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Das ist anspruchslos, das lese ich nicht.

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Worin unterscheidet sich anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungsliteratur? Der Versuch einer Kriterienliste.

Immer wieder werde ich gefragt: Was liest du denn so für Bücher? Anfangs sagte ich noch „Belletristik“. Aber dieser Begriff hilft einem nicht weiter, er ist viel zu weit gefasst. Da fällt alles rein, was nicht ganz klar Genre ist. Günter Grass oder Jojo Moyes – beides Belletristik. Neuerdings sage ich daher „anspruchsvolle Gegenwartsliteratur“, aber das klingt irgendwie schnöselig und eingebildet. Und prompt wird man gefragt: Wo ist denn der Unterscheid zwischen anspruchsvoll und weniger anspruchsvoll?

Ich habe gedacht, das wäre klar geregelt. Habe nie daran gezweifelt und bin davon ausgegangen, dass es Definitionen gibt – anerkannte Kriterien, nach denen man eine Zuordnung vornimmt, um ganz klar sagen zu können: Das ist Literatur und das ist Unterhaltung; das ist Nische und das ist Masse; das ist gut fürs Image und das gut fürs Geschäft.

Aber so einfach ist das nicht. Ich habe bei Verlagen nachgefragt, wie sie das handhaben und festgestellt, dass darum viel gestritten wird, dass nicht nur jeder Verlag, sondern auch jeder Entscheider seine eigenen Kriterien hat. Also woher weiß ich, ob ein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gehört oder in den Urlaubskoffer als leichte Strandlektüre? Oder schließt das eine das andere gar nicht aus?

Ich habe mir Gedanken gemacht und meine eigene Kriterienliste zusammengestellt.

1. Die Motivation des Autors

Jedes Buch beginnt mit einem weißen Blatt Papier und einem ersten Satz. Aber entscheidend ist, was davor geschieht, noch bevor der erste Satz überhaupt geschrieben wird. Was hat den Autor bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was treibt ihn an? Will er damit Geld verdienen, einen Bestseller landen und aller Sorgen ledig sein? Für wen schreibt er? Für sich oder für eine bestimmte Zielgruppe? Ist das Schreiben für ihn ein inneres Bedürfnis oder eine Pflicht, lediglich Mittel zum Zweck? Ich bilde mir ein, das alles zu spüren, die Motivation des Autors zwischen den Zeilen lesen zu können. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur noch Zielgruppe bin und eine nach gängigem Erfolgsmuster konstruierte Geschichte vorgesetzt bekomme, bin ich raus.

2. Der Plot ist nicht wichtig

Um mich für einen Roman zu begeistern, bedarf es weder einer erzählenswerten Handlung, noch interessanter oder spannender Verwicklungen. Gute Literatur braucht nicht zwingend einen Plot. Ganz im Gegenteil, je mehr Handlung ein Roman hat, desto flacher ist er in der Regel. An dieser Eindimensionalität erkennt man die reine Unterhaltungsliteratur. Hier geht es nur um die zu erzählende Geschichte, nichts weiter. Da schwingt nichts mit, öffnet sich keine zweite oder dritte Ebene, da ist kein Platz für Assoziationen, Identifikation, schweifende Gedanken, Erkenntnisse, überraschende Gefühle. Da ist nur diese eine Geschichte, mehr nicht. Für gute Literatur ist mir das entschieden zu wenig.

3. Klischees und Stereotypen

Am einfachsten erkennt man billige Unterhaltungsliteratur an abgedroschenen Phrasen, Stereotypen und Klischees. Der Arzt ist in solchen Romanen wie man sich einen Arzt eben so vorstellt, mit Stethoskop und weißem Kittel , der jugendliche Liebhaber jugendlich und liebend, der fiese Verbrecher fies und verbrecherisch. Eindimensionalität auch hier. Das hat natürlich seine Vorteile. Klischees muss man nicht groß einführen, die sind bekannt und können gleich in die Handlung integriert werden. Ich will so etwas aber nicht lesen. Das langweilt mich und zeigt deutlich, dass der Autor sich keine Mühe gegeben hat oder noch schlimmer – es einfach nicht besser kann.

4. Ecken und Kanten

Wenn wir Literatur als Kunstform begreifen, dann gehören Ecken, Kanten und Längen einfach dazu. Es ist durchaus ok, sich an Passagen zu reiben, an Formulierungen zu stoßen und über Sätze zu stolpern. Nur dann lebt ein Text, zeigt Charakter und Profil. Begeisterung und Ablehnung – literarische Texte erzeugen bei der Leserschaft immer beides. Sie leben in der Diskussion, in der Nachbetrachtung weiter. Das erhebt sie letztlich zur Kunstform. Unterhaltungsliteratur ist dagegen ein reines Konsumprodukt, nicht mehr als eine Trägerlösung für Geschichten. Glattgebügelt wie ein Song von Dieter Bohlen oder ein Hemd von C&A – einfacher Mainstream to go.

5. Sprache und Melodie

Wenn über Literatur gesprochen wird, stehen eher die Themen und nicht die Sprache im Vordergrund. Worüber ein Autor schreibt, scheint immer noch wichtiger zu sein, als wie ein Autor schreibt. Doch mir nicht. Literatur ist für mich in erster Linie Sprache und Gefühl. Ein Rhythmus, eine Melodie, die beim Lesen im Kopf entsteht. Ob kurz und prägnant oder lang und verschachtelt – ich habe da keine Präferenzen. Beides kann gut sein, wenn der Autor seine Texte nicht einfach nur niederschreibt, sondern komponiert. Und auch hier ist Mehrdimensionalität gefragt. Nicht ein Stilelement konsequent durchknüppeln, bis es dem Leser zum Hals heraushängt, sondern Texte so komponieren, dass sie klingen und etwas zum Klingen bringen.

6. Ein Gefühl für Literatur

Menschen, die nicht lesen, können auch nicht schreiben. Es gibt bestimmt hier und da mal Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen ist das so. Wenn sich also jemand hinsetzt, um ein Buch zu schreiben, ohne jemals eines gelesen zu haben, dann entsteht daraus nur selten große Literatur. Und wenn doch, dann ist dieser Autor wohl ein großes Talent. Mir ist es wichtig, dass Autoren belesen sind. Denn Literatur ist ein Geben und Nehmen. Es geht nicht darum, Vorbilder zu haben und diese zu imitieren. Es geht darum, ein Gefühl für gute Literatur zu bekommen; zu wissen, was beim Lesen passieren kann, welche Empfindungen und Gedanken freigesetzt werden. Wer das nicht kennt und niemals selber erfahren hat, wird bei seinen eigenen Texten immer nur im Nebel stochern.

7. Persönlicher Stil

Es gibt nur wenige Autoren, von denen ich behaupten würde, sie sofort am Schreibstil zu erkennen. Haruki Murakami und Martin Walser könnte ich ziemlich sicher identifizieren, doch bei allen anderen hätte ich Probleme. Aber das ist auch wirklich die Königsdisziplin – nicht nur gut schreiben zu können, sondern auch noch einen unverwechselbaren Schreibstil zu haben. Bei Walser sind es seine Wortschöpfungen, das Kosige und Gurren, seine emotional aufgeladenen Satzkonstruktionen. Bei Murakami das genaue Gegenteil: einfache Sätze, karg und schlicht, fast schon unterkühlt. Ich habe das Gefühl, beide Autoren sehr gut zu kennen, ihnen nah zu sein, zu wissen, was sie bewegt, wie sie über bestimmte Dinge denken. Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwie auch ein schöner Blödsinn.

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8. Cover, Titel und Verlag

Wer mit all diesen Kriterien überhaupt nichts anfangen kann und trotzdem schnell anspruchsvolle Literatur von Unterhaltungs-Mainstream unterscheiden will, der schaue einfach auf das Buchcover. Manche Verlage haben überhaupt keine anspruchsvolle Gegenwartsliteratur im Angebot, sondern beschränken sich ausschließlich auf seichte Unterhaltungsliteratur. Man erkennt sie schnell am wild-romantisch illustrierten Cover, sprechenden Titeln und liebevoll arrangierten Angebotstischen im Buchhandel – ganz vorne in der Nähe des Eingangs. Anspruchsvolle Gegenwartsliteratur dann weiter hinten im Laden. Und wenn nicht, dann kann’s bestellt werden.

Titelfoto: Gabriele Luger

21 Kommentare zu “Das ist anspruchslos, das lese ich nicht.

  1. Super Post, spannende Gedanken zum Thema. Würde vielleicht als weiteres Kriterium – das allerdings erst mit Verzögerung anschlägt – in die Überlegung einbeziehen, dass anspruchsvolle Literatur etwas ist, das bleibt. Keine Schnellimbiss-Lektüre, die man nach einer Woche vergessen hat und/oder an die man keinen weiteren Gedanken verschwendet. Sondern das genaue Gegenteil, was man sich unbedingt ins Regal stellt, noch einmal oder öfter liest, weitergibt, empfiehlt und verschenkt… Eben etwas, das bleibt.

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    • Der Gedanke hinter deinem zusätzlichen Kriterium ist sicher kein falscher, jedoch ist das ein rein subjektives Kriterium, nämlich eines, was mit dem Gedächtnis zu tun hat, und das Gedächtnis ist defintiv kein guter Qualitätsindikator. Es gibt Unterhaltungsliteratur, die sich mir eingeprägt hat, allein aufgrund dessen, dass ich sie zu bestimmten Phasen meines Lebens gelesen habe oder an bestimmten Orten oder wegen einer bestimmten Person. Generell erinnere ich mich genauer an den Plot von Unterhaltungslektüre als an den von angspruchsvoller Literatur auf durchschnittlichem Schreibniveau; einfach weil ich wenig Unterhaltungsliteratur gelesen habe und die Begegnung damit dadurch seltener und einprägsamer wird; häufig als Feindbild. (Ich kann z.B. viel genauer benennen, was ich an Paulo Coelho hasse, als was ich an, sagen wir mal, Anton Tschechow liebe.) Gut, könntest du jetzt sagen, es geht mir nicht um das SUBJEKTIVE Gedächtnis eines einzelnen, sondern um die Literatur, die in hundert Jahren immer noch gelesen wird. Schwierig. Wenn man bedenkt, dass wir zum Beispiel kaum noch Romane aus der Antike haben, da Romane damals als mindere Kunstform angesehen wurde, oder dass so großartige Autoren wie Jean Paul (Zeitgenosse von Goethe und Kleist) heute kaum noch bekannt sind, hingegen z.B. Volksmärchen, die sicher einen großen Teil unserer und anderer Kulturen ausmachen, aber mitnichten anspruchsvolle oder ernsthafte Literatur sind, uns alle überdauern werden.

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  2. Lieber Tobias,

    in diesem Beitrag schwingt etwas mit, dass ich in Bezug auf Buchblogger recht spannend finde. Und zwar die Frage selbst und das damit verbundene Verlangen zu differenzieren. Grundsätzlich könnte man sich die Bücher schnappen, die einen interessieren, sich Zuhause in den Sessel setzen und lesen und sich einen feuchten Kehricht darum scheren wie der Text, den man da in der Hand hat eingeordnet, kategorisiert und wahrgenommen wird. Der eigene Genuss ist entscheidend, was für eine Rolle spielt also das, was andere über mich und meine Bücher denken?

    Natürlich ist das viel zu kurz gedacht, denn die Menschen identifizieren sich mit dem was sie tun und besitzen, sie dehnen sich sozusagen aus und so erweitern Vielleser ihre Persönlichkeit mit ihren Büchern, genau so wie sich der weltgewandte Kosmopolit nicht in irgendeinen ranzigen Kleinwagen hockt, auch wenn er da für die identische Leistung nur einen Bruchteil bezahlen würde.

    Woher kommt also das Bedürfnis dem Gegenüber zu sagen, man liest gehobene Literatur? Zu sagen man ist Literaturblogger und kein Buchblogger? Oder die durchgelutschte Diskussion Feuilleton vs. Blogger vs. Amazonrezension? Wahrscheinlich ist es das evolutionär geprägte Bedürfnis nach Gruppenbildung und Abgrenzung. Oder der Wunsch sich selbst ein schärferes Profil zu geben. Oder nach Individualismus in einer durch Konsum geprägten Gesellschaft in der alle alles konsumieren können. Darüber könnte man nun philosophieren.

    Irgendwie geht es also um die Außenwirkung und die kann man natürlich nicht vom Tisch fegen, denn jede Art von Literatur ist gesellschaftlich mit bestimmten Attributen vorbelegt. Wenn man also als Kerl beispielsweise unter Kollegen sagt, man liest gerne schmonzettige Jugendbücher dann ist das natürlich extrem uncool (würde aber das Profil wieder extrem schärfen). Würde ich nun (natürlich mit sehr ernster und sehr seriös wirkender Miene) sagen, dass ich schmucke Prunkausgaben von Klassikern am liebsten lese, dann ist das wieder irgendwie dünkelhaft und abgehoben, auf jeden Fall nicht sympathisch.

    Aber ich glaube um selbst für sich einzuordnen, was man da liest, da ist eine Auswahl an Kriterien unnötig, als Vielleser weiß man das.

    Liebe Grüße
    Tobi

    P.S.: Bitte diesen Kommentar nicht irgendwie als Angriff werten, ich fürchte meine Worte könnten bissig wirken und sind so gar nicht gemeint. Ich finde deinen Beitrag und die Kriterien sehr gelungen und glaube, die könnte ich so auch unterschreiben. Und natürlich unterscheide ich für mich auch. Ich finde nur die Metaebene sehr interessant, die hier mitschwingt.

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  3. Sprache und Struktur machen den Unterschied, genauso wie der Umgang mit der jeweiligen Thematik. Wird dieser Mix vielschichtiger (oder raffinierter, verworrener, experimenteller etc.) „komponiert“, wird die Lektüre nicht so leicht verständlich oder konsumierbar, also anspruchsvoller. Diese Literatur ist dann nicht nur unterhaltend, sondern bietet mehr Raum für den Leser, der damit etwas anfangen kann oder möchte. Wer aber einfach gerne liest – und da stimme ich dem Grundgedanken von Tobi zu – der braucht diese Unterscheidung für sich selbst nicht und dem sind die Vorlieben anderer Leser loyalerweise egal.

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  4. Lieber Tobias,
    die unterschreibe ich alle, die Punkte, die Du hier aufgelistet und erörtert hast. Besonders schön: die Covergestaltung. Mit Hilfe der Covergstaltung als Kriterium lassen sich gerade unverlant zugesandte Bücher in Sekundenschnelle katalogisieren: meistens in „das lese ich doch nicht!“.

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  5. Also ich weiß, auch nach diesen Artikel nicht, was gute oder anspruchsvolle Literatur ist, obwohl ich mich ja sehr viel und sehr lange mit dieser Frage, beziehungsweise mit dem Lesen und dem Schreiben beschäftige.
    Ich plädiere aber für das über den Tellerrand lesen und habe da schon sehr viele Überraschungen erlebt.
    Zum Beispiel habe ich die ganze Courths-Mahler gelesen und würde denken, die ist trotz ihrer sehr frauenfeindlichen und sehr moralischen Einstellung, die sie aber interessanterweise immer wieder durchrbricht, sehr großartig, weil ich mit ihr ein sehr gutes Bild des Berlins der 1920 Jahre bekomme und was die Buchpreislisten, die uns ja demnächst wieder beschäftigen werden, betrifft, da stehen immer wieder Bücher darauf, beispielsweise im Vorjahr, das von der Alina Bronsky, wo ich mich gewundert und es nicht erwartet hätte.
    Und da könnte ich gleich mit einem Vorurteil kommen, gute Literatur ist sperrig und schwierig, wie der Reinhard Jirgl und der Ulrich Peltzer, bekommt den „Büchnerpreis“, die Leser aber stöhnen und lesen sie nicht, obwohl sie das Buch vielleicht zu Weihnachten ihrer Frau oder Mutter schenken und Unterhaltungsliteratur hat eine einfache Sprache, ist trivial, wird aber von den Lesern verschlungen, die wenn sie Alina Bronsky, Sophie Kinsella oder Hedwig Courths-Mahler am Strand lesen, das Buch vielleicht in eine Hülle stecken, damit sie nicht darauf angesprochen werden und das denke ich, kann so nicht stimmen und tut es auch nicht!
    Interessant fand ich an dem Artikel den Satz mit der Zielanaylse und dem Plot, denn ich lese jetzt bei einer Seite einer Selfpublisherin mit, die Marketingkurse gibt und da steht an erster Stelle, daß man sich seine Zielgruppe suchen und für sie hinschreiben soll, etwas was ich nicht mache und meine Schwierigkeiten damit habe.
    Und so denke, ich daß, das mit der guten Literatur etwas sehr Subjektives ist, wenn sie mir gefällt und mich anspricht ist sie es und wenn nicht, ist sie vielleicht für einen anderen geeignet.
    Ich empfehle aber nach wie vor viel und alles zu lesen und bin inzwischen auch so selbstbewußt zu sagen, daß mir Sophie Kinsellas „Schnäppchenjägerin“, als es vor Jahren gelesen habe, sehr sehr gut gefallen hat und generell könnte ich mir vorstellen oder wäre mir sympathischer mehr auf den Inhalt, die Handlung, die Realistik, die Gesellschaftskritik, als nur auf die schöne komplizierte Sprache zu schauen, da habe ich wahrscheinlich mit den experimentellen Autoren, aber auch mit den „Sprachräuschlern“ wie Andrea Winkler meine Schwierigkeiten, die seitenlang mit schönen Worten spielen, aber ich den Sinn dahinter nicht erkenne und Arno Schmidt, das schreibe ich jetzt auch noch dazu, habe ich, als ich ihn gelesen habe, nicht verstanden und habe mir auch kein Jahr Zeit nehmen wollen, bis ich es vielleicht doch tue!
    Also lesen lesen lesen! Ich sage meistens „Österreichische und deutsche Gegenwartsliteratur!“, auf die Frage, was ich gerne lese, weil mir das Wort Belletristik auch nicht gefällt!

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  6. Lieber Tobias,

    in sehr vielen Punkten stimme ich Dir zu. Auch ich habe keinerlei Bock auf platte Phrasendrescherei und eindimensional-vorhersehbare Handlung, wenn ich ein Buch lese.
    In einem Punkt aber bin ich als Schriftsteller nicht Deiner Meinung – mag an meiner eigenen Herangehensweise liegen: Ich finde, dass eine interessante Handlung Teil „guter“ Literatur sein sollte.
    Das, so habe ich das Gefühl, schulde ich meinen Lesern. Natürlich meine ich damit nicht, dass meine Protagonisten von A nach B hetzen müssen. Aber ich verstehe mich doch als Geschichtenerzähler und sehe das Erzählen auch als die Wurzel der Literatur an.
    Natürlich freue ich mich über jede zusätzliche Ebene, die sich dabei für den Leser auftut – aber als eben solche: zusätzliche.

    Ich selbst nehme es gewissen hoch gepriesenen Autoren der Gegenwart übel, wenn sie mich mit ihren Büchern langweilen, denn ich denke, es ist durchaus möglich, beides zu verknüpfen: Unterhaltung und Anspruch (siehe David Mitchell, Pascal Mercier, Jonathan Franzen, Juli Zeh, um nur einige zu nennen).
    Und gerade in einer immer schnellerlebigen Zeit wie der unseren schulde ich diesen Unterhaltungsfaktor meinen Lesern, so ich sie denn überhaupt noch erreichen will und sie nicht an Pokemon-Go verlieren möchte.
    Darüber kann ich gesellschaftsphilosophisch gewiss lamentieren – nur ändern werde ich solche Phänomene nicht, so sehr sie mir auch missfallen mögen. Insofern liegt es m.E. in der Verantwortung des Autors liegt, dem entgegenzuwirken, dem potentiellen Leser einen Schritt entgegenzukommen, sozusagen.
    „Hohe“ Literatur verfehlt dieses Ziel regelmäßig – und ihr Wirkungsfeld reduziert sich damit mehr und mehr auf eine kleiner werdende, hermetisch anmutende Elite.
    Mitnichten heißt das auf all die verborgenen Ebenen zweiter und dritter Art zu verzichten. Geschweige denn auf das Klingspiel im Rahmen der wunderbaren Möglichkeiten, die unsere Sprache bietet.

    Dennoch plädiere ich für einen Spaß- oder Unterhaltungsfaktor in der Literaturm, empfinde das nachgerade als Verantwortung des Literaten gegenüber der Gesellschaft.
    Einfluss nehmen kann Literatur nur, wenn sie gelesen wird. Und die wunderbarsten Ebenen und Melodien verstauben im Regal, wenn die Menschen solche Bücher nicht mehr öffnen, weil sie die Angst vor Ödnis packt.

    Ich hoffe, ich habe mich einigermaßen verständlich machen können. Denn zweifelsohne liebe auch ich die Sprache, die Melodie, die Dichte von Worten und die daraus entstehenden Stimmungen.

    Herzliche Grüße,

    Elyseo

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  7. Pingback: Als meine Schwestern das Blaue vom Himmel holten | Literaturgefluester

  8. Für mich ist anspruchsvoll, was meinen Ansprüchen im Nachhinein genügt – so trivial das auch klingen mag. Ich weiß in der Regel, worauf ich mich einlasse – an einen Franzen oder Wallace (R.I.P.) stelle ich andere Ansprüche als beispielsweise an Autoren leichterer Romane oder gar Unterhaltungsliteratur jenseits kabarettistischer Motive. Ich selektiere. Und ich selektiere breitgefächert. Bei Büchern ist es bei mir wie mit Fernsehserien – da mag ich das Komplexe, den Hirnf**k, das Vielschichtige. Manchmal mag ich es aber auch einfach nur banal, trashig oder einfach strukturiert.

    Soll heißen: Anspruch ist eine strunzsubjektive Sache. Was den einen langweilt, kann den anderen überfordern. Sowieso: Anspruch hat verschiedene Ebenen… so aus dem Stegreif fallen mir ein: eine inhaltliche, eine sachliche, eine emotionale, eine… ja, im Grunde hast Du Dir hier bereits deine eigene Auflistung zusammengestellt – und selbst die variiert von Leser zu Leser.

    Was ich damit sagen will: Der Sinn solcher Beiträge ist, so gut sie auch gemeint sind und so gut der Deine Dich als Leser und Blogger auch erklärt, eher begrenzt. No offense meant.

    Ich lese Dich auf jeden Fall gern, weil Du schreibst und liest und empfindest wie Du selbst, unverfälscht, unverfloskelt, unverklausuliert. Du ziehst für Dich Schlüsse, hast Deine eigenen Maßstäbe, und dementsprechend fallen auch Deine Artikel aus. Das ist gut so. Das ist Individualität – und die ist bei Dir sowieso interessant, weil Du absolut kein Mainstreamleser und -blogger bist.

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    • Hallo Chris,

      schon klar, jeder Leser hat seine eigenen Ansprüche. Aber wenn wir von anspruchsvoller Gegenwartsliteratur als Gattung, bzw. als Handelsware sprechen, muss es doch irgendwelche verbindlichen Kriterien geben. Es sortiert ja auch auch nicht jeder Buchhändler ein Werk je nach eigener Anspruchshaltung mal hier und mal da ins Regal ein? Das meine ich – die professionelle Handhabe. Wie gehen Verlage und der Handel damit um?

      Dazu habe ich bisher – auch in der Diskussion zu diesem Text – nirgendwo etwas Konkretes gefunden.

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      • Hi Tobias,

        berechtige Fragen, auf die ich aber auch keine zufriedenstellenden Antworten finde. Leider ist es so, dass der kommerzielle Markt nun mal überwiegend zielgruppenorientiert ist, und zwar in Richtung jener Zielgruppen, die groß sind und für gute Umsätze sorgen. Und da finden wir meistens Bücher, die eben das literarische Pendant zur Kommerzpopmusik sind oder zum Mainstream-TV. Und da findet sich eben meistens Schrott, Seichtes oder eben einigermaßen leicht zu konsumierende Kost. So arrogant es klingt: Der durchschnittliche Mensch ist eben auch nur durchschnittlich intelligent – das heißt, er wird auch Durchschnitt kaufen. Er wird nach Durchschnitt suchen. Er wird eher konsumieren als verinnerlichen. Er lässt sich eher berieseln als inspirieren. Er ist nur bereit, bis zu einem gewissen Anspruchslevel mitzugehen. Alles, was darüber geht, wird er nicht verstehen, wird ihm zu hoch sein, wird ihn nicht berühren oder packen.

        Die Subjektivität der Anspruchsvolleren unter den Lesern/Buchhändler fragmentiert die Literaturszene natürlich auch auf gewisse Weise, und die Verlage sind entsprechend unterschiedlich aufgestellt hinsichtlich ihrer Buchinhalte (einige Verlage können mehrgleisig fahren wie etwa rowohlt, die von Sachbuch über die Taschenbuchausgaben DFWs bis hin zu Unterhaltungsliteratur und Belletristik alles abdecken, andere sondern bewusst ausschließlich Massenware ab) – da wird es wohl kaum möglich sein, eine einheitliche, homogene Masse an anspruchsvollen Lesern zu bilden. Alles ist zu zerklüftet – und letztendlich ist das Lesen leider in der Gesellschaft noch zu „besonders“, als dass auch Lesen jenseits des Mainstream eine größere Basis bildet als die, die wir mit unseren (natürlich auch) subjektiven Ansprüchen bilden.

        Auch ist es bei manchem Buch schwierig, es einzuordnen, wenn es mehrgleisig fährt. Es kann, nur so als Beispiel, gleichzeitig Satire, Krimi und Drama sein. Wo ordne ich das im Buchhandlungsregal nun ein? Unter „Unterhaltung“? Unter „Krimi“? Unter „Belletristik“? Oder überall? Präsentiere ich es besonders? Darf ich es überhaupt besonders präsentieren oder habe ich (Stichwort Buchhandelskette) überhaupt die Befugnis, das Buch dort zu platzieren, wo ich es gern für meine Kunden (wenn ich denn Buchhändler wäre) gerne offensichtlich auslegen würde, nur damit sie DAS Buch kaufen und nicht etwa das zigste triviale Allerweltsbuch.

        Hm.

        *kinn reib*
        *brille die nase hochschieb*

        Ich verspüre da irgendwie eine gewisse Ohnmacht, aber auch eine gewisse Ambivalenz.

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      • Das „Problem“ ist, glaube ich, relativ leicht zu lösen, beziehungsweise lösen das die Buchhändler, die ihre Geschäfte wahrscheinlich noch länger haben wollen, so, daß sie auf den Leselisten, das „leicht lesbare Anspruchsvolle“ haben wollen, sprich den Gesellschaftsroman oder den Krimi mit sozialkritischen Hintergrund, das, was die Leute im Urlaub oder am Wochenende lesen, die sich nach acht Stunden Arbeit im Supermarkt oder auch in der Vorstandsetage oder mit dem Personalabbau beschäftigt, nicht unbedingt einen Ulrich Peltzer, Hermann Broch, Friederike Mayröcker etcetera geben wollen, die stehen dann auf den Leselisten der Studenten, die darüber ihre Diplomarbeit etcetera schreiben müssen.
        Trotzdem empfehle ich den Blick über den Tellerrand, weil ich da schon erstaunliche Erlebnisse gehabt habe und im Augenblick bin ich dabei das sogenannte Anspruchsvolle mit der schönen Sprache, die wichtiger, als die Handlung ist, daraufhin zu überprüfen, ob es mich berührt und ob ich dabei das Stückchen Neue, das ja die gute Literatur auch haben muß, finde und bin da zumindestens bei der Ruth Schweikert, deren Stil mir offenbar nicht so liegt, auf ein negatives Ergebnis gekommen, während man sich für Hermann Broch Zeit nehmen muß, die der Durchschnittsleber wahrscheinlich nicht hat oder sich nicht nehmen möchte!

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  9. Pingback: Hauptsache Bohème | Lulu Wedekind

  10. Ja, Klischees sind wohl ein gutes Erkennungsmerkmal, auch auf dem Cover.
    Allerdings kann man damit durchaus daneben liegen, wenn jemand mit dem Klischee zu spielen beginnt …
    Für mich ist Sprache eines der wesentlichsten Unterscheidungskriterien, sowohl aus meiner Sicht als Leserin als auch als Autorin.

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  11. Huhu,

    das ist bei mir ja ganz anders. Mir ist die Motiviation des Autors und weswegen er das Buch schreibt ganz egal. Hauptsache das Buch gefällt mir. Ich find sowas spürt man auch einfach schon mit dem Lesen wie viel Mühe der Autor oder die Autorin sich da gibt. Ausnahme ist Stephenie Meyer. Von der werde ich wohl nichts mehr lesen, ausser es ist eine Fortsetzung für Seelen. Denn diese 2. Bissversion war offensichtlich wirklich nur Geldmacherei und offenbar soll sie jetzt einen Krimi rausbringen obwohl sie mal meinte sie wolle gar nicht mehr schreiben. Sowas mag ich dann doch nicht.

    Also ich brauch schon eine Geschichte dabei. Ansonsten wäre es für mich langweilig. Ich find schon, dass man Geschichten auch variiren kann. Deswegen verstehe ich den Punkt Plot nicht so ganz.

    Stereotypisches will ich allerdings auch nicht mehr lesen. Besonders was Pärchen betrifft. Ich will Geschichten, die sich von anderen abheben. Besondere Ideen, die das Buch eben besonders machen, die nicht austauschbar sind. Arzt im weißen Kittel stört mich da gar nicht mal so sehr.

    Ich mag eher leichte Schreibstile. Wenn es zu kompliziert wird oder zu lang oder die Schrift zu klein schalte ich schnell ab.

    Hm, gibt es denn viele Autoren, die nicht selbst lesen? Kann ich mir gar nicht vorstellen.

    Und genau das ist der Grund wieso ich lieber leichte Lektüren mag und nichts anspruchsvolles. Vieles ist mir einfach zu kompliziert.

    LG Corly

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