Hans Fallada – Jeder stirbt für sich allein

Das hatte ich schon lange nicht mehr. Beim Lesen so vereinnahmt zu werden, dass man völlig in die Handlung eintaucht, alles miterlebt und mitfühlt. Dass man sich fragt, wie man sich wohl verhalten hätte, damals im dritten Reich. Ob man wohl den Mut gehabt hätte, sich zu wehren, gegen den Stumpfsinn, die kulturlose Barbarei? Ob man es gewagt hätte, dem schreienden Nazi einfach mit der Faust ins Gesicht zu schlagen? So wie ich es mir beim Lesen tausendmal gewünscht habe – im Jahr 2011, sicher und bequem auf meinem heimischen Sofa.

Nein, das passiert einem nicht oft, dass man solch ein Buch in die Hände bekommt. Von einem begnadeten Erzähler, der einem zwar vom Namen her seit vielen Jahren bekannt ist, von dem ich aber noch nie ein Werk gelesen habe. Da müssen erst die Amerikaner kommen, mit ihrem Faible für spannende Geschichten aus der Nazizeit, damit wir Deutschen einen unserer ganz großen Autoren wieder lesen und würdigen.

"Gedenktafel Amsterdamer Str 10 (Wedd) Elise und Otto Hampel" by OTFW, Berlin - (own). Licensed under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0-2.5-2.0-1.0 via Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_Amsterdamer_Str_10_(Wedd)_Elise_und_Otto_Hampel.jpg#mediaviewer/File:Gedenktafel_Amsterdamer_Str_10_(Wedd)_Elise_und_Otto_Hampel.jpg

„Gedenktafel Amsterdamer Str 10 (Wedd) Elise und Otto Hampel“ by OTFW, Berlin – (own).

Auch ohne ihn zu kennen, hatte ich eine Meinung zu Fallada. Für mich war er so etwas wie der Simmel oder Konsalik der deutschen Kriegsjahre. Gepflegte Unterhaltung auf durchschnittlichem Niveau. Aber weit gefehlt. Dieser Roman Falladas ist ganz große Literatur. Da stimmt wirklich alles. Unterhaltung, Anspruch, literarisches Niveau. Ich wüsste nicht, was man bei diesem Roman hätte anders, besser machen können. Das Werk ist perfekt, spannend wie ein Thriller und aufgrund des realen Hintergrundes der Geschichte emotional sehr aufwühlend. Immer wieder musste ich beim Lesen zu den im Anhang abgedruckten Gestapo-Fotos des Ehepaares Quangel/Hampel blättern. Lange habe ich in die Gesichter gesehen, die einen mit jeder Seites des Romanes immer vertrauter erschienen. So vertraut und ans Herz gewachsen, dass ich zum tragischen Ende der Geschichte, den Tränen nahe war.

Das hatte ich schon lange nicht mehr. Das ist Lesevergnügen auf ganz hohem Niveau. Das kann ich nur jedem weiterempfehlen.

Gelesen: März 2011
Beitragsfoto: Gabriele Luger
Foto oben : Screenshot aus Spiegel-Online Video:

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