Das ist anspruchslos, das lese ich nicht.

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Worin unterscheidet sich anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungsliteratur? Der Versuch einer Kriterienliste.

Immer wieder werde ich gefragt: Was liest du denn so für Bücher? Anfangs sagte ich noch „Belletristik“. Aber dieser Begriff hilft einem nicht weiter, er ist viel zu weit gefasst. Da fällt alles rein, was nicht ganz klar Genre ist. Günter Grass oder Jojo Moyes – beides Belletristik. Neuerdings sage ich daher „anspruchsvolle Gegenwartsliteratur“, aber das klingt irgendwie schnöselig und eingebildet. Und prompt wird man gefragt: Wo ist denn der Unterscheid zwischen anspruchsvoll und weniger anspruchsvoll?

Ich habe gedacht, das wäre klar geregelt. Habe nie daran gezweifelt und bin davon ausgegangen, dass es Definitionen gibt – anerkannte Kriterien, nach denen man eine Zuordnung vornimmt, um ganz klar sagen zu können: Das ist Literatur und das ist Unterhaltung; das ist Nische und das ist Masse; das ist gut fürs Image und das gut fürs Geschäft.

Aber so einfach ist das nicht. Ich habe bei Verlagen nachgefragt, wie sie das handhaben und festgestellt, dass darum viel gestritten wird, dass nicht nur jeder Verlag, sondern auch jeder Entscheider seine eigenen Kriterien hat. Also woher weiß ich, ob ein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gehört oder in den Urlaubskoffer als leichte Strandlektüre? Oder schließt das eine das andere gar nicht aus?

Ich habe mir Gedanken gemacht und meine eigene Kriterienliste zusammengestellt.

1. Die Motivation des Autors

Jedes Buch beginnt mit einem weißen Blatt Papier und einem ersten Satz. Aber entscheidend ist, was davor geschieht, noch bevor der erste Satz überhaupt geschrieben wird. Was hat den Autor bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was treibt ihn an? Will er damit Geld verdienen, einen Bestseller landen und aller Sorgen ledig sein? Für wen schreibt er? Für sich oder für eine bestimmte Zielgruppe? Ist das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis oder eine Pflicht, lediglich Mittel zum Zweck? Ich bilde mir ein, das alles zu spüren, die Motivation des Autors zwischen den Zeilen lesen zu können. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur noch Zielgruppe bin und eine nach gängigem Erfolgsmuster konstruierte Geschichte vorgesetzt bekomme, bin ich raus.

2. Der Plot ist nicht wichtig

Um mich für einen Roman zu begeistern, bedarf es weder einer erzählenswerten Handlung, noch interessanter oder spannender Verwicklungen. Gute Literatur braucht nicht zwingend einen Plot. Ganz im Gegenteil, je mehr Handlung ein Roman hat, desto flacher ist er in der Regel. An dieser Eindimensionalität erkennt man die reine Unterhaltungsliteratur. Hier geht es nur um die zu erzählende Geschichte, nichts weiter. Da schwingt nichts mit, öffnet sich keine zweite oder dritte Ebene, da ist kein Platz für Assoziationen, Identifikation, schweifende Gedanken, Erkenntnisse, überraschende Gefühle. Da ist nur diese eine Geschichte, mehr nicht. Für gute Literatur ist mir das entschieden zu wenig.

3. Klischees und Stereotypen

Am einfachsten erkennt man billige Unterhaltungsliteratur an abgedroschenen Phrasen, Stereotypen und Klischees. Der Arzt ist in solchen Romanen wie man sich einen Arzt eben so vorstellt, mit Stethoskop und weißem Kittel , der jugendliche Liebhaber jugendlich und liebend, der fiese Verbrecher fies und verbrecherisch. Eindimensionalität auch hier. Das hat natürlich seine Vorteile. Klischees muss man nicht groß einführen, die sind bekannt und können gleich in die Handlung integriert werden. Ich will so etwas aber nicht lesen. Das langweilt mich und zeigt deutlich, dass der Autor sich keine Mühe gegeben hat oder noch schlimmer – es einfach nicht besser kann.

4. Ecken und Kanten

Wenn wir Literatur als Kunstform begreifen, dann gehören Ecken, Kanten und Längen einfach dazu. Es ist durchaus ok, sich an Passagen zu reiben, an Formulierungen zu stoßen und über Sätze zu stolpern. Nur dann lebt ein Text, zeigt Charakter und Profil. Begeisterung und Ablehnung – literarische Texte erzeugen bei der Leserschaft immer beides. Sie leben in der Diskussion, in der Nachbetrachtung weiter. Das erhebt sie letztlich zur Kunstform. Unterhaltungsliteratur ist dagegen ein reines Konsumprodukt, nicht mehr als eine Trägerlösung für Geschichten. Glattgebügelt wie ein Song von Dieter Bohlen oder ein Hemd von C&A – einfacher Mainstream to go.

5. Sprache und Melodie

Wenn über Literatur gesprochen wird, stehen eher die Themen und nicht die Sprache im Vordergrund. Worüber ein Autor schreibt, scheint immer noch wichtiger zu sein, als wie ein Autor schreibt. Doch mir nicht. Literatur ist für mich in erster Linie Sprache und Gefühl. Ein Rhythmus, eine Melodie, die beim Lesen im Kopf entsteht. Ob kurz und prägnant oder lang und verschachtelt – ich habe da keine Präferenzen. Beides kann gut sein, wenn der Autor seine Texte nicht einfach nur niederschreibt, sondern komponiert. Und auch hier ist Mehrdimensionalität gefragt. Nicht ein Stilelement konsequent durchknüppeln, bis es dem Leser zum Hals heraushängt, sondern Texte so komponieren, dass sie klingen und etwas zum Klingen bringen.

6. Ein Gefühl für Literatur

Menschen, die nicht lesen, können auch nicht schreiben. Es gibt bestimmt hier und da mal Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen ist das so. Wenn sich also jemand hinsetzt, um ein Buch zu schreiben, ohne jemals eines gelesen zu haben, dann entsteht daraus nur selten große Literatur. Und wenn doch, dann ist dieser Autor wohl ein großes Talent. Mir ist es wichtig, dass Autoren belesen sind. Denn Literatur ist ein Geben und Nehmen. Es geht nicht darum, Vorbilder zu haben und diese zu imitieren. Es geht darum, ein Gefühl für gute Literatur zu bekommen; zu wissen, was beim Lesen passieren kann, welche Empfindungen und Gedanken freigesetzt werden. Wer das nicht kennt und niemals selber erfahren hat, wird bei seinen eigenen Texten immer nur im Nebel stochern.

7. Persönlicher Stil

Es gibt nur wenige Autoren, von denen ich behaupten würde, sie sofort am Schreibstil zu erkennen. Haruki Murakami und Martin Walser könnte ich ziemlich sicher identifizieren, doch bei allen anderen hätte ich Probleme. Aber das ist auch wirklich die Königsdisziplin – nicht nur gut schreiben zu können, sondern auch noch einen unverwechselbaren Schreibstil zu haben. Bei Walser sind es seine Wortschöpfungen, das Kosige und Gurren, seine emotional aufgeladenen Satzkonstruktionen. Bei Murakami das genaue Gegenteil: einfache Sätze, karg und schlicht, fast schon unterkühlt. Ich habe das Gefühl, beide Autoren sehr gut zu kennen, ihnen nah zu sein, zu wissen, was sie bewegt, wie sie über bestimmte Dinge denken. Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwie auch ein schöner Blödsinn.

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8. Cover, Titel und Verlag

Wer mit all diesen Kriterien überhaupt nichts anfangen kann und trotzdem schnell anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungs-Mainstream unterscheiden will, der schaue einfach auf das Buchcover. Manche Verlage haben überhaupt keine anspruchsvolle Gegenwartsliteratur im Angebot, sondern beschränken sich ausschließlich auf seichte Unterhaltungsliteratur. Man erkennt sie schnell am wild-romantisch illustrierten Cover, sprechenden Titeln und liebevoll arrangierten Angebotstischen im Buchhandel – ganz vorne in der Nähe des Eingangs. Anspruchsvolle Gegenwartsliteratur dann weiter hinten im Laden. Und wenn nicht, dann kann’s bestellt werden.

Titelfoto: Gabriele Luger

Lesen – 7 Gründe warum es jetzt wichtiger ist denn je

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Wer liest, lernt sich kennen.
Fragt man Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, nach den Gründen für ihre Tat, dann zucken sie oft nur mit den Schultern. Weiß nicht, habe es einfach gemacht. Enge Angehörige sagen später im Gerichtssaal aus: so kenne ich ihn gar nicht, und der Angeklagte nickt nur stumm dazu. Später auf der Couch des Gefängnispsychologen finden sie es dann heraus. Ach, das bin ja ich.

Wer liest, lernt andere kennen
Ich lebe mein kleines Leben, habe meine Routinen, habe mich eingerichtet. Hier geht es mir gut, hier kenn ich mich aus, hier kann ich sein. Ich weiß, dass dort, nicht weit von hier, viele andere Menschen sind. Ich kenne sie nicht, ich weiß nicht, was sie wollen, weiß nicht woher sie kommen, was sie antreibt. Sie kommen hierher, ich will das nicht. Sie kommen immer näher, jemand muss sie aufhalten.

Wer liest, hat keine Langeweile
So ein Tag kann unheimlich lang sein. Im Fernsehen kommt nur Scheiß und auf Youtube und GTA ist alles durchgespielt. Jetzt mal raus, schauen, was die Kumpels so machen. Da stehen sie rum, am alten Spielplatz mit Bier und Zigaretten. Jemand fragt, was so ansteht. Weiß nicht, sag was. Weiß auch nicht, sag du. Hey, guck mal wer da kommt. Alex, die alte Schwuchtel.

Wer liest, erlebt Abenteuer
Meine Personalnummer steht auf der Lohnabrechnung. Ich bin bei Facebook und Twitter. Meine Initialen und das Geburtsjahr stehen auf dem Autokennzeichen. Ja, das bin ich. Kein anderer hat das so. Ich meine, keiner hat so ein Kennzeichen. Ich fahre in Urlaub, ich habe Sex. Ich spreche mit Kollegen über Fußball und Frauen. Ich trinke Bier und werde nächstes Jahr 51. Und du, was machst du so?

Wer liest, empfindet mit
Frau Schröder von Gegenüber, ich kenne sie kaum. Sie lebt seit ein paar Jahren alleine im Haus. Es ist ein großes Haus. Viel zu groß für einen Menschen. Die Kinder sind schon lange weg und der Mann vor vier Jahren gestorben. Warum zieht die Alte nicht aus? Was will sie noch mit der Hütte? Stöhnt doch sowieso nur, dass alles so viel Arbeit macht. Der Garten, der Staub in den ungenutzten Zimmern, der Keller, der schon wieder feucht ist. Gestern erst stand sie im Vorgarten und hatte Tränen in den Augen.

Wer liest, ist sexy
Ich gehe ins Fitness-Center. Ich trainiere und definiere meinen Körper: Arme, Brustkorb, Bauch. Samstag bin ich dann shoppen. Eine neue Diesel-Jeans für 150 Euro. Dazu ein Shirt von Tommy Hilfiger. Gestern hatte ich das alles an, saß im Zug und schaute mich um. Zwei Männer mit der gleichen Hose, einer mit demselben Hilfiger-Shirt und Buch. Er sitzt da und liest. In der Reihe gegenüber sitzen zwei Frauen und tuscheln.

Wer liest, bereichert sein Leben
Immer dieses Einerlei, immer der gleiche Trott. Ich funktioniere, ich erfülle Ansprüche, lasse zu, dass alle an mir zerren. Ich sehe keine Perspektiven. Soll das noch ewig so weitergehen? Wo bitteschön ist da ein Sinn? Ich will etwas über mich und andere erfahren, will, dass die Tage nur so fliegen, Abenteuer erleben, tief empfinden und wahrgenommen werden, ich will Leben spüren.

Wer das alles will, muss lesen.

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Titelfoto: Gabriele Luger

 

5 Gründe, einen Roman vor dem Ende abzubrechen

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1. Höre auf Dein Vorurteil – fang gar nicht erst an.

Wenn bei uns in der Familie eines der Kinder irgendetwas nicht essen wollte – Brokkoli, Rosenkohl oder Leber – musste es zumindest einmal probiert haben. Dahinter stand die Hoffnung, dass sich das geschmackliche Vorurteil nach den ersten Bissen in Wohlgefallen auflösen und Brokkoli fortan zur neuen Leibspeise avancieren würde. Aber das passierte natürlich nie. Stattdessen wurde widerwillig eine Gabelspitze in den Mund genommen, minutenlangen darauf rumgekaut und je länger gekaut wurde, desto mehr wurde es im Mund. Bis schließlich der Würgreflex nicht mehr unterdrückt werden konnte und alles wieder auf dem Teller landete.

So geht es mir auch, wenn ich Bücher lese, die mich eigentlich gar nicht interessieren. Die ich lese, weil sie mir jemand wärmstens ans Herz gelegt hat, weil ich mich habe beschwatzen lassen, weil ich denke, das müsstest du eigentlich auch mal gelesen haben. Dann geht es mir wie Maxim Biller bei Ilja Trojanow, dann weiß ich schon im Vorfeld, dass mir das Buch nicht gefallen wird. Und je mehr ich lese, desto mehr erinnert mich das an eine Gabel voll Brokkoli im Mund, die beim Kauen immer mehr wird und so eklig ist, dass man sie nicht runterschlucken, sondern nur noch erbrechen kann.

2. Hat das etwas mit Dir zu tun?

Auf jeder zweiten Party begegnet man ihnen. Meistens in der Küche, Leute, die einem beim kalten Buffet ein Ohr abkauen, über ihre Kinder, Krankheiten, Probleme in der Schule, den letzten Urlaub, veganes Essen, den Hund, die Oma und tausend andere spannende Dinge. Es gibt Menschen, da bin ich ganz Ohr, frage nach und unterhalte mich prächtig. Und bei anderen denke ich nur: wo ist der Senf?

Es gibt so viele Faktoren, weshalb mich auch in Büchern manche Botschaften nicht erreichen. Ich habe lange geforscht, woran das liegen könnte. Und so banal das klingt, die Antwort habe ich in einem von Dale Carnegies Tschaka-Büchern gefunden, das mir meine Mutter mal geschenkt hat. Da stand nicht viel drin, eigentlich nur dieser eine Satz: Jeder Mensch interessiert sich in erster Linie nur für sich selbst. Das klingt banal, aber es stimmt. Denn ich bin ein klassischer Identifikationsleser. Ob Gespräche am Salatbüffet oder dicke Romane – wenn es der Erzähler nicht schafft , dass ich mich irgendwo wiederfinde, sei es nur in einem Satz, einem Gedanken, einer Gebärde, dann erreicht er mich nicht, dann hat seine Geschichte nichts mit mir zu tun, dann höre ich nicht mehr zu und höre auf zu lesen.

3. Lass Dich nicht für doof verkaufen

Literatur darf viel. Sie darf schockieren, schwülstig und emotional sein, kalt und berechnend, hochtrabend und elitär, anstrengend und langatmig. Sie darf mich an meine Grenzen führen und mich sogar langweilen – nicht zu lang, nur ein paar Seiten – aber auch das darf Literatur, wenn sie gut ist. Doch eines darf sie nicht: mich für blöd verkaufen.

Wenn ich das Gefühl habe, als Wichsvorlage für einen sich inszenierenden, profilierungssüchtigen Autor missbraucht zu werden, bin ich raus. Wenn Unlesbarkeit als Stilelement eingesetzt wird, wenn für den Autor Schreiben eine nicht enden wollende Art von Assoziationstherapie ist. Wenn er es darauf anlegt, dass ich nicht folgen kann, dass ich kämpfe und mich mit ihm messe. Wenn er falsche Fährten legt, Handlungsstränge verknotet, einen elaborierten Code verwendet, dem ich nicht folgen kann, folgen will. Wenn er mir unbedingt zeigen will, dass er intelligenter ist als ich. Meinetwegen, sage ich mir, dann bist Du halt schlauer, wenn Dich das glücklich macht. Bitte sehr, du Arschloch! Dann lies doch deinen Scheiß alleine.

4. Schema F landet in Ablage P

In vielen kreativen Branchen gilt die Devise: warum das Rad neu erfinden, wo es doch so viele schöne Best-Practice-Beispiele gibt? Copy & Paste, ein paar Veränderungen hier und da und schon ist man mit etwas Eigenem am Markt.

Das gibt es natürlich auch im Buchmarkt. Viele Autoren schauen genau, was sich gut verkauft und schreiben einen neuen Roman nach einem bekannten Schema. Ein Liebesroman ist ein Liebesroman, ist ein Liebesroman. Was gibt es daran nicht zu verstehen? „Er und Sie“ oder neuerdings auch „Er und Er“, bzw. „Sie und Sie“ oder die ganz wilde Variante: „Sie mit Ihm und Ihm“ – oder Ihr. Anderes Setting, andere Haarfarben, andere Biografien – und schon ist man unique. Pustekuchen – der aufmerksame Leser merkt das natürlich sofort und rollt schon bei den ersten bekannten Typologien mit den Augen, klappt das Buch zu und legt es in die Ablage P.

5. Falsches Buch zur falschen Zeit

Aber eigentlich braucht man überhaupt gar keinen Grund, um ein Buch einfach wieder wegzulegen. Wenn es einen nicht packt, bewegt, begeistert, in irgendeiner Form am Lesen hält. Wenn es einen langweilt, die Seiten sich wie Blei umblättern, es sich zäh und tranig dahinzieht, wenn einem die Augen bei jedem zweiten Satz zufallen – dann ist es vollkommen ok, wenn man es einfach wieder weglegt. Falsches Buch zur falschen Zeit oder einfach nur schlecht – egal. Man darf sich dann ein anderes Buch greifen und sein Leseglück neu versuchen. Es gibt ja so viele schöne Bücher. Was man bei der Lektüre versäumt hat, kann man dann in den einschlägigen Blogs nachlesen. Denn irgendeiner von uns hat sich garantiert bis zum Ende durchgekaut, vollquatschen und missbrauchen lassen. Garantiert.

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Titelfoto: Gabriele Luger

8 Gründe, warum ich froh bin, kein Schriftsteller zu sein.

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1. Schreiben

„Ich hab schon immer gerne geschrieben“, sagen die meisten Autoren, wenn man sie nach dem Grund für ihre Berufswahl fragt. Das mag wohl stimmen, aber gilt das auch noch nach zehn, zwanzig Jahren im Job? Manche meinen, dass es nichts Schöneres gibt, als sein Hobby zum Beruf zu machen. Und andere wiederum behaupten das Gegenteil. Als notorischer Pessimist bin ich eher Anhänger des zweiten Lagers. Wer gerne schreibt, tut dies genau so lange, wie er nicht muss. Sobald man muss, wird das Schreiben schnell zur Qual. Man muss abliefern, es muss gut werden, es darf nicht stocken. Wenn es läuft, ist alles ok. Aber wehe, es zieht sich und will und will nicht gelingen, während Verleger, Medien und die treue Leserschaft ungeduldig auf dein nächstes Meisterwerk warten.

2. Verlage

Als junger Autor einen Verlag zu finden, ist wie einen Partner zu finden. Einen fürs Leben, so mit Heirat, Kindern, Einfamilienhaus und gemeinsam alt werden. Das kann klappen, muss aber nicht. Der ersten Verliebtheit und dem Glück, sich gefunden zu haben, folgt oft sehr schnell die Ernüchterung. Man stellt fest, dass man sich eigentlich etwas anderes unter einer Partnerschaft vorgestellt hat. Der Verlag vom Autor, dessen Bücher sich jetzt doch nicht so verkaufen wie geplant. Der Autor vom Verlag, weil er sich ja eigentlich mehr Unterstützung für seine Bücher erhofft hätte, mehr Marketing und PR auch online, mit Blogs und so. Und wie in jeder Ehe müssen sich die Partner irgendwann die Frage stellen, ob sie mit all diesen Kompromissen ewig so weiter leben wollen.

3. Lesen

Ich bin zwar keiner, aber ich kann mir vorstellen, als Schriftsteller liest man anders. So wie jeder Tischler beim Betrachten und Berühren eines Möbelstückes die Qualität von Holz und Verarbeitung prüft und bewertet, so tut dies sicherlich auch ein Autor beim Lesen eines Romans. Das hätte ich jetzt anders aufgebaut, die Figur ist noch zu blass, hier hätte ich wörtliche Rede genommen. Ganz besonders schlimm muss es sein, wenn man Werke von Autoren liest, die in der gleichen Liga spielen. Wie ist das, wenn der „sehr geschätzte Kollege“ zur Buchmesse ein gefeiertes Meisterstück präsentiert, während man selber nur ein passables Gesellenstück abgeliefert hat? Wenn auf einmal ein Nobody daher kommt und schreibt, wie ein junger Gott, ungehemmt, ausdrucksstark und kraftvoll, so wie man selber einmal geschrieben hat – vor zehn, zwanzig Jahren.

4. Rezensionen

Kaum hat ein Autor sein Werk auf den Markt gebracht, geht es auch schon los. Aus allen Ecken stürzt sich die Meute auf den Köder. Die etablierten Kritiker, die Möchtegern-Feuilletonisten, Feenstaub-Blogger, Amazon-Kunden, Lesekreise im Westerwald und all die Buchreviere dieser Welt. Das, woran man Monate und Jahre, Tag und Nacht gearbeitet hat, wo man sein ganzes Können, sein Herzblut, seine ganze Leidenschaft reingesteckt hat – in jedes Kapitel, jede Seite, jedes Wort – das alles wird zerpflückt, seziert, gedeutet und bewertet. Da braucht man als Autor ein dickes Fell, um das alles auszuhalten. Aber letztlich kann man noch froh darüber sein, denn es geht auch schlimmer. Dann nämlich, wenn noch nicht mal ein „langweilig“ oder „überflüssig“ als Wertung kommt, wenn so gar nichts passiert, einfach keine Sau, das neue literarische Werk beachtet.

5. Halbwertzeit

Nach dem großen Roman, ist vor dem noch größeren Roman. Ein Autor kommt, hat er einmal angefangen zu schreiben, nie zur Ruhe. Er muss abliefern, um im Geschäft zu bleiben. Und das im besten Fall jedes Jahr. Entweder im Frühjahr oder im Herbst. Denn wie in der Modeindustrie gibt es auch im Buchhandel das Diktat der Kollektionen. Leipzig oder Frankfurt? Klein oder Groß? Aber egal wo und wie, eines ist sicher: ein halbes Jahr nach der Premiere ist alles vorbei. Wer im März in Leipzig rauskommt, ist in Frankfurt überhaupt kein Thema mehr. Was in der Halbwertzeit von einem halben Jahr nicht passiert, an Besprechungen, Handelsmarketing und PR – das kommt auch nicht mehr. Nicht nur in den Medien, auch im Handel. Und wie heißt es dann? „Tut mir leid – das Buch haben wir nicht vorrätig, aber ich kann Ihnen das bestellen“. Na klar!

6. Lesungen

Bei Musikern kennt man das. Sie verdienen mit Plattenverkäufen kaum noch Geld. Dafür müssen sie auf Tour gehen, Konzerte geben. Auch ein Schriftsteller muss mit seinem Buch tingeln, von Stadt zu Stadt, von Buchhandlung zu Buchhandlung, von Stadtbibliothek zu Volkshochschule. Dafür gibt es ein paar hundert Euro pro Abend und die Einsicht gratis, dass eine Schriftsteller-Karriere nicht wirklich aufregend ist und mit Sex, Drugs und Rock’n Roll absolut gar nichts gemein hat. Männliche Autoren könnte interessieren, dass das Publikum überwiegend weiblich ist, die Kultur Bourgeoisie des Ortes, pensionierte Oberstudienräte/innen, Buchändler/innen, Zahnarzt-Gattinnen nebst Zahnarzt. Die Männer werden zu den Lesungen meist mitgeschleppt und nicken nicht selten nach zehn Minuten auf ihrem Klappstuhl ein.

7. E-Books

Eines ist klar. Schriftsteller zu sein, bedeutet in der Regel: viel Arbeit für wenig Geld. Wenn man es nicht in die Spiegel-Bestseller-Liste schafft oder sich anderweitig an die Sirenen des Mainstream verkauft, wird man es mit dem Schreiben nur selten zu einem Einfamilienhaus am Stadtrand bringen. Es ist also in erster Linie etwas für’s Ego. Ja, ich arbeite als Sachbearbeiter bei der Versicherung, aber eigentlich bin ich ja Schriftsteller. Guck mal, hier ist mein Buch. Wo? Na, hier auf der Festplatte. Im Belletristik-Ordner, die vierte Datei. Klick doch mal drauf! Geht nicht auf dem Kindle. Warum nicht? Weiß nicht – aber toll. Schriftsteller bist Du also? Was schreibst Du denn so für Dateien?

8. Punkt Acht

Sieben Gründe sind schnell gefunden. Sieben billige Ausflüchte, sieben Vorwände, es nicht zu tun. Anstatt sich hinzusetzen, ein weißes Blatt Papier, eine neue Datei und los! Gedanken formulieren, sein Bestes geben. Eine Idee, eine Geschichte, ein Gefühl aus Wörtern konstruieren. Kritisieren ist so leicht, selber machen dagegen schwerer als man denkt. Natürlich hab ich es auch schon versucht und bin kläglich gescheitert. Das war nichts, das würde ich selber nicht lesen wollen. Sieben Gründe müssen her, damit der Blick in den Spiegel erträglich bleibt. Und so kommen wir zu Punkt Acht: Respekt und allerhöchste Wertschätzung für all die Autoren, die die genannten Kritikpunkte natürlich alle kennen und sicherlich noch viele mehr. Die aber trotzdem immer weitermachen, wunderbare und weniger wunderbare Geschichten schreiben und so dafür sorgen, dass auch ich hier immer etwas zu schreiben habe.

Foto: Gabriele Luger

10 Dinge, die in keinem Murakami-Roman fehlen dürfen

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1. Jazzkneipen
Murakami betrieb bis 1983 das Peter Cat, eine Jazzbar in Tokio. In fast jedem seiner Romane sind daher solche Jazzbars ganz zentrale Orte. Hier warten seine Protagonisten auf die starken, schönen Frauen seiner Romane. Frauen wie Aomane, die ein- oder zweimal dort erscheinen und sich dann nie wieder blicken lassen. Ansonsten wird hier Whiskey getrunken, Klaviermusik von Cole Porter gehört und stundenlang auf die Holzintarsien an der Decke gestarrt.

2. Hausarbeit
Ich kenne kaum einen Autor, der dem Kochen und Putzen, dem Waschen und Bügeln so viel Raum gibt. Über vier fünf Seiten können wir Leser die Protagonisten beim Zubereiten von Mahlzeiten beobachten. Vorzugsweise Salate mit Seetang, Omelett oder Spaghetti. Es wird viel eingekauft, abgewaschen, in Schränke eingeräumt. Nun ja, auch Romanhelden haben ihren Haushalt.

3. Sport
Murakami ist ein sportlicher Autor. Er selbst läuft Marathon, seine Romanhelden schwimmen viel und machen ihre Morgengymnastik. Dehnen und strecken mit Hingabe jeden Muskel. Das dauert so zwei bis drei Seiten, danach gibt es ein ausgiebiges Frühstück . Wenn dann abgewaschen und das Geschirr wieder in den Schränken verstaut ist, schaut sich der Murakami-Held gerne noch ein Baseball-Spiel im Fernsehen an.

4. Einzelgänger
Murakami macht gar keinen Hehl daraus, dass seine Protagonisten ihm ähneln. Alle sind Einzelgänger, leben entweder allein oder sind zusammen mit einem Partner einsam. Alle Mitte 30, alle auf der Suche, keiner wirklich herausragend. Sie schwimmen im Leben so mit, sitzen schweigsam zu Hause vor dem Fernseher und trinken Dosenbier. Hin und wieder gehen sie in Jazzkneipen und ins Schwimmbad.

5. Parallelwelten
In seinen Romanen wird viel geträumt. Sowohl nachts als auch am Tage. Dabei verschwimmen die Grenzen. Zwischen Tag und Nacht, zwischen Realität und Traumwelt und ehe man sich versieht, geht schon eine Tür auf und dahinter führt uns eine Treppe in eine andere Welt. Auf den Grund eines Brunnens, unter eine Autobahn, in einen unterirdischen See, an die Grenze zur Mongolei. Dort gibt es viele Abenteuer zu bestehen, bis wieder eine Tür aufgeht und man urplötzlich wieder in der Jazzkneipe am Tresen sitzt.

6. Suizid
In einem Interview habe ich mal gelesen, dass Murakami immer dann schreibt, wenn er traurig ist. Wenn man sich sein umfangreiches Werk so betrachtet, dann kann man davon ausgehen, dass der Autor sehr oft traurig ist. Seine Protagonisten sind es folglich auch. Und in nahezu jedem Roman gibt es eine Figur, die sich umbringt. Sei es Kizuki, der sich gleich zu Anfang von Naokos Lächeln mit Autoabgasen vergiftet oder Shiro aus seinem letzten Roman, die damit die angebliche Vergewaltigung nicht mehr richtig stellen kann. Die Romanhelden, die sich nicht umbringen, schreiben wenn sie traurig sind. Manche gehen auch schwimmen oder braten sich ein Omelett.

7. Musik
Wer viel Murakami liest, kennt den Musikgeschmack des Meisters. In Jazzkneipen hört man nun mal Jazz. Ich verstehe nicht viel davon und kann mir die entsprechenden Musiker daher auch nicht merken. In einigen Romanen hört der einsame Protagonist aber auch Klassik-Platten. Manchmal zusammen mit einem Mädchen, das er gerade kennenlernt hat. Stundenlang sitzen sie reglos nebeneinander und hören die Platten aus der Sammlung ihrer oder seiner Eltern. Danach gehen sie lange spazieren. Eines Tages ist das Mädchen dann weg und taucht nie wieder auf.

8. Fabelwesen
Bei jedem anderen Autor würde ich mit den Augen rollen. Doch von Murakami lasse ich mich bereitwillig in die krudesten Fantasiewelten entführen. Mit großem Vergnügen stelle ich mir die merkwürdigsten Figuren vor. Ach, wie interessant: ein Schafsmann und ein Aufziehvogel. Das ist ja mal eine tolle Idee, hab ich ja noch nie gehört. Und eine Puppe aus Luft, wie soll das denn gehen?

9. USA
Murakami lebte ein paar Jahre in den USA. Er hat jede Menge amerikanische Autoren ins Japanische übersetzt. Darunter die ganz großen Helden wie Fitzgerald, Irving, Capote, Carver und auch den legendären Raymond Chandler. Die Coolness Chandlers findet man auch bei Murakami wieder. Oft genug begegnet einem ein japanischer Philip Marlowe, kettenrauchend mit Trenchcoat und Sonnenbrille. Vielleicht liegt hier das Geheimnis seines Erfolges. Dass er gar nicht so extrem japanisch ist, sondern mehr so ein amerikanischer Japaner.

10. Ursula Gräfe
Murakamis Romane leben von seiner Sprache: einfach, reduziert, klar. Fast schon zwanghaft schnörkellos, simple Abläufe beschreibend, in einfachen Wörtern und trotzdem tief und berührend. Murakami hat seine ersten Romane in Englisch geschrieben, mit begrenztem Wortschatz und mangelnder Gewandtheit. Er hat diesen aus der Not heraus reduzierten Satzbau dann wieder ins Japanische übersetzt und etwas angereichert. So entstand der typische Murakami Stil, den Ursula Gräfe seit einigen Jahren gekonnt und routiniert ins Deutsche übersetzt. Ich kann nicht beurteilen, ob sie alles richtig macht, aber mir gefällt ihre Übersetzung aus dem Japanischen. Sie macht es einfach, klar, reduziert und wunderschön traurig.

Foto: Gabriele Luger