Letters

Leserbrief #6

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Lieber John,

wenn du wüsstest, was so alles über dich erzählt wird. Nicht nur über deine Bücher, sondern auch über deine Person; glaub mir, das willst du alles gar nicht wissen. Aber kein Wunder, du bist ja auch einer der ganz Großen, eine lebende Legende. Der ganze Klatsch, Spott und Hohn, Neid und Missgunst, das gehört wohl alles dazu, ist die Kehrseite des Ruhms, der Preis den man zu zahlen hat.

Stimmt es eigentlich, dass du ernsthaft erkrankt bist? Eine typische Alt-Männer-Krankheit soll es sein, eine an der man auch sterben kann. Woher ich das weiß? Du wirst es nicht glauben. Das habe ich auf einer öffentlichen Veranstaltung erfahren. Eine junge Bestseller-Autorin hat es erzählt. Eine, die angeblich jedes Tattoo auf deinem Körper kennt – woher auch immer. Bist du wirklich tätowiert? Hätte ich jetzt echt nicht gedacht, aber heutzutage haben ja Kreti und Pleti so ein Tattoo. Egal, ich sagte ja, dass du das alles wahrscheinlich gar nicht wissen willst. Was diese recht attraktive Autorin wohl noch so alles über dich weiß? Kennst du sie eigentlich oder hat sie das alles aus irgendeiner Frauenzeitschrift?

Wenn man erstmal so eine internationale Berühmtheit ist wie du, dann hat man sicherlich längst die Kontrolle über all die kursierenden Informationen zur eigenen Person verloren. Und ganz ehrlich, wen interessiert es schon, was so eine junge Frau aus Österreich so alles erzählt. Oder? Aber das mit der Krankheit, wenn es denn wahr ist, hat mich echt geschockt. Mittlerweile ist das ja alles gut therapierbar; man kann damit leben, aber schön ist das wohl nicht. Kürbiskerne! Ich habe gehört, die sollen helfen und schmecken gar nicht mal so übel. Kann man abends als kleinen Snack vor dem Fernseher nehmen, statt Chips.

Ach Mensch John, das tut mir alles so leid. Aber es ist nicht der einzige Grund, warum ich dir diesen Brief schreibe. Dein neuer Roman – das ist der eigentliche Grund. Du weißt, was ich sagen will? Es wird dir ja nicht entgangen sein, dass er jetzt nicht so super toll bewertet wird. Weder vom Feuilleton noch von deinen langjährigen und treuen Fans. Ein typisches Alterswerk, so sagt man; ein Buch von einem, der sich auserzählt hat, der sich nur noch wiederholt, im eigenen Saft schmort, vom vergangenen Ruhm zehrt. Zudem soll es verworren sein, sich schleppend lesen. Die alte Leichtigkeit, für die du bekannt warst, ist dir abhanden gekommen, so heißt es. Man muss sich durch die Seiten quälen und fragt sich am Ende: warum?

Das ist jetzt nichts, was einen aufbaut, wenn es einem sowieso schon nicht besonders gut geht, oder? Und es betrifft ja beileibe nicht nur dieses Werk. Seit ein paar Jahren ist das Tenor bei jedem neuen Roman von dir. Wenn ich daran denke, wie begeistert ich damals war, als ich mit 18 oder 19 das erste Buch von dir gelesen habe. Eine Familie, ein Hotel, ein furzender Hund, ein Bärenkostüm und Bruder und Schwester, die Sex haben. Grandios. Und auch auch die Bücher danach, alles Weltbestseller – zu Recht. Ich habe sie alle gelesen und mir natürlich auch die Verfilmungen angeschaut, mit Nastassja Kinski, Michael Caine und der bezaubernden Blonden, wie heißt sie noch mal, die mit Tobey Maguire auf der Apfelplantage rumgemacht hat? Egal, ich kannte das alles beinahe auswendig, habe mich auf jeden neuen Roman von dir gefreut, ihn am ersten Erscheinungstag gekauft und in einem Rutsch durchgelesen – damals in den Achtzigern.

In der Zeit hab ich nur Levi’s 501-Jeans getragen. Die hatten so einen Kniff am Arsch und waren die ultimative Jeans. Niemals im Leben, so dachte ich, würde ich je eine andere Jeans tragen. Und tatsächlich, ein paar davon habe ich immer noch. Ich ziehe sie zum Streichen an oder bei der Gartenarbeit; sie haben Löcher, sind voller Flecken und völlig aus der Mode. Im Spiegel betrachtet komme ich mir darin ziemlich verkleidet vor. Die sind für mich irgendwie voll Achtziger, so wie – und es tut mir leid, das sagen zu müssen – so wie deine Romane.

Ja, das ist leider so. Man muss es mal in aller Deutlichkeit sagen: du bist einfach nicht mehr in. Du hast deine Zeit gehabt, Erfolge gefeiert, den Diskurs bestimmt. Aber mittlerweile trägt man andere Jeans und liest andere Autoren. Das ist der Lauf der Zeit und überhaupt nichts, wofür man sich in irgendeiner Form schämen sollte. Aber man sollte auch die Augen nicht davor verschließen und einfach immer so weitermachen, nur weil es immer noch ein paar Menschen gibt, die deine Bücher kaufen. Guck mal: Status Quo und die Simple Minds geben auch immer noch Konzerte. Und würdest du da hingehen?

Das hast du doch alles gar nicht nötig. Du hast dein Geld verdient, erzählt, was du zu erzählen hattest und hoffentlich in all den Jahren des großen Erfolgs nichts anbrennen lassen und dein Leben in vollen Zügen genossen. Was musst du dich jetzt noch quälen, dir irgendwelche Geschichten aus den Fingern saugen, die kein Mensch mehr hören will? Diesen ganzen Spott, Verrisse von intellektuellen Grünschnäbeln oder unverschämte Leserbriefe von irgendwelchen Bloggern, willst du dir das in deinem Alter wirklich noch immer antun?

Ich werde dich immer in Ehren halten, auch wenn ich seit 15 Jahren nichts mehr von dir gelesen habe. Für mich wirst du immer einer der ganz Großen sein, einer zu dem man aufblickt. Aber auch einer, von dem ich definitiv keinen neuen Roman mehr lesen werde. Also kauf dir, wenn du das nicht schon längst gemacht hast, von den verdienten Millionen eine Yacht, und schippere damit durch die Karibik. Oder meinetwegen chille mit einer Schale Kürbiskerne vor dem Fernseher ab – Hauptsache du bist glücklich, so glücklich wie du mich mit deinen Büchern gemacht hast – damals.

Auf Verdacht wünsche ich mal gute Besserung und nichts für ungut.

Dein alter Fan aus den Achtzigern.

4 Kommentare zu “Leserbrief #6

  1. Ich stimme zu. Leider. Aber Ausflüge in die Vergangenheit tun gut: ich lese gerade seinen Kultroman „Garp“. Sich erinnern, was für ein Großer er gewesen ist …

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  2. Huch, hab bis zum furzenden Hund gebraucht bis ich kapiert habe wem du schreibst. Bin wohl noch nicht ganz wach 😉
    Hab mich bei den eingefleischten Fans vor einer Weile schon unbeliebt gemacht, ich bin bei „Until I find You“ ausgestiegen. Keine Ahnung ob endgültige Trennung, oder ob wir einfach nur etwas Abstand brauchen, aber momentan läuft es nicht bei John und mir. Schöner Brief übrigens, habe ich sehr gerne gelesen. Schönes Wochenende 🙂

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  3. Irgendwie dem Leserbrief an den Herrn Walser ähnlich, aber vermutlich ein ähnliches Problem, ein alter Autor, der nicht aufhören kann und deshalb immer dasselbe schreibt, über seinen Sex, sein Alter, seine Impotenz, den Herrn Roth könnte man auch dazuzählen, aber der schreibt, glaube ich, nicht mehr!
    Und ich schreibe hier wahrscheinlich auch dasselbe, wie bei Leserbrief eins, nämlich, daß es mir nicht gefällt, jemand zum Aufhören zu raten! Man muß ja die Bücher nicht lesen, wenn sie einem langweilen und das mit dem Tattoo und der Altmännerkrankheit finde ich wieder, mit Verlaub gesagt, etwas ungehörig!
    Natürlich steht ein Erfolgsautor sozusagen auf dem Reißbrett und kann sich wohl nicht dagegen wehren, sich von seinen ungeduldigen, enttäuschten etcetera Lesern zerfetzen zu lassen.
    Aber muß das denn sein? Kann man denn nicht auch, als Kritiker, erfolgreicher Bücherblogger, etcetera toleranter und geduldiger sein und die Tattoos gehen einen eigentlich auch nichts an, auch wenn die großen Amerikaner und wahrscheinlich auch der Herr Walser sehr viel von ihrem Sex schreiben!
    Sollte man Ihnen trotzdem nicht immer vorwerfen, daß sie sich wiederholen und sie aufhören sollten, weil sie nicht mehr so gut, wie in ihren Jugendjahren sind?
    Da sollte man drüberstehen und das Ganze vielleicht als psychologisches Problem sehen, von dem wir wahrscheinlich alle betroffen sind, aber bei einem Schriftsteller ist es merkbarer, denke ich!
    Also mehr Toleranz, wenn ich glaube, schon alles von Walser, Roth und Irving zu kennen, kann ich ja was anderes lesen, den Debutroman von Ronja von Rönne zum Beispiel, aber damit waren die Kriiker ja auch nicht sehr zufrieden!
    Ich habe einiges von John Irving gelesen und ich bin auch keine, die für die großen amerikanischen Dichtergötter schwärmt, weil ich das mit dem Sex und dem ewigen Wiederholen auch so sehe, habe aber einige Bücher von ihm im Schrank gefunden, die ich noch lesen sollte und als ich neulich an meiner Transgendergeschichte geschrieben habe, hat mir ein Freund „In einer Person“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/02/13/in-einer-person/ empfohlen, ein sehr kritischer Freund mit einem hohen Anspruch an die Literatur, so daß ich mich eigentlich wunderte, daß er Irving für einen großen Autor, während ich ihn eher für einen Mainstramschreiber hielt, der mir erklärte, daß das das das Beste ist, was er seit langem zu diesem Thema gelesen hätte!
    Ich mag Ihre Leserbriefe sehr, aber noch besser würden Sie mir, glaube ich, gefallen, wenn Sie, etwas geduldiger und toleranter wären, denn man schreibt ja nur mit Tinte und auch die großen Götter werden alt und zerbrechlich und erscheinen dann nicht mehr so groß!
    Aber wahrscheinlich tue ich mir da etwas leichter, weil ich von vornherein gar nicht so viel verehre, liebe Grüße aus Wien und wollen Sie nicht mit mir „Mimikry“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/06/15/mimikry/ spielen?

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  4. Pingback: #netzrundschau 06/2016 | SchöneSeiten

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