Eva Menasse – Tiere für Fortgeschrittene

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Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die besten deutschsprachigen Autoren Österreicher sind. Ein Thomas Glavinic, eine Ruth Cerha, Valerie Fritsch, ein Clemens Setz, Daniel Kehlmann oder eine Eva Menasse – die sind einfach eine Klasse für sich. Die können schreiben, was sie wollen – es ist immer irgendwie gut. Ich meine, man muss einem Österreicher ja nur mal zuhören: dieser Singsang, das melodische Artikulieren, die alpenländischen Sprachschnitzer und Verniedlichungen. Das Spielen mit der Sprache ist dort unten Kulturgut, wird jedem Bub und Mädel praktisch direkt in die Wiege gelegt.

Kein Wunder also, dass die österreichische Autorin Eva Menasse mit ihrem aktuellen Kurzgeschichtenband vor allem sprachlich begeistert. Jede Geschichte in „Tiere für Fortgeschrittene“ ist ein kleines Juwel, fein geschliffen und funkelnd. Wer sie sich laut vorliest, hört die Melodie, spürt den Rhythmus der Komposition. Noch dazu beherrscht Menasse, was beim Schreiben von Kurzgeschichten besonders wichtig ist: das Weglassen, Abwerfen von Ballast und auf den Punkt kommen. Denn der Raum ist begrenzt. Dreißig, vierzig Seiten für eine ganze Welt – für den Einstieg, die Hinführung und das Finale. Für die komplette Katharsis, das Kennenlernen der Protagonisten, für Identifikation oder Abgrenzung. Da ist kein Platz für Überflüssiges, da verliest sich nichts. Da muss alles passen und sitzen.

Das können nicht viele. Die meisten Kurzgeschichten-Autoren überfrachten, verquatschen oder verzetteln sich. Gerne wird auch bedeutungsschwanger abgebrochen und eine halbgare Geschichte der Phantasie des Lesers überlassen. Das alles passiert hier nicht. Tiere für Fortgeschrittene bietet Kurzgeschichten wie sie sein sollen. Zwei bis maximal vier handelnde Personen, ein überschaubares Setting und ein konsequent verfolgter Handlungsstrang. Eva Menasse ist ein Vollprofi, verliert nie die Kontrolle über den Plot und hat ihre Leser vom ersten bis zu letzten Satz am Haken.

Jede der acht Geschichten beginnt mit einer Tiergeschichte, kurze Zeitungsmeldungen, ‚Wussten-Sie-schon‘- Randnotizen über Haie, Igel, Raupen, Schafe, Schlangen und Enten. Das ist der rote Faden dieses Buches. Die Geschichten sind alle von diesen Tiergeschichten inspiriert, mal mehr, mal weniger. Da taucht der Igel, dessen Kopf in einem Eisbecher von McDonalds feststeckt, plötzlich direkt in der Geschichte auf. Dann wieder steht die Schlange, die sich einen Baum hochschlängelt, symbolisch für den Alltag einer Kleinfamilie in der multikulturellen Großstadt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen roten Faden überhaupt bräuchte. Ohne das wären die Geschichten nicht einen Deut schlechter. Aber es würde dann auch etwas fehlen.

Eigentlich ist jede der acht Erzählungen ein kleines Meisterwerk. Aber zwei haben mich ganz besonders bewegt. In „Raupen“ wird die Geschichte eines älteren Ehepaars erzählt. Sie dement und pflegebedürftig, er desillusioniert und gezwungen, sich zu kümmern. Die Kinder mit Ihren Sorgen und Ansprüchen, der Enkel mit seiner Unbedarftheit, die ganzen Rückblenden, Erinnerungsschnipsel, der Abgleich zwischen damals und jetzt. Schließlich das ernüchternde Fazit – Leben ist nichts anderes als der Anfang vom Sterben. Wie die Tabakschwärmer-Raupen, die sich beim Fressen ihr eigenes Grab schaufeln.

Ein anderes Geschichten-Highlight beschäftigt sich mit einem Typ Frau, dem man besonders im Kulturbetrieb häufig begegnet. Micol, „ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als zu einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht“. In wenigen Sätzen skizziert Menasse diesen Typ Frau. Ich kann Micol regelrecht greifen, höre das Geplapper, sehe ihre Mimik, die ausdrucksstarken Gesten, den kecken Augenaufschlag.

Natürlich braucht jede Geschichte ihre Entsprechung beim Leser. Wenn ich nicht schon so alt wäre und das alles nicht irgendwie kennen würde – entweder selbst erlebt, schon mal gedacht oder erträumt hätte – dann würde ich trotz aller sprachlichen Brillanz vielleicht anders urteilen. Ob Menasses Kurzgeschichten auch eine jüngere Zielgruppe begeistern können? So wie Karen Köhler oder die damals noch junge Judith Hermann? Aber das muss auch nicht. Wie der Titel schon sagt, geht es hier schließlich um „Tiere für Fortgeschrittene“.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 20,00 €

 

John Wray – Retter der Welt

Zum ersten Mal hörte ich den Namen John Wray vor einem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Bloggerkollege Jochen Kienbaum hatte gerade ein Interview mit ihm gemacht und schwärmte in den höchsten Tönen vom Autor und seinem jüngsten Buch. Weil Jochen ein literarischer Connaisseur ist, habe ich mir den Namen gemerkt. Da er aber bekanntermaßen auch eine Vorliebe für dicke, sperrig-schwierige Romane hat, habe ich John Wray für mich gleich wieder ausgeschlossen.

Dann tauchte der junge Amerikaner in diesem Sommer in Klagenfurt auf und ich dachte mir: Was macht ein Ami beim Bachmann Wettbewerb? Da wusste ich noch nicht, dass er halber Österreicher ist und einen zweiten Wohnsitz in Kärnten hat. Sein Auftritt soll ja mächtig Eindruck gemacht haben. Ein paar Tage später lief mir John Wray dann beim Bücherstöbern auf Medimops über den Weg. Dort wurde mir sein 2009 erschienener Roman „ Der Retter der Welt“ – gebunden, sehr gut erhalten – für schlappe 3,09 Euro angeboten. Ich hab’s mir bestellt und sofort reingeblättert. Der erste Eindruck, befreiend: weder besonders lang, noch besonders sperrig. Und dann habe ich es nicht mehr aus der Hand gelegt und die 350 Seiten in einem Rutsch durchgelesen.

Es ist schwer, das Gelesene in Worte zu fassen: sehr beeindruckend, sehr bedrückend, sehr düster, so mein erstes Bauchgefühl. Eine krude Mischung aus Beckett, Kafka, Dostojewski und Boris Vian. Zuerst dachte ich: eine klassische Dystopie. Doch es ist eher ein vielschichtiges Psychogramm, fast schon ein Thriller. Die Dystopie spielt sich im Kopf des Protagonisten ab. William, genannt Lowboy, ist psychisch krank (paranoid-schizophren) und grad aus einer psychatrischen Klinik geflohen. Zwei Jahre zuvor hat er seine damalige Freundin Emily aufs Gleisbett der U-Bahn gestoßen. Sie konnte gerettet werden, und Lowboy wurde weggesperrt.

Tabletten und Hitzetherapie haben ihn ruhig gestellt aber nicht geheilt. Seine Überzeugung: Die Welt wird immer heißer, in Flammen aufgehen und verbrennen. Und das nicht irgendwann, sondern bereits in wenigen Stunden. Der Einzige, der die Apokalypse aufhalten kann, ist er selbst. Wenn es ihm gelingt, seine innere Hitze abzuleiten, dann könnte das Schlimmste verhindert werden. Dazu müsste er Sex haben, zum ersten Mal überhaupt.

Von dieser Wahnvorstellung getrieben stromert er durch die New Yorker U-Bahn. Fährt den ganzen Tag hin und her, verstört diverse Fahrgäste, versteckt sich vor den Sicherheitsleuten und folgt einer Obdachlosen durch das weit verzweigte Tunnelverlies. Währenddessen sitzt seine Mutter Violet bei der Polizei und steht Polizeikommissar Ali Lateef Rede und Antwort. Wray schafft hier eine zweite Erzählebene, wir bekommen Einblick in die symbiotische Mutter-Kind-Beziehung und Lowboys Krankheitsverlauf. Gleichzeitig entspinnt sich eine Beziehungsebene zwischen dem Polizisten und Violet. Im Wechselspiel mit Lowboys skurilen Erlebnissen im U-Bahn-Tunnelsystem entsteht ein sehr spannendes und atmosphärisch dichtes Erzählgeflecht.

Ich habe diesen Roman mit sehr großer Begeisterung gelesen und weiß genau, dass ich diesen liebenswerten und zugleich beängstigenden Protagonisten nicht so schnell vergessen werde. In der Bahn sehe ich manchmal Typen wie Lowboy und frage mich seitdem, ob sie auch diese Hitze in sich tragen. „Wray hat uns einen neuen Holden Caulfield (Fänger im Roggen) geschenkt“ steht auf dem Backcover des Buches. Das sehe ich genauso: William Heller, alias Lowboy, hat Kultpotenzial, und sein Erfinder John Wray ist auf dem besten Weg, ein neuer literarischer Held zu werden.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Rowohlt (rororo)
352 Seiten, 9,95 € TB
Übersetzt von Peter Knecht

 

Blogger-Relations: Die zehn besten Verlage

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Im PR-Bereich gibt es das schon lange: Journalisten bewerten die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen und Verbänden und heraus kommt jedes Jahr ein Ranking mit den besten Presseabteilungen Deutschlands. Warum, so dachte ich mir, sollte man das eigentlich nicht auch mal für die Blogger- oder Influencer Relations der Verlage machen? Welcher Verlag hat hier die Nase vorn, kommuniziert und arbeitet am professionellsten mit Bloggern zusammen?

Wenn ich das jetzt mache, ist das natürlich keine repräsentative Studie, sondern zunächst einmal nur meine ganz persönliche Wertung. Und da so eine Bewertung nach Bauchgefühl überhaupt nichts bringt, habe ich mir halbwegs objektive Bewertungskriterien überlegt. Was ist wichtig in der Zusammenarbeit zwischen Blogger und Verlag? Wann fühlt man sich gut betreut und ernst genommen? Welche Angebote, Veranstaltungen helfen einem weiter? Mit welchen Verlagen macht die Zusammenarbeit Spaß und wo hakt es immer wieder?

Ich mache jetzt mal den Anfang, stelle die Kriterien vor und bewerte danach meine bestehenden Verlagskontakte. Vielleicht schließen sich ja andere Blogger an, bewerten ihre Kontakte ebenfalls wir machen daraus irgendwann mal ein valides Ranking.

Blogger-Relations ist Beziehungsmanagement, und das wichtigste Kriterium ist daher der persönliche Kontakt. Ein mir namentlich bekannter Ansprechpartner ist die Grundvoraussetzung für alles Weitere. Jeder Blogger will wissen, wen er ansprechen kann, wenn er mal eine Frage hat, ein Interview mit einem Autor führen möchte oder ein Rezensionsexemplar zugeschickt bekommen will. Das klingt selbstverständlich – ist aber nicht bei allen Verlagen gegeben.

Entscheidend ist auch das WIE der Kommunikation. Gibt es eine persönliche Ebene, wird man individuell angesprochen oder ist man nur eine Adresse im Mail-Verteiler? Wichtig ist mir persönlich auch – Achtung jetzt kommt ein Buzz-Word – eine gewisse Achtsamkeit. Darunter verstehe ich, dass der Ansprechpartner im Verlag meinen Blog nicht nur kennt, sondern die Beiträge auch liest (oder mir zumindest das Gefühl gibt, es zu tun). Im besten Fall nicht nur die Rezensionen, die seinen Verlag betreffen. Wichtig ist auch, dass der Blogger-Relations-Manager auch selber im Netz unterwegs ist, die Diskussionen verfolgt; weiß, was uns Blogger gerade bewegt, ärgert, fasziniert.

Und dann ist natürlich auch die Position des Ansprechpartners im Verlag für die Zusammenarbeit entscheidend. Das weiß ich natürlich nicht im Detail von jedem und kann es dann auch nicht bewerten. Aber wichtig ist das schon. Hat er oder sie Entscheidungsbefugnis und verfügt im besten Fall auch über einen eigenen Etat? Besteht bei dem Verlag die Bereitschaft, mit dem Blogger mal über Gewinnspiele, Leseraktionen, Sponsored Posts oder Werbebanner nachzudenken? Und abschließend die Frage, ob Blogger auch zu allgemeinen Verlagsveranstaltungen eingeladen werden oder aber interessante Veranstaltungen für Blogger außerhalb der Messen organisiert werden, vielleicht sogar auch mal zusammen mit der Presse.

Nach diesen Kriterien habe ich alle Verlage, mit denen ich Kontakt habe, bzw. deren Programm mich interessiert, bewertet. Für jeden zutreffenden Aspekt, gab es einen Punkt. Hier das Ergebnis:

 

  1. Suhrkamp: 16 Punkte
  2. Frankfurter Verlagsanstalt: 14 Punkte
  3. Ullstein: 13 Punkte
  4. Diogenes: 12 Punkte
  5. Hanser: 11 Punkte
  6. Klett-Cotta: 11 Punkte
  7. Kiepenheuer & Witsch: 10 Punkte
  8. DVA: 10 Punkte
  9. Rowohlt: 9 Punkte
  10. Aufbau: 9 Punkte

 

Disclaimer:
Dieses Ranking basiert auf einer rein subjektiven Einschätzung und Bewertung nach den aufgezeigten Kriterien. Wie genau sich die Bewertungspunkte zusammensetzen, kann in der unten stehenden Tabelle eingesehen werden. Bewertet wurden nur die Verlage, zu denen Kontakt besteht, bzw. deren Verlagsprogramm für Buchrevier relevant ist. Der Subjektivität des Autors ist es geschuldet, wenn einige Punkte nicht erfasst oder falsch bewertet wurden. Allgemeine Aussagen über die Qualität und Leistung der Arbeit von Verlagsmitarbeitern sind daher nicht zulässig. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 😉

Auswertung im Detail:

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Titelfoto: Gabriele Luger

 

 

Jonas Lüscher – Kraft

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Früher als Kinder haben uns wir ständig solche Fragen gestellt: Für wieviel würdest du mit nackten Beinen durch Brennnesseln gehen, in den kalten Bach springen, einen ganzen Teller Rosenkohl essen? Je nachdem, wie unvorstellbar eklig oder schmerzhaft irgendetwas war, hieß es dann: Für eine Million würde ich es machen. Was soviel bedeutete wie: niemals. In den Neunzigern gab es dann mit dem Hollywood-Blockbuster „Ein unmoralisches Angebot“ eine Adaption dieses Spielchens für Erwachsene. Demi Moore bekam eine Million für etwas geboten, wofür andere Frauen ohne zu zögern sofort ihr Sparbuch geplündert und alles hergeben hätten: eine Nacht mit Robert Redford. Und jetzt hat Jonas Lüscher das Thema für die Intellektuellen im Lande aufbereitet: eine Million Dollar für die Antwort auf die Frage: weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können.

Ich hätte jetzt spontan geantwortet: Weil etwas, das nicht gut ist, gar nicht erst wäre und der Drang, Dinge andauernd verbessern zu wollen, der menschlichen Hybris geschuldet ist. Aber mich fragt ja keiner, und für so eine banale Antwort gäbe es auch keine Million Dollar. Nein, das muss in diesem Fall schon etwas philosophisch fundierter daherkommen und deshalb stellt sich auch der Tübinger Rhetorik-Professor Richard Kraft dieser Frage, um die vom us-amerikanischen Internet Millardär Tobias Erkner ausgelobte Prämie einzuheimsen. Geld, das Kraft dringend braucht, um sich nach zwei gescheiterten Ehen seine Freiheit zurückzukaufen. Denn – auch das lernen wir hier – ein vergleichsweise üppiges Hochschulprofessoren-Gehalt reicht nicht aus, um zwei anspruchsvollen Ex-Frauen und vier Kindern gerecht zu werden.

Der Roman kam in diesem Frühjahr raus und ist eigentlich schon durch. Er wurde viel gelobt und oft besprochen und gilt allgemein als die wichtigste Neuerscheinung dieses Bücherfrühlings. Normalerweise ist es nicht mein Ding, da jetzt ins gleiche Horn zu tuten und die dreihundertste Meinung beizusteuern. Doch das Buch hat mich immer wieder angelächelt, und als es jetzt als Lizenzausgabe bei der Büchergilde erschien, habe ich zugegriffen und bin sofort eingestiegen.

Im Prinzip ist dieser Roman das perfekte Buch. Denn hier wird mir all das geboten, weswegen ich so gerne lese. Ich tauche gerne in Geschichten ein, lasse mich vereinnahmen und fesseln. Das gelingt Lüscher bereits auf den ersten Seiten. Locker und erzählerisch gekonnt führt er uns in die philosophische Thematik und die Welt seiner intellektuellen Protagonisten ein. Nichts ist, wie zunächst befürchtet, schwer oder sperrig. Ganz im Gegenteil, es liest sich locker und unterhaltsam. Und mit dieser Leichtigkeit führt uns Lüscher auch zu den komplexeren Überlegungen, die Richard Kraft unternimmt, um der Preisfrage gerecht zu werden. Und jeder, der gerne liest, um über sich, die Welt und das, was sie zusammenhält, mehr zu erfahren, kommt hier ebenfalls voll auf seine Kosten. Auch wenn ich Kraft bei seinen mitunter langatmigen Überlegungen nicht immer folgen konnte, so habe ich mich doch mit großer Freude dieser Aufgabe gestellt und einiges für mich herausgezogen.

Und dann sind da noch die Charaktere, die aus einer Ansammlung von Überlegungen und Theorien erst einen richtigen Roman machen. Kraft und sein Studienfreund Ivan, die gescheiterten Beziehungen zur mütterlichen Ruth, der schweigsamen Johanna und der spöttischen Heike. Die vier Kinder, die Stanford-Elite-Studenten, der egozentrische Milliardär. Lüscher braucht nicht viel Raum, um seine Figuren zu skizzieren. Im Zentrum natürlich die Hauptfigur, Professor Dr. Dr. Richard Kraft, angesehener Wissenschaftler, Nachfolger des legendären Walter Jens auf dem Tübinger Rhetorik-Lehrstuhl. So respekt- und ehrfurchtgebietend seine gesellschaftliche Stellung auch ist, so jämmerlich kommt der Professor als Mensch daher. Eine tragische Figur, die trotz aller Begabung und intellektueller Fähigkeiten am Leben gescheitert ist. So etwas authentisch und ohne Brüche darzustellen, ist schon eine große Kunst, braucht viel Einfühlungsvermögen, Know-how und erzählerisches Talent.

Und als letzten Aspekt möchte ich noch den Kontext erwähnen, der dieses Werk zu einem für mich perfekten Roman macht. Die Geschichte bewegt sich auf einer Zeitachse von den frühen Achtziger Jahren bis heute; beleuchtet die unterschiedlichen Strömungen der Bonner Republik über die Zeit der Wende bis jetzt. Der Sturz der Regierung Schmidt, die lange Ära Kohl, die Hoffnungen und Enttäuschung durch Schröder. Ich bin nie politisch besonders aktiv gewesen, aber wenn überhaupt, dann genau in dieser Zeitspanne. Auch ich habe in den Achtzigern an der FU Berlin studiert, die linksalternative Studentenschaft erlebt und kann mir gut vorstellen, wie Typen wie Kraft und Ivan mit ihren konservativ, wirtschaftsliberalen Ansichten ausgegrenzt wurden.

Und so habe ich das Buch am Ende zugeklappt und mich gefreut, dass alles, was darin ist, gut ist, obwohl ich an der einen oder anderen Stelle durchaus noch Verbesserungspotenzial sehe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: C.H. Beck / Büchergilde (liz.)
237 Seiten, 19,95 €

Leserbrief #10

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Lieber Sven,

den ganzen Tag suche ich schon nach einem passenden Vergleich. Es gibt genügend Beispiele aus allen Lebensbereichen, passiert ja seit Jahrhunderten leider immer wieder, dass ein Ausnahmetalent, ein echter Hoffnungsträger seine Seele verkauft. Für den schnellen Erfolg, den schnöden Mammon, für was auch immer. Im Musikbereich denke ich sofort an Coldplay, beim Sport an Mario Götze und Lukas Podolski und all die anderen, die zum FC Bayern wechselten. In meinem persönlichen Umfeld denke ich da jetzt auch an dich.

Dein erster Roman ist seit Freitag auf dem Markt. Dunkels Gesetz, ein Krimi – oder wie der Verlag sagt: „Ein moderner Noir ― für alle Fans großer Spannungsliteratur; geschrieben in den Zeiten von True Detective und Breaking Bad.“ Ok, ich kenne weder True Detective noch Breaking Bad und stehe jetzt auch nicht unbedingt auf Spannungsliteratur. Dafür kenne ich deinen grandiosen Kurzgeschichtenband Asche und die Punchdrunk-Geschichten und weiß daher, was du drauf hast. Deswegen kann ich echt nicht nachvollziehen, wie das hier passieren konnte.

Wenn ich daran zurückdenke, wie begeistert ich war, als ich deine ersten Kurzgeschichten las. Selten hat mich etwas so aufgewühlt, ich hatte Gänsehaut, einen Kloß im Hals, Tränen in den Augen – alles. Ich musste allen davon erzählen, meine Begeisterung teilen und ich hab mich gefreut, dass andere das auch so sahen. Das ist alles noch gar nicht so lange her. Und jetzt das.

Natürlich war ich nicht gerade erfreut, als ich hörte, in welche Richtung es gehen würde. Nichts Literarisches, sondern Genre. Schade eigentlich, aber klar, mit Spannung kann man natürlich mehr Geld verdienen. Große Stadien statt kleine Clubs, Championsleague statt 2. Bundesliga. Kann ich verstehen, hätte ich vielleicht auch so gemacht. Außerdem kann man ja auch im Genre-Bereich durchaus literarisch unterwegs sein. Das war meine Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob du diesen Spagat überhaupt versucht hast. Wenn ja, dann ist dir das nicht gelungen. „Dunkels Gesetz“ ist weder spannend noch besonders literarisch und wirkt auf mich wie ein ambitionierter aber insgesamt doch schlechter Sonntagabend-Tatort. Der Plot mühsam konstruiert und letztlich lahm, viel zu viele nicht trennscharfe Charaktere, kryptische Macho-Slang-Dialoge, sinnloses Gemetzel und auch sprachlich konnte es mich diesmal nicht überzeugen. Ich weiß, dass du dich um einen reduzierten Sprachstil bemühst. Nichts Überflüssiges, kein Wort, kein Adjektiv zu viel. Subjekt, Prädikat, Objekt. Hauptsatz und maximal ein Nebensatz, keine weiteren Verschachtelungen. Derart skelettiert wirken die Sätze aber auch wie tot. Wenn dann noch jeder zweite Satz mit Er oder Sie anfängt, wirkt das schnell eintönig und leider auch einfallslos.

Nein, da waren deine Kurzgeschichten einfach besser. Man hat gemerkt, dass die Storys aus dem Bauch kommen, dass du fühlst, was du da schreibst. Diese Authentizität fehlt mir hier. Dieser Roman ist eine Kopfgeburt, auf ein Format getrimmt, wie eine Auftragsarbeit für eine bestimmte Zielgruppe getextet und daher irgendwie seelenlos. Vielleicht ist die längere Prosa aber auch einfach nur das falsche Format für dich.

Ich habe wirklich lange nachgedacht, ob ich dir das alles überhaupt schreiben soll. Denn ich mag dich ja und weiß, dass du das nicht gerne lesen wirst. Auf der anderen Seite ärgert mich dieses Romanprodukt so sehr, dass ich mir einfach den Ärger von der Seele schreiben musste. Was soll ich hier schweigen oder gute Miene zum schlechten Roman machen, wenn dem nicht so ist. Lieber direkt sagen, was Ambach ist. Und überhaupt: Wer von anderen mehr Authentizität einfordert, sollte sich dem nicht selber entziehen.

Lieber Sven, egal ob dich das interessiert und du das jetzt hören willst: ich habe dir jedenfalls offen und ehrlich gesagt, was ich zu deinem Debüt zu sagen hatte. Natürlich ist das alles sehr subjektiv und von meiner persönlichen Enttäuschung geprägt. Das gebe ich gerne zu. Daher auch keine Rezension, sondern dieser Leserbrief.

Also, nichts für ungut, alter Zosse.

Es grüßt vom Niederrhein ins Rheinland
dein immer noch größter Kurzgeschichten-Fan aus dem Buchrevier

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Juli Zeh – Nullzeit

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Wer hätte gedacht, dass ich einmal Fan einer Autorin wie Juli Zeh werden würde. Doch in den letzten zwei Jahren habe ich einiges dazugelernt, unter anderem, weniger oberflächlich zu sein, nicht alles nach Schema F in Schubläden zu packen, Menschen, auch wenn sie anders sind als ich, einfach mal so anzunehmen. Vielleicht ist es das Alter, so eine präsenile Leck-mich-am-Arsch-Stimmung. Irgendwann hört man einfach auf, sich über Dinge aufzuregen. Vielleicht hat es aber auch ganz andere Gründe. Noch mal was Neues ausprobieren, eingefahrene Denkmuster verlassen, Sympathie und Antipathie infrage stellen.

Wie dem auch sei. Nach dem Bestseller „Unterleuten“ habe ich jetzt schon den zweiten Roman dieser Autorin gelesen und bin zum zweiten Mal ziemlich begeistert. „Nullzeit“ ist aus dem Jahr 2012 und nicht bei ihrem aktuellen Verlag Luchterhand, sondern noch bei Schöffling erschienen und gerade mal 250 Seiten dick. Juli Zeh ist ja gesellschaftspolitisch sehr aktiv und engagiert. In ihren Romanen merkt man glückerlicherweise nur wenig davon. Hier und da schwingt mal zwischen den Zeilen etwas Sozialkritik mit, aber das war es auch schon. Ansonsten beschäftigt sie sich in erster Linie mit den Facetten des Zwischenmenschlichen. Bei diesem Werk soll es sich laut Klappentext sogar um einen Krimi oder Thriller handeln. Kannst du ja mal einschieben, dachte ich mir, und bin mit diesem Backlisttitel in den Urlaub gestartet. Ich hatte insgesamt fünf Bücher für zwei Wochen dabei; bis auf Nullzeit alles ziemlich dicke Schinken von 500 Seiten und mehr. Natürlich habe ich gerade mal eines der dicken Dinger geschafft und dann noch dieses hier, weil es dünner war, weil es Spannung versprach und weil es von Juli Zeh war – meiner neuen Lieblingsautorin.

Ohne es zu ahnen, hatte ich mit Nullzeit die perfekte Urlaubslektüre eingepackt. Denn der Roman spielt auf Lanzarote und handelt von einem ungleichen deutschen Paar auf Tauchurlaub. Und was gibt es Schöneres als mit einem Buch am Meer zu sitzen, auf Fischerboote und badende Kinder zu schauen und eine Geschichte über Menschen zu lesen, die gerade das Gleiche tun? Ein Mann liest ein Buch über einen Mann, der ein Buch liest – Realität und Fiktion im perfekten Einklang.

Das tauchende Protagonisten-Pärchen sind Theo und Jola. Er ein mittelalter Schriftsteller, der gerade mal einen mäßig erfolgreichen Roman veröffentlicht hat. Sie eine blutjunge Serienschauspielerin aus gutem Hause, die auf ihren Durchbruch als ernsthafte Schauspielerin wartet. Dann ist da noch Sven, ein ehemaliger Jurastudent, der nach dem ersten Staatsexamen eine aussichtsreiche Juristen-Karriere gegen ein Aussteigerleben als Tauchlehrer auf den Kanaren eintauschte. Theo und Jola führen eine Beziehung à la Richard Burton und Liz Taylor – sie küssen und sie schlagen sich. Und natürlich entwickelt sich nach kurzer Zeit auch etwas zwischen Jola und dem Tauchlehrer, was natürlich Theo nicht verborgen bleibt und auch nicht gut gehen kann. Denn da sind gemeinsame Tauchgänge, bei denen es darauf ankommt, dass jeder im Team dem anderen vertraut.

Eigentlich eine ziemlich vorhersehbare Geschichte. Aber Juli Zeh wäre nicht Juli Zeh, wenn sie in diese nur zu offensichtliche Mainstream-Falle tappen würde. Nein, eine leidenschaftliche Affäre zwischen dem Tauchlehrer und seiner Schülerin und ein anschließendes Eifersuchtsdrama unter Wasser wären viel zu naheliegend. Aber keine Affäre zwischen Sven und Jola wäre auch keine Lösung gewesen. Und so konstruiert Juli Zeh ein literarisches Zwischenstadium, eine Nicht-Affaire, eine andeutungsreiche Liebelei mit viel Hin und Her, bei der wir Leser durch unterschiedliche Sichtweisen stets im Unklaren gelassen werden. Am Ende kommt es so, wie ich lebenserfahrener Fuchs es schon geahnt habe.

Man merkt vielleicht schon, dieser Roman ist mehr als nur eine spannende Strandlektüre mit einem Schuss Erotik und ein paar touristischen Bezügen. Nullzeit ist intelligent konstruiert und zeichnet sich durch das aus, was Juli Zeh nahezu perfekt wiederzugeben versteht. All die Facetten des Zwischenmenschlichen – die Hoffnungen und Wünschen, die Ängste und Abgründe, das Hässliche aber auch das Liebenswerte am Menschen.

Und deswegen bin ich jetzt großer Fan, habe mir noch drei weitere Romane von Juli Zeh besorgt und frage mich gerade, ob ich mittlerweile sogar bereit dazu wäre, einen Roman von Marlene Streeruwitz zu lesen. Ja, warum eigentlich nicht?

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Schöffling & Co.
254 Seiten, 19,99 € (Taschenbuch bei btb, 9,99 €)

 

5 Tipps für mehr Lesezeit im Urlaub

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Sie wollen im Urlaub viele Bücher lesen? Dann sollten sie unbedingt folgende Punkte beachten.

1. Bereits zu Hause starten

Es empfiehlt sich, nicht erst am Ferienort mit der Urlaubslektüre zu starten. Der letzte Arbeitstag sollte immer auch der erste Urlaubslesetag sein. Bitten Sie doch einfach Ihren Partner, wenn er schon dabei ist, den Koffer doch auch gleich für Sie mit zu packen. So entspannen Sie von Anfang an und starten mit dem guten Gefühl, schon ein gutes Stück des vorgenommenen Lesepensum geschafft zu haben. Gewonnene Lesezeit: bis zu acht Stunden.

2. Das richtige Reiseziel

Wer im Urlaub viel Lesen will, sollte nicht in die Berge fahren, keinen Aktivurlaub und keine Städtetour unternehmen. Je weniger es zu entdecken gibt, desto besser. Sonne, Meer und eine karge, steinige Landschaft bieten ideale Voraussetzungen für einen geruhsamen Leseurlaub. Noch besser ist es, wenn das Wetter unbeständig ist, es idealerweise viel regnet und man gezwungen ist, den ganzen Tag im Hotel oder Appartement zu verbringen. Beste Bedingungen bieten hierfür Reiseziele an der Nord- und Ostsee in der Vor- und Nachsaison. Achten Sie auch darauf, dass Sie sich nicht selbst verpflegen müssen. Denn man glaubt gar nicht, wieviel Zeit fürs Einkaufen, Kochen und Abwaschen draufgeht. Gewonnene Lesezeit: ca. 20 Stunden.

 3. Anreise genau planen

Reisen Sie auf keinen Fall mit dem Auto, Motorrad oder Wohnmobil, denn wer selber steuert, kann nicht lesen. Wenn sie fliegen, fliegen sie nachts. Wenn das nicht geht, reservieren Sie sich einen Gang- oder Mittelplatz, dann droht keine Ablenkungen durch einen Blick aus dem Fenster. Seien Sie nicht erst zwei Stunden vor Abflug, sondern bereits drei oder vier Stunden vor dem Boarding am Gate. Wenn sich dann der Start noch um zwei Stunden verzögert, haben Sie gute Chancen, die erste Reiselektüre noch vor Ankunft am Urlaubsort ausgelesen zu haben. Prüfen Sie, ob der Urlaubsort nicht auch per Zug, Bus oder noch besser per Schiff erreichen ist. Gewonnene Lesezeit: bis zu 30 Stunden und mehr.

 4. Der richtige Reisepartner

Wieviel sie im Urlaub letztendlich lesen können, hängt ganz entscheidend davon ab, mit wem sie verreisen. Die Auswahl der zur Verfügung stehenden Reisepartner ist aber oftmals sehr eingeschränkt und meist alternativlos. Wer einen festen Partner hat, verreist in der Regel mit ihm. Langjährige Partnerschaften sind hier zu bevorzugen. Je weniger geredet wird, desto mehr Zeit bleibt für die Lektüre. Mit einer neuen, erst wenige Monate andauernden Beziehung in den Urlaub zu fahren, ist dagegen nicht so ratsam. Da kann alles mögliche passieren, nur gelesen wird in diesen Fällen eher weniger. Genauso wenig empfiehlt es sich, mit einem befreundeten Ehepaar oder Familie zu verreisen. Ständig sitzt man dann zusammen, erzählt, unternimmt zwanghaft irgendetwas. Wer also Wert darauf legt, bereits am Frühstückstisch ungestört zu lesen, fährt am besten alleine in den Urlaub. Single-Reisen sind die ultimativen Lesereisen. Gewonnene Lesezeit: bis zu 400 Stunden.

 5. Nervfaktor Kinder

Kinder sind ja schon daheim die größten Lektüreverhinderer. Ständig wird irgendetwas gefragt, andauernd ist ihnen langweilig, immer wieder weigern sie sich, einfach mal ein paar Stunden so zu tun, als wären sie gar nicht da. Im Urlaub können sie mit ihrer unselbständigen Vergnügungssucht die zur Verfügung stehende Lesezeit der Eltern auf Null reduzieren. Daher gilt: Wer im Urlaub viel lesen will, sollte ohne Kinder verreisen. Wenn das nicht geht, bleibt nur der Ausweg eines All-Inklusive-Resorts mit einer rund um die Uhr Kinderbespaßung. Auf keinen Fall sollte man im Urlaub den Versuch wagen, dem computerspielsüchtigen Nachwuchs eine digitale Auszeit zu verordnen, um ihn für das analoge Medium Buch zu begeistern. Stattdessen gehören die Playstation, ein Stapel neue Ballerspiele und ein Set Kopfhörer unbedingt in jeden Familienreisekoffer. Gewonnene Lesezeit: ca. 50-80 Stunden.

Wenn Sie diese fünf Tipps beachten, können Sie das Maximum an Lesezeit aus Ihrem Urlaub herausholen. Ach ja, das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen: Reservieren Sie sich möglichst früh am Morgen mit einem Handtuch Ihre persönliche Leseliege am Pool.

Buchrevier wünscht einen schönen Urlaub.

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Foto: Gabriele Luger