Karen Köhler – Miroloi

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Ich habe bei diesem Buch nahezu alle Phasen durchgemacht – alles, was man als Leser so empfinden kann. Es begann mit Warten. Fünf lange Jahre mussten sich ihre Fans, zu denen auch ich gehöre, gedulden. Ich fragte mich: Was macht sie nur so lange? Warum kommt da nichts nach? Hat der Erfolg ihres Erstlings sie schreibblockiert? War der Druck zu groß? Sollte „Wir haben Raketen geangelt“ tatsächlich nur ein One-Hit-Wonder bleiben? Dann im Frühjahr die erlösende Nachricht und ab sofort große Vorfreude: Im Sommer kommt was Neues. Keine Stories, sondern diesmal die Königsdisziplin: ein Roman. Und nicht irgendeiner sollte es sein, sondern ein großer Wurf, einer, für den sich das Warten lohnt. Ein immer wieder aktuelles Thema, eine starke Botschaft, ein ganz besonderes Setting und das alles im unnachahmlichen Köhler-Style. Ja! Klingt gut. Will ich haben. Sofort.

Dann war endlich Sommer, der Roman da und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich ihn überhaupt noch lesen wollte. Zuviel Timeline-Präsenz, zu viel Applaus von zweifelhafter Seite, zu viel Schmusi-Busi für die wunderbare Karen Köhler. So ein Hype weckt sofort den „grumpy man“ in mir. Ich kann nichts dafür, es ist fast schon eine Art Reflex. Ich verschränke die Arme vor der Brust und sage: nein. Ich verkrampfe und verweigere mich, will auf gar keinen Fall zur Jubelmasse dazugehören. Kindisch, ich weiß. Aber wem soll ich hier was vormachen?

Und dann kam auch noch Deutschlandfunk-Redakteur Jan Drees. Zunächst mit der Entdeckung eines simplem Grammatikfehlers, irgendwas war falsch dekliniert, dann mit der Frage, warum sich die Literaturkritik überhaupt mit einem Werk auseinandersetzt, das eindeutig keine gehobene Literatur, sondern allenfalls bessere Unterhaltung oder sogar nur ein Jugendroman ist. Andere schlossen sich ihm an und schon war auch der zweite Hanser-Spitzentitel des Jahres vom Feuilleton zum Abschuss freigegeben. Dachte ich, aber bevor es richtig losgehen konnte, kam die Longlist-Platzierung der Buchpreis-Jury für Miroloi und merkwürdigerweise beruhigten sich die Gemüter sofort wieder. Noch nicht mal der eine Blog, der normalerweise genüsslich auf jeden noch so mickrigen Debatten-Zug aufspringt, stieg hier mit ein. Vielleicht ja aus Respekt vor dem Preis, aber wer hat in dieser Branche schon Respekt vor einem Preis?

So kam es, dass ich nun doch das Verlangen verspürte, dieses Buch unbedingt lesen zu wollen. Aus alter Sympathie, neu geweckter Neugierde, aus Respekt vor dem Preis und natürlich, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Und selbstverständlich war ich nicht unvoreingenommen. Als zweifelnder Fan, fast schon Ex-Fan bin ich eingestiegen und habe natürlich auch auf fast jeder Seite etwas gefunden, was mir nicht gefallen hat. Eine schräge Metapher, Sätze mit einem Tacken zu viel an Emotion, der bereits entdeckte Grammatikfehler, ein etwas zu naiver Kinderdialog, der Gebrauch der dritten Person Plural im Sinne von „die da oben“. Aber ich hab trotzdem immer weiter gelesen, bis ich an eine Stelle kam, wo ich beinahe ausgestiegen wäre. Und zwar als es in der 45. Strophe zwischen dem Bethausschüler Yael und der namenlosen Protagonistin intim wurde. Das war so ein klassischer Fremdschämmoment. Die Sex-Szene ist so uuuh… ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll. Das Wording ist jedenfalls so gar nicht meins. Wenn eine Frau in intimen Situationen so sprechen würde, wäre bei mir sofort tote Hose.

Aber das soll es mit der Kritik auch schon gewesen sein. Kommen wir dazu, was mir an diesem Roman richtig gut gefallen hat. Und das ist eine ganze Menge. Auf dem Blog Fuxbooks habe ich eine sehr treffende Formulierung gefunden: Die Bloggerin Anne Sauer hat sich trotz mehrfach  hochgezogener Augenbrauen irgendwann entschieden, diesen Roman einfach zu mögen. Genau so habe ich es auch gemacht. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das konnte, dass mich ein sehr weibliches Buch, wie es Miroloi ohne Frage ist – und ich sage nicht Frauenbuch – dass mich das erreicht und etwas in meiner männlichen Seele zum klingen gebracht hat.

Wenn ich das Werk in Gänze betrachte, dann schaue ich auf einen ganz großen, beeindruckenden Roman, bei dem es in meinen Augen nicht um eine wie auch immer geartete Form von Feminismus geht, wie häufig behauptet. Wenn sich eine Frau gegen Unterdrückung und Missbrauch behauptet, dann hat das in erster Linie etwas mit Unmenschlichkeit, Stärke und Selbstbewusstsein zu tun. Für mich geht es hier um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft, Tradition und Rituale. Um Außenseitertum und um die Liebe zu sich selbst. Vielleicht hat das alles am Rande auch was mit Feminismus zu tun, aber die Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch auch unter den widrigsten Bedingungen überleben kann, wenn er nur den Glauben an sich nicht verliert. Aber unter dem Label ‚Feminismus‘ verkauft sich so ein Roman natürlich viel besser.

Lassen wir die bereits erwähnten Nickeligkeiten beiseite, die falschen Deklinationen, die dritte Person Plural und die missglückten Sex-Szenen. Was am Ende bleibt, ist ein literarische Werk, das mich zu einem noch größeren Karen Köhler-Fan hat werden lassen. Miroloi ist ein Roman, dem man die Leidenschaft anmerkt, mit der er geschrieben wurde. Die Autorin hat nach fünf Jahren nicht nur irgendwas, sondern ein Herzblut-Projekt abgeliefert. Und deswegen ist es auch egal, dass nicht alles stimmig ist, überall noch Ecken und Kanten sind, an denen man sich stößt. Vielleicht ist es gerade das, was diesen Roman auszeichnet – das Unperfekte, das stellenweise peinlich Naive oder dieser vergleichsweise lange Prozess, den man als Leser durchläuft, bis man endlich ‚Ja‘ zu diesem Buch sagen kann.

Muss ich jetzt noch sagen, worum es in dem Buch überhaupt geht? Wer es unbedingt wissen will, findet genügend Inhaltsangaben im Netz. Lieber möchte ich noch etwas über die Sprache sagen, mit der ich anfänglich auch meine Schwierigkeiten hatte. Zu effektheischend, zu metaphorisch, zu durchgetaktet. Doch dann packt es einen auf einmal mit voller Wucht, und man wird regelrecht süchtig nach Köhlers Sätzen, liest manche Seiten zweimal, dreimal und entdeckt immer wieder neue Satzschönheiten. Schlussendlich hat man tatsächlich so etwas wie eine Katharsis erfahren. Und was gibt es Schöneres über ein Buch zu sagen, als dass es einen nach dem Vorbild antiker griechischer Tragödien durch wechselnde Gemütszustände geführt und am Ende seelisch gereinigt und zutiefst zufrieden entlassen hat.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag Print: Hanser
464 Seiten, 24,00 €

Verlag Hörbuch: tacheles! / Roof Music
Sprecherin: Karen Köhler, 11 h, 12 min

 

Tausend letzte Bücher

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Ich kann das Ende schon sehen. Ein paar Seiten noch, ein letztes Umblättern, die finalen Sätze, das Schlusswort, der letzte Punkt. Und dann ist er da: der magischste Moment im Leben eines Viellesers. Aufstehen, das ausgelesene Buch ins Regal stellen und sich ein neues aussuchen. Für Außenstehende eine ganze einfache Handlung, zumal wenn genügend Auswahl an neuer Lektüre vorhanden ist. Doch jeder Bücherfreund weiß, welch komplexe Prozesse gerade im Kopf des vor dem Regal Stehenden ablaufen. Und nicht erst jetzt, sondern schon seit Stunden. Ganz besonders, wenn das gerade Ausgelesene nicht so recht überzeugen konnte. Dann fiebert man diesem Moment regelrecht entgegen. Kann es kaum erwarten, den Deckel über der ungeliebten Lektüre endlich und für immer zuzuklappen, um fünf Minuten später einen anderen aufzuklappen.

Aber noch ist es nicht soweit; noch ist die Entscheidung nicht getroffen. Denn man greift ja nicht irgendetwas aus dem Stapel, sondern folgt einem inneren Plan. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um den ganz persönlichen Kanon, um die nicht ganz unwichtige Frage, welcher Titel zu den maximal 3.000 Büchern, die ein Mensch im Leben zu lesen imstande ist, noch dazu kommt. Und je älter man wird, desto wichtiger und gleichzeitig schwieriger wird diese Entscheidung. Wenn es gut läuft, sind es bei mir vielleicht 1.000 Bücher, die ich in meinem Leben noch lesen werde. Eintausend Optionen auf die ultimative Lektüre, eine, die mein Leben von Grund auf verändern könnte, mir alle noch offenen Fragen beantwortet und all die Lesemühen, durchwachten Nächte, brennenden Augen, die Umzüge mit schweren Bücherkisten, die vielen investierten D-Mark, Euro und Stunden wieder aufwiegt. Das eine Buch, das mir das alles auf einen Schlag zurückzahlen würde. Mit Zins und Zinseszins, so dass ich am Ende sagen kann: Es hat sich gelohnt, die ganze Leserei.

Und so stehe ich hier und blicke auf Stapel voller Optionen. Da sind die in den letzten Wochen eingetrudelten Herbstnovitäten, der neue heiße Scheiß für fünf Tage Frankfurt und maximal acht Wochen danach. Da ist aber auch noch der Frühjahrsstapel mit mindestens fünf Titeln, die ich noch nicht geschafft habe. Werde ich jemals noch dazu kommen? Um Miami Punk wärs schade, aber das ist so ein dicker Brocken; der kostet mich mindestens drei Wochen, wenn nicht noch mehr. Und zu der darin beschriebenen Gamer-Szene habe ich weder einen Zugang noch ansatzweise Sympathie. Daher ist es fraglich, ob sich der ganze Aufwand für mich überhaupt lohnt. Was ist sonst noch vom Frühjahr übrig geblieben? Julia Rothenburg, ja vielleicht, Story klingt eigentlich ganz interessant, aber nee, kein Bock. Und da liegt auch noch Jachym Topol, so ein verschwurbelter Tscheche, den Suhrkamp als Beitrag zum diesjährigen Partnerland von Leipzig rausgebracht hat. „Ein empfindsamer Mensch“ habe ich sogar angefangen, voll motiviert, nachdem mich Martin Becker mit „Warten auf Kafka“ auf tschechische Literatur heiß gemacht hat. Aber nach zehn Seiten war ich wieder draußen. Warum? Keine Ahnung. Nicht meins.

Ach komm, vergiss das Frühjahr. Wir haben Herbst. Dieser Stapel ist noch frisch und verführerisch. Die Titel stehen im Fokus und bringen Reichweite. Köhler und Kühmel habe ich schon durch – beide Buchpreis-Longlist, beide nicht schlecht. Köhler deutlich besser, aber Kühmel kommt auf die Shortlist. Normal. Beinahe normal ist auch der mittlerweile zweite Feuilleton-Rant des Jahres auf einen Hanser-Top-Titel. Interessant zu sehen, was für eine diebische Freude die Herren Drees und Schröder am Verriss von in ihren Augen minderwertiger Ware haben. Was war noch? Ach ja, Jan-Peter Bremers junger Doktorand, ebenfalls Longlist-Titel, nett, lesenswert und ganz amüsant. Emma Braslavsky neues Werk dagegen zäh und enttäuschend. Positiv überrascht hat mich aber Tobias Wilhelm, der bei Hanser blau ein bemerkenswertes Debüt veröffentlicht hat. Da muss ich eigentlich auch noch was drüber schreiben. Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Jetzt geht es darum, das erste meiner Tausend letzten Bücher auszuwählen. Eine falsche Entscheidung und schon sind es nur noch 999 Optionen auf das ultimative Lebenslieblingsbuch.

Angesichts der schwindenden Lebens- und Lesezeit denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich die ganzen Neuerscheinungen nicht einfach beiseite lassen und die noch verbleibende Lesezeit lieber mit Backlist-Titeln und Klassikern verbringen sollte. Da ist noch so viel literarisch Bedeutendes, das ich gar nicht kenne. Ich habe Dantes „Göttliche Komödie“ noch nicht gelesen und auch noch nichts von Musil, Zweig oder Feuchtwanger. Bei mir im Regal stehen mittlerweile 90 Bände der SZ-Bibliothek, ein wunderbar ausgewählter Kanon der Gegenwartsliteratur, und davon habe ich gerade mal vier Titel gelesen. Ich kenne nichts von Botho Strauß oder Hans Magnus Enzensberger, dafür aber alles, was ihre Kinder geschrieben haben. Ist es ok, wenn man noch kein Buch von Umberto Eco, aber dafür sechs Romane von Elena Ferrante gelesen hat? Nichts von Bachmann oder Jelinek, aber zwei von Fallwickl?

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich vor dem Regal stehe, nach dem nächsten Kick Ausschau halte und voller Vorfreude zum siebten Roman von Elena Ferrante greife.

 

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Foto: Gabriele Luger

Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

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Meine halbe Kindheit habe ich mit Warten verbracht. Auf den Beginn der Ferien, auf Geburtstage und Weihnachten, auf die Rückgabe der Mathearbeit, für die ich so viel gelernt habe, auf ein Bonanza-Rad. Später dann auf das erste Mofa und den Führerschein. Viel hat sich seitdem verändert, aber das Warten ist geblieben. Tagein, tagaus warte ich noch immer auf irgendwas. Es sind keine großen Dinge mehr und erst recht keine Geburtstage, die ich herbeisehne. Stattdessen lauter Kleinigkeiten. Dinge die einem Mann in meinem Alter Freude machen. Wenn es Sonntags mal wieder Rouladen gibt, morgens aufzustehen ohne Rückenschmerzen und zwei mal im Jahr Buchmesse mit den Bloggerfreunden.

Auch Jan Peter Bremers Protagonisten, der alternde Maler Günter Greilach und seine Frau Natascha, verbringen ihr Leben mit Warten. Doch was sie herbeisehnen, ist weit mehr als nur ein Sonntagsbraten, auch wenn es sich ähnlich profan anhört. Sie warten auf Besuch. Doch der, auf den sie warten, ist kein x-Beliebiger, weder Freund noch Familie, sondern ein junger Doktorand, den sie noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen haben, dessen Kommen sie aber seit mehr als zwei Jahren sehnsüchtig und hoffnungsvoll erwarten. Sehnsüchtig, weil sein Besuch per Postkarte immer wieder verschoben wird. Mal, weil der junge Doktorand in Spanien vom Pferd gefallen ist, im Krankenhaus eine Krankenschwester kennengelernt und spontan geheiratet hat, mal, weil seine junge Ehefrau urplötzlich verstorben ist. Hoffnungsvoll, weil dieser Besuch    Recherchezwecken für eine größere akademische Arbeit über das künstlerische Werk des Hausherren Greilach dient.

Die Postkarten, mit denen sie vertröstet werden, lassen das Bild des erwarteten Gasts in immer schillernderen Farben erscheinen. Besonders in Natascha Greilachs Vorstellung nimmt der junge Doktorand immer konkretere Züge an und ist am Ende ein sportlicher Womanizer, dem weder spanische Krankenschwestern noch deutsche Hausfrauen widerstehen können. Ihr Mann dagegen erwartet einen jungen, talentierten Kenner des Kunstbetriebes, dessen Geschmack und Expertise allein dadurch schon belegt ist, weil er sich intensiv mit dem Werk von Günter Greilach beschäftigt hat.

Und so sitzen die beiden Eheleute in ihrer umgebauten Wassermühle auf dem Lande und warten, nähren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, bis es eines Abends an der Tür klingelt und er endlich da ist. Ganz anders als erwartet, besonders in Nataschas Augen. Kein Latin Lover, sondern aufgeschwemmt und kettenrauchend steht er da, der junge Doktorand. Und doch ist das völlig nebensächlich, denn er ist endlich eingetroffen. Und nur das zählt. Mit offenen Armen wird er empfangen, von ihr und von ihm. Und schon geht es los, das Hick-Hack um den größeren Anteil an Quality Time mit dem Sehnsuchtsgast.

Mehr will ich vom Plot gar nicht erzählen. Dass der junge Doktorand sich als herbe Enttäuschung entpuppt und weder Nataschas Sehnsüchten noch Günters Hoffnungen entspricht, kann man sich vielleicht denken. Doch diese Vorhersehbarkeit schmälert in keinster Weise das Lesevergnügen an dieser kleinen „Gesellschaftsparabel über unser allgegenwärtiges Bedürfnis, gesehen zu werden“, wie es auf dem Backcover heisst.

Jan Peter Bremer hat einen sehr eigenen, mit feinsinnigem Humor durchwebten Erzählstil und ist ein wahrer Meister der Dialoge. Die Streitereien zwischen Natascha und Günter sind so lebendig und einfühlsam geschildert, als streite man als Leser mit. Ich hätte mir am Ende noch ein wenig mehr als die 176 großzügig formatierten Seiten gewünscht, Aber nur, weil mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat. Gefehlt hat mir an der Geschichte nichts, und meiner Meinung nach ist dieser Roman vollkommen zu recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet.

Auch wenn es vielleicht etwas weit hergeholt ist, musste ich beim Lesen immer wieder an Wladimir und Estragon denken, die beiden Landstreicher, die in Samuel Becketts berühmtem Bühnenstück auf Godot warten. Ich weiß nicht so recht, um was es Jan Peter Bremer bei diesem Roman wirklich geht. Um das Bedürfnis, gesehen zu werden, als Mensch Bedeutung zu bekommen, weil sich Dritte mit einem beschäftigen, oder tatsächlich nur um das Warten? Dieser Zustand, in dem  noch nichts entschieden, alles noch möglich ist, Sehnsüchte und Hoffnungen noch nicht ad acta gelegt sind. Ich frage mich, ob es nicht sogar lebensnotwendig ist, immer irgendetwas zu haben, auf das man Warten kann. Sei es ein Sonntagsbraten, ein junger Doktorand oder die Verkündung der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit oder ohne Jan Peter Bremer.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Berlin Verlag
176 Seiten, 20 Euro

 

Die Guten ins Köpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen

Gesammelte Kurzrezensionen. JETZT NEU: mit Sternchen-Bewertungen

 

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Familienromane sind momentan wieder der neue heiße Scheiß im Buchmarkt. Noch heißer und angesagter sind nur noch Familiengeschichten, die nicht dem klassischen Rollenbild entsprechen. So wie im Debüt von Miku Sophie Kühmel, mit dem sie aus dem Stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Die Protagonisten dieses kleinen Familienromans sind ein mittelaltes schwules Paar, der eine Hochschulprofessor, der andere Künstler. In der Abgeschiedenheit eines Brandenburger Ferienhauses am See wird ihnen von der Autorin ein alleinerziehender bisexueller Pianist und seine mittlerweile erwachsene Hetero-Tochter hinzu gesellt. Fertig ist ein kompliziertes Wochenend-Szenario-Beziehungsflecht der queeren Art. Kühmel macht das gut, hat einen sehr souveränen Erzählstil, gibt den vier Personen genügend Raum, sich zu entfalten.

Doch man muss sich schon auf dieses sehr enge Beziehungsspiel einlassen, denn außer den Verflechtungen der vier handelnden Personen untereinander, Liebe und Leid, Rückblicke auf glänzende Erfolge und solide Bodenständigkeit, Spannungen und Beziehungsbrüchen, passiert auf den knapp dreihundert Seiten nicht viel. Literarisch ist das ohne Frage auf einem hohem Niveau, aber mich hat die Lektüre stellenweise doch sehr gelangweilt, so dass ich die letzten hundert Seiten nur noch que(e)r gelesen habe. Genau das passiert mir bei Buchpreis-Kandidaten sehr häufig, und daher könnte ich mir vorstellen, dass der Roman beim dbp sehr gute Chancen hat, eine Runde weiter zu kommen.

3,5 von 5 Sternen

Dana von Suffrin – Otto

Hier haben wir den klassischen Fall eines Buches, das fulminant startet, irgendwann in der Mitte stark nachlässt und am Ende in quälenden Erzählschleifen ausplätschert. So zumindest habe ich die Lektüre dieses Debütromans empfunden, der – wie soll es auch momentan anders sein – eine Familiengeschichte erzählt. Auch hier steht keine klassische deutsche Durchschnittsfamilie, sondern eine mit Migrationshintergrund und jüdischem Glauben im Mittelpunkt. Ein manipulativ despotischer Patriarch, der seit Jahren im Sterben liegt, sich aber immer wieder aufrafft und das Leben seiner Töchter beschwert. Am Anfang fand ich das Setting ganz spannend und auch die Vita des aus Siebenbürgen stammenden Juden Otto hat mich interessiert. Die Art, wie er seine Töchter in die Pflicht nimmt, dieses Wechselspiel aus Zuckerbrot und Peitsche; sein Geiz, seine Wehleidigkeit, der Stolz, die Arroganz und auf der anderen Seite der Familiensinn und die Liebe zu seiner Lieblingstochter. Das alles wird auf den ersten hundert Seiten sehr schön skizziert, so dass man Lust auf mehr davon bekommt. Aber dann fängt von Sufrin an, in vielen assoziativen Rückblenden die Familiengeschichte nachzuerzählen, und ab da verliert der Roman massiv, wird zäh und langweilig. Auch hier habe ich auf den letzten fünfzig Seiten nur noch hier und und da einen Absatz gelesen und habe das Buch am Ende schwer enttäuscht zur Seite gelegt.

3 von 5 Sternen

Charles Lewinsky – Der Stotterer

Ich habe sehr gerne den Vorgängerroman Kastelau gelesen. Ein Buch, das ich noch in guter Erinnerung habe. Eins aus der Rubrik anspruchsvolle Unterhaltung. Das habe ich auch hier erwartet – auch wegen Diogenes – und wurde leider enttäuscht. Was ich bekam, war eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte, einfallslos an einer sehr naheliegenden Idee entlang konstruiert. Alles wirkt so, als wenn Lewinsky Wochen nach einer Idee für den nächsten Roman gesucht hat und nach diversen Brainstorming-Sitzungen endlich den ultimativen Einfall hatte. Warum nicht eine Geschichte über jemanden schreiben, der nicht gut sprechen kann – weil Stotterer – aber dafür umso besser schreiben? Gibt es das eigentlich schon? Nein? Na, dann mal los. Was braucht man dafür? Einen Protagonisten mit einer schweren Kindheit, Missbrauch, religiösen Fanatismus; egal, Hauptsache ein ordentlich hartes Schicksal, das einen natürlich irgendwann ins Gefängnis bringt. Denn jeder weiß: Hast du erstmal Scheiße am Schuh, wirst du das so schnell nicht mehr los. Und so schreibt er sich einen zurecht. Der Protagonist im Roman sowie Lewinsky. Und weder dem einen noch dem anderen gelingt es, mich mit seinem Geschreibsel zu überzeugen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man für einen Roman über jemanden, der besonders gut schreiben kann, auch selber besonders gut schreiben können sollte.

2 von 5 Sternen

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commandatore Teil 2. Eine Metapher wandelt sich.

Eigentlich diskutiere ich ja nicht über Murakami. Ich habe gelernt, dass das nichts bringt, denn entweder ist man Fan oder eben nicht. Diesen Autor kannst du nicht schön reden. Wenn einer das, was ich beim Lesen seiner Werke empfinde, nicht auch nur ansatzweise fühlt, dann kannst du dir alle Argumente sparen. Das ist wie Musik. Entweder sie gefällt, geht in den Bauch, trifft dich ins Herz, bringt etwas in dir zum Klingen, oder eben nicht. Mir ist Murakami vor vielen Jahren in einer schwierigen Lebensphase zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Ich fühlte mich verstanden, seine Romane haben mich aufgefangen, mir Trost gegeben. Und seither ist er einer meiner Helden, auf den ich eigentlich nichts kommen lasse. Doch nach den beiden Bänden vom Commandatore muss ich leider sagen, dass ich etwas ernüchtert bin. Den ersten Teil habe ich noch klassisch gelesen, Band 2 dann als Hörbuch gehört. Und beim Hören sind mir auf einmal Dinge aufgefallen, die ich beim Lesen so noch nie wahrgenommen habe. Beispielsweise äußerst naive Satzkonstruktionen, nervige Wiederholungen und ein Plot auf Kindergartenniveau. Und plötzlich bin ich sehr verunsichert. Das Denkmal steht schief auf dem Sockel, und ich kann mich gar nicht lassen, fühle mich irgendwie illoyal und undankbar. Ich schlage vor, wir lassen das einfach mal so stehen und warten auf das nächste Buch.

3 von 5 Sternen

Leila Slimani – All das zu verlieren

Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, so wie auch schon der Vorgängerroman von Leila Slimani. Sie hat einfach eine sehr eindringliche Art, traumatische Beziehungsdramen zu skizzieren und ihre Leser daran teilhaben zu lassen. Am Ende ihrer Romane hat man stets das Gefühl, man wäre in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Aufgewühlt, mit pochendem Herzen, verwirrt und geschockt bleibt man zurück. Und trotz dieses starken Gefühls und aller Begeisterung weiß ich nicht, wie und was ich darüber schreiben sollte oder möchte. Und zwar in meiner Rolle als Mann, der in diesem Jahr bereits den vierten Roman einer weiblichen Autorin gelesen hat, in dem es sehr explizit um Sex geht. Sex, wie ihn laut landläufiger Meinung und laut 95 Prozent der mir bekannten Literatur vorwiegend Männer haben. Spontan, wahl- und zügellos, ohne zärtliche Gefühle oder gar Liebe. Sex, dessen Schilderung zu keinem Punkt auch nur ansatzweise erotisch ist, der als Ersatz für irgendetwas anderes herhalten muss. Um eine Leere zu füllen oder vor etwas zu flüchten. Das ist natürlich vollkommen substanzlos und nichts als Küchenpsychologie, zeigt aber sehr gut, wir sehr mich das Schicksal der Protagonistin Adele berührt und verwirrt hat. Was für ein starkes Buch, was für eine grandiose Autorin!

4,5 von 5 Sternen

 

Colson Whitehead – Die Nickel Boys

Ich finde es gut, wenn ein Autor sein Thema gefunden hat. Man kann sich als Leser einstellen, weiß was einen erwartet, erlebt keine bösen Überraschungen. Colson Whiteheads Thema ist die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA: Sklaverei, Unterdrückung und Alltagsrassismus. Nach „John Henry Days“ und „Underground Railroad“ ist dies der dritte Roman, den ich von Whitehead gelesen habe. Und wieder ist es eine ans Herz gehende Geschichte, fiktiv, mit erfundenen Charakteren, aber nach einer wahren Begebenheit. Das Nickel, eine Besserungsanstalt für Jungen, in denen insbesondere die farbigen Jungs misshandelt und auch getötet wurden, hat es tatsächlich in den USA gegeben. Erzählt wird die Geschichte von Elwood, einem intelligenten und eigentlich kreuzbraven Jungen, der beim Trampen in den falschen Wagen eingestiegen ist und als Autodieb im Nickel landete. Es gibt zahlreiche Zeitsprünge und unterschiedlich interessante Einzelschicksale, die den Erzählfluss etwas zäh gestalten, aber insgesamt ist dies wieder ein sehr empfehlenswerter Roman des routiniertesten Chronisten der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

3,5 von 5 Sternen

 

Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success

Ja, so sind sie wohl – die Amerikaner. Gary Shteyngart gelingt in seiner derzeit vielbeachteten Investmentbanker-Road-Novel ein wunderbar vielschichtiges und aktuelles Psychogram einer gespaltenen Nation. Hier die Kapitalisten, Materialisten, Trumpisten und Hedonisten und auf der anderen Seite die, die daran nicht teilhaben können, wollen oder andere Ziele im Leben verfolgen. Viel scheint sich nicht verändert zu haben. Als ich in den Achtzigern mal zwei Monate drüben war und wie Barry Cohen, der Held dieses Romans, auch viel mit dem Greyhound gereist bin, habe ich es ähnlich empfunden. Ich habe sehr aufgeschlossene, weltoffene, aber auch sehr oberflächliche und bornierte Menschen kennengelernt, unvorstellbaren Reichtum und schockierende Armut gesehen, inspirierende Multi-Kulti-Viertel kennengelernt und dann wieder Ghettos, die man als Weißer besser nicht betritt.

An all das musste ich denken, während ich Barry Cohen, dem tragischen Helden von „Willkommen in Lake Success“, auf seiner Reise, bzw. Flucht durch die USA lesend begleitete. Und dass Barry nach all den Erlebnissen am Ende kein anderer Mensch und keinen Deut besser geworden ist, sondern diese Episode in seinem Leben nur benutzt, um lediglich so zu tun als ob, ist nicht nur bitterböse, sondern in meinen Augen auch typisch amerikanisch. Fazit: ein großer und gleichzeitig großartiger Amerika-Roman, dessen Lektüre ich sehr empfehlen kann.

4 von 5 Sternen

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Foto: Gabriele LugerContinue Reading

Katja Oskamp – Marzahn, mon amour

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Geschichten einer Fußpflegerin. 

Ich habe eine neue Schreibtechnik erlernt. Sie nennt sich Clustern, kommt im Prinzip noch vor dem eigentlichen Schreiben zum Einsatz und funktioniert in etwa so: Man nimmt sich ein Blatt Papier und notiert in der Mitte das Wort, das einem als allererstes zu dem Thema einfällt, über das man etwas schreiben will. Und dann fügt man drumherum weitere Begriffe hinzu, die sich aus dem bereits notierten Wörtern ergeben. Ist das Blatt voll, fängt man an, richtig zu schreiben – Assoziationsketten zu verbinden, aus den Wörtern ganze Sätze zu machen.

Das erste Wort, was ich zu „Marzahn, mon amour“ aufgeschrieben habe, war „Menschenliebe“ und dann als nächstes gleich „Herzensbuch“ und „Florian“. Wie gut, dass es solch einfache Methoden gibt, denn sonst hätte ich ich gar nicht gewusst, wo ich anfangen sollte, um meine Begeisterung für dieses Buch kundzutun. Eigentlich bin ich ja alles andere als ein Menschenfreund. Doch je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor dem Leben anderer Leute. So ein Leben muss nicht besonders herausragend, die Person nicht berühmt und bedeutend sein, um beachtet zu werden und Wertschätzung zu bekommen. Eigentlich das Mindeste, was man erwarten darf, zugleich aber auch das Kostbarste und für mich nach wie eine nicht ganz so einfache Übung.

Die meisten Menschen, die in den Plattenbauten in Berlin-Marzahn leben, sind weder berühmt noch bedeutend. Sie leben ihr Leben, sind entweder mittendrin oder schon fast damit durch, haben sich durchgebissen, kommen irgendwie klar und haben allesamt Füße, die sich freuen, wenn sich mal irgendwer richtig kümmert. Kümmern tut sich die Ich-Erzählerin dieses wunderbaren Buches, eine gescheiterte Schriftstellerin, die sich zur Fußpflegerin umschulen lässt und in einem Kosmetikstudio in Marzahn anfängt. Und sie macht das nicht nur einfach so als Plan B, sondern mit Herzblut. Und plötzlich sind bei ihr alle Selbstzweifel, ist ihre ganze Lebens-Unzufriedenheit wie weggefegt. Sie arbeitet mit Menschen, spricht mit ihnen, hört zu, beschäftigt sich – mit ihren Füßen, mit ihrem Leben.

Sollte ich jemals abschätzig über die Arbeit einer Fußpflegerin geurteilt haben, so leiste ich hiermit öffentlich Abbitte. Katja Oskamp schafft es, mir dieses Berufsbild aus einer vollkommen neuen Sicht zu präsentieren. Was hier geleistet wird, ist eine echter Dienst am Menschen. Und ich glaube, auch ich wäre froh, wenn sich mit Siebzig Plus noch jemanden findet, der sich meine langweiligen Buchblogger-Geschichten anhört, während er mir die Hornhaut von den Fersen hobelt.

Damit kann schon mal ein Haken an die ersten zwei Begriffe gesetzt werden: Menschenliebe und Herzensbuch – für mich eigentlich ein Unwort, aber hier passt es. Bleibt noch Florian. Den Namen habe ich notiert, weil er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat. Florian kennt man als literarischen Nerd von Instagram. Als Buchhändler ist es sein Job und als Bookstagramer sein Hobby, tagtäglich Bücher zu empfehlen. Und wenn er für einen Titel brennt, dann legt er sich richtig ins Zeug. Genau das hat er hier gemacht. Ohne seine leidenschaftliche Empfehlung wäre diese literarische Perle aus mehreren Gründen wohl komplett an mir vorübergegangen. Weil ich von Katja Oskamp noch nie etwas gehört habe, weil mich unter Garantie der Untertitel „Geschichten einer Fußpflegerin“ abgeschreckt hätte, weil im Moment wieder so eine Flut an literarischen Neuvorstellungen auf jeden ambitionierten Leser einströmt, dass solche Titel einfach untergehen.

Also warum sollte man nun ein Buch lesen, über das nicht viel gesprochen wird, wenn es kurz vor der Herbstmesse in Frankfurt so viel andere, wichtigere und interessantere Bücher gibt? Weil „Marzahn – mon amour“ in meinen Augen eines der wenigen Bücher ist, die – ohne es zu wollen – wirklich zu Herzen gehen und selbst hartgesottene Menschen wie mich zum Weinen bringen. Weil es so übervoll mit Liebe, Respekt und Verständnis ist, dass bei der Lektüre etwas auf den Leser abfärbt und einen zufrieden und dankbar hinterlässt. Mich haben die kleinen Episoden über die ganzen alten Marzahner, die sich zu ihrem monatlichen Fußpflegetermin schleppen, zum Nachdenken gebracht. Menschen wie Herr Paulke, Frau Janusch oder Herr Pietsch, die alle ihre Macken, aber immer auch etwas Liebenswertes an sich haben. Ich sollte nicht immer so vorschnell urteilen, nicht immer nur die Fehler sehen. Einfach mal zuhören, ein paar Minuten Zeit schenken, mehr braucht es nicht, um die Menschen um einen herum ein klein wenig zufriedener und  – so pathetisch es auch klingen mag – die Welt ein Stückchen besser zu machen.

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Print:

Verlag: Hanser Berlin
144 Seiten, 16,00 €

Hörbuch:
tacheles! ROOF Music
Gesprochen von der Autorin
4 h, 06 min., 9,99 €
(Im Streaming Abo von Apple-Music)

 

 

 

Friedemann Karig – Dschungel

Wie ist das eigentlich, wenn Journalisten Romane schreiben? Was darf man da erwarten? Zumindest eine gut recherchierte Story, sollte man meinen. Oder das genaue Gegenteil. Ein kreatives Fingerspiel als Ausgleich zum nüchternen Redaktionsalltag. Fiktion statt Fakten. Und wie stehen die Bosse in den Redaktionen dazu – nach Relotius und Kummer? Ist man journalistisch verbrannt, wenn man mal einen Roman geschrieben hat?

Ich weiß nicht, wieviel am Debütroman des Journalisten Karig echt und wieviel letztendlich ausgedacht ist. Ist mir auch egal – was bringt es zu wissen, ob etwas vom Autor im Protagonisten steckt? Ob Karig jemals in Kambodscha war und ob es einen Felix in seinem Leben gab? Das Wissen darum macht ein schlechtes Buch nicht besser und ein gutes nicht schlechter. Es ist einfach nur das, was einem als erstes einfällt, wenn einem nichts einfällt, man aber trotzdem irgendetwas über ein Buch sagen will oder muss.

Das werde ich also nicht thematisieren, obwohl ich es jetzt eigentlich schon getan habe. Es wäre auch gar nicht nötig, denn zu diesem Buch fällt mir eine ganze Menge ein. Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser Roman wirklich großartig ist. Lange schon hat mich kein Titel so sehr berührt, keine Story so gefesselt. Der Dschungel nimmt dich auf, umschließt alles und hält dich gefangen. Die Außenwelt ist irgendwo da draußen, etwas wohin du am Ende der Geschichte nur sehr ungern zurückkehren wirst.

Ich war nie in Kambodscha und ich werde da wahrscheinlich auch niemals hinreisen. Und doch kenne ich jetzt einen kleinen Teil davon. Den Flughafen von Phnom Penh, ein Backpacker-Hotel, eine namenlose Insel. Wer also wie ich gerne zu Hause bleibt und lieber vom heimischen Lesesofa aus in fremde Länder reist, für den ist dieses Buch genau richtig. Zusammen mit dem Ich-Erzähler war ich überall dort auf der Suche nach Felix. Einer verzweifelten Suche, die Nadel im Heuhaufen scheint dagegen einfach zu finden. Alles ist fremd und keiner weiß irgendetwas. Doch der Ich-Erzähler gibt nicht auf, folgt jeder Fährte, sucht und sucht und verliert sich dabei selbst. Das klingt jetzt ausgelutscht, wie so ein Postkarten-Sinnspruch, ist aber so. Wie sagte Lao Tse? ‚Wer stets ohne Begehren, wird das Geheimste schauen. Wer ständig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum.‘

Das Begehren, den besten Freund irgendwo im Dschungel zu finden, ist in diesem Fall sehr ausgeprägt. Apropos Freundschaft. Wer es als Autor schafft, so ein Allerweltsthema, den Standardbezug handelnder Personen in ausnahmslos jedem Roman, so catchy, unverbraucht und plastisch darzustellen, der kann schon was. Es ist, als wenn man die beiden persönlich kennt. Den Draufgänger und seinen schüchternen Freund: extrovertiert, introvertiert. Dass der eine eigentlich todtraurig ist, so sein will, wie der andere, war für meinen Geschmack ein bisschen zu naheliegend und profan – aber auch nur ein bisschen.

Toll ist der Wechsel zwischen den Erzählebenen, der Suche nach Felix in Kambodscha und der Retrospektive, den Erinnerungen an die gemeinsame Jahre, die Entwicklung ihrer Freundschaft. Am Ende wird es beinahe manisch. Die Ebenen vermischen sich, und es gibt ein in meinen Augen sehr gelungenes Ende, das ich so nicht erwartet hätte. Was bleibt ist die Frage, an der man auch nach dem Buch noch lange zu kauen hat: Ist man ohne seine Erinnerungen ein glücklicherer Mensch? Sind die ganzen Erlebnisse, Bindungen, Freundschaften nur Ballast auf der Seele, von dem man sich befreien sollte?

Und überhaupt – toxische Freundschaft – wo hatten wir das zuletzt? Dass einer zieht und der andere gezogen wird? Einer äußerlich stark und mutig, der andere schüchtern und in sich gekehrt? Ein komplett gegensätzliches, aber sich perfekt ergänzendes Paar. Richtig: In Mareike Fallwickls dunkelgrün fast schwarzem Debütroman gab es das. Die Freundschaft zwischen Rafael und Moritz. Und noch eine Assoziation: die Hippie-Kommune auf der namenlosen Insel mit ihren Drogen-Ritualen, Aussteiger-Philosophien, alternativen Lebensentwürfe – das alles hat mich stark an T.C. Boyles letzten Roman „Das Licht“ erinnert.

Wer also Lust auf eine vielschichtige und perfekt komponierte Erzählung hat, die letzten Romane von Fallwickl und Boyle mochte und dazu noch gerne vom gemütlichen Lesesofa aus in fremde Länder reist, der muss unbedingt auch ‚Dschungel‘ von Friedemann Karig hören oder lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Hörbuch:
Verlag: HörbucHHamburg HHV
Sprecher Fabian Busch
10 h, 28 min, 22,00 €

Print:
Verlag: Ullstein
384 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

Wie ich gelernt habe, zuzuhören (last man listening)

4

Ich lese gern, aber ich bin oft müde. Das lässt sich nicht ändern – leider. Nicht mit Cola, nicht mit Kaffee. Diesen Preis muss ich zahlen; für ein übervolles Leben, das frühe Aufstehen, die ganzen vielen Jahre auf dem Buckel. Wenn ich abends das machen will, worauf ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe, ist oft schon nach wenigen Seiten Feierabend. Die Augen, die Lider, der Kopf, alles. Mein Körper will nicht mehr. Will nichts mehr halten, nichts mehr schauen, nicht mehr denken. Will nur noch schlafen.

Und jeden Morgen dann der erste Selbstvorwurf des Tages: „Aber ich wollte doch noch lesen!“ Wollte eintauchen, abschalten, mal was anderes, als nur mein Leben. So schaffe ich das niemals. Den Kanon, die Neuheiten, meine Backlist-Helden. Andere lesen über hundert Bücher im Jahr. Und ich? Warum schaffe ich das nicht? Fehlt mir der Ehrgeiz oder nur Zeit und Schlaf?

Lange war ich gefangen, fand keinen Ausweg aus der Misere. Allabendliche Kapitulation und morgendliche Anklage. Ein Teufelskreis. 50 Bücher im Jahr, mehr war beim besten Willen nicht nicht drin. Und das auch nur, wenn ich mich im Sommer aus der Gartenarbeit rauszog und auf jegliche Art von Sport verzichtete. Die Folge: vorwurfsvolle Blicke und zehn Kilo plus auf den Rippen.

Energy Drinks, nur noch halbtags arbeiten – alles angedacht, alles keine Lösung. Das Lesen komplett dran geben? Niemals!  Was wird dann aus mir? Wer bin ich dann noch? Eine arme Wurst – ausgeschlafen aber leer. Und plötzlich dann die Lösung. Warum mach ich es eigentlich nicht wie im Job? Was ich selber nicht schaffe, delegieren. An Kollegen, die vieles oftmals besser können als ich. Wenn also selber lesen nicht geht, warum dann nicht andere für einen lesen lassen? Nichts tun, einfach nur noch sitzen und zuhören – like a boss.

Zunächst war ich skeptisch. In meinem Umfeld bin ich nicht unbedingt als ein guter Zuhörer bekannt. Hören ist mir irgendwie zu passiv. Ich halte gerne das Heft in der Hand, bin viel lieber Protagonist als Rezipient. So gesehen müsste ich eigentlich eher schreiben als lesen. Und jetzt also keins von beiden, sondern einfach nur zuhören. Zurücktreten ins Glied und andere machen lassen. Ist das mein Ding?

Ja, ist es. Ich hab’s ausprobiert und für gut befunden. Angefangen habe ich mit was Leichtem, Dan Brown, „Origin“ war mein erstes Hörbuch. Hat gut geklappt, ich konnte mich konzentrieren, die Protagonisten zuordnen, der Handlung folgen. Und obwohl Dan Brown so überhaupt nicht mein Anspruch ist, hat mir das Zuhören Spaß gemacht. Und dann die nächsten Ausbaustufen: ein anspruchsvoller Krimi und ein Klassiker. Volker Kutschers „ Der nasse Fisch“ und Falladas „Kleiner Mann“ – beides klappte nicht nur problemlos, sondern konfrontierte mich mit einer eigentlich profanen aber dennoch für mich überraschend neuen Erkenntnis: Es gibt Menschen, die können deutlich besser lesen, als ich.

Zwischen dem, was ich mir so zurechtlese – mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht konzentriert – und dem, was professionelle Hörbuchsprecher*innen wie David Nathan, Eva Mattes oder Ulrich Noethen abliefern, liegen Welten. Und noch etwas habe ich in diesem Fall überhaupt nicht für möglich gehalten: Bücher vorgelesen zu bekommen, ist nicht nur praktisch und bequem, es erhöht sogar den Literaturgenuss deutlich. Ein durchschnittliches Buch, von einem Profi gut vorgelesen kommt bei mir oftmals besser weg, als ein gutes Buch, dem ich aufgrund von Übermüdung und Unkonzentriertheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit widmen kann. Ein Hörbuchsprecher ist nie übermüdet und unkonzentriert, sondern immer zu 100 Prozent im Text. Da bekommt jeder Satz, die Aufmerksamkeit und Betonung, die er verdient. Da werden keine Passagen geschludert, da wird nicht quer gelesen, da wird wird Wort für Wort wertgeschätzt. Eine solch konstant hohe Lese-Performance kann ich als Für-Mich-Leser natürlich nicht vorweisen.

Doch einen Haken hat die Sache schon. Ein Hörbuchsprecher kann noch so wach und konzentriert sein, wenn der Zuhörende das nicht auch ist, hat man nichts gewonnen. Beim Hören ist das Risiko des gedanklichen Abschweifens und Einnickens noch wesentlich höher als beim Lesen. Zuhören ist noch passiver, verbraucht noch weniger Kalorien. Man muss nichts halten, umblättern, die Augen nicht bewegen, ja noch nicht mal aufhalten. Abends auf dem Sofa noch ein paar Stunden Hörbuch hören, geht zum Beispiel gar nicht. Nach fünf Minuten bin ich eingeschlafen.

Hörbuch höre ich daher nur, wenn ich in Bewegung bin: Sport mache, im Garten arbeite, mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs bin. Statt auf dem Sofa herumzusitzen, suche ich mir Bewegung, um noch mehr Hörbuch zu hören. An einem durchschnittlichen Wochentag kommen da schon ein paar Stunden Hörbuchzeit zusammen, besonders seit ich fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre.

Und so schaffe ich jetzt doch noch an die 100 Bücher im Jahr – die eine Hälfte gelesen, die andere gehört – und freue mich über die gewonnene Zeit für den Kanon, die ganzen Neuerscheinungen und die Backlist meiner Helden. Der Wecker klingelt immer noch früh, das Leben ist nach wie vor übervoll, aber die Jahre auf dem Buckel wiegen weniger schwer. Und zwar ziemlich genau sieben Kilo, die ich seitdem weniger auf den Rippen habe.

 

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Foto: Gabriele Luger