Dörte Hansen – Mittagsstunde

4

Auch ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Etwas größer als Dörte Hansens Brinkebüll, aber auch norddeutsch, mit einer Dorfschule, zwei Bäckern, einem Postamt und zwei Lebensmittelläden. Und während der Lektüre von ‚Mittagsstunde‘ war ich in Gedanken die ganze Zeit wieder genau dort, bin mit dem Fahrrad durch die  Straßen meines niedersächsischen Heimatdorfes gefahren, habe all die Leute wieder vor mir gesehen, den Sportlehrer, der uns Jungs immer an den Ohren gezogen hat, die Bäuerin, bei der ich mit der Blechkanne die Milch geholt habe, die alten Kumpels mit den Bonanza-Rädern. Es hat ein bisschen weh getan – so ein Kloß in der Brust, gespeist von Wehmut und einem ganz warmen Gefühl, das ich nicht näher bestimmen kann, sich aber gut anfühlte.

Und jetzt mal ehrlich – ist dies nicht genau das, was wir alle erwarten, wenn wir ein Buch aufschlagen? Dass das Gelesene Assoziationen weckt, tief in uns drin etwas anstößt. Dass sich im Kopf des Lesers neue Ebenen auftun, dass sich weitere Handlungsstränge entspinnen, dass Romanhandlung und persönliche Erinnerungen sich gegenseitig befeuern, einen in die Zange nehmen, bis man am Ende nicht mehr unterscheiden kann, zwischen dem wahren Leben und Literatur.

Ok, vielleicht sollte ich nicht immer von mir auf andere schließen. Ich weiß natürlich, dass das tatsächlich nicht alle wollen. Zum Beispiel Menschen mit einem komplett anderen Literaturverständnis, die keine Identifikation mit Romanfiguren wollen oder brauchen, keine zweite oder dritte Ebene, keine individuell angereicherte Durchmischung. Stattdessen die reine Literatur – objektiv betrachtet, unabhängig von der Vita des Lesers, einzig am geschriebenen Wort gemessen und bewertet. Wer so etwas von mir erwartet, ist hier sowieso komplett falsch. Objektiv kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht. Mein lesendes Ich schwebt über allem. Literatur muss sich an mir reiben, darf mich nicht kalt lassen. Und Dörte Hansens Mittagsstunde hat genau das getan. Sich gerieben und mich nicht kalt gelassen.

Dabei dachte ich zunächst: was für eine lahme, unzeitgemäße Hinterwäldler-Story. Aber weit gefehlt. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass Dörte Hansen hier eigentlich das derzeit am meisten diskutierte Thema überhaupt abhandelt: Heimat. Aktuell geht es in jeder zweiten gesellschaftspolitischen Debatte früher oder später immer wieder nur um eins: Heimat. Um Fragen der nationalen und regionalen Identität, um Zugehörigkeitsempfinden, kulturelles Erbe, Integration und Ausgrenzung – Heimat. Ein Mega-Thema auch in der aktuellen Gegenwartsliteratur. Flucht, Vertreibung, Familie, Herkunft, Vater, Mutter, Kind – Heimat. Und auch die klassischen Fragen: Wo gehöre ich hin, was macht mich aus, was hat mich geprägt?Alles immer wieder nur dieses eine Mega-Thema: Heimat.

Heimat ist Umgebung, ist Landschaft, ist der scharfe Wind, der über die flurbereinigten Felder zieht. Heimat ist aber auch das tuckernde Mofa von Hanni Thomsen, das Geräusch der klappernden Holzlatschen von Marret Ünnegang oder die schallende Ohrfeige vom Dorflehrer Steensen. Heimat ist so viel und immer wieder anders. Und so wenig literaturkritisch das jetzt auch wieder klingen mag – ich habe mich einfach daheim gefühlt in Brinkebüll. Ich habe dieses nordfriesische Geestdorf, das die Autorin in ihrem Roman über einen Zeitraum von knapp 60 Jahren beschreibt, beinahe bildlich vor mir gesehen und ein paar sehr angenehme Lesetage dort verbracht.

Gestern bin ich zufällig auf eine Kritik zu diesem Buch gestoßen. Birgit Bollinger vom Literaturblog Sätze & Schätze moniert in ihrer Besprechung die vielen Klischees, aus denen sich das Bild vom Brinkebüller Dorfleben zusammensetzt. Ich kann nachvollziehen, was sie meint. Diese knorrigen Stereotypen scheint es in jedem Dorf zu geben. Auch in meinem Heimatdorf gab es eine tüdelige Marret, einen Hanni mit seinem Mofa, einen Ingwer Feddersen, der den Absprung in ein anderes Leben geschafft hat. In jedem Dorf gibt es Menschen, wie die aus Brinkebüll. Aber das macht diesen Roman noch lange nicht klischeehaft. Dann wären Juli Zehs „Unterleuten“ und Jan Brandts „Gegen die Welt“ – zwei Heimatromane an die ich bei der Lektüre von „Mittagsstunde“ oft denken musste – das auch. Nein, Stereotype sind nicht immer auch Klischees, genauso wenig wie Muster Wiederholungen sein müssen. Gute Autoren – und Dörte Hansen gehört zweifellos dazu – können hier differenzieren.

Und so schließe ich mit einer nicht ganz uneingeschränkten Leseempfehlung für einen leisen Heimatroman, der kein Pageturner ist, einige Längen hat, mich aber sowohl sprachlich als auch atmosphärisch sehr überzeugt hat.

_________

Foto: Gabriele Luger

Verlag: Penguin Hardcover
320 Seiten, 22,00 €

4 Antworten auf „Dörte Hansen – Mittagsstunde

  1. Ich hatte die Freude, das Buch in einer kompetenten Leserunde entdecken zu können. Der Austausch während des Lesens war sehr wertvoll.
    Genau wie dir erging es mir und anderen, die in den 70er und 60er Jahren auf dem Land groß geworden sind. Du hast das wunderbar beschrieben!
    Ich fand den Roman sprachlich und inhaltlich großartig, habe nicht einmal Längen verspürt, die Atmosphäre hat mich komplett eingesogen. Für mich bereits ein Jahres-Highlight!

    Gefällt 1 Person

  2. „Objektiv kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht. Mein lesendes Ich schwebt über allem. Literatur muss sich an mir reiben, darf mich nicht kalt lassen.“
    Da bin ich vollkommen bei Dir.
    Eine schöne Buchvorstellung.

    Gefällt 1 Person

  3. Oh, ja, mal wieder ganz der Herr Nazemi. Ich mag Dörte Hansen, ihre Schreibe und ihren Blick auf die Welt und die Menschen darin 🙂 Leider fand ich das Buch etwas ermüdend und unmelodisch. “ Altes Land “ hatte mich richtig gepackt und es war kraftvoller.

    Deine Worte sind aber auch zutreffend. Vielleicht bin ich zu nah dran an Brinkebühl in dieser Provinz hier. Du weißt ! Richtig viel Spaß haben mir aber die Beschreibungen der Kieler WG gemacht. Das war super, muss ich schon sagen.

    Liken

  4. Der Roman liegt im oberen Bereich meines Stapels, und ich freue mich sehr darauf. Irgendwie ist Hansens „Altes Land“ damals an mir vorbeigehuscht. Seit ich sie in Frankfurt zur Buchmesse erlebt habe, will ich unbedingt ihr neuestes Werk lesen; nicht nur weil ich auch ein Dorfkind bin. Viele Grüße

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s