Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

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Ist es die jahrhundertealte Geschichte von Repression, Hass und Vertreibung oder ist der jüdische Glaube so stark, so sinnstiftend, so prägend, dass sich ihre Angehörigen davon nicht frei machen können? Dass sie immer zuerst Jude und dann erst alles andere sind?

Ein nichtjüdischer Autor schreibt, wenn er einen Familienroman plant, einfach einen Familienroman. Ich habe das Gefühl, viele jüdische Autoren versuchen in erster Linie, einen jüdischen Familienroman zu schreiben. Einen, der sich im besten Fall dadurch auszeichnet, dass er entweder das Jüdisch-Sein an sich oder die jahrhundertealte Geschichte von Hass, Repression und Vertreibung thematisiert. Jede jüdische Familie hat da was zu erzählen. Es zieht, es erhöht, es spannt einen weiten Bogen. Und obendrein ist da ein riesiger Markt. Millionen Juden in den USA, Israel und der Diaspora warten gespannt auf das nächste große Familienepos eines jüdischen Romanciers, auf einen neuen Philipp Roth, Saul Bellow oder Isaac Bashevis Singer.

„Hier bin ich“ ruft Jonathan Safran Foer und legt mit seinem neuen Roman genau so ein Werk vor. Einen großen jüdischen Familienroman, der alles ist und alles sein kann, nur eins nicht: nicht jüdisch. Obwohl die Protagonisten-Familie Bloch nicht ausgesprochen religiös ist, nur ein zweimal im Jahr in die Synagoge geht, ist der Glaube in dieser US-amerikanischen Durchschnittsfamilie allgegenwärtig. Nicht zuletzt, weil die Bar Mizwa des ältesten Sohnes kurz bevor steht, der Cousin aus Israel zu Besuch kommt, der Urgroßvater beerdigt werden muss und der Staat Israel im Verlauf des Romans erst durch zwei Erdbeben und dann durch die Kriegserklärungen und Angriffe sämtlicher arabischer Staaten nahezu zerstört wird. Das Jüdische zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman, ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern wirklich prägend. Wer also ein Problem mit religiösen Inhalten hat, sollte von diesem Roman schon mal die Finger lassen.

Nicht empfehlen kann ich diesen Roman auch allen Lesern, die endlose, oftmals ins Nichts führende Dialoge langweilig finden. Von den knapp 700 Romanseiten bestehen mindestens zwei Drittel aus Gesprächen. Mal spricht der Familienvater Jakob Bloch mit seinem ältesten Sohn, mal mit dem jüngsten und natürlich immer wieder mit seiner Frau Julia. Zwischen den beiden gibt es viel zu besprechen, denn ihre Ehe ist in einer Sackgasse und droht zu zerbrechen. Julia Bloch spricht mit einem Freund der Familie, ihren Söhnen und immer wieder auch mit sich selbst. Auch die anderen Familienmitglieder, wie der Großvater Irv und der Cousin aus Israel sind nicht auf den Mund gefallen und quasseln eifrig mit. Seite um Seite geht es wie beim Tischtennis immer hin und her. Sagt der Eine das, antwortet der Andere jenes. Anführungsstriche oben, Anführungsstriche unten.

An Gesprächsthemen scheint es der Familie Bloch nicht zu mangeln. Mal geht es um einen Seitensprung per SMS oder einen Zettel mit unflätigen Begriffen, dann wieder um Haarausfall und Erektionsstörungen, um den ins Wohnzimmer kackenden Hund und den Urgroßvater, der nicht ins Altenheim will. Der ganz normale Alltagswahnsinn also. Und wir als Leser sitzen immer in der ersten Reihe, bekommen alles mit, jeden Gedankenfetzen, jeden Einwand, jeden gottverdammten Satz, der in dieser Familie gesprochen wird.

Ich bin weder ein Freund religiöser Themen, noch langer Dialoge. Trotzdem habe ich dieses Buch nicht wie Froers Debütroman „Alles ist erleuchtet“ mittendrin entnervt beiseite gelegt, sondern bin bis zum Schluss drangeblieben. Auch wenn mir immer wieder für ein paar Minuten die Augen zugefallen sind – nach dem Aufwachen habe ich sofort weitergelesen. So brauchte ich nicht viel mehr als zwei Wochen für die Lektüre der 680 Seiten, denn es liest sich insgesamt ganz locker und leicht.

Am Ende muss ich aber sagen: Der Aufwand hat sich nicht gelohnt. Weder inhaltlich noch sprachlich ist dieser Roman besonders bemerkenswert. Auch die handelnden Figuren sind nicht immer glaubwürdig. So wie die Jungs der Familie Bloch denkt und redet kein Kind in dem Alter. Auch haben sich bei mir, anders als bei anderen bloggenden Lesern, keine großen Gefühle eingestellt. Ich musste weder weinen, noch konnte ich schmunzeln. Hin und wieder bin ich auf ein paar gute Passagen gestoßen, aber alles in allem habe ich mich durchgequält und keine richtige Freude an dem Buch gehabt.

Und da mir das bei diesem Autor jetzt schon zum zweiten Mal passiert ist, verstehe ich echt nicht, warum Foer eigentlich so hoch gelobt wird. Aber vielleicht ja gerade deshalb. Denn Autoren, die ihren Lesern Freude bereiten, werden ja selten hoch gelobt.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
688 Seiten, 26,00 €
Aus dem amerikanischen Englisch
übersetzt von Henning Ahrens.