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5 Themen, mit denen ein Romanautor immer richtig liegt

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Wer meint, Mode und Kosmetik wären ein oberflächliches Geschäft, kennt den Literaturbetrieb noch nicht. Hier ist die Halbwertzeit von Themen und Trends, Stars und Sternchen noch geringer, der Wandel noch rasanter, die Gier nach dem neuesten heißen Scheiß einfach unermesslich. Was im Frühjahr in Leipzig noch hipp und trendy ist, wird in Frankfurt nur noch mit langen Fingern aus dem letzten Regal gezogen. Und umgekehrt.

Aber so ein paar Themen sind dabei, die haben sich etabliert, die hat man im letzten Jahr gelesen, die wird man auch in diesem und vielleicht sogar im nächsten Jahr noch lesen. Wer also gerade einen Roman schreibt und auf Nummer sicher gehen will, sollte mal einen Blick auf diese Liste werfen.

1.Migration

Das derzeit ultimative Topthema. Morgens ist es die erste Meldung im Radiowecker, abends die letzte im Nachtjournal. Europa baut wieder Grenzzäune, die Stammtische haben Schaum vor dem Mund, und der tolerante und weltoffene Bildungsbürger braucht dringend Content für seine Überzeugungsarbeit. Schon im letzten Herbst kamen die ersten Bücher auf den Markt, und jetzt im Frühjahr ist es der Megatrend schlechthin. Bücher von Migranten, Bücher über Migranten, Flüchtlinge von heute, Flüchtlinge von gestern. Die bunte Republik Deutschland braucht Geschichten, Anschauungsmaterial, Trost- und Mutmach-Storys, Futter für die kulturpolitischen Debatten. Und wer in seinem Umfeld überhaupt noch keinen Flüchtling bewusst wahrgenommen hat, kann wenigstens sagen: Ich habe ein Buch darüber gelesen. Ich weiß Bescheid.

2.Dystopie

Ist es nur ein dummer Zufall, dass mit dem Thema Migration auch das Thema Dystopien zu trenden scheint? Ich habe allein im letzten halben Jahr drei handfeste literarische Weltuntergangsszenarien gelesen, und drei weitere liegen noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Na klar, Weltuntergänge haben was und sind eigentlich das Megathema seit es Bücher gibt. Bereits in der ersten Ausgabe der Bibel, dem sogenannten Alten Testament, gibt es diese krasse Blockbuster-Geschichte, wo ein Vorfahre von Bruce Willis uns allen mit einer selbstgebauten Arche noch mal in letzter Minute den Arsch rettet. Aber das Thema funktioniert nur, wenn die Dystopie schön allgemein gehalten wird. Wer zu konkret wird, macht sich angreifbar. Warum und wieso ist egal. Die Welt geht unter. Punkt.

3.Ängste

Wir sind alle verschieden, leben unterschiedliche Lebensentwürfe, sind jung, sind alt, Mann oder Frau – aber an einem Punkt sind wir alle gleich: Wir alle haben Ängste. Kleine Ängste, große Ängste, bewusste und unbewusste Ängste. Welche, die wir täglich überwinden und welche, die uns immer wieder blockieren. Die Angst zu versagen, die Angst zu sterben, die Angst vor der Angst. Das ist natürlich ein herrliches Thema für die Literatur. Besonders bei jungen Frauen sind Ängste jeder Art als Topic sehr beliebt. Julia Wolf, Simone Lappert, Judith Herrmann, Sarah Kuttner – sie alle haben im letzten Jahr einen Ängste-Roman geschrieben. Und das sind nur die, die ich gelesen habe. Während bei den Frauen die Ängste oft sehr diffus, individuell und allumfassend sind, sind männliche Ängste dagegen sehr konkret. Ob Walser, Kirchhoff, Kundera oder Houellebecq – die Protagonisten dieser großen Romanciers kennen prinzipiell alle nur die eine Angst: irgendwann keinen mehr hoch zu bekommen. Gänsehaut pur.

4. Wehmut

Migration, Dystopie, Ängste – das sind alles sehr gewichtige Themen. Dementsprechend schwer liegt einem die Lektüre solcher Bücher im Magen. Zur Abwechslung brauche ich dann mal etwas Leichtes. Ein Buch, bei dem ich auch mal unkonzentriert sein darf, mich verlieren kann und ein paar Seiten später schmunzelnd wiederfinde. Und was ist da besser geeignet, als ein paar Jahre zurückzureisen. In eine Zeit, die noch gar nicht so lange her zu sein scheint, an einen Sehnsuchtsort, den wir immer noch wie unsere Westentasche kennen und zu Menschen, die uns nicht aus dem Kopf gehen, obwohl wir sie seit Jahren nicht gesehen haben. Je älter man wird, desto stärker bewegt einen die Wehmut nach der eigenen Vergangenheit. Und daher gibt es in letzter Zeit auch jede Menge solcher Tom Sawyer-Geschichten für Erwachsene. Tschick und Auerhaus sind erfolgreiche Beispiele solcher Wehmuts-Literatur. Aber auch Knausgard und Andreas Meier bedienen diesen Markt und erzählen von Lausbubenstreichen, der ersten Liebe, dem ersten Joint und der Musik von damals. Als Autor muss man nur ein paar Impulse setzen, und schon startet beim Leser das Kopfkino. Und das hat mitunter so eine Kraft, dass selbst die härtesten Literaturkritiker butterweich werden, alles um sich herum vergessen und meinen, das wäre ein Buch, auf das sie ihr ganzes Leben schon gewartet hätten. Hallo? Bitte wieder aufwachen! Wir haben 2016 – leider.

5. Leere

Mit jedem Jahr Leseerfahrung fällt mir immer deutlicher auf, dass es eigentlich nur drei unterschiedliche Typen von Schriftstellern gibt. Die, die eine Geschichte zu erzählen haben und gut schreiben können – perfekt, so soll es sein. Die, die eine Geschichte zu erzählen haben und nicht ganz so gut schreiben können – na ja, es gibt ja Lektoren. Und die, die gut schreiben können, aber keine Geschichte zu erzählen haben – Katastrophe. Ich bin in der Vergangenheit immer wieder auf solche Blender hereingefallen, die eigentlich gar nichts anderes vermitteln wollen, außer wie toll, wie ausdrucksstark und kunstvoll verschachtelt sie schreiben können. Nicht, dass mir der Plot besonders wichtig wäre. Aber wenn ich beim Lesen eines Romans merke, da ist nichts, so rein gar nichts, außer einer großen Leere und einem noch größeren literarischen Ego – dann, ja dann wünsche ich mir, der Autor würde bei der Planung seines nächsten Buches mal einen Blick auf diese kleine Themenliste werfen.

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Foto: Gabriele Luger

 

11 Kommentare zu “5 Themen, mit denen ein Romanautor immer richtig liegt

  1. Lieber Tobias, so ganz ohne Namen und Titel ist das aber etwas luftig. Also Butter bei die Fische. 🙂
    Interessant finde ich auch, dass nahezu alle Bücher, die mich in den vergangenen 12 Monaten fesseln und packen konnten, diese Themen locker umschifft haben. lg_jochen

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    • Hallo Jochen,
      muss ich wirklich noch mehr Namen nennen? Na gut:

      Migration: Das fing ja letztes Jahr mit Jenny Erpenbeck an, war ein Nebenaspekt bei Rolf Lappert und ist in diesem Frühjahr mit Abbas Khider, Shida Bazyar und einigen anderen das Top-Thema in Leipzig. Siehe auch hier: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article151957006/Man-sollte-uns-zwingen-den-Fluechtlingen-zuzuhoeren.html

      Dystopien: Die kennst Du noch vom dbp15: Valerie Fritsch “ Winters Garten“, Heinz Helle „Eigentlich..“. Dazu Juan S. Guse „Lärm und Wälder“ und jetzt ganz aktuell Karen Dave „Macht“.

      Belege für die Themen „Ängste“ und „Wehmut“ habe ich ja schon im Text genannt und beim Thema „Leere“ ist immer noch Ulrich Peltzer ungeschlagen – dicht gefolgt von Kat Kaufmann.

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  2. Bei den Themen fehlt wahrscheinlich, wie ja auch Marcel Reich Ranicki sagte, die Liebe, der Tod natürlich auch, dann wird auch der Holocaust oft beschrieben, die Familien, etcetera und was das Erzählen betrifft, ist es spannend, das ja eigentlich die Autoren, die für die größten Talente gelten, das gar nicht tun, Arno Schmidt, James Joyce, Josef Winkler, Elfriede Jelinek, zum Beispiel, die würden sich wehren wenn sie lienar und spannend erzählen sollten, denn denen geht es um die Sprache, die Leser wollen aber die spannende Geschichte haben, die hunderttausend jährlichen Neuerscheinungen können aber alles bieten, in diesem Sinne auf nach Leipzig und wahrscheinlich ist es gut sich auf das Verschiedene und Vielfältige einzulassen

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  3. Ein bisschen zynisch, aber ja. Und dem letzten Absatz stimme ich vollkommen zu. Nur was das Schreiben eines Romans angeht, da ist die Zeit dann doch etwas knapp bemessen, wenn ein Thema „vielleicht sogar im nächsten Jahr noch“ aktuell ist. Denn die Vorlaufzeit von Vertragsabschluss bis Erscheinungstermin beträgt zumeist mindestens ein Jahr und geschrieben will das Ding ja auch noch werden.

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  4. Hey Tobias,

    du verwechselst hier Apokalypse bzw. Postapokalypse mit Dystopie, was ich finde, ein sehr großer Unterschied ist. Eine Dystopie ist im Prinzip nur die Umkehrung von Utopie, dh. die Welt geht hier nicht unter, sondern wird zu einer negativen Zukunftsvorstellung, zumeist mit Änderung der generellen Werte in einer Gesellschaft und deren Führung ad absurdum. Korrigiere mich gern, wenn ich hier falsch liege. 🙂

    Beispiel für eine Dystopie wäre Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ (falls dus noch nicht gelesen hast, hier eine schwere Empfehlung!). Abgesehen jetzt von George Orwell oder Aldous Huxley etc.

    Beispiel für Apokalypse: Valerie Fritschs neuer Roman „Winters Garten“, wobei hier eher eine Präapokalypse, würd ich sagen. Oder auch Marlene Haushofers „Die Wand“ (Postapokalypse), würde da dazugehören.

    lg, Judith

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    • Jetzt nimmst Du es aber ganz genau. Eine Dystopie ist in meinen Augen auch dann eine Dystopie, wenn sie in einer Apokalypse endet. Auch eine Postapokalypse, wie sie bei Heinz Helles Roman „eigentlich müssten wir tanzen“ beschrieben wird, ist nichts anderes als eine negative Zukunftsvorstellung und damit eine Dystopie. Gleiches gilt meiner Ansicht nach für eine Präapokalypse wie bei Fritsch. Was ich mich aber jetzt doch frage, was ist eigentlich mit „Apokalypse now“? Die Geschichte spielt ja in der Vergangenheit und kann damit keine Dystopie sein, ist aber dann ja wohl eine klassische Postapokalypse, oder? 😉

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      • Soweit ich mich erinnere ist Apocalypse Now ein Kriegsfilm und weder Dystopie noch (Post-)Apokalypse. Die Welt geht hier ja nicht unter. Sonst könnte man die Grenzen, was eine Apokalypse ist und was nicht, ja bis ins Mikroskopische verschieben. Demnach wär ein Burnout dann eine persönliche Apokalypse. Und ein Krieg die Apokalypse für ein Land. Aber das versteht man eigentlich ja nicht darunter, oder? Name irreführend würd ich mal sagen.

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  5. Klasse Liste! Wenn man als Autor mal etwas anderes versucht (ich schreibe u.a. im Genre des nordamerikanischen Prärie-Romans (hat nichts mit Western zu tun) muss man halt damit leben, nur im kleinen Kreis gelesen zu werden. 🙂

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