Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

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Kleines Buch, großes Thema. Auf 160 großzügig formatierten Seiten beschäftigt sich Peter Stamms neuer Roman mit dem, was uns Menschen seit jeher umtreibt: der Zeit, die man eigentlich nicht zurückdrehen kann, der Vergangenheit, die einen irgendwann wieder einholt und der Gegenwart, die wir größtenteils mit Rückblick und Vorausschau vergeuden. Aber während das bei uns allen nur Gedankenspiele sind, passiert dem Protagonisten dieses Romans all dies tatsächlich.

Christoph holt die Vergangenheit ein; er begegnet nicht nur einer Frau, die seiner ehemaligen Freundin zum Verwechseln ähnlich sieht und auch noch fast genauso heißt – nein, er begegnet auch sich selbst wieder. Seinem alten Ego, dem zwanzig Jahre jüngeren Christoph, der wie er studiert, in der gleichen Stadt und dort sogar in der gleichen Wohnung wohnt wie er damals. Klingt ziemlich konstruiert, und das ist es auch. Aber ich mag so etwas. Ganz besonders, wenn irgendwann das Raum–Zeit–Kontinuum aus den Fugen gerät, die Zukunft in die Gegenwart eingreift und sich dadurch die Vergangenheit verändert.

Arrrgh! Das tut dann immer im Kopf so weh, man kann es nicht greifen, alles dreht sich im Kreis. Das ist dieser „Zurück in die Zukunft“-Effekt, die Vorstellung, in die Vergangenheit zu reisen, sagen wir ins Jahr 1898 nach Braunau in Österreich und da einen kleinen Jungen namens Adolf umzubringen. Könnte ich das? Mit dem Wissen aus der Zukunft in die Vergangenheit eingreifen, um die Welt zu retten? Dann lieber noch zehn Jahre weiter zurückreisen und irgendwie verhindern, dass er überhaupt gezeugt wird. Das sind diese Gedankenspiele, die in meinem Kopf unweigerlich aufpoppen, wenn literarisch mit dem Thema Zeit gespielt wird.

Und natürlich kommt es genau so. Der alte Christoph stalkt sein junges Ego eine Weile, hält es aber irgendwann nicht mehr aus. Es kommt zum Kontakt, Christoph spricht mit Christoph und erzählt ihm alles über sein noch vor ihm liegendes Leben. Berichtet von Magdalena, seiner großen Liebe, von der Trennung und dem Roman, den er daraufhin geschrieben hat. Und mit diesem Wissen ausgestattet, verändert der junge Christoph die Zukunft in einigen kleinen aber entscheidenden Punkten.

Wenn man das alles liest, könnte man annehmen, dass mir dieses Buch gut gefallen hat. Stimmt aber nicht. Mir gefallen Zeitreisen, mir gefallen die damit verbundenen Gedankenspiele. Ich liebe es, mich darin zu verlieren, immer wieder aufs Neue und jedes Mal anders dieses „Was-wäre-wenn“ zu denken. Peter Stamm hätte sprachlich das Zeug, mich auf so eine literarische Zeitreise mitzunehmen. Ich mag dieses Wechselspiel einfacher, klarer Sätze mit verspielt verschachtelten Konstruktionen. Es hat mich nicht gestört, sondern ich fand es eher interessant, dass die Geschichten der beiden Christophs sich durchmischten und man sich als Leser bei jedem Kapitel neu orientieren musste. Ich mag auch den Titel des Buches. Würde ein Film so heißen, ich müsste ihn unbedingt sehen.

Aber leider, leider – dieser kleine Roman gefällt mir trotz allem nicht so richtig. Ich bin irgendwie nicht reingekommen – bevor ich mich eingrooven, mit den Figuren warm werden und meine ersten kleinen gedanklichen Zeitreisen unternehmen konnte, war alles auch schon wieder vorbei. Was bleibt, ist so ein unfertiges Gefühl. Ich stelle das Büchlein zurück ins Regal und denke mir, dass man da hätte mehr draus machen können. Wenn ich ins Jahr 2015 zurückreisen könnte, hätte ich Peter Stamm auf der Leipziger Buchmesse einfach angesprochen. Ich hätte ihm von meiner Enttäuschung über seinen noch gar nicht geschriebenen Roman erzählt und hätte ihm geraten, die Figuren etwas stärker auszuarbeiten. Hätte, hätte Fahrradkette.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
160 Seiten, 20,00 €

Video: Peter Stamm liest aus dem Roman.

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Édouard Louis – Im Herzen der Gewalt

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Ich finde solche Geschichten ja immer etwas übergriffig. Da lässt einer die Hosen runter, erzählt schonungslos von einem schrecklichen Erlebnis, von Demütigung, Raub, Vergewaltigung, versuchtem Mord. Er beschreibt seine Todesangst, die Schmerzen, das Davor und das Danach, die Konsequenzen, die Rückblenden, die quälenden Gedanken und Erinnerungen. Für ihn ist danach nichts mehr so, wie es vorher war. Das alles schreibt er auf, macht sich nackig, lässt nichts aus, schont und schützt sich nicht.

Was soll, was kann man als normal empfindender Mensch anderes dazu sagen, außer: Chapeau! Kompliment, das ist mutig, wichtig, vorbildlich. Vielleicht noch: tut mir leid, das hat mich tief bewegt, mich wütend und traurig gemacht. Aber es ist richtig und wichtig, dass das mal aufgeschrieben wurde. Nicht nur der Vorfall an sich, auch das Danach, das Verarbeiten, die Strafverfolgung, die erneute Demütigung, all die Urteile und Vorurteile. Das alles passiert ja immer wieder, ist beileibe kein Einzelfall. Ein wichtiges Buch, gerade heutzutage, das einen zwingt, auch mal wieder über Verständnis und Toleranz nachzudenken.

So weit so gut. Aber wenn man nun eine ganz andere Meinung zu diesem Buch hat? Wenn man es übertrieben, langatmig, aufgeblasen, nervtötend, kalkuliert und in höchstem Maße übergriffig findet, ist das dann auch ok? Oder ist man dann automatisch unsensibel, ein ungehobelter, grober Klotz, ohne Empathie und Mitgefühl? Darf man so eine persönliche Beichte, einen Therapieroman überhaupt kritisieren? Den Aufbau, die Lesestimmung, die Dramaturgie? Ist es legitim, dem Autor vorzuwerfen, dass die vielen Erzählperspektiven sich nicht stimmig zusammenfügen? Darf man sich überhaupt ein Urteil erlauben, wenn man selber nichts vergleichbar Schreckliches erlebt hat?

Das meine ich, wenn ich sage, die Geschichte ist übergriffig. Als Leser ist man im Opferschutz-Programm gefangen. Ich fühle mich nicht frei, anders zu urteilen, als wie der Klappentext es vorgibt: „…ein literarischer Schock“, „mutig und aus tiefer Notwendig heraus geschrieben “, „nuanciert, aufwühlend, sprachgewaltig“ von “einem der bedeutendsten Autoren seiner Generation“. Das sind die politisch korrekten Meinungsbilder, das darf gesagt werden. Alles andere verbietet einem der Respekt vor dem Geschehenen und der Person des Autors.

Und jetzt frage ich mich, warum müssen wir Leser eigentlich wissen, dass dieser Roman autobiografisch ist? Um die erzählerischen Schwächen durch ein Mehr an Authentizität wieder auszugleichen? Wie dem auch sei, mich hat das Beschriebene weder geschockt, noch fand ich es erzählerisch oder sprachlich besonders. Es hallt nicht nach, es bleibt nichts zurück. Ich hab’s vor knapp zwei Wochen gelesen und fast schon wieder vergessen.

Erinnern tue ich mich aber an den erhobenen Zeigefinger, mit dem der Autor auf Vorurteile und Ressentiments gegenüber Ausländern und Homosexuellen hinweist. Und das ist insofern besonders fragwürdig, weil alles, was passiert, eigentlich den gängigen Klischees entspricht. Spontaner, schneller Sex mit einem Unbekannten – das scheint nicht ungewöhnlich in der Schwulenszene zu sein. Ebenso klischeehaft ist das Bild des Nordafrikaners, der körperliche Nähe sucht, um einen zu beklauen. Und wenn Edouard Louis dann betont, dass der Täter kein normaler Algerier, sondern ein Kabyle ist, sagt das in meinen Augen gar nichts aus und ist stattdessen nur eine andere Form von Rassismus.

Ich habe mir den Autor bei Youtube angeschaut. Ein sehr sympathischer Kerl – introvertiert und nachdenklich. Kein aufgeregtes Huhn, kein Show-Typ. Ich nehme ihm ab, dass er aus dem Erlebten keinen Profit schlagen wollte. Dass er nur nach einem Weg gesucht hat, das alles zu verarbeiten. Es tut mir ehrlich sehr leid, was ihm passiert ist. Aber berührt hat mich seine Geschichte nicht.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: S. Fischer
217 Seiten, 20,00 Euro
Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

Weitere Besprechungen zu dem Buch bei: Masuko13letteratura und Literaturen