Gebrauchsanweisung für Literaturblogger

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Warum sind lesende Männer in der U-Bahn eigentlich so cool und sexy? Weil sie dort meistens vernünftig angezogen sind und man Ihnen nur maximal zehn, fünfzehn Minuten gegenübersitzt. Weil man nicht mitbekommt, wie sie am Freitag nach Hause kommen, sich ihre Schlumpfhose anziehen, die Kuscheldecke schnappen und für den Rest des Wochenendes mit einem Buch auf dem Schoß in ihrer Leseecke auf dem Sofa rumgammeln.

Dort sitzen sie dann und lesen – stundenlang. Reicht man Ihnen einen Tee, nehmen sie ihn gerne an. Auch Obst (fertig geschält) und Gebäck darf gerne gereicht werden. Wird staubgesaugt, heben sie hilfsbereit die Beine und reichen auch leere Joghurtbecher an. Ja, sie sind eigentlich nette Kerle. Wenn man sie in Frieden und einfach nur lesen lässt, hat man nichts zu befürchten. Unwirsch werden Literaturblogger nur, wenn man den Fernseher anschaltet oder fragt, ob man nicht mal wieder zusammen ins Kino gehen sollte oder alternativ auch Freunde besuchen.

Dann verziehen sie sich nach einem kurzen Wortwechsel mit den ewig gleichen Argumenten (was an Buchblogger hast Du nicht verstanden?) beleidigt mit ihrer Kuscheldecke ins Ausweichquartier und lesen da weiter. Dort sollte man sie dann tunlichst nicht mehr stören und abwarten, bis sie irgendwann Sonntag Abend von allein wieder in Erscheinung treten. Hast Du das Buch fertig? Ja, war aber blöd.

Wenn ein Buch gerade ausgelesen, die entsprechende Rezension noch nicht in Arbeit ist und auch die nächste Lektüre noch nicht begonnen wurde, gibt es einen Zeitslot von einigen wenigen Stunden, in denen Literaturblogger ansprechbar für kleinere Alltagsangelegenheiten sind, wie zum Beispiel Reparaturen im Haushalt. Aber auch Fragen der mittel- und langfristigen Lebensplanung (wollen wir noch ein Kind oder lieber in Urlaub fahren?) bieten sich in dieser Zeit zur Klärung an.

Urlaube mit Literaturbloggern sind übrigens meistens sehr entspannt. Ein schattiges Leseplätzchen am Strand oder Hotelpool zum Lesen genügt vollkommen. Wenn das Wetter nicht so gut ist, liest man halt im Hotelzimmer. Reicht man ihnen einen Longdrink, nehmen sie ihn gerne an. Auch diverse Speisen, kleine Snacks und Nachtisch vom Buffet sind jederzeit willkommen. Unwirsch werden sie, wenn das Animationsteam mit der Wassergymnastik beginnt oder der Partner einen Tagesausflug vorschlägt (was an Urlaub hast Du nicht verstanden?).

„Dann lass ihn doch einfach lesen“, sagt die beste Freundin. „Ich wäre froh, wenn Meiner das tun würde. Dann wüsste ich zumindest immer wo er ist. So wie Deiner, hier auf dem Sofa mit dem Buch. Da macht er keine Dummheiten und du hast ihn immer im Blick“.  Aber das Lesen ist ja nur die halbe Miete, heißt es dann. Richtig anstrengend wird es, wenn es ans Schreiben geht. Wenn ihm nichts einfällt, er frustriert und schlecht gelaunt durch die Wohnung tigert, immer wieder in den Kühlschrank schaut, sich einen Joghurt, danach ein Bier holt und sich mit einem Seufzen zu einem setzt. Dann ist Vorsicht geboten. Jetzt bloß nicht das Falsche sagen. Wie zum Beispiel: „Jetzt mach doch mal Pause und lass uns einfach ein wenig TV schauen“. Auch falsch wäre: „Musst Du denn über dieses Buch überhaupt etwas schreiben? Zwingt dich doch keiner.“ Am besten, man sagt irgendetwas Unverfängliches und wartet bis er wieder abhaut.

Ist der leidige Text dann endlich geschrieben und online gestellt, hat man einen Zeitslot von entspannten zehn bis zwanzig Minuten, bis die ersten Likes und Kommentare aufpoppen. Dieses Zeitfenster sollte man nutzen, um mal Grundsätzliches in der Beziehung anzusprechen. Soll das jetzt eigentlich ewig so weitergehen? Meinst Du, mir macht das Spaß, meinen Mann immer nur auf dem Sofa sitzen zu sehen? Einen Mann, mit dem man sich noch nicht einmal unterhalten kann? Weil er entweder gerade liest oder gerade schreibt oder nachschaut, wie oft sein blöder Beitrag angeklickt wurde? Andere Männer gehen zum Sport, fällen Bäume, reparieren Motorräder oder haben eine Geliebte“.

Das hat gesessen. Der Literaturblogger schaut seine Frau entgeistert an. „Soll ich mir eine Geliebte nehmen?“ Nein, Du sollst einen Baum fällen, den tropfenden Wasserhahn reparieren, zum Sport gehen – Männersachen machen“. Das Handy tutet, die ersten Kommentare zum gerade veröffentlichten Blogbeitrag trudeln ein. Das Zeitfenster hat sich geschlossen. Bevor er zum Rechner zurückgeht, um den Beitrag auch bei Facebook und Twitter einzustellen, reicht sie ihm noch eine Apfelsine, die sie gerade geschält hat.

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Titelfoto: Gabriele Luger

 

 

 

17 thoughts on “Gebrauchsanweisung für Literaturblogger

  1. Wie bekomme ich jetzt das Grinsen, welches mir dein Beitrag ins Gedicht getackert hat, wieder weg? Herrlicher Beitrag, mitten aus dem Leben eines männlichen Literaturbloggers.
    Ich geh dann mal wieder Bäume fällen, schließlich braucht es auch Papier, mit denen man die zu lesenden Bücher füllen kann.
    Gruß
    Marc

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  2. Bei den Frauen ist es wahrscheinlich nicht so schlimm und man müßte jetzt untersuchend, ob die Bloggerinnen Familie und Kinder haben oder Single sind?
    Bei Ersteren muß wahrscheinlich das Mittagessen gekocht werden und den Kindern bei den Aufgaben geholfen.
    Ich bin verheiratet, habe eine erwachsene Tochter, einen Mann der von sich aus kocht und lese in der Badewanne, am Morgen meistens ein zwei Stunden, dann blogge ich darüber, wenn das Buch fertig ist. Die Kommentare sind kein Problem, so ist das Zeitfenster lang genug, am Roman weiterzuschreiben, den Beruf auszuüben, aufzuräumen, etcera.
    Ich finde lesende und bloggende Männer toll, breche aber nicht bewundernd zusammen, wenn ich mal einen Mann mit einem Buch in der U-Bahn sehe und sexy, das habe ich schon geschrieben, finde ich sie eigentlich auch nicht!

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      • In der Badewanne lesen ist das GRÖSSTE, aber (Lesen generell, bitte) nur Papier! Am liebsten mit einem Glässchen Sekt dabei … nur leider viel zu selten, zeitlich, und nie (außer mal Wochenends) am Morgen, um die Zeitflexibilität beneide ich Dich!

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      • Sekt nur selten und natürlich nur Papier, aber das versteht sich bei mir fast von selbst und außerdem erspart das außerdem teure Thermenaufenthalte oder Strandurlaube

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  3. „Musst Du denn über dieses Buch überhaupt etwas schreiben? Zwingt dich doch keiner.“
    Das kenne ich sehr gut, und eine richtig gute Antwort gibt’s leider nicht darauf – jedenfalls keine, die die Fragende versteht!
    Schöner Text, danke.

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  4. Danke für den Beitrag auf den ich – fb macht’s möglich – ohne Mariki nie gestoßen wäre. Ich hab zwar keinen bloggenden Gatterich, dafür bin ich zuständig (und nur selten über Bücher), aber lesen können wir beide gut und (vermutlich unter anderem) deshalb hält das dann auch schon 35 Jahre 😉

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