Leserbrief #13

Zu diesem Leserbrief gab es bei Facebook und Twitter eine Menge sehr kritischer Kommentare. Besonders erschreckt hat mich, dass mir in einigen Posts mehr oder weniger direkt oder indirekt Antisemitismus vorgeworfen wurde. Das hat mich veranlasst, diesen Leserbrief für einen Tag offline zu schalten, und einen längeren Kommentarbeitrag dazu zu verfassen. In „Ein Wochenende mit Biller“ stelle ich mich den Vorwürfen in aller Ausführlichkeit und erläutere, warum ich diesen Text so und nicht anders formuliert habe. Auch auf die Gefahr hin, dass die Diskussion jetzt wieder losgeht, stelle ich den Leserbrief unverändert wieder ein, damit sich jeder ein Bild machen kann, worum es eigentlich ging.

 

Lieber Maxim,

sag mir doch bitte mal, wo du deine Brille her hast. Ich habe hier bei uns in der Stadt fast alle Geschäfte abgegrast und nirgendwo so ein Modell gefunden. Und frag mal einen Optiker nach einer Maxim-Biller-Brille. Der guckt dich nur fragend an und präsentiert dir stattdessen Modelle von Tommy Hilfiger und Wolfgang Joop. Einer meinte sogar, dass sie Biller-Brillen nicht führen. Ja, so ist das, wenn man mal im Fernsehen war. Eh du dich versiehst, bist du Stil-Ikone. Übrigens – die Jacke, die du neulich beim KiWi-Sommerfest in Berlin getragen hast, war auch ziemlich mega.

Aber zurück zur Literatur. Ziemlich viele Lobeshymnen, die dein neuer Roman gerade absahnt. Spiegel-Bestseller Nr. 17 und dazu noch eine Longlist-Nominierung – da kann man doch echt nicht klagen. Und vielleicht geht da sogar noch mehr. Shortlist und sogar der Titel und die 25.000 Euro – alles drin diesmal. Glaubst du nicht? Warum nicht? Ach, ich weiß schon, was du sagen willst. Dass nach Robert Menasse nicht schon wieder ein Jude den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Hab ich recht? Siehste. Bist du denn sicher, dass einer der Preisträger davor nicht auch schon Jude war? Nicht jeder kehrt das ja so nach außen wie du. Dass Menasse Jude ist, höre ich jetzt übrigens zum ersten Mal. Und überhaupt: Mir ist es ziemlich egal, was für einen Glauben ein Schriftsteller hat. Hauptsache sein Buch ist gut.

Und jetzt mal ehrlich: Du weißt ja selbst, dass du dir mit deinen Auftritten im Literarischen Quartett nicht unbedingt viele Freunde gemacht hast. Einige betitelten dich ja sogar als Kotzbrocken. Sowas beeinflusst nun mal auch die Wahrnehmung als Autor. Dein TV-Abschied war daher ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn „Sechs Koffer“ also nicht auf der Shortlist landen sollte, dann könnte das viel eher an deinem negativen TV-Image liegen. Noch dazu – Lobeshymnen hin oder her – so besonders find ich deinen neuen Roman auch gar nicht. Ich hab mir das Hörbuch angehört, gesprochen von „The Voice“ Christian Brückner  höchstpersönlich, und war am Ende sogar ein wenig enttäuscht.

Ein Familienroman, ein autobiografischer sogar, mit Protagonisten, die du also eigentlich gut kennen solltest, die aber merkwürdig blass und oberflächlich bleiben. Sag mal, hast du nicht neulich erst eine Art Biografie geschrieben? Ok, der Roman hieß nur so. Aber trotzdem: Immer wieder im gleichen deutsch-jüdischen Geschichtensaft zu schmoren, ist auf die Dauer auch langweilig. Ich habe mir das trotzdem alles geduldig angehört, an einigen Stellen habe ich geschmunzelt, an anderen zustimmend genickt und mich insgesamt auch ganz passabel unterhalten gefühlt. Auch stilistisch gibt es nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil. Aber du weißt ja selber, dass du gut schreiben kannst. Am Ende hat mich die Geschichte um Onkel Dima, Onkel Lev und Tante Natalia aber doch ziemlich kalt gelassen, und so stand die Frage in Raum, was mir die Lektüre jetzt gebracht hat? Identifikationspotential gleich Null. Über dich, den Schriftsteller Maxim Biller, habe ich auch nicht so wirklich etwas erfahren. Und der eigentlich Spannung versprechende Plot rund um den Verrat an Großvater Biller und die Suche nach dem mutmaßlich Schuldigen schien am Ende gar nicht mehr wichtig zu sein. Jedes Familienmitglied hätte es gewesen sein können. Ist das die Botschaft? Dass Schuld immer eine Frage des Betrachtungswinkels ist? Dass jeder sowieso seine eigene Wahrheit hat, und dass es am Ende egal ist, warum etwas passiert, sondern wie man mit dem Geschehenen umgeht?

Kommen wir noch mal zurück auf dein zentrales Thema. Ich respektiere grundsätzlich jeden Glauben, habe aber ein Problem mit jeder Art von übersteigertem Sendungsbewusstsein. Daher befremdet es mich, wenn ein moderner Mensch wie du seine Religionszugehörigkeit so in den Mittelpunkt stellt. Schon im Literarischen Quartett ist mir das negativ aufgefallen. Immer wieder hast du dein Jüdisch-Sein als Begründung für irgendwas herangezogen. ‚Wir Juden können darüber nicht lachen, als Jude sehe ich das anders, Juden sagen immer die Wahrheit, ich als Jude meine dies und das.‘ Wenn das so eine Art Positionierung von dir ist, dein Alleinstellungsmerkmal im Literaturbetrieb, wenn du bewusst als jüdischer Autor wahrgenommen werden willst, als der deutsche Jonathan Safran Froer, dann, ja dann kannst du mit deiner Arbeit zufrieden sein. Das ist dir gelungen. Vielleicht geht es dir ja auch um Sichtbarkeit – seht her, ich bin Jude, ich schreibe, bin laut, nicht immer nett und nicht unauffällig. Ich provoziere und erlaube mir, eine Meinung zu haben, obwohl ich Jude bin. Vielleicht ist es das, was dich antreibt.

Egal, was es ist. Mein Maxim Biller-Bild ist und bleibt zwiegespalten. Einerseits finde ich dich cool, mutig und souverän. Anderseits gehen mir deine Ansichten manchmal gehörig auf die Nerven. Trotzdem schön, dass es dich gibt.  

Es grüßt dein immer noch nach dem Brillenmodell mit dem hellen Rand Ausschau haltender Fan aus dem Buchrevier  

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Foto: Gabriele Luger

Leserbrief #9

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Lieber Thomas,

kennst du das auch noch von damals? Wenn man als Jugendlicher Fan einer Band war, hat man das auf seine Federmappe geschrieben. Einige haben auch den Schultisch mit Bandnamen vollgekritzelt oder sind mit dem Edding losgezogen und haben Telefonzellen und Häuserwände mit dem Namen ihrer Idole beschriftet. Ich hab mit zwölf, dreizehn zunächst für „Boney M.“ und später dann für „The Police“ geschwärmt. Irgendwann war mir das zu albern, und ich hab aufgehört, mich als Fan von irgendwas zu outen. Doch wenn ich heute noch so eine Federmappe hätte, würde dein Name darauf stehen.

Ich würde sämtliche Berichte über dich aus den Zeitschriften ausschneiden und in eine Kladde kleben. Dein Poster würde über meinem Bett hängen und wenn mich einer fragen sollte, was ich denn später einmal werden will, würde ich sagen: so ein toller Schriftsteller wie der Thomas. Ja, wenn….

Wenn doch heute alles noch so einfach wäre wie damals. Doch das ist längst vorbei. Heute ist selbst Fan-Sein kompliziert. Man erfährt so viel, blickt hinter die Fassaden und lernt seine Idole von Seiten kennen, von denen man besser nichts gewusst hätte. Niemand kann mehr in allen Bereichen Vorbild sein; erst recht nicht, wenn er oder sie sich ungesund ernährt, die falsche Partei wählt, Pelz trägt, seinen Partner betrügt, Steuern hinterzieht, Drogen nimmt oder irgendwie anderweitig verhaltensauffällig ist. Womit wir schon wieder bei dir sind.

Es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr ausblenden. Zu eindringlich und intensiv hast du es in deinem letzten Buch beschrieben. Wie es ist, du zu sein, wie es sich lebt mit deiner Krankheit. Das hat sich in mein Hirn eingebrannt; das ist jetzt immer da, schwingt mit, wenn ich an dich denke oder etwas von dir lese.

Gerade lese ich zum Beispiel deinen Debütroman, mit dem du vor sechs Jahren zum ersten Mal auf der Longlist des Buchpreises gelandet bist. Sprachlich bin ich wieder total begeistert, schwelge in deinen Sätzen, lese mir einige Passagen laut vor und freue mich einfach an deinem unglaublichen Schreibtalent. Und während ich noch denke, dass wirklich niemand persönliche Abgründe, Angst- und Rauschzustände besser beschreiben kann als du, sind auf einmal all die Bilder wieder da. Ich sehe dich vor mir, wie du dich damals beim Schreiben dieses Romans gequält hast, sehe all die dunklen Stunden am Schreibtisch, das anschließende Versteckspiel bei den öffentlichen Auftritten. Du wolltest das so, hattest keine Lust mehr, dich zu verstecken. Jetzt weiß jeder, warum du das alles so intensiv und eindringlich schildern kannst. Und schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass das ja dann auch keine große Kunst ist.

So etwas zu denken, ist derart billig, oberflächlich und hinterhältig, dass ich mich für einem Moment selber nicht leiden kann. Genau das ist eingetreten, was ich befürchtet habe. Weißt du noch, was ich damals zur ‚Welt im Rücken’ geschrieben habe? Dass in Zukunft der ganze Literaturbetrieb denken wird, was guckt der so komisch? Und jetzt bin ich selber keinen Deut besser. Kann Bilder nicht ausblenden, Literatur nicht unvoreingenommen wertschätzen, Romanhelden nicht getrennt vom Autor betrachten.

Auch wenn mir das bewusst ist und ich das ablehne – abstellen kann ich es nicht. Eingebrannt hat sich auch das Bild unserer ersten und einzigen Begegnung. Wie du an der Garderobe im Frankfurter Römer stehst und dir deinen Mantel geben lässt. Hinter dir wird noch der Gewinner des Buchpreises gefeiert, der in diesem Jahr zum dritten Mal nicht du bist. In diesem Augenblick hast du mir so furchtbar leid getan, ich hätte dich am liebsten umarmt und gedrückt. Lange blickte ich dir hinterher, wie du mit gesenkten Haupt zum Ausgang gingst. Aber kurz darauf musste ich schon wieder laut lachen, als ich bei Twitter sah, dass du jetzt als Leonardo DiCaprio des Deutschen Buchpreises bezeichnet wirst.

Ja, das Leben ist manchmal einfach ein großer Haufen Scheiße. Du hast definitiv das bessere Buch geschrieben, das weißt du, das weiß ich. Aber in diesem Jahr wurde nunmal ein Lebenswerk ausgezeichnet. Da kann man nichts machen. Der alte Herr war jetzt einfach mal dran. Irgendwann wirst du da oben stehen und deine Rede halten. Da bin ich mir ganz sicher. Guck doch – selbst Leo hat jetzt auch seinen Oscar bekommen.

Gewonnen hast du trotzdem. Und zwar einen neuen Bewunderer; einen der alles lesen wird, was du schon geschrieben hast und noch schreiben wirst, der auf deinen Lesungen in der ersten Reihe sitzen wird und wenn er nicht schon so alt wäre, sogar ein Poster von dir über seinem Bett aufhängen würde.

Herzlich grüßt

dein neuer, treuer Fan aus dem Buchrevier

Leserbrief #8

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Lieber T.,

bitte entschuldige, dass ich mich auf diesem Weg an dich wende. Aber irgendwie komme ich im Moment nicht anders an dich ran. Du wirkst so gehetzt, ungeduldig und irgendwie abwesend. Ich traue mich kaum, dich anzusprechen. Da scheint der Blog immer noch der beste Kontaktweg zu sein. Ich weiß, dort guckst auch noch drauf, wenn dich sonst schon gar nichts mehr interessiert.

Sag mal, wie lange haben wir uns nicht mehr ausgetauscht, ein wenig Quality Time gehabt? In irgendeinem Laden sitzen, gute Musik, ein paar Bier und einfach mal reden. Ich weiß ja gar nichts mehr über dich, vermisse die Gespräche über Gott und die Welt, über gute und schlechte Literatur. Was beschäftigt dich eigentlich momentan? Du lässt dir ja nichts anmerken, aber ich kenne dich doch. Wenn du dich so zurückziehst, dann ist irgend etwas.

Im Blog passiert ja ab und zu noch was. Nicht viel, aber hier und da eine Besprechung, Business as usual. Aber sonst? Was ist denn mit den ganzen Netz-Diskussionen? Professionalisierung, Blogger vs. Feuilleton, neue Königsklasse, Marketingkarren – hast du denn dazu gar nichts zu sagen? Was bist du eigentlich für eine Spezies? Ein bloggender Leser oder ein lesender Blogger? Äußere dich doch dazu mal.

Und überhaupt, hatte dein Blog nicht neulich zweiten Geburtstag? Andere machen da was draus, feiern sich und verlosen irgendwas. Letztes Jahr hast du das auch noch getan, aber jetzt? Noch nicht mal ein lausiger Tweet. Hast du keinen Bock mehr? Twitter scheint ja sowieso nicht so dein Ding zu sein. Hast du mal gesehen, was andere da machen? Drei, vier Tweets am Tag Minimum. Während du grad mal zwei oder drei in der Woche schaffst. Dafür hast du scheinbar Instagram wieder für dich entdeckt. Zumindest passiert da mal wieder was. Bin gespannt, ob du das durchhältst.

Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Wie ist das eigentlich für dich in deinem Alter mit den neuen Medien? Ich mein, du bist ja nicht gerade ein digital native, warst den Großteil seines Lebens analog unterwegs. Fällt einem das dann schwer, sich tagtäglich bei Facebook, Twitter und Instagram einzubringen? Ich habe das Gefühl, du machst da nicht mehr, als du unbedingt musst.  Ja klar, diese Netz-Diskussionen fressen Zeit und du hast ja auch noch einen Job, der dich fordert. Aber gehört dieser Dialog nicht irgendwie dazu, wenn man ein relevanter Blogger sein will? Es ist anstrengend, ich weiß, aber Bloggen ist nunmal keine Einbahnstraße.

Generell würde mich mal dein Standpunkt zur Flüchtlingspolitik interessieren. Da hast du bisher nicht ein Wort drüber verloren. Gerade du, wo du doch auch einen Migrationshintergrund hast. Warum äußerst du dich dann nicht mal dazu? Das wäre doch genau dein Thema. Fühlst du dich als Ausländer oder als Deutscher oder weder noch? Und beleidigt es dich eigentlich, wenn Menschen es bemerkenswert finden, dass gerade du dich so für deutschsprachige Literatur interessierst und dabei auch noch weitgehend fehlerfrei sprichst und schreibst? Eigentlich eine Unverschämtheit, ja, aber du musst auch die Leute verstehen. Schwarzer Kopp, ungewöhnlicher Name – da liegt das doch nahe.

Ach ja, was ich noch fragen wollte: Blogbuster läuft doch ganz gut, oder? Bist du zufrieden mit dem Rücklauf? Oder hast du dir mehr erwartet? Ich hab gehört 110 Manuskripte sind bisher eingegangen. Dafür, dass Genreliteratur ausgeschlossen ist, ist das doch ganz ordentlich, oder? Jetzt sag doch mal. Lass dir nicht immer jedes Wort aus der Nase ziehen. Freu dich doch, dass man sich für dich interessiert. Wenn nicht, wärst du doch auch nicht zufrieden.

Aber ich merk schon, ich komm nicht an dich ran. Ok, ok, wenn der Herr nicht will, dann will er nicht. Lies, schreib und mach, was du nicht lassen kannst. Ich verzieh mich jetzt und lass dich in Ruhe. Es war trotzdem ein tolles Jahr mit dir.

Es grüßt ganz herzlich, Dein nach wie vor größter Fan.

 

Leserbrief #5

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Lieber Daniel,

Mensch, wie die Zeit vergeht. Schon wieder zwei Monate her seit Leipzig. Wie geht es Dir? Alles klar soweit? Ich war ja im Urlaub. War klasse. Aber jetzt hat mich der Alltag schon wieder fest im Griff. Ja, so ist das… Aber das willst du gar nicht wissen, oder?

Dachte ich mir. Ich weiß ja, dass du wartest, dass du wissen möchtest, ob es mir gefallen hat, was ich davon halte und ob ich dein Buch weiterempfehlen würde. Wahrscheinlich ahnst du schon was. Denn seit ich dir vor ein paar Wochen mitgeteilt habe, dass ich jetzt mit der Lektüre beginne, kommt von mir nichts mehr. Kein begeisterter Post, keine Nachfrage, keine Mail mit der Mitteilung, dass mir etwas dazwischen gekommen ist und erst recht keine Besprechung. Andere Bücher werden hier besprochen, es wird empfohlen und abgeraten, aber deins ist nicht dabei. Still ruht der See.

Wenn es nicht dein Debüt wäre und du schon ganz viele positive Besprechungen hättest, wenn ich dich nicht kennen und vor allem auch noch sympathisch finden würde – dann, ja dann hätte ich kein Problem damit. Ich würde einfach sagen, dass mir dein Roman nicht gefallen hat. So wie ich das immer mache, nicht um den heißen Brei herum, nicht schön geredet, sondern klare Kante. Ich würde das überall einstellen und verlinken und auf möglichst viele Klicks hoffen. Ist doch gar nicht schlimm, sondern nur eine Meinung von vielen. Die wenigsten Autoren, deren Roman ich bisher verrissen habe, hat das groß interessiert. Ich glaube, die haben das noch nicht mal mitbekommen. Die hatten eine Empfehlung von Jonathan Franzen auf dem Backcover, waren auf der Shortlist des Buchpreises oder hatten sogar den Aspekte-Literaturpreis gewonnen. Wen interessiert da noch eine einzelne negative Bloggermeinung?

Aber du würdest das natürlich mitbekommen. Weil da noch kaum eine andere Meinung ist. Dann stünde das nicht nur hier auf dem Blog, sondern auch auf den ersten Seiten bei Google und damit auch zwischen uns. Du glaubst gar nicht, wie mich das beschäftigt. Seit Wochen überlege ich, was ich tun soll. Einfach gar nichts schreiben? Ja klar, das wäre der einfachste Weg. Eine kurze, erklärende Mail an dich und den Verlag und dann wäre die Sache gegessen. Doch irgendwann stand für mich fest, dass ich nicht einfach den Schwanz einziehe. Literatur ist nicht immer einfach, lebt vom Austausch und Diskurs. Und dein Roman ist zweifelsohne Literatur. Ein Text mit Anspruch, gefühlvoll komponierte Sätze, interessante Charaktere, ein abwechslungsreiches Setting und ein außergewöhnlicher Plot. Dazu ein interessanter Titel, ein cooles Cover, ein cooler Verlag und du als Autor – eloquent, gebildet und mit interessanter Vita.

Das alles ließ mich hoffnungsvoll starten. Doch schon bald fing ich an zu straucheln, habe mich in den verschiedenen Handlungssträngen, Zeitschienen, Settings verfangen und bin mit der Zuordnung der Protagonisten einfach nicht mehr klargekommen. Ich habe mich förmlich in deinem Roman verirrt, nicht nur einmal, sondern auf jeder Seite gleich mehrmals.

Sprachlich ist alles top, wirklich tolle Sätze hast du da geschaffen. Ich habe sofort gemerkt, dass da jemand schreiben kann. Und dann macht es nicht nur Spaß, sich die Sätze laut vorzulesen, es hilft mir auch dabei, mich besser zu konzentrieren. Aber all das hat diesmal nichts genutzt. Immer wenn ich glaubte, irgendetwas verstanden zu haben, zu wissen, um wen es hier auf der Seite jetzt geht, gab es einen Cut und eine neue Person betrat die Bühne. Und sie hieß nicht nur so ähnlich wie ein Charakter, der ein paar Seiten zuvor plötzlich auf- und wieder abgetaucht ist, nein sie ist auch noch mit dieser Person verwandt, ein Vorfahre, Nachkomme, Mann, Frau, Sohn oder Tochter. Weiß der Henker.

Ganz ehrlich, Daniel, was soll das? Man kann in ein Buch von zweihundert Seiten nicht ohne Unterlass Charaktere reinstopfen, sie ein paar Sätze lang aufbauen und dann wieder verschwinden lassen. Ich mag so etwas ja gar nicht. Dabei hätte ich vorgewarnt sein können. Auf dem Backcover steht etwas von losen Fäden und einem transkulturellen Klangteppich, vom Vergangenen, das drastisch in der Gegenwart aufschlägt. Wer soll das lesen? Doch ich bin sicher, es werden sich Fans finden. Welche, die sich besser konzentrieren können und kein Problem mit losen Fäden und Klangteppichen haben.

Ich habe wahrlich keinen Spaß daran, dir so etwas zu schreiben. Gerne hätte ich das genaue Gegenteil behauptet und noch lieber hätte ich ein Buch von dir gelesen, das mir gefällt. Besonders ärgerlich ist, dass du das sicherlich auch schreiben könntest. Denn das Talent ist da, nur verfolgst du damit irgendwie andere Ziele.

Wie auch immer. Vielleicht hätte ich einfach meine Klappe halten sollen. Vielleicht sollte ich mich auch gar nicht mit Autoren unterhalten, deren Buch ich noch besprechen will. Oder umgekehrt. Vielleicht musste ich aber früher oder später mit dem Blog genau an so einen Punkt mal ankommen. Wo ich mich entscheiden muss, was ich überhaupt will, worum es mir geht und ob ich bereit bin, dazu zu stehen. Und wenn ich auch dein Buch nicht verstanden habe, das habe ich kapiert. Ehrlich sein, Eier in der Hose haben und zu seiner Meinung stehen – das ist mir wichtig im Leben und genauso wichtig für den Blog.

Manchmal muss man für banale Erkenntnisse erst komplizierte Bücher lesen.

Und dafür dankt dir der Blogger aus dem Buchrevier

 

Leserbrief #4

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Lieber Jan,

na du Shootingstar? Hat sich der Hype schon etwas gelegt? Wie ist es dir ergangen, wie fühlt es sich an, Deutschlands neuer Dichterfürst zu sein? Ja, komm – das kannst du ruhig mal so stehen lassen. Musst nicht immer super nett und bescheiden sein. Auch wenn das alle an dir lieben. Bist nun mal ein sympathischer Kerl, das sagt wirklich jeder. Und noch dazu: der beste Botschafter für die Lyrik. Stimmt auch, kann ich bestätigen.

Aber du kannst das bestimmt schon nicht mehr hören, oder? Juckt es dir nicht manchmal in den Fingern, das Bild vom perfekten Schwiegersohn zu zerstören? Einfach mal den Wachholderbusch eine schnöde Pflanze sein zu lassen und stattdessen mal wie Houellebecq ungekämmt und mit fleckiger Hose auf die Bühne zu treten und irgendetwas Schweinisches, Verruchtes raushauen. Sowas wie – verzeih bitte den Ausdruck – eine Ode an die Möse. Und wenn keine Ode, dann meinetwegen ein Sonett – ich kenne da eh nicht den Unterschied. Aber das wäre doch mal was. Oh jeh, ich stell mir das gerade vor. Wie die Studienräte und Apothekerinnen im Publikum rote Ohren bekommen, wie sie sich anschauen und den Kopf schütteln. Wie sie denken, jetzt ist er übergeschnappt, der Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen. Das ist nicht mehr unser netter, sauberer Preisträger, mit den gewaschenen Haaren, dem Cordanzug und der schönen Stimme.

Aber wer dich kennt, weiß, dass du so etwas niemals machen würdest. Dass du nicht nur nett tust, dass du es auch bist. Und wenn einer jemals daran zweifeln sollte, wird er von mir sofort eines Besseren belehrt. Ach, du kennst den Jan?, werde ich dann gefragt. Und das ist der Augenblick, auf den ich nur gewartet habe, um ein wenig auf dicke Hose zu machen. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und zeige dieses eine Bild, das es von uns gibt. Du und ich in der Bloggerlounge. Wir haben mal so ein Projekt zusammen gemacht, sag ich dann mit gespielter Bescheidenheit. Er als Autor, ich als sein Pate. Habe ihn ein bisschen gepusht. Kein großes Ding, nur ein, zwei Texte auf dem Blog. Wurde oft geklickt und geteilt und ich will mal so sagen: Es hat ihm auf alle Fälle nicht geschadet. Zwei Wochen später hielt er dann den Preis in den Händen. Saubere Sache.

Mensch Jan, das kommt mir vor wie gestern. Ist aber jetzt schon wieder ein Jahr her, als wir zusammen in der Leipziger Glashalle saßen. Du vorne, ich irgendwo hinten auf den billigen Plätzen. Ich hab dir die Daumen gedrückt und dann auf einmal war die Sensation perfekt. Die Regentonnenvariationen hatten gewonnen und ich mit dir. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, ich hätte schreien können, versuchte aber cool zu bleiben, denn die Bloggerkollegen schauten in meine Richtung. Coole Sache, war klar, absolut richtige Entscheidung, habe ich doch gleich gesagt – ich geh mal eben gratulieren.

Du hast es vorgemacht. Hast es mit einem Lyrikband in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft und wahrscheinlich richtig Asche gemacht. Big Business, plötzlich Dichterfürst und so. Das freut mich für dich, ehrlich. Wenn es einer verdient hat, dann du. Endlich mal ein ordentliches Zeilenhonorar und kein Stipendiendruck mehr. Dieser Writer-In-Residence-Scheiß ist auf Dauer doch Kacke, oder? Jetzt hoffe ich, dass Du einen guten Steuerberater hast, sonst holen sich die Aaasgeier vom Finanzamt wieder ein richtig großes Stück vom Kuchen. Frag doch mal, ob du die Cordanzüge nicht als Arbeitskleidung absetzen kannst.

In diesem Jahr steht ja wieder ein Lyrikband auf der Shortlist. Aber nach deinem Erfolg im letzten Jahr hat Marion natürlich nicht die Spur einer Chance. Oder was meinst du? Ich glaube ja, dass der Heinz Strunk es machen wird. Der hätte bestimmt kein Problem mit einer Ode an die Möse. Haha, ja der würde das bringen, sicherlich auch als Sonett.

Ach ja, eins muss ich dir übrigens noch beichten. Das mit den Gedichten hat bei mir leider nicht geklappt. Nachdem wir damals auseinandergegangen sind, habe ich nie wieder einen Vers gelesen, weder einen rein noch unrein gereimten. Ich bin halt so ein alter Prosatyp. Lyrik ist für mich wie Sushi – ich finde die Idee ganz gut, mag das ganze Drumherum, aber es schmeckt mir einfach nicht.

Und deswegen wünsche ich mir nichts sehnlicher, als endlich einen Roman von dir. Oder wenigstens einen Band mit Kurzgeschichten, gerne auch lyrische Kurzgeschichten. Mein Gott, versuche es doch wenigstens mal. Der Lutz Seiler und die Marion Poschmann haben es doch auch gemacht. Kannst das ja unter Pseudonym veröffentlichen. Bitte, bitte Jan. Ich sage dann auch nie wieder etwas gegen Cordanzüge, versprochen.

Dein Patenonkel aus dem Buchrevier