Leserbrief #1

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Lieber Martin,

entschuldigen Sie bitte, dass ich diese Abiturienten-Anrede verwende: Vorname und gleichzeitig Siezen. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Denn zum Einen sind sie mir seit Jahren so vertraut, dass der Vorname mir ganz selbstverständlich über die Lippen kommt. Gleichzeitig bin ich so voller Respekt – vor Ihrem Lebenswerk, ihrem Können und natürlich auch Ihrem Alter, dass das Siezen mir als die einzig angemessene Form der Anrede erscheint.

Nun ja, aber warum schreibe ich Ihnen? Beinahe hätte ich gesagt, dass ich Ihnen schon immer mal schreiben wollte, dass wir uns grundsätzlich alle viel zu wenig schreiben. Doch das stimmt gar nicht. Weder das eine, noch das andere. Eigentlich hatte ich noch nie das Bedürfnis, Ihnen zu schreiben. Ich bin keiner dieser Leserbriefschreiber, muss nicht immer alles kommentieren, allen meine Meinung aufdrängen. Auch wenn ich anderer Ansicht bin, kann ich Dinge einfach mal so stehen lassen. Ich spreche darüber mit meiner Frau, wir diskutieren ein wenig und dann ist es erledigt. Und seien wir mal ehrlich – schreiben tun wir ja alle heutzutage mehr als genug. Statt zu telefonieren, statt miteinander zu sprechen, posten und chatten wir uns um Kopf und Kragen.

Nein, ich kam auf die Idee, Ihnen zu schreiben, weil in Ihrem neuen Roman auch so viel geschrieben wird. Ich meine jetzt nicht Sie, Martin, natürlich nicht. Das ist ja klar, dass Sie das alles schreiben mussten. Sonst gäbe es für mich ja nichts zu lesen. Nein, ich meine natürlich Ihre Protagonisten, den Theo und die Sina, wie sie sich schreibend hochschaukeln, erst auf Papier, mit richtigen Briefen – Briefmarke drauf und ab in die Post. Danach, als sie langsam in Fahrt gekommen sind, nur noch per E-Mail und SMS, weil es schneller geht, weil die Erregung nach sofortiger Befriedigung verlangt.

Da dachte ich mir, schreib dem Martin mal einen Brief. Schreib ihm doch mal, wie sehr es dich langweilt, seit Jahren immer wieder den gleichen Roman von ihm zu lesen. Sprachlich gewohnt top, aber mit diesen alten Egos, die nicht zur Ruhe kommen und auch im hohen Alter ihren Hosenfrieden noch immer nicht gefunden haben. Uuups, ja so deutlich muss man es jetzt mal sagen. Richard Kämmerlings umschreibt es in der WELT ja ganz charmant und nennt Sie einen Erotomanen. Man könnte so jemanden aber auch weniger charmant als Lustgreis bezeichnen.

Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, lieber Martin, und es geht mich eigentlich ja auch gar nichts an. Aber ist es wirklich so? Hat man im hohen Alter nicht ein paar andere Themen, die einen beschäftigen? Hört das mit den Hormonen denn nie auf? Oder warum müssen in jedem ihrer letzten Romane immer wieder greise Protagonisten im Liebeswahn attraktiven Mitfünfzigerinnen hinterherhecheln? Ja, ich weiß, es ist eines Ihrer zentralen Themen: die Unmöglichkeit der Liebe. Ich habe dazu schon sehr viel von Ihnen gelesen und mittlerweile verstanden, dass lebenslange Liebe zwischen Mann und Frau nicht möglich ist, diese Unmöglichkeit aber wiederum vieles möglich macht. So verquer denken Sie, so schreiben Sie, so mag ich es ja eigentlich auch. Aber bitte nicht immer wieder jedes Jahr aufs Neue.

Als ich mir Ihr Buch gekauft habe, postete ich davon ein Foto auf Facebook. Darunter kommentierte ein Blogger, dass Sie vor zwanzig Jahren besser aufgehört hätten, Romane zu schreiben. Das hat mich natürlich sehr empört, ganz besonders, weil es dann mein Lieblingsbuch von Ihnen „Der Lebenslauf der Liebe“ nicht gegeben hätte. Aber nach der Lektüre Ihres aktuellen Werks, das ich wie auch die letzten drei Romane nach dem zweiten Drittel einfach nicht mehr weiterlesen wollte, muss ich zähneknirschend zugeben, dieser Facebook-Kommentator hat gar nicht mal unrecht.

Lieber Martin, eines noch: Der Titel ihres neuen Romans hat mich erschreckt. Auch, dass sich Ihr Protagonist in Suizidforen herumtreibt, erfüllt mich mit großer Sorge. Sie werden sich doch wohl nicht den alten Fritz J. zum Vorbild nehmen? Dabei fällt mir ein: mochten Sie sich eigentlich? Standen Sie sich nahe? Oder wurde auch da das Tischtusch schon vor Jahren zerschnitten?

Wenn ich mir eines noch von Ihnen wünschen dürfte, dann wäre es ein letzter, großer, bedeutender Abschiedsroman. Ein Roman, der die durchschnittlichen Machwerke der letzten Jahre einfach vergessen lässt. Mit einem jungen Protagonisten, der einen drei- oder wenigstens zweisilbigen Nachnamen hat und das Unmögliche möglich macht. Sie wieder dahin zu führen, wo sie eigentlich hingehören: in die Ruhmeshalle der deutschen Literatur.

Herzlichst grüßt Sie Ihr ergebenster

Leser aus dem Buchrevier