8 Gründe, warum ich froh bin, kein Schriftsteller zu sein.

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1. Schreiben

„Ich hab schon immer gerne geschrieben“, sagen die meisten Autoren, wenn man sie nach dem Grund für ihre Berufswahl fragt. Das mag wohl stimmen, aber gilt das auch noch nach zehn, zwanzig Jahren im Job? Manche meinen, dass es nichts Schöneres gibt, als sein Hobby zum Beruf zu machen. Und andere wiederum behaupten das Gegenteil. Als notorischer Pessimist bin ich eher Anhänger des zweiten Lagers. Wer gerne schreibt, tut dies genau so lange, wie er nicht muss. Sobald man muss, wird das Schreiben schnell zur Qual. Man muss abliefern, es muss gut werden, es darf nicht stocken. Wenn es läuft, ist alles ok. Aber wehe, es zieht sich und will und will nicht gelingen, während Verleger, Medien und die treue Leserschaft ungeduldig auf dein nächstes Meisterwerk warten.

2. Verlage

Als junger Autor einen Verlag zu finden, ist wie einen Partner zu finden. Einen fürs Leben, so mit Heirat, Kindern, Einfamilienhaus und gemeinsam alt werden. Das kann klappen, muss aber nicht. Der ersten Verliebtheit und dem Glück, sich gefunden zu haben, folgt oft sehr schnell die Ernüchterung. Man stellt fest, dass man sich eigentlich etwas anderes unter einer Partnerschaft vorgestellt hat. Der Verlag vom Autor, dessen Bücher sich jetzt doch nicht so verkaufen wie geplant. Der Autor vom Verlag, weil er sich ja eigentlich mehr Unterstützung für seine Bücher erhofft hätte, mehr Marketing und PR auch online, mit Blogs und so. Und wie in jeder Ehe müssen sich die Partner irgendwann die Frage stellen, ob sie mit all diesen Kompromissen ewig so weiter leben wollen.

3. Lesen

Ich bin zwar keiner, aber ich kann mir vorstellen, als Schriftsteller liest man anders. So wie jeder Tischler beim Betrachten und Berühren eines Möbelstückes die Qualität von Holz und Verarbeitung prüft und bewertet, so tut dies sicherlich auch ein Autor beim Lesen eines Romans. Das hätte ich jetzt anders aufgebaut, die Figur ist noch zu blass, hier hätte ich wörtliche Rede genommen. Ganz besonders schlimm muss es sein, wenn man Werke von Autoren liest, die in der gleichen Liga spielen. Wie ist das, wenn der „sehr geschätzte Kollege“ zur Buchmesse ein gefeiertes Meisterstück präsentiert, während man selber nur ein passables Gesellenstück abgeliefert hat? Wenn auf einmal ein Nobody daher kommt und schreibt, wie ein junger Gott, ungehemmt, ausdrucksstark und kraftvoll, so wie man selber einmal geschrieben hat – vor zehn, zwanzig Jahren.

4. Rezensionen

Kaum hat ein Autor sein Werk auf den Markt gebracht, geht es auch schon los. Aus allen Ecken stürzt sich die Meute auf den Köder. Die etablierten Kritiker, die Möchtegern-Feuilletonisten, Feenstaub-Blogger, Amazon-Kunden, Lesekreise im Westerwald und all die Buchreviere dieser Welt. Das, woran man Monate und Jahre, Tag und Nacht gearbeitet hat, wo man sein ganzes Können, sein Herzblut, seine ganze Leidenschaft reingesteckt hat – in jedes Kapitel, jede Seite, jedes Wort – das alles wird zerpflückt, seziert, gedeutet und bewertet. Da braucht man als Autor ein dickes Fell, um das alles auszuhalten. Aber letztlich kann man noch froh darüber sein, denn es geht auch schlimmer. Dann nämlich, wenn noch nicht mal ein „langweilig“ oder „überflüssig“ als Wertung kommt, wenn so gar nichts passiert, einfach keine Sau, das neue literarische Werk beachtet.

5. Halbwertzeit

Nach dem großen Roman, ist vor dem noch größeren Roman. Ein Autor kommt, hat er einmal angefangen zu schreiben, nie zur Ruhe. Er muss abliefern, um im Geschäft zu bleiben. Und das im besten Fall jedes Jahr. Entweder im Frühjahr oder im Herbst. Denn wie in der Modeindustrie gibt es auch im Buchhandel das Diktat der Kollektionen. Leipzig oder Frankfurt? Klein oder Groß? Aber egal wo und wie, eines ist sicher: ein halbes Jahr nach der Premiere ist alles vorbei. Wer im März in Leipzig rauskommt, ist in Frankfurt überhaupt kein Thema mehr. Was in der Halbwertzeit von einem halben Jahr nicht passiert, an Besprechungen, Handelsmarketing und PR – das kommt auch nicht mehr. Nicht nur in den Medien, auch im Handel. Und wie heißt es dann? „Tut mir leid – das Buch haben wir nicht vorrätig, aber ich kann Ihnen das bestellen“. Na klar!

6. Lesungen

Bei Musikern kennt man das. Sie verdienen mit Plattenverkäufen kaum noch Geld. Dafür müssen sie auf Tour gehen, Konzerte geben. Auch ein Schriftsteller muss mit seinem Buch tingeln, von Stadt zu Stadt, von Buchhandlung zu Buchhandlung, von Stadtbibliothek zu Volkshochschule. Dafür gibt es ein paar hundert Euro pro Abend und die Einsicht gratis, dass eine Schriftsteller-Karriere nicht wirklich aufregend ist und mit Sex, Drugs und Rock’n Roll absolut gar nichts gemein hat. Männliche Autoren könnte interessieren, dass das Publikum überwiegend weiblich ist, die Kultur Bourgeoisie des Ortes, pensionierte Oberstudienräte/innen, Buchändler/innen, Zahnarzt-Gattinnen nebst Zahnarzt. Die Männer werden zu den Lesungen meist mitgeschleppt und nicken nicht selten nach zehn Minuten auf ihrem Klappstuhl ein.

7. E-Books

Eines ist klar. Schriftsteller zu sein, bedeutet in der Regel: viel Arbeit für wenig Geld. Wenn man es nicht in die Spiegel-Bestseller-Liste schafft oder sich anderweitig an die Sirenen des Mainstream verkauft, wird man es mit dem Schreiben nur selten zu einem Einfamilienhaus am Stadtrand bringen. Es ist also in erster Linie etwas für’s Ego. Ja, ich arbeite als Sachbearbeiter bei der Versicherung, aber eigentlich bin ich ja Schriftsteller. Guck mal, hier ist mein Buch. Wo? Na, hier auf der Festplatte. Im Belletristik-Ordner, die vierte Datei. Klick doch mal drauf! Geht nicht auf dem Kindle. Warum nicht? Weiß nicht – aber toll. Schriftsteller bist Du also? Was schreibst Du denn so für Dateien?

8. Punkt Acht

Sieben Gründe sind schnell gefunden. Sieben billige Ausflüchte, sieben Vorwände, es nicht zu tun. Anstatt sich hinzusetzen, ein weißes Blatt Papier, eine neue Datei und los! Gedanken formulieren, sein Bestes geben. Eine Idee, eine Geschichte, ein Gefühl aus Wörtern konstruieren. Kritisieren ist so leicht, selber machen dagegen schwerer als man denkt. Natürlich hab ich es auch schon versucht und bin kläglich gescheitert. Das war nichts, das würde ich selber nicht lesen wollen. Sieben Gründe müssen her, damit der Blick in den Spiegel erträglich bleibt. Und so kommen wir zu Punkt Acht: Respekt und allerhöchste Wertschätzung für all die Autoren, die die genannten Kritikpunkte natürlich alle kennen und sicherlich noch viele mehr. Die aber trotzdem immer weitermachen, wunderbare und weniger wunderbare Geschichten schreiben und so dafür sorgen, dass auch ich hier immer etwas zu schreiben habe.

Foto: Gabriele Luger