Jan Wagner – Regentonnenvariationen

13

Ich gebe es ja zu – so ganz frei von Vorurteilen war ich nicht. Genau gesagt: ich war voll davon. Das passt nicht zu mir, dachte ich. Das macht ein Mann in meinem Alter nicht, einer, der mit beiden Beinen im Leben steht. Einer, der schon viel erlebt hat und dem man nichts mehr vormachen kann. So einer liest keine Gedichte! Niemals.

Doch ein Mann in meinem Alter hat auch gelernt, dass ein Niemals einen niemals weiterbringt. Wenn hin und wieder im Leben die Wolkendecke aufbrechen und die Sonne durchscheinen soll, dann ist ein „Warum nicht?“, ein „Ich-probier-das-mal“ keine schlechte Option. Und so habe ich mit Regentonnenvariationen zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder einen Lyrikband in die Hand genommen. Ein Buch, dem man schon vom Cover her ansieht, dass es nicht coole Poplyrik sein will und ich darin keine gereimten Schenkelklopfer finden werde. Ok, dann mal los, dachte ich mir.

Ich blätterte rein, las die ersten Verse an und wusste sofort, dass das eine lange Reise wird. Denn ich verstand erst mal so gut wie gar nichts. Keines der wohlbedachten Worte drang zu mir durch. Auf der vergeblichen Suche nach Reim und Rhythmus stolperte ich unbeholfen durch die Seiten und hätte unter normalen Umständen dieses Werk nach kurzer Zeit wieder ins Regal gestellt, wenn da nicht diese große Aufgabe gewesen wäre. Ich hatte eine Patenschaft für dieses Buch übertragen bekommen, und man erwartete von mir eine ernsthafte Auseinandersetzung. Also löschte ich alle Vorbehalte, setzte in Sachen Lyrik alles zurück auf Anfang und machte mich auf die Reise.

IMG_5311

Ich habe als allererstes für mich festgestellt, dass man Lyrik nicht so lesen darf wie einen Roman. Während bei einem guten Roman jede Seite oder im besten Falle jeder Satz Sinn macht, ist es bei der Lyrik im Allgemeinen jedes Wort und bei Jan Wagner im Speziellen jeder Buchstabe und jedes Satzzeichen. Da kann man nicht mal eben nach Feierabend zur Entspannung reinlesen. Sprachlich ist die Wagnersche Lyrik nicht schwer zugänglich, erfordert aber trotzdem höchste Konzentration. Wenn die Gedanken nur für ein paar Sekunden abschweifen, kann man gleich wieder von vorne anfangen. Es hilft sehr, wenn man sich die Gedichte laut vorliest. Das ist für normalerweise still vor sich hin lesende Menschen nicht nur ungewohnt, es erfordert auch eine neue Organisation der häuslichen Abendrituale. Denn einen lautstark Gedichte skandierenden Mann will keiner gerne neben sich auf dem Sofa sitzen haben. Da ist es gut, wenn man irgendwo noch ein Zimmerchen hat, in das man sich für diese Zwecke zurückziehen kann.

Aber wenn dann erstmal die Voraussetzungen für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem schmalen Lyrikband geschaffen sind, merkt man auch, dass es läuft. Der Zug beginnt zu rollen, die Reise kann beginnen.

Regentonnenvariationen ist ein Band mit 57 Gedichten auf knapp 100 Seiten. Es sind überwiegend kurze Gedichte mit nicht mehr als drei bis zehn Versen. Sie behandeln Pflanzen, die jeder kennt, wie Maulbeeren und Silberdisteln. Und weniger bekannte Pflanzen wie Giersch und Melde. Dann sind da noch Tiere wie ein Grottenolm und eine Eule und Gegenstände wie ein Nagel, eine Seife und Servietten. Das klingt erst mal profan und nicht gerade spannend. Auch mich hat es einiges an Überwindung gekostet, solch unspektakulären Dingen Aufmerksamkeit zu schenken. Aber irgendwann stellte ich fest, Jan Wagners Gedichte haben etwas sehr Meditatives. Es ist ein wenig wie Yoga. Man konzentriert und fokussiert sich auf Dinge, die man sonst nie beachtet hätte. Einen Muskel, eine Seife. Und man macht Fortschritte, erkennt nach und nach immer mehr.

IMG_5312

Ich lese ein Gedicht nicht nur einmal, ich lese es mehrmals. Lese es immer wieder anders. Eine neue Betonung bringt neue Erkenntnisse. Und noch einmal von vorn. Mit jedem Lesedurchgang erkennt man mehr. Man entdeckt einen dieser unreinen Reime und dann noch einen und schließlich, oh Freude, ein ganzes Gedicht mit echten Reimen in jeder Zeile. Man wundert sich über Worttrennungen und recherchiert noch mal bei Google nach Lazarus. Man begreift, dass die Melde kein Funkgerät, sondern eine Pflanze ist. Man begreift mit jedem Lesen immer mehr und gleichzeitig stellen sich neue Fragen. Gedankenblitze, die sich assoziativ ergeben und sofort wieder verschwinden. Und doch bleibt das gute Gefühl, dass die Auseinandersetzung irgendwie Sinn macht. Die Reise beginnt, mir langsam Spaß zu machen.

Ich lese jeden Abend nur ein paar Gedichte. Eine halbe Stunde, länger kann ich mich nicht konzentrieren. Dann brauche ich wieder etwas Prosa, um mich zu erholen. Aber ich komme gut voran und stelle fest, dass ich mich sogar langsam an meine eigene Stimme gewöhnt habe. Und nicht nur das – ich fange sogar an, sie zu mögen. Ich höre mich und denke, dass da ein mir sympathischer Mann im bestem Alter feinfühlig und sensibel wunderschöne Gedichte vorliest.

Und auf einmal merke ich, dass ich das erste Etappenziel dieser Reise bereits erreicht habe. Ich bin bei mir angekommen und lerne gerade eine ganz andere Seite meiner Persönlichkeit kennen. Und das ist etwas, was ich bei all den Romanen, die ich im meinem Leben schon gelesen habe, immer wieder gesucht und nur selten (z.B. bei Murakami) gefunden habe. Einen echten Erkenntnisgewinn in Sachen Ich.

Beinahe schäme ich mich dafür, die größte Zeit meines Lebens mit einem abschätzigen Lächeln auf Lyriker wie Jan Wagner geschaut zu haben. Wie ignorant war ich eigentlich? Wie konnte ich nur meine Augen vor dieser Sprachvirtuosität verschließen? Warum nur habe ich mich selbst um diesen Literaturgenuss gebracht? Weil ich mit beiden Beinen im Leben stehen wollte? Aber jetzt ist Schluss damit. Die Beine stehen nicht mehr im Leben, sondern sind auf der Reise. Und ich weiß genau: Da wo es hingeht, gibt es noch so viel zu entdecken.

Die Welt anders sehen

7

Interview mit Jan Wagner über die Bedeutung der Lyrik und seinen für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Gedichtband Regentonnenvariationen.

buchrevier: Erstmals ist ein Lyrikband für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ist das ein Zeichen für eine wachsende Popularität von Lyrik in Deutschland? Kann man sagen, die Lyrik boomt?

Jan Wagner: Es wäre schön, wenn dank der Nominierung ein stärkeres Licht auf die Lyrik als Gattung fällt. Tatsächlich ist es nämlich so, dass die Lyrik im deutschsprachigen Raum seit zehn, fünfzehn Jahren so lebendig ist wie schon lange nicht mehr. Es gibt eine Fülle von neuen, markanten Stimmen, eine enorme Bandbreite an Stilen und Tonlagen. Das reicht von traditionsbewusster, narrativer Dichtung bis zu hermetischen oder verspielten und sprachexperimentellen Gedichten. Es wäre wunderbar, wenn all das von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen würde. Um den Begriff „Boom“ aufzugreifen: Die Lyrikszene boomt auf jeden Fall. Ob der Boom auch die Leserschaft erfaßt, bleibt abzuwarten.

buchrevier: Die Lyrik-Szene ist aber schon ein ziemlich abgeschotteter Zirkel, ein closed Shop, zu dem man nicht so ohne weiteres gang findet, oder?

Jan Wagner: Eigentlich sind die Türen weit offen. Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass die Lyrik eine sehr treue Anhängerschaft hat, die über die Jahre weder viel größer noch deutlich kleiner wird. Aber es gab immer wieder Phasen in der Literaturgeschichte, in denen Lyrik eine wichtige, um nicht zu sagen: die wichtigste literarische Gattung war – etwa in Chile zu Zeiten Pablo Nerudas, der vor zig Tausenden von Zuhörern las.

buchrevier: Oder Bertolt Brecht, der hat auch viele erreicht, weil er mit seinen Gedichten eine politische Botschaft transportiert hat.

Jan Wagner: Ja, das ist richtig. Mit politischen Gedichten lassen sich vielleicht höhere Auflagen erzielen. Aber sowohl Brecht und Neruda als auch Erich Fried haben neben politischen Gedichten auch Liebesgedichte geschrieben – deren Auflage zumindest bei Fried vielleicht sogar noch höher war als die seiner politischen Gedichte.

buchrevier: Wie würden Sie das klassische Lyrik-Publikum beschreiben. Stimmt das Klischee: Lyrik ist etwas für jugendliche Weltverbesserer, unglücklich Verliebte und Arzt-Gattinnen über 50?

Jan Wagner: Zunächst einmal lesen hoffentlich auch gealterte Weltverbesserer, glücklich Verliebte und jüngere Arztgattinnen Gedichte. Das Publikum bei Lyriklesungen ist generell sehr gemischt, man findet eigentlich alle Alters- und Berufsgruppen. Was stimmt: Es gibt viele Vorurteile gegenüber der Lyrik und eigentlich nur zwei Formen, in denen sie allgemein akzeptiert wird, nämlich erstens als gereimter Lobgesang bei Hochzeiten und Geburtstagsfeiern und zweitens als Therapeutikum, um sich aus einem seelischen Krisenzustand zu befreien. Gedichte können aber doch deutlich mehr als das.

buchrevier: Ich kenne noch eine akzeptierte und zugleich auch coole Form von Lyrik. Man findet sie bei Poetry Slams. Reizt sie so eine Bühne nicht?

Jan Wagner: Ich habe einmal eher zufällig bei einem Poetry Slam teilgenommen. Es geht da natürlich sehr stark um die Performance, das heißt, Texte, die auf einer solchen Bühne vorgetragen werden, müssen sofort zünden, haben dann gedruckt aber gelegentlich eine oder zwei Ebenen weniger als andere Gedichte. Ich bin schon der Meinung, daß Lyrik laut und öffentlich vorgetragen werden sollte. Wenn der Schwerpunkt aber zu sehr auf der Bühnenwirksamkeit liegt, dann ist es nicht mehr unbedingt meine Sache.

buchrevier: Als ich zum ersten Mal ein Buch mit Ihren Gedichten in den Händen hielt und durchblätterte, hier und da mal reinlas, war mein erster Gedanke: Das ist keine leichte Kost und nur etwas für Eingeweihte. Hören Sie das oft von Ihren Lesern?

Jan Wagner: Man sollte sich für Gedichte Zeit nehmen und sich in aller Ruhe auf sie einlassen. Auch sollte man Lyrik ruhig laut lesen, denn die musikalische Komponente ist äußerst wichtig. Vieles erschließt sich so leichter. Dabei bin ich eigentlich überzeugt, dass die Gedichte, die ich schreibe, sich auch beim ersten Lesen keineswegs verschließen. Sie handeln ja von Dingen, die jeder kennt, ob es nun um Mücken, Servietten oder Seifenstücke geht, von Dingen also, mit denen erstmal jeder etwas anfangen kann. Ich verwende ja keine Geheimsprache, keine Codes – man muss sich also nicht jahrelang mit Lyrik beschäftigt haben, um meine Gedichte zu verstehen. Wie mit allem anderen aber muß man sich auch mit Lyrik erst einmal vertraut machen, bevor man sie ganz und gar genießen kann, man muß sich auf ihre Eigenheiten, auf Formen und Techniken einlassen, um sie wertschätzen zu können. Das ist beim Schwimmen und beim Billardspielen aber nicht anders.

buchrevier: Da erwarten Sie aber viel von ihren Lesern. Das grenzt die Zielgruppe schon sehr ein.

Jan Wagner: Ich bin davon überzeugt, dass Poesie ein Grundbedürfnis ist und sie deshalb auch jedem etwas mitzuteilen, etwas zu schenken hat. Man kann meine Gedichte zwar nicht lesen wie eine Erzählung, die sich ganz auf ihre Handlung verläßt und von A nach B bewegt, aber sie bieten doch erzählerische Momente an. Und verglichen mit einer experimentellen Lyrik, die sich ganz auf ihr Material, auf die Sprache also und ihre Möglichkeiten und Unmöglichkeiten konzentriert, sind meine Gedichte sicherlich leichter zugänglich, weil sie dem Alltäglichen und seinen Dingen zugewandt sind.

buchrevier: Haben Sie eine Botschaft, die Sie Ihren Lesern vermitteln möchten?

Jan Wagner: Gedichte, die Botschaften übermitteln wollen, haben oft die unangenehme Eigenschaft, dass sie nach der einmaligen Lektüre erledigt sind, weil man die Botschaft ja verstanden hat. Schöner ist es, wenn ein Gedicht sich immer wieder lesen läßt, ohne ganz aufzugehen wie eine Gleichung. Gute Gedichte entwickeln sich im Laufe der Jahre zusammen mit ihrem Leser, der so immer etwas Neues in sie hineinlesen kann. Keine Botschaft also, nein, aber ich wünsche mir, dass meine Gedichte gelegentlich das erreichen, was gute Gedichte auch bei mir bewirken: Sie lassen mich die Welt anders und sozusagen wie zum ersten Mal sehen. Und die Welt neu zu sehen, heißt, sie neu denken zu können. Das ist auch ein Zugewinn an Freiheit.

Jan Zeichnung
© Davide Racca

buchrevier: Kommen wir zur Technik. Versmaß und Reim, das kennt man aus der Schule. Bei Ihnen bin ich diesbezüglich überfordert. Hin und wieder entdeckt man mal einen Reim, aber ich habe das Gefühl, dass ist eher Zufall und kein Stilelement, oder?

Jan Wagner: Lustig, dass Sie das sagen, denn in Wirklichkeit reimen sich fast alle meine Gedichte – ich finde es allerdings großartig, wenn das nicht auffällt. Doch, ich benutze Reime, aber selten reine Reime und erst recht nicht solche, die schon zu einem lyrischen Klischee geworden sind. Arno Holz sagte einmal, daß der Erste, der Herz auf Schmerz reimte, ein Genie war, der Hundertste hingegen ein Kretin. Ich selbst verwende lieber unreine Reime oder „slant rhymes“, wie sie im Englischen heißen, weil man mit ihnen eine ungleich größere Menge an Reimpaaren bilden kann. Es ist in meinen Augen nicht nur spannender, wenn sich Obstsalat auf Upsala reimt oder Papier auf Papaya, es ist auch eine Art zu reimen, die sich dem Leser nicht aufdrängt und mich beim Schreiben, das ist das Wichtigste, in völlig neue Richtungen denken lässt, mich zwingt, andere gedankliche und bildliche Bereiche zu erkunden – und die so dafür sorgt, dass ich von meinem eigenen Gedicht überrascht werde.

buchrevier: Können Sie kurz in einem Satz zusammenfassen, worum es in Regentonnenvariationen geht?

Jan Wagner: Das ist schwierig, aber ich will es mal versuchen. Es gibt in den „Regentonnenvariationen“ – abgesehen von den wiederkehrenden Pfanzen- und Tiermotiven – vielleicht zwei übergeordnete Themen. Das ist zum einen das Thema Verwandlung – ob nun der Großvater zur Wespe, Anna zum Hasen oder eine Serviette zum Segel wird – und zum anderen das Thema Erinnerung, etwa in einer Reihe von Kindheitserinnerungen.

buchrevier: Lutz Seiler und Marion Poschmann, beides Lyriker, haben sehr erfolgreiche Romane auf den Markt gebracht. Ist das auch etwas, was man von Ihnen erwarten kann?

Jan Wagner: Ich bewundere Autoren, die sowohl Lyrik als auch Prosa beherrschen. Ich selbst aber schreibe tatsächlich nur Gedichte – und ab und zu mal einen Essay über Gedichte oder Dichter. Ich habe bislang noch nie das Bedürfnis gehabt, eine Erzählung oder einen Roman zu schreiben, aber welcher Gattung man sich zuwendet, hängt vermutlich auch immer davon ab, was einen im Leben zuerst begeistert hat. Bei mir waren es Gedichte. Als ich das erste mal Georg Trakl oder Dylan Thomas las, war ich so begeistert, so bezaubert von der Art und Weise, wie dort mit Sprache umgegangen wurde, dass ich mir wünschte, eine solche Magie zweiter Ordnung, und das ist die Lyrik ja, irgendwann auch zu beherrschen. Und ob das nun manchmal gelingt oder nicht, ich möchte in jedem Fall nichts anderes schreiben als Gedichte.

buchrevier: Auf der anderen Seite könnte das ja finanziell ganz interessant sein, denn Prosa verkauft sich besser.

Jan Wagner: Das mag sein, aber ein Lyriker – auch ein Romancier übrigens – schreibt ja nicht, weil er Geld verdienen will. Er schreibt Gedichte, weil er die Sprache und die Lyrik liebt. Wer als Berufsziel Lyriker wählt, weil er damit Geld verdienen will, macht vermutlich einen großen Fehler.

buchrevier: Können Sie von der Lyrik leben?

Jan Wagner: Abgesehen von den Gedichten selbst, abgesehen von Lesungen, übersetze ich Lyrik aus dem Englischen und verfasse Essays, auch die aber ausschließlich über Gedichte und Lyriker. Ich betreibe also eine Art Vielfelderwirtschaft – ohne ein gelegentliches Stipendium aber ginge es nicht.

buchrevier: Ein hartes Brot?

Jan Wagner: Ein sehr süßes Brot.

buchrevier: Kommen wir zurück zum Preis der Leipziger Buchmesse. Macht es überhaupt Sinn, in der Kategorie Belletristik mit einem Lyrikband gegen Prosawerke anzutreten? Würde da eine spezielle Lyrik-Kategorie nicht mehr Sinn machen?

Jan Wagner: Das Wort ‚antreten’ ist mir ein wenig zu martialisch. Natürlich ist es schwierig, Lyrik mit Prosa zu vergleichen – auch wenn es ja eine Reihe anderer Preise gibt, bei denen das geschieht. Man kann vielleicht nicht exakt die gleichen Werkzeuge anwenden, wird hier eher auf die Figurenentwicklung und die Handlung achten, dort eher auf die Stimmigkeit der Bilder und der Form, aber man kann doch sagen, ob das Werk in sich gelungen ist, den eigenen artistischen Maßstäben gerecht wird, und auf dieser Grundlage abwägen. Andererseits wäre es natürlich wunderbar, wenn es einen Preis für Lyrik gäbe, der eine ähnlich große Wirkung hätte, ähnlich viel Aufmerksamkeit erhielte wie der Preis der Leipziger Buchmesse.

buchrevier: Glauben Sie, dass die Lyrik in Deutschland einen Popularitätsschub bekommen würde, wenn Sie den Preis der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr gewinnen würden?

Jan Wagner: Ich hoffe, dass allein die Nominierung schon dazu beiträgt, gewisse Vorurteile abzubauen. Bei der Liste mit den Nominierungen handelt es sich ja nicht zuletzt um Lektürevorschläge – und vielleicht wird sich manch einer, der auf diese Vorschläge vertraut, nun sagen, dass Lyrik, wenn sie schon einmal auf der Liste steht, nicht so schlimm sein kann wie immer befürchtet. Damit wäre schon sehr viel erreicht.

buchrevier: Bei mir sind spätestens nach diesem Gespräch alle Vorurteile abgebaut. Ich drücke Ihnen für die Preisverleihung am 12.März ganz fest die Daumen!

Foto: © Alberto Novelli – Villa Massimo.
Zeichnung: © Davide Racca