Für jeden weiteren Protagonisten muss der Kunde einen Euro zusätzlich investieren. Auch ein zweiter Handlungsstrang kann für drei Euro dazu gebucht werden. Heiner Kamps ist vom Erfolg seiner Book’n go-Filialen überzeugt. „Eine gute Geschichte und ein guter Kaffee haben eines gemeinsam – aufgewärmt schmecken sie nicht. Bei uns gibt es beides täglich frisch“, sagt der mittlerweile 95-jährige Franchise-Papst. Ein Konzept, das aufzugehen scheint. Täglich bilden sich vor dem Geschäft lange Schlangen kaffee- und literaturbegeisterter Kunden. Auch namhafte Schriftsteller reißen sich mittlerweile darum, eines der begehrten Wochen-Engagements bei Book‘n go zu bekommen. Kamps ist bis weit ins nächste Jahr ausgebucht. Kein Wunder, verdient man doch in einer Woche als Kaffeeshopschreiber mehr als sonst im ganzen Jahr.

Überhaupt hat sich die ehemals prekäre Lage der Autoren in den letzten Jahren stark gewandelt. Wer es geschafft hat, einen Titel im Edeka Treueprogramm zu platzieren, kann sich als mehrfacher Auflagen-Millionär zu den Besserverdienenden im Lande zählen. Aber mittlerweile lassen sich auch mit weniger massentauglicher Literatur und Mini-Auflagen gute Gewinne erzielen. Bestes Beispiel ist Daniel Lamper, ein Verleger-Urgestein, der als einer der wenigen den abzusehenden Wegfall der Buchpreisbindung nicht als Katastrophe, sondern als Chance gesehen hat. Der Schweizer Lamper-Verlag war der einzige, dessen Bücher nach 2020 nicht billiger, sondern teurer wurden, sehr viel teurer. Der derzeitige Spitzentitel aus dem Frühjahrsprogramm kostet knapp tausend Euro. Über zweihundert Exemplare hat er davon bereits verkauft. An Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Haushaltsnettoeinkommen, deren persönliche Vita laut Inbound-Analyse deutliche Parallelen zum Plot des Titels aufweist und deren Einrichtungsstil farblich zum Cover des Buches passt.

Alles in allem blickt der Buchmarkt wieder positiv in die Zukunft. Seit drei Jahren steigt die  Zahl der Buchleser wieder kontinuierlich an. Die Verlage suchen händeringend nach Mitarbeitern, und in der Liste der 100 reichsten Deutschen befinden sich seit letztem Jahr drei Verleger und sechs Autoren. Letztlich hat sich bewahrheitet, was Personen wie Daniel Lamper bereits vor der Krise immer wieder behauptet haben. „Das Buch ist nicht tot, es hat nur eine Weile sehr tief geschlafen.“

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Foto: Gabriele Luger

 

Robert Seethaler – Das Feld

*Tobias Nazemi*

Ich habe immer gerne gelesen. Als sich dann der Zustand meiner Augen im Alter immer mehr verschlechterte, bin ich auf Hörbücher umgestiegen. Zuerst war es eine Notlösung, dann fand ich das Zuhören sogar noch besser als selbst zu lesen. So hat mir bis zu meinem letzten Tage nichts gefehlt.

Während ich jetzt hier unten liege und nichts anderes zu tun habe, als den vielfältigen Geräuschen des Gräberfeldes zu lauschen, fehlen mir die Bücher schon sehr. Mein ganzes Leben lang hat mich die Literatur ummantelt, mir Orientierung gegeben, Perspektiven aufgezeigt und geholfen, mich zurechtzufinden. Durch die Bücher habe ich viel erlebt, war ständig unterwegs, an den exotischsten Orten, habe unzählige Menschen kennengelernt, mich verloren und manchmal auch verliebt.

Natürlich weiß ich, dass das alles nur Einbildung war. In Wirklichkeit hab ich mich mein halbes Leben lang nicht vom Fleck bewegt, im Sessel am Fenster gesessen und mir die Augen verdorben. Aber ich will mich beim besten Willen nicht beklagen und würde – wenn ich könnte – noch einmal alles ganz genauso machen. Denn ich hatte ein glückliches und erfülltes Leben.

Ideal wäre gewesen, wenn ich meine Bücher einfach hätte mitnehmen können. Natürlich nicht alle, aber eine kleine Auswahl – meine zehn Lieblingstitel oder die Autoren, für die mir zu Lebzeiten immer die Muße fehlte: Foster-Wallace, Joyce, Musil, Proust. Aber auch wenn man sie mir mit beigelegt hätte, es hätte mir nichts genutzt, denn es ist hier definitiv viel zu dunkel zum Lesen.

So bleiben mir nur mehr oder weniger schwache Erinnerungen an die vielen hundert Geschichten und Schicksale, die ich in meinem Haus zurücklassen musste. Was wohl aus den ganzen Büchern geworden ist? Aber wenn die Erinnerung auch verblasst, an ein ganz bestimmtes Buch aus dem Jahr 2018 kann ich mich auch jetzt noch ganz genau erinnern. Und zwar deshalb, weil es genau die Situation beschreibt, in der ich mich jetzt befinde. Erkaltet und eingesperrt in einen Kasten von 0,5 mal 2,20 Meter, nur einen spaltbreit über dem Grundwasser.

Robert Seethalers literarischer Spaziergang über den Friedhof von Paulstadt hat mich damals nachhaltig beeindruckt. Auch wenn jeder genau weiß, dass in den Gräbern eines Friedhofes Menschen liegen, die alle genauso intensiv gelebt, geliebt und gelitten haben wie du und ich, ist die Vorstellung, dass sie plötzlich wieder eine Stimme haben und zu dem, der da oben steht, sprechen, schon ziemlich spooky. Auch wenn es umgekehrt eigentlich genauso befremdlich ist, dass Angehörige am Grab stehend zu den darin liegenden Toten sprechen.

Aber Seethaler hat das grandios gemacht, hat eine ganze Stadt in vielen kleinen, mit den jeweiligen Namen auf den Grabstein betitelten Kapiteln literarisch wieder auferstehen lassen. Vom Hilfsarbeiter, Obsthändler, der Schuhverkäuferin bis zum Pfarrer und Bürgermeister. Und jeder der Toten erzählt auf seine Art, was ihm grad so einfällt. Schlüsselszenen ihres Lebens oder aber Belangloses. Wenn man erstmal hier unten liegt, das weiß ich jetzt nur allzu gut, ist sowieso alles belanglos, auch ehemalige Schlüsselszenen. Nichts hat mehr Bedeutung. Ob Leben oder Tod, Wahrheit oder Lüge, wen interessiert das noch? Kein Richter, kein Henker. Keine Schuld und keine Sühne.

Ja, an „Das Feld“ erinnere ich mich noch allzu gut. Für mich war das ein ganz klarer Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Aber Seethaler ist damit noch nicht mal auf die Longlist gekommen. Wahrscheinlich, weil es gar kein richtiger Roman ist. Egal, auch das ist mittlerweile total belanglos. Trotzdem hätte ich das Buch zum noch mal Reinlesen und Schwelgen jetzt gerne hier unten. Und dazu bitte noch eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Hanser
240 Seiten, 22,00 Euro

Auch als Hörbuch erhältlich:
Tacheles! / Roof Music
Gesprochen von Robert Seethaler, 5 h, 21 min