Emily Ruskovich – Idaho

Manches Buch ist wie ein nasses Stück Seife. Zunächst formschön, handschmeichelnd, wohlriechend und sanft dahingleitend. Doch ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügt, und schon glitscht es einem aus der Hand, rutscht am Boden wild umher, lässt sich nur schwer wieder greifen, und wenn man es nach viel Hin und Her wieder im Griff hat, ist es angeschlagen, schmutzig und komplett aus der Form. Genauso habe ich auch „Idaho“ empfunden, den Debütroman der jungen Amerikanerin Emily Ruskovich.

Dieses Buch konnte ich beim besten Willen nicht greifen. Es hat mich stellenweise fasziniert und begeistert, dann wieder genervt und gelangweilt. Aber nicht am Anfang einmal so und zum Ende hin wieder anders, sondern immer schön abwechselnd. Immer wenn ich dachte, geil, das macht ja gerade richtig Spaß, flaute es ab, verfranste sich die Handlung, wurde alles zäh und tranig. Und kurz bevor ich es abbrechen und enttäuscht zurück ins Regal stellen wollte, zog es wieder an, wurde treibend, spannend, interessant – um ein paar Seiten später wieder abzuflauen.

Zunächst dachte ich: Wie kann das sein? Haben zwei unterschiedliche Menschen diesen Roman geschrieben? Doch dann erkannte ich das Muster. Die Geschichte wurde einfach nur auf knapp 400 Seiten aufgeblasen. Der Plot an sich bietet gerade mal Futter für die Hälfte. Und das entspricht ungefähr dem Teil des Buches, der mir richtig gut gefallen hat. Aber der Rest ist wie einer dieser mit Stickstoff aufgeblasenen Frischkäse, die als luftig, leicht und lecker gepriesen werden, sich aber bei genauer Betrachtung geschmacklich und überhaupt als Luftnummer erweisen.

Ich erzähle vielleicht kurz mal, worum es geht. Wade und Jenny leben irgendwo in Idaho auf einem Berg. Sie führen ein einfaches, naturverbundenes Leben, haben zwei Töchter, sind zufrieden. Plötzlich tötet Jenny im Affekt die jüngste Tochter mit einem Beil, die andere Tochter läuft weg und wird nie wieder gefunden. Jenny kommt lebenslänglich ins Gefängnis, Wade bleibt allein auf dem Berg zurück. In dieses zerstörte Leben tritt die junge Musiklehrerin Ann. Sie heiratet Wade bereits ein Jahr nach dem Mord, zieht in das Haus auf dem Berg und lebt mit Wade bis er – wie bereits sein Vater und Großvater – Anfang Fünfzig an Demenz erkrankt. Während der Tod seiner Tochter und der Verlust seiner kompletten Familie anfangs noch wie ein schwerer Schleier über allem liegt und die Beziehung von Ann und Wade nie wirklich unbeschwert werden lässt, bessert sich die Situation, Wades beginnender Demenz geschuldet, nach und nach immer mehr. Der Schmerz erlischt, wird einfach vergessen, und erst als alles Vergangene in ihm erloschen ist, hat Ann zum ersten Mal das Gefühl, ihrem Mann wirklich nahe zu sein.

Das ist zwar einerseits eine simple Crime-Story, andererseits erwächst daraus aber auch ein ziemlich starker Plot aus allerlei Zwischenmenschlichem. Wade und seine erste Frau Jenny, die beiden Töchter June und May, Wade und seinen zweite Frau Ann, Jenny und ihre Zellengenossin im Gefängnis – das alles sind schon ziemlich starke Zweierkonstellationen, die Ruskovich auch gekonnt in Szene setzt.

Aber wie gesagt, immer wieder flutscht einem die Geschichte aus der Hand, zerfasert sich in Nebensächlichkeiten, werden Personen eingeführt, die für die Geschichte überhaupt nicht wichtig sind, wie der Musikschüler Eliot, der in einem kaputten Holzsteg ein Bein verliert. Oder der Mann, der die Phantomzeichnungen des vermissten Mädchens fertigt und schließlich sogar der Bluthund, der die Spur der vermissten Tochter verfolgt.

Das ist zwar, wie alles Übrige auch, gut geschrieben, sprachlich sehr überzeugend, aber dennoch überflüssig und genau das, was den Gesamteindruck dieses Buches so trübt. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Und so kann mich eine augenscheinlich talentierte Autorin leider doch nicht überzeugen, und ich frage mich: ist das Lektorat dafür verantwortlich, dass diese Geschichte wie ein Frischkäse aufgeblasen und dadurch schlussendlich verhunzt wurde oder hat das die Autorin komplett allein geschafft?

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Foto Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
384 Seiten, 24,00 €
Übersetzt von Stefanie Jacobs

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

15

 

Ich hatte dieses Buch überhaupt nicht auf dem Schirm, wollte es eigentlich gar nicht lesen. Doch es war eines Tages einfach in der Post, nett verpackt in einer maßgefertigten, passend bedruckten Kartonage mit einer handgeschriebenen Karte vom Verleger. Und ich muss schon sagen, das hat sofort Eindruck gemacht. Man wusste gleich, dass das nicht irgendeine Neuerscheinung sein kann, sondern der ultimative Toptitel von Hanser Berlin. So muss man es machen – direct marketing at its best. Natürlich poppten sofort bei Twitter, Facebook und Instagram jede Menge Fotos auf, die belegten, dass ich beileibe nicht der einzige Blogger war, auf den dieses Mailing Eindruck gemacht hat.

Und selbstverständlich hatte ich auch schon von der versteckten Holzhütte in der brandenburgischen Einöde gehört, in die Journalisten, Blogger und Buchhändler eingeladen wurden, um drei Tage in völliger Abgeschiedenheit aber mit gut gefülltem Kühlschrank diesen bedrückenden Tausendseiter zu lesen. Auch das ist eine grandiose Idee, einfach und schnell umzusetzen, man muss nur erstmal drauf kommen. Aber das Hanser Marketingteam hat ja schon öfter bewiesen (zuletzt bei Tilman Rammstedts „Morgen mehr“), dass es eines der kreativsten in der Verlagsbranche ist.

So war dieser Roman schon in aller Munde, bevor irgendeiner auch nur einen Satz davon gelesen hatte. Diejenigen, die ihn schon kannten, schienen sich darauf geeinigt zu haben, es unisono sehr bedrückend, intensiv und aufwühlend zu finden. Auch der Verlag bestätigte, nach der Lektüre dieses Buches wäre man ein Anderer, es würde etwas mit einem machen und man wird danach mit jemandem darüber sprechen wollen – sprechen müssen.

Ein paar Tage habe ich gezaudert, habe versucht, mich dem Hype zu verweigern. Doch dann bin ich eingeknickt und in die Lektüre der 960 Seiten eingestiegen. Ich habe mich von meiner Frau verabschiedet, ihr gesagt, dass sie sich nicht wundern soll, wenn ich demnächst ein Anderer sein werde und dann unbedingt und sehr viel mit ihr über die Lektüre dieses Romans sprechen muss. Und damit verschwand ich für ca. zwei Wochen in meiner Leseecke und las über jemanden, der über Jahre hinweg mit niemandem über gar nichts sprechen wollte.

Trotz der knapp 1000 Seiten ist die Geschichte dieses Romans schnell erzählt. Jude St. Francis ist ein Findelkind, das irgendwo im mittleren Westen der USA zwischen Mülltonnen gefunden wurde. Er ist in diversen Waisenhäusern aufgewachsen und auf vielfältige Weise missbraucht worden. Judes traumatische Kindheit und Jugend ist der heiße Brei, um den die sprichwörtliche Katze – in diesem Fall wir als Leser – herumstreichen müssen. Wir steigen in die Geschichte ein, als alles eigentlich wieder gut ist. Jude ist auf dem College und hat Freunde gefunden. Malcolm, Willem und JB begleiten Jude durchs Leben und auch wir als Leser sind fortan immer mit dabei. Jude ist verschlossen und schweigsam und möchte nicht über seine Vergangenheit reden. Alle seine Freunde akzeptieren das – mehr oder weniger. Nehmen es hin, denn sonst würden sie ihn als Freund verlieren.

Wir Leser sind da ein wenig besser gestellt. Uns wird in Rückblenden hin und wieder die Tür zur Vergangenheit geöffnet, und wir bekommen Einblick in Judes Kindheit, sein Leben in einer Männerwelt, in der sich jeder nimmt, was ihm grad so gefällt. Und das war Jude. Doch die Rückblenden sind immer nur kurz; bevor wir zu viel erfahren können, wird die Tür wieder zugesperrt, und wir befinden uns wieder in der Rahmenhandlung. Hier tappen Judes Freunde auch nach der Zeit auf dem College, der Uni, den ersten Jobs, eigentlich bis zuletzt immer noch im Dunklen. Jude schweigt eisern und lässt nichts raus. Und so werden wir von Cliffhanger zu Cliffhanger geführt, erfahren alle hundert Seiten ein paar Details mehr von Judes grauenvoller Kindheit und schauen dem Protagonisten dabei zu, wie er sich mit der ganzen unverarbeiteten Last der Vergangenheit schweigsam durchs Leben quält und einzig Erleichterung darin findet, indem er sich mit der Rasierklinge die Arme aufschneidet.

Die Lektüre dieses Romans war für mich ein echtes Wechselbad der Gefühle. Ich bin aufgrund des angefachten Hypes mit einer sehr hohen Erwartungshaltung gestartet, fragte mich auf den ersten dreihundert Seiten ob ich irgendwie gefühlskalt bin oder warum mich nichts sonderlich berührt oder gar aufgewühlt hat. Dann konnte ich mich arrangieren und kam langsam rein. Stellenweise hatte ich einen Kloß im Hals und konnte nicht fassen, was ich da las. Aber als ab Seite 700 die Katze endlich aus dem Sack war, Jude alle Grausamkeiten rausgelassen hatte, aber die Geschichte immer noch nicht zum Ende kam, sondern noch auf 250 Seiten den finalen Todesstoß einleitete, habe ich echt die Geduld verloren und angefangen, nur noch quer zu lesen.

Trotz allem Verständnis und Mitgefühl war ich ab da nur noch genervt von Jude, von seiner Verstocktheit, von seinem ewigen Selbstzerstörungs-Mantra, seiner Weigerung, sich helfen zu lassen. Ich war enttäuscht von seinen Freunden, die Jahrzehntelang hilflos und stumm die Umstände begleiteten. Ich fand auf einmal gar nichts mehr stimmig an dieser Geschichte. Eine Männerwelt, die entweder nur brutal verletzend oder aber übertrieben liebevoll und mitfühlend ist. Nichts dazwischen, reine Schwarz-Weiß-Malerei. Wenn schon Gut hier und Böse da, dann bitte auch sprachlich deutlich getrennt. Stattdessen beschreibt die Autorin den schweren Missbrauch in fast schon blumigen, verschämten Umschreibungen. Da wird kein Klartext geredet, weder das Wort Schwanz, noch der Schwanz als solches jemals in den Mund genommen. Da wird weder gefickt noch penetriert, da wird nur andeutungsweise eingedrungen und danach sanft abgeblendet.

Auch das typisch Amerikanische an der Geschichte hat mich genervt. Alle vier Freunde sind am Ende maximal erfolgreich und reich. Kein Mittelmaß, nein alles ganz tolle Superstars, die Stiftungen gründen und so. Und das Ende – ich will hier gar nicht spoilern – ist so was von kitschig, Tränendrüsen-melancholisch und Hollywoodtauglich, dass einem schlecht wird. Ich habe mich am Ende geärgert, dass ich so viel Zeit mit einem Buch verbracht habe, das um die Hälfte gekürzt vielleicht gar nicht schlecht gewesen wäre.

Als ich nach zwei Wochen den Roman endlich zuklappen konnte, musste sich meine Frau tatsächlich jede Menge von mir anhören. Über Buchmarketing, das besser ist als das Buch, über literarische Cliffhanger und warum so was in den USA große Literatur genannt wird. „Aber wenigstens bist du nach der Lektüre kein Anderer geworden“, sagte sie nur. Doch bin ich – antwortete ich: zwei Wochen älter und um eine Enttäuschung reicher.

Foto: Gabriele Luger

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Verlag: Hanser Berlin
958 Seiten, 28,00 €