Leserbrief #10

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Lieber Sven,

den ganzen Tag suche ich schon nach einem passenden Vergleich. Es gibt genügend Beispiele aus allen Lebensbereichen, passiert ja seit Jahrhunderten leider immer wieder, dass ein Ausnahmetalent, ein echter Hoffnungsträger seine Seele verkauft. Für den schnellen Erfolg, den schnöden Mammon, für was auch immer. Im Musikbereich denke ich sofort an Coldplay, beim Sport an Mario Götze und Lukas Podolski und all die anderen, die zum FC Bayern wechselten. In meinem persönlichen Umfeld denke ich da jetzt auch an dich.

Dein erster Roman ist seit Freitag auf dem Markt. Dunkels Gesetz, ein Krimi – oder wie der Verlag sagt: „Ein moderner Noir ― für alle Fans großer Spannungsliteratur; geschrieben in den Zeiten von True Detective und Breaking Bad.“ Ok, ich kenne weder True Detective noch Breaking Bad und stehe jetzt auch nicht unbedingt auf Spannungsliteratur. Dafür kenne ich deinen grandiosen Kurzgeschichtenband Asche und die Punchdrunk-Geschichten und weiß daher, was du drauf hast. Deswegen kann ich echt nicht nachvollziehen, wie das hier passieren konnte.

Wenn ich daran zurückdenke, wie begeistert ich war, als ich deine ersten Kurzgeschichten las. Selten hat mich etwas so aufgewühlt, ich hatte Gänsehaut, einen Kloß im Hals, Tränen in den Augen – alles. Ich musste allen davon erzählen, meine Begeisterung teilen und ich hab mich gefreut, dass andere das auch so sahen. Das ist alles noch gar nicht so lange her. Und jetzt das.

Natürlich war ich nicht gerade erfreut, als ich hörte, in welche Richtung es gehen würde. Nichts Literarisches, sondern Genre. Schade eigentlich, aber klar, mit Spannung kann man natürlich mehr Geld verdienen. Große Stadien statt kleine Clubs, Championsleague statt 2. Bundesliga. Kann ich verstehen, hätte ich vielleicht auch so gemacht. Außerdem kann man ja auch im Genre-Bereich durchaus literarisch unterwegs sein. Das war meine Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob du diesen Spagat überhaupt versucht hast. Wenn ja, dann ist dir das nicht gelungen. „Dunkels Gesetz“ ist weder spannend noch besonders literarisch und wirkt auf mich wie ein ambitionierter aber insgesamt doch schlechter Sonntagabend-Tatort. Der Plot mühsam konstruiert und letztlich lahm, viel zu viele nicht trennscharfe Charaktere, kryptische Macho-Slang-Dialoge, sinnloses Gemetzel und auch sprachlich konnte es mich diesmal nicht überzeugen. Ich weiß, dass du dich um einen reduzierten Sprachstil bemühst. Nichts Überflüssiges, kein Wort, kein Adjektiv zu viel. Subjekt, Prädikat, Objekt. Hauptsatz und maximal ein Nebensatz, keine weiteren Verschachtelungen. Derart skelettiert wirken die Sätze aber auch wie tot. Wenn dann noch jeder zweite Satz mit Er oder Sie anfängt, wirkt das schnell eintönig und leider auch einfallslos.

Nein, da waren deine Kurzgeschichten einfach besser. Man hat gemerkt, dass die Storys aus dem Bauch kommen, dass du fühlst, was du da schreibst. Diese Authentizität fehlt mir hier. Dieser Roman ist eine Kopfgeburt, auf ein Format getrimmt, wie eine Auftragsarbeit für eine bestimmte Zielgruppe getextet und daher irgendwie seelenlos. Vielleicht ist die längere Prosa aber auch einfach nur das falsche Format für dich.

Ich habe wirklich lange nachgedacht, ob ich dir das alles überhaupt schreiben soll. Denn ich mag dich ja und weiß, dass du das nicht gerne lesen wirst. Auf der anderen Seite ärgert mich dieses Romanprodukt so sehr, dass ich mir einfach den Ärger von der Seele schreiben musste. Was soll ich hier schweigen oder gute Miene zum schlechten Roman machen, wenn dem nicht so ist. Lieber direkt sagen, was Ambach ist. Und überhaupt: Wer von anderen mehr Authentizität einfordert, sollte sich dem nicht selber entziehen.

Lieber Sven, egal ob dich das interessiert und du das jetzt hören willst: ich habe dir jedenfalls offen und ehrlich gesagt, was ich zu deinem Debüt zu sagen hatte. Natürlich ist das alles sehr subjektiv und von meiner persönlichen Enttäuschung geprägt. Das gebe ich gerne zu. Daher auch keine Rezension, sondern dieser Leserbrief.

Also, nichts für ungut, alter Zosse.

Es grüßt vom Niederrhein ins Rheinland
dein immer noch größter Kurzgeschichten-Fan aus dem Buchrevier

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Foto: Gabriele Luger

 

 

 

Neues vom talentierten Mr. Heuchert

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Sven Heuchert – Punchdrunk (Hörbuch).

Ich hatte den Kurzgeschichtenband Asche gelesen, war begeistert und wollte mehr. Doch da war nichts mehr, nur noch ein paar Geschichten auf seinem Blog und eine CD. Punchdrunk – ein Hörspiel, gelesen von Helmut Krauss. Kennst Du den, fragte er mich.

Helmut Krauss? Nee, muss man den kennen?

Kennst Du bestimmt! Ist Synchronsprecher von Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Schauspieler ist er auch. Herr Paschulke, den kennste doch?

Etwa der von Löwenzahn? Der Nachbar von Peter Lustig?

Sag ich doch, dass Du den kennst. Der hat das eingesprochen.

Aha – interessant (nicht wirklich), kann ich ja bei Gelegenheit mal reinhören.

Ich muss dazu sagen, ich habe noch nie in ein Hörbuch reingehört. Genauso wenig, habe ich jemals ein E-Book gelesen. Ich bin hier noch sehr old school unterwegs. Ganz anders als zum Beispiel im Musikbereich. Da bin ich in Sachen Streaming und so ganz vorne mit dabei. Meine zwei CD-Player sind jedenfalls schon vor einigen Jahren im Keller verschwunden.

Aber im Auto kann ich noch CDs hören. Und da habe ich mir Punchdrunk von Sven Heuchert angehört. Einmal, zweimal, dreimal – zwei Wochen lang immer wieder. Immer wieder eineinhalb Stunden mit Herrn Paschulke. Und jedes mal hat es mich aufs Neue fertig gemacht. Ich musste schlucken, hatte einen Kloß im Hals. Das kenne ich gar nicht von mir. Ich bin doch kein Weichei! Aber was ich da auf die Ohren bekam, hat irgendetwas tief in mir zum Klingen gebracht, mich – ich weiß noch nicht wieso und warum, aber in jedem Fall – tief bewegt.

Worum geht es in Punchdrunk? Der Ich-Erzähler kommt nach einigen Jahren im Ausland in seine Heimatstadt zurück. Er war in Portugal gewesen, hat für einen gewissen Keith Eismaschinen ausgeliefert. Doch jetzt ist er wieder da. Und alle anderen sind auch immer noch da. Die alten Kumpels stehen im „Schmalen Handtuch“, der alten Stammkneipe und wollen wissen, ob er schon bei seinem Alten war. Nee, war er nicht, aber da will er noch hin. Der Alte ist im Knast, hat im Suff seine Freundin erschlagen. Der traurige Höhepunkt eines Säufer- und Schlägerlebens.

Auf dem CD-Cover steht es ganz treffend: „Eine Geschichte über Loyalität und Schicksal. Über das Weggehen und das Wiederkommen.“ Wir bekommen Einblicke in ein zerstörtes Leben. Boulevard of broken Dreams. Männlich durch und durch: Boxkämpfe, Sauftouren, Puff- und Knastbesuche. Alles in klaren, eindringlichen Sätzen auf den Punkt gebracht. Sensibel und gleichzeitig kraftvoll. Jeder Satz sitzt. Trägt Stimmung, transportiert Gefühle, aber ohne rührselig zu werden. Helmut Krauss’ Stimme passt perfekt, bringt die Stimmung wunderbar rüber. Gänsehaut pur.

Das muss man sich einfach mal anhören. Ich habe hier mal eine Hörprobe eingestellt. In dieser Szene besucht der Ich-Erzähler seinen alten Herrn nach drei Jahren zum ersten Mal im Knast. Ganz besonders bewegt hat mich die Passage, wo er über seine Mutter erzählt.

https://soundcloud.com/svenheuchert/punchdrunk3

Ich gebe zu, Heucherts Settings und Sprache sind nicht unbedingt jedermanns Sache. Manch einem ist sein Stil bestimmt zu direkt, zu derb, zu brutal, einfach zu viel Gosse. Aber genau das ist seine Stärke. Er bringt das alles so authentisch rüber, dass man das Gefühl hat, den Alkohol, die Zigaretten, den Schweiß der Akteure förmlich zu riechen. Das kann man kaum ertragen, es zerrt an den Nerven. Ich brauchte ab und zu mal eine Pause zwischen den Kapiteln, ein wenig frische Luft bevor ich wieder in diese kaputte Welt einsteigen konnte.

Ja, ich finde Sven Heuchert gut, sehr gut, und ich verstehe überhaupt nicht, dass er nicht schon längst in aller Munde ist. Selten war ich von einem Newcomer so begeistert, und ich wünsche ihm endlich den Erfolg, den er verdient. Sein Verlag soll sich bitte mal ins Zeug legen und ihn angemessen fördern, die Werbetrommel rühren und dafür sorgen, dass so viele wie möglich in den Genuss dieses außergewöhnlichen Literaturerlebnisses kommen.

Die Punchdrunk-Hörbuch CD kostet 12,50 € und kann bisher nur direkt beim Autor bestellt werden: www.sven-heuchert.de

Buchrevier-Leser haben die Möglichkeit, eine von drei Punchdrunk-CDs zu gewinnen. Dafür einfach diesen Beitrag liken, teilen oder kommentieren.

Sven Heuchert – Asche

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Ich hab jetzt schon vier erste Sätze geschrieben. Mit dem hier sind es Fünf. Und immer noch bin ich nicht zufrieden. Das ist es nicht. Das wird dem Buch nicht gerecht. Aber ich muss mir jetzt auch keinen abbrechen, muss jetzt keine Hammer-Rezension raushauen. Nur weil ein gewisser Sven Heuchert, so ein tätowierter Enddreißiger, mit Bart, engen Hosen und Hut, ein Nobody, ein unbeschriebenes Blatt – nur weil dieser Typ jetzt zufälligerweise ein Hammer-Buch geschrieben hat. Sein Erstes wohlgemerkt und dazu auch noch Kurzgeschichten, keinen Roman. Ach, was sage ich? Nein, keine Kurzgeschichten, auch keine Erzählungen, sondern: Stories. Das klingt cooler, so steht es auf dem Cover und so soll es auch sein. Denn diese Stories sind mit Abstand das Coolste und Abgefahrenste, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

Aber jetzt mal der Reihe nach. Sven Heuchert kommt nicht aus Berlin und wohnt und arbeitet auch nicht dort. Und er hat es trotzdem drauf. Das allein ist schon mehr als bemerkenswert. Wie soll das gehen? Weiß ich auch nicht. Er scheint eine dieser berühmten Ausnahmen zu sein. Laut Klappentext ist er „geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Ausbildung, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte ‚Zinn 40’ noch in der Schule. Mit 19 Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen, Rückkehr in die Provinz. Keine Preise.“

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Für diese Kurzvita allein müsste man ihn schon lieben. Herrlich sympathisch, kein aufgesetzter Fatzke, keiner dieser Hildesheimer, sondern ein echter Bro, ehrlich, authentisch, spannend. So wie die Protagonisten seiner Stories. Typen aus der rheinländischen Provinz. Einige davon in Arbeit, alle mit kleinen und größeren Niederlagen in der Vita, alle authentisch und spannend, alle keine Preise. Es wird gesoffen, geraucht, gevögelt und in die Fresse gehauen – typische Männergeschichten möchte man meinen. Und nun ja, warum soll man es abstreiten? Ja, das sind schon typische Männergeschichten. Vom unteren Rand der Gesellschaft, dort wo man sich als Akademiker eigentlich nur theoretisch auskennt. Da wo alles etwas einfacher gestrickt ist, Männer Knastgeschichten erzählen, ihren Klischees fröhnen dürfen und Frauen das auch noch gut finden.

Und doch ist Heuchert kein neuer Bukowski. Auch wenn Fans vom guten alten Henry Chinaski die Geschichten von Sven Heuchert super gut gefallen würden. Er selbst verortet sich irgendwo zwischen Raymond Carver und Jörg Fauser. Ich würde noch Ralf Rothmann nennen wollen aber damit soll es auch genug der Vergleiche sein. Heuchert hat diese Vergleiche nicht nötig, denn er hat es einfach drauf – einfache, verdichtete Sprache, keine komplizierten Settings, in die man sich erst reindenken muss. Er kommt bei jeder Geschichte sofort zur Sache. Nach spätestens einer halben Seite ist man in der Story. So müssen Kurzgeschichten sein – Verzeihung – so müssen Stories sein.

Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann den Titel des Erzählbandes. „Asche“ – das klingt in meinen Ohren zu sehr nach Simon Beckett und führt den oberflächlichen Betrachter komplett auf die falsche Fährte. Hier bei Heuchert ist nichts geheimnisvoll und mysteriös. „Bitumen“, „Belgische Schokolade“ oder „Die schönen Frauen von Hangelar“ – das wären in meinen Augen wesentlich bessere Titel für dieses grandiose Debüt gewesen. Aber egal. Das sind alles nur Kleinigkeiten. Und sonst habe ich eigentlich nichts zu meckern.

Ich verbeuge mich vor diesem großen Talent und es bleibt mir nichts anderes zu sagen, als dass ich mit Sven Heuchert, bevor er ein großer Star wird, gerne noch ein paar Bierchen trinken würde.

Titelfoto: Sven Heuchert