Vea Kaiser – Rückwärtswalzer

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Man tut diese Gattung allzu schnell als konventionell und rein unterhaltend ab, aber eigentlich ist das die Königsdisziplin der Literatur: der Familienroman. Wer als Schriftsteller oder Schriftstellerin unsterblich werden will, sollte in seiner Laufbahn wenigstens ein großes Familienepos geschrieben haben. Dann, ja nur dann besteht die Chance, einmal mit Fontane, Mann oder Fallada, Bronté oder Austen, Tolstoi oder Dostojewski in einem Atemzug genannt zu werden. Angesichts des schleichenden Bedeutungsverlusts der Literatur ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemals noch ein zeitgenössischer Autor in die Hall of Fame der großen Romanciers einziehen wird, aber trotzdem: der Familienroman ist und bleibt die Messlatte.

Die Familie als Ursprung allen Seins – als Heimat, Kraftquelle, Sehnsuchtsort oder aber Trauma und Last – das war immer schon ein zentrales Thema in der Literatur. Selbst Homer erzählt in seiner Odyssee nichts anderes als eine Familiengeschichte. Aber im Moment trendet das Thema wieder ganz besonders. Wohin man auch schaut, alles dreht sich momentan um Blutsbande, das Vater-Mutter-Kind-Ding in unendlichen Variationen. Vielleicht ist dies der zunehmenden Alltagskomplexität geschuldet, der Auflösung vertrauter Konventionen und Rollenbilder. Vielleicht sind wir alle schlichtweg überfordert mit den gesellschaftlichen Veränderungen und schauen deswegen mit sehnsüchtigem Blick so gerne auf vermeintlich einfache Zeiten zurück.

Gerade hat Vea Kaiser ihren dritten großen Familienroman in Folge vorgelegt und wenn man sich vergegenwärtigt, dass die österreichische Autorin gerade mal 30 Jahre alt ist, ist das eine wahrhaft beeindruckende Leistung. Wenn man dann noch bedenkt, dass beide Vorgängerromane, sowohl Blasmusikpop als auch Makarionissi, internationale Top-Bestseller waren, die sich nicht nur exzellent verkauften, sondern auch von der Literaturkritik sehr wohlwollend aufgenommen wurden, wird man vielleicht erahnen können, unter welchem Erwartungsdruck die Autorin mit ihrem dritten Roman steht. Sie hat sich vier Jahre Zeit gelassen, nebenher noch ihr Alt-Griechisch-Studium abgeschlossen, den Mann fürs Leben gefunden und geheiratet, und jetzt betritt sie mit „Rückwärtswalzer“ wieder die große Bühne. Und wer sie einmal live erlebt hat, weiß, dass sie genau dahin gehört. Vea Kaiser ist eine literarische Rampensau, die übersprudelnd und mit weit ausholenden Gesten ihre Zuhörer in den Bann zieht. Eine ihrer Lesungen sollte man sich daher nicht entgehen lassen.

Doch kommen wir zu Rückwärtswalzer. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie hat wieder abgeliefert. Großes Vea Kaiser-Familienepos Nr. 3 – und mit Sicherheit ein Bestseller in spe. Handwerklich gekonnt, emotional bewegend, pageturnend. Tolle, liebevoll skizzierte Charaktere, die wir Leser von der Wiege bis zur Bahre begleiten dürfen; von Montenegro nach Österreich und wieder zurück, vom Bauernhof in die Stadt, in Beziehungen hinein und wieder hinaus. Über Jahrzehnte beschreibt sie die Geschicke der Familie Prischinger. Fünf Geschwister, die in den vierziger und fünfziger Jahren auf einem Landgasthof aufgewachsen sind. Einer stirbt, die anderen wachsen heran, ziehen aus, machen alle auf ihre Art mehr oder weniger ihr Glück, verlieren sich aber nie aus den Augen und zumindest die drei Schwestern Mirl, Hedi und Wetti kommen in der Mitte ihres Lebens wieder zusammen. Ab da hängen sie tagein und tagaus bei Kaffee und Kuchen, panierten Schnitzeln, Tafelspitz, Grießnockerlsuppe und Kaiserschmarrn in Mirls oder Hedis Küche zusammen – streitend, lamentierend, aber wenn es drauf ankommt, stehen sie zusammen. Und dann is da noch ihr Neffe Lorenz Prischinger, semi-erfolgreicher Schauspieler in einer Schaffenskrise und dadurch in akuter Finanznot. Er zieht vorübergehend bei seinen Tanten ein, und gemeinsam erfüllen sie dem plötzlich verstorbenen Onkel einen letzten Wunsch, indem sie seinen Leichnam in seinen Geburtsort nach Montenegro transportieren. Und wer Ende der Achtziger die US-Kömödie „Immer Ärger mit Bernie“ gesehen hat, wird jetzt vielleicht erahnen, wie sie das gemacht haben.

Und obwohl ich erst dachte, jetzt bricht es, jetzt driftet die Geschichte ins slapstickhafte ab, fängt die Autorin das erzählerisch gekonnt auf und lässt es nicht ins allzu Humoreske entgleiten. Ok, am Ende wird es dann noch ein wenig kitschig, aber nur ein ganz kleines Bisschen. Das Happy End ist für meinen Geschmack ein wenig zu sehr Hollywood, aber auch das verzeiht man der Autorin nach über 400 Seiten hochmeisterlich erzählter Prosa allzu gerne. Ich glaube, Vea Kaisers Stärke ist, dass sie zu hundert Prozent in ihrer Geschichte ist, nicht irgend etwas fabuliert, antizipiert und sich auch nicht einfach nur in ihre Figuren hineinversetzt. Nein, im Moment des Erzählens ist sie tatsächlich jede einzelne Person ihres Romans – der Willi, der Lorenz, die Mirl und natürlich die Hedi. Und daher freue ich mich schon sehr, sie in Leipzig beim Lesen aus ihrem neuen Roman zu erleben, mit diesem typischen Wiener Timbre, übersprudelnd und mit weit ausholenden Gesten.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten, 22,00 Euro

Michael Kumpfmüller – Tage mit Ora

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Ich kann mir schon vorstellen, was einige meiner jüngeren Bloggerkollegen zu Michael Kumpfmüllers neuem Werk sagen würden, wenn sie es denn jemals lesen sollten. Sowas ähnliches wie: alter weißer Mann schreibt ein Buch über einen alten weißen Mann, der mit einer deutlich jüngeren Frau auf Reisen geht, seinen zweiten Frühling erlebt und gedanklich sein Leben noch mal Revue passieren lässt. Solche Geschichten, höre ich sie sagen, kennen wir von anderen alten weißen Männern wie Bodo Kirchhoff oder noch älter: Martin Walser. Das ist so gewöhnlich, so ausgelutscht, so wenig zeitgemäß. Kein debattentaugliches Thema, kein politisches Statement, kein LGBTQ, ja noch nicht mal irgendwas mit Georgien. Wer soll sowas lesen? Wo ist die Botschaft? Wem kann man heutzutage noch so ein langweiliges Buch verkaufen?

Mir zum Beispiel. Mittelalten Männern, die vorzugsweise unaufgeregte, leise Geschichten präferieren. Mit Protagonisten, die einem ähneln, die weniger Leben vor als hinter sich haben, die zwar enttäuscht und frustriert sind, aber ihren Lebensmut trotzdem nicht verloren haben. Oldschool-Typen, die Frauen noch als entzückende Wesen bezeichnen, sich Hotelzimmer für 200 Dollar mieten und junge Musik hören, um nur so alt zu erscheinen, wie sie sich fühlen. Solch gesettelten Kunden kann man auch ein Buch mit weniger als 180 großzügig formatierten Seiten für stolze 19 Euro verkaufen. Menschen, für die das Lesen von Büchern eine Art Trost ist; Ablenkung von, und ein Sich-Arrangieren mit Dingen, die nun mal so passiert sind.

Auch wenn die Twentysomething-Generation das in ihrer juvenilen Hybris nicht glauben mag, die meisten von uns mittelalten Knackern sind ganz zufrieden mit sich, wollen gar nicht mehr jung sein, sondern denken vielmehr mit Schrecken an die Irrungen und Wirrungen ihrer jungen Jahre zurück; all die verpassten Chancen, unausgegorenen Ansichten und Peinlichkeiten. Kein verkrampftes „ich will, ich muss, ich brauche unbedingt“ mehr, stattdessen lieber: „ich weiß, hab ich schon gehabt und schaun mer mal, was noch kommt“.

Genauso unaufgeregt und entspannt, wenn auch mit Unterstützung entsprechender Psychopharmaka, kommt der mittelalte Protagonist dieses kleinen sympathischen Romans daher. Mitten in einer Lebenskrise lernt der namenlose Erzähler die zehn Jahre jüngere Ora kennen. Und anstatt in seinem Lebensüberdruss vom Balkon zu springen, stürzt sich der über 50-jährige in eine Beziehung mit der für ihn so entzückenden Person. Auch Ora hat bereits ein vielfältiges Beziehungsleben hinter sich, hat ihre Blessuren davongetragen und ebenfalls Trost in kleinen bunten Pillen gefunden. Sie nähern sich zaghaft an und beschließen irgendwann, zu verreisen. Denn – so beider gemeinsame Lebenserfahrung – bei keiner Gelegenheit lernt man sein Gegenüber besser kennen,als beim gemeinsamen Reisen. Und so geht es noch vor dem ersten Sex auf einen Roadtrip durch die USA, den Spuren eines Songs der Band Bright Eyes folgend. Auf dieser Reise kann der erzählende Protagonist dann seinen größten Trumpf ausspielen: absolute Entspanntheit, sich selbst zurücknehmen, alles mitmachen und immer gute Laune haben. Eigenschaften, die auf Reisen mehr zählen als jede Bikini-Figur, die man aber erst im Alter richtig zu schätzen weiß.

Es war mir eine wahre Freude, diese beiden turtelnden BestAger auf ihrem Urlaubstrip zu begleiten, die zaghafte Annäherung und das respektvolle, wertschätzende Miteinander zu verfolgen, bei der die sexuelle Komponente zwar nicht ausgeschlossen ist, aber nicht im Vordergrund steht. Denn beide haben diesbezüglich schon genug erlebt, es an den ungewöhnlichsten Orten getrieben, alles ausprobiert – im Auto, im Wald und im Maisfeld – und letztlich festgestellt, dass es in einem bequemen Bett und mit einem liebevollen Menschen immer noch am schönsten ist.

Und das ist es auch schon, was als Erkenntnis nach dem Lesen dieses mit außerordentlicher Leichtigkeit geschriebenen Buches übrig bleibt. Dass man sich im Leben zwar viel vornehmen und erreichen kann, es aber alles nur halb so viel wert ist, wenn man es nicht teilen kann. Entweder auf Facebook oder Instagram oder eben auf althergebrachte Art: mit dem richtigen Partner an seiner Seite.

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Foto: Gabriele Luger

 

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
179 Seiten, 19,00 Euro

 

Eva Menasse – Tiere für Fortgeschrittene

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Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die besten deutschsprachigen Autoren Österreicher sind. Ein Thomas Glavinic, eine Ruth Cerha, Valerie Fritsch, ein Clemens Setz, Daniel Kehlmann oder eine Eva Menasse – die sind einfach eine Klasse für sich. Die können schreiben, was sie wollen – es ist immer irgendwie gut. Ich meine, man muss einem Österreicher ja nur mal zuhören: dieser Singsang, das melodische Artikulieren, die alpenländischen Sprachschnitzer und Verniedlichungen. Das Spielen mit der Sprache ist dort unten Kulturgut, wird jedem Bub und Mädel praktisch direkt in die Wiege gelegt.

Kein Wunder also, dass die österreichische Autorin Eva Menasse mit ihrem aktuellen Kurzgeschichtenband vor allem sprachlich begeistert. Jede Geschichte in „Tiere für Fortgeschrittene“ ist ein kleines Juwel, fein geschliffen und funkelnd. Wer sie sich laut vorliest, hört die Melodie, spürt den Rhythmus der Komposition. Noch dazu beherrscht Menasse, was beim Schreiben von Kurzgeschichten besonders wichtig ist: das Weglassen, Abwerfen von Ballast und auf den Punkt kommen. Denn der Raum ist begrenzt. Dreißig, vierzig Seiten für eine ganze Welt – für den Einstieg, die Hinführung und das Finale. Für die komplette Katharsis, das Kennenlernen der Protagonisten, für Identifikation oder Abgrenzung. Da ist kein Platz für Überflüssiges, da verliest sich nichts. Da muss alles passen und sitzen.

Das können nicht viele. Die meisten Kurzgeschichten-Autoren überfrachten, verquatschen oder verzetteln sich. Gerne wird auch bedeutungsschwanger abgebrochen und eine halbgare Geschichte der Phantasie des Lesers überlassen. Das alles passiert hier nicht. Tiere für Fortgeschrittene bietet Kurzgeschichten wie sie sein sollen. Zwei bis maximal vier handelnde Personen, ein überschaubares Setting und ein konsequent verfolgter Handlungsstrang. Eva Menasse ist ein Vollprofi, verliert nie die Kontrolle über den Plot und hat ihre Leser vom ersten bis zu letzten Satz am Haken.

Jede der acht Geschichten beginnt mit einer Tiergeschichte, kurze Zeitungsmeldungen, ‚Wussten-Sie-schon‘- Randnotizen über Haie, Igel, Raupen, Schafe, Schlangen und Enten. Das ist der rote Faden dieses Buches. Die Geschichten sind alle von diesen Tiergeschichten inspiriert, mal mehr, mal weniger. Da taucht der Igel, dessen Kopf in einem Eisbecher von McDonalds feststeckt, plötzlich direkt in der Geschichte auf. Dann wieder steht die Schlange, die sich einen Baum hochschlängelt, symbolisch für den Alltag einer Kleinfamilie in der multikulturellen Großstadt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen roten Faden überhaupt bräuchte. Ohne das wären die Geschichten nicht einen Deut schlechter. Aber es würde dann auch etwas fehlen.

Eigentlich ist jede der acht Erzählungen ein kleines Meisterwerk. Aber zwei haben mich ganz besonders bewegt. In „Raupen“ wird die Geschichte eines älteren Ehepaars erzählt. Sie dement und pflegebedürftig, er desillusioniert und gezwungen, sich zu kümmern. Die Kinder mit Ihren Sorgen und Ansprüchen, der Enkel mit seiner Unbedarftheit, die ganzen Rückblenden, Erinnerungsschnipsel, der Abgleich zwischen damals und jetzt. Schließlich das ernüchternde Fazit – Leben ist nichts anderes als der Anfang vom Sterben. Wie die Tabakschwärmer-Raupen, die sich beim Fressen ihr eigenes Grab schaufeln.

Ein anderes Geschichten-Highlight beschäftigt sich mit einem Typ Frau, dem man besonders im Kulturbetrieb häufig begegnet. Micol, „ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als zu einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht“. In wenigen Sätzen skizziert Menasse diesen Typ Frau. Ich kann Micol regelrecht greifen, höre das Geplapper, sehe ihre Mimik, die ausdrucksstarken Gesten, den kecken Augenaufschlag.

Natürlich braucht jede Geschichte ihre Entsprechung beim Leser. Wenn ich nicht schon so alt wäre und das alles nicht irgendwie kennen würde – entweder selbst erlebt, schon mal gedacht oder erträumt hätte – dann würde ich trotz aller sprachlichen Brillanz vielleicht anders urteilen. Ob Menasses Kurzgeschichten auch eine jüngere Zielgruppe begeistern können? So wie Karen Köhler oder die damals noch junge Judith Hermann? Aber das muss auch nicht. Wie der Titel schon sagt, geht es hier schließlich um „Tiere für Fortgeschrittene“.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 20,00 €

 

Michael Kumpfmüller – Die Herrlichkeit des Lebens 

3

Normalerweise weiß ich ja, was ich da gerade für ein Buch lese. Ich informiere mich im Vorfeld, habe Empfehlungen bekommen oder zumindest den Klappentext gelesen. Alles dringend notwendige Maßnahmen zur Erhaltung der Lesefreude angesichts all des Schrotts, der einem im Buchmarkt so angeboten wird. Selten also, dass ich einen Roman lese, von dem ich so gar nichts weiß. Doch bei diesem hier habe ich es gemacht.

Komplett gar nicht stimmt eigentlich auch wieder nicht. Ich kannte zumindest den Autor, Michael Kumpfmüller. Im letzten Jahr stand sein Roman „Die Erziehung des Mannes“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Der hat mir so gut gefallen, dass ich mir bei Medimops ein paar weitere, gut erhaltene Backlist-Titel von ihm besorgt habe. Unter anderem auch „Die Herrlichkeit des Lebens“. Erstausgabe, gebunden, aber ohne Schutzumschlag und damit auch ohne weitere Angaben zum Inhalt. Ich hätte mich natürlich im Netz informieren können, habe ich aber nicht gemacht.

Wenn man so im Blindflug in ein Buch einsteigt, braucht man gut und gerne 50 Seiten, um sich halbwegs zu orientieren. Der letzte Roman von Kumpfmüller war zeitgenössisch, dieser hier ist es nicht. Erst als über die Auswirkungen der Inflation in Deutschland gesprochen wurde, wusste ich, dass die Handlung in den zwanziger Jahren spielen musste. Ein kränklicher Schriftsteller trifft im Ostseebad Gral Müritz eine junge Frau. Sie verlieben sich, doch es ist alles nicht so einfach: der Altersunterschied, diverse Vorbehalte, seine Krankheit, fehlendes Geld, die dominanten Eltern. Sie schreiben sich wochenlang Briefe, und nach ein wenig Hin und Her kommen Franz und Dora schließlich zusammen und erleben ein paar Monate bescheidenen Glücks, bevor es ihm gesundheitlich immer schlechter geht und er schließlich in ihren Armen stirbt.

Soweit eine durchschnittlich tragische Geschichte. Doch als ich zwischendurch irgendwann mal zum Ende blätterte und die Danksagung las, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Das ist nicht irgendein Schriftsteller, den Kumpfmüller da auf seinen letzten Tagen begleitet. Das ist Franz Kafka! Einer meiner Lieblingsschriftsteller aus alten Zeiten. Und ich Idiot hab das nicht mitbekommen. Gott sei Dank habe ich die Danksagung noch früh genug entdeckt und nicht erst am Ende des Romans. So konnte ich die Geschichte seiner letzten Liebe zu der polnischen Jüdin Dora auf einmal mit ganz anderen Augen lesen. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern einer der größten der deutschen Literatur. Das steigert die Aufmerksamkeit, das macht die Geschichte für mich noch einmal ganz besonders.

Ich liebe es ja, wenn ein Roman zugleich auch ein Sachbuch ist. Wenn man eine tragisch-schöne Liebesgeschichte liest und dabei noch etwas Nützliches erfährt. Ich wusste nämlich gar nicht, dass Kafka so früh, und zwar 1923, an den Folgen einer langjährigen Tuberkuloseerkrankung gestorben ist. Ich habe tatsächlich gedacht, er wäre wie seine Schwestern von den Nazis im KZ umgebracht worden. Weiß der Geier wie ich darauf kam. Und so habe ich parallel zur Lektüre im Internet recherchiert, habe mir Bilder von Dora Diamant angesehen und mein Kafka-Wissen aufgefrischt. So wusste ich zum Beispiel auch nicht, dass Kafka Teilhaber einer Asbestzementfabrik und eigentlich, wie ich, PR-Texter war. Ich weiß jetzt, dass man ihn den ewigen Junggesellen der deutschen Literatur nannte, dass er glaubte, eine glückliche Beziehung zu einer Frau wäre kontraproduktiv für das Schreiben. Ja, das scheint wirklich so eine Grundfrage schreibender Menschen zu sein. Entweder ist man ein glücklicher Mensch oder ein guter Schriftsteller. Beides zusammen scheint schwer kombinierbar zu sein.

Aber jetzt mal zum Leseeindruck. Trotz der geschilderten Tragik macht es Spaß, ‚Die Herrlichkeit des Lebens‘ zu lesen. Das Buch hat einen ganz eigenen Sound und ist überhaupt nicht vergleichbar mit Kumpfmüllers letztem Roman. Ein ganz anderer Stil, eine andere Sprache, ich würde sagen: zeitgemäß veraltet, aber trotzdem dynamisch und kraftvoll. Die Weimarer Zeit, das Berlin der Zwanziger Jahre entsteht durch den Erzählstil vor dem geistigen Auge. Wie macht Kumpfmüller das? Ist es meine Einbildung oder schriftstellerisches Können? Ich finde es schwer, das an bestimmten Elementen konkret festzumachen. Vielleicht ist es das Präsens. Der ganze Roman ist im Präsens geschrieben. Dann der Wechsel zwischen kurzen, einfachen Aussagen — Subjekt, Prädikat, Objekt — und langen verschachtelten Aufzählungen. Jeder Absatz beginnt mit einer kurzen Feststellung und einer darauffolgenden, längeren Ausschmückung. Oder ist es die Erzählperspektive, die einerseits neutrale aber sich trotzdem einfühlende Chronistenstimme, die der Geschichte diese historische Patina gibt?

Wie auch immer. Kumpfmüller überrascht, Kumpfmüller lässt einen nicht kalt, von Kumpfmüller werde ich definitiv auch die anderen Backlist-Titel lesen.
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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Seiten: 235

Literarische Helden (7) – Heinrich Böll

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Nein, dieser Autor ist eigentlich keiner meiner Helden, obwohl er immer schon da war. Seit ich denken kann, gehört er dazu. Jedes Mal wenn ich in den Siebzigern oder Achtzigern vor einem Bücherregal stand, war immer auch ein Buch von ihm mit dabei. Neben Gwen Bristow und Ephraim Kishon, Siegfried Lenz und Walter Kempowski. All diese Autoren und ein Böll durften in keiner Sammlung fehlen. Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Ansichten eines Clowns und das Gruppenbild mit Dame. Die Titel kannte jeder, zumindest als Film. Letzteres sogar mit Romy Schneider verfilmt. Und dazu der Literatur-Nobelpreis. Was war das für ein Hype, damals im Olympia-Jahr 1972. Heide Rosendahl, Mark Spitz und Heinrich Böll. Die Menschen des Jahres als ich sieben war.

Natürlich hat es mich nie gereizt, ein Buch von ihm zu lesen. Dafür war er mir zu alt, zu allgegenwärtig, zu etabliert, zu uncool. Damals waren Schriftsteller ja immer auch politisch, fungierten, wie heutzutage nur noch Juli Zeh, als Quasi-Gewissen der Nation. Ob Nato-Doppelbeschluss oder KSZE-Konferenz – zu allem gaben sie ihren Zigarettenrauch-geschwängerten Senf dazu. Allen voran Heinrich Böll. Seine Meinung war gefragt, in der Tagesschau, der Drehscheibe, bei Monitor und Aspekte. Als er dann Mitte der Achtziger starb, übernahm Günter Grass seine Rolle, inklusive Gesinnung, Baskenmütze und Nobelpreis. Von Böll sprach irgendwie keiner mehr. Und auch seine Bücher liefen einem nur noch selten über den Weg.

Als ich dann vor einem Jahr damit anfing, mir ein Zimmer im Mid-Century-Stil einzurichten, mit Nierentisch, Tütenlampe und Retro-Bücherregal, durften natürlich auch ein paar Bücher aus der Zeit nicht fehlen. Im Möbelladen der Caritas stieß ich auf eine alte Ausgabe vom Gruppenbild mit Dame – KiWi-Original aus dem Jahr 1973 – für einen Euro. Hier und da habe ich dann noch weitere alte Böll-Romane und Erzählungen geschossen, bis ich eine schöne kleine Sammlung zusammen hatte. Und irgendwann – ich weiß auch nicht mehr, was mich dazu bewogen hat – habe ich doch tatsächlich mal in eines der Bücher reingelesen. Eine Erzählung aus einem Sammelband, nicht sehr lang, aber sehr gut. Kein langes Intro, eine Person, ein Schicksal, ein paar Seiten dicht erzählt. Und dann die nächste Geschichte: genauso gut. Wow, der alte Böll! Derart inspiriert und angeregt habe ich mir dann seinen bedeutendsten Roman gegriffen, für den er schließlich den Nobelpreis bekommen hat, das Gruppenbild mit Dame in der Caritas-Edition.

Ich tat mich zunächst ein wenig schwer, was nicht am Text, sondern an der Aufmachung des Buches lag. Der Roman hat knapp 400 Seiten, ist allerdings in einer 9er-Schrifttype gedruckt, was für meine nicht mehr ganz so taufrischen Augen eine echte Herausforderung darstellt. Aber als ich mich erstmal daran gewöhnt hatte, begann das Lesevergnügen. Böll erzählt die Geschichte von Leni, einer Frau in seinem Alter, zwischen den beiden Weltkriegen geboren, aus halbwegs guten Verhältnissen, bildhübsch, aber von schlichtem Gemüt. Berichtet wird aus der Sicht eines Verfassers, der mit unzähligen Zeitzeugen spricht, Erinnerungen zusammenträgt und alle Puzzleteile zu einem komplexen Gruppenbild mit Leni als der besagten Dame zusammenträgt. Einer Dame, die sich im Krieg mit einem Russen eingelassen hat und danach noch mal mit einem Türken. Zwei sogenannte Verfehlungen, die in damaliger Zeit nicht ohne Konsequenzen blieben. Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt, das wäre heutzutage nicht mehr so. Aber mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher.

Die 9er-Schrifttype strengt mich an, aber das Lesen des Gruppenbildes macht trotzdem Spaß. Der Böll-Klassiker steckt voller detaillierter Beobachtungen, Charakter- und Milieustudien und ist sprachlich von einer eigentümlichen Schönheit. Einerseits lebendig und auf den Punkt erzählt, andererseits auf eine angenehme Art antiquiert und verstaubt. So wie mein Zimmer mit der Tütenlampe und dem Nierentisch. So wie ich, wenn ich mich unter all die jungen Blogger mische. So wie alles, das in die Jahre gekommen ist, Staub angesetzt hat und darauf wartet, noch einmal in die Hand genommen, abgestaubt, gedreht, gewendet und gewertschätzt zu werden. Um dann mit einem anerkennenden Nicken wieder im Regal zu verschwinden, für Jahre, Jahrzehnte, für immer.

Tijan Sila – Tierchen unlimited

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Was war das denn? Ich bin bass erstaunt und kann es gar nicht glauben, dass so ein dünnes Geschichtchen bei einem namhaften Verlag wie KiWi eine Chance bekommen hat. Auf dem ansprechend gestalteten Hardcover ohne Schutzumschlag wird der Titel per Aufkleber als ‚Unser Debüt in der deutschsprachigen Literatur‘ angepriesen. Und auf den ersten Blick klingt es auch gar nicht uninteressant. Eine Kindheit in Bosnien während des Jugoslawien-Kriegs, dann die Flucht nach Deutschland und das Erwachsenwerden in der rheinland-pfälzischen Provinz. Dort hat der Ich-Erzähler neben den Flüchtlings-Integrationsproblemen vor allem mit seiner Pubertät, dem Statusverlust seiner Familie und zu allem Überfluss auch noch mit Neonazis zu kämpfen.

Mit diesem Problemgemengelage werden wir als Leser gleich zu Beginn des Romans konfrontiert. In der ersten Szene fährt der Erzähler blutend, schwer verletzt und halbnackt auf einem Rennrad durch die Nacht. Er flieht vor einem jungen Rechtsradikalen, der ihn nackt aus dem Bett seiner Schwester gezogen und verprügelt hat. Es folgt eine peinliche Szene im Krankenhaus, bei der es nach der Erstversorgung der Wunden darum geht, seine Nacktheit vor den Blicken der Krankenhausbesucher zu verbergen. Solche Szenen kennt man aus einschlägigen Til Schweiger- Filmen oder alten Sketchen von Didi Hallervorden. An dieser Stelle, so auf Seite 15, hätte ich eigentlich schon aussteigen können, denn in dem locker flockigen Stil geht es munter weiter.

Generell scheint der Autor sich vorgenommen zu haben, den Themen Krieg, Flucht, Integration und Rechtsradikalität ihre Schwere zu nehmen und sie in lustig-leichten und unterhaltsamen Häppchen abzuhandeln. Da kann Sarajewo unter schwerem Granatwerfer-Beschuss liegen oder die Bevölkerung extrem unter Hunger und Kälte leiden – der Erzähler hat ganz andere Sorgen. Er muss Videospiele tauschen oder im Fluss baden gehen. Natürlich – Kinder arrangieren sich schnell mit schwierigen Verhältnissen. Da ist unter Umständen auch eine vom Krieg zerstörte Stadt nichts anderes als ein riesengroßer Spielplatz. Ich persönlich fand den locker flockigen Erzählstil eher unangemessen und die häufig wechselnden Rückblenden in Kindheit, Jugend und Erwachsensein unmotiviert und planlos.

Ich habe mich gefragt, was das Ganze soll. Was will der Autor mir erzählen? Wie es ist, wenn eine Akademiker-Familie nach der Flucht ihre Privilegien verliert und ihr Kind in Deutschland nur auf der Hauptschule landet? Dass Rechtsradikalität in den besten Familien vorkommen kann und die Flucht vor dem Krieg nicht unbedingt immer die beste Wahl ist? Das sind alles Themen, die in „Tierchen Unlimited“ vorkommen und durchaus interessant und erzählenswert sind. Doch sie werden nur gestreift und kollidieren mit dem augenscheinlichen Anspruch des Autors, daraus ein cooles Stück Popliteratur zu schaffen.

Mich hat der Roman deshalb nicht überzeugt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Fans von Tschick und Auerhaus daran Gefallen finden. Auch bei diesen beiden Coming-of-Age Romanen habe ich nie verstanden, wie man sich so dafür begeistern kann. Vielleicht passe ich auch einfach nicht zur Zielgruppe und bin mittlerweile zu alt für jede Art von Popliteratur. Vielleicht aber auch nicht, und „Tierchen Unlimited“ ist einfach nichts weiter als ein belangloses Geschichtchen.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
224 Seiten, 18,00 €

Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

12

 

Ist es die jahrhundertealte Geschichte von Repression, Hass und Vertreibung oder ist der jüdische Glaube so stark, so sinnstiftend, so prägend, dass sich ihre Angehörigen davon nicht frei machen können? Dass sie immer zuerst Jude und dann erst alles andere sind?

Ein nichtjüdischer Autor schreibt, wenn er einen Familienroman plant, einfach einen Familienroman. Ich habe das Gefühl, viele jüdische Autoren versuchen in erster Linie, einen jüdischen Familienroman zu schreiben. Einen, der sich im besten Fall dadurch auszeichnet, dass er entweder das Jüdisch-Sein an sich oder die jahrhundertealte Geschichte von Hass, Repression und Vertreibung thematisiert. Jede jüdische Familie hat da was zu erzählen. Es zieht, es erhöht, es spannt einen weiten Bogen. Und obendrein ist da ein riesiger Markt. Millionen Juden in den USA, Israel und der Diaspora warten gespannt auf das nächste große Familienepos eines jüdischen Romanciers, auf einen neuen Philipp Roth, Saul Bellow oder Isaac Bashevis Singer.

„Hier bin ich“ ruft Jonathan Safran Foer und legt mit seinem neuen Roman genau so ein Werk vor. Einen großen jüdischen Familienroman, der alles ist und alles sein kann, nur eins nicht: nicht jüdisch. Obwohl die Protagonisten-Familie Bloch nicht ausgesprochen religiös ist, nur ein zweimal im Jahr in die Synagoge geht, ist der Glaube in dieser US-amerikanischen Durchschnittsfamilie allgegenwärtig. Nicht zuletzt, weil die Bar Mizwa des ältesten Sohnes kurz bevor steht, der Cousin aus Israel zu Besuch kommt, der Urgroßvater beerdigt werden muss und der Staat Israel im Verlauf des Romans erst durch zwei Erdbeben und dann durch die Kriegserklärungen und Angriffe sämtlicher arabischer Staaten nahezu zerstört wird. Das Jüdische zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman, ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern wirklich prägend. Wer also ein Problem mit religiösen Inhalten hat, sollte von diesem Roman schon mal die Finger lassen.

Nicht empfehlen kann ich diesen Roman auch allen Lesern, die endlose, oftmals ins Nichts führende Dialoge langweilig finden. Von den knapp 700 Romanseiten bestehen mindestens zwei Drittel aus Gesprächen. Mal spricht der Familienvater Jakob Bloch mit seinem ältesten Sohn, mal mit dem jüngsten und natürlich immer wieder mit seiner Frau Julia. Zwischen den beiden gibt es viel zu besprechen, denn ihre Ehe ist in einer Sackgasse und droht zu zerbrechen. Julia Bloch spricht mit einem Freund der Familie, ihren Söhnen und immer wieder auch mit sich selbst. Auch die anderen Familienmitglieder, wie der Großvater Irv und der Cousin aus Israel sind nicht auf den Mund gefallen und quasseln eifrig mit. Seite um Seite geht es wie beim Tischtennis immer hin und her. Sagt der Eine das, antwortet der Andere jenes. Anführungsstriche oben, Anführungsstriche unten.

An Gesprächsthemen scheint es der Familie Bloch nicht zu mangeln. Mal geht es um einen Seitensprung per SMS oder einen Zettel mit unflätigen Begriffen, dann wieder um Haarausfall und Erektionsstörungen, um den ins Wohnzimmer kackenden Hund und den Urgroßvater, der nicht ins Altenheim will. Der ganz normale Alltagswahnsinn also. Und wir als Leser sitzen immer in der ersten Reihe, bekommen alles mit, jeden Gedankenfetzen, jeden Einwand, jeden gottverdammten Satz, der in dieser Familie gesprochen wird.

Ich bin weder ein Freund religiöser Themen, noch langer Dialoge. Trotzdem habe ich dieses Buch nicht wie Froers Debütroman „Alles ist erleuchtet“ mittendrin entnervt beiseite gelegt, sondern bin bis zum Schluss drangeblieben. Auch wenn mir immer wieder für ein paar Minuten die Augen zugefallen sind – nach dem Aufwachen habe ich sofort weitergelesen. So brauchte ich nicht viel mehr als zwei Wochen für die Lektüre der 680 Seiten, denn es liest sich insgesamt ganz locker und leicht.

Am Ende muss ich aber sagen: Der Aufwand hat sich nicht gelohnt. Weder inhaltlich noch sprachlich ist dieser Roman besonders bemerkenswert. Auch die handelnden Figuren sind nicht immer glaubwürdig. So wie die Jungs der Familie Bloch denkt und redet kein Kind in dem Alter. Auch haben sich bei mir, anders als bei anderen bloggenden Lesern, keine großen Gefühle eingestellt. Ich musste weder weinen, noch konnte ich schmunzeln. Hin und wieder bin ich auf ein paar gute Passagen gestoßen, aber alles in allem habe ich mich durchgequält und keine richtige Freude an dem Buch gehabt.

Und da mir das bei diesem Autor jetzt schon zum zweiten Mal passiert ist, verstehe ich echt nicht, warum Foer eigentlich so hoch gelobt wird. Aber vielleicht ja gerade deshalb. Denn Autoren, die ihren Lesern Freude bereiten, werden ja selten hoch gelobt.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
688 Seiten, 26,00 €
Aus dem amerikanischen Englisch
übersetzt von Henning Ahrens.

Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes

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Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
320 Seiten, 19,99 €

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

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Kheyli mamnun“ ist persisch und heißt: Vielen Dank. Wer diese zwei Wörter beherrscht, kommt im Iran schon ziemlich weit. Denn der Iraner an sich ist ein freundlicher Mensch. Jeder, der mal in den Genuss persischer Gastfreundschaft gekommen ist, wird dies bestätigen können. Man lächelt, ist höflich, zuvorkommend und bedankt sich unglaublich viel. Und da auch in mir zur Hälfte persisches Blut fließt, habe ich nach der Lektüre dieses Romans auch ganz spontan das Bedürfnis, mich zu bedanken.

Kheyli mamnun, liebe Shida Bazyar, für diesen Roman. Vielen Dank für ein Buch, das noch vor einem Jahr sicherlich nur wenige interessiert hätte. Denn das, worüber die deutsch-iranische Autorin schreibt, ist lange her. 1979 – der Schah geht, Khomeini kommt, und eine Familie muss ihr Heimatland verlassen. An diese Zeit kann sich kaum einer mehr erinnern. Das klingt langweilig und verstaubt und hat nichts mit uns zu tun. Aber jetzt – jetzt ist das Thema plötzlich wieder voll en vogue, surft ganz oben mit auf der Flüchtlingswelle. Weil immer mehr ins Land kommen, interessiert sich ganz Deutschland wieder für seine Migranten. Wer ist in den letzten Jahren schon alles gekommen und geblieben? Und wie ist uns die Integration gelungen? Muss man sich Sorgen machen, oder ist alles gut?

Im Fall der aus dem Iran immigrierten Familie Bazyar scheint alles gut verlaufen zu sein. Ihre Tochter Shida ist 1988 in Deutschland geboren, hat bereits mit 16 Jahren ihren ersten Schreibwettbewerb gewonnen und gerade eben ihren ersten Roman bei einem renommierten Großverlag veröffentlicht. Und was soll ich sagen? Wir haben zwar erst Februar, aber für mich ist dieser Roman schon jetzt das Debüt des Jahres. Dieses Buch ist so phänomenal gut, legt die literarische Latte so hoch, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass da im Verlauf des Jahres noch irgendetwas Besseres kommen wird.

Und das liegt nicht am Top-Thema Migration, nicht am Romanplot, nicht an der iranischen Familiengeschichte, die uns vier Jahrzehnte aus Sicht eines jeweils anderen Familienmitglieds schildert. Nein, das ist nicht das Besondere, solche Romanaufbauten gibt es zuhauf, das haben wir alle schon in den verschiedensten Variationen gelesen. Nein, das Besondere an diesem Roman ist die Sprache. Selten, sehr selten habe ich in letzter Zeit ein Buch gelesen, was mich sprachlich so beeindruckt hat. Selbst Valerie Fritschs „Winters Garten,“ ein Roman dessen Sprachgewalt mich letztes Jahr regelrecht umgehauen hat, kann hier nicht mehr mithalten.

Mir selbst fehlt das Sprachvermögen, das angemessen zu beschreiben. Aber ich versuche es mal. Shida Bazyar kann nicht nur wahnsinnig gut schreiben. Nein, das können viele, das trifft es nicht. Sie ist so etwas wie ein literarisches Megatalent. Eine Akrobatin, jemand, der mit Wörtern jongliert, sie ohne große Mühe zu kunstvollen Satzgebirgen aufstapelt, sie wieder einstürzen lässt und im freien Fall neu auf der Seite verteilt. Sie formt Sätze, die geschliffen, präzise und vollkommen sind und an keiner Stelle mehr verbesserbar. Lange Sätze, kurze Sätze, Satzfragmente. Alles ist sehr verschachtelt, es gibt kaum Absätze und keine wörtliche Rede.

Wenn man beiläufig und nichtsahnend in das Buch reinliest, ist man schnell überfordert. Sprachlich ist das alles so verdichtet, dass man bei mangelnder Konzentration schnell den Faden verliert. Aber nicht nur das. Man bringt sich selbst um den literarischen Hochgenuss. Als ich irgendwann auf Seite dreißig oder vierzig merkte, was für ein Kunstwerk ich hier in den Händen hielt, habe ich angefangen, das Buch laut zu lesen. Das mache ich seit meinem Coming Out in Sachen Lyrik sonst nur bei Gedichten. Doch diesen Roman habe ich komplett laut gelesen und dabei jeden Satz doppelt genossen. Einmal beim Lesen und einmal beim Hören. Und plötzlich ist gar nichts mehr fordernd und anstrengend, sondern alles ganz leicht und fließend. Man badet in schöner Sprache und kann sich in die Geschichte fallen lassen.

Und auch hier kann ich aufgrund meines persönlichen Hintergrunds sagen: Ja, genau so war und ist es. Shida Bayzar tischt uns nicht irgendeine Geschichte auf, nur um etwas zu haben, worüber sie schön schreiben kann. Nein, ihr geht es auch um die Sache. Wie sie die persische Mentalität beschreibt, das zu Besuch sein in der Großfamilie, die unzähligen Cousins und Cousinen, die vielen Onkel und Tanten, den Tee, das Obst, die Pistazien, den schweren Reis, die tagelang köchelnden Eintöpfe. Die Frauen, die sich mit zwei dünnen Fäden die Körperhaare epilieren, die Nächte auf dem Dach, die Geräusche der Metropole – das alles habe ich genauso erlebt und empfunden wie in diesem Roman beschrieben. Und auch ich hatte Verwandte, die sich wie Behsad, der Vater der Romanfamilie, nach dem Sturz des Schahs Hoffnung machten, im Iran eine Republik nach sozialistischem Vorbild zu errichten. Und auch in meiner Familie hat man resigniert und ist in den Westen emigriert, ohne aber jemals die Hoffnung zu verlieren, irgendwann in ein von allen Zwängen befreites Land zurückzukehren.

Und obwohl ich persönlich einen großen Groll gegen fundamentalistische Ansichten hege, den Islam in all seinen Ausprägungen mehr als kritisch sehe, habe ich mich beim Lesen dieses Romans auf sehr angenehme Art weder bestätigt noch widerlegt gefühlt. Auch wenn beim Thema „Iran“ immer auch Politik und Religion eine große Rolle spielen, ist dies in erster Linie ein Familienroman. Es geht um Träume, um Zwänge, um Anpassung, um Scheitern, um Neuorientierung, um Hoffnung und um Liebe. Die ganz großen Menschheits-Themen, eindrucksvoll dargestellt in einem ganz großen Romandebüt.

Bitte lesen. Bitte weitersagen. Bitte Danke sagen.

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
275 Seiten, 19,99 €
Hier im lokalen Buchhandel bestellen.

Die Autorin liest zehn Seiten:

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Leserbrief #2

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Lieber Benjamin,

nicht mehr lange, dann erscheint dein neuer Roman. Ist es überhaupt ein Roman? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ist ja auch egal. Ich habe mich auf alle Fälle tierisch gefreut, als ich davon erfahren habe. Panikherz soll er heißen. Richtig gut soll er sein. Wieder an die alten Zeiten anknüpfen. An damals, als du die Lesebühnen gerockt hast und ganz anders warst als die anderen. Mit Diaprojektor und Musik, mit jungen Mädchen, die kreischten, wenn du die Bühne betreten hast.

Ich weiß das noch zu gut, denn ich war dabei, habe dich mal gesehen. Damals in Düsseldorf im Zakk – ist jetzt bestimmt schon fast zwanzig Jahre her. Der Laden war brechend voll, und ich war so voller Missgunst. Ich habe dich bewundert und dich gleichzeitig gehasst. Aber in erster Linie bin ich fast gestorben vor Neid. Du warst Anfang zwanzig und hattest bereits alles erreicht, was ich aus meiner damaligen Sicht als erstrebenswert erachtet habe. Du hattest ein saucooles Buch geschrieben, du wurdest im Fernsehen und im Feuilleton als der deutsche Nick Hornby gefeiert, dir lag die Welt zu Füßen.

Und ich? Ich war zehn Jahre älter als du, hatte mit Müh und Not einen Babysitter für diesen Abend besorgt, bin um halb sechs von der Arbeit nach Hause geeilt, musste mich von Kollegen fragen lassen, ob ich einen halben Tag Urlaub genommen hätte und zu Hause, wo ich denn jetzt erst herkäme. Egal, wir haben es dann irgendwie doch noch pünktlich zu deiner Lesung geschafft. Nur umziehen konnte ich mich nicht mehr. Ich saß da also mit einem 90er-Jahre Anzug mitten im coolsten Szene-Publikum und konnte mir gerade noch die rotgestreifte Krawatte abnehmen. Nur um dann zu sehen, dass auch du mit Anzug und Krawatte auf die Bühne kamst. Aber mein Anzug und dein Anzug – dazwischen lagen in Sachen Coolness Welten – wie zwischen Roberto Blanco und David Bowie. „Guck mal“, sagte meine damalige Frau, „der hat das Gleiche an wie Du“. Und ich fragte mich, will sie mich nur trösten, oder sieht sie den Unterschied tatsächlich nicht?

Egal – diesen Abend habe ich bis heute nicht vergessen. Dich da stehen zu sehen, mit dieser ungeheuren Leichtigkeit, dieser Selbstsicherheit, dieser Eloquenz, dem Erfolg, den kreischenden Groupies und dem nicht zu leugnenden Talent – das hat mich nicht nur tief beeindruckt, das hat etwas in mir zerstört. Auf einmal war alles dahin, alle Hoffnung und Zuversicht, es irgendwann auch mal zu schaffen, mit meinem kleinen Talent, mit meinen bescheidenen, schriftstellerischen Ambitionen. Denn neben Beruf und Familie hatte ich da noch so ein kleines Manuskript, an dem ich nachts akribisch arbeitete. Aber nach diesem Abend war erst mal Schluss damit. Das ist alles Scheiße, das rockt nicht, das ist Roberto Blanco.

Erst Jahre später habe ich daran weitergearbeitet, habe es soweit gebracht, dass man es vorzeigen konnte, habe es zehnmal ausgedruckt, gebunden und bin damit zur Buchmesse nach Leipzig gefahren. Wie Blei lagen die Manuskripte in meiner Tasche. Ich bin durch die Messehallen getigert, habe hier und da mal vorgesprochen und bin natürlich kein einziges Manuskript losgeworden. Aber dich habe ich gesehen. Am Stand deines Verlages, im Gespräch mit Marcel Reif. Damals warst du schon drauf. Ich wusste das natürlich nicht und sah nur die ganzen Speichellecker um euch herum, den Hofstaat der VIPs. Ich sah dich lachen, sah deine Bücher im Regal stehen, deinen Namen in großen Lettern am Stand. Und dann sah ich zu, dass ich wieder nach Hause kam.

Seitdem ist das Thema Schriftsteller für mich ein für allemal gestorben. Die zehn Manuskripte habe ich neulich im Keller in einer alten Umzugskiste wiedergefunden. Sie einfach wegzuschmeißen, konnte ich nicht über mich bringen. Ich habe die Kiste einfach zugemacht und bin wieder hochgegangen.

Stattdessen mache ich jetzt das hier. Ich blogge über Bücher, ich erlaube mir ein Urteil über etwas, das ich selbst nie geschafft habe. Und was soll ich sagen? Es ist gar nicht mal so schlecht. Von Monat zu Monat klicken mehr Leute auf meine Seite. Jetzt im Januar waren es über 5.500 Klicks. Gar nicht so übel, oder? Ich frage mich, erreicht ein durchschnittlicher Debütautor überhaupt so viele Leser?

Du kannst über solche Zahlen natürlich nur lachen. Du bist da ganz anderes gewohnt. Aber ich weiß ja auch, dass dich das alles fertig gemacht hat. Dass Du dem Drogentod noch mal gerade so von der Schippe gesprungen bist. Und so fühlt sich Otto-Nomalverbraucher wieder halbwegs wohl in seiner Haut. Ich bin gar nicht mehr neidisch auf dich, sondern freue mich, dass es dir wieder gut geht, dass Du ein neues Buch geschrieben hast, dass ich es lesen und rezensieren darf. Und ganz besonders freue ich mich auf Deine Lesung in Düsseldorf. Am 19. April – natürlich wieder im Zakk. 

Sei bis dahin herzlich gegrüßt von
deinem alten Buddy aus dem Buchrevier