Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Wie ich gelernt habe, zuzuhören (last man listening)

3

Ich lese gern, aber ich bin oft müde. Das lässt sich nicht ändern – leider. Nicht mit Cola, nicht mit Kaffee. Diesen Preis muss ich zahlen; für ein übervolles Leben, das frühe Aufstehen, die ganzen vielen Jahre auf dem Buckel. Wenn ich abends das machen will, worauf ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe, ist oft schon nach wenigen Seiten Feierabend. Die Augen, die Lider, der Kopf, alles. Mein Körper will nicht mehr. Will nichts mehr halten, nichts mehr schauen, nicht mehr denken. Will nur noch schlafen.

Und jeden Morgen dann der erste Selbstvorwurf des Tages: „Aber ich wollte doch noch lesen!“ Wollte eintauchen, abschalten, mal was anderes, als nur mein Leben. So schaffe ich das niemals. Den Kanon, die Neuheiten, meine Backlist-Helden. Andere lesen über hundert Bücher im Jahr. Und ich? Warum schaffe ich das nicht? Fehlt mir der Ehrgeiz oder nur Zeit und Schlaf?

Lange war ich gefangen, fand keinen Ausweg aus der Misere. Allabendliche Kapitulation und morgendliche Anklage. Ein Teufelskreis. 50 Bücher im Jahr, mehr war beim besten Willen nicht nicht drin. Und das auch nur, wenn ich mich im Sommer aus der Gartenarbeit rauszog und auf jegliche Art von Sport verzichtete. Die Folge: vorwurfsvolle Blicke und zehn Kilo plus auf den Rippen.

Energy Drinks, nur noch halbtags arbeiten – alles angedacht, alles keine Lösung. Das Lesen komplett dran geben? Niemals!  Was wird dann aus mir? Wer bin ich dann noch? Eine arme Wurst – ausgeschlafen aber leer. Und plötzlich dann die Lösung. Warum mach ich es eigentlich nicht wie im Job? Was ich selber nicht schaffe, delegieren. An Kollegen, die vieles oftmals besser können als ich. Wenn also selber lesen nicht geht, warum dann nicht andere für einen lesen lassen? Nichts tun, einfach nur noch sitzen und zuhören – like a boss.

Zunächst war ich skeptisch. In meinem Umfeld bin ich nicht unbedingt als ein guter Zuhörer bekannt. Hören ist mir irgendwie zu passiv. Ich halte gerne das Heft in der Hand, bin viel lieber Protagonist als Rezipient. So gesehen müsste ich eigentlich eher schreiben als lesen. Und jetzt also keins von beiden, sondern einfach nur zuhören. Zurücktreten ins Glied und andere machen lassen. Ist das mein Ding?

Ja, ist es. Ich hab’s ausprobiert und für gut befunden. Angefangen habe ich mit was Leichtem, Dan Brown, „Origin“ war mein erstes Hörbuch. Hat gut geklappt, ich konnte mich konzentrieren, die Protagonisten zuordnen, der Handlung folgen. Und obwohl Dan Brown so überhaupt nicht mein Anspruch ist, hat mir das Zuhören Spaß gemacht. Und dann die nächsten Ausbaustufen: ein anspruchsvoller Krimi und ein Klassiker. Volker Kutschers „ Der nasse Fisch“ und Falladas „Kleiner Mann“ – beides klappte nicht nur problemlos, sondern konfrontierte mich mit einer eigentlich profanen aber dennoch für mich überraschend neuen Erkenntnis: Es gibt Menschen, die können deutlich besser lesen, als ich.

Zwischen dem, was ich mir so zurechtlese – mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht konzentriert – und dem, was professionelle Hörbuchsprecher*innen wie David Nathan, Eva Mattes oder Ulrich Noethen abliefern, liegen Welten. Und noch etwas habe ich in diesem Fall überhaupt nicht für möglich gehalten: Bücher vorgelesen zu bekommen, ist nicht nur praktisch und bequem, es erhöht sogar den Literaturgenuss deutlich. Ein durchschnittliches Buch, von einem Profi gut vorgelesen kommt bei mir oftmals besser weg, als ein gutes Buch, dem ich aufgrund von Übermüdung und Unkonzentriertheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit widmen kann. Ein Hörbuchsprecher ist nie übermüdet und unkonzentriert, sondern immer zu 100 Prozent im Text. Da bekommt jeder Satz, die Aufmerksamkeit und Betonung, die er verdient. Da werden keine Passagen geschludert, da wird nicht quer gelesen, da wird wird Wort für Wort wertgeschätzt. Eine solch konstant hohe Lese-Performance kann ich als Für-Mich-Leser natürlich nicht vorweisen.

Doch einen Haken hat die Sache schon. Ein Hörbuchsprecher kann noch so wach und konzentriert sein, wenn der Zuhörende das nicht auch ist, hat man nichts gewonnen. Beim Hören ist das Risiko des gedanklichen Abschweifens und Einnickens noch wesentlich höher als beim Lesen. Zuhören ist noch passiver, verbraucht noch weniger Kalorien. Man muss nichts halten, umblättern, die Augen nicht bewegen, ja noch nicht mal aufhalten. Abends auf dem Sofa noch ein paar Stunden Hörbuch hören, geht zum Beispiel gar nicht. Nach fünf Minuten bin ich eingeschlafen.

Hörbuch höre ich daher nur, wenn ich in Bewegung bin: Sport mache, im Garten arbeite, mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs bin. Statt auf dem Sofa herumzusitzen, suche ich mir Bewegung, um noch mehr Hörbuch zu hören. An einem durchschnittlichen Wochentag kommen da schon ein paar Stunden Hörbuchzeit zusammen, besonders seit ich fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre.

Und so schaffe ich jetzt doch noch an die 100 Bücher im Jahr – die eine Hälfte gelesen, die andere gehört – und freue mich über die gewonnene Zeit für den Kanon, die ganzen Neuerscheinungen und die Backlist meiner Helden. Der Wecker klingelt immer noch früh, das Leben ist nach wie vor übervoll, aber die Jahre auf dem Buckel wiegen weniger schwer. Und zwar ziemlich genau sieben Kilo, die ich seitdem weniger auf den Rippen habe.

 

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Foto: Gabriele Luger

Anthony Powell – Eine Frage der Erziehung (Hörbuch)

Man stelle sich eine Zeit ohne die heutigen Unterhaltungsangebote vor. Ohne das Internet, ohne Fernsehen und Kino und – für einige komplett unvorstellbar: ohne Netflix! Was haben die Menschen damals nur mit ihrer ganzen freien Zeit angefangen? Die Arbeiterschicht hatte ja nicht viel Freizeit, aber das Bildungsbürgertum schon. Und was taten die Damen und Herren der feinen Gesellschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wenn ihnen fad war und es sie nach Zerstreuung und anspruchsvoller Unterhaltung gelüstete? Sie gingen zum Bücherregal und griffen sich ein Buch, vorzugsweise einen gepflegten, dickbändigen Gesellschaftsroman von Tolstoi oder Dostojewski, Balzac oder Colette, Fontane oder Droste-Hülshoff, Dickens, Austen oder Powell.

Alle die Genannten kennt der Bildungsbürger diesen Jahrhunderts zumindest dem Namen nach. Einige davon noch aus der Schule, die anderen, weil ihre Werke verfilmt wurden und den Rest, weil man oftmals gerne nur so tut als ob. Aber einen dieser Literaten dürfte wirklich kaum einer kennen, und auch ich habe von Anthony Powell bis vor wenigen Wochen noch nie etwas gehört. Dabei hat der britische Romancier, der im Jahr 2000 im Alter von 95 Jahren starb, ein wahrlich bedeutendes literarisches Gesamtwerk hinterlassen, allen voran ein echtes Opus Magnum, den zwölfbändigen Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Dieser Zyklus von zwölf Gesellschaftsromanen, an denen Powell von 1951 bis 1975 schrieb, wird häufig mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen und ist jetzt in einer Neuübersetzung beim Berliner Elfenbein-Verlag komplett neu aufgelegt worden. Und auch an einer Hörbuch-Fassung wird derzeit gearbeitet. Der junge Berliner Hörbuchverlag „Speak Low“ hat sich dieses Mammutprojekt vorgenommen und bereits drei Audiobände der Romanreihe veröffentlicht. Ich habe mir Band 1 „Eine Frage der Erziehung“ angehört und war sehr begeistert.

Aber der Reihe nach – zunächst: Der Vergleich mit Proust passt und ist mir auch sofort in den Sinn gekommen. So detailliert, wie der Franzose die bessere Gesellschaft seiner Zeit aus Sicht eines sich in ihr bewegenden Erzählers portraitiert, so tut es der Brite Powell in seinem Werk. Da gibt es keinen Spannungsbogen, keine unterschiedlichen Perspektiven und Erzählstränge – da werden einfach nur in aller Ausführlichkeit Personen beschrieben, Zusammenkünfte, Begegnungen und Tischrunden dokumentiert, Gespräche wiedergeben und Gedankengänge skizziert. Und das ist alles so old-fashioned, langatmig, unspektakulär und langweilig, dass es schon wieder spannend ist zu beobachten, wie lange man das wohl durchhält. Als Leselektüre hätte ich nach 100 Seiten mit Sicherheit die Segel gestrichen, doch die Hörbuch-Version, sehr elegant vorgetragen vom wunderbaren Frank Arnold, hat mich mit einer beispiellosen Leichtigkeit von Kapitel zu Kapitel und letztlich durch den gesamten ersten Band getragen.

Hören geht in diesem Fall deutlich besser als Lesen. Ich habe das einfach knapp 9 Stunden auf mich Einplätschern lassen, bin auch mal fünf Minuten unkonzentriert gewesen oder eingeschlafen, dann wieder aufgewacht und hatte in der Zeit nicht viel versäumt, denn da war immer noch die gleiche Männerrunde dabei, über irgendeine Belanglosigkeit zu debattieren. Aber so zähflüssig und langatmig sich das alles auch anhört, so schön und absolut bereichernd habe ich es letztlich empfunden. Denn zum einen ist die Sprache von ausgewählter Eleganz – geschliffene Sätze, tolle Formulierungen – zum anderen sind mir selten so gut beschriebene Charaktere begegnet – jede Figur erscheint geradezu plastisch vor dem inneren Auge. Allen voran der linkische Widmerpool, die  Jugendfreunde Stringham und Templer, Professor Sillery – vier von insgesamt knapp 400 Personen, die das zwölfbändige Gesamtkunstwerk bevölkern.

Vielleicht sollte ich noch ein paar Sätze zur Handlung verlieren. So viel lässt sich dazu nicht sagen. Das große Gesellschaftspanorama, das Powells kunstvoll entfaltet, wird dem Leser aus Sicht des Ich-Erzählers Nicholas Jenkins, dem Spross eines ranghohen britischen Militärs, vermittelt. Band 1 beginnt im Jahr 1921 und führt uns ans Eton College, wo Jenkins zusammen mit seinen Schulfreunden Charles Stringham und Peter Templer die Abschlussklasse besucht. Anschließend begleiten wir Jenkins auf den Landsitz der Templers, wo er sich zaghaft und unerwidert in Peters Schwester Jean verliebt. Nach einem Sprachurlaub in Frankreich auf dem Anwesen der Leroys endet ‚Die Erziehung‘ in Jenkins Studienort Oxford. Das sind die wesentlichen Rahmendaten der Handlung. Was sonst noch passiert, sind kleinere und größere Tischrunden, lange Spaziergänge sowie hier und da ein paar Streitigkeiten und Missstimmungen unter den handelnden Personen. Das war‘s.

Anders als die heute noch bekannten Gesellschaftsromane von den oben genannten Autorinnen und Autoren könnte ich dieses Werk nicht uneingeschränkt jedem empfehlen. Es ist schon etwas aus der Zeit gefallen und trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Mich hat es ein wenig an die TV-Serie „Das Haus am Eaton Place“ aus den Achtzigern erinnert – sehr förmlich und sehr britisch. Wer aber Spaß an einem eleganten Erzählton hat, sich für treffende Charakterstudien und die britische Upper-Class Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, dem sei dieser Roman und eventuell auch der komplette Zyklus empfohlen.

Ich für meinen Teil freue mich, Powell für mich entdeckt zu haben. Ich bin jetzt drin, angefixt und im Serienfieber. Mit Sicherheit werde ich mir auch Band 2 mit dem Titel „Tendenz steigend“ als Hörbuch anhören und vielleicht besorge ich mir sogar alle zwölf Print-Bände von „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Ob ich sie jemals alle lesen werde, sei mal dahin gestellt. Es reicht ja, wenn ich sie einfach nur dekorativ ins Regal stelle, direkt neben den Proust, und einfach nur so tue als ob.

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Foto: Gabriele Luger

Aus dem Englischen übersetzt von: Heinz Feldmann

Verlag (Hörbuch): speak low 
8 h, 40 min, Sprecher: Frank Arnold,
12,99 Download (audible), MP3 CDs: 19,99 €
(Erhältlich auch im Streaming-Abo z.B. bei Apple.Music und Spotify)

Sehr sehenswert ist auch das Video der Hörbuchproduktion (einfach aufs Bild klicken).

 

 

Was vom Lesen übrig bleibt

5

…wenn man nichts darüber schreibt.

Mein Gehirn ist wie ein Sieb. Alles was nicht groß und bedeutend genug ist, fällt hindurch und ist für immer verloren. Und das nicht erst in ein paar Monaten oder Jahren, sondern bereits nach wenigen Tagen. So jüngst geschehen in den vergangenen acht Wochen. Ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen und genauso viele gehört. Doch diesmal habe ich mir nichts angestrichen, mir keine Gedanken über eine mögliche Bewertung gemacht, mir den Luxus erlaubt, auch mal keine Meinung zu haben. Ich wollte einfach nur mal wieder Literatur genießen. So wie früher, als ich noch kein Blogger war.

Und jetzt? Wo sind die ganzen Geschichten hin? Ich kann mich kaum erinnern, könnte nicht mal mehr alle Titel benennen. Einige Bücher haben mir ganz gut gefallen, das weiß ich noch. Aber ich könnte kaum sagen, was mir daran so gut gefallen hat und warum.

Am besten kann ich mich noch an Svenja Gräfens „Freiraum“ erinnern. Ich mochte ihren Debütroman, der sprachlich sehr besonders war. Auch mit ihrem zweiten Werk beweist Gräfen, dass sie mit Sprache umgehen kann. Fein komponierte Sätze, Rhythmus, Gefühl. Und dazu ein interessantes Setting: zwei Lesben, die aufs Land in eine Art Kommune ziehen und sich ein gemeinsames Kind wünschen. Das hat Potenzial, dachte ich mir, und auch wenn das so gar nichts mit mir zu tun hat, habe ich mich in so mancher Überlegung der Protagonistinnen wiedergefunden. Doch irgendwie fehlte mir das Durchhaltevermögen für diesen Roman. Urplötzlich hatte ich genug von diesem queeren Setting und wollte zurück in mein schön geordnetes, heteronormatives Leben. So habe ich es fünfzig Seiten vor dem Ende einfach liegen gelassen und nach dem nächsten Buch gegriffen, dessen Erzählumfeld mir ebenfalls mehr als unangenehm war.

Die Rede ist von John Wrays jüngstem Roman „Gotteskind“, einem Taliban-Epos, dessen Cover leider völlig misslungen ist. Abgebildet ist das Wappentier der USA, ein Weißkopfadler, dessen Kopf mit einem roten Seil mehrfach in Form eines Turbans umschlungen ist, so dass nur noch der Schnabel zu sehen ist. Von Büchergilde-Lizenzausgaben weiß man ja, dass es meistens in die Hose geht, wenn ein Illustrator versucht, komplexe Romaninhalte zu visualisieren. Aber Rowohlt kann das jetzt scheinbar auch. Wie auch immer – erzählt wird die Geschichte einer jungen Amerikanerin muslimischen Glaubens, die als Mann verkleidet nach Afghanistan reist, um dort den wahren Glauben und eine wie auch immer geartete Erlösung zu erfahren. Es liest sich leicht, ist auch durchaus spannend, trotzdem habe ich auch diesen Roman mittendrin abgebrochen. Dann nämlich, als sich alles immer weiter auf ein zu erwartendes Ende zuspitzte, die als Mann verkleidete Protagonistin in den Dschihad zog und später mit Sicherheit auch irgendwann als Frau erkannt und von einem Scharfschützen oder einer Drohne getötet werden wird. Ob das tatsächlich passiert, werde ich leider nie erfahren.

Aber was ist eigentlich schlimmer? Den Ausgang einer Geschichte nicht zu erfahren, weil man sie nicht zu Ende gelesen hat, oder aber alles Gelesene innerhalb weniger Tage zu vergessen, weil es zu belanglos und auswechselbar war. Wie zum Beispiel bei Maxim Leos Familiengeschichte „Wo wir zu Hause sind“ – einer von gefühlt tausend Geschichten über Flucht, Vertreibung und Wiederkehr, die in meinen Augen überhaupt gar nichts Eigenständiges hatte und bereits beim Lesen der letzten Seiten in Vergessenheit geriet. Ganz anders ist es mir mit Peter Høegs „Durch deine Augen“ ergangen, einer Art Wissenschaftsroman über Experimente, mit denen man visuelle Einblicke in die menschliche Psyche erlangt. Das Thema hat mich fasziniert, die Charaktere und das Setting waren sehr eindringlich geschildert. Aber das Ergebnis ist nicht viel anders, als bei Maxim Leo. Ich habe über 90 Prozent des Romans vergessen, kann jetzt kaum mehr über dieses Buch sagen, als dass es mir gut gefallen hat.

Jedenfalls besser gefallen als meine erste Begegnung mit dem gerade wiederentdeckten Macho-Kultautor Jörg Fauser. Diogenes legt ja gerade alle Werke wieder auf, und das habe ich zum Anlass genommen, seinen Kriminalroman „Der Schneemann“, der bei mir schon ein paar Jahre ungelesen im Regal steht, mit in den Urlaub zu nehmen. Und ja, ich habe ihn gelesen – viel mehr kann ich darüber kaum sagen. Für einen Krimi ziemlich unspannend, und was an Fausers Schreibstil so besonders sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ich bin kein Krimi-Experte, aber Chandler und Hammett gefallen mir besser.

Urlaubslektüre Nummer 2 war da schon wesentlich erfreulicher und passte auch vom Setting her perfekt zu unserer diesjährigen Urlaubsreise durch den Osten Deutschlands. Denn auch der Journalist Cornelius Pollmer hat den wilden Osten bereist, etwas systematischer als wir, nämlich auf den Spuren von Theodor Fontane, und seine Erlebnisse und Begegnungen in dem bei Penguin erschienenen Buch mit dem launigen Titel „Heute ist irgendwie ein komischer Tag“ zusammengefasst. Ich habe die sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten sehr gerne gelesen. Vielleicht, weil ich Brandenburg-Fan bin, vielleicht auch aus irgendeinem anderen Grund, den ich aber – wen wundert‘s – längst vergessen habe.

Und so geht es weiter, mit mehr oder weniger verflüchtigten Lese- und Höreindrücken: Von Wolfgang Herrndorfs „In Plüschgewitter“, Eric Vuillards „Tagesordnung“ und Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben, bis hin zu echten Enttäuschungen wie dem jüngsten Roman von Charles Lewinsky „Der Stotterer“ und Belanglosigkeiten wie Rath & Rais Comedy-Krimi „Tote haben kalte Füße“.

Das „Wieso, Weshalb, Warum“ muss ich in all diesen Fällen schuldig bleiben. Wie gesagt: Mein Gehirn ist wie ein Sieb, und wenn ich nicht unmittelbar nach der Lektüre meine Eindrücke als Buchrevier-Beitrag speichern würde, wäre es wahrlich nicht viel, was so vom Lesen übrig bleibt.

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Foto: Gabriele Luger

Last man reading #1

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Die erste Frage lautet: Er oder Ich? Welche Erzählperspektive passt zu meinen Plänen? Mit dem alten Ich bin ich eigentlich immer gut gefahren. Es hat gepasst. Zu mir, zu dem was ich zu sagen hatte. War halt immer sehr persönlich. Aber nun steht mir der Sinn nach etwas mehr Distanz. Es soll ja auch etwas Neues werden, nicht das Übliche, Ausgelutschte, das tausendmal Gelesene, nicht das, was ich bisher hier so geschrieben habe.

Jetzt also Er. Dritte Person namenlos. Er ist mir ähnlich, aber nicht ich. Hier der Autor, da sein Protagonist. Niemand wird jemals erfahren, wieviel von wem im jeweils anderen steckt. Natürlich ist auch das altbekannt. Autoriale Camouflage, mit der Standardfrage auf dem blauen Sofa: Ist  das ausgedacht oder selbst erlebt? Aber das soll ihn jetzt nicht davon abhalten, das genauso durchzuziehen. Konsequent, zielstrebig, diszipliniert. So will er bei diesem Projekt sein.

Und guck mal an, da ist er auch schon: der namenlose Protagonist dieser Geschichte. Einer, der schon immer gerne gelesen hat. Nicht übermäßig, nicht exzessiv, aber doch regelmäßig. Je nach Lektüre und Tagesform so 50 bis 150 Seiten am Tag. Er hat das immer schon gemacht. Es tut ihm gut, ist so eine Art Therapie, versöhnt ihn irgendwie mit dem Leben.

Nicht, dass er irgendwie desillusioniert oder gar depressiv wäre. Zumindest wirkt er nicht so. Aber ohne Lektüre kann er nicht sein, wird irgendwann unleidlich, zieht sich zurück, wird immer leiser, bis er schließlich vollkommen verstummt. Keine Lektüre, kein Leben. Für andere ist das schwer nachzuvollziehen, denn kaum einer empfindet so bibliophil wie er. Kann man das so sagen? Eigentlich ist das nicht der richtige Begriff, niemand würde das jemals so nennen, das weiß er. Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte man nicht bibliophil empfinden können? Je länger er darüber nachdenkt, desto passender findet er diese Begrifflichkeit. Beschreibt sie doch ziemlich genau, was Bücher ihm bedeuten. Er denkt und empfindet bibliophil und natürlich träumt er auch bibliophil, er hasst, liebt und lebt bibliophil. This boy is blibliotronic.

Absoluter Blödsinn, natürlich – aber ein schöner Blödsinn. Kaum einer liest noch, aber Bücher gehen trotzdem immer. Kein Suchtverhalten ist gesellschaftlich so akzeptiert wie die Sucht nach Büchern. Karl Lagerfeld hortete über 300.000 davon und obwohl ihn viele belächelt oder auch komplett abgelehnt haben – für diesen Spleen zeigte ihm keiner einen Vogel. Was wohl aus seiner Bibliothek geworden ist? Hat das alles auch die Katze geerbt?

Apropos — was soll eigentlich mal mit seinen eigenen Büchern passieren? Alles über Jahrzehnte mit sicherem Geschmack zusammengetragen und liebevoll kuratiert. Die ganze deutschsprachige Gegenwartsliteratur nahezu komplett, fast alles Erstausgaben, und noch dazu alle relevanten Klassiker oben im Retrozimmer. Das ist schon was wert. Oder sagen wir mal so: Ihm ist das was wert. Die Frage ist, wird das jemals jemand erkennen und wertschätzen, wenn er irgendwann nicht mehr da ist? Oder ist das dann nur noch ein Haufen Altpapier? Seine Frau wird sich kümmern. Sie weiß, was ihm die Bücher bedeuten. Wenn es soweit ist, wird sie eine Lösung finden. Ganz bestimmt. Und wenn nicht, bekommt alles der Hund.

Aber nochmal zurück. Warum eigentlich diese Sucht? Warum Bücher, warum Literatur? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Er braucht diesen Input: Geschichten über fremde Orte, fremde Menschen, fremdes Leben. Gedanken, die nicht seine sind. Wenn er seine tägliche Dosis davon bekommt, ist alles in Ordnung. Dann fühlt er sich leicht, aufgeladen und bereit für alles, was das Leben, sein Leben, von ihm verlangt. Und wenn nicht. Siehe oben.

Normalerweise macht er aus seiner Bibliomanie keine große Sache, hat keinerlei Sendungsbewusstsein, will keinen zum Lesen bekehren, niemandem erklären, was gute Literatur ist, seine Empfehlungen keinem aufdrängen. Wer unbedingt will, kann gerne weiter Serien bei Netflix schauen. Alles kann, nichts muss.

Und trotzdem macht er genau das. Er schreibt über die Bücher, die er gelesen hat, empfiehlt, rät ab, macht Listen, schreibt Briefe, feiert seine Helden. Er macht, was er eigentlich nicht will. Und doch ist es ihm ein Bedürfnis, das alles loszuwerden und gleichzeitig nicht zu verlieren. All die flüchtigen Leseeindrücke, seine assoziierten Gedanken, die vielen fremden Geschichten und Schicksale. Und vielleicht ist das ja auch das ultimative Erfolgsrezept: etwas nicht zu wollen, es aber trotzdem zu machen.

Sein Blog ist gut gefüllt. Wer will, kann dort stundenlang lesen. Über Literatur, Autorinnen und Autoren und ganz viel über ihn. Das bibliophile Tagebuch eines bibliophilen Lebens. Auch er selbst liest immer mal wieder rein und denkt dabei: klingt interessant, nachvollziehbar, ist nicht schlecht geschrieben.

Und wie sehr er das alles braucht, hat er im Sommer 2019 erfahren. Als er knapp zwei Monate nichts geschrieben hat, keine Rezension, keinen einzigen Post – zunächst aus purer Faulheit, denn er hatte Urlaub. Dann aber auch, um zu sehen, was passiert, wenn nichts passiert. Er wollte herausfinden ob irgendetwas fehlt, nicht nur ihm, sondern auch den anderen. Und tatsächlich – zwei treue Leserinnen fragten nach. Was denn los sei, warum nichts passiert auf den einschlägigen Kanälen. ‚Sommerpause‘ lautete die Antwort. Und doch ist das nur die halbe Wahrheit, denn er hat nicht nur viel gelesen, gehört und literarisch erlebt, er hat auch viel nachgedacht: über Bücher, Autoren und über sich. Aber das ist eine andere Geschichte, über die hier ein andermal berichtet wird.

Sibylle Berg – GRM Brainfuck (Hörbuch)

1

Der mittelalte Mann sitzt in seinem Sessel und schmunzelt. Gesundheitszustand: den Umständen entsprechend. Beruf: irgendwas mit Medien. Intelligenz: durchschnittlich. Ethnie: Migrationshintergrund. Hobbys: liest Bücher.

Er hat dieses zufriedene Grinsen im Gesicht, was sich immer einstellt, wenn er ein gutes Buch gelesen oder gehört hat. Wenn Literatur ihn catched, ihn in ihren Bann zieht, seine Gedanken kapert, sich in seine Träume schmuggelt – dann, ja dann ist er glücklich, fühlt sich wohl in seiner Haut. Dabei ist das, was er da gerade gehört hat, alles andere als ein Wohlfühl-Szenario. Gegenwart 2.0, Dystopie reloaded, Schwarzmalerei in 4K. Geschrieben von einer mittelalten Autorin. Herkunft: DDR. Status: etabliert, aber keine Preise. Typ: schräger Vogel mit Hochsteckfrisur.

Er kennt die Autorin vom Hörensagen schon seit Jahren, hat aber bisher noch nie etwas von ihr gelesen. Ihren letzten Roman hat er mal seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt. Die war empört. Wie kommst du darauf, dass mir so ein Schweinkram gefällt? Er hat nur mit den Schultern gezuckt und meinte, dass die Blogs voll des Lobes wären. Aber das muss ja nichts heißen, wie er mittlerweile weiß.

Ihr aktuelles Buch hat er vor ein paar Wochen beim Verlag als Rezensionsexemplar angefragt, aber bis heute ist es nicht angekommen. Die sind doch wohl nicht sauer wegen dem Verriss zu Bret Easton Ellis? Dessen Status: ehemaliger Kult-Autor. Gefährderpotential: alt, weiß, männlich. Letzte Buch-Veröffentlichung: grottig.

Egal, abgehakt. Dann eben GRM als Hörbuch. Ist bei diesem Titel – dessen Lektüre, wie er schon von verschiedenen Seiten gehört hat, ziemlich fordernd sein soll – wahrscheinlich eh die bessere Wahl. Und dann noch Torben Kessler und Lisa Hrdina. Zwei Sprecher, die es wirklich können. Was soll da noch schief gehen? Knapp 17 Stunden hat er sich das alles angehört, hat Hannah, Don, Peter und Karen durch ihren Alltag begleitet, genauso wie die achtjährige Nutte, den russischen Oligarchen, den MI5-Agenten und den britischen Aristrokratenspross. Und mit der Zeit sind ihm all diese kranken Protagonisten ans Herz gewachsen. Der mittelalte Mann leidet mit. Jeder Tritt in den Magen, jeder brechende Knochen tut auch ihm weh – zunächst. Doch irgendwann setzt auch bei ihm der Abstumpfungsprozess ein. Wieder einer tot, ja nun.

Sybille Bergs Opus Magnum klingt, als hätten sich Virginie Despentes, T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Marc Uwe Kling zusammengetan, um den ultimativen Abgesang auf unsere Zeit zu schreiben. Ein furioses Sittengemälde, ein buntes Gemisch negativer Assoziationen, Interpretationen und Prognosen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Brandherden und als Folge all dessen: die materielle und geistige Verarmung nahezu aller Bevölkerungsschichten. Der totale Überwachungsstaat, 2.0 Maschinenmenschen ohne Stuhlgang, Love-Roboter. Aber hey – es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und Karma-Punkte!

Der ganze Roman ist ein wirrer Haufen krudes Zeug, ein einziges Hin und Her, ein Flickenteppich verschiedenster Schicksale und Ideen. Ab und zu verliert man den Überblick, hat das Gefühl zu ersticken, es nicht mehr ertragen zu können. Trotzdem oder gerade deshalb ist der letzte lesende Mann schwer begeistert und kürt diesen Roman zu einem der besten Romane des Jahres.

Dystopien boomen, und das tun sie vollkommen zurecht. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle nochmal mit einem blauen Auge aus diesem aktuellen Gemengelage von Neoliberalismus, Genderwar, Migration und Rassismus, Digitalisierung, Datenflut, Brexit, Nationalismus und künstlicher Intelligenz herauskommen, ist eher gering. Und so tief wie der Karren schon im Dreck steckt – da ist sich der mittelalte Mann mit der mittelalten Autorin einig – wäre ein Happy End auch mehr als unglaubwürdig. Nein, wer noch einen Funken Verstand und Weitsicht hat, wird ahnen, dass das alles nicht gut gehen kann, dass wir Menschen so ziemlich am Ende sind. Und das nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern schon bald. In fünf oder zehn Jahren.

Und warum auch nicht? War es nicht schon immer so? Alte Ordnungssysteme lösen sich auf und etwas Neues entsteht. Was da kommen wird, an die Stelle des Jetzigen tritt und wann genau das sein wird, weiß keiner. Aber das ist auch egal, denn wir werden dabei sowieso keine Rolle mehr spielen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Argon Hörbuch
Sprecher: Torben Kessler, Lisa Hrdina
16h, 55 min, 19,95 €
Hörprobe

Print:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
640 Seiten, 25,00 €

Bret Easton Ellis – Weiß

Auf Facebook und Instagram habe ich schon geschrieben, was ich von diesem Buch halte. Nämlich nichts. Es ist nicht nur in weiten Teilen sterbenslangweilig, wenig originell und fast schon einfältig. Es ist auch wehleidig, selbstverliebt und am Ende einfach ein kompletter Schuss in den Ofen. Dabei war Bret Easton Ellis bis dato einer meiner literarischen Helden. So alt wie ich, aber während ich noch Zivildienst machte, hatte er schon seinen ersten Roman ‚Unter Null’ veröffentlicht. Kurz darauf den zweiten, und im Alter von 27 kam dann American Psycho, ein Buch, das ihn zur Legende und unsterblich gemacht hat. Danach hätte er sich zur Ruhe setzen und seinen Ruhm genießen können. Aber was macht der Kerl? Er twittert sich um Kopf und Kragen und zerstört mit diesem Buch voll windiger Ausflüchte und Erklärungen sein Denkmal bis auf die Grundmauern.

Es ist nicht so, dass alles kompletter Blödsinn wäre, was er so in diesem Memoir behauptet. Ja, noch nicht mal einzelne Aussagen könnte ich rausgreifen und sagen: Seht her, das geht doch gar nicht. Es ist der Grundtenor, der ein ungutes Gefühl in mir aufkommen lässt. Wenn Ellis von den Linken als eine sich moralisch überlegen fühlende, intolerante und autoritäre Wutmaschine spricht, wenn er den Trump-Gegnern einen kindischen Faschismus unterstellt, die Generation der Millenials als übersensible Weicheier bezeichnet, dann mag überall vielleicht ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken, aber insgesamt erinnert mich das doch sehr an das Vokabular latent reaktionärer Kräfte, die einfach nicht einsehen wollen, dass sich die Gesellschaft in den letzten zehn, fünfzehn Jahren verändert hat und bestimmte Dinge einfach nicht mehr toleriert werden.

Und wer nachts im besoffenen Kopf zum Handy greift, um bei Twitter einfach mal seine Meinung herauszulallen, darf sich nicht wundern, am nächsten Morgen ein böses Erwachen zu erleben. Und so erscheinen mir viele Passagen im Buch wie nachträgliche Rechtfertigungen und an den Haaren herbeigezogene Erklärungsversuche für misslungene Tweets. Und wie immer, wenn einer aus der Defensive argumentiert, klingt auch seine Kritik an den Tugendwächtern und Wörtlichnehmern auf Twitter wie die beleidigte Retourkutsche eines abgehalfterten VIP, der krampfhaft versucht, sein ramponiertes Image wieder aufzupolieren.

Wenn es denn wenigstens halbwegs originell wäre, hätte ich der Lektüre ja noch irgendetwas Künstlerisches abgewinnen können. Aber gerade am Anfang liest es sich wie eine Aneinanderreihung peinlicher Facebook-Posts von Leuten, die ihre Kindheit in den Siebzigern glorifizieren. „Wir waren immer aktiv und in Bewegung, ob auf Spielplätzen oder in Parks; das Fernsehen bestand nur aus ein paar Dutzend Sendungen; unsere Eltern waren praktisch nicht existent.“

Ja, lieber Bret Easton Ellis, du hast es ganz richtig erkannt: seit damals hat sich ganz schön was getan in der Welt. Alles ist wesentlich komplexer und vielschichtiger geworden, alte Besitzstände, Hoheitszonen und Denkmuster sind weitestgehend verschwunden. Dazu gehört auch, dass man sich den Respekt, von dem man glaubt, man hätte als relevanter Gegenwartsautor einen Anspruch drauf, täglich neu erarbeiten muss. Vor 28 Jahren mal einen Mega-Bestseller geschrieben zu haben und danach eigentlich nur noch mittelmäßiges Zeug, ist definitiv zu wenig. Wahrscheinlich würde „American Psycho“ heutzutage nur noch ein müdes Schulterzucken provozieren. Denn so weichgespült und übersensibel sind die von Ellis abschätzend „Generation Weichei“ genannten Millenials gar nicht. Sie sind sogar ziemlich hart drauf und wesentlich kompromissloser als wir Babyboomer.

Ich gebe Ellis recht, dass die dauerempörte Stock-Im-Arsch-Fraktion den Wahlsieg Trumps wohl erst möglich gemacht hat. Weil es genügend Menschen gibt, die von der zunehmenden Komplexität und dem gesellschaftlichen Wandel überfordert sind und sich nach einfachen und althergebrachten Lösungen sehnen. Menschen, die sich den gepflegten Herrenwitz nicht verbieten lassen wollen und immer noch in den Achtzigern leben. Aber wie Ellis zu sagen: „ich bin ja auch gegen Trump, aber der Typ ist nun einmal gewählt, findet euch damit ab und hört auf zu nerven“, ist in meinen Augen fast noch schlimmer. Trump ist eine lebende Katastrophe und eine Gefahr für den Weltfrieden und wer als us-amerikanischer Autor nicht nur nichts dagegen tut, sondern sich auch noch über die, die etwas tun, lustig macht, der hat bei mir sämtliche Sympathien verspielt.

Da hilft auch nicht, dass Ellis auf den über 300 Seiten von „Weiß“ immer wieder betont, dass kein Grund besteht, sich aufzuregen. Denn das ist ja alles nur seine persönliche Meinung und die wird man ja wohl noch äußern dürfen. Darf man, lieber Bret Easton Ellis und die Generation Weichei wird sich dafür einsetzen, dass Du das auch in Zukunft weiter tun darfst. Bei Trump wäre ich mir da allerdings nicht so sicher.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
316 Seiten, 20,00 €