Der Beginn einer Reise

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Jan Wagner – Regentonnenvariationen. 

Ich gebe es ja zu – so ganz frei von Vorurteilen war ich nicht. Genau gesagt: ich war voll davon. Das passt nicht zu mir, dachte ich. Das macht ein Mann in meinem Alter nicht, einer, der mit beiden Beinen im Leben steht. Einer, der schon viel erlebt hat und dem man nichts mehr vormachen kann. So einer liest keine Gedichte! Niemals.

Doch ein Mann in meinem Alter hat auch gelernt, dass ein Niemals einen niemals weiterbringt. Wenn hin und wieder im Leben die Wolkendecke aufbrechen und die Sonne durchscheinen soll, dann ist ein „Warum nicht?“, ein „Ich-probier-das-mal“ keine schlechte Option. Und so habe ich mit Regentonnenvariationen zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder einen Lyrikband in die Hand genommen. Ein Buch, dem man schon vom Cover her ansieht, dass es nicht coole Poplyrik sein will und ich darin keine gereimten Schenkelklopfer finden werde. Ok, dann mal los, dachte ich mir.

Ich blätterte rein, las die ersten Verse an und wusste sofort, dass das eine lange Reise wird. Denn ich verstand erst mal so gut wie gar nichts. Keines der wohlbedachten Worte drang zu mir durch. Auf der vergeblichen Suche nach Reim und Rhythmus stolperte ich unbeholfen durch die Seiten und hätte unter normalen Umständen dieses Werk nach kurzer Zeit wieder ins Regal gestellt, wenn da nicht diese große Aufgabe gewesen wäre. Ich hatte eine Patenschaft für dieses Buch übertragen bekommen, und man erwartete von mir eine ernsthafte Auseinandersetzung. Also löschte ich alle Vorbehalte, setzte in Sachen Lyrik alles zurück auf Anfang und machte mich auf die Reise.

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Ich habe als allererstes für mich festgestellt, dass man Lyrik nicht so lesen darf wie einen Roman. Während bei einem guten Roman jede Seite oder im besten Falle jeder Satz Sinn macht, ist es bei der Lyrik im Allgemeinen jedes Wort und bei Jan Wagner im Speziellen jeder Buchstabe und jedes Satzzeichen. Da kann man nicht mal eben nach Feierabend zur Entspannung reinlesen. Sprachlich ist die Wagnersche Lyrik nicht schwer zugänglich, erfordert aber trotzdem höchste Konzentration. Wenn die Gedanken nur für ein paar Sekunden abschweifen, kann man gleich wieder von vorne anfangen. Es hilft sehr, wenn man sich die Gedichte laut vorliest. Das ist für normalerweise still vor sich hin lesende Menschen nicht nur ungewohnt, es erfordert auch eine neue Organisation der häuslichen Abendrituale. Denn einen lautstark Gedichte skandierenden Mann will keiner gerne neben sich auf dem Sofa sitzen haben. Da ist es gut, wenn man irgendwo noch ein Zimmerchen hat, in das man sich für diese Zwecke zurückziehen kann.

Aber wenn dann erstmal die Voraussetzungen für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem schmalen Lyrikband geschaffen sind, merkt man auch, dass es läuft. Der Zug beginnt zu rollen, die Reise kann beginnen.

Regentonnenvariationen ist ein Band mit 57 Gedichten auf knapp 100 Seiten. Es sind überwiegend kurze Gedichte mit nicht mehr als drei bis zehn Versen. Sie behandeln Pflanzen, die jeder kennt, wie Maulbeeren und Silberdisteln. Und weniger bekannte Pflanzen wie Giersch und Melde. Dann sind da noch Tiere wie ein Grottenolm und eine Eule und Gegenstände wie ein Nagel, eine Seife und Servietten. Das klingt erst mal profan und nicht gerade spannend. Auch mich hat es einiges an Überwindung gekostet, solch unspektakulären Dingen Aufmerksamkeit zu schenken. Aber irgendwann stellte ich fest, Jan Wagners Gedichte haben etwas sehr Meditatives. Es ist ein wenig wie Yoga. Man konzentriert und fokussiert sich auf Dinge, die man sonst nie beachtet hätte. Einen Muskel, eine Seife. Und man macht Fortschritte, erkennt nach und nach immer mehr.

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Ich lese ein Gedicht nicht nur einmal, ich lese es mehrmals. Lese es immer wieder anders. Eine neue Betonung bringt neue Erkenntnisse. Und noch einmal von vorn. Mit jedem Lesedurchgang erkennt man mehr. Man entdeckt einen dieser unreinen Reime und dann noch einen und schließlich, oh Freude, ein ganzes Gedicht mit echten Reimen in jeder Zeile. Man wundert sich über Worttrennungen und recherchiert noch mal bei Google nach Lazarus. Man begreift, dass die Melde kein Funkgerät, sondern eine Pflanze ist. Man begreift mit jedem Lesen immer mehr und gleichzeitig stellen sich neue Fragen. Gedankenblitze, die sich assoziativ ergeben und sofort wieder verschwinden. Und doch bleibt das gute Gefühl, dass die Auseinandersetzung irgendwie Sinn macht. Die Reise beginnt, mir langsam Spaß zu machen.

Ich lese jeden Abend nur ein paar Gedichte. Eine halbe Stunde, länger kann ich mich nicht konzentrieren. Dann brauche ich wieder etwas Prosa, um mich zu erholen. Aber ich komme gut voran und stelle fest, dass ich mich sogar langsam an meine eigene Stimme gewöhnt habe. Und nicht nur das – ich fange sogar an, sie zu mögen. Ich höre mich und denke, dass da ein mir sympathischer Mann im bestem Alter feinfühlig und sensibel wunderschöne Gedichte vorliest.

Und auf einmal merke ich, dass ich das erste Etappenziel dieser Reise bereits erreicht habe. Ich bin bei mir angekommen und lerne gerade eine ganz andere Seite meiner Persönlichkeit kennen. Und das ist etwas, was ich bei all den Romanen, die ich im meinem Leben schon gelesen habe, immer wieder gesucht und nur selten (z.B. bei Murakami) gefunden habe. Einen echten Erkenntnisgewinn in Sachen Ich.

Beinahe schäme ich mich dafür, die größte Zeit meines Lebens mit einem abschätzigen Lächeln auf Lyriker wie Jan Wagner geschaut zu haben. Wie ignorant war ich eigentlich? Wie konnte ich nur meine Augen vor dieser Sprachvirtuosität verschließen? Warum nur habe ich mich selbst um diesen Literaturgenuss gebracht? Weil ich mit beiden Beinen im Leben stehen wollte? Aber jetzt ist Schluss damit. Die Beine stehen nicht mehr im Leben, sondern sind auf der Reise. Und ich weiß genau: Da wo es hingeht, gibt es noch so viel zu entdecken.

13 thoughts on “Der Beginn einer Reise

  1. Dieser Post hat mich sehr berührt. Erstens, da ich ja Lyrik liebe und Murakami, und weil ich es herrlich finde, wie Du das beschreibst mit der Reise nach Innen. Toll, dass Du Dich so einlassen kannst!

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  2. Eine wunderbare Beschreibung, wie du dich der Lyrik annäherst. Ich ziehe vor dieser Leistung den Hut – von Blogger-Pate zu Blogger-Pate. Vielleicht war es aber auch so gewollt, dass wir an den Werken irgendwie auch wachsen sollten. Allgemein schätze ich es sehr, dass ein Gedicht-Band zu den Nominierten zählt. Ich glaube, die Lyrik sollte kein Schatten-Dasein mehr führen dürfen, weil sie uns so viel geben kann. Vor allem die kostbaren stillen Momente.

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  3. Dein besprochenes Buch ist ja irgendwie schon ein ganz besonderes.
    Deine Rezension dazu ist es aber auch! Ich werde sie bestimmt bald ein zweites Mal lesen, so beeindruckend finde ich, was du sagst.

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  4. Vielen Dank Jacqueline, Constanze und J. für die lobenden Worte.

    Ich habe auch festgestellt, dass Lyrik der Art, wie ich Rezensionen schreibe, sehr entgegenkommt. Ich muss keine Handlungsstränge zusammenfassen, ordnen und bewerten. Ich kann einfach meinen Eindrücken und Gefühlen freien Lauf lassen und schauen, ob das Werk etwas in mir zum Klingen bringt oder nicht. Mehr habe ich auch hier nicht getan. Freue mich aber sehr, dass es trotzdem gefällt und hoffe sehr, dass Jan Wagner dadurch ein paar neue Fans dazu gewinnt.

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  5. Ich schließe mich meinen VorrednerInnen an: ein ganz und gar wundervoller Beitrag, der auf ein eindrucksvolle Weise Einblick nicht nur in deine Lektüreerfahrung, sondern auch in dich als Menschen gewährt. Ich nehme an, die Bloggerpatenschaft hat sich absolut ausgezahlt für dich. Chapeau!

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  6. Und steht hier nicht, was überhaupt für Lyrik gilt. Prosa, vornehmlich dicke Romane bieten Fluchtwege zum abschweifenden Umhergehen und Sich Verstecken der Gedanken. Ge-Dichte sind in der Regel eben das, Verdichtungen. Da ist kein Ausweg. Sehr direkt, bisweilen schmerzhaft.
    Und -hah!- gerade für uns Männer nicht einfach, sich so unumwunden auf den Punkt zu äußern. Dann lieber Schweigen und auf vielen Seiten.

    Interessanter Beitrag, wenn auch weniger zu dem angetragenen Werk.
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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    • Guten Tag Herr Hund,

      ja, das stimmt: meine Rezensionen sind jetzt nicht so, wie sie klassischerweise sein sollten. Ganz selten gehe ich mal auf die Handlung und bestimmte Inhalte ein. Ich nutze ein literarisches Werk eher als Impulsgeber und Gefühlstransmitter und schreibe auf, was mir beim Lesen durch den Kopf geht. Bei der Lektüre von Jan Wagners Lyrikband ging mir ganz viel durch den Kopf und alles hatte weniger mit den Gedichten an sich, sondern vielmehr mit mir zu tun. Das stimmt schon, was Sie da schreiben. Bei Gedichten kann man sich nicht verstecken. Das lässt man entweder an sich ran oder blockt alles ab.

      Hier ist noch eine wie ich finde sehr gelungene Besprechung, die ein wenig mehr auf die Werk an sich eingeht: http://www.lesenmitlinks.de/ein-bewusstsein/

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      • Wie das eben so ist, wenn man Pate wird: man kann sich das anempfohlene Kind nicht erst einmal über’s Wochenende mit nach Hause nehmen. Nun, es ist aber im Falle der Leipziger Patenschaft auch keine Verpflichtung für’s Leben.
        Soweit ich es einschätzen kann, doch ehrlicherweise will ich zugeben, dass ich weit davon entfernt bin, maßgeblich zu sein, für oder wider, machen sie das schon sehr gut bzw. in einer bestimmten Weise sogar wohltuend anders.

        Für mich hätte ich mir ein anderes Kind aussuchen wollen. Man verbringt ja doch eine Zeit miteinander.

        Die andere Besprechung werde ich mir ansehen. Vielen Dank.
        Freundlichst
        Ihr Herr Hund

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  7. Neben dem tollen Beitrag finde ich ja vor allem die Bilder sehr gelungen. Und ich freu mich, dass wir genau den Richtigen für Jan Wagner gefunden haben.

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  8. Diese Rezension zu lesen, war mir eine absolute Freude. Drei Sätze fand ich besonders schön, und zwar diese:

    Ich lese jeden Abend nur ein paar Gedichte. Eine halbe Stunde, länger kann ich mich nicht konzentrieren. Dann brauche ich wieder etwas Prosa, um mich zu erholen.

    Herrlich.
    Du gibst Dir wirklich Mühe mit dem Lesen, das kann man hier gut herauslesen. Den Prozeß des Annäherns beschreibst Du sehr schön. Ich kann mit den Wagners-Gedichten nicht viel anfangen, aber das macht ja nichts. Es gibt andere Lyriker und Lyrikerinnen, die mich sehr mit ihren Texten berühren und ansprechen und bewegen, auch inspirieren.

    Danke für diesen wunderbaren Beitrag. Vielleicht lese ich die Wagnerschen Gedichte ja zukünftig anders, wenn ich den Gedichtband in der Hand halte und mich an diesen Beitrag von Dir erinnere.

    Liebe Grüße und herzlichen Dank!

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