Nino Haratischwili – Die Katze und der General

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Vier Jahre haben die Fans auf den Brilka-Nachfolger gewartet. Nun ist er endlich da, 760 Seiten dick und noch vor der Veröffentlichung für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Timing war perfekt. Die diesjährige Buchmesse mit dem Gastland Georgien war für Nino Haratischwili sozusagen ein Heimspiel. Kein Lesebühnensofa, auf dem die in Georgien geborene Ausnahmekünstlerin nicht gesessen hätte. Und über kein Buch wird derzeit mehr gesprochen, als über ihren neuen Roman „Die Katze und der General“.

Doch das, was so gesprochen wird, dürfte der Autorin und dem Verlag gar nicht gefallen. Und auch ich bin nicht sonderlich begeistert, um nicht zu sagen sehr enttäuscht von diesem Roman, auf den ich mich wie viele andere Nino-Fans auch sehr gefreut habe. Die Enttäuschung fing schon an, als ich im Sommer zum ersten Mal hörte, wie der Roman heißen sollte: „Die Katze und der General“. Ok, dachte ich, kann man machen, ist ja nur der Titel. Es gibt in der Literaturgeschichte viele erfolgreiche Beispiele, wo sowas gut funktioniert hat, wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Bei Büchern für eine junge Zielgruppe scheint es ein bewährtes Prinzip zu sein, die Geschichte einfach nach den beiden Hauptprotagonisten zu benennen. Aber für einen ernstzunehmenden Roman finde ich es irgendwie zu billig.

Man hätte den verunglückten Titel mit einer ansprechenden Covergestaltung auffangen können, aber das ist meiner Einschätzung nach nicht gerade die Stärke der Frankfurter Verlagsanstalt. Stattdessen wurde der bewährte Collage-Look von Brilka auf dieses Werk übertragen. Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wenn ich eines über Grafikdesign gelernt habe, dann, dass die Darstellung des allzu Offensichtlichen nicht unbedingt für eine hohe Kreativität des Entwurfs steht. Es zerschellen Hoffnungen wie ein Boot an Felsen, eine Romanfigur nennt sich Krähe, Rubiks Zauberwürfel kommt vor – und all das findet man dann auch bunt zusammengewürfelt auf dem Cover. Fehlen eigentlich nur noch eine stilisierte Katze und ein General.

Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten, und letztlich sind Titel und Cover zwar verkaufsentscheidend, aber auch Geschmackssache und sagen nichts über die eigentliche Qualität des Romans aus. Kommen wir also zum Inhalt.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Gleich zu Anfang des Romans lernen wir Nura kennen, die während des Tschetschenien-Krieges 1994/1995 Opfer eines Kriegsverbrechens wird. An der Vergewaltigung und Tötung von Nura sind vier russische Soldaten beteiligt, die eigentlich auf Fronturlaub sind. Mehr als zwanzig Jahre später ist einer der beteiligten Soldaten zum Oligarchen aufgestiegen. Durch einen familiären Schicksalsschlag geläutert, will der von allen nur General genannte Oligarch das Verbrechen sühnen und alle damals Beteiligten mit ihrer Schuld konfrontieren. Dafür engagiert er die Katze, eine Schauspielerin, die dem Opfer von damals zum Verwechseln ähnlich sieht. Es entwickelt sich, spitzt sich zu und kommt zu einem finalen Showdown, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Denn so sehr ich mich auch bemüht habe, ich habe den Roman nicht beendet, sondern nach ca. 300 Seiten endgültig abgebrochen.

Normalerweise gebe ich einem Buch ungefähr 50 bis 80 Seiten Zeit, mich als Leser aufzunehmen und in die Geschichte zu ziehen. Wenn ich bis dahin nicht drin bin, steige ich aus. Normalerweise. Aber da Nino Haratischwili eine meiner Lieblingsautorinnen ist, habe ich hier gleich mehrere Ausnahmen gemacht. Nach 100 Seiten legte ich das Buch zum ersten Mal frustriert für zwei Wochen zur Seite. Dann habe ich es mir noch mal vorgenommen und fühlte mich 100 Seiten später immer noch genauso fremd. So sehr ich mich auch bemühte, ich fand einfach keinen Zugang, bin zu keiner Zeit in die Geschichte reingekommen. Zu guter Letzt habe ich mir noch das Hörbuch runtergeladen, in der Hoffnung, darüber einen besseren Zugang zu finden. Doch auch das war vergeblich. Zwei, drei Stunden habe ich noch reingehört und es dann endgültig drangegeben.

Jetzt wird sich natürlich jeder fragen, was mich denn konkret gestört hat. Ich versuche es mal einzugrenzen. Der Plot ist nicht uninteressant und das Setting authentisch. Auch sprachlich habe ich bis auf ein paar reichlich dick aufgetragene Vergleiche nicht viel auszusetzen. Haratischwili schreibt halt opulent. Aber meiner Meinung nach sind Grundgerüst und Dramaturgie nicht stimmig. Zu viele ausufernd beschriebene Figuren, zu viele Schleifen führen dazu, dass der rote Faden der Geschichte immer wieder verloren geht. Folgendes Beispiel: Da sitzen fünf Leute um den Tisch einer Nebenfigur namens Tina, von der ich nach 200 Seiten immer noch nicht genau weiß, ob sie jetzt die Mutter oder die Schwester der Protagonistin ist. Kann ja sein, dass ich irgendwo nicht richtig aufgepasst habe. Aber statt, dass sich dies langsam aufklärt, wird mir auf den Folgeseiten zusätzlich noch die komplette Vita der fünf um den Tisch sitzenden Personen präsentiert, ausufernde Charaktersierungen, die auch Eltern und Großeltern mit einbeziehen. Vierzig Seiten später weiß ich immer noch nicht, wer genau jetzt Tina ist. Dafür kenne ich die komplette Lebensgeschichte der fünf neuen Nebenfiguren, die vom Tisch aufstehen und nie wieder gesehen werden. Vielleicht kommen sie 200 Seiten später ja nochmal ins Spiel, wenn man es denn bis dahin aushält. Und so mäandert die Geschichte Seite um Seite dahin, es kommt weder Spannung noch Wohlgefühl beim Lesen auf. Stattdessen Langeweile, Frustration und langsam sich steigender Groll über ein handwerklich so misslungenes Werk.

Es tut mir leid, das in dieser Deutlichkeit zu sagen. Wie ich im Netz gesehen habe, bin ich auch nicht der einzige, der Schwierigkeiten mit diesem Buch hat. Die Nino-Fangemeinde, die Brilka noch uneingeschränkt gefeiert hat, ist sichtlich gespalten. Viele sind genauso enttäuscht wie ich, einige finden es ganz passabel, aber richtig begeistert ist – mit Ausnahme von ein paar Hardcore-Fans – keiner. Nicht ganz so rücksichtsvoll wie die eher freundlichen Blogger geht Denis Scheck mit diesem Roman ins Gericht. Komplett misslungen und eine Verschwendung von Lebenszeit, so sein harsches Urteil. Und so leid es mir tut, er hat recht. Wenn eine Autorin es nicht schafft, einen motivierten und um das Buch bemühten Leser in eine im Prinzip sehr spannende und erzählenswerte Geschichte zu ziehen, dann hat sie einfach ihren Job nicht gut gemacht.

Warum dieses Buch dann auch noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, erschließt sich mir wieder einmal nicht. Trotzdem ist und bleibt Nino Haratischwili eine sehr beachtenswerte Autorin, die mit dem Vorgängerroman „Das achte Leben (für Brilka)“ echte Weltliteratur geschrieben hat. Also: die Katze bitte auslassen und stattdessen Brilka lesen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
750 Seiten, 30,00 Euro

Hörbuch:
HörbuchHamburg HHV
Gelesen von: Peter Kaempfe, Torben Kessler, Luana Velis, Valery Tscheplanowa
Dauer: 23 h, 21 Min.

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

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Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, ob Ralf Rothmann ein guter oder nicht so guter Autor ist. Das steht komplett außer Frage. Wir müssen auch nicht darüber diskutieren, ob Romane, die sich mit Geschichten aus dem Dritten Reich beschäftigen, auch nach über 70 Jahren noch wichtig, lesbar und lehrreich sind. Auch das bedarf angesichts der aktuellen politischen Großwetterlage keinerlei Diskussion. Doch wir sollten uns aber darüber unterhalten, ob ein erfolgreicher Schriftsteller sich unbedingt dem Diktat des Marktes beugen und alle zwei Jahre einen neuen Roman herausbringen muss. Lasst uns darüber diskutieren, ob ein schlechter Roman eines guten Autors immer noch besser ist als ein guter Roman eines schlechten Autors. Und zu guter Letzt würde mich mal interessieren, ob auch andere Leser so enttäuscht von Ralf Rothmanns neuem Roman sind.

Natürlich ist „Der Gott jenes Sommers“ nicht grottenschlecht. Rothmann ist immer noch Rothmann und routiniert genug, um selbst aus einer halbgaren Idee, eine ganz passable Geschichte zu machen. Und tatsächlich kommt es mir so vor, als wenn der Autor noch Rohmaterial seines letzten Romans übrig hatte – eine Nebenhandlung und eine Protagonistin, die ihm der Lektor aus „Im Frühling sterben“ rausgestrichen hat – und das hat er nun in einem neuen Buch noch mal aufgewärmt und etwas ausgewalzt.

Das Setting ist zumindest das Gleiche wie im letzten Roman: ein Bauernhof in Norddeutschland in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. Und irgendwie kann ich schon verstehen, was Rothmann an Zeit und Ort so sehr gereizt hat, dass er da gleich noch einen zweiten Roman ansiedelt – zumal sein letzter überaus erfolgreich war und laut Klappentext in 25 Sprachen übersetzt wurde. Die letzten Tages eines Krieges, der eigentlich schon entschieden ist, die letzten Tage eines Regimes, dessen Tage gezählt sind und trotzdem wird weitergemacht, als wäre nichts geschehen. Menschen leiden und sterben, obwohl man das Licht am Ende des Tunnels schon sehen kann. Das macht das ganze Elend noch sinnloser und tragischer. Und dann so ein noch halbwegs intakter und funktionierender Bauernhof mitten im komplett zerbombten Deutschland. Das hat schon alles einen großen erzählerischen Reiz.

Aber trotzdem: Rothmann hat das alles schon mal erzählt. Und jeder, der „Im Frühling sterben“ gelesen hat, wird unwillkürlich Vergleiche anstellen und feststellen, dass die Geschichte der zwölfjährigen Luisa Norff bei weitem nicht an die von Fiete und Walter des Vorgängerbuches heranreicht. Ich schreibe das jetzt ungefähr eine Woche nachdem ich das Buch beendet habe, und jetzt schon kann ich mich nur noch mit sehr viel Mühe an die Handlung erinnern. In ein paar Tagen werde ich es komplett vergessen haben. Denn auf den ganzen 250 Seiten war nichts, was mich besonders interessiert, verblüfft, berührt oder mir bemerkenswert erschienen wäre. „Der Gott jenes Sommers“ ist nichts weiter als eine sauber erzählte Geschichte, wie ich sie schon hundertmal gelesen habe, manchmal besser, manchmal auch schlechter erzählt.

Alles in allem ist das ein ganz guter Roman über die Tragik der letzten Kriegstage, über ein zwölfjähriges Mädchen, das seine Kindheit verloren hat, über Hoffnungen und Ängste, über sinnlose Opfer und den Hass und die Ablehnung, die schon immer Geflüchteten entgegenschlug. Aber es ist auch einer der schlechtesten Romane, die ich von Ralf Rothmann bisher gelesen habe.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
254 Seiten, 22,00 Euro

Den Roman gibt es auch als Hörbuch:
Hörbuch Hamburg HHV
Gesprochen von Wiebke Puls und Shenja Lacher
6h 58 min
Erhältlich bei Audible. (Hörprobe)

 

Emily Ruskovich – Idaho

Manches Buch ist wie ein nasses Stück Seife. Zunächst formschön, handschmeichelnd, wohlriechend und sanft dahingleitend. Doch ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügt, und schon glitscht es einem aus der Hand, rutscht am Boden wild umher, lässt sich nur schwer wieder greifen, und wenn man es nach viel Hin und Her wieder im Griff hat, ist es angeschlagen, schmutzig und komplett aus der Form. Genauso habe ich auch „Idaho“ empfunden, den Debütroman der jungen Amerikanerin Emily Ruskovich.

Dieses Buch konnte ich beim besten Willen nicht greifen. Es hat mich stellenweise fasziniert und begeistert, dann wieder genervt und gelangweilt. Aber nicht am Anfang einmal so und zum Ende hin wieder anders, sondern immer schön abwechselnd. Immer wenn ich dachte, geil, das macht ja gerade richtig Spaß, flaute es ab, verfranste sich die Handlung, wurde alles zäh und tranig. Und kurz bevor ich es abbrechen und enttäuscht zurück ins Regal stellen wollte, zog es wieder an, wurde treibend, spannend, interessant – um ein paar Seiten später wieder abzuflauen.

Zunächst dachte ich: Wie kann das sein? Haben zwei unterschiedliche Menschen diesen Roman geschrieben? Doch dann erkannte ich das Muster. Die Geschichte wurde einfach nur auf knapp 400 Seiten aufgeblasen. Der Plot an sich bietet gerade mal Futter für die Hälfte. Und das entspricht ungefähr dem Teil des Buches, der mir richtig gut gefallen hat. Aber der Rest ist wie einer dieser mit Stickstoff aufgeblasenen Frischkäse, die als luftig, leicht und lecker gepriesen werden, sich aber bei genauer Betrachtung geschmacklich und überhaupt als Luftnummer erweisen.

Ich erzähle vielleicht kurz mal, worum es geht. Wade und Jenny leben irgendwo in Idaho auf einem Berg. Sie führen ein einfaches, naturverbundenes Leben, haben zwei Töchter, sind zufrieden. Plötzlich tötet Jenny im Affekt die jüngste Tochter mit einem Beil, die andere Tochter läuft weg und wird nie wieder gefunden. Jenny kommt lebenslänglich ins Gefängnis, Wade bleibt allein auf dem Berg zurück. In dieses zerstörte Leben tritt die junge Musiklehrerin Ann. Sie heiratet Wade bereits ein Jahr nach dem Mord, zieht in das Haus auf dem Berg und lebt mit Wade bis er – wie bereits sein Vater und Großvater – Anfang Fünfzig an Demenz erkrankt. Während der Tod seiner Tochter und der Verlust seiner kompletten Familie anfangs noch wie ein schwerer Schleier über allem liegt und die Beziehung von Ann und Wade nie wirklich unbeschwert werden lässt, bessert sich die Situation, Wades beginnender Demenz geschuldet, nach und nach immer mehr. Der Schmerz erlischt, wird einfach vergessen, und erst als alles Vergangene in ihm erloschen ist, hat Ann zum ersten Mal das Gefühl, ihrem Mann wirklich nahe zu sein.

Das ist zwar einerseits eine simple Crime-Story, andererseits erwächst daraus aber auch ein ziemlich starker Plot aus allerlei Zwischenmenschlichem. Wade und seine erste Frau Jenny, die beiden Töchter June und May, Wade und seinen zweite Frau Ann, Jenny und ihre Zellengenossin im Gefängnis – das alles sind schon ziemlich starke Zweierkonstellationen, die Ruskovich auch gekonnt in Szene setzt.

Aber wie gesagt, immer wieder flutscht einem die Geschichte aus der Hand, zerfasert sich in Nebensächlichkeiten, werden Personen eingeführt, die für die Geschichte überhaupt nicht wichtig sind, wie der Musikschüler Eliot, der in einem kaputten Holzsteg ein Bein verliert. Oder der Mann, der die Phantomzeichnungen des vermissten Mädchens fertigt und schließlich sogar der Bluthund, der die Spur der vermissten Tochter verfolgt.

Das ist zwar, wie alles Übrige auch, gut geschrieben, sprachlich sehr überzeugend, aber dennoch überflüssig und genau das, was den Gesamteindruck dieses Buches so trübt. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Und so kann mich eine augenscheinlich talentierte Autorin leider doch nicht überzeugen, und ich frage mich: ist das Lektorat dafür verantwortlich, dass diese Geschichte wie ein Frischkäse aufgeblasen und dadurch schlussendlich verhunzt wurde oder hat das die Autorin komplett allein geschafft?

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Foto Gabriele Luger

Verlag: Hanser Berlin
384 Seiten, 24,00 €
Übersetzt von Stefanie Jacobs

George Watsky – Wie man es vermasselt

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Wenn einem ein Diogenes-Buchcover mal ins Auge fällt, weil es angenehm anders ist – zwar nach wie vor im bekannten weißen Corporate Design mit Rahmen, aber trotzdem eigenständig – irgendwie deutlich cooler als der Rest, oder sagen wir mal so: überhaupt mal cool – denn das ist ja nicht gerade das, wofür der schweizer Traditions-Verlag bekannt ist – dann greife ich natürlich sofort zu. Das Cover passt zum Autor. Auch George Watsky ist augenscheinlich ein cooler Typ. Ich kannte ihn bisher nicht, er scheint aber irgendwie die männlich/amerikanische Version von Kate Tempest zu sein: Spoken Word-Artist, Hip-Hop Musiker und Poetry Slammer. Bühnen-Prosa kann als Buch funktionieren, aber auch voll in die Hose gehen – wie zum Beispiel das Romandebüt von Kate Tempest.

Aber um diesen Kalauer zum Titel jetzt auch noch mal zum bringen: Watsky es nicht vermasselt. Im Vergleich zu anderen seiner Zunft hat er mit seinem Prosa-Debüt recht ordentlich abgeliefert. Und es sind auch keine Bühnentexte, sondern 13 sehr lesbare Erzählungen rund um … – ja was eigentlich? Ich habe das Buch vor gerade mal zwei Wochen gelesen und jetzt schon Schwierigkeiten, mich zu erinnern. Entschuldigung, ich muss daher eben mal den Klappentext bemühen. Da steht es: „Brutal ehrlich und brüllend komisch erzählt der Rapper und Autor George Watsky aus seinem Leben als junger Mann, als Musiker, als Freund und als Sohn, von Peinlichkeiten, Fehlstarts, Abfuhren und kleinen Triumphen.“

Ja, genau – darum geht es in Watskys Erzählungen. Jetzt erinnere ich mich auch wieder. Zum Beispiel an die Geschichte mit dem Narwal-Stoßzahn, den der Autor zusammen mit einem Freund für irgendeine alte Tante von Kanada in die USA schaffen sollte. Das ist natürlich illegal, weil Elfenbein, und deswegen nicht ganz ohne Risiko. Mit einigem Hin und Her haben sie den alten Hauer dann über die Grenze geschmuggelt, die Tante hat sich gefreut und wollte sie gleich für den nächsten Job engagieren. Aber daraus wurden dann nichts. Ende der Geschichte. Ach ja und dann fand ich noch die Story ganz nett, wo er versucht hat, sich mit deutlich älteren Frauen zu treffen und es beinahe auch schafft, wenn sie denn nicht im letzten Moment immer wieder abgesagt hätten. Brutal ehrlich – ja, irgendwie schon, aber brüllend komisch? Geht so. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir gewünscht, dass er sich tatsächlich mal mit so einer Sugar Mama getroffen hätte. Ist nicht gerade mein Fetisch, hätte mich aber trotzdem mal interessiert.

Also die Dates mit den älteren Frauen hat er in der Tat total vermasselt und auch bei all den anderen Geschichten, an die ich mich wirklich nur noch sehr schwach erinnern kann – so wenig Eindruck haben sie gemacht – läuft irgendeine Kleinigkeit nicht richtig rund. Das ist die inhaltliche Klammer, die die Storys in diesem Band zusammenhalten soll. Aber das ist alles so schwach ausgearbeitet, dass es schon jeder Menge Interpretations-Wohlwollen bedarf, um dem roten Faden auf die Spur zu kommen.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die Geschichten sind nicht schlecht. Ich habe sie gern gelesen und wenn ich diese Zeilen jetzt nicht mit zweiwöchiger Verspätung sondern unmittelbar nach der Lektüre geschrieben hätte, würde ich mich sicherlich noch an ein paar mehr der 13 Storys erinnern. Aber trotzdem – es zeigt schon eine Tendenz. Watskys Prosa ist nicht schlecht, sie ist aber auch nicht wirklich gut. Das ist alles so lala, liest sich ganz gut, haut mich aber weder sprachlich noch inhaltlich vom Hocker. Ich habe keine wirklich neue Idee oder Sichtweise entdecken können und auch emotional hat es mich nicht gepackt. Die ideale Lektüre also für halbstündige Fahrten mit der Bahn zur Arbeit oder so. Morgens eine Geschichte auf dem Hinweg und abends eine auf dem Rückweg. Literarischer Muzak, funktionale Gebrauchs-Prosa, die einen wie Kaufhaus- oder Fahrstuhl-Musik nicht sonderlich fordert, belastet oder aufwühlt und schon bald nach dem Zuklappen des Buches wieder vergessen ist.

Solche Texte können auf einer Spoken-Word-Bühne in irgendwelchen Uni-Mensen funktionieren, aber für ein literarisches Debüt ist das definitiv zu wenig. Da sind selbst  in diversen Online-Schreibforen deutlich bessere Geschichten zu finden. Und wenn man dann noch den Vergleich, zu den anderen amerikanischen Erzählern wagt, deren Short-Storys zum Teil auch bei Diogenes erschienen sind, wie z.B. Henry Slesar, Ray Bradbury, F. Scott Fitzgerald oder auch Miranda July, dann – ja dann ist man doch geneigt zu behaupten, dass Watsky es vermasselt hat.

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Foto: Gabriele Luger
Verlag: Diogenes 
336 Seiten, 22,00 Euro