Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

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Ich dachte schon, es wäre vorbei mit dem Lesen. Dachte ich hätte es übertrieben, mir zu viel zugemutet, hätte das richtige Maß und dabei auch den Spaß an der Sache verloren. Vielleicht war ich aber auch irgendwie reizüberflutet. Im letzten Jahr gab es viele Störfeuer, berufliche Herausforderungen, kleinere und größere Probleme, die ich lösen musste. Es hat oftmals die Konzentration gefehlt und damit verbunden auch die Geduld, um mich auf fremde Geschichten, sprich: auf Literatur richtig einzulassen. Mein Lesejahr 2018 war daher eher mau. Ein paar halbwegs gute Bücher habe ich gelesen, richtig begeistert haben mich aber nur einige wenige und das meist auch nur in der Hörbuchversion. Doch auf den buchstäblich letzten Metern des Jahres hat mich dann doch ein Roman so richtig in den Bann gezogen. Mit „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ von Michel Faber habe ich tatsächlich noch mein Lieblingsbuch des Jahres 2018 gefunden.

Michel Faber war mir bisher vollkommen unbekannt. Ich habe ihn eher zufällig im Verlagsprogramm von Kein & Aber entdeckt. Der 1960 in den Niederlanden geborene, englischsprachige Autor ist ein Wanderer zwischen den Welten mit einer bewegten Vita. Im Alter von sieben Jahren emigrierte er zusammen mit seinen Eltern nach Australien. Er studierte in Melbourne Anglistik und wanderte Anfang der Achtziger nach England aus, scheiterte dort, wurde obdachlos und ging wieder zurück nach Australien. Weil ihm die klimatischen Bedingungen in Australien aber gesundheitlich zusetzten, versuchte er einige Jahre später mit seiner zweiten Frau noch einmal sein Glück – und diesmal klappte das Auswandern. Er lebt heute als Autor von mittlerweile neun Romanen, darunter einigen Weltbestsellern, in Schottland.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist 2014 im Original und letztes Jahr dann in der deutschen Übersetzung von Malte Krutzsch erschienen. Im Feuilleton und den Blogs ist es hier und da gut besprochen worden, aber nicht so häufig, dass es mir aufgefallen wäre. Also auf alle Fälle kein „Must Read“ – nichts, dass man gelesen haben muss, um mitzureden (wenn es so etwas außerhalb des Literaturbetriebes überhaupt noch gibt). Aber im Klappentext steht, dass die Zeitschrift ‚New Yorker‘ das Werk als eines der besten Bücher des Jahres bezeichnete und es in zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Und nachdem ich den knapp 680 Seiten dicken Roman nun wie in einem Rausch innerhalb von drei Tagen ausgelesen haben – kann ich nur sagen: der ‚New Yorker‘ hat recht. Es ist tatsächlich das beste Buch des Jahres und eigentlich doch ein absolutes „Must Read“.

Und ich will auch sagen warum. Weil es mich trotz unerfreulicher Ablenkungen, die mich auch zwischen den Jahren gedanklich nicht zur Ruhe kommen ließen, eingesogen, aus dem Alltag gerissen und in eine fremde Welt hat eintauchen lassen. Weil es mich niveauvoll und sprachlich jederzeit stimmig gefesselt, berührt und bewegt hat. Und weil dieser Zustand eigentlich genau das ist, was ich – und wahrscheinlich viele andere auch – von guter Literatur erwarten, wonach ich mich sehne, worauf ich bei jedem Buch insgeheim hoffe und was sich dieses Jahr beim Lesen leider so gut wie gar nicht einstellen wollte.

Das Buch ist nicht perfekt aber vielleicht gerade deswegen so gut. Immer wieder stößt man auf Dinge, die nicht so ganz zu passen scheinen bei diesem komischen Konstrukt eines gesellschaftskritischen Science-Fiction/Liebesromans. Ja, ich frage mich: ist das überhaupt Science Fiction? Denn mit Science, also in diesem Fall Weltraumwissenschaft, hat das hier augenscheinlich wenig zu tun. Die Handlung spielt zwar auf dem fernen Planeten Oasis, zu dem man per Raumshuttle ca. 30 Tage und Nächte unterwegs ist, aber mein rudimentäres, intergalaktisches Wissen reicht aus, um zumindest leise Zweifel an dieser Form der Fiktion anzumelden. Denn es gibt auf Oasis weder Schwerelosigkeit, noch Sauerstoffmangel und auch sonst kaum nennenswerte Unterschiede zu irdisch-öden Landstrichen wie in Jordanien oder der Sahara. Man fährt da oben (oder unten?) ganz normale Autos mit Navigationssystem, es gibt Strom und sogar sowas wie WLAN. Die Sonne scheint, ab und zu regnet es, es gibt Lebewesen, die wie Menschen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf haben, Landwirtschaft betreiben, und neben ihrer eigenen Sprache auch Englisch sprechen, aber Probleme mit der Aussprache von S- und T-Lauten haben. Aber warum eigentlich nicht? Soll erstmal einer beweisen, dass es das alles nicht gibt, da oben, viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Ist halt etwas weniger Science, dafür aber mehr Fiction.

Und gleichfalls kann man sich fragen, ob das überhaupt ein Liebesroman ist, wenn das Liebespaar auf unterschiedlichen Planeten lebt? Der Protgaonist Peter als christlicher Missionar auf Oasis und seine Frau Bea mit dem Kater Joshua in England. Auf dem Backcover steht: „Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überwinden“. Und es ist tatsächlich ziemlich bewegend, wie Faber diese räumliche Trennung begleitet. Wie die beiden Liebenden in unzähligen Mails versuchen, die große Distanz zu überwinden, die Gefühle am Leben zu halten, wie aber das Leben in unterschiedliche Welten – und hier ist das mal nicht metaphorisch gemeint – ihnen nach und nach die Basis entzieht.

Ich habe als Leser mitgelitten, sowohl mit Bea als auch mit Peter, und hätte gerne geholfen. Aber was will man tun, wenn der eine versucht auf einem fernen Planeten eine Kirche zu errichten, während das Leben auf der Erde immer mehr im Chaos versinkt und die Daheimgebliebene droht darin zu versinken? Wenn Kommunikation immer schwieriger wird, weil das Verbindende fehlt, die simpelsten Bezugspunkte, wie die Luft, die man atmet und der Himmel unter dem man lebt.

Was soll ich jetzt noch sagen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten? Lest einfach selber. Es ist ein wahrlich großes Lesevergnügen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kein & Aber

Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch

678 Seiten, 25 Euro