Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

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Wenn wir über dieses Buch reden, dann bitte nicht über die Geschichte, die es erzählt. Denn die ist ziemlich durchschnittlich und schnell erzählt. Eine Romanheldin namens Alma, die sich auf der Suche befindet – wie so oft in der erzählenden Literatur – in erster Linie nach sich selbst. Es geht mal wieder um Herkunft, um Kindheit und Erwachsenwerden, um Eltern und Großeltern. Da ist vieles unklar, Dinge, über die all die Jahre nicht viel gesprochen wurde. Vergangenheit, die totgeschwiegen wurde, wie die Rolle des Großvaters im Krieg, die Jahre in russischer Gefangenschaft, aus der er als schweigsamer und für den Rest seines Lebens in sich gekehrter Mann zurückkehrte. Im Reisegepäck die Schuld, die als dunkles Geheimnis von Generation zu Generation weitervererbt wird, mit Fragen zu Verantwortung und Sühne.

So weit, so konventionell. Über solche Themen habe ich gefühlt schon mehr als hundert Romane gelesen. Nein, wegen der erzählten Geschichte muss keiner dieses Buch lesen. Sie ist lediglich die Trägerlösung für etwas, das viel kostbarer und bereichernder ist und diesen Roman trotz des durchschnittlichen Plots zu einem Meisterwerk macht: die Sprache. Lasst uns daher, wenn wir über dieses Buch reden, nicht über das Was, sondern über das Wie reden.

Das, was bereits den ersten Roman von Valerie Fritsch auszeichnete, hat mich auch hier wieder zum Niederknien gebracht hat. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Sprachgefühl, vor dieser lässigen Virtuosität, die an keiner Stelle gewollt, aufgesetzt und gekünstelt wirkt. Jeder Satz sitzt, ist wohlüberlegt, aber niemals konstruiert. Mal kunstvoll verschachtelt, dann wieder kurz und auf den Punkt. Aneinander gefügt beginnen die Sätze zu klingen, formen sich zu einer Melodie, deren Schönheit man erst richtig erkennt, wenn man sie sich laut vorliest. Und so habe ich auch diesmal wieder ganz für mich allein oben in meinem Kämmerchen gesessen und mir diesen wunderbaren Roman laut vorgelesen.

Und ja, das ist natürlich ein ganz anderes Lesen: anstrengender, fordernder. Die Lektüre dauert länger, denn man braucht erst die richtige Lesestimmung, muss sich einlassen können, bereit und willens sein, sich in diese wattigen Sätzen fallen zu lassen, in das Meer aus Metaphern und Allegorien einzutauchen. Hier und da musste ich bemerkenswerte Sätze unterstreichen, besonders schöne Absätze zweimal lesen – auch das hindert beim Fortkommen, was in diesem Fall auch gar nicht das Ziel ist. Denn schon bald war klar, dass ich dieses Buch gar nicht beenden, sondern möglichst lange in diesem wunderschönen Sprachkosmos verharren wollte. Denn die Welt da draußen braucht gerade den Trost schöner Worte.

Auch zwei Wochen nachdem ich die Lektüre beendet habe, liegt dieser Roman immer noch griffbereit neben dem Lesesofa. Den Plot habe ich fast schon wieder vergessen, nicht aber den damit verbundenen Lesegenuss. Ab zu nehme ich das gerade mal 170 Seiten umfassende Buch in die Hand, schlage irgendeine Seite auf und lese nochmal einen Absatz. Egal wo man landet, es ist immer besonders, immer wunderschön.

Wenn ich das sprachlich-literarische Talent von Valerie Fritsch vergleichen sollte, dann würde ich sie in einem Atemzug mit Bodo Kirchhoff und Martin Walser nennen. Auch wenn diese beiden Männer auf der literarischen Langstrecke der jungen Österreicherin noch einiges voraus haben, so punktet Fritsch im Gegenzug mit ihrem frischen und ungekünstelten Stil. Ihre Sprachgewandtheit wirkt jung und modern, und bei ihr hat man zu keiner Zeit das Gefühl, dass da jemand seine Formulierungsfähigkeit unter Beweis stellen will und den ersten Preis im verschachtelten Sätzeklopfen gewinnen möchte.

Mein Fazit: kein Buch für Leser, die Plot-getriebene Bücher mögen, eine spannende Geschichte  oder ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema brauchen, um dran zu bleiben. Aber alle, für die Sprache eine Kunst ist, Worte Tiefe haben, Sätze eine Melodie und Seiten einen Klang – für die ist Valerie Fritsch die Königin, ein ganz besonderer Genuss und absolutes Must-read.

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Foto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
175 Seiten, 20,00 €

Valerie Fritsch – Winters Garten

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Bevor ich auf dieses kleine Meisterwerk eingehe, muss ich ausnahmsweise mal aus meinem eigenen Blog zitieren. Ich schreibe hier für Menschen, „denen es wichtig ist, dass sie lesen und was sie lesen … Die nicht nur lesen, um etwas über Länder, Schicksale und das Leben zu erfahren, sondern auch über sich selbst. Für die Geschichten mehr sind als nur Ereignisse. Für die Sprache eine Kunst ist, Wörter Tiefe haben, Sätze eine Melodie und Seiten einen Klang“.

Wenn das, was ich da unter „reading man“ geschrieben habe, überhaupt für eines der vielen hier vorgestellten Bücher gilt, dann für Valerie Fritsch und Winters Garten. In diesem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman ist all das aufs Feinste umgesetzt. Hier hat jedes Wort Bedeutung und Tiefe, Sätze eine Melodie und jede Seite einen Klang. Und was für einen Klang – ein Orchesterwerk, eine Sinfonie, ein einfach nur selig stimmender Lesegenuss.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so ein sprachgewaltiges Werk in den Händen gehalten habe. Immer wieder habe ich meinen Bleistift gezückt und Sätze angestrichen. Formulierungen, die mir gefielen, die mich begeisterten, bewegten, etwas in mir zum Klingen brachten. Irgendwann habe ich angefangen, ganze Seiten zu markieren, denn das hörte gar nicht mehr auf mit den perfekten Sätzen. Kurze prägnante Sätze, lange verschachtelte Sätze, ungewöhnliche Sätze. Konstruktionen, die mich beim Lesen immer wieder überraschten, mit Schlenkern und Einschüben, die ich so nicht erwartet hätte. Valerie Fritsch hat einen Schreibstil, eine Kunstfertigkeit, die man anschauen und bewundern aber nicht lernen kann. Denn um so etwas abzuliefern, muss man mehr als nur gut schreiben können, braucht man mehr als nur Talent – man braucht Virtuosität.

Ich weiß, ich trage jetzt sehr dick auf, aber ich bin auch wirklich sehr, sehr angetan. Dabei tat ich mich zunächst schwer, in das Buch reinzukommen. Die Sprache hat mich zwar sofort eingenommen, aber ich irrte auf den ersten 50 Seiten noch durch das Setting, suchte in den wortgewandten Beschreibungen nach dem Plot, nach Informationen zur angedeuteten Katastrophe, nach Sinn und Zweck. Aber man wird nicht richtig fündig.

Die eigentliche Geschichte ist in wenigen Sätzen erzählt. Der Protagonist Anton Winter ist auf einem Landgehöft mit einem großen, idyllischen Garten aufgewachsen. Eine Art Familien-Kommune, wo Kinder, Eltern, Onkel, Tanten und Großeltern ein wunderbar naturnahes Leben führten. Man erfährt nicht, in welchem Land und in welcher Zeit die Geschichte spielt. Irgendwo in der Nähe ist eine Stadt am Meer, wo Anton als Erwachsener hinzieht. Er ist Vogelzüchter und wohnt in einem verglasten Kubus auf dem Dach eines Hochhauses. Als die Handlung dorthin schwenkt, ist die Welt plötzlich verloren. Irgendetwas ist passiert, alle Ordnung, alle Hoffnung zerstört. Zootiere laufen auf den Straßen herum, Menschen bringen sich in Verzweiflung um, kein Strom, kein Wasser – Endzeitstimmung. In der dem Untergang geweihten Stadt trifft Anton schließlich Friederike, die erste und einzige Frau in seinem Leben. Beide erleben eine intensive Liebesromanze. Im Angesicht des drohenden Untergangs kehrt Anton zurück in den Garten seiner Jugend. Dort schließt sich der Lebenskreis und die Welt geht unter.

Ja, das ist in aller Kargheit der Plot von Winters Garten. Mehr gibt es beileibe nicht zu erzählen. Dabei wird klar, dass dies kein Roman für Menschen ist, die eine treibende, spannungsgeladene Geschichte mit viel Hintergrunddetails über Land und Leute erwarten. Valerie Fritsch tut uns nicht den Gefallen über die sicherlich sehr interessanten Verwicklungen, die letztlich zum Weltuntergang geführt haben, zu berichten. Stattdessen erfahren wir, wie es im Garten gerochen hat, sehen den Schmetterlingen zu, wie sie von Blüte zu Blüte flattern, um sich letztlich im wunderschönstem Gegenlicht auf dem leuchtenden Haarkranz eines Mädchens niederzulassen.

Als ich irgendwann verstanden hatte, dass die Autorin mir die Informationen zu Ort und Zeit, warum und wieso der Handlung nicht geben wird, konnte ich mich endlich auf die Sprache richtig einlassen. Und nachdem es keinen Sinn mehr machte, jeden bemerkenswerten Satz, jede außergewöhnliche Seite mit Bleistift zu markieren, bin ich dazu übergangen, laut zu lesen. Das mache ich sonst nur bei Gedichten. Aber hier steigerte das laute Lesen noch einmal den Lesegenuss. Der Klang der Wörter, die Melodie der Sätze dringt so viel besser zu einem durch.  Wie im Rausch las ich bis spät in die Nacht die letzten Seiten. Tief bewegt legte ich das Buch aus den Händen, mit dem Gefühl, gerade etwas wirklich Außergewöhnliches erlebt zu haben.

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Titelfoto: Gabriele Luger

Verlag: Suhrkamp
154 Seiten, 16,95 €
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