Die besten Romane 2019 (Teil 1: Autorinnen)

Ich habe in diesem Jahr viele tolle Romane von Frauen gelesen. Hier meine sieben besten Bücher des Jahres:

Isabel Bogdan – Laufen 

Was mir aufgefallen ist: Schreiben ist gar nicht so viel anders als Laufen. Bei beidem gilt: einfach anfangen, alle Stop-Signale von Körper und Geist ignorieren und stur auf das tägliche Ziel zusteuern. Und irgendwann – man muss nur daran glauben – fällt all die Schwere von einem ab und es läuft. Auf der Straße, auf dem Papier.

Wer Isabel Bogdan auf Facebook abonniert hat, weiß, dass sie es beim Schreiben von „Laufen“ genauso gemacht hat. Hinsetzen, machen. Alles ausblenden, sich abschotten, fokussieren und durchbeißen. Ein Ziel haben und drauf losstürmen. Zweifel und Blockaden einfach wegschreiben. Ein ein aus aus aus. Nicht denken, nur atmen und schreiben. Luft wird bewegt, immer wieder rein und raus aus dem Körper. Und mit jedem Atemzug kommen schließlich die Sätze, kommen von ganz allein; ein Gedanke folgt dem nächsten und am Ende ist es vollbracht: ein 200-seitiger Bewusstseinsstrom, atemlos, wuchtig und voll mit den stärksten Emotionen am Markt: Liebe, Trauer, Ängste, Verzweiflung. Und damit es nicht nicht unerträglich wird, kommen irgendwann auch Hoffnung, Zuversicht und schlussendlich auch wieder Liebe dazu. The Circle of Life.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der Spiegel Bestseller-Autorin mit ihrem zweiten Roman ein echtes literarisches Meisterstück gelungen ist. Ganz anders als ihr seichtes Schmunzel-Debüt, hat mich „Laufen“ tief bewegt. Ich war oft den Tränen nah, bin Seite für Seite atemlos mitgelaufen; immer wieder die Runde um die Außenalster, bis auch mir alles weh tat. Ein rauschhaftes Leseerlebnis, das man nur schwer beschreiben kann. Man muss schon selber laufen, äh… lesen.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
208 Seiten, 20,00 €

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Elena Ferrante – Tage des Verlassenwerdens

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Ferrante-Fan, und ich steh dazu. Doch das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren gehörte auch ich zu denen, die den aufkommenden Hype mit Kopfschütteln und verschränkten Armen verweigerten. Aber über den Umweg Hörbuch hat mich das #ferrantefever dann doch noch gepackt und seither bin ich infiziert. Und dieser Roman hier, von dem ich gar nicht weiß, ob er jetzt ein Früh- oder Spätwerk ist, vor oder nach der neapolitanischen Saga geschrieben wurde, hat mich noch mal mehr in meinem Urteil bestätigt. Elena Ferrante ist eine der ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit und für mich persönlich die Autorin, die mir die weibliche Sichtweise auf die kleinen und großen Dinge im Leben bisher am eindringlichsten und sympathischsten vermittelt hat.

Und während ich das schreibe, frage ich mich, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, von einer weiblichen Sichtweise zu sprechen. Gerade Ferrante bricht in ihren Romanen doch immer wieder mit dem traditionellen Frauenbild der warmherzigen, Pasta kochenden Mama. Auch in diesem Roman ist die Protagonistin Olga, die von ihrem Mann für eine zwanzig Jahre jüngere Frau verlassen wird, alles andere als warmherzig, sondern einfach nur enttäuscht, wütend und verzweifelt. Und wie tief man in so einer Situation fallen kann, wie egal einem alles wird, selbst die eigenen Kinder, das vermittelt einem Ferrante mit solch einer eindringlichen Kraft, dass es einen beim Lesen nahezu umhaut. Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil ich die beklemmende Stimmung kaum ertragen konnte. Keine zwei Minuten später hatte ich es wieder in der Hand und las weiter. Ein zutiefst verstörender Roman, der von einigen jungen Rezensenten als übertrieben und grenzüberschreitend bezeichnet wurde. Ich dagegen finde dieses Buch einfach nur grandios, weil es so mutig und kompromisslos ehrlich ist.

Verlag: Suhrkamp
252 Seiten, 22,00 €

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Daniela Krien – Die Liebe im Ernstfall

Ich glaube, ich bin einer der wenigen Männer in meinem Umfeld (online und offline sowieso), die dieses Buch gelesen haben. Denn Titel, Aufmachung und Inhalt erwecken den Eindruck, dass es sich hier um ein typisches Frauenbuch handelt. Das wird nochmals verstärkt, wenn im Buchhandel Daniela Kriens blumig gestalteter Vorgängerroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ direkt daneben liegt. Aber weit gefehlt.

Denn obwohl es in den fünf geschilderten Frauenschicksalen dieses Romans immer wieder um die Liebe an sich und die verschiedenste Arten, an ihr zu scheitern geht, ist dies alles andere als ein herkömmlicher Liebesroman. Und das allein schon deshalb, weil nichts an diesen Geschichten trivial ist. Keine Klischees, keine Plattitüden, keine Allerwelts-Figuren, sondern starke und interessante Frauencharaktere, die eigentlich nichts gemeinsam haben, außer sich überschneidende Lebenslinien. Beim Lesen habe ich mich nacheinander in jede einzelne dieser fünf Frauen verliebt. In die traurige Paula genauso wie in die einsame Judith, die anstrengende Brida, die weiche Malika und auch die erfolgreiche Jorinde. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, ich habe mit ihnen gelacht und gelitten, und doch weiß ich ganz genau: Auch ich hätte sie als Mann nicht wirklich glücklich gemacht.

Verlag: Diogenes
288 Seiten, 22,00 €

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Karen Köhler – Miroloi

Wer bei Miroloi erwartet hat, einen feministischen Roman zu lesen, wird zweifellos enttäuscht sein. Ich weiß gar nicht, woher diese vielfach geäußerte Erwartungshaltung kommt, aber es ist definitiv kein feministisches Buch. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es in Miroloi um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich selbst nicht verliert.

Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Und ist der Schalter erst einmal umgelegt, dann packt es einen mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

Verlag: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

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Katja Oskamp – Marzahn, mon Amour

Ohne meine kleine literarische Online-Blase, wäre dieses wunderbare Buch wohl komplett an mir vorbeigegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil alle sechs Monate so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es doch so viele andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt.

Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

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Leila Slimani – All das zu verlieren

Und natürlich darf Leila Slimani mit ihrem neuesten Roman in dieser Liste nicht fehlen. Denn diese Autorin hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Wie schon beim Vorgängertitel hat man nach der Lektüre  auch dieses Romans das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück.

Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin.

Verlag: Luchterhand
224 Seiten, 22,00 €

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Sibylle Berg – GRM: Brainfuck.

Sibylle Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

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Titelfoto: Gabriele Luger

Eugen Ruge – Metropol

3

Mein Gott ist das alles schon lang her. Die UDSSR – wer von den unter Vierzigjährigen kennt überhaupt noch diese Abkürzung? Wer weiß noch, was ein Sowjet, ein Bolschewik, die NKWD, der Warschauer Pakt oder ein Gulag war? Alles Begriffe, die in meiner Jugend tagtäglich durch die Nachrichten gingen. Und nun – alles vorbei und vergessen. Der ganze Schrecken, die Ängste, die Toten, die existenziellen Nöte von Millionen Menschen sind mit einem Fingerschnipp verschwunden. Aber im Moskauer Hotel Metropol, dem Ort, wo Ende der 1930er Jahre Eugen Ruges neuester Roman spielt, ist dieser Schrecken noch allgegenwärtig. Stalin machte damals gerade reinen Tisch, die große Parteisäuberung stand an, der hunderttausende kleine und große Funktionäre zum Opfer fielen. Keiner war mehr sicher, jederzeit konnte die NKWD an deine Tür klopfen und dich mitnehmen. Verdacht auf volksfeindliche Aktivitäten, so lautete die Anklage. Und das Urteil: Tod durch Erschießen.

Am Anfang hatte ich Probleme reinzukommen. Aber nach einiger Zeit war ich drin, konnte alle Personen zuordnen, die Geschichte nahm Fahrt auf und hat mich vollkommen eingesogen. Drei, vier Tage konnte ich nicht von diesem Buch lassen. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause habe ich es als Hörbuch gehört (gelesen von Ulrich Noethen!!), abends auf dem Sofa dann im gedruckten Buch weitergelesen. Und am Ende war ich genauso begeistert, wie damals im Jahr 2011 von Ruges buchpreisgekröntem Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

In Metropol erzählt Eugen Ruge die Geschichte seiner Großmutter, die zusammen mit Ruges Stiefopa viele Jahre beim OMS, dem Geheimdienst der Kommunistischen Internationale gearbeitet hat und eines Tages von der KPDSU-Parteiführung ins mondäne Hotel Metropol bestellt wurde. Dort blieben sie mehr als ein Jahr, bis über ihre Angelegenheit entschieden wurde. Andere OMS-Kollegen wurden nachts aus ihren Zimmern gezogen und waren fortan verschwunden. Charlotte und Wilhelm rechnen mit dem Schlimmsten, gehen jede Nacht angezogen und mit gepackten Koffern ins Bett. Horchen auf die Geräusche auf dem Flur, bangen, beten, wachen morgens erleichtert auf und schauen, wer von den Genossen nicht mehr zum Frühstück erscheint.

Man taucht ein in die Paranoia der Funktionäre, spürt die Ohnmacht, spürt, dass man nichts machen kann, erlebt dass auch die linientreuesten Kader nicht verschont werden, dass es quasi ein Glücksspiel ist, ob man überlebt oder nicht. Also bloß nicht auffallen, nicht mit jemandem in Verbindung gebracht werden, der mit jemandem in Verbindung gebracht wird, der unter Verdacht steht. Am besten überhaupt mit niemand in Verbindung stehen. Stillhalten und hoffen. Mehr kann man nicht tun.

Wenn es einem Autor gelingt, mich als Leser so ins Setting zu ziehen, dass ich die geschilderten Stimmungen, Gefühle und Ängste, ja selbst die Kälte, den Regen und die Gerüche am eigenen Leib empfinde, hat er mehr als einen guten Job gemacht. Denn so leicht kriegt man mich normalerweise nicht. In den meisten Fällen bewahre ich mir eine gewisse kritische Distanz, bin gerne nur der Beobachter, einer der nur gucken will und nicht anfassen.

Bei diesem Buch bin ich angefasst worden: von der Brutalität zeitgeschichtlicher Ereignisse, von dem, was Menschen sich immer wieder antun, von Macht und Ohnmacht. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie fragil alles ist – Recht, Ordnung, Ideale, das Leben. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist und doch irgendwie liebenswert. Und noch etwas hat dieser Roman gezeigt: dass Eugen Ruge ein ganz hervorragender Schriftsteller ist.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag : Rowohlt
432 Seiten, 24,00 €

Hörbuch: Argon Verlag
12:29 h, gelesen von Ulrich Noethen

Norbert Scheuer – Winterbienen (Hörbuch)

2

Nobert Scheuer – Scheuer, Scheuer… da war doch was. Ganz dunkel meine ich, mich zu erinnern. Hat er sich nicht im Rahmen der Bloggerpatenaktion der Leipziger Buchmesse im Jahr 2015 ziemlich arrogant und abschätzig gegenüber Buchblogs geäußert? Das tue ich zwar hin und wieder auch, aber wenn ich das mache, ist das etwas anderes. Egal – ich erwähne das, um zu verdeutlichen, wie meine Erwartungshaltung bei diesem Hörbuch war. Ich wollte eigentlich nur kurz reinhören, Winterbienen schlecht finden und ebenfalls abschätzig und arrogant darüber urteilen. Doch dann gefiel mir das, was ich da hörte, ausgesprochen gut. Also keine Chance für eine Retourkutsche.

Bemerkenswert ist vor allem der Sprecher Stefan Kaminsky mit seiner sehr speziellen Intonation. Er liest das Buch beinahe wie einen Nachrichtentext. Daraus ergibt sich beim Zuhörer ein gewisser Abstand zu dem Erzählten, den ich in diesem Fall als sehr angenehm empfunden habe. Winterbienen stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und hätte einen respektablen Gewinner abgegeben, wenn da nicht Saša Stanišić einen etwas zeitgemäßeren, persönlicheren aber in meinen Augen keinesfalls besseren Roman geschrieben hätte. Ich weiß nicht, wie ich mich als Buchpreisjuror entschieden hätte. Wahrscheinlich auch für Stanišić, weil er einfach der Schriftsteller mit der größeren Reichweite ist und auch bei einer jungen Lesergruppe große Sympathien hat. Scheuer wirkt dagegen fast schon langweilig, ist mehr so der Typ verschrobener Eremit, ohne Twitter Account und gesellschaftspolitisches Sendungsbewusstsein. Aber eigentlich geht es beim Deutschen Buchpreis ja darum, den besten Roman des Jahres auszuzeichnen und nicht den angesagtesten Autor – eigentlich. Doch lassen wir das.

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesem Roman um Bienen. Sie schwärmen herum und verbinden zwei Zeitebenen miteinander: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Ich-Erzähler, die vom Januar 1944 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs reichen. Er ist Imker in der Eifel und übersetzt als ehemaliger Lateinlehrer die Aufzeichnungen des Benediktinermönches Ambrosius, der im 15. Jahrhundert bereits am gleichen Ort Bienen züchtete – das ist der zweite Erzählstrang, der aber nur eine eher auflockernde Aufgabe hat. Wenn man beim Zuhören für ein paar Augenblicke anderen Gedanken nachhängt, kann es leicht passieren, dass man sich in den Ebenen verirrt. Das habe ich aber gar nicht als störend empfunden, denn durch das Episodenhafte der Erzählung findet man schnell wieder rein.

Es sind viele Aspekte, die dieses Hörbuch sehr hörenswert machen. Neben dem bereits erwähnten Sprecher ist es die Geschichte an sich, sind es die Einblicke in die Familie des Protagonisten, die abgelegene Eifel-Landschaft, die Bienenzucht, der Krieg, die Dorfgemeinschaft, die Epilepsie, der heldenhafte Bruder, die amourösen Affären, die geschleusten Flüchtlinge, die alten Bücher und Aufzeichnungen aus dem Kloster und der Zusammenbruch des Dritten Reichs. Man muss schon ein wirklich erfahrener Autor sein, um sich in diesem Themen- und Zeitenmix nicht zu verheddern und den Erzählfaden zu verlieren. Nobert Scheuer ist so ein Routinier, der seine Leser bzw. Hörbuch-Konsumenten mit virtuoser Leichtigkeit durch alle Ecken und Winkel seines Settings leitet.

Und natürlich kommt man nicht umhin, die komplexe Organisationsstruktur eines Bienenvolkes, in die man von Scheuer behutsam eingeführt wird, mit der des Menschen zu vergleichen. Die Königin, die Arbeitsbienen, die männlichen Drohnen – wenn man von oben auf unsere Welt blickt, dann unterscheidet sich die menschliche Geschäftigkeit nicht so sehr von der eines Bienenvolks. Scheuer sagt das zu keiner Zeit, macht diesen Biene-Mensch-Vergleich nicht auf und verfällt nicht der Versuchung, hier mit platten Allegorien zu kommen. Auch daran erkennt man den Routinier. Nein, das habe ich mir ganz allein so zurechtgerecht gedacht, das alles ist in meinem Kopf beim Zuhören passiert. Vielleicht sollte ich doch mal Maja Lundes Geschichte der Bienen lesen.

So einzigartig dieser Roman auch in seiner Zusammensetzung ist, die einzelnen Bestandteile sind vielfach bewährt. Familie sowie Natur und Landschaft sind als Romanthemen gerade schwer angesagt. Auch die letzten Kriegsmonate in einer ländlichen Region als Romansetting zu wählen, ist alles andere als neu. Winterbienen reiht sich da in eine lange Abfolge großer Romane ein, von denen mir ganz besonders die letzten Werke von Ralf Rothmann und Arno Geiger besonders positiv in Erinnerung geblieben sind. Wer diese beiden Autoren mag, wird auch an Norbert Scheuer großen Gefallen finden.

Während ich das hier schreibe, fällt mir plötzlich auf, dass es gar nicht Norbert Scheuer war, der sich damals so negativ über Blogger geäußert hat. Ja genau, das war nämlich Michael Wildenhain, ebenfalls mittellanges Haar und mittelalt und auch ohne Twitter-Account. Muss gleich mal gucken, ob er auch was Neues und hoffentlich richtig Schlechtes veröffentlicht hat, über das ich dann ein wenig abschätzig und arrogant urteilen kann.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch: C.H. Beck Verlag
Sprecher: Stefan Kaminsky
Dauer: 6 h, 6 min

 

Karen Köhler – Miroloi

7

Ich habe bei diesem Buch nahezu alle Phasen durchgemacht – alles, was man als Leser so empfinden kann. Es begann mit Warten. Fünf lange Jahre mussten sich ihre Fans, zu denen auch ich gehöre, gedulden. Ich fragte mich: Was macht sie nur so lange? Warum kommt da nichts nach? Hat der Erfolg ihres Erstlings sie schreibblockiert? War der Druck zu groß? Sollte „Wir haben Raketen geangelt“ tatsächlich nur ein One-Hit-Wonder bleiben? Dann im Frühjahr die erlösende Nachricht und ab sofort große Vorfreude: Im Sommer kommt was Neues. Keine Stories, sondern diesmal die Königsdisziplin: ein Roman. Und nicht irgendeiner sollte es sein, sondern ein großer Wurf, einer, für den sich das Warten lohnt. Ein immer wieder aktuelles Thema, eine starke Botschaft, ein ganz besonderes Setting und das alles im unnachahmlichen Köhler-Style. Ja! Klingt gut. Will ich haben. Sofort.

Dann war endlich Sommer, der Roman da und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich ihn überhaupt noch lesen wollte. Zuviel Timeline-Präsenz, zu viel Applaus von zweifelhafter Seite, zu viel Schmusi-Busi für die wunderbare Karen Köhler. So ein Hype weckt sofort den „grumpy man“ in mir. Ich kann nichts dafür, es ist fast schon eine Art Reflex. Ich verschränke die Arme vor der Brust und sage: nein. Ich verkrampfe und verweigere mich, will auf gar keinen Fall zur Jubelmasse dazugehören. Kindisch, ich weiß. Aber wem soll ich hier was vormachen?

Und dann kam auch noch Deutschlandfunk-Redakteur Jan Drees. Zunächst mit der Entdeckung eines simplem Grammatikfehlers, irgendwas war falsch dekliniert, dann mit der Frage, warum sich die Literaturkritik überhaupt mit einem Werk auseinandersetzt, das eindeutig keine gehobene Literatur, sondern allenfalls bessere Unterhaltung oder sogar nur ein Jugendroman ist. Andere schlossen sich ihm an und schon war auch der zweite Hanser-Spitzentitel des Jahres vom Feuilleton zum Abschuss freigegeben. Dachte ich, aber bevor es richtig losgehen konnte, kam die Longlist-Platzierung der Buchpreis-Jury für Miroloi und merkwürdigerweise beruhigten sich die Gemüter sofort wieder. Noch nicht mal der eine Blog, der normalerweise genüsslich auf jeden noch so mickrigen Debatten-Zug aufspringt, stieg hier mit ein. Vielleicht ja aus Respekt vor dem Preis, aber wer hat in dieser Branche schon Respekt vor einem Preis?

So kam es, dass ich nun doch das Verlangen verspürte, dieses Buch unbedingt lesen zu wollen. Aus alter Sympathie, neu geweckter Neugierde, aus Respekt vor dem Preis und natürlich, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Und selbstverständlich war ich nicht unvoreingenommen. Als zweifelnder Fan, fast schon Ex-Fan bin ich eingestiegen und habe natürlich auch auf fast jeder Seite etwas gefunden, was mir nicht gefallen hat. Eine schräge Metapher, Sätze mit einem Tacken zu viel an Emotion, der bereits entdeckte Grammatikfehler, ein etwas zu naiver Kinderdialog, der Gebrauch der dritten Person Plural im Sinne von „die da oben“. Aber ich hab trotzdem immer weiter gelesen, bis ich an eine Stelle kam, wo ich beinahe ausgestiegen wäre. Und zwar als es in der 45. Strophe zwischen dem Bethausschüler Yael und der namenlosen Protagonistin intim wurde. Das war so ein klassischer Fremdschämmoment. Die Sex-Szene ist so uuuh… ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll. Das Wording ist jedenfalls so gar nicht meins. Wenn eine Frau in intimen Situationen so sprechen würde, wäre bei mir sofort tote Hose.

Aber das soll es mit der Kritik auch schon gewesen sein. Kommen wir dazu, was mir an diesem Roman richtig gut gefallen hat. Und das ist eine ganze Menge. Auf dem Blog Fuxbooks habe ich eine sehr treffende Formulierung gefunden: Die Bloggerin Anne Sauer hat sich trotz mehrfach  hochgezogener Augenbrauen irgendwann entschieden, diesen Roman einfach zu mögen. Genau so habe ich es auch gemacht. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das konnte, dass mich ein sehr weibliches Buch, wie es Miroloi ohne Frage ist – und ich sage nicht Frauenbuch – dass mich das erreicht und etwas in meiner männlichen Seele zum klingen gebracht hat.

Wenn ich das Werk in Gänze betrachte, dann schaue ich auf einen ganz großen, beeindruckenden Roman, bei dem es in meinen Augen nicht um eine wie auch immer geartete Form von Feminismus geht, wie häufig behauptet. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es hier um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich nicht verliert. Aber unter dem Label ‚Feminismus‘ verkauft sich so ein Roman natürlich viel besser.

Lassen wir die bereits erwähnten Nickeligkeiten beiseite, die falschen Deklinationen, die dritte Person Plural und die missglückten Sex-Szenen. Was am Ende bleibt, ist ein literarische Werk, das mich zu einem noch größeren Karen Köhler-Fan hat werden lassen. Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Muss ich jetzt noch sagen, worum es in dem Buch überhaupt geht? Wer es unbedingt wissen will, findet genügend Inhaltsangaben im Netz. Lieber möchte ich noch etwas über die Sprache sagen, mit der ich anfänglich auch meine Schwierigkeiten hatte. Zu effektheischend, zu metaphorisch, zu durchgetaktet. Doch dann packt es einen auf einmal mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

Verlag Hörbuch: tacheles! / Roof Music
Sprecherin: Karen Köhler, 11 h, 12 min

 

Tausend letzte Bücher

9

Ich kann das Ende schon sehen. Ein paar Seiten noch, ein letztes Umblättern, die finalen Sätze, das Schlusswort, der letzte Punkt. Und dann ist er da: der magischste Moment im Leben eines Viellesers. Aufstehen, das ausgelesene Buch ins Regal stellen und sich ein neues aussuchen. Für Außenstehende eine ganze einfache Handlung, zumal wenn genügend Auswahl an neuer Lektüre vorhanden ist. Doch jeder Bücherfreund weiß, welch komplexe Prozesse gerade im Kopf des vor dem Regal Stehenden ablaufen. Und nicht erst jetzt, sondern schon seit Stunden. Ganz besonders, wenn das gerade Ausgelesene nicht so recht überzeugen konnte. Dann fiebert man diesem Moment regelrecht entgegen. Kann es kaum erwarten, den Deckel über der ungeliebten Lektüre endlich und für immer zuzuklappen, um fünf Minuten später einen anderen aufzuklappen.

Aber noch ist es nicht soweit; noch ist die Entscheidung nicht getroffen. Denn man greift ja nicht irgendetwas aus dem Stapel, sondern folgt einem inneren Plan. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um den ganz persönlichen Kanon, um die nicht ganz unwichtige Frage, welcher Titel zu den maximal 3.000 Büchern, die ein Mensch im Leben zu lesen imstande ist, noch dazu kommt. Und je älter man wird, desto wichtiger und gleichzeitig schwieriger wird diese Entscheidung. Wenn es gut läuft, sind es bei mir vielleicht 1.000 Bücher, die ich in meinem Leben noch lesen werde. Eintausend Optionen auf die ultimative Lektüre, eine, die mein Leben von Grund auf verändern könnte, mir alle noch offenen Fragen beantwortet und all die Lesemühen, durchwachten Nächte, brennenden Augen, die Umzüge mit schweren Bücherkisten, die vielen investierten D-Mark, Euro und Stunden wieder aufwiegt. Das eine Buch, das mir das alles auf einen Schlag zurückzahlen würde. Mit Zins und Zinseszins, so dass ich am Ende sagen kann: Es hat sich gelohnt, die ganze Leserei.

Und so stehe ich hier und blicke auf Stapel voller Optionen. Da sind die in den letzten Wochen eingetrudelten Herbstnovitäten, der neue heiße Scheiß für fünf Tage Frankfurt und maximal acht Wochen danach. Da ist aber auch noch der Frühjahrsstapel mit mindestens fünf Titeln, die ich noch nicht geschafft habe. Werde ich jemals noch dazu kommen? Um Miami Punk wärs schade, aber das ist so ein dicker Brocken; der kostet mich mindestens drei Wochen, wenn nicht noch mehr. Und zu der darin beschriebenen Gamer-Szene habe ich weder einen Zugang noch ansatzweise Sympathie. Daher ist es fraglich, ob sich der ganze Aufwand für mich überhaupt lohnt. Was ist sonst noch vom Frühjahr übrig geblieben? Julia Rothenburg, ja vielleicht, Story klingt eigentlich ganz interessant, aber nee, kein Bock. Und da liegt auch noch Jachym Topol, so ein verschwurbelter Tscheche, den Suhrkamp als Beitrag zum diesjährigen Partnerland von Leipzig rausgebracht hat. „Ein empfindsamer Mensch“ habe ich sogar angefangen, voll motiviert, nachdem mich Martin Becker mit „Warten auf Kafka“ auf tschechische Literatur heiß gemacht hat. Aber nach zehn Seiten war ich wieder draußen. Warum? Keine Ahnung. Nicht meins.

Ach komm, vergiss das Frühjahr. Wir haben Herbst. Dieser Stapel ist noch frisch und verführerisch. Die Titel stehen im Fokus und bringen Reichweite. Köhler und Kühmel habe ich schon durch – beide Buchpreis-Longlist, beide nicht schlecht. Köhler deutlich besser, aber Kühmel kommt auf die Shortlist. Normal. Beinahe normal ist auch der mittlerweile zweite Feuilleton-Rant des Jahres auf einen Hanser-Top-Titel. Interessant zu sehen, was für eine diebische Freude die Herren Drees und Schröder am Verriss von in ihren Augen minderwertiger Ware haben. Was war noch? Ach ja, Jan-Peter Bremers junger Doktorand, ebenfalls Longlist-Titel, nett, lesenswert und ganz amüsant. Emma Braslavsky neues Werk dagegen zäh und enttäuschend. Positiv überrascht hat mich aber Tobias Wilhelm, der bei Hanser blau ein bemerkenswertes Debüt veröffentlicht hat. Da muss ich eigentlich auch noch was drüber schreiben. Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Jetzt geht es darum, das erste meiner Tausend letzten Bücher auszuwählen. Eine falsche Entscheidung und schon sind es nur noch 999 Optionen auf das ultimative Lebenslieblingsbuch.

Angesichts der schwindenden Lebens- und Lesezeit denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich die ganzen Neuerscheinungen nicht einfach beiseite lassen und die noch verbleibende Lesezeit lieber mit Backlist-Titeln und Klassikern verbringen sollte. Da ist noch so viel literarisch Bedeutendes, das ich gar nicht kenne. Ich habe Dantes „Göttliche Komödie“ noch nicht gelesen und auch noch nichts von Musil, Zweig oder Feuchtwanger. Bei mir im Regal stehen mittlerweile 90 Bände der SZ-Bibliothek, ein wunderbar ausgewählter Kanon der Gegenwartsliteratur, und davon habe ich gerade mal vier Titel gelesen. Ich kenne nichts von Botho Strauß oder Hans Magnus Enzensberger, dafür aber alles, was ihre Kinder geschrieben haben. Ist es ok, wenn man noch kein Buch von Umberto Eco, aber dafür sechs Romane von Elena Ferrante gelesen hat? Nichts von Bachmann oder Jelinek, aber zwei von Fallwickl?

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich vor dem Regal stehe, nach dem nächsten Kick Ausschau halte und voller Vorfreude zum siebten Roman von Elena Ferrante greife.

 

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Foto: Gabriele Luger

Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

1

Meine halbe Kindheit habe ich mit Warten verbracht. Auf den Beginn der Ferien, auf Geburtstage und Weihnachten, auf die Rückgabe der Mathearbeit, für die ich so viel gelernt habe, auf ein Bonanza-Rad. Später dann auf das erste Mofa und den Führerschein. Viel hat sich seitdem verändert, aber das Warten ist geblieben. Tagein, tagaus warte ich noch immer auf irgendwas. Es sind keine großen Dinge mehr und erst recht keine Geburtstage, die ich herbeisehne. Stattdessen lauter Kleinigkeiten. Dinge die einem Mann in meinem Alter Freude machen. Wenn es Sonntags mal wieder Rouladen gibt, morgens aufzustehen ohne Rückenschmerzen und zwei mal im Jahr Buchmesse mit den Bloggerfreunden.

Auch Jan Peter Bremers Protagonisten, der alternde Maler Günter Greilach und seine Frau Natascha, verbringen ihr Leben mit Warten. Doch was sie herbeisehnen, ist weit mehr als nur ein Sonntagsbraten, auch wenn es sich ähnlich profan anhört. Sie warten auf Besuch. Doch der, auf den sie warten, ist kein x-Beliebiger, weder Freund noch Familie, sondern ein junger Doktorand, den sie noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben, dessen Kommen sie aber seit mehr als zwei Jahren sehnsüchtig und hoffnungsvoll erwarten. Sehnsüchtig, weil sein Besuch per Postkarte immer wieder verschoben wird. Mal, weil der junge Doktorand in Spanien vom Pferd gefallen ist, im Krankenhaus eine Krankenschwester kennengelernt und spontan geheiratet hat, mal, weil seine junge Ehefrau urplötzlich verstorben ist. Hoffnungsvoll, weil dieser Besuch    Recherchezwecken für eine größere akademische Arbeit über das künstlerische Werk des Hausherren Greilach dient.

Die Postkarten, mit denen sie vertröstet werden, lassen das Bild des erwarteten Gasts in immer schillernderen Farben erscheinen. Besonders in Natascha Greilachs Vorstellung nimmt der junge Doktorand immer konkretere Züge an und ist am Ende ein sportlicher Womanizer, dem weder spanische Krankenschwestern noch deutsche Hausfrauen widerstehen können. Ihr Mann dagegen erwartet einen jungen, talentierten Kenner des Kunstbetriebes, dessen Geschmack und Expertise allein dadurch schon belegt ist, weil er sich intensiv mit dem Werk von Günter Greilach beschäftigt hat.

Und so sitzen die beiden Eheleute in ihrer umgebauten Wassermühle auf dem Lande und warten, nähren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, bis es eines Abends an der Tür klingelt und er endlich da ist. Ganz anders als erwartet, besonders in Nataschas Augen. Kein Latin Lover, sondern aufgeschwemmt und kettenrauchend steht er da, der junge Doktorand. Und doch ist das völlig nebensächlich, denn er ist endlich eingetroffen. Und nur das zählt. Mit offenen Armen wird er empfangen, von ihr und von ihm. Und schon geht es los, das Hick-Hack um den größeren Anteil an Quality Time mit dem Sehnsuchtsgast.

Mehr will ich vom Plot gar nicht erzählen. Dass der junge Doktorand sich als herbe Enttäuschung entpuppt und weder Nataschas Sehnsüchten noch Günters Hoffnungen entspricht, kann man sich vielleicht denken. Doch diese Vorhersehbarkeit schmälert in keinster Weise das Lesevergnügen an dieser kleinen „Gesellschaftsparabel über unser allgegenwärtiges Bedürfnis, gesehen zu werden“, wie es auf dem Backcover heisst.

Jan Peter Bremer hat einen sehr eigenen, mit feinsinnigem Humor durchwebten Erzählstil und ist ein wahrer Meister der Dialoge. Die Streitereien zwischen Natascha und Günter sind so lebendig und einfühlsam geschildert, als streite man als Leser mit. Ich hätte mir am Ende noch ein wenig mehr als die 176 großzügig formatierten Seiten gewünscht, Aber nur, weil mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat. Gefehlt hat mir an der Geschichte nichts, und meiner Meinung nach ist dieser Roman vollkommen zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet.

Auch wenn es vielleicht etwas weit hergeholt ist, musste ich beim Lesen immer wieder an Wladimir und Estragon denken, die beiden Landstreicher, die in Samuel Becketts berühmtem Bühnenstück auf Godot warten. Ich weiß nicht so recht, um was es Jan Peter Bremer bei diesem Roman wirklich geht. Um das Bedürfnis, gesehen zu werden, als Mensch Bedeutung zu bekommen, weil sich Dritte mit einem beschäftigen, oder tatsächlich nur um das Warten? Dieser Zustand, in dem  noch nichts entschieden, alles noch möglich ist, Sehnsüchte und Hoffnungen noch nicht ad acta gelegt sind. Ich frage mich, ob es nicht sogar lebensnotwendig ist, immer irgendetwas zu haben, auf das man Warten kann. Sei es ein Sonntagsbraten, ein junger Doktorand oder die Verkündung der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit oder ohne Jan Peter Bremer.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
176 Seiten, 20 Euro

 

Die Guten ins Köpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen

Gesammelte Kurzrezensionen. JETZT NEU: mit Sternchen-Bewertungen

 

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Familienromane sind momentan wieder der neue heiße Scheiß im Buchmarkt. Noch heißer und angesagter sind nur noch Familiengeschichten, die nicht dem klassischen Rollenbild entsprechen. So wie im Debüt von Miku Sophie Kühmel, mit dem sie aus dem Stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Die Protagonisten dieses kleinen Familienromans sind ein mittelaltes schwules Paar, der eine Hochschulprofessor, der andere Künstler. In der Abgeschiedenheit eines Brandenburger Ferienhauses am See wird ihnen von der Autorin ein alleinerziehender bisexueller Pianist und seine mittlerweile erwachsene Hetero-Tochter hinzu gesellt. Fertig ist ein kompliziertes Wochenend-Szenario-Beziehungsflecht der queeren Art. Kühmel macht das gut, hat einen sehr souveränen Erzählstil, gibt den vier Personen genügend Raum, sich zu entfalten.

Doch man muss sich schon auf dieses sehr enge Beziehungsspiel einlassen, denn außer den Verflechtungen der vier handelnden Personen untereinander, Liebe und Leid, Rückblicke auf glänzende Erfolge und solide Bodenständigkeit, Spannungen und Beziehungsbrüchen, passiert auf den knapp dreihundert Seiten nicht viel. Literarisch ist das ohne Frage auf einem hohem Niveau, aber mich hat die Lektüre stellenweise doch sehr gelangweilt, so dass ich die letzten hundert Seiten nur noch que(e)r gelesen habe. Genau das passiert mir bei Buchpreis-Kandidaten sehr häufig, und daher könnte ich mir vorstellen, dass der Roman beim dbp sehr gute Chancen hat, eine Runde weiter zu kommen.

3,5 von 5 Sternen

Dana von Suffrin – Otto

Hier haben wir den klassischen Fall eines Buches, das fulminant startet, irgendwann in der Mitte stark nachlässt und am Ende in quälenden Erzählschleifen ausplätschert. So zumindest habe ich die Lektüre dieses Debütromans empfunden, der – wie soll es auch momentan anders sein – eine Familiengeschichte erzählt. Auch hier steht keine klassische deutsche Durchschnittsfamilie, sondern eine mit Migrationshintergrund und jüdischem Glauben im Mittelpunkt. Ein manipulativ despotischer Patriarch, der seit Jahren im Sterben liegt, sich aber immer wieder aufrafft und das Leben seiner Töchter beschwert. Am Anfang fand ich das Setting ganz spannend und auch die Vita des aus Siebenbürgen stammenden Juden Otto hat mich interessiert. Die Art, wie er seine Töchter in die Pflicht nimmt, dieses Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche; sein Geiz, seine Wehleidigkeit, der Stolz, die Arroganz und auf der anderen Seite der Familiensinn und die Liebe zu seiner Lieblingstochter. Das alles wird auf den ersten hundert Seiten sehr schön skizziert, so dass man Lust auf mehr davon bekommt. Aber dann fängt von Sufrin an, in vielen assoziativen Rückblenden die Familiengeschichte nachzuerzählen, und ab da verliert der Roman massiv, wird zäh und langweilig. Auch hier habe ich auf den letzten fünfzig Seiten nur noch hier und und da einen Absatz gelesen und habe das Buch am Ende schwer enttäuscht zur Seite gelegt.

3 von 5 Sternen

Charles Lewinsky – Der Stotterer

Ich habe sehr gerne den Vorgängerroman Kastelau gelesen. Ein Buch, das ich noch in guter Erinnerung habe. Eins aus der Rubrik anspruchsvolle Unterhaltung. Das habe ich auch hier erwartet – auch wegen Diogenes – und wurde leider enttäuscht. Was ich bekam, war eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte, einfallslos an einer sehr naheliegenden Idee entlang konstruiert. Alles wirkt so, als wenn Lewinsky Wochen nach einer Idee für den nächsten Roman gesucht hat und nach diversen Brainstorming-Sitzungen endlich den ultimativen Einfall hatte. Warum nicht eine Geschichte über jemanden schreiben, der nicht gut sprechen kann – weil Stotterer – aber dafür umso besser schreiben? Gibt es das eigentlich schon? Nein? Na, dann mal los. Was braucht man dafür? Einen Protagonisten mit einer schweren Kindheit, Missbrauch, religiösen Fanatismus; egal, Hauptsache ein ordentlich hartes Schicksal, das einen natürlich irgendwann ins Gefängnis bringt. Denn jeder weiß: Hast du erstmal Scheiße am Schuh, wirst du das so schnell nicht mehr los. Und so schreibt er sich einen zurecht. Der Protagonist im Roman sowie Lewinsky. Und weder dem einen noch dem anderen gelingt es, mich mit seinem Geschreibsel zu überzeugen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man für einen Roman über jemanden, der besonders gut schreiben kann, auch selber besonders gut schreiben können sollte.

2 von 5 Sternen

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commandatore Teil 2. Eine Metapher wandelt sich.

Eigentlich diskutiere ich ja nicht über Murakami. Ich habe gelernt, dass das nichts bringt, denn entweder ist man Fan oder eben nicht. Diesen Autor kannst du nicht schön reden. Wenn einer das, was ich beim Lesen seiner Werke empfinde, nicht auch nur ansatzweise fühlt, dann kannst du dir alle Argumente sparen. Das ist wie Musik. Entweder sie gefällt, geht in den Bauch, trifft dich ins Herz, bringt etwas in dir zum Klingen, oder eben nicht. Mir ist Murakami vor vielen Jahren in einer schwierigen Lebensphase zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Ich fühlte mich verstanden, seine Romane haben mich aufgefangen, mir Trost gegeben. Und seither ist er einer meiner Helden, auf den ich eigentlich nichts kommen lasse. Doch nach den beiden Bänden vom Commandatore muss ich leider sagen, dass ich etwas ernüchtert bin. Den ersten Teil habe ich noch klassisch gelesen, Band 2 dann als Hörbuch gehört. Und beim Hören sind mir auf einmal Dinge aufgefallen, die ich beim Lesen so noch nie wahrgenommen habe. Beispielsweise äußerst naive Satzkonstruktionen, nervige Wiederholungen und ein Plot auf Kindergartenniveau. Und plötzlich bin ich sehr verunsichert. Das Denkmal steht schief auf dem Sockel, und ich kann mich gar nicht lassen, fühle mich irgendwie illoyal und undankbar. Ich schlage vor, wir lassen das einfach mal so stehen und warten auf das nächste Buch.

3 von 5 Sternen

Leila Slimani – All das zu verlieren

Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, so wie auch schon der Vorgängerroman von Leila Slimani. Sie hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Am Ende ihrer Romane hat man stets das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück. Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin!

4,5 von 5 Sternen

 

Colson Whitehead – Die Nickel Boys

Ich finde es gut, wenn ein Autor sein Thema gefunden hat. Man kann sich als Leser einstellen, weiß was einen erwartet, erlebt keine bösen Überraschungen. Colson Whiteheads Thema ist die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA: Sklaverei, Unterdrückung und Alltagsrassismus. Nach „John Henry Days“ und „Underground Railroad“ ist dies der dritte Roman, den ich von Whitehead gelesen habe. Und wieder ist es eine ans Herz gehende Geschichte, fiktiv, mit erfundenen Charakteren, aber nach einer wahren Begebenheit. Das Nickel, eine Besserungsanstalt für Jungen, in denen insbesondere die farbigen Jungs misshandelt und auch getötet wurden, hat es tatsächlich in den USA gegeben. Erzählt wird die Geschichte von Elwood, einem intelligenten und eigentlich kreuzbraven Jungen, der beim Trampen in den falschen Wagen eingestiegen ist und als Autodieb im Nickel landete. Es gibt zahlreiche Zeitsprünge und unterschiedlich interessante Einzelschicksale, die den Erzählfluss etwas zäh gestalten, aber insgesamt ist dies wieder ein sehr empfehlenswerter Roman des routiniertesten Chronisten der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

3,5 von 5 Sternen

 

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success

Ja, so sind sie wohl – die Amerikaner. Gary Shteyngart gelingt in seiner derzeit vielbeachteten Investmentbanker-Road-Novel ein wunderbar vielschichtiges und aktuelles Psychogram einer gespaltenen Nation. Hier die Kapitalisten, Materialisten, Trumpisten und Hedonisten und auf der anderen Seite die, die daran nicht teilhaben können, wollen oder andere Ziele im Leben verfolgen. Viel scheint sich nicht verändert zu haben. Als ich in den Achtzigern mal zwei Monate drüben war und wie Barry Cohen, der Held dieses Romans, auch viel mit dem Greyhound gereist bin, habe ich es ähnlich empfunden. Ich habe sehr aufgeschlossene, weltoffene, aber auch sehr oberflächliche und bornierte Menschen kennengelernt, unvorstellbaren Reichtum und schockierende Armut gesehen, inspirierende Multi-Kulti-Viertel kennengelernt und dann wieder Ghettos, die man als Weißer besser nicht betritt.

An all das musste ich denken, während ich Barry Cohen, dem tragischen Helden von „Willkommen in Lake Success“, auf seiner Reise, bzw. Flucht durch die USA lesend begleitete. Und dass Barry nach all den Erlebnissen am Ende kein anderer Mensch und keinen Deut besser geworden ist, sondern diese Episode in seinem Leben nur benutzt, um lediglich so zu tun als ob, ist nicht nur bitterböse, sondern in meinen Augen auch typisch amerikanisch. Fazit: ein großer und gleichzeitig großartiger Amerika-Roman, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann.

4 von 5 Sternen

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Foto: Gabriele LugerContinue Reading