Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

2

Da bildet man sich ein, man würde sich im Literaturbetrieb ein wenig auskennen, wüsste was gerade angesagt ist, welche Autorin, welcher Autor eine gewisse Relevanz hat, welche man zumindest vom Namen her kennen sollte und von wem man unbedingt noch etwas lesen muss. Und dann fällt einem zufällig dieser Roman in die Hände und man fragt sich: warum habe ich bisher eigentlich noch nie etwas von Regina Scheer gehört?

Wer dieses Gefühl kennt und ebenfalls von der 1950 in Ost-Berlin geborenen Historikerin und Publizistin noch nichts gehört hat, obwohl ihr in 2014 erschienener Debütroman  ‚Machandel‘ mehrfach ausgezeichnet wurde und sie seitdem von ihrem Verlag als Bestsellerautorin geführt wird, sollte das schnellstens nachholen und jetzt unbedingt „Gott wohnt im Wedding“ lesen.

Eine dringende Leseempfehlung auch für all diejenigen, die wie ich der Meinung sind, schon genug Berlin-Romane gelesen zu haben, in denen die wechselvolle Geschichte der Stadt vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart geschildert wird. Denn Scheers Idee, ein Wohnhaus im Berliner Arbeiterbezirk Wedding zum Protagonisten ihres neuesten Romans zu machen, ist nicht nur auf eine charmante Art anders und überaus unterhaltsam, sondern angesichts einer beeindruckenden Detailkenntnis historischer Fakten auch unglaublich lehrreich.

Ein Thema, das mich literarisch beispielsweise bisher überhaupt noch nicht erreicht hat, ist die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland. Ich muss zugegeben, es hat mich auch noch nie besonders interessiert, denn wie ich beim Lesen selbstkritisch festgestellt habe, war auch ich nicht vorurteilsfrei. Doch hier habe ich mal was anderes als die gängigen Klischees über diese Volksgruppe erfahren, denn im Haus in der Utrechter Straße sind sie alle ein- und ausgegangen: Kommunisten, die dem „Roten Wedding“ seinen Namen gaben, Juden, Nazis, Russen und eben auch Sinti und Roma. Menschen in Zwei- und Dreiraumwohnungen mit Ofenheizung und Außenklo. Nachbarn, denen man im Hausflur begegnet, die man in der Wohnung über einem streiten, lachen und weinen hört. Und auf einmal erweitert sich der Horizont, man lernt dazu und versteht.

Der Roman ist sehr vielschichtig aufgebaut. Zahlreiche Personen, häufige Zeitsprünge und wechselnde Erzählperspektiven lassen den unkonzentrierten Leser leicht den Überblick verlieren. Aber durch den episodenhaften Aufbau dieses Romans findet man schnell wieder rein. Und wenn ich mit einigen der zahlreichen Erzählstränge auch weniger anfangen konnte, so freute ich mich doch umso mehr, wenn meine Lieblingsfiguren wieder ins Spiel kamen. Allen voran Gertrud Rhomberg, weit über 90 Jahre alt und seit Ihrer Geburt Mieterin in der Utrechter Straße.

Sie und das Haus haben viel erlebt: wie ein SA-Mann direkt vor der Tür ermordet und zum Märtyrer stilisiert wurde, wie sich zwei jüdische Jungs in ihrer Wohnung versteckten, wie der, den sie liebte, von den Nazis entdeckt und in ein Vernichtungslager verschleppt wurde, wie ein SS-Mann sie vergewaltigte, wie die Russen kamen und wieder gingen, die schwere Zeit des Wiederaufbaus, wie irgendwann die ersten Türken, Jugoslawen und danach auch Sinti einzogen und ganz am Ende, siebzig Jahre später, der andere der beiden jüdischen Jungs wieder unten im Hof steht und zu ihrer Wohnung hochschaut.

Ein Leben, ein Schicksal, das sich oberflächlich betrachtet nicht besonders von all denen unterscheidet, die zur selben Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Unzählige Geschichten, die es auch wert gewesen wären, erzählt, aufgeschrieben und nicht vergessen zu werden. Große Häuser, kleine Häuser, die irgendwann entstanden sind und wieder wieder verschwanden. So wie wir alle, irgendwann.

_______

Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardover
416 Seiten, 24,00 €

Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch:
Verlag: Der Hörverlag
Gesprochen von: Johann von Bülow
Länge: 14 h, 21 min
Hörprobe

Dörte Hansen – Mittagsstunde

4

Auch ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Etwas größer als Dörte Hansens Brinkebüll, aber auch norddeutsch, mit einer Dorfschule, zwei Bäckern, einem Postamt und zwei Lebensmittelläden. Und während der Lektüre von ‚Mittagsstunde‘ war ich in Gedanken die ganze Zeit wieder genau dort, bin mit dem Fahrrad durch die  Straßen meines niedersächsischen Heimatdorfes gefahren, habe all die Leute wieder vor mir gesehen, den Sportlehrer, der uns Jungs immer an den Ohren gezogen hat, die Bäuerin, bei der ich mit der Blechkanne die Milch geholt habe, die alten Kumpels mit den Bonanza-Rädern. Es hat ein bisschen weh getan – so ein Kloß in der Brust, gespeist von Wehmut und einem ganz warmen Gefühl, das ich nicht näher bestimmen kann, sich aber gut anfühlte.

Und jetzt mal ehrlich – ist dies nicht genau das, was wir alle erwarten, wenn wir ein Buch aufschlagen? Dass das Gelesene Assoziationen weckt, tief in uns drin etwas anstößt. Dass sich im Kopf des Lesers neue Ebenen auftun, dass sich weitere Handlungsstränge entspinnen, dass Romanhandlung und persönliche Erinnerungen sich gegenseitig befeuern, einen in die Zange nehmen, bis man am Ende nicht mehr unterscheiden kann, zwischen dem wahren Leben und Literatur.

Ok, vielleicht sollte ich nicht immer von mir auf andere schließen. Ich weiß natürlich, dass das tatsächlich nicht alle wollen. Zum Beispiel Menschen mit einem komplett anderen Literaturverständnis, die keine Identifikation mit Romanfiguren wollen oder brauchen, keine zweite oder dritte Ebene, keine individuell angereicherte Durchmischung. Stattdessen die reine Literatur – objektiv betrachtet, unabhängig von der Vita des Lesers, einzig am geschriebenen Wort gemessen und bewertet. Wer so etwas von mir erwartet, ist hier sowieso komplett falsch. Objektiv kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht. Mein lesendes Ich schwebt über allem. Literatur muss sich an mir reiben, darf mich nicht kalt lassen. Und Dörte Hansens Mittagsstunde hat genau das getan. Sich gerieben und mich nicht kalt gelassen.

Dabei dachte ich zunächst: was für eine lahme, unzeitgemäße Hinterwäldler-Story. Aber weit gefehlt. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass Dörte Hansen hier eigentlich das derzeit am meisten diskutierte Thema überhaupt abhandelt: Heimat. Aktuell geht es in jeder zweiten gesellschaftspolitischen Debatte früher oder später immer wieder nur um eins: Heimat. Um Fragen der nationalen und regionalen Identität, um Zugehörigkeitsempfinden, kulturelles Erbe, Integration und Ausgrenzung – Heimat. Ein Mega-Thema auch in der aktuellen Gegenwartsliteratur. Flucht, Vertreibung, Familie, Herkunft, Vater, Mutter, Kind – Heimat. Und auch die klassischen Fragen: Wo gehöre ich hin, was macht mich aus, was hat mich geprägt?Alles immer wieder nur dieses eine Mega-Thema: Heimat.

Heimat ist Umgebung, ist Landschaft, ist der scharfe Wind, der über die flurbereinigten Felder zieht. Heimat ist aber auch das tuckernde Mofa von Hanni Thomsen, das Geräusch der klappernden Holzlatschen von Marret Ünnegang oder die schallende Ohrfeige vom Dorflehrer Steensen. Heimat ist so viel und immer wieder anders. Und so wenig literaturkritisch das jetzt auch wieder klingen mag – ich habe mich einfach daheim gefühlt in Brinkebüll. Ich habe dieses nordfriesische Geestdorf, das die Autorin in ihrem Roman über einen Zeitraum von knapp 60 Jahren beschreibt, beinahe bildlich vor mir gesehen und ein paar sehr angenehme Lesetage dort verbracht.

Gestern bin ich zufällig auf eine Kritik zu diesem Buch gestoßen. Birgit Bollinger vom Literaturblog Sätze & Schätze moniert in ihrer Besprechung die vielen Klischees, aus denen sich das Bild vom Brinkebüller Dorfleben zusammensetzt. Ich kann nachvollziehen, was sie meint. Diese knorrigen Stereotypen scheint es in jedem Dorf zu geben. Auch in meinem Heimatdorf gab es eine tüdelige Marret, einen Hanni mit seinem Mofa, einen Ingwer Feddersen, der den Absprung in ein anderes Leben geschafft hat. In jedem Dorf gibt es Menschen, wie die aus Brinkebüll. Aber das macht diesen Roman noch lange nicht klischeehaft. Dann wären Juli Zehs „Unterleuten“ und Jan Brandts „Gegen die Welt“ – zwei Heimatromane an die ich bei der Lektüre von „Mittagsstunde“ oft denken musste – das auch. Nein, Stereotype sind nicht immer auch Klischees, genauso wenig wie Muster Wiederholungen sein müssen. Gute Autoren – und Dörte Hansen gehört zweifellos dazu – können hier differenzieren.

Und so schließe ich mit einer nicht ganz uneingeschränkten Leseempfehlung für einen leisen Heimatroman, der kein Pageturner ist, einige Längen hat, mich aber sowohl sprachlich als auch atmosphärisch sehr überzeugt hat.

_________

Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardcover
320 Seiten, 22,00 €